Wie Regen nach der Trockenheit

Wie Regen nach der Trockenheit

Beitragvon abranka » 20. Apr 2017, 21:04

Happy Birthday, liebe chao!

Ich wünsche dir sehr viel Spaß beim Lesen. ^^ Ich hatte ihn beim Schreiben - auch wenn die Geschichte wirklich komplett explodiert ist. Ich hatte eigentlich nur mit rund 8.000 Wörtern gerechnet... Aber wer konnte vorher ahnen, dass mir mein Protagonist so viel Input liefert?
Mein Inspirationslied zu der Geschichte dürftest du vermutlich kennen: https://www.vevo.com/watch/luke-bryan/you-look-like-rain-(lyric-video)/USUV71602644

Wie Regen nach der Trockenheit

'Cause I'm hell up here on the high wire
You're the hallelujah kind
I'm the dust that spins and the gust of wind that's blowing by
I'm a desert dry
And in my thirsty eyes
You look like rain

(Luke Bryan – You look like rain)


I.
Als er das Gericht verließ, wusste Dudley Dursley, dass er Glück gehabt hatte, aber dennoch senkte sich trotz des warmen Sonnenscheins eine dunkle Wolke übler Vorahnungen auf ihn nieder. Er war mit einer Bewährungsstrafe davongekommen – was natürlich gut war. Aber das hieß auch, dass das polzeiliche Führungszeugnis, das er für seinen neuen Ausbildungsplatz brauchte, diese aufweisen würde – und er ihn somit nicht mehr bekam. Wenn er nicht schnell etwas Neues fand, würde er seine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung auch kaum halten können. Und das allerletzte, was er wollte, war, seine Eltern um Hilfe zu bitten. Die beiden wohl spießigsten Personen unter der Sonne auf diesem Planten wussten ja nicht einmal von diesem Vorfall, der Anklage und jetzt dem Urteil. Dudley dachte auch nicht daran, das in irgendeiner Art und Weise zu ändern. Nein, es würde sich ein anderer Weg finden lassen müssen.

Knapp vier Wochen später war er mit seinem Latein jedoch am Ende. Das Geld war knapp, die nächste Monatsmiete bekam er nur zusammen, wenn er gänzlich auf andere Ausgaben verzichtete, was auch so etwas Lächerliches wie Essen und Trinken einschloss. Er hatte weder einen neuen Ausbildungsplatz noch irgendeinen Job gefunden. Zumindest nichts, was legal gewesen wäre, und so etwas kam für ihn absolut nicht in Frage. Ihm reichte seine letzte Bekanntschaft mit dem Justizsystem. Er musste daraus wirklich keinen Regeltermin machen. Somit blieben ihm noch genau zwei Optionen. Beide mochte er nicht, aber er hatte wohl kaum noch eine Wahl.
Und so stand Dudley an diesem Morgen des 3. März vor dem Haus Grimmauld Place 12, das er nur dank so eines komischen magischen Gegenstands sehen konnte, den sein Cousin ihm vor drei Jahren gegeben hatte. „Für Notfälle“, hatte Harry damals gesagt und Dudley hatte nur spöttisch gegrinst. Als wenn er jemals im Notfall ausgerechnet zu Harry Potter gehen würde.
Und doch stand er jetzt hier. Er argwöhnte, dass Harry mit Absicht ein niedliches Plüschhäschen verzaubert hatte, damit dieser Gang noch schwieriger wurde als er ohnehin schon war. Aber dennoch drückte er das Häschen jetzt fest an sich. Dann atmete er tief durch, straffte die Schultern, richtete sich zu seiner ganzen beeindruckenden Größe von 1,95 Meter auf und klingelte.
Eine schmale rothaarige Frau öffnete die Tür. Harrys Frau. Dudley erkannte ihr Gesicht von der Hochzeitskarte, die er vor rund einem Jahr erhalten hatte. Verständlicherweise waren seine Eltern und er nicht zu der Feier eingeladen gewesen.
Angesichts der Tatsache, wie Harry 17 Jahre bei ihnen aufgewachsen war, war es ihm auch nicht zu verdenken. Es war eher erstaunlich, dass sie überhaupt eine Karte erhalten hatten. Dudley fühlte eine überraschende Woge von Scham und Unsicherheit in sich aufsteigen. Vielleicht war das hier doch nicht bessere von zwei suboptimalen Ideen. Vielleicht war es doch eine viel bessere Idee, sich ganz auf die schiefe Bahn zu begeben.
„Ja?“ Lindsey oder so legte die Stirn in die Falten und sah Dudley arbwartend an. Sie war hübsch, aber definitiv kein Püppchen.
„Hi... Ich... ähm... Ist Harry da?“, stotterte Dudley und kam sich wie der letzte Idiot unter der Sonne vor.
Sie sah ihn prüfend an und rief dann über die Schulter: „Harry, es ist für dich.“
„Komme!“, erklang es von irgendwo aus den Tiefen des Hauses.
Schweigend standen Dudley und die Frau sich gegenüber, bis Harry erschien.
„Dudley!“, rief dieser überrascht aus. „Welch eine Überraschung! Ginny, das ist mein Cousin Dudley.“ Harry lächelte, was Dudley wiederum ehrlich verblüffte. Mit Freundlichkeit hatte er nicht unbedingt gerechnet. Mit der abschätzenden Vorsicht Ginnys konnte er dagegen gut umgehen. Er wusste ja, was sie sah: einen jungen Mann Anfang 20, groß, massig – wenngleich nicht mehr extrem übergewichtig –, eine erkennbar mehrfach gebrochene Nase, abgetragene Klamotten und diesen schrecklichen Plüschhasen.
„Hi Harry, ich...“, setzte Dudley an, doch weiter kam er gar nicht.
„Komm rein, Big D. Nennt man dich noch so?“ Harry winkte ihn herein und zögernd trat Dudley über die Schwelle. Ein kaltes Gefühl überkam ihn dabei.
„Falls sich das komisch angefühlt hat: Sicherheitszauber. Leider notwendig als ungewollte Berühmtheit.“ Harry schnitt eine Grimasse und ging vor. Dudley folgte ihm, während Ginny die Tür schloss und ihm unübersehbar skeptisch nachschaute.
Am Ende des Flurs betraten sie einen größeren Raum, von dem Haus eine Treppe in den ersten Stock führte. Sie gingen jedoch im Erdgeschoss durch eine Tür in eine gemütliche Wohnküche.
„Kaffee, Tee, Wasser? Was kann ich dir anbieten?“, erkundigte sich Harry und bedeutete Dudley, sich auf die Eckbank neben einem glänzenden Kieferntisch zu setzen.
„Tee bitte.“ Dudley lächelte verlegen. Gut sah es hier aus. Weder so abgewohnt und chaotisch wie bei ihm selbst, noch so penibel aufgeräumt und klinisch rein wie bei seiner Mutter. Hier interessierte es offenbar niemanden, was etwaige Besucher denken mochten. Oder man wusste, dass Besucher üblicherweise Freunde waren.
Während Harry die Teekanne holte, musterte Dudley ihn. Sein Cousin sah gut aus. Er war weniger schmal als früher, hatte Farbe ihm Gesicht und bewegte sich mit vollkommener Selbstsicherheit. Die schwarzen Haare standen allerdings noch immer so unmöglich von seinem Kopf ab wie früher schon immer. Dudleys Mutter Petunia hatte diese Frisur immer wahnsinnig gemacht.
„Also, was führt dich her?“ Harry reichte Dudley eine Tasse mit Tee, stellte Milch und Zucker auf den Tisch und ließ sich dann ihm gegenüber nieder.
Ginny war nirgends zu sehen. Offenbar hatte sie sich entschieden, ihren Mann und seinen Besucher allein zu lassen.
„Ich komme lieber gleich auf den Punkt. Smalltalk können wir danach noch halten.“ Harry schnitt eine Grimasse. „Verzeih mir meine Direktheit.“
„Ist schon okay.“ Dudley lächelte. Er drehte die Tasse zwischen seinen Fingern und bemühte sich, seine Nervosität zu unterdrücken. „Ich hätte auch nicht gedacht, dass ich einmal hierher komme und das da brauche.“ Er deutete auf das zerknautschte Häschen, das er auf den Tisch gestellt hatte.
Harry lachte leise. „Ich konnte nicht widerstehen. Wenn du je herkommen solltest, sollte es dir wenigstens weh tun.“
„Glaub mir, das tut es auch so.“
„Dann schieß los.“ Harry nippte an seinem Tee und blickte Dudley aus seinen grünen Augen herausfordernd an.
„Ich brauche deine Hilfe.“ Dudley atmete tief durch. „Frag mich bitte erst einmal nicht nach Details, aber ich habe seit kurzem eine Vorstrafe wegen Körperverletzung. Es war durchaus berechtigt und wenigstens Notwehr. Ich bin nicht mehr der dumme Schläger wie noch als Teenager. Ich habe nur jemanden verteidigt. Jedenfalls... finde ich seither keinen Job. Ich habe keine Ausbildung. Den Platz, den ich hatte, habe ich wegen der Vorstrafe verloren. Die nächste Miete kann ich kaum zahlen und ich weiß nicht, wie ich mir noch etwas zu Essen kaufen soll.“ Er atmete tief durch. „Ich bitte dich, mir zu helfen, einen Job zu finden, eine Ausbildung, irgendetwas. Ich mache wirklich alles. Ganz egal was.“
Harrys Mund klappte auf und wieder zu. Es war unübersehbar, dass ihm ein gutes Dutzend Gedanken gleichzeitig durch den Kopf schoss.
„Zwei Fragen: Bist du dir bewusst, dass ich nur Kontakte in der Zaubererwelt habe? Und: Warum fragst du nicht deine Eltern?“
Dudley seufzte leise. Da war die erwartbare und so schwierige Frage.
„Zu erstens: Ich habe es vermutet und sofern es eine Möglichkeit gibt, werde ich sie ergreifen. Dankbar.“
Harry schaute skeptisch und zog die Augenbrauen hoch, sagte dazu aber nichts. Noch nicht, vermutete Dudley.
„Und deine Eltern?“, hakte Harry nach.
„Das ist schwieriger.“ Dudley seufzte und stellte die Tasse ab, aus der er bislang noch keinen Schluck getrunken hatte. „Vermutlich reicht es dir nicht, wenn ich sage, dass wir mittlerweile ein recht schwieriges Verhältnis haben, oder?“
„Nein.“ Harry lächelte schwach. „Sorry, aber nein. Sie haben dich immer vergöttert. Warum sollte sich das geändert haben?“
Dudley atmete erneut tief durch. Natürlich musste er es sagen. Es war utopisch gewesen zu hoffen, dass das nicht notwendig sein würde.
„Weil ich schwul bin, Harry. Du kannst dir sicher vorstellen, was sie davon halten.“ Er senkte den Blick, um Harrys Reaktion nicht sehen zu müssen. Wieder Unverständnis und Abscheu zu ernten, wie er das von seinen Eltern und seinen sogenannten Freunden erfahren hatte, war nicht unbedingt, was er brauchte.
Doch Harry überraschte ihn. Warm legte er seine Hand auf Dudleys verkrampfte Rechte.
„Ich verstehe“, sagte er sanft.
Und als Dudley aufsah, hatte er das Gefühl, dass Harry ihn wirklich verstand und das nicht nur so dahersagte.
„Vermutlich kommen nicht nur Vernon und Petunia nicht damit klar, sondern deine Gang auch nicht, oder?“
Dudley schüttelte nur den Kopf.
„Scheiße.“ Harry fuhr sich durch die Haare. „Okay... Ich kann nicht glauben, dass ich das sage, aber: Wir kriegen das hin. Ich meine, du hast keinen Grund mir zu glauben. Und ich keinen, das bei dir zu tun. Aber du bist hier und ehrlich zu mir. Du bist Familie und ich werde den Teufel tun und dich hängen lassen. Ich spreche mit Ginny, aber es spricht nichts dagegen, wenn du erst einmal hier bleibst. Und dann schaue ich, was ich für dich tun kann, damit du wieder Boden unter den Füßen bekommst, okay?“ Er sprach immer schneller und Dudley hatte das Gefühl, dass Harry den Plan entwickelte, während er redete.
„Du bist ein Muggel, also wird das in der Zaubererwelt nicht so einfach... Und ich kenne in der Muggelwelt wirklich nichts und niemanden. Aber wir kriegen das schon hin. Ich denke da in Richtung Muggelkunde und so. Damit kennst du dich ja aus. Das Ministerium könnte da vielleicht doch jemanden...“
„Sprich Hermione an, Harry. Sie ist doch die rechte Hand des Zaubereiministers. Und soweit ich weiß, würde Dad vor Freude ausflippen, wenn er einen echten Muggel zum Austausch hätte“, erklang Ginnys Stimme. Sie stand an den Türrahmen gelehnt da und blickte zu den beiden Männern hinüber.
Dudley spürte, wie er rot anlief.
„Ich mache das Gästezimmer fertig. Harry, hilf deinem Cousin, seine Sachen zu holen.“ Sie lächelte dünn. „Wir werden niemanden aus der Familie im Stich lassen, ganz gleich was früher einmal vorgefallen ist. Aber wehe, du lässt es uns bereuen, Dudley.“ Sie sprach sanft, doch in ihrer Stimme lag eine unmissverständliche Schärfe. „In diesem Sinne: herzlich Willkommen, Dudley.“

Als Dudley an diesem Abend in dem Bett im Gästezimmer lag, hatte er das gute Gefühl, dass ihm ein Klotz vom Bein genommen war. Natürlich war es unangenehm, seine Unabhängigkeit mit seiner Wohnung erst einmal aufgegeben zu haben. Aber er hatte letztlich doch keine Wahl gehabt. Was wäre denn die Alternative gewesen? Sich mehr und mehr zu verschulden und in eine noch schnellere Abwärtsspirale zu geraten?
Dudley wusste, dass er nicht unbedingt die hellste Kerze am Kronleuchter war, aber er war auch nicht komplett dämlich.
Gleichzeitig machte ihm aber auch die Situation, in die er sich hier gebracht hatte, Sorgen. Der ganze Zaubereikram war ihm unheimlich. Er verstand ihn nicht und Zauberei war mächtig. Sie war etwas, das er nicht konnte. Wenn er eine Wahl hätte, würde er sich auch nicht darauf einlassen. Aber er hatte nicht das Gefühl, noch eine Wahl zu haben. In seiner Welt schien ihn ja nur Verachtung zu erwarten. Verachtung und Chancenlosigkeit. Ein miserabler Schulabschluss, eine Vorstrafe, keine Ausbildung, schwul – keine Chance. So ließ sich das alles zusammenfassen. Und keine Freunde.
Dudley verschränkte die Arme hinter dem Nacken.
Ja, auch keine Freunde. Die waren mittlerweile auch alle weg.
Die Ironie war, dass er außer Harry wirklich niemanden mehr hatte.

II.
Harry verschwand am frühen Morgen zur Arbeit ins Ministerium. Dudley hatte noch nicht so ganz begriffen, was er dort tat, aber offenbar war er so eine Art Polizist. Ginny dagegen frühstückte in Ruhe mit Dudley und zeigte ihm danach den Rest des Hauses.
„Okay, es wäre schön, wenn du im Haushalt mit anpacken würdest. Kannst du die Wäsche machen und Staub wischen?“ Sie hob die Schultern. „Bei diesem riesigen Kasten ist das eine endlose Arbeit.“
„Sicher.“ Dudley nickte. „Benutzt ihr eine normale Waschmaschine?“
„Ähm...“ Ginny winkte ihm, ihr zu folgen und gemeinsam gingen sie in den Waschkeller. Dort stand eine uralte Waschmaschine. „Hat Harry dir schon mal erklärt, dass elektrische Geräte in der Nähe von Magie nicht oder nur eingeschränkt funktionieren?“
Dudley schüttelte stumm den Kopf.
„Magie stört das elektrische Feld, das die Geräte brauchen. Je stärker das magische Feld ist, also die Menge an Magie, die an einem Ort gewirkt wird, desto größer ist die Störung. Dieses Haus hier hat eine sehr starke magische Absicherung. Nicht nur wegen uns, sondern schon allein historisch bedingt. Harry kann dir das mal erzählen. Jedenfalls, aufgrund dieser Tatsache haben wir kaum elektrische Geräte im Haus. Die wenigen, die wir hier haben, sind verzaubert. Sie funktionieren jetzt mit Magie anstelle von Strom. Das bedeutet, dass diese Waschmaschine hier ihren Dienst mit Magie versieht. Du brauchst aber keinen Zauberstab, um sie zu bedienen, sondern drückst einfach ganz normal die Knöpfe.“
„Das sollte ich hinbekommen. Ich hatte zumindest bislang noch keine rosa Hemden“, erwiderte Dudley.
Ginny grinste. „Das klingt schon mal gut. Das Putzzeug zeige ich dir auch noch. Dann muss ich los.“
„Was arbeitest du?“, erkundigte sich Dudley, während sie die Treppe wieder hochstiegen. Dieses Haus war unglaublich verschachtelt gebaut und er fragte sich, wie lange er wohl brauchen würde, um sich hier nicht ständig zu verlaufen.
„Ich bin Quidditchreporterin für den Tagespropheten.“ Ginny lächelte und Dudley fühlte sich vollkommen dumm und unwissend, weil er absolut keine Ahnung hatte, was Quidditch jetzt schon wieder war. „Ich geb dir eine Zeitung. Schau sie dir an. Dann bekommst du einen besseren Eindruck von unserer Welt. Ich schätze, das ist alles nicht so einfach.“
Sie hatten die Küche erreicht und Ginny blieb stehen, um Dudley demonstrativ zu mustern. „Du lässt dich auf ein ziemliches Abenteuer ein. Du hast wirklich überhaupt keine Ahnung von unserer Welt. Wäre es nicht einfacher, sich in der Muggelwelt zurechtzufinden? Du wirst immer Probleme haben und alles Mögliche nicht tun können, was für uns selbstverständlich ist.“
Dudley presste die Lippen fest zusammen. Sie hielt ihn also für schwach und unfähig. Vermutlich auch für dumm und komplett ahnungslos. Ahnungslosigkeit zeichnete ihn gerade wirklich aus, aber auch die Tatsache, dass er keine große Wahl hatte. Es war ja nicht so, als wenn ihm nicht davor graute, sich auf etwas einzulassen, wovon er wirklich keine Ahnung hatte. Aber das war dennoch der einzige Weg, den er momentan erkennen konnte.
„Ich weiß. Und ich weiß, dass du mich für den größten Idioten auf dieser Welt hältst. Aber... welche Wahl habe ich denn? Ich weiß, dass ich keine Ahnung hab. Keinen Plan. Und dass ich alles falsch machen werde, was geht.“ Dudley schnaufte leicht, weil er so schnell sprach, dass ihm fast die Luft wegblieb. „Ich weiß, dass ich für dich nur ein dicker Dummkopf bin, der deinen Mann als Kind gemobbt hat. Ja, ich war ein böses Kind. Ja, ich war ein böser Teenie. Ich bereue das, okay? Ist nicht so, als wenn ich nicht was dazu gelernt hätte. Von den besten Freunden verprügelt zu werden, weil man feststellt, dass man auf Kerle steht, ändert die Weltsicht übrigens ziemlich. Von den Eltern auf einmal wie etwas angeschaut zu werden, dass der Hund reingeschleppt hat, auch. Ich brauche eine Chance, Ginny. Irgendeine. Und in meiner Welt bekomme ich sie nicht.“
Ginny nickte anerkennend. „Das waren mehr grade Sätze als ich erwartet hätte“, erwiderte sie spöttisch. „Ich lege dir ein paar Bücher raus, die dir helfen werden. Aber hart wird es dennoch werden, Dudley. Falls es klappt. Und davon würde ich gerade wirklich nicht ausgehen.“
Die Ehrlichkeit von Ginnys Worten wusste Dudley durchaus zu schätzen, auch wenn es nicht gerade das war, was er hören wollte. Daher brummte er nur leise: „Mhm.“

Die Lektüre der Zeitungen sorgte schon dafür, dass Dudley einen ersten Eindruck der Zaubererwelt bekam. Die sich bewegenden Bilder fand er äußerst genial. Wenn man das in den normalen Zeitungen umsetzen könnte... Das wäre sicher ein absoluter Verkaufsschlager.
Irgendwann kramte er einen Bleistift – sonst fand er nur komische Schreibfedern und Tintenfässchen, mit denen er nicht zurechtkam – und etwas Papier heraus und begann, Wörter aufzuschreiben, die ihm nichts sagten. Was Muggel waren, wusste er ja aus eigener leidlicher Erfahrung. Aber der Rest...? Er hinterließ viele Fragezeichen bei ihm, auch wenn sich ihm manches durch den Kontext in der Zeitung erschloss.
Insbesondere die Rückblicke auf die Zeit vor fünf Jahren, die offenbar sehr wichtig und bewegt gewesen war, ließen viele Fragen offen. Er erinnerte sich, wie Harry ihnen damals geraten hatte, den Ligusterweg zu verlassen und wie seine Eltern und er das getan hatten. Und er erinnerte sich auch daran, wie er sich von Harry verabschiedet und wie ihn dabei ein mulmiges Gefühl begleitet hatte. Allerdings hatte Dudley damals schon keine Ahnung gehabt, was eigentlich los war, und heute hatte sich das nicht geändert. Er würde Harry unbedingt danach fragen müssen, wenn ihm dieses Buch über die jüngste magische Geschichte, das Ginny ihm als oberstes auf den Stapel gelegt hatte, nicht dabei half.
Dudley griff danach und begann zu lesen.
Sein Zettel mit den komischen Wörtern füllte sich mehr und mehr, aber er gleichzeitig fesselte ihn auch seine Lektüre. Er hatte keine Ahnung gehabt. Keinerlei. Nicht von Harry, nicht von dieser verborgenen Welt. So langsam begriff er, dass er überhaupt nichts wusste, und schlagartig wurde ihm klar, dass Ginnys Zweifel mehr als nur berechtigt waren. Das Ganze hier war vollkommener Irrsinn. Er verstand diese Welt doch absolut nicht – und die meisten Angehörigen dieser Welt verstanden ihn doch genauso wenig. Und er begriff, dass unglaublich schlimme Dinge geschehen waren und dass der kleine, dünne Harry, den er 17 Jahre lang terrorisiert hatte, ein Held geworden war. Einfach so. Dass er offenbar bereit gewesen war, alles zu geben, um vermutlich nichts geringeres als die Welt zu retten. Dudley imponierte das, auch wenn er argwöhnte, dass vielleicht manches in diesem Buch doch etwas übertrieben und dramatisiert sein mochte. Er würde Harry danach fragen. Denn große Dramatik und Selbstdarstellung lagen diesem nun wahrlich nicht. Nein, Harry mochte ziemlich überzeugt von sich und seiner Sichtweise der Welt sein, aber er war auch ehrlich und direkt.

Es war mittlerweile später Nachmittag und wie Ginny gesagt hatte, kamen Harry und sie immer so gegen sechs Uhr nach Hause. Dudley legte Buch und Zeitungen bei Seite und streckte sich. Ihm rauchte der Kopf. Außerdem bekam er Hunger. Bis auf einen kleinen Snack zum Mittagessen – Kekse, Milch, ein paar Chips – hatte er noch nichts gegessen. Die Wäsche hatte er auch mehrfach fast vergessen. Das Putzen hatte er hinten angestellt. Er fand, er brauchte erst einmal tieferen Einblick in die Zaubererwelt. Aber wenn er sich jetzt um das Abendessen kümmerte, würde Ginny ihm das hoffentlich verzeihen. Er war sich ziemlich sicher, dass sie ihn weitaus kritischer und aufmerksamer begutachtete als Harry. Harry wusste, dass er zu nicht allzu viel taugte. Ginny dagegen schien ihn irgendeiner Prüfung zu unterziehen. Zu Dudleys eigener Verblüffung wollte er diese Prüfung aber bestehen und ihr zeigen, dass sie sich irrte. Dass er sehr viel besser und mehr wert war, als sie dachte. Auf irgendeine perfide Art und Weise stachelte sie seinen Ehrgeiz an. Wenn er auf Frauen stehen würde, wäre er sich jetzt sich, dass er sie toll fand. Aber das war es nicht. Nein, eher sprach sie allein durch ihre Anwesenheit und ihre wortlose Kritik einen Ehrgeiz an, von dem er noch nicht gewusste hatte, dass er ihn tatsächlich besaß.
Dudley schaute sich in der Küche um und machte sich dann an eine Bestandsaufnahme, was den Inhalt der Küchenschränke und des verzauberten Kühlschranks sowie der gut bestückten Vorratskammer anging.
Erfreulicherweise fand er Hähnchenfilet, das Ginny wohl für den Abend vorgesehen hatte. Das bedeutete, dass er alles für ein vernünftiges Chicken Tikka Masala zusammen hatte. Denn Dudley konnte manch anderes, aber nicht besonders gut kochen – bis eben auf Chicken Tikka Masala.
Die Zeit zum Marinieren des Fleischs war etwas zu knapp, aber es würde auch so gehen. Er drehte das Radio an, hörte mit halbem Ohr Zaubererschlager und Hexenballaden und machte sich fröhlich mitsummend an die Arbeit.

„Dudley, dein Chikken Tikka Masala ist absolut göttlich.“ Harry lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und legte die Hände demonstrativ auf seinen Bauch. Ginny grinste, prostete ihrem Mann mit einem Glas Kürbissaft zu und nickte bekräftigend.
„Harry hat Recht. Das war wirklich gut. Du musst mir das Rezept unbedingt geben. Das wird meine Mutter umhauen. Und meinen Dad erst.“ Sie lächelte breit.
Dudley genoss das Lob. Es war sehr viel mehr, als er erwartet hatte. Außerdem hatte er beim Essen einige seiner Fragen schon stellen können, auch wenn Harry ihn für eine Zusammenfassung der ganzen Ereignisse rund um den sogenannten Dunklen Lord und seinen Kampf gegen diesen auf später vertröstet hatte.
„Ich kann fürs erste gerne immer abends kochen. Aber ich warne euch: Es gibt wenig, was ich noch so gut kann. Ich brauche ein Kochbuch...“
„Klar, kein Ding. Es gibt welche in der Bibliothek. Aber du kannst auch ein Muggelkochbuch kaufen. Was immer die willst.“ Harry lächelte. „Du bist gerne der Herr unserer Küche.“ Er breitete die Arme aus.
„Von mir wirst du keinen Protest hören“, kicherte Ginny vergnügt. Dann wurde sie ernster. „Hast du mit Hermione gesprochen?“
„Ja. Sie spricht Kingsley an. Sie sagt, ein Muggel im Ministerium ist ein Fall für den Zaubereiminister höchstpersönlich. Kingsley kommt aber erst morgen von einer Konferenz wieder. So lange müssen wir uns noch gedulden.“ Harry sah Dudley aufmunternd an. „Aber sie denkt, dass das eine gute Idee sein könnte. Und wenn wir Miones Unterstützung haben, ist das schon ein halber Sieg.“ Er lächelte, aber Dudley teilte seinen Optimismus nicht so recht. Ihm fehlte noch so viel Wissen, um irgendeine Chance zu haben, halbwegs bestehen zu können. Er würde wohl das erste Mal in seinem Leben wirklich büffeln müssen.
„Könntet ihr mir gleich noch erklären, wie das Zaubereiministerium funktioniert? Gibt es ein Wahlsystem? Was für Abteilungen hat es? Wer tut was?“, fragte Dudley beherzt, denn nicht alles Wissen würde er sich aus Büchern aneignen können. Mal ganz abgesehen davon, dass er heute schon mehr gelesen hatte, als wohl die meiste Zeit während der Schule. Damals gab es Leute, die seine Hausaufgaben für ihn gemacht hatten – hier war das anders.
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Re: Wie Regen nach der Trockenheit

Beitragvon abranka » 20. Apr 2017, 21:05

III.
Am nächsten Morgen war Harry schon aufgebrochen, als Dudley aufstand. Ginny dagegen erwartete ihn am Frühstückstisch. „Guten Morgen. Wir sollten dich heute in der Winkelgasse einmal einkleiden, damit du nicht allzu sehr auffällst, wenn Kingsley dich kennenlernen will. Außerdem bekommst du dann nicht einen ganz so großen Schock, wenn du das erste Mal das Ministerium betrittst.“ Sie hielt inne und lächelte schief. „Wobei ich fürchte, du wirst so oder so ziemlich überwältigt sein. Das ist jeder, der das erste Mal dorthin kommt. Aber vielleicht wird es so etwas besser.“
„Okay“, antwortete Dudley und schenkte sich einen Kaffee ein. Gott sein Dank zogen Ginny und Harry morgens beide eine gute Tasse Kaffee einer Tasse Tee vor. Er war nicht ganz sicher, ob er alles begriffen hatte, was Ginny gerade gesagt hatte, aber im Zweifelsfall würde er sich einfach überraschen lassen.
Nach dem Frühstück gingen sie dann zu dem Kamin in der Eingangshalle.
„Der Kamin ist extra gesichert, aber trotzdem an das Flohnetzwerk angeschlossen“, erklärte sie. „Man nimmt das Flohpulver in die Hand, stellt sich in den Kamin und nennt das Ziel. Man muss recht deutlich sprechen, sonst kommt man nicht da an, wo man eigentlich hin will. Harry hat das beim ersten Mal so richtig schön falsch gemacht.“ Sie schmunzelte etwas.
Dudley beäugte den Kamin skeptisch. Er erinnerte sich, dass irgendwer von Harrys magischen Freunden mal im Wohnzimmer seiner Eltern aufgekreuzt waren und dass er danach irgendwelche Süßigkeiten gegessen hatte, die ihm nicht besonders gut bekommen waren. In Erinnerung an diese Szene lief er rot an. Leider konnte er die Dummheiten der Vergangenheit nicht einfach so auslöschen.
„Okay“, sagte er zu Ginny und nickte.
Sie betrachtete ihn skeptisch und seufzte dann. „Wir gehen zusammen.“ Sie trat in den Kamin, winkte ihn zur ihr, nahm seine schwitzige Hand und griff nach dem Flohpulver. „Winkelgasse!“, sagte sie klar und deutlich.
Die Welt schien auf einen kleinen grünen Punkt zusammenzuschrumpfen und explodierte den Bruchteil einer Sekunde später wieder zu ihrer normalen Größe. Dudley taumelte zwei Schritte bei Seite, knallte gegen die Seitenwand des Kamins und blinzelte verwirrt.
„Alles klar?“ Ginny musterte ihn und er glaubte sogar ein bisschen Besorgnis in ihrer Miene zu erkennen.
„Mhm“, brummte er und rieb sich den Kopf. Dann schaute er sich um und nahm endlich auf, was er hier sah. Er stand in einem Kamin, der offenbar draußen war. Zauberer und Hexen war definitiv komische Leute. Warum baute man einen Kamin unter freiem Himmel?
Er trat vorsichtig aus dem Kamin heraus und sah, dass hier ein halbes Dutzend Kamine dicht an dicht an einer Häuserwand stand.
„Das ist der öffentliche Flohnetzanschluss des Postamtes“, beantwortete Ginny seine unausgesprochene Frage. „Das ist so wie eine Bushaltestelle in eurer Welt.“
„Ah.“ Dudley nickte langsam und rieb sich noch einmal die Schläfe.
Überall waren Leute, unverkennbar Hexen und Zauberer. Viele trugen bunte Umhänge und wild gemusterte Hüte aller Art. Manche sahen vollkommen normal aus. Einige schleppten ihre Einkäufe in großen Tüten mit fremdartigen Logos durch die Gegend. Wieder andere hatten Besen geschultert und manch einer trug einen Käfig mit einer Eule oder irgendeinem anderen Tier. Es herrschte ein lebhaftes Treiben, das eine seltsam fröhliche und freundliche Atmosphäre erzeugte.
Sein Blick glitt weiter zu den Häusern. Diese lehnten sich krumm und schief aneinander. Gemeinsam hatten sie, dass sie alle altmodisch aussahen, aber auch einen ganz eigenen Charme besaßen Manches waren offenkundig reine Wohnhäuser, andere dagegen hatten Ladenlokale im Erdgeschoss, die sich möglicherweise auch weiter nach oben erstreckten. Die Schilder sagten Dudley überhaupt nichts. Natürlich nicht. Hier würde er nicht gerade H&M oder Tesco vorfinden, das war ja schon klar.
„Fertig mit staunen?“
„Mhm.“ Er lächelte Ginny verlegen an. Sie zwinkerte ihm kurz zu und sagte dann: „Lass uns direkt zu Madam Malkins gehen. Ihr Laden ist von allen am besten, um dich aussehen zu lassen wie einer von uns.“
„Aber nicht so bunt.“ Dudley schauderte, als er sich selbst in so einem hellblauen Umhang mit Wolken- oder Vogelmuster vorstellte.
Ginny kicherte. „Nein, ich denke nicht. Da wird sich schon was finden lassen, das zu dir passt. Sei unbesorgt. Und schau mal: Es tragen viele Zauberer auch einfach Jeans und T-Shirts unter den Umhängen. Fürs Ministerium sollten es dann eher Stoffhose und Hemd sein, eine Krawatte vielleicht noch, und ein simpler Tagesumhang. Das wird schon.“ Sie tätschtelte Dudley kurz die Schulter und ehe er auf diese freundschaftliche Berührung reagieren konnte, war sie auch schon losmarschiert und er musste sich beeilen, um mit ihr Schritt zu halten.

Der Laden Madam Malkins Anzüge für alle Gelegenheiten sah eher unscheinbar aus. In einer normalen Einkaufsstraße wäre er wohl daran vorbeigelaufen. Das Schaufenster war eher altmodisch und zeigte einige Schaufensterpuppen mit verschieden gemusterten Umhängen. Zu Dudleys Beruhigung waren aber auch einfarbige darunter. Das Ladenschild war ein wenig verblichen. Eine kleine Glocke bimmelte, als sie den Laden betraten. Es war gerade nichts los und eine stämmige Hexe, die irgendwo in den Sechzigern sein mochte, kam aus dem Hinterzimmer. Sie war komplett in Hellblau gekleidet und musterte ihre beiden Kunden äußerst aufmerksam.
„Hallo, hallo, was kann ich für Sie tun?“
„Hallo Madam Malkin, einmal den jungen Herrn einkleiden bitte. Er braucht eine alltagstaugliche Grundausstattung.“ Ginny deutete auf Dudley.
Sofort schoss Madam Malkin zu ihm weiter, ein Maßband tanzte um herum und Dudley wurde von ihr gänzlich vereinnahmt. Ehe er sich versah, stand er auf einem Schemel im hinteren Ladenbereich, hatte einen dunkelblauen Umhang um die Schultern hängen und ein Schwarm von Stecknadeln sauste um ihn herum. Dudley hielt es für klüger, sich möglichst nicht zu bewegen und am besten gar nichts zu sagen. Er erspähte sich selbst in einem Spiegel, der in der Ecke hing, und verdrehte innerlich die Augen.
Wässrig blaue Augen schauten ihn von dort an. Die dunkelblonden Haare hingen ihm zu weit in die Stirn. Die Ohren standen irgendwie durch die Haare hindurch ab, die Nase sah aus diesem Blickwinkel noch etwas unförmiger aus, als sie es tatsächlich war, und er konnte nicht leugnen, dass da immer noch ein paar Pfunde zuviel auf seinen Rippen waren. Die letzten Tage hatte er zu wenig Bewegung bekommen. Das sollte er dringend wieder ändern. Vielleicht konnte er wieder joggen gehen. Liegestütze konnte er auch mal wieder machen. Und irgendetwas würde sich finden lassen, dass sich zum Hanteltraining missbrauchen ließ...
Die Türglocke ging und unwillkürlich blickte er dorthin. Ein junger Mann kam gerade herein. Er musste ungefähr Dudleys Alter haben. Er hatte dunkle Haut, perfekt geschnittene schwarze Haare und als er den Kopf wandte, konnte Dudley erkennen, dass auch noch ein schmales Gesicht mit hohen Wangenknochen und leicht schräg stehende dunkle Augen dazu kamen. Sein Herz schlug unwillkürlich schneller. Dieser Mann war schlicht und ergreifend umwerfend attraktiv.
Zu Dudleys bodenlosem Entsetzen kam er auf die kleine Dreiergruppe im Hinterzimmer zu. Am liebsten hätte er sich irgendwo versteckt, aber das war hier kaum möglich. Also bemühte er sich, betont gelassen und gleichgültig dazustehen und Madam Malkin ihren Job machen zu lassen.
„Ah, Mr. Zabini. Sie sind gekommen, um Ihren Umhang abzuholen. Einen Augenblick bitte.“ Madam Malkin lächelte den Mann an und winkte ihren Stecknadeln und sonstigen Utensilien stillzuhalten und verschwand im Hinterzimmer.
„Zabini. Es ist doch immer eine Freude, dich zu sehen.“ Ginny blickte von ihrer Zeitschrift auf und lächelte Zabini zuckersüß an.
„Mrs. Potter. Die Freude ist wie immer ganz auf meiner Seite.“ Er deutete eine leichte Verbeugung an. „Was führt dich her?“
Ginny nickte zu Dudley hinüber. „Ein Freund.“
Zabini tat nun genau das, was Dudley die ganze Zeit über befürchtet hatte: Er richtete seine Aufmerksamkeit auf ihn. Nicht, dass es nicht den Teil von ihm gab, der sich genau das gewünscht hätte. Aber dieser Zabini war so unfassbar umwerfend, dass er Dudley – selbst für den unwahrscheinlichen Fall, dass er Männern zuneigt war – niemals auch nur in Erwägung ziehen würde. Trotzdem schlug Dudley das Herz bis zum Hals.
„Und du bist?“, fragte Zabini und Dudley musste auf seiner gedanklichen Liste auch noch hinzufügen, dass dieser Mann eine sexy Stimme hatte.
„Dudley“, antwortete er fest. „Dudley Dursley.“
„Blaise Zabini.“ Blaise streckte seine Hand aus und automatisch hob Dudley die seine, um sie zu schütteln. Er hatte selbst perfekt gepflegte Hände. Seine sahen dagegen wieder einmal aus, als wenn er ein Auto auseinander genommen hätte – nur zumindest in sauber.
Vermutlich roch dieser Kerl sogar gut. Dudley konnte sich nur mit Mühe so weit zusammenreißen, dass er nicht an ihm schnupperte.
„Auf Besuch bei den Potters?“ Blaise trat einen Schritt zurück und musterte Dudley unverhohlen. Dieser schob unwillkürlich den Unterkiefer etwas vor. Er mochte das nicht. Weil er ganz genau wusste, dass er nicht für gut genug befunden wurde. Das wurde er nie.
„So etwas in der Art.“ Er rang sich ein schiefes Lächeln ab.
„So, so.“ Jetzt war es Blaise, der lächelte, aber dieses Lächeln war so leicht und so gemein perfekt. Dudley kam es ein wenig spöttisch vor.
„Mr. Zabini, Ihr Umhang“, unterbrach Madam Malkin die Situation und Dudley hätte nicht dankbarer sein können.
„Herzlichen Dank.“ Höflich und beinahe aalglatt wandte sich Zabini der Schneiderin zu, bezahlte und nahm eine Tüte mit in Richtung Tür.
„Ah, Madam Malkin, ich würde Dunkelblau empfehlen. Mit einem helleren Saum. Das dürfte am besten zu seinen Augen passen“, sagte Zabini zum Abschied. Er ließ keine Möglichkeit, dass ihm geantwortet wurde, sondern die Tür fiel in perfektem Timinig hinter ihm ins Schloss.
Madam Malkin musterte Dudley und nickte. „Und wie immer hat er Recht.“ Sie seufzte leise und ging ins Hinterzimmer, um offenbar einen anderen Umhang zu holen.
„Wer war das?“, fragte Dudley Ginny und zog die Augenbrauen zusammen.
„Das, mein Lieber, war Blaise Zabini. Ein ehemaliger Schulkamerad von Harry und mir. Hast du schon über Hogwarts gelesen?“ Dudley nickte knapp. „Gut, er war ein Slytherin, wir Gryffindors, wir waren nicht gerade Freunde. Ein ziemlicher Schönling, wie du sehen konntest. Er arbeitet im Ministerium bei der magischen Strafverfolgung als Eingreifzauberer. Quasi ist er also ein Polizist. Sieht er zwar nicht nach aus, aber er nimmt seinen Job sehr ernst. Ansonsten ist es eine seiner liebsten Eigenschaften mir auf die Nerven zu gehen, seit ich in der Schule mal seine Avancen abgewiesen habe. Ich glaube, ihn hat damals so gut wie kein Mädchen zurückgewiesen. Insofern könnte das seinem Ego zu schaffen machen. Er war immer extrem wählerisch, was die Mädchen angeht. Keine Ahnung, ob das immer noch so ist.“ Sie hob die Schultern. „Er ist höflich und nett, aber ich glaube, meistens kein einfacher Zeitgenosse. Aber eigentlich kenne ich ihn dafür auch zu wenig.“
Dudley nickte langsam. Das klang eindeutig nach jemandem, den er sich besser sofort aus dem Kopf schlug. Nicht nur, dass das ein Zauberer war, mit dem er niemals würde mithalten können. Schon allein in Sachen Attraktivitätslevel hatte er da kein bisschen Augenhöhe. Nein... Diesen Mann vergaß er besser gleich. Und gleichzeitig wusste er, dass er garantiert die gesamte Nacht von diesem Blaise Zabini träumen würde.

IV.
Die nächsten zwei Tage pendelte sich Dudleys Leben bei Harry und Ginny langsam ein. Sie lernten einander näher kennen und er war erstaunt, mit welchem Mangel an Voreingenommenheit gerade Harry ihm begegnete. Er selbst hätte wohl gänzlich anders an seiner Stelle reagiert. Sie setzen sich an einem Abend einmal gemütlich bei einem Bier zusammen und Harry erzählte ihm die ganze Heldengeschichte. Dudley musste zugeben, dass er durchaus beeindruckt war. Er begriff, dass die Dinge sehr viel dramatischer und gefährlicher gewesen waren, als Harry sie darstellte. Sowieso neigte dieser dazu, sein Licht viel zu sehr unter den Scheffel zu stellen. Alle um ihn herum hatten längst kapiert, dass er ein Held war, während Harry immer noch abwinkte. Das war schon seltsam. Dudley hätte auch hier gänzlich anders reagiert. Allerdings wäre Dudley auch nie auf die Idee gekommen, sich selbst für alle anderen zu opfern. Insofern...
Schließlich sagte Harry beim Abendessen: „Der Zaubereiminister, Kingsley Shacklebolt, möchte dich morgen kennenlernen. Eventuell ergibt sich wirklich etwas für dich.“ Er hob die Schultern, während über Dudleys Gesicht ein ungläubiges Lächeln glitt. „Es hängt ein bisschen davon ab, wie das Gespräch läuft.“ Harry musterte Dudley von oben bis unten und dieser verzog das Gesicht.
„Sei intelligent und höflich und zuvorkommend und möglichst wenig wie du eigentlich bist?“, fragte Dudley. Dabei lächelte er, obwohl ihm gar nicht danach war. Vermutlich würde er dafür nicht gut genug sein. So, wie er für so ziemlich nichts gut genug war. Wahrscheinlich reichte es sogar nicht einmal aus, wenn er einfach nur ein normaler nichtmagischer Mensch sein sollte.
„Nein, eigentlich solltest du einfach nur du selbst sein. Kingsley wird dich vermutlich überraschen.“ Harry lächelte aufmunternd.
„Mhm“, machte Dudley nur.
„Im Endeffekt weißt du doch alles, was er von dir wissen wollen kann“, schaltete sich Ginny ein. „Das ganze Muggelzeug kennst du viel besser als jede Hexe oder jeder Zauberer. Du musst es nur einfach erklären. Wie für kleine Kinder.“ Sie hob die Schultern. „Das bekommst du hin, Dudley. Dank dir weiß ich immerhin endlich, wie ein Muggelsupermarkt funktioniert.“ Dort waren sie am Tag zuvor gemeinsam gewesen, weil Dudley es viel zu aufwändig fand, für alle Einkäufe immer in die Winkelgasse zu reisen. „Und diese Pfandmünzdinger an den Einkaufswagen sind wirklich fies“, ergänzte sie, während Dudley unwillkürlich lachen musste. Der Kampf der resoluten vor nichts Angst habenden Ginny mit dem Einkaufswagen war wirklich zu lustig gewesen.

Das Zaubereiministerium war wirklich so eindrucksvoll, wie Ginny und Harry es ihm vorher gesagt hatten. Es war unglaublich, dass sich dieses gewaltige Bauwerk tatsächlich unter der Erde befand. Und nicht irgendwo unter der Erde, sondern direkt unter London. Wo war hier denn vor lauter U-Bahnen, Kanälen und so weiter der Platz dafür? Dudley konnte nur mit Mühe verhindern, dass er mit offenem Mund alles um sich herum anstarrte.
Harry und er waren über den Kamin angekommen und schritten nun durch die Eingangshalle, in der ein großer Brunnen stand. Ein Zauberer, eine Hexe, dazu noch drei komische Geschöpfe standen dort und blickten gemeinsam in die Runde. Harry erklärte knapp, dass es sich bei den dreien um einen Kobold, einen Hauself und einen Zentaur handelte und dass man den Brunnen vor einigen Jahren umgebaut hatte, um eine neue Politik gegenüber Kobolden, Hauselfen und Zentauren zum Ausdruck zu bringen. Dudley hörte jedoch nur mit halbem Ohr zu. Er war nervös und zupfte an dem Kragen seines Hemdes, der ihm viel zu eng zu sein schien. Die Krawatte störte ihn außerdem. Und der Umhang fühlte sich immer noch wie eine Verkleidung an, auch wenn hier die meisten Männer und Frauen Umhänge trugen.
Sie stiegen in den Fahrstuhl und fuhren damit genau ein Stockwerk. Dudley staunte über die Memos, die an der Decke herumflogen und teilweise mit ihnen hinausschwirrten oder noch weiterfuhren.
„Genial“, murmelte er leise.
„Harry!“ Eine junge Frau mit kastanienbraunem, sehr buschigem Haar lief ihnen entgegen. „Hallo!“ Sie strahlte die beiden an und schien vor Tatendrang und Energie regelrecht zu beben.
„Du musst Dudley sein.“ Sie streckte ihm die Hand hin und Dudley schüttelte sie kurz. Danach umarmte sie Harry freundschaftlich.
„Hallo Hermione.“ Harry lächelte die Freundin warm an. Kurz wünschte sich Dudley, auch solch eine Freundin – oder einen Freund – an seiner Seite zu haben. Jemanden, der ihn schon lange kannte, und mit dem er durch Dick und Dünn gegangen war oder gehen konnte. Tja, aber es brachte ja nichts, Dingen nachzuweinen, die nicht existierten. Stattdessen sollte er sich lieber auf das konzentrieren, was nun vor ihm lag: das vermutlich wichtigste Gespräch, das es aktuell geben konnte.
Er atmete tief durch und bemühte sich, möglichst wenig künstlich zu lächeln. Nur am Rande nahm er wahr, dass Harry und Hermione fröhlich mit einander plauderten und dass sie gemeinsam zu einer großen Tür schritten. Hermione klopfte an, trat kurz alleine ein und winkte sie beide dann hinein, während sie sich wiederum zurückzog.
Es begann.

Der Zaubereiminister Kingsley Shacklebolt sah vollkommen anders aus als Dudley es erwartet hatte. Er hatte eher mit jemandem wie dem Premierminister Tony Blair gerechnet: recht konservativ und älter. Womit er nicht gerechnet hatte, war ein groß gewachsener dunkelhäutiger Mann mit kahlem Schädel, einem goldenen Ohrring und einem leuchtend gelben Gewand mit roten Stickereien.
„Hallo Harry.“ Der Zaubereiminister erhob sich von dem Stuhl hinter dem gewaltigen Schreibtisch, an dem er gesessen hatte. Die gesamte Einrichtung in diesem Büro war groß und sah altmodisch und beeindruckend aus. Alles schien dazu gedacht zu sein, Besucher einzuschüchtern. Dudley musste zugeben, dass das bei ihm funktionierte.
„Und Sie müssen Dudley Dursley sein.“ Die Stimme des Zaubereiministers war dunkel und sehr angenehm. Dudley konnte sich gut vorstellen, dass die Menschen ihm gerne zuhörten.
„Sir, es ist mir eine Freunde, Sie kennenzulernen.“ Dudley schüttelte die ausgestreckte Hand und lächelte nervös. Sie hielten noch ein wenig Smalltalk, bei dem Mr. Shacklebolt Harry fragte, wie es ihm ging und wie alles so lief, ehe es dann ernst wurde.
„Setzen wir uns doch, Mr. Dursley.“ Mr. Shacklebolt deutete auf eine kleine Sitzecke mit einem niedrigen Tisch, auf dem schon Wasser und Tee standen, und vier gemütliche Sessel. „Harry, wir sehen uns nachher.“
„Natürlich.“ Harry nickte und ließ sie alleine.
Nervös setze sich Dudley auf die Kante des Sessels. Er bemühte sich krampfhaft darum, dass weder seine Hände noch seine Knie zitterten und verrieten, wie angespannt er war.
„Also, Harry hat mir erzählt, dass Sie an einer Tätigkeit als Muggelexperte interessiert sind.“ Der Zaubereiminister lehnte sich bequem in seinem Sessel zurück und schaute Dudley äußerst aufmerksam an. Dieser fühlte sich regelrecht durchleuchtet. Seine Nervosität und Anspannung waren wahrscheinlich absolut kein Geheimnis für diesen. „Und dass Sie ein Muggel sind.“
„Ja, Sir, das stimmt.“ Dudley wusste nicht, was er dazu noch mehr sagen sollte, also fasste er sich lieber kurz.
„Sie wären der erste und einzige Muggel im gesamten Ministerium. Nicht, dass ich nicht jemand bin, der sich für Vielfalt einsetzt. Allerdings würde Sie das sehr besonders und einzigartig machen. Außerdem wären Sie allen anderen Mitarbeitern gegenüber im Nachteil. Schlicht und ergreifend, weil sie nicht zaubern können, was für alle anderen hier selbstverständlich ist. Ich glaube, wir haben höchsten einen oder zwei Squibs hier. Und die arbeiten beim Reinigungsdienst oder in der Kantine.“ Mr. Shacklebolt lehnte sich vor. „Warum, Mr. Dursley, sollten wir beide dieses Risiko eingehen? Warum möchten Sie hierher und Teil dieser Welt werden? Und warum sollte ich Sie hier aufnehmen?“
Dudley schluckte. Das waren genau die Fragen, vor denen er sich am meisten gefürchtet hatte und bei denen er Schwierigkeiten damit hatte, sie zu beantworten.
„Das sind sehr berechtigte und sehr schwierige Fragen.“ Dudley lächelte. „Ich denke, das wissen Sie. Und ich weiß das auch.“
Der Zaubereiminister lächelte ebenfalls und ließ seine weißen Zähne aufblitzen. Er füllte ihrer beider Teetassen, während er Dudley damit ein wenig mehr Zeit gab um nachzudenken.
„Ich denke, die einfachste Antwort ist die ehrliche. Ich tue mich schwer in meiner Muggelwelt und bekomme dort keine Chance. Sicher, irgendetwas würde sich finden lassen. Aber wahrscheinlich wäre das nicht unbedingt etwas Legales. Harry ist so freundlich und hat mich bei sich aufgenommen, als ich ganz am Boden angekommen war. Ich gebe zu, ich war nie ein großer Freund von Magie. Sie hat mir früher immer Angst gemacht. Nachdem ich mich jetzt jedoch damit beschäftigt habe, finde ich sie und die Möglichkeiten, die sie eröffnet, faszinierend. Ich finde Ihre ganze Welt faszinierend. Und es wäre schön, wenn ich ein Teil davon werden könnte. Zumindest scheinen Hexen und Zauberer in vielerlei Hinsicht offener und toleranter zu sein als es die normalen Menschen sind. Das hoffe ich zumindest. Sie sind alle so anders und unterschiedlich und kommen dennoch miteinander aus.“ Er stockte. Mr. Shaklebolt hatte bislang nichts gesagt, sondern hörte ihm nur aufmerksam zu. „Was ich Ihnen bieten kann, ist das umfangreiche Wissen eines totalen Muggels. Ich war genauso verbohrt und intolerant, wie es die meisten normalen Menschen sind. Ich weiß, was wir uns einreden, um nicht zugeben zu müssen, dass es Magie tatsächlich gibt. Und ich weiß, wie die Muggelwelt mit ihren ganzen technischen Errungenschaften funktioniert. Wissen Sie, ich war gestern mit Ginny, Harrys Frau, in einem ganz normalen Supermarkt. Für mich war das etwas vollkommen Normales, aber für sie gab es dort haufenweise Dinge, die sie nicht kannte und nicht verstand. Ich konnte ihr alles zeigen und erklären, sodass sie danach gut zurecht gekommen ist. Sicher, es gibt viele muggelgeborene Hexen und Zauberer, die vieles selbst kennen. Und es gibt diejenigen, die auch unsere Welt oft betreten und sich gänzlich unerkannt bewegen. Aber für all diejenigen, die das nicht können, könnte ich hilfreich sein und erklären, wie man nicht auffällt. Ich könnte ihre Abteilung für den Missbrauch von... Ach, Sie wissen schon, die verzauberten Gegenstände. Diese Abteilung. Die könnte ich unterstützen. Oder Ihre Polizei. Damit sie sich unauffällig durch die Straßen bewegen kann. Ich weiß ja, worauf man achten muss...“ Dudley verstummte langsam, denn er hatte das Gefühl, dass er sich noch um Kopf und Kragen redete.
„Sie haben sich viele Gedanken gemacht“, stellte der Zaubereiminister fest. „Und ich weiß zu schätzen, dass Sie ehrlich und offen mit mir sprechen.“
„Aber?“, unterbrach Dudley ihn. Als er die Miene des anderen Mannes sah, lächelte er verlegen. „Verzeihung. Aber das klang sehr nach einem Aber.“
„Es gibt auch auch ein Aber. Ich möchte dieser Sache hier eine Chance geben, weil ich glaube, dass Sie uns wirklich bereichern können und dass wir Brücken zwischen Zauberern, Hexen und Muggeln schlagen müssen. Schon allein, weil sich unsere Lebenswelten immer wieder berühren und überschneiden. Das Aber bedeutet jedoch, dass das sicher nicht einfach sein wird. Denn wir haben in unserer beider Welten es immer mit Menschen zu tun. Und so gerne ich auch behaupten würde, dass Hexen und Zauberer generell offener und toleranter sind als Muggel, so fürchte ich, dass ich nicht für alle sprechen kann. Es hat sich viel in den letzten fünf Jahren getan. Jedoch liegt auch noch viel vor uns. Sie wären für uns ein solch wichtiger Schritt, wenn Sie bereit sind, sich auf dieses Wagnis einzulassen.“
„Sir, das wäre ich mit Freude.“ Dudley strahlte über das ganze Gesicht. Ihm war bewusst, was Kingsley Shacklebolt gerade gesagt hatte, aber das Risiko, nicht akzeptiert zu werden, trug er doch eh die ganze Zeit. Wo das jetzt der Fall war, war doch letztendlich auch egal. Und hier hatte er zumindest Harry und Ginny, die aus irgendeinem für ihn nicht nachvollziehbaren Grund auf seiner Seite standen. Hier war er nicht vollkommen allein.
„Dann lassen Sie uns über die Details sprechen.“ Der Zaubereiminister lächelte breit. „Ich hole nur kurz Hermione dazu. Wenn es um die Origanisation irgendwelcher Dinge geht, ist sie immer um das Hundertfache besser als ich.“
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Re: Wie Regen nach der Trockenheit

Beitragvon abranka » 20. Apr 2017, 21:07

V.
Was auf Dudley in der nächsten Zeit einprasselte, waren haufenweise unterschiedlichste Eindrücke. Der Zaubereiminister hatte kurz durchblicken lassen, dass er schon zuvor ausführlich mit Harry über Dudley gesprochen hatte und sich somit schon sehr sicher gewesen war, diesem eine Chance zu geben. Hermione Granger dagegen trat Dudley gegenüber weitaus skeptischer auf, behandelte ihn aber sehr nett und freundlich. Sie war diejenige, die Dudley erst einmal durch das Ministerium führte, ihm die einzelnen Abteilungen zeigte und für die nächsten Tage genügend Termine organisierte, damit er hier und dort wieder irgendwelche Leute kennenlernen konnte. Vorläufig würde er sich ein Büro mit ihr teilen, ehe sich herauskristallisierte, in welcher Abteilung er vorrangig gebraucht werden würde. Optionen gab es jedenfalls mehr genug.
Und so kam Dudley am nächsten Tag das erste Mal zur Arbeit in das Zaubereiministerium.
Hermione war schon da und begrüßte ihn mit einem freundlichen Lächeln. „Hi Dudley. Ich habe schon mal was vorbereitet.“
„Hallo Hermione“, grüßte Dudley zurück und ließ sich dann überraschen.
„Das hier sind verzauberte Memos. Du musst sie nur noch beschriften und mit der verzauberten Tinte den Namen des Empfänger darauf schreiben. Dann fliegen sie so los, wie all die anderen Memos. Damit kannst du auch Nachrichten durch das Haus schicken.“ Sie drückte Dudley eine Schachtel mit einer nicht gerade geringen Menge an Papier und ein kleines Tintenfässchen in die Hand.
„Vielen Dank.“ Dudley lächelte und stellte die Schachtel auf seinen Schreibtisch.
„Den Rest werden wir in der Praxis feststellen. Sag einfach Bescheid, wenn du merkst, dass dir irgendetwas fehlt und du Probleme mit etwas hast. Dann schaue ich, was für eine Lösung wir dafür finden können.“ Hermione lächelte ihn freundlich an. „Und jetzt entschuldige mich bitte. Ich habe einiges zu tun. Und du solltest dich auf den Weg in den zweiten Stock machen. Du hast in zehn Minuten einen Termin mit Arthur Weasley, dem Leiter des Büros für den Missbrauch von Muggelartefakten.“
„Okay.“ Dudley nickte. Er erinnerte sich dunkel von gestern an den Weg.
„Sonst steht heute für dich nichts mehr an – aber so wie ich Arthur kenne, wirst du heute auch sehr gut beschäftigt sein.“ Sie zwinkerte Dudley kurz zu und eilte dann geschäftig aus dem Raum.
Dudley streifte noch seinen Umhang ab, den er hier drin schlichtweg nicht brauchte, und machte sich dann auf den Weg.

Dudley war stolz darauf, dass es nur wenige Minuten zu spät ankam. Er hatte sich erst einmal verlaufen und war in der Aurorenzentrale gelandet, wo er ausgerechnet Harry in die Arme gelaufen war, der ihm grinsend den richtigen Weg erklärt hatte.
Jetzt wischte er sich noch einmal die Hände an der Hose ab und klopfte behutsam an die Tür des Büros an. Es stand nur ein Schreibtisch in der Mitte des Raumes, dessen Wände mit Regalen zugestellt waren, die sich wiederum unter der Last von Aktenbergen nahezu durchbogen. An den wenigen freien Stellen an den Wänden hingen technische Zeichnungen. Dudley erkannte auf den ersten Blick ein Auto, eine Lokomotive und einen Schaltplan, der vermutlich von einem Computerprozessor stammte. Ein rothaariger Zauberer in den Sechzigern erhob sich von seinem Stuhl und eilte Dudley strahlend entgegen. „Hallo Mr. Dursley. Darf ich Dudley sagen?“, sprudelte er los. „Wir sind uns ja früher schon einmal begegnet, falls du dich daran erinnerst. Es ist ja schon ein paar Jahre her.“ Er schüttelte Dudley heftig und eindeutig zu lange die Hand und dieser befreite sie schließlich behutsam aus dem enthusiastischen Griff des Zauberers.
„Hallo Mr. Weasley.“
„Arthur bitte, mein lieber Dudley.“ Arthur Weasley räumte den Besucherstuhl schnell frei, auf dem sich einige Akten gestapelt hatten. „Wie du siehst, bekomme ich hier nicht oft Besuch. Wir sind eine kleine Abteilung. Mit mir drei Personen. Immerhin sind wir damit einer mehr als die letzten zwanzig Jahre.“ Er rollte die Augen. „Kingsley hat versprochen, dass er sich dafür einsetzen wird, das Büro gegen den Missbrauch von Muggelartefakten weiter auszubauen. Einerseits um ein Signal zu setzen und andererseits, um Muggel besser vor nicht besonders netten Hexen und Zauberern zu schützen. Na ja, viele sind etwas gedankenlos und manche sind einfach nur gemein.“ Er hob die Schultern. „Aber genug davon. Ich brauche dein Expertenwissen.“
„Dafür bin ich hier“, entgegnete Dudley vorsichtig. Langsam erinnerte er sich daran, woher er Arthur Weasley kannte. Das war der Vater von Harrys bestem Freund, dessen Name ihm gerade entfallen war, und wenn er sich nicht vollkommen irrte, auch der Vater von Harrys Frau Ginny. Zumindest letzteres war ihm bewusst gewesen. Und er erinnerte sich gerade an die Aktion mit dem Kamin im Dursley'schen Wohnzimmer.
„Was ich sehr begrüße.“ Arthur lächelte breit. „Nun, Dudley, wie funktioniert das hier...“ Während er sprach, griff er in eine Schublade des Schreibtisches und förderte eine Handvoll verschiedenster Gegenstände zu Tage. Dudley dämmerte langsam, was Hermione vorhin gemeint hatte. Er würde heute wirklich mit kaum jemand anderem Zeit verbringen als mit Arthur Weasley.

Dudley war vollkommen erledigt, als Arthur Weasley ihn gegen sechs Uhr am Abend endlich entließ. Sein Hals tat vom vielen Reden weh und sein Kopf dröhnte. Er hatte zu wenig getrunken und abgesehen von einem Sandwich am Mittag auch nichts gegessen. Er hatte Hunger und er war müde und jetzt schien er auch noch diesen blöden Fahrstuhl nicht wiederzufinden. Offenbar hatte er in seiner Erschöpfung das Schild übersehen, das ihm den Weg gewiesen hatte. Jetzt stand er dagegen ganz offenbar vor einer ganz anderen Abteilung, deren Namen abgekürzt MLES lautete, wie er dem Schild vor einer Milchglastür entnahm. Magical Law Enforcement Squad – die Magische Strafverfolgungspatrouille. Nun, mit magischer Polizei musste er sich heute Abend wirklich nicht noch abgegeben. Dudley wandte sich ab und wollte gerade weggehen, als sich die Tür in seinem Rücken öffnete und jemand hindurch trat.
„Hallo. Kann ich Ihnen helfen?“ Diese Stimme hätte er wohl unter hunderten wiedererkannt. Dudley seufzte innerlich tief, atmete de facto einmal durch und drehte sich wieder um.
„Hi. Ich habe nur den Abzweig zum Fahrstuhl verpasst. Ich finde den Weg schon.“
„Ah...“ Blaise Zabini schaute ihn prüfend an. „Neu hier, oder?“
„Erster Tag.“ Dudley hob die Schultern. Selbstverständlich sah dieser Kerl nach einem langen Tag noch immer aus wie aus dem berühmten Ei gepellt. Helles Hemd, darüber ein dunkler Umhang, schwarze fusselfreie Hosen, glänzende Schuhe, kein Fleck, keine Fusseln, keine Schweißflecken. Dudley wusste, dass er das komplette Gegenteil dazu war: sein Hemd war durchgeschwitzt, er hatte sich Kaffee auf den Ärmel gekleckst und irgendwie schienen sämtliche Fusseln aus Arthur Weasleys Büro den Weg auf seine Hose gefunden zu haben. Außerdem wusste er, dass sein Gesicht vermutlich wieder einmal wunderbar rosig leuchtete, was er persönlich als wirklich absolut unsexy empfand. Wenn es Menschen gab, die schon allein von ihrem Aussehen her wie Tag und Nacht waren, dann waren das er und dieser Blaise Zabini.
„Ah, welche Abteilung?“ Blaise machte keinerlei Anstalten weiterzugehen, sondern schien tatsächlich irgendeine Art von Interesse an diesem Gespräch zu haben. Das verunsicherte Dudley. Warum sollte sich so jemand in irgendeiner Art und Weise – und sei es auch nur aus purer Höflichkeit – für ihn interessieren?
„Bislang noch das Büro des Zaubereiministers. Sie finden noch heraus, wo ich am nützlichsten bin.“ Dudley hob die Schultern. „Musst du auch Richtung Fahrstuhl?“
„Oh, ja.“ Blaise lächelte, als wenn er so von ihrem Gespräch gefesselt gewesen wäre, dass er ganz vergessen hätte, wo er eigentlich hatte hingehen wollen. „Interessant. Dort sortieren Sie sonst nur diejenigen hin, die Kingsley direkt zu arbeiten. Was machst du?“
„Ich bin der neue Muggelexperte.“
Blaises Augenbraue wanderte nach oben. Sogar das konnte er. Dudley hatte noch nie nur eine Augenbraue hochziehen können. „Der was?“
„Der neue Muggelexperte.“ Dudley verdrehte die Augen. „Ist doch eigentlich ganz einfach, oder?“
„Na ja... ich wusste nicht, dass man dafür Experten braucht.“ Blaise hob die Schultern. „Die Unterschiede sind ja jetzt nicht so groß. Nimm die Magie weg und du hast einen Muggel.“
„An sich ja.“
„Gut, dann hast du natürlich noch die ganzen technischen Spielereien und so. U-Bahnen und Autos finde ich persönlich ja ziemlich toll. Aber sonst...“ Blaise zuckte mit den Achseln. „Das einzige Problem ist immer, unter den Muggeln nicht aufzufallen. Wenn wir zu einem Einsatz rausgehen und irgendeinen Verbrecher einfangen sollen, dann ist das immer ein unglaubliches Drama, bei dem am Ende wenigstens bei einem Dutzend Leute das Gedächtnis verändert werden muss. Muggel sind bei sowas immer so empfindlich und reagieren auf Magie gerne so panisch.“ Jetzt war es an Blaise die Augen zu verdrehen. „Wenn du als Muggelexperte da einen Plan für uns hättest, wäre das sehr hilfreich.“
„Ich werde mir Gedanken machen.“ Dudley nahm Blaises Worte einfach hin. Er fühlte sich zwar durchaus angegriffen, aber gleichzeitig auch zu müde, um mit diesem zu streiten. Wozu denn auch? Blaise wusste entweder bereits, dass er ein Muggel war, oder aber er würde es frühzeitig genug erfahren. Und dann würde er sowieso absolut uninteressant für diesen werden. Nicht, dass er jetzt interessant für ihn sein könnte. Nein, das war ausgeschlossen. Auch wenn es da diesen winzigen Teil von ihm gab, der das doch ziemlich toll finden würde.
„Danke. Das kann uns nur helfen. Alles, was den Job etwas reibungsloser ablaufen lässt, ist sehr willkommen. Es ist echt immer sehr abwechslungsreich. An manchen Tagen hat man nur mit Schreibkram, Recherchen und simpler Ermittlungstätigkeit zu tun. Du weißt schon, Leute befragen, sich irgendwelche Gegebenheiten vor Ort anschauen und so. Und dann wieder ist Action angesagt und man jagt irgendwen durch ein Muggeleinkaufszentrum oder durch die Winkelgasse.“ Blaise grinste. „Es ist zumindest mein Traumjob.“
„Klingt ganz gut.“
„Warte, bis ich dir mal ein paar Geschichten erzähle.“ Blaise zwinkerte ihm zu. Sie waren am Fahrstuhl angekommen und er drückte auf den Knopf. „Da schüttelst du am Ende nur den Kopf.“
„Nicht auszuschließen.“ Dudley blieb betont cool und zurückhaltend, obwohl er am liebsten gesagt hätte: 'Schieß los. Nicht irgendwann, sondern jetzt sofort. Ich könnte dir nämlich ewig zuhören.'
„Du bist echt fertig, was?“ Blaise stieß Dudley mit dem Ellbogen kurz in die Seite. „Kopf hoch, die nächsten Tage werden sicher besser. Am Anfang ist man immer total geplättet.“
„Yeah, Arthur Weasley hat mich echt geschafft.“ Dudley fuhr sich durch die Haare. Die würden jetzt wie irre abstehen, aber das war ihm jetzt auch egal. Er wollte nach Hause und in sein Bett. Zu einem sinnvollen Gespräch war er eh geistig nicht mehr fähig.
Blaise lachte. „Kein Wunder. Du warst vermutlich die Antwort auf seine sehnlichsten Wünsche.“
„So hat es sich auch angefühlt.“
Der Fahrstuhl kam an und sie stiegen ein. Dudley entschied, dass sein Umhang bleiben konnte, wo er war. Er wollte jetzt nur nach Hause in den Grimmauld Place. Alles andere konnte definitiv warten.
„Mein Hals tut von dem ganzen Gequassel ganz erbärmlich weh.“ Er schnitt eine Grimasse. Yeah, jammern war auch total sexy.
„Glaub ich dir. Wenn du nicht so fertig aussähst, würde ich dir ja vorschlagen, dass wir einfach noch ein Bier trinken gehen. Aber wenn du den Tag morgen überleben willst, solltest du dich einfach früh ins Bett packen.“
Dudley verschluckte sich fast an seiner eigenen Spucke, so überrascht war er über Blaises Worte.
„Yeah“, erwiderte er somit nur mit rauer Stimme.
Vor den Kaminen trennten sie sich. „Man sieht sich“, sagte Blaise zum Abschied lässig und Dudley hob nur kurz die Hand zum Gruß.
Dann stieg er in den Kamin und benutzte das erste Mal in seinem Leben alleine Flohpulver.

VI.
Dudley lernte schnell, dass es die Hexen und Zauberer gab, die ihm gegenüber aufgeschlossen waren und ihn durchaus schätzen – und dass es diejenigen gab, die ihm mit Vorurteilen und regelrechter Verachtung begegneten. Pansy Parkinson aus der Abteilung für Magische Unfälle und Katastrophen, Abteilung Vergissmich-Zentrale, gehörte zu denjenigen, die ihn nicht ausstehen konnten. Als er dort einen kurzen Vortrag über Muggel und ihre Lebensweise hielt, damit für die Mitarbeiter der Abteilung klarer war, wann sie Vergessenszauber verwenden mussten und welche Entschuldigungen wirklich muggelgerecht waren, strafte sie ihn die ganze Zeit mit Herablassung und niederträchtigen Fragen. Ihr Vorgesetzter wies sie zwar durchaus in ihre Schranken, aber sie machte keinerlei Hehl daraus, dass sie ihn für vollkommen überflüssig hielt. Dudley konnte es ihr noch nicht einmal verdenken. Warum sollte sich jemand, der mit Magie quasi alles erreichen konnte, was er wollte, Gedanken darüber machen, wie das Leben für jemanden war, der das nicht konnte? Insbesondere, wo sie die Macht hatte, jeden Muggel einfach alles vergessen zu lassen, was ihm wiederfahren war? Macht gehörte eben zu den Dingen, mit denen manche Leute einfach nicht umgehen konnten. Und Magie bedeutete Macht.
Das wurde Dudley immer bewusster. Und gleichzeitig wurde ihm auch bewusst, dass er in der Vergangenheit die Macht, die er hatte, auch ausgenutzt hatte. Die Macht, die ihm die bevorzugte Behandlung seiner Eltern und ihre psychische Misshandlung von Harry über diesen gegeben hatte. Die Macht, die ihm seine körperliche Kraft über seine Gang und – wieder – über Harry gegeben hatte. Aber er wusste auch, wie sich der Machtverlust anfühlte, wenn man nämlich auf einmal nicht mehr der war, den alle in einem sehen wollten.
An diesem Abend entschuldigte er sich bei Harry. Ohne Einleitung, ohne irgendeine Begründung. Er entschuldigte sich einfach nur für das, was er als Kind und Teenager getan hatte. Harry nickte dazu nur. Mehr war auch nicht notwendig und mehr hatte Dudley auch nicht erwartet. Manche Dinge musste man einfach einmal aussprechen, damit sie endlich gesagt waren.

Das komplette Gegenteil zu Miss Parkinson war Dean Thomas, der in der Zentrale der Britischen und Irischen Quidditch-Liga arbeitete. Sie waren sich einmal zufällig in der Kantine über den Weg gelaufen. Hermione hatte sie einander vorgestellt und danach waren sie aus dem Fachsimpeln über Fußball gar nicht mehr herausgekommen. Dean war ein riesiger Fan von West Ham United, während Dudley dagegen den FC Chelsea favoritisierte. Die beiden Mannschaften standen diese Saison sehr gegensätzlich da: Chelsea spielte im oberen Viertel mit, während West Ham sich am Ende der Tabelle bewegte. Nichtsdestotrotz bedeutete das interessante Gespräche, die für Dudley eine wunderbare Erholung von all den neuen Eindrücken der Zaubererwelt waren.
Es gab andere Hexen und Zauberer, die sich ihren Gesprächen manchmal anschlossen oder die Dudley auf dem Flur ansprachen und nach seiner Meinung und seiner Erfahrung fragten. Er fühlte sich in den nächsten Zeit allmählich angekommen. Er bekam ein Büro in der zweiten Etage, zwischen dem Büro gegen den Missbrauch von Muggelartefakten und der Magischen Strafverfolgungspatrouille. Dort war momentan einfach Platz und mit Arthur Weasley verbrachte er eh die meiste Zeit, wenn auch dicht gefolgt von Marigold Wood, der Leiterin des Komitees für muggelgerechte Entschuldigungen.
Irgendwie schien er so langsam seinen Platz in diesem lebhaften und auf seltsame Art organisierten Chaos zu finden. Außerdem machte ihm die Arbeit allmählich auch Spaß. Und er lernte viel über die Verbindungen, die längst zwischen der Muggelwelt und der Zaubererwelt bestanden. Denn natürlich gab es nicht nur muggelgeborene Hexen und Zauberer sowie die Squibs. Nein, natürlich gab es auch einen direkten Draht zwischen dem Zaubereiminister und dem Premierminister. Außerdem hatte er festgestellt, dass es gar kein Problem war, von seinem Konto bei der Zaubererbank Gringott's, das er seit kurzem besaß, Geld auf ein Muggelkonto bei der Royal Bank of Scotland zu überweisen, damit er wiederum Muggelgeld zur Verfügung hatte. Er nutzte dieses unter anderem für eine Mitgliedschaft in einem Fitnessstudio, das er wenigstens jeden zweiten Abend aufsuchte. Er tat das einfach für sich, für seine Gesundheit, seinen Körper und zum Stressabbau. Es tat ihm gut und es gefiel ihm, dass er zusehen konnte, wie die Pfunde allmählich purzelten. Er fühlte sich wohler und weitaus selbstbewusster. Er bekam allmählich Anerkennung. Für seine Arbeit und diejenigen, die sich allmählich zu Freunden entwickelten, stellten auch fest, dass er sich körperlich veränderte. Er hatte langsam das Gefühl, an einem Ort angekommen zu sein, wo er sich möglicherweise wirklich wohl fühlen konnte. An einem Ort, an dem die Möglichkeit bestand, das er einfach er selbst sein konnte.

Woran er sich allerdings noch nicht so richtig gewöhnt hatte, war, dass er Blaise nun mit schöner Regelmäßigkeit über den Weg lief. Ihre Büros befanden sich auf der gleichen Etage, sie nutzten die gemeinsame Küche, in der es Kaffee, Tee, Wasser und Kürbissaft gab, und die gleiche Toilette. Das bedeutete, sofern Blaise nicht gerade Außendienst hatte, sahen sie sich nahezu täglich. Und natürlich kamen sie immer wieder ins Gespräch.
„Hey Dudley.“ Der Angesprochene musste sich noch nicht einmal umdrehen, als er angesprochen wurde, während er in der Küche seine Kaffeetasse füllte. Blaises Stimme erkannte er natürlich sofort.
„Hey“, grüßte er lässig zurück und nickte dem anderen freundlich zu. Mittlerweile wusste er, dass Blaise als sogenannter Eingreifzauberer im Endeffekt das machte, was die Bobbies in der Muggelwelt taten. Er hatte auch die eine oder andere Geschichte über seine praktische Arbeit gehört und war angemessen beeindruckt gewesen. Es gehörten offenbar gewisse Talente im Umgang mit Magie und ein schneller Zauberstab dazu, diesen Job effektiv und ohne größere Blessuren auszuüben. Dagegen war er selbst natürlich eine absolute Niete. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass sich sein Hemd langsam über wachsenden Muskeln spannte, und er seine Aufgaben hier im Ministerium erfolgreich erledigte.
Er lehnte sich betont lässig gegen den magisch betriebenen Kühlschrank, während Blaise wiederum nach der Kaffeekanne griff und seine Magic rules-Tasse füllte.
„Oh, bei Merlin, ich sterbe für Kaffee“, seufzte dieser leise.
„Das tust du jeden Morgen“, gab Dudley spöttisch zurück. „Du solltest vielleicht einfach etwas mehr schlafen.“
Ein finsterer Blick traf ihn aus den dunklen Augen. „Das sagt sich so leicht. Wir jagen momentan eine Sabberhexe, die offenbar einige Kinder bedroht hat und dazu neigt, um Kindergärten herumzuschleichen. Wir sind rund um die Uhr im Einsatz und ich war erst heute Morgen um 2.00 im Bett.“
„Dafür siehst du bemerkenswert gut aus.“ Dudley rutschte der Satz raus, ehe er genauer darüber nachgedacht hatte. Gott sei Dank wurde er nicht rot, als Blaise ihn mit geschürzten Lippen ansah.
„Mein Lieber, ich sehe immer gut aus. Das ist der Fluch meiner Familie.“ Theatralisch warf er beide Arme in die Luft und kleckerte dabei mit seinem Kaffee auf den Teppich. „Und genau dieser Fluch sorgt dafür, dass unsere Beziehungen grundsätzlich miserabel laufen. Ich meine, meine Mutter steuert gerade ihre neunte Ehe an. Das sagt schon alles, oder?“ Er nahm einen großen Schluck von seinem Kaffee.
„Manchmal hilft es, wenn man sein bisheriges Muster durchbricht.“ Dudley hob die Schultern. „Aber was weiß ich schon von deinen Problemen?“ Spöttisch spielte er auf die so offensichtlichen Attraktivitätsunterschiede zwischen ihnen an.
Blaise betrachtete ihn über den Rand seiner Kaffeetasse. „Dursley, ich bin für deine Gedankensprünge gerade eindeutig noch nicht wach genug.“
„Ach, ist nicht wichtig...“, murmelte Dudley und widmete seine Aufmerksamkeit seinem Kaffee.
„Wie du meinst.“ Blaise hob die Schultern. „Ich muss zur Teambesprechung. Wir sehen uns.“
Dudley sah der Eingreifzauberer nach, wie er davon schlenderte. Sogar diesen Gang würde er unter hunderten wiedererkennen. Es war doch hoffnungslos. Dudley seufzte leise. Er musste sich wohl doch langsam eingestehen, dass er vollkommen verknallt in diesen Mann war, über den er nicht allzu viel wusste. Und von dem er vor allem überhaupt nicht wusste, ob er überhaupt romantisches Interesse an Männern hatte.

Diese Begegnung an der Küche hatte leider den Effekt, dass er den Rest des Tages mit seinen Gedanken nicht bei der Sache war. Eigentlich musste er einen Vortrag vor der gesamten Magischen Strafverfolgungspatrouille vorbereiten. Deren Abteilungsleiter Louis Macmillan war bislang nicht davon zu überzeugen gewesen, dass es für seine Mitarbeiter von Vorteil sein konnte, mehr über Muggel und ihre Welt zu wissen, um effektiver ihrer Arbeit nachgehen zu können. Nachdem sich Kingsley Shacklebolt höchstpersönlich jedoch eingeschaltet hatte, hatte Louis Macmillan diese Option noch einmal überdacht und Dudley sollte nun am nächsten Tag diesen Vortrag halten. Wenn man es genau nahm, würde das kein reiner Vortrag, sondern vielmehr eine Art Workshop sein. Dudley graute davor, dass ausgerechnet Blaise vor ihm sitzen würde, wenn er sich zum Deppen machen musste. Und das würde er. Blaises Anwesenheit würde schon dafür sorgen. Er musste dringend irgendein Konzept entwickeln, denn er wusste, dass er im Improvisieren selten gut war. Und doch konnte er keinen wirklich klaren Gedanken fassen. Wieder und wieder sah er Blaises Gesicht vor sich, bis er irgendwann am späten Nachmittag aufgab, sich in den frühen Feierabend verabschiedete und zum Sport ging. Dort konnte er wenigstens den Kopf abschalten und sich einfach auf Bewegung, Übungen und Gewichte konzentrieren.

Als er schließlich zurück in den Grimmauld Place kam, warteten Harry und Ginny schon auf ihn.
„Wir haben große Neuigkeiten, Dudley“, sagte Harry strahlend. Er hatte den Arm liebevoll um Ginny gelegt und die beiden umgab ein ganz eigenes Strahlen.
Irgendwie ahnte Dudley, was kommen würde.
„Ich bin schwanger“, verkündete Ginny und ihr Lächeln wuchs noch mehr in die Breite.
„Das ist wunderbar. Ich freue mich für euch“, sagte Dudley ehrlich und umarmte die beiden. Gleichzeitig fragte er sich jedoch, was das für ihn bedeuten mochte. „Wann ist es soweit?“
„Ausgerechnet ist der 23. Oktober. Wir sind schon ganz aufgeregt.“ Ginny drückte vor Begeisterung Harrys Hand so fest, dass dieser leise quietschte.
„Wundervoll.“ Dudley lächelte breit. Er würde zusehen müssen, dass er etwas eigenes fand. Natürlich würden ihn die beiden nicht rauswerfen, aber sie würden eine Familie gründen. Sie würden diese Zeit gemeinsam verbringen wollen. Er war dabei nur im Weg. Oh, bei Merlin, er brauchte unbedingt eine eigene Wohnung. Irgendwie musste er damit anfangen. Ob sich in der Winkelgasse vielleicht etwas finden würde? Eine Muggelwohnung ginge natürlich auch... Aber wenn sie nicht an das Flohnetzwerk angeschlossen war, dann...
Und eine WG mit einem Zauberer oder einer Hexe? Dann hätte er nicht mehr das Problem mit der Magie, die er für den Weg in das Ministerium benötigt... Dudley hatte keine Ahnung, wie er das hinbekommen sollte. Seine Gedanken rasten, während er mit Ginny und Harry anstieß – Harry und er mit dem berühmten Lovegood'schen Lenkpflaumensekt, Ginny mit Kürbissaft. Es würde sich alles ändern. Und das gerade in dem Moment, in dem er anfing, wieder Boden unter den Füßen zu spüren. Jetzt kam er sich vor, wie jemand, der in der Wüste ausgesetzt wurde, und keine Ahnung hatte, in welche Richtung er gehen sollte.
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Re: Wie Regen nach der Trockenheit

Beitragvon abranka » 20. Apr 2017, 21:08

VII.
Dudley versuchte, seine Anspannung zu überspielen und tat betont gelassen und gleichgültig, als er durch den Raum blickte. Das Ministerium besaß Tagungsräume, von denen die Magische Strafverfolgungspatrouille für den heutigen Tag einen reserviert hatte. Er erinnerte Dudley unheimlicherweise sehr stark an einen Klassenraum. Nur, dass er hier der Lehrer sein sollte, was er absolut lachhaft fand. Er kam sich vor wie ein Hochstapler, während er beobachtete, wie zwanzig Hexen und Zauberer nach und nach den Raum betraten. Die meisten kannte er vom Sehen und von kurzen Begegnungen in der Küche. Blaise war natürlich unter ihnen und winkte Dudley im Vorbeigehen lässig zu. Dieser quittierte die Begrüßung mit einem knappen Nicken. Auch Mr. Macmillan kam als letzter dazu und lehnte sich in der letzten Reihe betont lässig an die Wand. Nervös sichtete Dudley seine Karteikarten, auf denen er sich einen Haufen Notizen gemacht hatte. Er hoffe, dass er sich an alles Wichtige erinnern würde. Die Praxis der Muggelwelt war nicht das Problem – schließlich hatte er diese 22 Jahre seines Lebens erlebt und gelebt. Das Wichtigste war die Einleitung. Denn entweder bekam er damit seine Zuhörer oder nicht. Entsprechend hatte er diese noch die halbe Nacht lang geübt, als er endlich mit dem Gegrübel über andere Dinge aufgehört und sich Gedanken um eben diese gemacht hatte.
Gerade als er beginnen wollte, huschte noch Hermione Granger in den Raum und suchte sich einen Platz am Rand. Sie schenkte Dudley ein aufmunterndes Lächeln. Selbst wenn ihre Anwesenheit eine gewisse Kontrolle bedeutete, fühlte er sich doch schlagartig etwas sicherer. Immerhin war dort jemand, der nicht komplett gegen ihn eingestellt war.
„Hallo zusammen“, grüßte er in die Runde. „Mein Name ist Dudley Dursley und ich bin hier als Muggelexperte. Sicher werden Sie sich jetzt fragen: Wozu brauchen wir so jemanden? Denn ein Teil von Ihnen stammt wahrscheinlich aus vollständigen oder teilweisen Muggelfamilien. Und schließlich haben Sie in Ihrem Alltag nicht oft mit der Muggelwelt zu tun.“ Dudley machte eine kleine Pause und zupfte einen Augenblick an seiner störenden Krawatte. „Und genau das ist der Grund: nicht oft. Das heißt, Sie haben mit der Muggelwelt und mit Muggeln zu tun. Sie möchten aber nicht auffallen und Sie möchte nicht, dass Magie und Ihre Lebensart für Muggel allgemein bekannt werden. Deswegen müssen Sie aufpassen. Und hier komme ich ins Spiel. Denn ich sage Ihnen, wie Sie dafür sorgen können, dass Sie nicht auffallen.“
Dudley spürte, wie er jetzt die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer gewonnen hatte. Selbst Mr. Macmillan ließ sich leise auf einem Stuhl nieder. Vielleicht machte er hier doch nicht alles komplett falsch. Kurz huschte sein Blick zu Blaise hinüber, der ihm sein leicht belustigtes und leicht geheimnisvolles Lächeln schenkte.
Dann zwang er seinen Blick von diesem wieder weg und ließ ihn über die Anwesenden gleiten.
„In Ordnung, beginnen wir bei der Praxis. Wer von Ihnen kann mir einen Fall nennen, bei dem Sie in der Muggelwelt tätig werden mussten, vielleicht, um einen flüchtigen Verbrecher einzufangen? Was ist dort passiert?“
Eine junge Hexe hob die Hand, stellte sich kurz als Minna Woodsworth vor und berichtete dann von einer Verfolgungsjagd, die durch die Muggel-U-Bahn geführt hatte.
Dudley schrieb einige Stichworte auf die große Tafel und nachdem sie geendet hatte, schilderte er, wie dieses Geschehen auf die beteiligten Muggel gewirkt hatte und wie man die Situation hätte anders auflösen und weniger von ihnen verhexen müssen.

Gegen Mittag tat Dudley der Hals vom vielen Sprechen weh. Er sollte wirklich dringend lernen, mehr bei solchen Aktionen zu trinken. Aber das hier war sein erster wirklich großer Workshop und er musste sagen, dass er erstaunlich gut lief. Es war zu spüren, dass viele der Teilnehmer ihre Skepsis überwanden und ihm wirklich aufmerksam zuhörten. Sie mochten den Sinn und Nutzen noch nicht alle erkennen, aber immerhin hörten sie ihm zu. Hermione hatte ihn sogar kurz gelobt, als sie an ihm vorbei in die Mittagspause flitzte. Vermutlich machte sie gar keine Pause, sondern sah bei dem Zaubereiminister vorbei, um auch diese Stunde möglichst effektiv zu nutzen. Dudley dagegen konnte die Pause wirklich gebrauchen. Ihm rauchte regelrecht der Kopf. Gierig trank er aus seiner Wasserflasche, während die Hexen und Zauberer den Raum verließen, um etwas Essen zu gehen. Mr. Macmillan nickte ihm sogar anerkennend zu.
Dudley schloss einen kurzen Moment lang die Augen und erlaubte sich, sich etwas zu entspannen.
„Nicht schlecht.“
Er zuckte zusammen und blinzelte den letzten Verbliebenen erschrocken an. Er hatte nicht bemerkt, dass noch jemand anderes im Raum war.
Blaise. Wer auch sonst? Nur mit Mühe unterdrückte er einen leisen Seufzer.
„Danke. Mit Sicherheit ist noch einiges verbesserungsbedürftig. Gibst du mir nachher Feedback? Ich schätze, du wirst mir ehrlich an den Kopf knallen, wenn irgendetwas mies war?“, sagte er und hustete kurz. Seine Kehle fühlte sich an wie mit Sandpapier behandelt.
„Geht klar.“ Blaise grinste. „Ohne Flausch und Samthandschuhe.“ Er neigte kurz den Kopf. „Kommst du mit raus? Mir steht der Sinn nach Fish and Chips. Und du siehst aus, als wenn du auch eine Runde Pommes verdienen könntest.“
„Klingt gut.“ Dudley nickte, noch ehe er wirklich die Information verarbeitet hatte, dass das eine gemeinsame Mittagspause mit Blaise bedeuten würde. Natürlich war das hier rein kollegial. Es wäre dumm, etwas anderes darin zu sehen, auch wenn sein blödes Herz sich das natürlich augenblicklich wünschte. „Aber wehe wir reden über die Arbeit. Das kann ich gerade nicht gebrauchen. Ich muss ein bisschen abschalten.“
„Okay. Das sollten wir hinbekommen. Quidditch kann ich dir anbieten. Oder aber du erzählst etwas über dich.“
Sie verließen den Tagungsraum und machte sich auf den Weg zur Kantine.
„Was willst du wissen?“, fragte Dudley betont lässig. Interesse von Blaise gehörte zu den Dingen, die ihn tief verunsicherten.
„Sind die Gerüchte wahr? Bist du wirklich nicht nur muggelgeboren, sondern ein waschechter Muggel?“ Der Blick aus Blaises dunklen Augen war durchdringend und Dudley erwiderte ihn nur kurz aus seinen wasserblauen. Er hatte eh den Eindruck, dass Blaise ihn vollkommen durchschaute.
„Yeah.“ Dudley schaute starr gerade aus und bog dann nach links zur Kantine ab. „Der erste Muggel im Ministerium. Das absolute Kuriosum und so weiter.“
„Bemerkenswert.“ Mehr sagte Blaise dazu nicht, aber aus Dudleys Sicht musste er das auch nicht. Vermutlich hatte sich jedes auch sonst-wie-geartete Interesse gerade erledigt. Ein bisschen fühlte es sich an, als wenn sein Herz gerade brechen würde. Doch er straffte die Schultern und verbot sich, darüber nachzudenken. Das war wirklich nicht der richtige Zeitpunkt dafür. Außerdem schlug er sich diesen Mann am besten gleich ganz aus dem Kopf. Das war doch eh das Beste.
„Welche Quidditchmannschaft ist dein Favorit?“, lenkte Dudley von dem Thema ab, während sie sich in die Schlange für die Fish and Chips einreihten.

Die Mittagspause war für Dudley nur halb entspannend gewesen. Sie hatten ausschließlich über Dinge gesprochen, die nichts mit der Arbeit zu tun hatten, was auch bedeutete, dass sie das ganze Muggel-Thema weiträumig ausgelassen hatten. Das war schließlich heute Dudleys kompletter Arbeitsinhalt. Blaise hatte sich als Fan der Chudley Cannons entpuppt, über die Dudley allerdings so gar nichts wusste. Er liebäugelte eher mit Puddlemere United, schon allein, weil er deren Hüter Oliver Wood reichlich ansprechend fand. Aber eine wirklich fundierte Meinung hatte er bislang noch nicht zu Quidditch, da er noch kein einziges Spiel gesehen hatte. Der gute alte Fußball war ihm da weitaus lieber.
Zurück in dem Tagungsraum bereitete sich Dudley innerlich auf die nächste Runde vor. Er wechselte nur noch einen kurzen Blick mit Blaise, der ihm seltsamerweise wieder durch und durch ging. Hatte er nicht vorhin noch gedacht, dass er sich diesen Mann aus dem Kopf schlagen musste? Mit Mühe unterdrückte er ein Seufzen. Er war ja sowas von hoffnungslos.

„Wow, Dudley, ich bin wirklich begeistert.“ Hermione überrannte Dudley nach Ende des achtstündigen Workshops regelrecht mit ihrer Begeisterung. „Ich muss zugeben, dass ich sehr skeptisch war, aber du hast das wirklich toll gemacht. Wenn du noch ein bisschen an Aufbau und Konzept feilst, lässt sich die Veranstaltung auf einige andere Abteilungen übertragen und am besten sogar zu einer allgemein verpflichtenden Schulung für Ministeriumsmitarbeiter machen.“ Sie drückte Dudley ein eng beschriebenes Pergament in die Hand. „Hier sind meine Anregungen zur Verbesserung. Schau sie dir einfach mal an und lass uns dann darüber reden.“ Sie strahlte über das ganze Gesicht. „Ich dachte ja, dass Harry übertreibt, als er sich so für dich eingesetzt hat.“ Ihre Miene verfinsterte sich etwas. „Er hat früher erzählt, wie es war, mit dir und deinen Eltern aufzuwachsen. Ich konnte gar nicht verstehen, warum er das überhaupt getan hat. Aber er hatte Recht. Mit allem, was er gesagt hat. Man muss dir wirklich einfach eine Chance geben. Du hast mich absolut überzeugt.“ Sie tätschelte Dudley fröhlich den Arm. „Und jetzt muss ich los. Der Chef wartet mal wieder.“ Noch einmal lächelte sie und erwartete gar nicht erst Dudleys Antwort, sondern rauschte schon durch die Tür.
Dudley schüttelte unwillkürlich den Kopf. Diese Frau war wirklich ein absolutes Energiebündel. Ob sie jemals überhaupt schlief? Sie hatte immer irgendetwas zu tun und meist schon die nächsten drei Dinge in ihrem Kopf. Wie kam sie bloß nie durcheinander?
Und wie zum Merlin schaffte sie es, nach solch einem Tag noch so munter durch die Gegend zu laufen? Er war jetzt vollkommen fertig. Dudley fuhr sich durch die blonden Haare.
„Gute Arbeit, Mr. Dursley. Wir sollten morgen über eine praktische Umsetzung Ihrer Anmerkungen sprechen. Kommen Sie doch um 9.00 in mein Büro“, sagte Mr. Macmillan und reichte Dudley die Hand. Dieser drückte sie überrascht und nickte dann.
„Gerne, Sir. Bis Morgen dann.“
„Bis Morgen.“
Dudley schaute ihm kurz nach und blickte sich dann um. Der Rest der Teilnehmer war bereits gegangen und hatte sich zumeist nur knapp von ihm verabschiedet. Einige hatten ein paar lobende Worte fallen lassen, die ihm gut getan hatten. Offenbar verstand er doch etwas von diesen Dingen hier.
Blaise war der letzte, der den Raum verließ. Er schenkte Dudley im Vorbeigehen nur ein kurzes Lächeln, aber schon wieder war es dieser stille winzigkleine Moment, der diesen bis ins Herz traf. Gefühle waren wirklich vollkommen bescheuerte Dinge.

VIII.
Neben seiner geistigen Beschäftigung mit Blaise, die zu Dudleys Leidwesen sehr viel mehr von seiner Aufmerksamkeit in Anspruch nahm, als er je gedacht hätte, kam er auch nicht von Hermiones Worten los. Wenngleich er mittlerweile der Ansicht war, eine gute neue Beziehung zu Harry aufgebaut zu haben, so hatte sie in ihm doch eine Frage wieder aufgeworfen: Warum? Warum hatte Harry sich entschieden, ihm zu helfen? Warum war er nett zu ihm gewesen? Warum hatte er sich so für ihn eingesetzt?
Und so nutzte Dudley diesen Abend, an dem Ginny ein Quidditchspiel der Holyhead Harpies gegen die Wimborne Wasps besuchte, um Harry bei einem Feierabendbier im Wohnzimmer darauf anzusprechen.
„Harry, eine Frage lässt mich nicht los: Warum hast du mir überhaupt geholfen? Ich meine, ich an deiner Stelle hätte mich ja einfach weggejagt. Warum hast du dir die Mühe gemacht und mir überhaupt eine Chance gegeben?“ Die Worte sprudelten regelrecht aus Dudley heraus. Er machte sich nicht die Mühe, das Thema behutsam anzugehen. Nein, er wollte einfach nur eine klare Antwort haben. Und so langsam lernte er, dass er mit Direktheit immer erstaunlich gut ans Ziel kam und die Antworten erhielt, die er haben wollte. Nicht, dass ihm diese Antworten immer gefielen. Aber immerhin bekam er sie.
„Puh...“ Harry atmete hörbar aus und nahm dann einen großen Schluck von seinem Bier. Er lehnte sich auf der Couch zurück und musterte seinen Cousin aufmerksam. „Weißt du noch, als ihr auf meinen Rat und das Einwirken von Kingsley hin aus dem Ligusterweg geflohen seid? Das war kurz vor meinem 17. Geburtstag und die ganze Sache mit Voldemort spitzte sich gerade zu. Ich weiß noch, wie ihr euch verabschiedet habt. Onkel Vernon und Tante Petunia haben sich bemüht, mich noch zu übersehen, obwohl ich gerade alles dafür tat, um euch das Leben zu retten. Aber du, du hast dich verabschiedet. Unbeholfen und übermäßig cool und unbeteiligt. Aber irgendwie wusste ich in dem Moment, dass du ahnst, dass es um etwas Größeres geht. Und dass mir trotz allem irgendwie etwas an euch liegt. Weil ihr meine Familie seid. Die einzige Familie, die ich je kennengelernt habe. Und ich wusste, dass dir in dem Moment viel von den ganzen Dingen der Vergangenheit Leid tat.“ Harry sprach langsam und leise, aber Dudley hörte ihm sehr aufmerksam zu. „Wir sind nicht wie die Brüder aufgewachsen, die wir hätten sein können, Dudley. Und das lag nicht allein an dir oder mir. Es lag an den Umständen, an der Angst deiner Eltern vor allem Magischen und an Tante Petunias bescheuerter Eifersucht auf meine Mutter. Es hätte anders sein können und vielleicht müssen.“ Er machte eine Pause. Dudley wollte diese gerade füllen, weil sie ihm zu drückend wurde, dann sprach Harry doch weiter: „Es gab eine Zeit, in der ich dich wirklich verabscheut habe. Ja, vermutlich hätte ich damals gesagt, dass ich dich hasse. Wobei aber ehrlich gesagt, Draco immer viel schlimmer war als du. Und da ich selbst mit Draco im Zuge dieses dämlichen Krieges meinen Frieden gemacht habe – warum hätte ich dich danach noch hassen sollen? Ich war nach dieser Schlacht so müde... Ich habe gesehen, wohin Hass die Menschen bringt. Was er sie tun lässt. Ich möchte niemanden hassen. Ich möchte noch nicht einmal jemanden so sehr verabscheuen, dass es an Hass grenzt. Dafür bin ich mir einfach zu schade. Ich möchte nicht werden wie Voldemort. Ich möchte an das Gute in den Menschen glauben. Ich weiß, dass alle ihre Fehler haben, aber ich will immer das Gute sehen können. Das bedeutet, dass man ein Risiko eingeht und dass man manchmal feststellt, dass das eine wirklich dumme Entscheidung war. Aber wenn dem so ist, dann ist dem so.“ Harry lächelte schief. „Ich habe dir immer die Tür offen gelassen, damit du zu mir kommen kannst, wenn du selbst so weit bist. Ich gebe zu, dass Plüschkaninchen war ein kleines bisschen Rache. Ich hätte auch einfach irgendetwas anderes verzaubern können. Und ich gebe zu, wie ein so großer Kerl wie du mit einem Plüschkaninchen in der Hand vor der Tür stand, hatte etwas Lächerliches an sich. Aber Tatsache ist, dass ich mich wirklich gefreut habe, dich dort zu sehen. Damit wir beide unseren Weg gehen können, um die Beziehung zwischen uns in Reine zu bringen. Denn wir sind vielleicht Cousins, aber du warst dennoch immer der einzige Bruder, den ich je gekannt habe. Und weißt du, von den Weasleys habe ich gelernt, was Familie bedeutet. Sie bedeutet auch, dass man weiterhin zueinander steht, wenn einer den Weg verliert. Dass man die Tür offen hält und hofft, dass er den Weg zurückfindet – oder aber um Hilfe bittet. Wie also hätte ich dich stehen lassen können, Dudley?“ Harrys Lächeln wurde wärmer und Dudley musste auf einmal gegen Tränen anblinzeln. Blöde Gefühlsduselei.
„Und dass du bereit warst, dich in die Welt der Magie zu begeben, die dir früher so viel Angst eingejagt hat, hat mir nur verdeutlicht, wie verzweifelt du gewesen sein musst. Also habe ich meinen Heldenstatus benutzt. Es war ein Risiko, ja. Aber eines, das sich voll und ganz ausgezahlt hat.“ Jetzt grinste Harry breit und prostete Dudley mit der Flasche zu. „Auf uns, Big D. Auf einen Neuanfang.“
Dudley hob seine Flasche ebenfalls und erwiderte Harrys Grinsen, während er gleichzeitig eine letzte Träne wegblinzelte. „Auf dich, Harry. Und Danke. Für alles.“
Harry winkte nur ab. „Weißt du, über manche Dinge, sollte man nicht so viele Worte machen. Erzähl mir lieber, was du angestellt hast, dass Hermione nur noch in den höchsten Tönen von dir spricht.“

Es gab zwar im Zaubereiministerium ein schwarzes Brett, an dem auch Wohnungsanzeigen ausgehängt waren, aber bislang hatte Dudley dort noch nichts erspäht, das sich in seiner Preisklasse bewegte und was ihm von der Beschreibung her zusagte. Sicher – für Hexen und Zauberer mochte es keine Rolle spielen, wo auf der Insel sie wohnten. Sie apparierten einfach hierher, aber er war auf das Flohnetzwerk angewiesen. Und er wollte lieber in London bleiben, damit er keinen zu weiten Weg hatte, wenn er auf den Muggelweg angewiesen sein sollte. Er konnte sich ja nicht auf Magie verlassen. Eine WG mit einem Zauberer oder einer Hexe wäre eine andere Option. Vielleicht sollte er eine Anzeige aufhängen. Noch drängte die Zeit nicht, aber er wusste, dass er spätestens im Sommer ausziehen sollte, um Harry und Ginny die Zeit zu lassen, sich gemeinsam auf ihr erstes Kind vorzubereiten.
„Nach was hältst du Ausschau?“
Dudley brauchte sich gar nicht erst umzudrehen, um zu wissen, wer ihn wieder einmal von hinten ansprach. „Dir auch einen wunderschönen guten Morgen, Blaise“, entgegnete er trocken und blickte nur über die Schulter, um Blaise zuzunicken.
„Ebenso. Also, wonach hältst du Ausschau?“, hakte dieser nach. Zumindest mangelnde Hartnäckigkeit konnte man Blaise nicht nachsagen. Dudley hatte nur keine Ahnung, warum er immer wieder bei ihm auftauchte und ihn ansprach. Sie könnten ja genauso gut einfach nebeneinanderher leben und arbeiten. Es war ja nicht so, als wenn sie viel gemeinsam hätten. Eigentlich waren sie schon extrem unterschiedlich, wenngleich da doch eine gewisse gegenseitige Sympathie zwischen ihnen bestand. Eine Sympathie, die von Dudleys Seite aus nun einmal deutlich tiefer ging, was er jedoch weiterhin zu verbergen suchte.
„Wohnungsanzeigen. Ich kann nicht ewig bei Harry und Ginny wohnen.“ Dudley zuckte mit den Schultern. Dabei fiel ihm auf, dass auch dieses Hemd bei der Bewegung leicht spannte. Er musste sich wohl nach neuen Hemden umsehen. Der ganze Sport zahlte sich doch endlich aus. Zumindest fühlte er sich auch besser und wohler in seiner Haut.
„Das ist einleuchtend. Was genau suchst du denn?“
„Was in London, nicht zu teuer. Und so gelegen, dass ich vernünftig hierher gelangen kann. Ich kann ja dummerweise nicht einfach mit einem Zauberstab wedeln und hier auftauchen.“ Er nickte mit dem Kopf in die Apparierzone hinüber, in der gerade zwei Hexen mit einem Knall landeten.
„Oh, apparieren ist ein bisschen mehr als das. Mal abgesehen davon, dass einem dabei meistens ziemlich übel wird. Aber ich verstehe, was du meinst. Du solltest dir vielleicht eine WG suchen.“
„Mhm... Die Idee ist mir auch schon gekommen.“ Dudley zuckte betont lässig mit den Schultern. „Ist nur die Frage, wer einen Muggel als Mitbewohner haben will.“ Er wandte sich von dem schwarzen Brett ab und ging in Richtung Fahrstuhl. Blaise ging neben ihm her. Beinahe automatisch fielen sie in Gleichschritt.
„Weißt du, es gibt tatsächlich Leute, denen das vollkommen egal ist.“
„Und genügend, denen es das nicht ist.“ Dudley verzog den Mund ein wenig. Leider musste er immer wieder feststellen, dass es Kolleginnen und Kollegen gab, die ihn offen oder hinter seinem Rücken als überflüssig bezeichneten oder mit noch weitaus weniger netten Begriffen bedachten. Er bemühte sich, das immer zu ignorieren, aber leicht war es nicht.
„Nun, mir ist es vollkommen egal.“ Kurz berührte Blaise ihn an der Schulter. Irritiert blickte Dudley ihn an. Was sollte das denn jetzt? Normalerweise wahrte Blaise doch immer eine gewisse Distanz. Er lächelte, er war aufgeschlossen, suchte das Gespräch, ging sogar dann und wann mit ihm gemeinsam mittags etwas Essen. Aber Blaise suchte nie körperliche Nähe. Im Gegenteil sogar. Wenn sie sich unterhielten, wahrte er immer einen gewissen Abstand, der wie mit dem Lineal ausgemessen wirkte. Bloß nicht zuviel Nähe zulassen. Genauso wie sämtliche Signale, die Dudley von ihm empfing zwar auf die Distanz immer ansprechend wirkten, aber es aus der Nähe nicht mehr waren. Verwirrend. Vor allem, wenn dann diese kurzen Blicke dazu kamen, die ihn immer ganz und gar berührten.
„Schön zu wissen. Mich kümmert es auch nicht, dass du ein Zauberer bist“, erwiderte Dudley trocken und betrat den Fahrstuhl.
„Tröstlich.“ Blaise lachte und lehnte sich lässig gegen die Wand.
„Für das eine Stockwerk machst du es dir aber sehr bequem“, stichelte Dudley weiter.
„Das liegt in meiner Natur, mein Lieber. Ich kann es mir immer und überall bequem machen. Jeder Raum gehört mir.“ Blaise grinste breit, als sie einen Augenblick später wieder aus dem Fahrstuhl ausstiegen.
„Kein bisschen eingebildet, was?“ Dudley schüttelte den Kopf.
„Nö. Ich weiß, dass ich umwerfend bin.“ Das Grinsen auf Blaises Gesicht wurde noch breiter, während Dudley die Augenbrauen hochzog.
„Klar. Niemand kann dir widerstehen.“
„Kaum jemand. Zumindest konnte es noch niemand, den ich wollte.“
„Na, dann wird es ja mal Zeit für eine Bruchlandung in der Realität.“ Demonstrativ ungläubig schüttelte Dudley den Kopf, während Blaise nur lachte.
„Vielleicht. Aber irgendwie bezweifele ich das.“
Blaise winkte über die Schulter zurück, während er Richtung seines Büros abbog und Dudley geradeaus weiterging. Ein winziges Lächeln lag auf Dudleys Lippen. Das war ja gerade fast so etwas wie ein kleiner Flirt gewesen.
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Re: Wie Regen nach der Trockenheit

Beitragvon abranka » 20. Apr 2017, 21:08

IX.
Im Nachhinein wusste Dudley, dass er diesen 16. Juni vermutlich niemals wieder vergessen würde. Es war ein Montag. Irgendwie war das schon ein wenig sinnbildlich dafür.
Zum ersten Mal hörte er, wie der Alarm bei der Strafverfolgungspatrouille losging, der alle anwesenden Eingreifzauberer in den Einsatz rief. Sein Büro lag nahe genug, dass der Alarm hier kaum zu überhören war. Unwillkürlich schickte er ein Stoßgebet zum Himmel, dass es Blaise gut ging und diesem nichts passieren würde. Dann versuchte er, sich wieder auf seine Arbeit zu konzentrieren. Arthur brauchte diese Auflistung von verschiedenen neuen Muggelsüßigkeiten. Er war mit seiner nämlich irgendwann in den späten 90ern stehen geblieben und seither hatte es doch einige Neuerungen gegeben. Am besten würde Dudley ihm auch ein paar Beispiele besorgen. Dann konnte Arthur die Verpackungen archivieren und natürlich einen ganz uneigennützigen Feldtest durchführen.
„Dudley!“ Eine blonde Hexe stürmte in sein Büro und Dudley zuckte zusammen. Tracey Davis, wenn er sich nicht vollkommen irrte. Sie gehörte zu denjenigen, die ihm sehr skeptisch gegenüber standen, als war er mehr als überrascht, sie hier zu sehen. Insbesondere so plötzlich und aufgeregt.
„Wood und Macmillan wollen dich draußen im Einsatz sehen! Also beweg deinen Hintern und mach dich nützlich!“ Ihre Stimme überschlug sich fast. Dudley sprang auf.
„Zieh das an. Es regnet Einhornkotze draußen.“ Sie warf ihm einen Regenumhang zu und machte bereits auf dem Absatz kehrt, ohne zu warten, dass er sich auch in Bewegung setzte.
Dudley sprintete hinter ihr her zu der Notfallapparierzone der Eingreifzauberer.
Es gab wenige Orte im Ministerium, in denen frei appariert werden durfte. Stattdessen waren einige Notfallbereiche eingerichtet worden, bei denen die Schutzzauber in eben diesen Notfällen deaktiviert wurden. Alarmsituationen gehörten zu diesen Notfällen.
Kurz nahm Dudley zur Kenntnis, dass sich das ganze Training ausgezahlt hatte und er locker mit Tracey mithalten konnte, ohne übelst ins Schnaufen zu geraten oder nach Luft zu japsen.
„Hand!“, befahl sie, als sie Notfallapparierzone erreicht hatten und Dudley ergriff ihre ausgestreckte Linke ohne groß darüber nachzudenken.
Im nächsten Augenblick hatte er das Gefühl, dass sich sein Innerstes nach außen kehrte und wieder zurück. Die ganze Welt drehte sich vor ihm und er bekam keine Luft mehr. Ihm war kotzübel, als er auf dem nassen Asphalt aufschlug, das Gleichgewicht verlor und mit den Knien auf den Boden knallte.
„Sorry. Erstes Mal?“, fragte Tracey, doch ihr Gesicht machte deutlich, dass sie keinerlei Mitgefühl für ihn hegte.
„Yeah“, brummte Dudley und richtete sich auf. Er zog sich die Kapuze über den Kopf, denn es goss wirklich in Strömen. Sie befanden sich vor einem großen Supermarkt irgendwo auf dem Land. Dessen Eingangsbereich war vollkommen demoliert und sah aus, als wenn tatsächlich eine Bombe eingeschlagen hätte. Die Eingreifzauberer sicherten die Umgebung, einige weitere Hexen und Zauberer waren anwesend und wirkten vermutlich den einen oder anderen Illusionszauber. Rettungskräfte der Muggel kümmerten sich um Verletzte, aber Dudley konnte auch einen oder zwei Heiler von St. Mungos ausmachen.
„Mr. Dursley.“ Marigold Wood und Louis Macmillan eilten auf ihn zu. Er kam ihnen ebenso schnell entgegen. Bei all den Handys, die es heutzutage schon gab, musste man damit rechnen, dass die Presse schnell vor Ort war. Sie hatten keine Zeit zu verlieren. In Gedanken ging er bereits durch, was hier am besten zu sagen wäre.
„Was ist passiert?“, fragte er knapp.
Mrs. Wood und Mr. Macmillan gaben ihm abwechselnd eine kurze Zusammenfassung. Demnach hatte ein Zauberer versucht, in diesem Supermarkt einzukaufen. An sich war das kein Problem, aber dieser Zauberer hatte mit psychischen Problemen zu kämpfen und war erst vor zwei Wochen aus St. Mungos abgehauen. Ausgebrochen mochte man fast dazu sagen, denn er war dort in der geschlossenen Abteilung untergebracht gewesen. Als dann der Muggelkassierer seine Knuts und Sickel nicht hatte annehmen wollen, war er ausgeflippt und hatte wahllos mit Zaubern um sich geworfen. Die Heiler von St. Mungos hatten die meisten Flüche bereits rückgängig gemacht, sodass sich die Rettungskräfte jetzt um die Verletzungen kümmern konnten. Entweder hatte der durchgeknallte Zauberer auch einen Explosionsfluch gewirkt, der den Eingangsbereich weggerissen hatte oder aber ein verirrter Zauber hatte eine Gasleitung getroffen. Das war weder aus den Sicherheitskameras noch aus den Erinnerungen der Beteiligten klar ersichtlich gewesen.
„Gasexplosion wäre unsere Erklärung“, sagte Mrs. Wood.
„Bleiben Sie so nah bei der Wahrheit, wie Sie können“, erwiderte Dudley. „Ersetzen Sie den Zauberstab durch eine Waffe. Behaupten Sie, der Mann wollte mit Spielgeld bezahlen und hat dann mit einer Pistole um sich geschossen. Das macht es den Beteiligten leichter. Sie müssen in der Erinnerung nur den Zauberstab durch die Pistole ersetzen. Das wird ihnen leicht fallen, denn eine Waffe erscheint ihnen bedrohlicher als ein Stück Holz.“ Der Regen prasselte auf Dudleys Kapuze und machte es ihm schwer, wirklich zu begreifen, was er hier sah. Er musste schlucken. War das noch die Übelkeit vom Apparieren oder eine andere?
„Sehr gut.“ Mrs. Wood nickte. „Das macht die Arbeit der Vergessenszauberer auch leichter. Erinnerungen zu verfälschen ist auch einfacher.“
„Und es sorgt dafür, dass die Betroffenen die psychologische Behandlung bekommen können, die sie brauchen werden“, murmelte Dudley. Er starrte auf das Chaos.
Mrs. Wood eilte in die eine Richtung davon, während Mr. Macmillan in die andere Richtung Befehle und Anweisungen brüllte.
Dudley dagegen ging wie in Trance weiter. Das Blaulicht der Muggelfahrzeuge erzeugte irritierende Lichtblitze auf dem nassen Asphalt. Seine Kapuze rutschte nach hinten. Der Regen durchnässte binnen Sekunden sein Haar und kaltes Wasser lief ihm in den Nacken. Er bemerkte es kaum. Das Feuer war beinahe erloschen. Es hatte dem Regen und den Löschbemühungen wenig entgegenzusetzen. Er wusste gar nicht, ob es nur die Feuerwehr war, die da löschte, oder ob da auch Magie im Spiel war. Schwerverletzte wurden mit heulenden Sirenen davon gefahren. Beißender Qualm stieg auf und verschleierte die Sicht. Dunkle Flecken aus dem Asphalt wurden langsam weggewaschen. Er hatte das dumpfe Gefühl, dass es sich dabei um Blut handelte. Und manche Dinge, die schon abgedeckt waren oder hektisch eingepackt wurden – waren das etwa Gliedmaßen?
Dudley drehte sich der Magen vollends um. Er sprintete zu dem Gebüsch neben der Parkbucht, an der er gerade stand, und übergab sich geräuschvoll. Danach ging er einige Schritte weiter und blieb an der kleinen Überdachung für die Einkaufswagen stehen. Dort lehnte er sich an und betrachtete aus blicklosen Augen, wie das Chaos allmählich zu Ordnung wurde und alle Beteiligten ihren Job machten. Er dagegen war hier vollkommen überflüssig. Seinen kleinen Teil hatte er gerade geleistet und er konnte ja noch nicht einmal diese ganzen Eindrücke vernünftig verarbeiten.
„Hey.“
Natürlich. Wer sonst sollte ihn in diesem desolaten Zustand vorfinden?
„Hi Blaise“, sagte er matt.
„Du siehst beschissen aus.“
Dudley drehte den Kopf. Er konnte es sich ungefähr vorstellen. Jetzt merkte er auch, dass er nass war und ihm kalt wurde. Aber offenbar hatte es aufgehört zu regnen. Selbst das hatte er nicht mitbekommen. Blaise dagegen sah wie immer schmerzhaft perfekt aus. Seine kurzen dunklen Locken glänzten etwas feucht, aber das war es auch schon. Sogar dass der Saum seines Umhangs nass und dreckig war, schien einfach dazu zu gehören.
„Das erste Mal ist immer am schlimmsten. Das nächste Mal wird es besser.“ Blaise reichte ihm eine Decke, die sich Dudley um die Schultern legte. Erst jetzt merkte er, dass ihm nicht nur kalt wurde, sondern dass ihm längst kalt war. Mit reiner Willenskraft hinderte er seine Zähne daran zu klappern.
„Wird es das? Ich habe doch noch nicht einmal groß etwas gesehen.“ Dudley schüttelte den Kopf. Er kam sich so erbärmlich vor.
„Aber du bist vorhin das erste Mal appariert, oder? Tracey hat gerade so etwas angedeutet. Sie hat wohl ein schlechtes Gewissen, weil sie sich nicht mehr um dich gekümmert hat. Bei jedem anderen hätte sie sich mehr Mühe gegeben.“ Kurz blitzte Wut in Blaises Augen auf.
„Yeah...“
„Danach ist einem immer kotzübel und man ist nicht ganz zurechnungsfähig. Also schieb nicht alles, was dir gerade durch Kopf und Bauch geht, auf dich selbst. Unter anderen Umständen könntest du damit besser umgehen.“ Jetzt war es eine Wasserflasche, die Blaise ihm reichte.
Dudley nahm sie dankbar und spülte sich als erstes den Mund aus. Der Geschmack auf seiner Zunge war einfach widerlich. Danach trank er gierig. Er hatte auch nicht gemerkt, dass er Durst hatte.
„Könnte ich das?“, fragte Dudley. „Ich habe keine Ahnung. Das ist das erste Mal, dass ich die zerstörerische Kraft von Magie wirklich sehe. Was mache ich hier? Was habe ich mir nur dabei gedacht? Ich bin kein Zauberer. Ich habe in dieser Welt doch absolut nichts verloren. Ich bin nur ein dummer, kleiner, fetter Muggel...“ Er schüttelte den Kopf, als seine Selbstzweifel aus ihm herausbrachen. Super, Nervenzusammenbruch vor dem einzigen Typen, den er toll fand. Das war natürlich auch wieder eine Art, sich komplett zu disqualifizieren.
„Dudley, aus dir spricht gerade der Schock. Komm mit.“ Blaise fasste ihn am Arm und ehe Dudley protestieren konnte, waren sie zurück ins Ministerium appariert. Die Notfallplattform funktionierte offenbar noch, denn dort übergab sich das Dudley das zweite Mal an diesem Tag.
Er war durchaus dankbar, dass Blaise das nicht weiter kommentierte, sondern ihn schlichtweg Richtung der Waschräume bugsierte. Er hatte keine Ahnung gehabt, dass es hier so etwas gab. Aber es war natürlich einleuchtend. Die Hexen und Zauberer schoben hier durchaus mal Doppelschichten oder brauchten nach einem Einsatz die Möglichkeit, sich zu waschen und umzuziehen.
Blaise schob ihn in eine der Duschkabinen. „Wärm dich auf. Ich besorg Klamotten, die dir passen.“
Unter dem heißen Wasser begann Dudley, sich allmählich wieder menschlich zu fühlen. Und Gott sei Dank war das hier kein Massenduschraum, sondern es gab Türen und Wände zwischen den Duschen.
Als er sich irgendwann aus seiner Starre löste und das Wasser abdrehte, sah er, dass Blaise ihm schon Handtuch, ein paar Hosen, noch eingepackte Boxershorts, ein T-Shirt und Socken hingelegt hatte. Er trocknete sich ab und zog sich an.
Als er rausging, fragte er sich gedanklich, wo er jetzt hingehen sollte. In sein Büro und weitermachen wie bisher? Und was sollte er mit den nassen Klamotten machen?
„Gib her.“ Blaise nahm ihm den nassen Stapel ab und warf ihn in den Wäschekorb der Abteilung. „Ich such deine Sachen raus, wenn sie fertig sind. Mach dir keine Gedanken drum.“
„Danke.“ Dudley lächelte schief. „So langsam fühle ich mich wieder menschlicher.“
„Gut.“ Blaise erwiderte das Lächeln. „Mach dir keinen Kopf um das, was geschehen ist. Normalerweise machen sie sich mehr Mühe darum, einen auf das alles vorzubereiten. Bei dir haben sie es komplett verflubbert.“ Er schüttelte den Kopf. „Idioten.“
„Hey, ich dachte, das war alles das bescheuerte Apparieren?“, bemühte sich Dudley, einen Witz zu reißen. Wenn er jetzt begann, diese Situation wirklich ernst zu nehmen, dann würde er vermutlich ein Tief haben, aus dem er die nächsten Wochen nicht mehr rauskam. Nein, Ironie und Witz würden ihm jetzt vielleicht helfen. Oder zumindest konnte er den Zusammenbruch noch so weit hinausschieben, bis er alleine war.
„Das hat seinen Teil dazu beigetragen.“ Blaise blieb ernst. „Tee oder Kakao? Wenn dein Magen mitmacht, würde ich dringend zu einem Kakao raten. Schokolade hilft immer und zwar nicht nur gegen Dementorenangriffe.“ Er brachte Dudley zur Küche. Praktischerweise war dort gerade einer der Hauselfen des Ministeriums und freute sich, für die beiden einen Kakao zuzubereiten.
Schweigend warteten die beiden Männer, bis der Hauself fertig war. Sie bedankten sich freundlich und schlenderten dann mit ihren Tassen weiter zu Dudleys Büro. Dort ließen sie sich auf den Stühlen nieder. Dudley hinter, Blaise vor dem Schreibtisch.
Vorsichtig schnupperte Dudley an seiner Tasse, doch sein Magen rebellierte nicht wieder. Im Gegenteil. Von Kakao schien er gerade sogar sehr viel zu halten. Also nahm er vorsichtig einen kleinen Schluck.
Die nächste halbe Stunde, bis Blaise sich wieder zum Dienst melden musste, saßen sie nur schweigend zusammen. Dudley war nicht nach reden und Blaise schien das zu respektieren. Es war ein angenehmes Schweigen, bei dem Dudley erfreulicherweise nicht zu denken brauchte. Die Gedanken kamen erst, als Blaise gegangen war.

X.
Eigentlich hatte sich Dudley die letzten drei Monate in dieser ihm neuen Welt recht wohl gefühlt. Er war sich bewusst gewesen, dass er hier ein gewisser Exot war, ein Fremdkörper, wie ihm manche Leute deutlich gemacht hatten. Aber er hatte auch das Gefühl gehabt, dennoch nützlich zu sein und auf seine Art und Weise irgendwie angekommen zu sein. Es fühlte sich ein bisschen an wie Regen nach einer langen Trockenzeit. Doch jetzt fragte er sich, ob er hier wirklich am richtigen Ort war. Oder ob er sich nicht besser seiner eigentlichen Welt stellen sollte. Der wirklichen Welt. Nicht, der Muggelwelt, wie sie die Hexen und Zauberer nannten. Denn schließlich war er doch nichts anderes als eben ein Muggel.
Er ertappte sich dabei, wie er bereits an diesem Tag danach das Zaubereiministerium mit einem ganz anderen Gefühl im Bauch betrat. Er betrachtete alles anders, distanzierter. Die Zauber, mit denen er so leicht hierher reisen konnte – wie leicht konnte es bedeuten, dass jemand im Büro des Premierministers auftauchte und einfach seine Rolle übernahm. Wie leicht wäre es, irgendjemanden einfach so zu töten – ohne dass irgendwer von den sogenannten Muggeln jemals die Wahrheit erfuhr? Was hinderte die Hexen und Zauberer daran? Wie lange würden sie kein Interesse daran haben, sich über die ganz normalen Menschen emporzuheben?
Wie er in den Geschichtsbüchern gelernt hatte, hatte dieser Voldemort doch genau das vorgehabt. Erst die Welt der Hexen und Zauberer erobern und dann alle nicht-magischen Menschen unterjochen und versklaven für seinen eigenen Nutzen. Weil sie aus seiner Sicht nichts wert waren.
In Gedanken versunken und gänzlich auf Autopilot steuerte Dudley sein Büro an, ließ sich auf den Stuhl sinken und starrte an die Wand.
Was tat er hier? Warum half er diesen Menschen, sich vor seinen eigentlichen Leuten zu verstecken? Weil er sich bei seinem Teil der Menschheit nicht akzeptiert fühlte? Nein, eigentlich war er dort nur davon gelaufen. Weil es schwierig geworden war. Weil er gewusst hatte, dass diese Vorstrafe ihm das Leben schwer machen würde. Und weil er vielleicht viel zu leicht aufgegeben hatte. Im Endeffekt ahnte er doch, dass seine sexuelle Orientierung hier vielleicht weniger eine Rolle spielte, als sie es in der Welt seiner Eltern tat – aber er würde auch dort zurechtkommen. Klar, es würde nicht einfach sein, aber wenn er sagte, warum er sich diese Bewährungsstrafe eigentlich eingefangen hatte, würde das die Dinge vielleicht doch ändern. Außerdem hatte er jetzt etwas, das ihm vor zwei Monaten noch gefehlt hatte: Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein. Er konnte sehr viel mehr, als er je von sich gedacht hatte.
„Dudley?“ Die Tür öffnete sich und Tracey Davis trat ein.
„Oh, hallo.“ Er schaute auf. Es war schon 10.00 Uhr und er hatte noch nichts Sinnvolles zustande gebracht.
„Ich wollte mich wegen gestern entschuldigen. Ich hätte dich vorwarnen müssen, was beim Apparieren passiert, und ich hätte dich nicht einfach alleine lassen dürfen. Es tut mir Leid.“ Sie blickte Dudley nur kurz in die Augen und sah dann zu Boden.
Dudley schob die Unterlippe vor und nickte knapp. „Entschuldigung angenommen. Und jetzt entschuldige mich, ich habe zu tun.“
„Ja, sicher. Aber... vielleicht hast du ja Lust nachher rüberzukommen. Es gibt Kuchen. Ellasbeth hatte am Wochenende Geburtstag und hat welchen mitgebracht. Wir würden uns freuen, wenn du dazu kommen würdest.“
„Danke.“ Er lächelte unverbindlich und wartete, bis die blonde Hexe sein Büro wieder verlassen hatte. Kurz fragte er sich, was wohl geschehen war, dass sie auf einmal auf die Idee kam, sich zu entschuldigen und ihn einzuladen. Kurz hatte er Blaise in Verdacht. Dieser war auf eine verquere Art der einzige, der sich immer für ihn interessiert und Anteilnahme gezeigt hatte. Ja, Blaise würde er schon vermissen. Vermutlich sogar sehr. Gleichzeitig war sich Dudley aber auch darüber im Klaren, dass er gar nicht wusste, ob er überhaupt bereit wäre, sich auf jemandem im Sinne einer Beziehung einzulassen – falls denn Blaise daran Interesse hätte. Und Zweifel hegte er daran sowieso. Dudley seufzte leise.
„Du wirkst richtig positiv.“ Die vertraute Stimme troff nur so vor Ironie.
Wenn man an den Teufel dachte... Dudley rang sich ein Lächeln ab, als er aufblickte. Blaise lehnte lässig in der Tür, die Tracey offenbar nicht geschlossen hatte.
„Wie lange stehst du da schon?“
„Lange genug.“ Lässig trat Blaise ein und ließ sich auf den Besucherstuhl fallen. „Wie geht es dir?“
„Ich frage mich, ob ich überhaupt hier sein sollte“, erwiderte Dudley offen. Warum um den heißen Brei herumreden? Das hatte ihn noch nie weiter gebracht. Direktheit war das neue Zauberwort.
„Was kann ich euch schon bieten? Wissen über die normalen Menschen und ihre Welt? Sicherlich. Was macht ihr daraus? Erobert ihr irgendwann die Welt, so wie es dieser Voldemort vorhatte? Wer weiß.“ Er schüttelte den Kopf. „Ihr habt Macht. Und diese Macht ist ziemlich erschreckend. Und ich frage mich, was ich im Schatten dieser Macht überhaupt verloren habe.“
„Das sind gute und ziemlich berechtigte Fragen.“ Blaise lehnte sich zurück und blickte Dudley aus seinen dunklen Augen forschend an. „Aber frag dich, warum du hergekommen bist. Und ob dieser Grund nicht immer noch Grund genug ist.“
„Warum ich hergekommen bin?“ Dudley lachte heiser auf. „Weil ich gescheitert bin und keine große Wahl hatte, als um Hilfe zu bitten. Und Harry war die bessere Wahl als meine Eltern. Mit denen komme ich momentan nicht besonders gut klar. Sie wissen auch nicht, was ich momentan tue. Sie wissen nicht, was passiert ist... Keine Ahnung, ob sie mich überhaupt wirklich kennen.“
„Und was ist passiert?“, fragte Blaise sanft nach.
„Ich bin vorbestraft.“ Dudley zuckte mit den Schultern. „In meiner Welt ist das nicht gerade hilfreich.“
„Was hast du getan?“ Jetzt runzelte Blaise die Stirn. Es war ihm anzusehen, dass er überrascht war. Das war etwas, was er ganz offenkundig überhaupt nicht erwartet hatte.
„Körperverletzung. Und jetzt tu nicht so, als wenn dich das wirklich so sehr überrascht. Sieh mich an. Sehe ich wie ein Unschuldsengel aus?“
„Nein, das nicht.“ Blaise tippte sich mit einem ironischen Lächeln an seine Nase. „Das ist schon ein recht deutlicher Hinweis“, meinte er und spielte damit auf Dudleys mehrfach gebrochene Nase an. „Aber ich denke, dass du einen guten Grund dafür gehabt haben musst, wenn du so etwas getan hast.“
Dudley seufzte leise. „Interessant. Ich glaube, du bist der einzige, der so denkt.“
„Ich kenne dich mittlerweile schon recht gut. Also, was ist passiert?“
„Da war dieser Junge... Ich kannte ihn aus einer Bar. Er war erst 16, hat sich aber trotzdem reingemogelt. So viele Möglichkeiten gibt es für schwule Jungs halt nicht. Ich bin kurz nach ihm rausgegangen und habe gesehen, wie ihn vier andere Jungs auf der Straße verprügelt haben. Einfach, weil er aus einer Schwulenbar kam. Also habe ich mich eingemischt.“ Dudley hob die Schultern. „Der eine Prügler war der Sohn von irgendeinem Kerl aus dem Oberhaus. Der hatte den besseren Anwalt.“
Blaise nickte verstehend. „Also hast du im Endeffekt nur jemandem geholfen und bist dafür bestraft worden.“
Knapp neigte Dudley den Kopf. Ihm ging erst jetzt auf, dass er Blaise gegenüber gerade angedeutet hatte, dass er schwul war. Nun, früher oder später wäre das eh passiert. Dann sollte das doch lieber so beiläufig der Fall sein als hochdramatisch als große Erklärung.
„Nun, ich würde sagen, dass das nicht besonders fair ist. Und es ist mit Sicherheit nichts, wofür man sich in irgendeiner Art und Weise schämen müsste. Eher ist es traurig, wenn dir das irgendwelche Möglichkeiten verbaut. Aber du bist hier. Du hast die Entscheidung hierfür getroffen. Keine schlechte Entscheidung, wie ich finde, denn wir wären uns sonst wohl eher nicht über den Weg gelaufen. Und das wäre durchaus schade.“ Ein breites Lächeln erhellte Blaises ernstes Gesicht.
„Stimmt schon.“ Dudley rang sich ebenfalls ein Lächeln ab. „Es ist nur... ich bin hier hilflos.“
„Bist du nicht.“ Blaise schüttelte den Kopf. „Sicher, du kannst nicht zaubern – und? Du zeigst aber die ganze Zeit, dass du uns dennoch etwas beibringen kannst. Schon allein den Respekt vor Menschen, die anders sind. Du solltest nicht vergessen, dass wir dazu neigen, in einer sehr abgeschlossenen Welt zu leben. Auch diejenigen, die aus reinen Muggelfamilien stammen, wenden sich am Ende nahezu vollständig dieser magischen Welt zu. Sie können nämlich nur hier sein, wer sie wirklich sind. Denn frag dich umgekehrt einmal, was Muggel tun würden, wenn sie von uns wüssten. Wenn sie wüssten, wozu Magie in der Lage ist. Wer würde am Ende wen ausnutzen und beherrschen wollen?“ Er zuckte mit den Schultern. „Es gibt immer zwei Seiten von einer Medaille. Im Moment haben wir ein ganz gutes Gleichgewicht gefunden. Aber ich denke, gegenseitiges Verständnis dürfte uns auf jeden Fall weiterbringen. Und ehrlich: Ich wäre in einem Muggelsupermarkt sicher auch total aufgeschmissen.“ Ein entwaffnendes Lächeln zog seine Mundwinkel nach oben.
Dudley konnte nicht anders als dieses zu erwidern. „Nun, du hast zumindest jemanden, der dir das System Supermarkt erklären kann und dich bei deinem ersten Besuch auch durchaus begleiten würde.“
„Du weißt, dass ich auf das Angebot definitiv zurückkommen werde, oder?“
„Das kannst du gerne tun.“ Dudleys Lächeln wurde entspannter. Er hatte das Gefühl, als wenn ein gewisser Druck von ihm genommen worden wäre, bei dem er gar nicht gewusst hatte, dass er da war. Er fühlte sich, als wenn er wieder freier atmen könnte. Auch wenn er sicherlich noch genug hatte, worüber er nachdenken und was er für sich an Gefühlen und Gedanken sortieren musste.
„Also ist unser erstes Treffen außerhalb der Arbeit dann ein Muggelsupermarkt?“, fragte Blaise und zwinkerte ihm zu.
Unwillkürlich runzelte Dudley die Stirn. Wie war das jetzt wieder gemeint?
„Ein Bier mit Fish and Chips wäre auch eine Option“, entgegnete er betont lässig, während sein Herz einen Satz machte.
„Heute Abend?“ Blaise grinste breit.
„Okay...“, erwiderte Dudley und gab dann doch seiner Verunsicherung nach. „Als freundschaftlich-kollegiales Treffen oder als... was anderes?“
„Ich hätte nichts dagegen, wenn es 'was anderes' im Sinne eines Dates wäre.“ Blaise erhob sich. „Das wäre äußerst reizvoll.“
„Okay.“ Dudley stand ebenfalls auf. „Okay, ein Date. Aber ohne große Versprechen oder so. Keine Ahnung, ob ich überhaupt...“
„Oh, bei Merlin, Dudley. Das ist ein erstes Date. Warte ab, was daraus wird. Danach können wir uns den Kopf zerbrechen, ja?“ Blaise verdrehte die Augen und lachte dann auf. „Ich hole dich um 6.00 ab.“
Ein schiefes Lächeln auf den Lippen sank Dudley auf seinen Stuhl zurück. Es stimmte: Wer wusste schon, was die Zukunft bringen mochte. Vor nicht allzu langer Zeit hätte er sich ja auch nicht hier gesehen. Er wusste noch nicht, ob das hier ein Ort war, an dem er bleiben wollte. Aber das würde die Zeit schon zeigen.
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