150 Million Years Ago (für Abranka)

150 Million Years Ago (für Abranka)

Beitragvon Kazu » 1. Nov 2015, 23:56

Liebe Abranka,

erst einmal sorry, dass du so lange auf dein Wichtelgeschenk warten musst! Wie bereits gesagt habe ich 1. sehr viel zu tun und viel Stress auf der Arbeit und 2. habe ich ein unglaubliches Schreibtief.
Nun wollte und will ich dir aber keine Story schenken, die nur so dahingeschmiert ist, von daher bekommst du hier nun zunächst den 1. Teil der Story! Diesen habe ich so wkeit überarbeitet, dass er mir ganz gut gefällt. :-)
Ich hoffe, dass die Geschichte auch dir gefallen wird! Mir selbst sind die Charaktere und die Story bereits sehr ans Herz gewachsen und der 2. Teil steht auch eigentlich schon, bedarf aber noch einer gründlichen Überarbeitung. Übrigens habe ich mich für deinen ersten Originalwunsch entschieden!
Ich melde mich auf jeden Fall bei dir, sobald der Rest der Story hochgeladen ist!
Jetzt erstmal viel Spaß mit Teil 1 von


150 Million Years Ago


Mit gemischten Gefühlen stand ich in unserer Haustür, sanft lächelnd und dem Auto zuwinkend, welches soeben von unserem Hof fuhr.
Erst als dieses um die Ecke bog, ließ ich den Arm wieder sinken. Ein Seufzen entglitt meinen Lippen. Jetzt war es also soweit. Ein alter Lebensabschnitt ging zu Ende. Ein Neuer begann.

In den ersten 17 Jahren meines Lebens hatte ich viele schöne, aber auch sehr harte Zeiten erlebt. Als ich geboren bin wohnte ich noch mit meinen Eltern in einer kleinen Doppelhaushälfte mitten in der Stadt. Ich erinnerte mich kaum, doch von meinen Eltern wusste ich, dass der Alltag in der Großstadt für alle sehr erdrückend gewesen war. Beide hatten einen stressigen Arbeitsalltag und für die echte Leidenschaft meines Vaters - die Wissenschaft- hatte er zwischen Beruf, Familie und Großstadtstress kaum noch Zeit.
Deshalb beschlossen sie, als ich gerade mal drei Jahre alt war, ihr Leben komplett umzukrempeln. Für mich, aber auch für sie selbst. Wir zogen also in ein kleines, schon etwas in die Jahre gekommenes, Häuschen im Vorort der Stadt. Es lag beinahe schon ländlich, sodass meine Familie und ich genug Raum hatten uns zu entfalten.

Schließlich ging ich wieder zurück ins Haus. Auf der Kommode stand bereits mein fertig gepackter Reiserucksack. Die beiden Koffer hatten wir schon vor einigen Tagen zum Internat gefahren. Wieder machte sich Nevösität in mir breit, gemixt mit Vorfreude und einem Hauch Neugierde. Gleich würde ich mich also in den Bus begeben, der mich zu meinem neuen Leben fuhr. Die Schule hatte ich mit durchschnittlichen Noten abgeschlossen. Nun war es Zeit für den nächsten Schritt. Die folgenden fünf Jahre würde ich mich voll und ganz dem Studium der Wissenschaft widmen, in einem großen, modernem Wissenschafts-Institut mit angrenzendem Internat, ein paar Stunden Busfahrt entfernt. Meine Mutter war natürlich strickt dagegen gewesen, nachdem was meinem Vater passiert war. Als sie jedoch gemerkt hatte, wie viel mir dieses Studium bedeutete, hatte sie es akzeptiert.

Ich warf einen letzten Blick in den Spiegel der Kommode. Eigentlich sah ich aus wie immer. Die leicht gewellten, blonden Haare hatte ich mal wieder erfolglos versucht mit ein bisschen Gel zu bändigen, dennoch standen hie und da ein paar der kurzen Locken ab. Rasiert hatte ich mich erst vor einigen Stunden, weshalb an manchen Stellen noch leichte Rötungen zu sehen waren. Die Brille, die mir mein Vater vor vielen Jahren geschenkt hatte, war bereits ein wenig verbogen und saß deshalb nicht ganz so gerade auf meiner Nase. Mein großer, recht schlacksiger Körper steckte in einer leicht ausgewaschenen Jeanshose. Außerdem trug ich ein schwarzes Axelshirt und darüber ein offenes rot-schwarz-kariertes Hemd mit kurzen Ärmeln. Meine Füße steckten in sehr ausgelaufenen aber zeitgleich auch sehr gemütlichen Chucks. Ja, das war unverwechselbar ich, Leon. Aber sah so ein wissenschaftliches Genie aus? Bevor ich anfangen konnte daran zu zweifeln, schnallte ich mir den Rucksack auf den Rücken und verließ schließlich das Haus.

Der Bus kam erst in 20 Minuten, also hatte ich noch ein wenig Zeit mich von meinem Zuhause zu verabschieden- ich würde es immerhin erst zu Weihnachten wiedersehen. In Erinnerungen schwelgend lief ich ein letztes Mal durch den Garten. Dort standen unter einem Pavellion Tisch und Bänke sowie unser Grill, die alte Schaukel meiner jüngeren Schwester Lucy und natürlich das kleine Gemüsebeet unserer Mutter. Ein Stück weiter konnte ich den alten gepflasterten Hof sehen und obwohl es dort nicht mehr viel zu sehen gab, zog mich etwas dorthin. Man merkte sofort, dass dieser Teil des Grundstücks schon Jahre nicht mehr genutzt oder gar gepflegt wurde. Zwischen den Pflastersteinen wucherte das Unkraut nur so hervor. Alte, rostige Werkzeuge und Gartengeräte standen hie und da herum und am anderen Ende des Hofes stand schließlich nach wie vor der alte Schuppen meines Vaters. Jedes mal, wenn ich ihn sah, bekam ich eine Gänsehaut.

Niemals würde ich den Tag vergessen, als meine Mutter, Lucy und ich plötzlich den Knall von draußen hörten, der so laut gewesen war, dass für einen Moment der Boden unter unseren Füßen vibriert hatte. Neugierig wie ich auch schon mit neun war, rannte ich sofort nach draußen, um nachzuschauen was diesen Lärm verursacht hatte. Und so stand ich schließlich wie jetzt vor dem Schuppen, der zu jener Zeit jedoch lichterloh brannte. Damals konnte ich das Geschehen noch nicht richtig einschätzen. Ich bewegte mich auf das brennende Gebäude zu, der Arbeitsstätte meines Vaters, seines selbsternannten wissenschaftlichen Labors. Immer wieder hatte ich in die Hitze hineingerufen: "Papa? Papa, ist alles in Ordnung? Papa, was war das für ein Knall?" Ich hatte schon beinahe die Tür erreicht, als meine Mutter panisch nach meinem Arm griff und mich wegzog.
Eine halbe Stunde später kam die Feuerwehr, um das mittlerweile stark beschädigte Haus zu löschen. Wir erfuhren, dass es wohl während eines chemischen Expriments zu einer starken Explosion gekommen war. Diese hatte mein Vater nicht überlebt.
Nun gab es Mütter, die nach so einem Schicksalsschlag komplett dicht machten, die sich nicht mehr in der Lage fühlten, ihre Kinder großzuziehen, die sich vielleicht selbst das Leben nahmen. Nicht so unsere Mutter. Sie reagierte viel mehr mit übertriebener Fürsorge. Die kleine, damals 3-Jährige Lucy und ich waren die letzten und wertvollsten Schätze, die sie noch hatte, uns durfte einfach nichts passieren. Sie litt seitdem unter enormen Verlustängsten. Sie beschütze und bewachte uns teilweise schon krankhaft. Viele Dinge verbot sie uns, wenn sie irgendwie böse hätten enden könnten.

Mittlerweile waren Ihre Ängste nicht mehr dermaßen übertrieben, so erlaubte sie mir zum Beispiel auf ein weit entferntes Internat zu gehen, um Wissenschaftsforschung zu betreiben, obwohl dieses Gebiet unserem Vater das Leben gekostet hatte. Es war sicher nicht leicht für sie, mich gehen zu lassen, umso dankbarer war ich ihr, dass sie es doch tat.
Seit jenem Tag vor acht Jahren, war der Schuppen nicht mehr betreten worden. Meine Mutter hatte ein großes Tabu über diesen Ort gehängt. Doch just in diesem Moment hatte ich den Drang das Verbot zu missachten und ein letztes mal einzutreten. Warum, wusste ich selbst nicht so genau. Vielleicht um auch mit diesem Kapitel abzuschließen. Ich warf einen vorsichtigen Blick über meine Schulter Richtung Ausfahrt. Es war Lucys erster Tag auf der weiterführenden Schule. Meine Mutter und sie würden so bald nicht zurückkehren. Allerdings würde in weniger als zehn Minuten der Bus vorfahren. Wenn ich es also wirklich wagen wollte, musste ich mich jetzt entscheiden.

Einige Sekunden später öffnete ich schließlich die laut quietschende Tür des Labors. Sofort kam mir eine Wolke aus Staub entgegen, die alt, modrig und verwest stank. Es war sehr dunkel und der Lichtschalter funktionierte nicht mehr. Also riss ich kurzerhand die Tür so weit wie möglich auf, damit etwas mehr Sonnenlicht hereinkommen konnte.
Als ich diesen Ort betrachtete kamen augenblicklich sämtliche Erinnerungen aus meiner Kindheit wieder hoch. Auch wenn Vieles eingestürzt und alles mit einer dicken grauen Staubschicht überzogen war; auch wenn die Gerätschaften und Möbel zum Großteil geschmolzen oder zumindest angekokelt waren. So erkannte ich trotzdem das Meiste aus vergangenen Tagen wieder. Langsam ging ich die Tische entlang. Wie oft hatte ich meinem Vater hier bei seiner Forschung zugesehen? Wie oft hatte er mir stolz die sinnlosesten Erfindungen präsentiert? Wie oft hatte ich ihm bei seinen Experimenten assistiert? Seit frühester Kindheit war ich von der Arbeit meines Vaters faszniert gewesen. Mir war schon lange klar, dass ich mal in seine Fußstapfen treten würde.
Ich kam zu einem großen Tisch mit noch recht gut erhaltenden Maschinerien, offensichtlich alles Erfindungen meines Vaters. Dort fand ich zum Beispiel seinen guten alten Solar-Kaffeeaufwärmer, der mit Sonnenlicht betrieben wurde und so weder Strom noch Batterie brauchte. Auch der kleine Sprachroboter schien weitestgehend unversehrt zu sein. Er konnte dir zu bestimmten Fragen Antworten liefern, wenn du sie ihm vorher beigebracht hattest.
So fand ich allerlei Bekanntes und fast in Vergessenheit geratendes wieder. Obwohl die Geschichte um diesen Ort ein so tragisches Ende hatte, verband ich größtenteils positive Erinnerungen mit dem Labor. Tatsächlich war es die schönste Zeit meines Lebens gewesen, die ich hier zusammen mit meinem Vater verbracht hatte.
Jetzt wo ich diesen Ort wieder gefunden hatte, fiel mir der Abschied von Zuhause etwas schwerer. Es nützte jedoch nichts. Der Bus wartete wahrscheinlich schon.
Gerade als ich mich mit schwerem Herzen zum Gehen abwenden wollte, fiel mein Blick allerdings auf einen kleinen metallischen Reif, den ich im Gegensatz zu den anderen Geräten noch nie gesehen hatte. Meine Neugierde war sofort geweckt. Vorsichtig nahm ich den kalten, recht leichten Metallreifen in die Hand. Was man damit wohl anstellen konnte? War dies womöglich die letzte Erfindung meines Vaters gewesen? War sie überhaupt schon fertig? Langsam drehte ich den Reif in meiner Hand, bis ich darauf einen kleinen schmalen Bildschirm entdeckte. Tatsächlich schien das Gerät noch irgendwie zu funktionieren, denn auf dem Bildschirm war eine Zahl zu sehen, ähnlich wie bei einem Taschenrechner. 150.000.000 war dort zu lesen. Was hatte das zu bedeuten? Handelte es sich tatsächlich um eine Art Rechenmaschine? Oder war es ein Countdown für irgendetwas? Von allein änderte sich die Zahl jedenfalls nicht, doch rechts neben dem Bildschirm befanden sich zwei unbeschriftete Knöpfe und links noch ein Dritter.
Mein Herz schlug höher vor Aufregung. Ich musste es einfach ausprobieren! Wie gefährlich konnte dieses Risiko schon sein? Ein weiteres Mal siegte meine Neugierde und ich beschloss den Knopf links zu betätigen.
Doch kaum hatte meine Fingerspitze diesen berührt, bereute ich es auch schon. Denn mir wurde augenblicklich schwarz vor Augen.

***

Als ich wieder zu mir kam, war das Erste, was mir auffiehl, die Hitze. Es mussten weit über 30 Grad sein - vielleicht 40. Für Mitte September eindeutig zu viel, zumal wir vor einigen Minuten noch so bei 23 Grad gelegen haben. Verwirrt und noch immer leicht benommen öffnete ich langsam die Augen, schloss sie jedoch sofort wieder, weil mich die Sonne blendete. Es brauchte ein paar weitere Versuche, ehe ich meine Umgebung vernünftig wahrnehmen konnte. Ich befand mich unter freiem Himmel und lag offensichtlich seitlich in hohem Gras. Was zum-! So schnell ich konnte setzte ich mich auf. Mein Blick wanderte fassungslos umher. Wo war ich? Wie kam ich hier her? War ich nicht gerade noch im alten staubigen Labor meines Vaters gewesen? Dieser Ort war das genaue Gegenteil von meinem Zuhause! Kein einziges Haus war zu sehen, keine Wege, keine Straßen, keine Menschen, auf dem ersten Blick nicht mal Tiere! Was mich umgab war nichts weiter als pure Natur. Noch dazu eine Natur, wie ich sie nie zuvor gesehen hatte! Wäre es nicht zu absurd gewesen, hätte ich gar auf ein anderes Land getippt! Einen anderen Kontinent! Ich war selbst nie gereist, kannte die Orte der Welt aber aus den vielen bebilderten Büchern und Internetberichten, die ich in den letzten Jahren gelesen hatte. Doch keines dieser mir bekannten Bilder war mit dem Anblick vergleichbar der sich mir hier bot. Ja, es gab das große Grasfeld in dem ich lag, etwa 100 Meter weiter konnte ich einen Waldrand ausmachen und hie und da befanden sich mit Moos übersehte Felsen, aber all diese Naturphänomene hatten hier eine komplett andere Dimension. Das Gras war dicker, grüner und höher. Die Bäume hatten gigatische Ausmaße! Sie waren riesig und hatten einen enormen Umfang! Und alle Planzen, die ich sah, hatten riesige Blätter und Blüten und wirkten mehr als nur exotisch! War das Ganze hier überhaupt real?

Erst jetzt fiel mir die Erfindung wieder ein. Alles hatte mit dem Betätigen des einen Knopfes begonnen, oder nicht? Was war danach genau geschehen? Dieser Reif konnte mich unmöglich an einen anderen Ort der Welt gebiemt haben! Vielleicht hatte er mich aber in eine Art Schlaf versetzt und das alles war nichts weiter als ein Traum! Es konnte auch sein, dass ich mich in einer Art digitalen Welt befand, einem Computerspiel. Vielleicht war dieser Reif so etwas, wie diese High-Tech-Brillen, die dir visuell den Eindruck verliehen du befändest dich mitten in der Welt des Games! Zwar wunderte es mich, dass mein Vater so etwas entwickelt hatte, aber hatte ich sein Talent nicht schon vor Ewigkeiten erkannt? Nur wie kam ich hier wieder raus? Es musste eine Möglichkeit geben das Spiel zu beenden. Hektisch begann ich meinen Körper nach etwas Brauchbarem abzusuchen, vergebens. Doch dann erhaschte mein Blick etwas Silbernes im Gras neben mir. Ich griff danach und tatsächlich! Der Metallreif! Das Bedienungsgerät für dieses erschreckend realisitsche Spiel. Ich konnte immerhin alles was ich anfasste genau fühlen und sogar die Gerüche und das Klima um mich herum wahrnehmen. Wie bereits zuvor drehte ich den Reif so herum, dass ich den Bildschirm sehen konnte. Zu meinem Entsetzen war dieser aus. Keine Zahl oder irgendetwas wurde mehr angezeigt. Ohne Nachzudenken begann ich auf sämtlichen Knöpfen herumzudrücken, aber nichts geschah. Verdammt! Wie konnte es sein, dass ich in dieser virtuellen Welt war, wenn der Reif nichtmal funktionierte? Oder war meine Vermutung doch falsch und es gab eine ganz andere Erklärung für dieses Phänomen?

Ich seufzte. Was sollte ich jetzt tun?
Nach einer Weile beschloss ich mich hier einfach mal genauer umzusehen, denn was blieb mir auch anderes übrig? Den Reif steckte ich in meine Hosentasche, dann stand ich auf. Erneut glitt mein Blick über die Natur. In welche Richtung sollte ich gehen? Es war ja nicht so als hätte ich ein Ziel. Ich entschied mich erstmal weiter die Wiese entlangzulaufen, was sich als gar nicht so einfach herausstellte, weil sich meine Füße des Öfteren in den langen, stabilen Halmen verhingen. Plötzlich stieß ich mit meinem Fuß jedoch gegen etwas Hartes und ich staunte nicht schlecht, als ich zu meinen Füßen meinen Rucksack fand. Im ersten Moment war ich glücklich etwas Vertrautes zu sehen, im nächsten Moment machte es mir allerdings Angst. Der Fakt, dass ich samt Gepäck und realen Gegenständen hier gelandet war, machte das Ganze nur noch realistischer. Zumal es mir auch echte Schmerzen zugefügt hatte, als mein Zeh mit dem Rucksack zusammengestoßen war. Wenn ich mich hier tatsächlich verletzten konnte, sollte ich wirklich vorsichtig sein.

Die Umgebung veränderte sich nach ein paar hundert Metern kaum, aber mittlerweile fielen mir weitere merkwürdige Kleinigkeiten dieser Welt auf. Entgegen meiner Vermutung, dass es hier keine Tiere gab, konnte ich nun doch das ein oder andere Kriechen und Summen vernehmen. Kleintier wie Insekten und Molche sollte es hier also doch geben, auch wenn die Laute, die sie von sich gaben, nicht ganz denen glichen, die ich von Zuhause kannte. Abgesehen von der heißen Temperatur war mir noch ein weiterer Klima-Aspekt aufgefallen. Trotz der Hitze fiel es einem, auch während eines langen Fußmarsches, kaum schwer zu atmen. Tatsächlich hatte ich das Gefühl niemals zuvor eine so klare Luft eingeatmet zu haben - nicht mal auf dem Land!

Nach einer knappen Stunde Wandern erblickte ich in der Ferne einen etwas höheren Felsen, als jene an denen ich bisher vorbei gekommen war. Meinen Berechnungen zu Folge hatte er auch genug Ecken und Kanten um ihn problemlos zu besteigen. Vielleicht, so war meine Hoffnung, hatte ich von dort oben einen besseren Blick über die Umgebung. So verrückt und beängstigend das Ganze auch war, irgendwie war es auch abenteuerlich, aufregend und interessant!
Als ich schließlich vor besagtem Felsen stand, war ich mir doch nicht mehr ganz so sicher, über die Leichtigkeit ihn empor zu klettern. Er war höher als erwartet und die Ecken und Kanten doch weiter voneinander entfernt als vermutet. Aber wie hieß es doch so schön: Probieren geht über studieren!
Voller Tatendrang setzte ich meinen Fuß also in die erstbeste Kule und versuchte mich mit den Händen an der Felswand hochzuziehen. Erleichtert atmete ich aus, weil es mir mit etwas Mühe tatsächlich gelang die ersten zwei Meter hochzuklettern. Als ich meinen Fuß allerdings in die nächste Einkerbung setzte, brach diese heraus und mit einem kurzen Schrei rutschte ich die zwei Meter wieder herab, unsanft auf der Wiese landend.
Ich stöhnte. Meine Hände waren voller Schrammen und mein Gesäß würde wegen des Aufpralls wahrscheinlich den ein oder anderen blauen Fleck davontragen.

Gerade wollte ich anfangen frustriert loszufluchen, als ich ein Rascheln und eine Bewegung nur ein paar Meter vor mir im Gras bemerkte. Schnell stand ich auf und was ich dann erblickte ließ mich vollkommen die Fassung verlieren.
Ein Mensch! Zwar sehr verwildert, aber eindeutig ein Mensch! Tatsächlich konnte ich im esten Moment nicht sagen, ob es ein Junge oder ein Mädchen war, aber dieser Mensch schien sogar noch etwas jünger zu sein als ich. Seine dunklen Haare reichten ihm bis zu den Schultern, sie waren glatt, aber ziemlich dreckig und zottelig. Seine Haut war sonnengebräunt und sein recht kleiner, zierlicher Körper steckte mehr in Lumpen, als in richtigen Klamotten. Jedenfalls schien dieses zerissene, dreckige Oberteil mal ein dünner Pullover gewesen zu sein und die zerfetzte Hose vielleicht eine Sporthose.
Er sagte nichts und starrte mich mindestens genauso überrascht an, wie ich ihn. Ich musste irgendetwas sagen! Vielleicht wusste er wo wir hier waren! Ob er hier lebte?

"W-wer bist du?", traute ich mich dann endlich zu fragen.

Er zuckte beim Klang meiner Stimme zusammen und wirkte sofort noch verwirrter. Eine Antwort bekam ich jedoch nicht.

"Wer bist du?", versuchte ich es noch einmal ,"verstehst du mich?"

Wenn dies tatsächlich ein anderes Land war, sprach er vielleicht gar nicht meine Sprache.

Als ich einen Schritt auf ihn zu machte, wurde er plötzlich sichtlich nervös. Er trat einen Schritt zurück und sah so aus als würde er jeden Moment die Flucht ergreifen. Hatte er Angst vo mir?

"I-ich tu dir nichts, keine Angst.", versuchte ich ihn zu beruhigen, aber mit jedem Wort was ich sagte, wuchs in ihm wohl die Unsicherheit und ehe ich mich versah, rannte er los.

"Nein! Warte!", rief ich und lief ihm hinterher. Ich durfte ihn jetzt nicht verlieren! Er war mein einziger Anhaltspunkt auf dem Weg zurück nach Hause! Blöderweise war er wirklich schnell und flink. Selbst ohne den großen Rucksack hätte ich ihn vermutlich niemals einholen können. So war er viel zu schnell aus meinem Blickfeld verschwunden und ließ mich noch frustrierter zurück, als ich ohnehin schon war.

***

Jetzt lief ich schon seit Stunden durch die Wildnis und von dem Menschen-Jungen war immer noch keine Spur. Ja, nach genauem Nachdenken, war ich zu dem Entschluss gekommen, dass es sich um einen Jungen gehandelt hatte. Er war zwar klein und recht zierlich gewesen, aber sonst war sein Körperbau nicht sonderlich weiblich.
So langsam hatte ich das Gefühl, dass ich nicht mehr lange weiter laufen konnte. Mein Körper war müde, meine Füße taten weh und ich bekam Hunger und Durst. Dies konnte unmöglich ein Spiel sein. Das war mir jetzt mehr als bewusst. Irgendwie war ich an diesen merkwürdigen, aber realen Ort irgendwo in einer fernen Wildnis gelandet. Unglaublich aber wahr.

Im Schatten des nächst besten Felsens ließ ich mich nieder. Soeben war mir eingefallen, dass ich eine kleine Flasche Wasser und zwei belegte Brote in meinem Rucksack hatte. Die waren natürlich eigentlich für die Fahrt ins Internat gedacht, aber diese würde ich wie es aussah so bald nun doch nicht antreten können, also was soll's.
Als ich ein Brot gegessen und die halbe Flasche leer getrunken hatte, beschloss ich den Rest erstmal aufzubewahren. Wer wusste schon wann ich hier etwas Essbares finden würde? Auch einen Fluss oder Ähnliches hatte ich noch nicht entdeckt. Wenn es so weiterging würde diese Reise noch als Survival-Abenteuer enden. Seufzend lehnte ich mich gegen den Felsen. Am Horizont ging langsam die Sonne unter. Ob die Nächte kalt waren? Sollte ich die Nacht hier verbringen oder noch ein wenig weiterlaufen? Hier schien es zumindest friedlich zu sein... Mit diesem Gedanken schloss ich die Augen und döste am Felsen lehnend ein.

BOOM...

BOOM...

BOOM...

Was war das für ein Geräusch?

BOOM...

Explosionen?

BOOM...

Tatächlich spürte ich die Erde vibrieren.

Ich riss die Augen auf. Die Sonne war schon fast untergegangen, aber es war noch genug Sonnenlicht da, um meine Umgebung zu erkennen. Einen Moment brauchte ich um mich zu orientieren. Der Felsen, mein Rucksack, aber was-

BOOM...

Ich schreckte zusammen. Was immer diese Geräusche waren, sie wurden lauter und kamen näher! Etwas sagte mir, dass dies kein gutes Zeichen war. Ich stand auf, schulterte meinen Rucksack und presste mich stillschweigend mit den Rücken an die Felswand.

BOOM!

Ich hielt die Luft an, meine Beine zitterten gefährlich, aber mein Instinkt sagte mir ich müsse ganz still bleiben, also gab ich mein Bestes eben dies zu tun. Als plötzlich neben dem Felsen, hinter dem ich stand, ein riesiger Schatten erschien wurde meine Angst erneut auf die Probe gestellt. Was konnte so einen enormen Schatten werfen? Was würde in den nächsten Sekunden hinter dem Felsen hervorkommen?

Was auch immer ich erwartet hatte, DAS war es nicht! Auf einer erschreckenden Höhe erschien neben mir der Kopf eines Tieres- eines Reptils. Das Gute war, dass es mich anscheinend nicht bemerkt hatte, das Schlechte, dass nach dem vergleichweise kleinen Kopf zunächst ein Hals folgte, und noch mehr Hals und noch mehr Hals und schließlich ein gigantischer, schwerer Körper auf vier Füßen, dessen Schritte so laut wie Explosionen waren. Das konnte nicht sein! Ich wusste was ich da sah und in gewisser Weise konnte ich es auch zuordenen, aber das konnte einfach nicht sein!

"Dinosaurier!", quieckte ich schließlich voller Angst und Fassungslosigkeit.

Und das war ein Fehler. Das riesige Reptil blieb aprupt stehen und bog seinen enorm langen Hals viel zu schnell in meine Richtung. Nein! Nein! Nein! Ich werde sterben! Ich will nicht sterben! Voller Panik schloss ich die Augen. Ich spürte wie der Kopf des Tieres näher kam, ich konnte es riechen und beinahe seinen Atem spüren. Nichts auf der Welt würde mich jetzt dazu bringen die Augen zu öffnen. Nichts außer einem Rascheln, ein paar leichtfüßiger Schritte und einem eindeutig menschlichen Laut direkt vor mir.
Als ich die Augen öffnete stand der Junge von heute morgen vor mir, den Rücken mir zugewand und die Arme breit nach links und rechts aus gestreckt. Vor ihm stand nun die ganze gewaltige Statur des langhalsigen Dinosauriers. Was tat er da?! War er lebensmüde?!

"Was machst du da!? Verschwinde, sonst frisst das Ding dich!", rief ich.

Er bewegte sich jedoch keinen Schritt. Tatsächlich begann er einen ganz merkwürdigen Laut von sich zu geben. Es war keine menschliche Sprache. Er klang eher so als versuchte er mit allen Mitteln, die ihm seine menschlichen Stimmbänder erlaubten, einen Tierlaut nach zu machen. Ein hoher, lauter Ton. Ein Mix aus Kreischen und Ächzen.
Völlig perplex beobachtete ich, wie die Riesenechse ihren Hals zurückzog und sich zum Gehen abwandte. Der Junge vor mir ließ die Arme sinken.

"Was.. Wie hast du das gemacht?", stotterte ich.

Dann fiel mir auf, was diese Situation bedeutet hat. Der fremde Junge hatte mich beschützt, hatte mir wahrscheinlich das Leben gerettet.

"Danke! Vielen Dank!", rief ich und meinte es mit jeder Phase meines Körpers ernst.

Dann brach erneut eine Stille ein. Ich wertete es aber schon als Erfolg, dass er nicht sofort wieder wegrannte. Außerdem musste er mir zumindest ein wenig vertrauen, sonst hätte er mir niemals geholfen.
Und tatsächlich drehte er sich nach ein paar Minuten zu mir um, immer noch leicht angespannt, aber deutlich weniger nervös, als heute morgen. Langsam öffnete er den Mund, aber nichts kam heraus. Er schloss ihn wieder und versuchte es erneut. Diesmal konnte ich seine Stimme deutlich hören und auch wenn es nur ein Wort war, was er sagte, ich verstand es und es machte mir Hoffnung:

"Komm."

***

Ich konnte es noch immer nicht fassen. Dinosaurier. Eine Welt voller monströser Riesenechsen. Immer weniger konnte ich mir erklären, wo genau ich hier eigentlich gelandet war, von dem Wie ganz zu schweigen. Kurz musste ich an die Filmreihe Jurassic Park denken, aber das war nur eine Fantasiegeschichte! Es gab keine Dinosaurier mehr auf der Erde!
Zum zehnten mal innerhalb der letzten Stunde warf ich einen Blick über meine Schulter. Zwar war die Sonne mittlerweile untergegangen, doch im Mondlicht konnte ich die riesigen Gestalten nicht weit von mir sehen, wie sie seelenruhig schliefen. Eine ganze Herde langhalsiger Dinos. Mit diesen Dingern im Nacken würde ich niemals ein Auge zu kriegen. Auch wenn sie mir offensichtlich nichts taten, zumindest solange der Kleine in meiner Nähe war. Ich richtete meinen Blick wieder geradeaus und er traf sich sofort mit dem des Jungen, der ihn jedoch schnell wieder abwandte. Er hatte mich zwar hier her gebracht, aber auf eine Erklärung wartete ich noch immer vergeblich. Er war definitiv niemand der große Reden schwang.
Vielleicht war mein Fragenhagel auf ihn aber auch etwas zu viel auf einmal gewesen. Vielleicht sollte ich lieber ganz simpel anfangen.

"Ich bin Leon. Wie heißt du?", fragte ich ihn also leise.

Er schaute mich überrascht an, aber ich war mir sicher, dass er mich verstanden hatte. Trotzdem antwortete er nicht. Mit ihm war es wirklich nicht -

"Joshua."

Ich starrte ihn fragend an: "Was?"

"I-ich ... heiße ... Joshua.", gab er heiser und stockend von sich.

Joshua also! Das war doch schon mal ein Anfang! Plötzlich war ich mehr als zuversichtlich, dass wir bald schon irgendwie miteinander klarkommen würden.

"Freut mich dich kennen zu lernen, Joshua.", lächelte ich ihn an und streckte ihm symbolisch die Hand entgegen.

Zögernd gab er mir schließlich die Seine. Als ich sie vorsichtig schüttelte erschien auf seinem Gesicht zum ersten Mal ein Lächeln. Es stand ihm gut. Beim Händeschütteln fiel mir auf, dass er unerwartet raue Handflächen hatte. Vorsichtig fuhr ich mit meinem Daumen darüber, was ihn offensichtlich verwirrte.

"Warte", sagte ich, als mir etwas einfiel. Kurzerhand griff ich nach meinem Rucksack und durchwühlte ihn nach dem Gesuchten. Eine Minute später hielt ich die Tube mit der Feuchtigkeitscreme in der Hand. "Tada!", machte ich. Ich forderte ihn auf die Hände offen hochzuhalten, was er sofort tat. Dann drückte ich ein wenig von der Handcreme darauf und er begann instinktiv sich die Hände damit einzureiben. Genießerisch hielt er sich die eingecremten Hände vor die Nase. Sogar die Augen hatte er geschlossen.

"Riecht gut, oder?", erkundigte ich mich.

"Sehr gut", bekam ich als Antwort.

"Ich habe auch Shampoo dabei! Wenn wir irgendwo Wasser finden, kannst du dir morgen auch die Haare waschen." Ich wollte nicht unhöflich sein, aber eine Haarwäsche war bei Joshua wirklich nötig.

Seine Augen leuchteten kurz auf, als er sich auch schon zum Schlafen auf den Boden legte. Dieser Junge war schon sehr interessant. Ich war wirklich gespannt, was ich noch so über ihn erfahren würde.

***
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