You belong with me (Original) für Lupina Riddle

You belong with me (Original) für Lupina Riddle

Beitragvon chaotizitaet » 26. Sep 2015, 10:06

Salü Lupina,
ich hoffe, dir gefällt die Geschichte, ich jedenfalls hatte viel Spaß beim Schreiben.
chao

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You belong with me


Ich gebe mir wirklich die größte Mühe, nicht das Telefongespräch meines Gegenübers zu belauschen, aber selbst mit der recht beachtlichen Geräuschkulisse der Redaktion des Tageblatts im Hintergrund komme ich nicht umhin, einzelne Gesprächsfetzen mit anzuhören. Und selbst wenn, die Szene ist so vertraut, dass ich vermutlich auch so fast Wort für Wort die Unterhaltung mitsprechen könnte. Sie ist mal wieder wegen irgendetwas sauer, Er versucht ihr die Sache zu erklären, Sie will es nicht hören und am Ende wird Er sich entschuldigen, egal ob es sein Fehler war oder nicht.
Sie – das ist Tabea Wegner. Wehe man schreibt, sagt oder denkt versehentlich Wagner, das ist in ihren Augen unverzeihlich. Ebenso wie wenigstens eintausend andere Dinge, wobei Mord vermutlich erst an vorletzter Stelle kommt. Also deutlich nach unfähigen Straßenpflasterern, die absichtlich Kanten im Gehsteig hinterlassen, an denen sie sich die Schuhkappen ihrer neusten Modetreter abstößt. Sie ist einunddreißig, hochgewachsen, schlank, mit energischem Pixie-Haarschnitt und gehört tatsächlich zu der Sorte Frauen, die sowohl diesen Haarschnitt also auch all die unpraktischen Schuhe tragen kann. Von Beruf ist sie Werbetexterin, wobei ich denke, dass das nur der Tarnung dient, denn vielmehr sucht sie einen Mann, mit dem sie angeben kann und der ihr dann als Altersvorsorge dient. Wobei natürlich besagter Mann bitte nicht der Kategorie alt und tatterig angehören soll, trotz möglicher Millionen. Sie hat schließlich so etwas wie Niveau.
Er – das ist Lars Marhold. Er ist Chefreporter im Ressort Kultur des Tageblatts, fünfunddreißig, und verdammt gutaussehend. Aber damit nicht genug, er ist der Typ Mann, dem sein Äußeres kaum wichtig ist, der einfach lieber ein lockerer Typ ist und auch mal gerne in dem ausgeleierten Sweatshirt, das ihn seit dem Abitur begleitet, zur Arbeit erscheint. Er kennt sich mit Puccini mindestens so gut aus wie mit Paulaner. Er lacht gerne und hat einen sonnigen Humor und man kann super mit ihm klönen. Gerade die drei letztgenannten Dinge erlebe ich aber in letzter Zeit viel zu selten. Denn Lars ist nicht perfekt… er ist immerhin mit Tabea zusammen. Natürlich ist Kultur für Tabea gerademal so tragbar, Leitartikel für Politik und Weltgeschehen wären da viel besser… damit ließe sich nämlich viel besser angeben. Da diese Artikel aber oft über die dpa und ähnliche Agenturen eingekauft und dann nur angepasst werden, klappt das nicht wirklich. Und immerhin sorgt seine Stelle im Kulturressort für kostenlose Eintrittskarten zu verschiedenen Veranstaltungen, weshalb er also Gnade vor ihren Augen findet.
Tja, und ich:
Ich bin Astor genannt David Biermann. Ehrlich, manche Eltern sollten echt nicht das Recht haben, Namen für ihre Kinder aussuchen zu dürfen. Wer möchte bitte schon Astor Biermann heißen? Astor mag im Zusammenhang mit Piazzolla ja toll klingen, aber mit Biermann? Das fand offenbar auch mein Opa, denn der hat mich, in alter jüdischer Tradition, einfach David genannt. Nun habe ich keine Ahnung, ob es eine solche Tradition überhaupt gibt, denn selbst Opas Glaubenseifer endete mit dieser Tradition und überhaupt glaube ich, dass er nur nach einer Ausrede suchte, die auch meine Eltern glauben würden, aber der Name war da und blieb haften. Sorgte für weniger Probleme auf dem Schulhof, und macht sich auch jetzt über den Artikeln, die ich für das Sport-Ressort schreibe, besser. Ansonsten bin ich dreißig Jahre alt, bekennender Qwertee-Fan und schwul. Gerade letzteres schützt mich vor Frauen von Tabeas Schlag, aber auch die Tatsache, dass ich auf der Karriereleiter im Sport-Ressort bislang nicht über die Regionalliga hinausgekommen bin. Man kann schließlich mit einem Spiel des VfL Meerhofen kaum wirklich vor den Freundinnen angeben. Ich wiederum mag die Spiele der niedrigeren Klassen. Die werden noch mit richtigem Herzblut gespielt, und nicht mit Auge auf den nächsten Transfer.
Mir gegenüber legt Lars das Handy aus der Hand und seufzt frustriert.
„Alles okay?“, frage ich ihn per E-Mail.
Ein leises Ping lässt ihn auf den Bildschirm blicken. Als er die Nachricht sieht, schaut er kurz zu mir herüber und zuckt dann mit den Schultern.
„Drama, Baby, Drama“, schreibt er zurück.
Ja, so sind Lars und ich. Wir sitzen einander gegenüber und könnten uns über die Schreibtischkante hinweg auch einfach unterhalten, aber wir schreiben uns E-Mails. Zumal das natürlich deutlich beschäftigter aussieht…
Bis zum Feierabend habe ich die ganze Geschichte aus ihm herausgekitzelt.
Offenbar hat Tabea ein paar neue Schuhe bei Zalando bestellt, aber weil ihr Chef Privatsendungen in der Agentur nicht sehen will und der Hermes-Bote wohl unfähig ist, hat er das Paket nicht bei den Nachbarn sondern im nächstgelegenen Paketshop abgegeben. Die Idee, dass der arme Paketbote vielleicht gar keine Nachbarn angetroffen hat, weil diese sich erdreistet haben selbst gerade auf der Arbeit zu sein oder auch einfach nur beim Einkaufen, und er somit keine andere Wahl als den Paketshop hatte, kommt ihr nicht. Das alles wäre vielleicht nicht einmal so ein großes Problem, wären in dem Paket nicht genau die Schuhe drin, die sie heute Abend tragen will, wenn sie und Lars in die Oper gehen. Und dummerweise handelt es sich bei dem Paketshop um so einen herrlich altmodischen Tante-Emma-Laden, der aber wenig vorhersehbare Öffnungszeiten hat – ihrer Meinung nach. Tatsächlich hat der Laden ganz normale Öffnungszeiten und abends gewöhnlich sogar bis zwanzig Uhr auf, allerdings mit einer Ausnahme: Mittwochs schließt der Laden bereits um dreizehn Uhr, da dann der Besitzer seine Tochter von der Schule abholt. Er ist geschieden und hat in den Sorgerechtsvereinbarungen den Mittwochnachmittag zugesprochen bekommen. Von daher ist es also durchaus nachvollziehbar, dass der Laden heute Nachmittag geschlossen ist. Da Tabea aber, ihrer Meinung nach, auf der Arbeit vollkommen unabkömmlich ist, hat sie tatsächlich von Lars erwartet, dass er alles stehen und liegen lässt und ihre Schuhe beim Hermes-Laden abholt. Dass er vielleicht selbst jede Menge Arbeit hat und daher unmöglich eine Stunde durch die Stadt düsen kann, nur damit sie ein Paar neue Schuhe zu ihrem Outfit für heute Abend hat, ja, dass er gar so viel Arbeit hat, dass abgemacht ist, dass sie sich direkt an der Oper treffen – sein Anzug hängt bereits hinter der Redaktionstür – passt da kaum in ihr Weltbild. Immerhin ist Lars standhaft geblieben und nicht gen Hermes-Laden aufgebrochen. „Sie hat noch genug andere Schuhe“, war sein Kommentar. Dem wird die Frauenwelt zwar nur bedingt zustimmen, aber unter diesen Umständen würde nur eine Frau vom Schlage Tabeas ihm offen widersprechen. Außerdem hätte Tabea ja die Schuhe auch schon früher bestellen können, dann wäre das alles nicht so ein Drama gewesen.

***

„Ach, Zuckermäuschen, das verstehst du nicht. Vermutlich wusste sie bis Sonntag nicht einmal, welches Outfit sie heute Abend tragen möchte, da kann sie unmöglich die Schuhe schon eine Woche vorher bestellen“, belehrt Johanna mich und lässt sich neben mir auf das Sofa fallen.
Johanna – das ist meine beste Freundin, seit wir uns im Studium eine WG geteilt haben. Zu den beiden anderen Mitbewohnern haben wir inzwischen den Kontakt verloren, aber Johanna und ich… Johanna ist im Grunde die Freundin, die jeder schwule Mann braucht. Halb Ersatzschwester, halb Schutzschild. Sie ist so alt wie ich und arbeitet für eine Sozialberatungsstelle der evangelischen Kirche. Seit ihr letzter Freund aus einem Urlaub in Südafrika nicht zurückgekehrt ist, weil er sich dort in eine andere verliebt hat und gleich dageblieben ist, ist sie notorischer Single. Sie ist der Ansicht, dass sie keinen Mann in ihrem Leben braucht, ihre beiden Kater reichen ihr vollkommen. Kritz und Kratz sind Erbstücke jenes letzten Freundes, und Johanna ist bis heute der Ansicht, dass sie damit das Beste von der Beziehung behalten habe.
„Was gibt es da nicht zu verstehen?“, erwidere ich. „Man schaut in den Kleiderschrank und sieht, welchen Regenbogen an Outfits man hat. Man kontrolliert, ob man zu jeder dieser Regenbogenfarbe ein passendes Paar Schuhe hat oder gegebenenfalls auf schwarz oder weiß ausweichen kann und fertig. Das ist so ähnlich, wie ich es mit den passenden Socken zu meinen T-Shirts mache.“
„Weil in deinen Turnschuhen die Socken auch so hervorragend zur Geltung kommen“, zieht Johanna mich auf, ohne zu ahnen, dass sie mir damit sogar noch Schützenhilfe leistet.
„Da siehst du… niemand achtet auf Socken. Wieso glauben Frauen also, die Welt achte auf Schuhe? Ist doch die gleiche Blickhöhe.“
„Nun komm schon… du willst dich doch nicht wirklich über Tabeas Schuhe, noch dazu, wo du sie gar nicht zu Gesicht bekommen hast, aufregen.“ Johanna stößt mich verschwörerisch an.
Ich seufze. „Ach, es geht mir halt einfach nur furchtbar gegen den Strich, wie sie Lars behandelt…“
„Und du verstehst nicht, wieso er ihr nicht schon längst den Laufpass gegeben hat. Ganz zu schweigen davon, dass er ja bitte mal endlich die Augen aufmachen und erkennen könnte, was für ein schnuckliger beziehungstauglicher Kerl ihm gegenübersitzt?“, neckt sie mich.
Sie kennt mich eben viel zu gut. Denn ja, ich verstehe tatsächlich nicht, wieso er immer noch mit ihr zusammen ist. Und ja, ich wünschte, er würde in mir mehr als nur den Kollegen vom Schreibtisch gegenüber sehen. Ich wünschte, ich dürfte ganz offiziell und überhaupt meine Hände in seinen hellbraunen Locken vergraben und mich an seinen drahtigen Körper schmiegen und…
„Na komm, du siehst aus, als könntest du eine Runde Naschi-Auflauf vertragen“, sagt Johanna und zieht mich vom Sofa hoch. Mit Kochen hat Johanna es nicht so, aber ihre Backkünste sind durchaus erwähnenswert. Und für ihren Naschi-Auflauf, eine Variation zum Thema Drei-Zutaten-Brownies, würde ich sogar bis zum Nordpol gehen. Oder zumindest bis zum nächsten Kaufland, um Naschi zu kaufen. Weshalb ich ihr also widerspruchslos in die Küche folge.
Im Radio läuft ein Taylor Swift-Song. Ich habe keine Ahnung, welcher genau, sie hören sich für mich alle ein wenig gleich an, aber es könnte schlimmer sein… oder auch nicht.
„She wears short skirts, I wear T-Shirts“, dringt aus den Lautsprechern an meine Ohren und unwillkürlich bin ich in dem Lied gefangen. Auch wenn ich mir nicht vorstellen kann, dass Taylor Swift je aus der Sicht eines schwulen Sportreporters einen Song schreiben würde, passt der Text wie die Faust aufs Auge. Wieso nur klammere ich mich an diese irrige Hoffnung, ich könnte auch nur im Geringsten mit einer Frau wie Tabea konkurrieren?
Johanna beweist einmal mehr, was für eine gute Freundin sie ist. Eine, die zudem Hellsehen kann. „Du weißt schon, dass am Ende die T-Shirts das Rennen machen?“, fragt sie mich.
„Wie?“ Meine Eloquenz ist mal wieder schier umwerfend.
„In dem zugehörigen Musikvideo. Am Ende verlieren die kurzen Röcke. Und ganz ehrlich, was ist schon Prada gegen Qwertee? Es ist der Humor der zählt. Ohne ihn ist jede Beziehung zum Scheitern verurteilt“, erklärt sie voller Überzeugung, und angesichts der Tatsache, dass ich in Prada wie ein Alien aussehen würde, sind die Aliens auf meinem heutigen T-Shirt tatsächlich die bessere Wahl, weshalb Johanna also Recht haben muss. Hoffe ich…

***

Es ist Montag. Das heißt, dass das Sport-Ressort bestimmen darf, wo es heute zum Mittagessen hingeht. Und da ich aussuchen durfte, heißt das, dass es Chinesisch gibt. Ich liebe chinesisches Essen.
Entsprechend bin ich nicht weniger als zehn Minuten vor dem Rest der Mannschaft unten auf der Straße, wo ich ungeduldig auf die anderen warte. Zu meiner unbeschreiblichen Freude – es ist fast so als hätten die Götter, Heiligen oder wenigstens Petrus, beschlossen, dass dies versucht ein perfekter Tag zu werden – ist die nächste Person, welche aus dem Gebäude tritt, Lars.
„Hey“, grüße ich ihn mit meinem strahlendsten Grinsen.
Er lacht. „Da gibt sich die Sonne einmal die Ehre und dann stiehlst du ihr mit deiner Laune glatt noch die Show.“
„Wie könnte ich auch nicht?“, erwidere ich, mit mir und der Welt im Reinen. „Schließlich gibt es heute Chinesisch.“
„Und ich dachte, es wäre eine Überdosis Kaffee.“ Er weist knapp mit der Hand in Richtung meines neusten T-Shirts, auf dem ein To-Go-Kaffeebecher die überwältigenden Superkräfte des Koffeins aktiviert.
„Den Kaffee werde ich nach dem Mittagessen brauchen. Ich werde bestimmt wieder viel zu viel essen und dann müde und schlapp hinter dem Schreibtisch hängen“, erkläre ich.
„Du könntest auch einfach versuchen, dir nicht den Bauch so vollzuschlagen“, sagt Lars geradezu mitleidslos.
„Aber Lars!“, empöre ich mich. „Es ist Chinesisch!“
Er schüttelt nur grinsend den Kopf. „In der Beziehung erinnerst du mich echt an Thomas. Nur, dass es bei ihm mexikanisches Essen war, von dem er nicht genug bekommen konnte.“
Ich erwidere das Grinsen und für einen Moment sind die Blicke, die wir tauschen, regelrecht vertraulich. Das liegt an dem Namen… oder mehr der Person mit dem Namen. Thomas. Kaum einer weiß, dass es sich bei Thomas um Lars‘ erste Jugendliebe handelt. Es war zwar nur eine Sommerromanze gewesen, als er mehr widerwillig als alles andere seine Ferien mit seinen Eltern in der Eifel verbracht hat, aber jeder weiß, wie prägend so eine Romanze mit fünfzehn Jahren sein kann. Ebenso wenig Menschen wissen, dass er sich, nach diesem positiven Erlebnis in Sachen sexueller Orientierung, im Schuljahr darauf mit einem Typen namens Christian eingelassen hat, der zwei Klassen über ihm war. Nur um dann den Alptraum eines jeden schwulen Jugendlichen zu erleben: Christian hatte offenbar nur mal rumprobieren wollen, Lars nach einem halben Jahr Heimlichtuerei fallen gelassen und, um sein eigenes Ansehen zu schützen, sich dann wohl zum heftigsten Homophoben der ganzen Schule entwickelt. Stets an vorderster Front, wenn es darum ging, Lars fertig zu machen. Erst der Wechsel auf eine andere Schule im darauf folgenden Jahr brachte ihm wieder Ruhe. Offiziell gab er als Grund für den Wechsel an, dass der von ihm präferierte Leistungskurs an seiner alten Schule nicht angeboten wurde und somit ein Wechsel notwendig war und er es vorzog dies bereits mit einem Jahr Vorlauf zu tun, um die Lehrerlandschaft zu erkunden. Das war plausibel genug, um geglaubt zu werden, und da er sich auf keine neue Beziehung einließ, ja sogar zaghaft begann mit Mädchen zu flirten, überstand er den Rest seiner Schulzeit unbeschadet. Man kann es ihm nach diesen Erlebnissen wohl kaum verdenken, dass er auch während des Studiums die Taktik, zum Schutz mit Mädchen zu flirten, beibehielt. Nur, um schließlich noch einen Schritt weiter zu gehen und das Abenteuer einer Beziehung mit einer Vertreterin des weiblichen Geschlechts einzugehen. Er war, wie er mir einmal nach ein paar zu viel Bier gestand, selbst überrascht, wie einfach es doch im Verhältnis war. Schließlich war es ja nicht so, dass er Frauen hässlich oder abstoßend fand. Zwar reichte es nicht an das heran, was er mit Thomas gehabt hatte, aber es bereitete auch keine solchen Probleme wie mit Christian, und so fand er, dass das ein akzeptabler Kompromiss sei. Ist es zwar nicht, aber wer bin ich, dass ich ihm vorschreiben kann, wie er zu leben hat? Ich kann nur hoffen, dass er eines Tages aufwacht und erkennt, dass die Welt sich ändert. Dass die Gesellschaft sich ändert. Dass sie toleranter wird. Auch wenn wir bei der Zeitung leider Gottes immer wieder über die bornierten Idioten, die sich diesen Veränderungen entgegenstemmen, berichten müssen.
Ich weiß selbst, dass ich unglaubliches Glück hatte, in meiner Jugendzeit nicht ähnlich traumatische Erlebnisse durchgemacht haben zu müssen. Aber dazu hat nicht unwesentlich mein unkonventioneller Name beigetragen, sobald meine Klassenkameraden ihn herausgefunden hatten. Wieso jemanden mit seiner Sexualität aufziehen, wenn der Vorname doch schon seit der fünften Klasse eine so herrliche Angriffsfläche bietet? Neben Astor war schwul sein dann geradezu harmlos, was meine weniger erleuchteten Klassenkameraden betraf.
Natürlich darf ich diesen Moment der Zweisamkeit mit ihren vertraulichen Blicken nicht wirklich auskosten. Wäre ja auch zu schön gewesen. Wenn es wenigstens nur unsere Kollegen gewesen wären, die wie eine Herde Trampeltiere auf die Straße geströmt wären… Leider aber mischt sich in die Geräuschkulisse des innerstädtischen Verkehrslärms unmissverständlich das Klackern unpraktischer, sehnenverkürzender, hochhackiger Schuhe. Und wie auf Kommando wendet sich Lars um, setzt sein übliches Tabea-Lächeln auf und geht ihr brav entgegen. Ein besitzergreifender Kuss ihrerseits, gefolgt von einem Blick in meine Richtung über Lars‘ Schulter hinweg und ich habe gefälligst in meine Schranken gewiesen auszusehen. Denn auch wenn sie vielleicht nichts von Lars‘ dunkler Vergangenheit an meinem Ufer weiß, so befürchtet sie doch, dass ich wie alle Schwulen vermeintlich nichts Besseres zu tun habe, als Frauen ihre Männer auszuspannen. Weshalb sie als Frau entsprechend ihr Revier zu verteidigen hat. Alles, was Tabea von mir aber für diesen Auftritt erntet, ist ein Augenrollen. Sie ist, was das betrifft, einfach nur berechenbar.
Leider aber gewinnt sie am Ende diese wortlose Auseinandersetzung einfach, indem sie Hand in Hand mit Lars weggeht, während ich zurückbleibe. Noch nicht einmal der Gedanke, dass es heute Chinesisch gibt, kann mich in diesem Moment darüber hinwegtrösten, dass sie heute Mittag etwas bekommt, dass ich noch viel lieber hätte als Chinesisch: ein Essen mit Lars. Denn es ist Montag und montags gehen sie, wie mir jetzt leidvoll wieder einfällt, immer zusammen Mittagessen. Alleine. Denn natürlich kommt es gar nicht in Frage, dass sie sich uns anschließen. Abgesehen davon, dass die anderen Tabea auch nicht wirklich mögen – auch wenn das vielleicht nur mein subjektiver Eindruck ist – und sie einem mit ihrer Art den Appetit verderben kann, ist chinesisches Essen in ihren Augen viel zu pöbelhaft. Wenn schon asiatisch, dann bitte Sushi, wobei das heutzutage auch schon so erschreckend Mainstream ist, oder Thai-Balance. Am besten jedoch nur ein knackiger Weizengras-Salat mit einem Green-Smoothie. Man kann schließlich nicht genug auf seine Gesundheit achten.
Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass ich mir bei dem Gedanken an so ein genussverachtendes Mittagessen erst recht den Magen mit chinesischem Essen vollgeschlagen habe. Und Lars hat immerhin so viel Mitleid mit mir, dass er mir einen Kaffee in meinem Lieblingshumpen hinstellt. „Caffeine Powers Activate“, ist sein einziger Kommentar, aber er zaubert mir so etwas wie ein Lächeln auf die Lippen.

***

Donnerstagabende sind eigentlich zum Entspannen da. Eine Zeit, um gemütlich mit einem Feierabendbier auf dem Sofa zu lümmeln, ein paar Episoden seiner Lieblingsserie mit Freunden zu teilen oder ähnliches. Gerade, wenn man wie ich aufgrund der Fußballsaison kaum freie Freitagabende kennt. Ebenso wenig Samstage oder Sonntage. Weil dann nun mal die meisten Spiele stattfinden. Und das nicht nur in den Königsklassen. Von den anderen Sportarten, die bevorzugt ebenfalls an Wochenenden ihre Wettbewerbe austragen, ganz zu schweigen. In keinem Fall aber sind Donnerstagabende dazu gedacht in Hemd und Jackett bei einer Vernissage lauwarmes Sprudelwasser – wahlweise auch mit Alkohol als Sekt mit selber Temperatur getarnt – zu trinken. Aber angesichts dessen, wie oft ich mich in den letzten paar Wochen bei Johanna über Lars und Tabea ausgeheult habe, komme ich nicht darum herum, sie zu dieser Vernissage zu begleiten.
Ich meine, wir haben uns sogar das Video zu diesem Taylor Swift-Song angesehen. Natürlich war ich total geknickt, denn das Mädel im Video, das am Ende den Typen kriegt, war optisch sehr wohl in der Lage mit dem Tabea-Klon zu konkurrieren. Keine so unüberwindlichen Hindernisse wie bei mir, der ich einen eigentlich schwulen Mann dazu bringen müsste, sich der Wahrheit zu stellen und sie willentlich anzunehmen. Und dabei stehen mir nicht einmal die kleinen Kunstkniffe zur Verfügung, auf die Frauen bei so ziemlich jeder Gelegenheit zurückgreifen. Denn ein Mann, selbst ein schwuler Mann, der sich wie eine Puppe herausputzt, wirkt lächerlich. Nichts gegen ein gepflegtes Aussehen, aber man kann es auch eindeutig übertreiben und bei Make-up ist bei mir Schluss. Doch selbst das T-Shirt-Mädchen im Video hat Lipgloss getragen und ihr perfekter Teint war bestimmt nicht nur das Produkt von Wasser, Seife, ausreichend Schlaf und gesunder Ernährung. Gleichzeitig war ich über das Video aber auch total erbost. Wieso müssen die Mädchen in solchen Geschichten eigentlich immer eine Brille-weg-und-ich-bin-eine-Prinzessin-Verwandlung durchmachen, damit sie den Typen kriegen? Aber, wie Johanna mir geduldig gezeigt hat, hat der Typ das in diesem Video gar nicht erwartet. Er hatte schließlich den Zettel, auf dem steht, dass er sie liebt, bereits vor dem Ball geschrieben, also zu einem Zeitpunkt, wo er sie immer mit Brille, T-Shirts und Turnschuhen gesehen hat. Aber sie hat mir zugestimmt, dass es absolut unwahrscheinlich ist, dass eine Frau, die nicht vorhat zu einem Ball zu gehen, spontan in ihrem Kleiderschrank dann doch ein topaktuelles Ballkleid findet, mit dem sie den entsprechenden Moses-und-das-Rote-Meer-Effekt auf ihre Klassenkameraden hat.
Egal, jedenfalls erwartete Johanna von mir, dass ich sie im Gegenzug auf die Vernissage begleitete. Denn alle, einschließlich des Künstlers, würden an diesem Abend in Begleitung auftauchen. Der Künstler zwar nur in der Begleitung des Galeristen, aber immerhin… Ohne einen mitgebrachten Gesprächspartner stach man aus der Menge unschön heraus und erntete bestenfalls Mitleid. Da aber der Künstler einer der Menschen war, denen Johanna in ihrem Job geholfen hatte, empfand sie es als ihre Pflicht, zu der Vernissage zu gehen. Abgesehen davon, dass der Künstler sie persönlich eingeladen hatte.
Weshalb ich also jetzt ohne Qwertee-Schutzpanzer einen auf Kunstfreund mimen darf. Erwähnte ich schon, dass das Mineralwasser lauwarm ist? Ist es nämlich. Und lauwarmes Wasser schmeckt selbst frisch aus der Flasche irgendwie abgestanden.
Um das Ganze noch schlimmer zu machen, entdecke ich gerade Lars und Tabea, wie sie die Galerie betreten. Gut, Lars ist Chef des Kultur-Ressorts und über den Künstler und seine Ausstellung zu schreiben, fällt durchaus in seinen Aufgabenbereich. Aber gerade als ich anfange mich mit den Farbideen des Künstlers anzufreunden und wenn schon nicht an den Getränken so doch wenigstens an der ausgestellten Kunst Gefallen zu finden, müssen die beiden auftauchen und mir auch das verderben. Wäre es nur Lars alleine, würde ich glatt Johanna sich selbst überlassen, aber gemäß der oben genannten Regeln von BYO-Gesprächspartner ist natürlich Tabea an seiner Seite. Und somit ist der Abend im Grunde für mich gelaufen. Denn wo Tabea ist, kann ich nicht mehr ungeniert von Bild zu Bild schlendern und mir so meine eigenen Gedanken zu den Werken machen. Eine solche Vorgehensweise würde nämlich unweigerlich zu einem Zusammenstoß zwischen Lars, Tabea und mir führen, wo Tabea uns (mir) dann ihren Kunstsinn unter Beweis stellt, erwartet, dass wir (ich) ihr zustimmen, weil wir (ich) selbst ja keinen Kunstsinn haben und so weiter. Nein, der sicherste Ort ist jetzt möglichst weit von jedem Bild und jedem Sekttablett entfernt. Wie die Herrentoilette etwa. Das mag feige klingen und Tabea ungeahnte Siege bescheren, aber letztlich möchte ich nicht mein gutes Verhältnis zu Lars ruinieren, indem ich offen mit Tabea über Kunst streite oder ihn gar zwinge für einen von uns Partei zu ergreifen. Und dann ist da auch noch Johanna, die, gerade im Gespräch mit dem Künstler, den Abend durchaus genießt und ich ihr das nicht verderben möchte. Also wäre ein Besuch der Herrentoilette nicht etwa der Feigheit sondern der Diplomatie geschuldet. Leider aber habe ich bislang zu wenig von dem Wasser getrunken, um das glaubhaft erscheinen zu lassen. Und so harre ich einfach im Hintergrund der Dinge, die da kommen mögen und derer, die sich hoffentlich vermeiden lassen.
Manche Dinge aber lassen sich nicht vermeiden. „So eine Ziege“, grummelt Johanna plötzlich neben mir. Ich war so mit dem Hintergrund beschäftigt, und dem Ansinnen, mich in selbigem zu halten, dass ich ihr Kommen gar nicht bemerkt habe.
„Was?“, frage ich mit meiner umwerfenden Eloquenz. Lauwarmes Mineralwasser ist eben nicht gerade für seine Eloquenz fördernden Eigenschaften bekannt.
„Na, dort drüben“, meint Johanna und nickt in die Richtung des Künstlers. „Drängt sich einfach so dazwischen, ungeachtet dessen, dass er eigentlich gerade im Gespräch mit mir war… Andererseits…“ Sie seufzt. „Ich würde Marcel ja gerne in Schutz nehmen, aber er hat zugelassen, dass sie sich dazwischen drängt und er lässt nicht nur zu, dass sie an ihm hängt wie klebriger Kaugummi, es scheint ihm auch noch zu gefallen.“
Unwillkürlich sehe ich in die angegebene Richtung und muss schlucken. Das Kopfschütteln folgt ganz instinktiv, ebenso die hochgezogenen Augenbrauen. „Das“, meine ich zu Johanna, „ist Tabea.“
„Wie?“ Offenbar bekommt auch ihrem Wortschatz das Wasser nicht.
„Schh!“, zische ich dennoch, denn Johanna ist um einiges lauter als ich. „Du hast schon richtig gehört. Das ist die berühmte Tabea.“ Ich sehe mich vorsichtig um. „Lars ist auch hier. Er steht dort drüben, an dem Gemälde, das entfernt an die japanische Flagge hinter einem Krähenschwarm erinnert.“
„Oh nein!“, haucht sie. „Der Ärmste.“
Ich nicke, zucke aber gleichzeitig mit den Achseln. „Es gibt nichts, was wir daran ändern können. Sieht er es, erkennt er hoffentlich die Wahrheit. Oder er ignoriert es. Oder sie kommt mit einer wahnsinnigen Story an, von wegen, sie hätten früher gemeinsam für Aktbilder Modell gestanden und das sei ihre ureigenste Pose gewesen und ihr Verhalten daher so etwas wie ein Reflex aufgrund der Wiedersehensfreude. Wer weiß schon, was in ihrem Kopf vorgeht. Und wer weiß schon, was in seinem Kopf bezüglich ihr vorgeht. Auf keinen Fall aber werden wir uns einmischen. Besser wäre noch, wenn sie uns nicht sehen. Also zumindest Lars nicht mich sieht. Denn dann bleibt ihm wenigsten erspart, zu glauben, er sei mir wegen einer möglichen Szene oder deren Ausbleiben eine Erklärung schuldig.“
„Okay, dann also strategischer Rückzug“, stimmt mir Johanna zu. „Und zwar… jetzt!“, sagt sie und zieht mich überraschend gen Ausgang.
„Wie? So schnell?“, frage ich irritiert.
„Lars hat soeben Tabea und Marcel ins Visier genommen. Und egal, wie er darauf reagiert, du möchtest kaum Zeuge davon sein, oder?“
Genau genommen möchte ich sehr wohl Zeuge davon sein. Es war ja nur die Rede davon, dass Lars mich nicht sieht, nicht umgekehrt. Ich bin schließlich Reporter und von Natur aus neugierig. Und ich gehöre zum Sport-Ressort und ein Beziehungsstreit ist doch meist fast schon sowas, wie ein Boxkampf. Also bin ich quasi fast schon von Berufsehren wegen verpflichtet, da zu bleiben. Aber ja, ich möchte auch sein Freund sein, mehr sogar, und da weidet man sich nicht an möglichen Demütigungen.
„Dann lass uns aber wenigstens in ein Café oder eine Bar ganz hier in der Nähe gehen, wo wir die Chance haben zu sehen, ob er die Ausstellung alleine verlässt, oder Tabea ihn doch wieder bezirzen kann“, versuche ich es mit einem Kompromiss. Zumal ich dann auch wüsste, ob er morgen zum Kaffee ein Franzbrötchen braucht oder nicht. Denn nicht nur Frauen suchen bei Kummer im Essen Trost.

***

Ich habe die Franzbrötchen gekauft. Zwar haben Johanna und ich keinen passenden, unauffälligen Ausguck mit Alibi in Sichtweite der Galerie gefunden, aber ich bin mir sicher, dass die Franzbrötchen gebraucht werden. Entweder von Lars, weil er alleine nach Hause gegangen ist, oder von mir, weil Lars nicht alleine nach Hause gegangen ist.
Auf seine fragend hochgezogenen Augenbrauen sage ich nur: „Es ist Franzbrötchen-Freitag.“
Er nickt und greift zu, als ich ihm die Tüte anbietend entgegenhalte.
„Und, was hast du am Wochenende vor?“, frage ich und lecke mir dezent die Finger ab. Franzbrötchen sind zwar nicht sonderlich klebrig, aber sie schmecken einfach zu gut, um sich auch nur den geringsten Krümel entgehen zu lassen. Besonders, wo ich meine Lieblings-Schokoladen-Franzbrötchen vom Markt geholt habe.
So harmlos und unschuldig die Frage ist – und so berechtigt an einem Freitag –, so vielsagend ist die Antwort. Lars‘ Miene versteinert sich ein wenig, dann sieht es so aus als müsse er sich innerlich einen Ruck geben, ehe er betont gelassen und mit einem Schulterzucken erwidert: „Nichts besonderes. Eigentlich gar nichts.“
Was für mich wiederum heißt: Er ist gestern alleine nach Hause gegangen.
Augenblicklich fallen mir zig Möglichkeiten ein, auf diese Offenbarung zu reagieren. Ich könnte aufspringen, laut ‚Strike!‘ rufen und dann wie ein Irrer durch die Redaktion tanzen. Tue ich aber nicht. Ich könnte in irgendeinen grandiosen Song ausbrechen, der die Situation genau beschreibt, aber auch das tue ich nicht. Unter anderem deswegen, weil mir kein passendes Lied einfällt. Irgendwie beschränkt sich mein Repertoire spontan auf ‚We are the Champions‘ und ‚Alle meine Entchen‘ und keines davon passt auf diese Situation. Ich könnte Lars vorschlagen, seinen Kleiderschrank von allen Tabea-Sachen zu befreien und die Dinge am Montag mit auf die Arbeit zu bringen. Dann findet hier nämlich eine große Spendenaktion zu Gunsten der ganzen Flüchtlinge statt. Ich bin mir sicher, die würden sich über die Sachen freuen… Aber Lars sieht mir noch nicht so aus, als könnte er einen solchen Kommentar verkraften, weshalb ich auch das nicht sage. Innerlich mag er sich zwar mit dem Gedanken abgefunden haben, irgendwann am Wochenende Tabeas Sachen, die im Laufe der Beziehung ihren Weg in seine Wohnung gefunden haben – Gott sei Dank waren sie noch nicht zusammengezogen, denn das wäre wirklich stressig geworden –, auszumisten um einen Schlussstrich ziehen zu können, aber um es auszusprechen, ist es wohl noch etwas zu früh. Zumal ich ja offiziell nichts von einem Zerwürfnis zwischen den beiden oder gar einer Trennung weiß. Wobei wiederum seine Antwort eigentlich selbsterklärend ist. Wäre er nämlich noch mit Tabea zusammen, dann würde er garantiert Pläne für das Wochenende haben. Schließlich können Menschen wie Tabea nicht umhin auf jede Sehen-und-Gesehen-werden-Veranstaltung zu gehen, zu denen sie Zutritt bekommen. Und sei es nur die Hugo-Prosecco-Grillparty bei Freunden, weil der neue Jamie-Oliver-Supergrill eingeweiht werden muss (und wehe jemand wagt zu unterstellen, man habe sich diesen über die letzte Kaufland-Treuepunkte-Aktion gekauft).
„Hast du dann vielleicht Lust, mich morgen zum Fußball zu begleiten? Der VfL Meerhofen hat ein Vorsaisonauftaktsfreundschaftsspiel gegen den 1. FC Marschenbüttel“, schlage ich stattdessen war.
„Vorsaisonauftaktsfreundschaftspiel? Gibt es dieses Wort überhaupt?“, fragt Lars.
„Keine Ahnung, aber es beschreibt die Umstände dieses Spiels“, erwidere ich schulterzuckend.
„Verstehe ich dich richtig? Du musst morgen arbeiten und lädst mich ein, dich dazu zu begleiten? Oder willst du jemanden haben, der aufpasst und sich alles notiert, damit du einfach das Spiel genießen kannst?“, fragt Lars skeptisch.
„Es ist keine Arbeit“, entgegne ich. „Natürlich würden sich beide Vereine freuen, wenn ein Artikel über ihr Spiel es in die Zeitung schaffte, aber angesichts der ganzen Spielertransfers, Finanzierungsnöte und der Schwimm-WM glaube ich nicht, dass ich auch nur eine viertel Spalte dafür zugebilligt bekäme. Das Spiel besuche ich nur zum Spaß. Und um den Mannschaften zu zeigen, dass sie auch in der nächsten Saison wieder damit rechnen können, wenigstens im Lokalteil dann und wann erwähnt zu werden.“ Ich grinse. „Aber wenn du ernsthaft Arbeit daraus machen möchtest, wie wäre es, wenn du einen Kommentar schreibst… Bundesliga vs. Kreisklasse, Romeo und Julia vs. West Side Story. Was ist die höhere Kunst? Oder doch lieber Kicken auf dem Bolzplatz und Es waren zwei Königskinder?“
„Hm, das klingt gar nicht mal so schlecht… Könnte man als Kommentar auf Vorrat durchaus schreiben, falls wir mal wieder eine Lücke in der Zeitung füllen müssen. Und offen gestanden klingt so ein Fußballnachmittag besser als zu Hause auf dem Sofa liegend die Decke anzustarren“, sagt Lars schließlich mit einem Anflug eines Grinsens.
Zu dem Zeitpunkt wusste noch niemand, wie bald wir alle guten Lückenfüller brauchen würden.

***

Wie jede große Stadt im Land kämpft auch unsere damit, den Flüchtlingen, die aus den vielen Kriegsgebieten der Welt ihren Weg in unser Land geschafft haben, eine angemessene Unterkunft zu bieten. Meist verliert die Stadt diesen Kampf, weshalb nicht selten Container- und Zeltdörfer als Notlösung auf alten Sportplätzen, P+R-Parkplätzen und ähnlichen Flächen entstehen. Erstaunlich an unserer Stadt ist aber, dass es eigentlich immer nur dann Ärger gibt, wenn die Stadt in diesem Kampf vergisst, die Anwohner rechtzeitig zu informieren, wobei rechtzeitig nicht erst einen Tag vor Ankunft der Container heißt. Denn eigentlich wollen die Anwohner helfen, brauchen aber Informationen, um nicht Opfer der Angst vor dem Unbekannten zu werden. Wir beim Tageblatt sind uns bewusst, dass wir in unserer Stadt diesbezüglich Glück haben, müssen wir doch schließlich auch von all den Anschlägen in anderen Gebieten der Republik auf solche Einrichtungen berichten. Immerhin, auf das ganze Land bezogen, halten sich diese Anschläge in Grenzen, aber es stimmt einen dennoch traurig. Ebenso die Tatsache, dass selbst unsere eigentlich so tolle Stadt es nicht schafft, den Flüchtlingen etwas Besseres als Zelte und Container zu bieten.
Um dennoch ein Zeichen des Willkommens zu setzen, hat unsere Zeitung nun zu einer großen Spendenaktion aufgerufen. Und eingedenk der Sache mit der Angst vor dem Unbekannten – oder auch dem Nichtwissen, was gebraucht wird und was nicht – haben wir gleich auch noch eine Liste in der Wochenendausgabe abgedruckt, mit Dingen, worum gezielt gebeten wird. Natürlich inklusive Erklärung, warum was gebraucht oder nicht gebraucht wird. Wie etwa, dass T-Shirts und Kapuzenpullis Hemd und Jackett vorzuziehen sind. Erstere muss man nämlich nicht bügeln, letztere schon. Und wer in einer Zeltstadt wohnt, hat nicht wirklich die Möglichkeit zu bügeln. Oder dass wir keine Herrenschuhe in den Mini-Flusskahn-Größen brauchen, wie sie die Männer hierzulande meist tragen, sondern nur bis Größe 42 weil viele der Flüchtlinge im Vergleich zu uns nicht so hochgewachsen sind. Aber auch Dinge wie alte Koffer und Reisetaschen, weil die Flüchtlinge oft nur mit den Kleidern, die sie am Leib tragen, ankommen und schließlich etwas brauchen, worin sie die Kleidung, die sie aus dem Spendenfundus der Lager erhalten, mitnehmen können, wenn für sie eine bessere Unterkunft gefunden ist.
Wir hoffen, dass unsere Aktion Erfolg hat und wir zumindest einen kleinen Teil beitragen können. Allerdings findet der Spendentag an einem Montag statt, wenn viele arbeiten müssen beziehungsweise im Urlaub sind, denn es ist zugleich der erste Sommerferienmontag. Dennoch, wenn wir nur fünfhundert Spendenwillige an diesem Tag bei uns am Redaktionsgebäude begrüßen dürfen, sind wir glücklich. Und immerhin hat selbst der bekannte Schauspieler Hinnerk Reder auf seiner Facebook-Seite für die Aktion geworben. Das könnte uns vielleicht ein paar zusätzliche Spender einbringen. Auf jeden Fall: der LKW, den wir zweimal zu füllen hoffen, steht bereit, alle in der Redaktion haben sich für wenigstens eine halbe Stunde zum Dienst eingetragen – ich bin in der 14-Uhr-Schicht –, wir sind bereit.
Oder auch nicht. Keine zehn Minuten nach Beginn kommt Katharina von der Anzeigenabteilung hochgeflitzt. „Kann mal jemand helfen? Ihr glaubt nicht wie viele Leute da unten stehen!“
Natürlich machen wir das, was alle Menschen bei so einer Ansage machen: Wir stürzen erst mal zum nächstbesten Fenster mit passender Aussicht und glotzen wie die Grundschüler im Zoo. Aber nur für ein paar Minuten, dann haben unsere Gehirne die Bilder verarbeitet und so ziemlich jeder, der jetzt nicht erst noch kurz auf die Toilette muss oder einen Anruf mit einem wichtigen Menschen vereinbart hat und versucht, diesen abzusagen, macht sich auf den Weg nach unten um zu helfen.
Es ist der pure Wahnsinn. Aus allen Stadtteilen und den umliegenden Einzugsgebieten sind Menschen unserem Aufruf gefolgt. Manche von ihnen waren fast eine Stunde mit Bus und Bahn unterwegs. Andere kommen mit vollgepackten Autos vorgefahren. Und das, wo in der Straße, wo unsere Redaktion steht, eigentlich absolutes Halteverbot gilt. Doch die Polizei erweist sich hier echt als Freund und Helfer. Der Bus, der eigentlich durch die Straße muss, wird kurzerhand umgeleitet und wo es um das Entladen von Spendenautos geht, drückt die Polizei einfach beide Augen zu, was das Halteverbot betrifft.
Nach gerade mal neunzig Minuten haben wir unseren LKW bereits voll beladen und der Menschenstrom reißt einfach nicht ab. Unser Chef hängt am Telefon und ruft bei einer Spedition an, ob sie uns weitere LKW mit Fahrern zu Verfügung stellen können, ähnlich wie sie es bei der Weihnachtsaktion im Einkaufscenter machen.
Während wir auf das Eintreffen der LKW warten, wird der große Konferenzraum im Erdgeschoss kurzerhand zum Zwischenlager umgestaltet. Ich finde mich in einer Menschenkette neben Lars wieder, wo wir Taschen, Koffer und Tüten von einer Hand zur nächsten weiterreichen, während unser Hausmeister das Stapeln im Konferenzraum übernimmt.
„Irre!“, meint Lars nur und grinst über das ganze Gesicht. Die gutgelaunte Atmosphäre ist aber auch ansteckend. Die Schlange ist lang, aber keiner drängelt, keiner spielt sich auf oder macht sich wichtig. Alle haben gute Laune, sind glücklich helfen zu können.
„Ich glaube, aus meiner Idee, in der Mittagspause noch ein paar Flaschen Shampoo und so im Drogeriemarkt um die Ecke zu kaufen, wird nichts. Mittagspause werden wir wohl vergessen können“, erwidere ich, denn auch Hygieneartikel hatten auf der Liste gestanden.
„Und selbst wenn, bezweifle ich, dass du in den Regalen noch etwas finden würdest“, meint Lars nur. „Denn in der Tüte hier sind bestimmt nicht weniger als fünfzig Tuben Zahnpasta“, sagt er und reicht mir die prall gefüllte Tüte. Offenbar bin ich nicht der einzige, der angesichts eines regelmäßig ausgemisteten Kleiderschranks wenigstens Drogerieartikel beisteuern möchte. Wie sich später herausstellen wird, haben tatsächlich einige Bürogemeinschaften der umliegenden Unternehmen die Drogeriemärkte hier in der Innenstadt in der Mittagspause regelrecht leergekauft. Und immer noch kommen immer neue Menschen…
Meine Arme werden schwer, aber aufgeben gibt es nicht. Magenknurren zählt auch nicht. Dazu ist zu viel zu tun.
„Lars!“, flötet es plötzlich unangenehm in meinem Rücken. Ich brauche mich nicht umzudrehen, um zu wissen, dass es Tabea ist. „Wo bleibst du denn? Wir waren doch zum Mittagessen verabredet.“
Denn ja, es ist Montag, und bis letzte Woche war das der Tag, an dem Tabea und Lars immer gemeinsam zum Mittagessen gegangen sind. Aber das war vor dem Vorfall bei der Vernissage und ehrlich: Sieht sie nicht, was hier los ist? Jeder andere würde in dieser Situation wohl sagen: „Ich kann zwar nur eine halbe Stunde bleiben, weil meine Mittagspause dann rum ist, aber sag mir, wo ich helfen kann.“ Oder würde auf die Idee kommen, stattdessen einfach zum nächsten Bäcker zu gehen und eine große Tüte belegter Brötchen zu organisieren, die sie dann mit Lars und seinen Kollegen teilt. Nicht aber Tabea.
„Abgesehen davon, dass du ja wohl mal siehst, dass ich beschäftigt bin, was sagt denn dein neuer Freund dazu, dass du mit deinem Ex zum Mittagessen gehen willst?“, fragt Lars so leise, wie es bei dem Menschengewühl nun eben möglich ist, um trotzdem von Tabea gehört zu werden. Was heißt, dass auch ich ihn höre.
„Mein neuer Freund? Ach… Schatz, du meinst doch nicht diese alberne Sache von letzter Woche? Das war doch gar nichts. Das ist wie eine Bewerbung auf einen Job abzugeben, den man eigentlich nicht annehmen möchte, womit man aber seinen Marktwert überprüfen will.“
Ich starre Tabea ungläubig an. Meint sie das jetzt wirklich ernst?
Offenbar zieht Lars eine ähnlich Miene, denn Tabeas Gesicht verzieht sich zu einer hässlichen Fratze, als sie uns so sieht. „War ja klar, dass die Schwuchtel hier sich gleich an dich ranmacht, wenn sie auch nur die geringste Chance wittert. Und du lässt es auch noch zu!“, keift sie Lars an. Ihre Gedankensprünge sind wirklich phänomenal. Wie man von ungläubig dreinblicken zu anmachen kommt, entzieht sich wirklich meiner Kenntnis. „Bestimmt wird er dich gleich auch noch hemmungslos vor aller Welt küssen, um mir zu zeigen, dass es wirklich zwischen dir und mir aus ist…“
„Geht nicht“, erwidere ich trocken, „ich hab grad beide Hände voll. Und ich ziehe es vor, meine Kerle beim Küssen auch zu umarmen.“
Ein letztes wutentbranntes Fauchen, dann stakst Tabea von dannen. Schuldbewusst wende ich mich zu Lars um. „Sorry. Ich hätte mich nicht einmischen dürfen. Schon gar nicht mit so einem Spruch.“
Lars aber zuckt nur mit den Schultern. „Ihre eigene Schuld. Sie hat dich schließlich mit ihrem Angriff in die Diskussion mit hineingezogen. Aber wenn sie nicht von sich aus das Feld geräumt hätte, hätte ich dich wohl geküsst, um sie loszuwerden.“
Ich grinse breit. „Immer wieder gerne, ich stehe dir dafür jederzeit zur Verfügung.“
Auch er kommt um ein kleines Lächeln nicht herum.
Zum Glück sind andere Menschen einfühlsamer als Tabea und um das Wohl ihrer Mitmenschen besorgt, weshalb wir tatsächlich noch zu einer Tüte belegter Brötchen kommen, die ein Frührentnerpaar für uns besorgt, nachdem sie ihre beiden großen Koffer abgegeben haben. „Wäre doch schade, wenn ihr zwischendurch vor Hunger schlapp macht“, sagen sie schlicht und sind, ehe wir mehr als ein ‚Danke‘ herausbringen können, auch schon wieder verschwunden.
Es wird ein langer, aber sehr befriedigender Tag. An die erhoffte Zahl von fünfhundert Spendern können wir locker noch einmal eine Null dranhängen. Wenn das reicht. Und als am Abend, weit nachdem die Aktion offiziell beendet ist, endlich auch der letzte LKW in Richtung Flüchtlingszentren fährt, sind wir alle fix und fertig. Trotzdem begeben wir uns alle noch mal zurück an unsere Schreibtische, denn immerhin gilt es noch die morgige Ausgabe fertig zu stellen. Sie wird zwar vielleicht ein bisschen dünner ausfallen als sonst, aber ich bin mir sicher, dass die Leser es uns verzeihen werden. Ebenso wie all die Lückenfüller, die wir einbauen. Wie etwa Lars‘ Kommentar zum Fußballspiel des VfL Meerhofen gegen den 1. FC Marschenbüttel, denn er hat tatsächlich den Bolzplatz vs. Shakespeare-Kommentar geschrieben.
Es ist fast Mitternacht, als wir endlich die Redaktion verlassen. „Wie sieht es aus, hast du noch Lust, auf einen Burger mit zum Bahnhof zu kommen?“, frage ich Lars, denn beim Abendessen hatten wir Pech und niemand hat uns Brötchen vorbeigebracht, und so habe ich Hunger. Zwar bin ich nicht so der große Fan von McDonalds, aber um diese Uhrzeit ist selbst in einer Stadt wie dieser das Essensangebot etwas eingeschränkt.
„Klar, wieso nicht“, erwidert Lars und fragt dann seinerseits: „Hast du Mittwoch schon was vor? Ich habe Karten für das Sommertheater im Stadtpark. Und wer weiß, vielleicht fällt für dich ja dieses Mal ein Lückenfüllerkommentar ab.“
Ich grinse. „Klingt gut.“ Und dann, weil so schön passt, füge ich noch hinzu: „Ich glaube, dies ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.“ Oh ja… Tabea ist im metaphorischen Flugzeug und Lars und ich verschwinden in die Nacht…

***

Meine Worte in jener Nacht sollten sich als regelrecht prophetisch erweisen.
Zwar blieb es in der Nacht nur bei den Burgern, aber das war abzusehen gewesen. Für mehr waren Lars‘ Beziehungswunden noch zu frisch und ich zu müde. Aber was mit dem Fußballspiel begann und dem Sommertheater seine Fortsetzung fand, wurde bald zu einer festen Institution. Und wenn jemand sich neuerdings über Lars‘ Begleitung bei den ganzen Kulturveranstaltungen wundert, so sagt doch niemand etwas. Aber vielleicht sehen sie in uns auch einfach nur zwei gute Freunde. Ich allerdings kann nicht umhin, die Blicke zu sehen, die Lars mir manchmal heimlich zuwirft, oder die Veränderungen in seinem Lächeln, das eine Winzigkeit breiter wird, wenn es mir gilt, zu bemerken. Und ich weiß, es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis ich doch noch den angedrohten/angekündigten/angedeuteten Kuss von ihm bekomme. Ganz ohne Tabea. Einfach, weil er es möchte.

ENDE
Zuletzt geändert von chaotizitaet am 26. Sep 2015, 11:59, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: You belong with me (Original) für Lupina Riddle

Beitragvon Sammy-chan » 26. Sep 2015, 11:36

Hallo chao,

ich soll dir von Lupina ausrichten, dass sie zur Zeit kein Internet hat und deshalb die Story erst später lesen und kommentieren kann. Also mach dir keine Gedanken, dass erstmal kein Kommentar kommt. Im Oktober wird der dann definitiv nachgereicht ;)
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Re: You belong with me (Original) für Lupina Riddle

Beitragvon chaotizitaet » 26. Sep 2015, 11:47

Ist okay, hab ich mir schon gedacht, nachdem ich gesehen habe, dass du ihre Wichtelgeschichte für sie gepostet hast.
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Re: You belong with me (Original) für Lupina Riddle

Beitragvon Lupina Riddle » 9. Okt 2015, 16:42

Hey,

erst mal sorry, dass du so lange auf eine Rückmeldung warten musstest. Umzug, Elternbesuch... reallife eben^^
Dann ein ganz großes Danke für die Geschichte. Hatte ja doch eine schöne Länge und ich habe es sehr genossen sie zu lesen. Besonders schön fand ich, wie du das Lied mit eingeflochten hast und auch die Charaktere sind sehr gut ausgebaut, besonders Tabea ist toll getroffen. Neu für mich war, dass die Personen etwas älter waren. Ich schreib meist über Jugendliche (wegen Harry Potter FF. und so)^^
Also hab mich wirklich drüber gefreut! Danke.

Liebe Grüße,
Lupina
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Re: You belong with me (Original) für Lupina Riddle

Beitragvon chaotizitaet » 10. Okt 2015, 18:51

Salü ^^

Kein Thema, du hattest ja Sammy Bescheid gesagt...
Freut mich, dass dir die Geschichte gefallen hat. Bei mir richtet sich das Alter der Protagonisten meist nach dem, was sie machen sollen. Jugendliche Journalisten sind in Deutschland eher selten, es sei denn man siedelt die Geschichte in einer Schülerzeitung an, aber irgendwie hätte das nicht so gepasst. Und da mich aufgrund einer realen Spendenaktion das als Storyelement nun mal angefixt hatte, folgte der Rest entsprechend, inklusive dem Alter. Aber ja, Tabea zu schreiben hat riesig Spaß gemacht. Solche intriganten Charaktere hauchen sich irgendwie von selbst Leben ein. :D
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