Märchenstunde (P-12)

Märchenstunde (P-12)

Beitragvon Ria » 29. Aug 2010, 21:12

Autor: Ria

Beta: Alraune

Pairing: Blaise/Draco

Genre: Romanze/Humor

Warnungen: Fluff, Lime (aber nur ganz wenig, also für meine Verhältnisse sozusagen gar nicht), oh, und Crossdressing

Rating: ab 12

Disclaimer: Wenn alles mir gehören würde, wären es keine Kinderbücher mehr – von daher: Nix mir, alles JKR

Widmung: Für Abranka. Alles Liebe, Frohe Weihnachten und einen Guten Rutsch!

Anmerkung: Sollten Fehler zu finden sein, ist das nicht Alraunes Schuld. Ich konnte es nur wieder mal nicht lassen, bis zum letzten Moment an der Story herumzubasteln ^_~


Im Slytherinkerker…

„Draco, bitte!“

„Nein!“

„Ich flehe dich an!“

„Da kannst du flehen, bis du schwarz wirst!“

„Biiiiiiitteeeeeeeee!“

„Niemals!“

Ein paar Stunden später…

„Wie herzlos kann man sein?“

„Ich bin nicht herzlos!“

„Dann hilf mir!“

„Nein! Und jetzt steh endlich auf und lass mein Bein los, Pansy! Das ist doch total albern!“

„Erst wenn du ja sagst!“

Unzählige Stunden später…

„Draco… Bitte!“, krächzte Pansy, die inzwischen heiser war, zum gefühlten millionsten Mal flehentlich..

„Vergiss es, Parkinson! Nicht mal, wenn mein Leben davon abhängen würde!“

Pansy schloss die Augen, flehte um Geduld und rieb sich die pochende Stirn, bevor sie einen weiteren Versuch wagte.

„Es ist nicht so, als hätten wir eine Wahl, Draco…“ Sie biss sich auf die Unterlippe, riss die Augen auf und blickte ihr Gegenüber bittend an. „Soll ich etwa Millicent die Rolle geben?“

Draco zuckte gelassen die Schultern und der Schmerz in Pansys Schläfen raubte ihr beinahe den Verstand, als sie sich daran erinnerte, wie sie in diesen Schlamassel geraten war.

„Wir haben beschlossen, in der letzten Woche, bevor die Weihnachtsferien beginnen, ein Projekt abzuhalten.“

Dumbledores Ankündigung wurde von den Schülern mit leisem Gemurre und Gestöhne quittiert.

„Die Schüler des siebten Jahrganges aller Häuser werden jeweils ein Theaterstück einstudieren und vor der Schülerschaft aufführen.“

Jetzt konnte man lautes Gejammer und verhaltenes Fluchen vernehmen.

„Die jeweiligen Stücke habe ich bereits ausgewählt…“

Nur noch Gefluche, und die ersten Versuche, sich im Kürbissaft zu ertränken.

„… die jeweiligen Verantwortlichen werden sein: Hermine Granger für Gryffindor, Hannah Abbott für Hufflepuff, Pansy Parkinson für Slytherin und Padma Patil für Ravenclaw.“

Pansy blinzelte, schluckte und blinzelte erneut, als eine grüne Mappe vor ihr erschien, die wohl das ausgewählte Stück beinhaltete. Die verschlungenen silberneren Buchstaben gaben den Titel preis: Die Prinzessin und der Schweinehirte.

Sie blickte jeden aus ihrem Jahrgang prüfend an, und erkannte augenblicklich, dass sie ein Problem hatte.


Und das Problem hatte sich noch immer nicht erledigt. Im Gegenteil: Die Lösung stellte sich stur. Dabei hatte sie Draco im wahrsten Sinne des Wortes bekniet, damit er die ihm zugedachte Rolle übernahm.

„Okay, Draco, noch mal von vorn: Wer könnte deiner Meinung nach die Prinzessin spielen, gut aussehen und gleichzeitig den Text behalten?“

„Keine Ahnung. Ist auch nicht mein Problem, sondern deins“, entgegnete Draco gelassen und trampelte damit unbarmherzig auf Pansys Nerven herum.

„Hast du etwa vergessen, dass es um den Hauspokal geht?“

Dies war ihr letzter Trumpf. Dumbledore hatte als „Anreiz“ zusätzlich einen kleinen Wettbewerb eingeläutet. Das Haus, das am besten spielte (Jury waren die unteren Jahrgänge aller Häuser), würde hundertfünfzig Punkte erhalten. Draco würde nicht widerstehen können. Ihnen fehlten nur noch hundert Punkte um Gryffindor zu schlagen, ein Quidditchmatch stand nicht mehr an, und es wäre ihre letzte Chance…

Sie wusste, dass sie gewonnen hatte, als es in Dracos grauen Augen berechnend aufblitzte. Auf seinen Ergeiz war eben Verlass.

„Unter einer Bedingung…“

„Welche?“ Pansy war bereit, ihm alles zu versprechen: Ihren Erstgeborenen, ihre Seele, ihre Manolo Blahniks…

„Wenn Potter die weibliche Hauptrolle bei den Gryffindors übernimmt, mache ich es ebenfalls.“

„Du… das ist nicht fair!“

„Wer sagt, dass ich fair bin?“

Aller Kraft beraubt, knickten Pansys Beine unter ihr weg und sie sank mit bebender Unterlippe auf einem der Sessel in sich zusammen, während sie dem davon schlendernden Dracos hintersah. Für einen winzigen Augenblick überlegte sie, ob sie Draco einfach bloßstellen und dieses gewisse Geheimnis verraten sollte, das sie mit ihm teilte. Doch Draco war ihr Freund und auch wenn das Stück schon jetzt den Bach hinunterging, brachte sie es nicht übers Herz…

„Ich kümmere mich darum“, ließ Blaise verlauten, klappte die grüne Mappe zu, in der er bis jetzt gelesen hatte und stieß sich vom Kamin ab. Er hatte seine Rolle (den Schweinehirten) mit einem gleichgültigen Schulterzucken entgegengenommen und sich ins Drehbuch vertieft, während Pansy mit Engelszungen auf den störrischen Draco eingeredet hatte.

Wenn in diesem Augenblick eine Bombe neben ihr explodiert wäre, hätte Pansy nicht einmal geblinzelt. Völlig überfahren starrte sie Blaise an und konnte kaum fassen, welcher Hoffnungsschimmer sich da am Horizont auftat.

„Ich denke, dass Draco hellblau hervorragend stehen würde“, fügte Blaise noch lächelnd hinzu, während er den Gemeinschaftsraum durchquerte und durch die Portraitöffnung kletterte.

ooOoo

Hermine war letztendlich feige in die Bibliothek geflohen. Das Gezänk im Gemeinschaftsraum war nicht mehr auszuhalten gewesen, und sie konnte die Argumente, wer jetzt das bessere Schneewittchen abgeben würde, nicht mehr hören. Zwischen Lavender und Parvati war ein regelrechter Krieg entbrannt und leider gab es keine Möglichkeit für Hermine, beiden die Rolle der Stiefmutter aufs Auge zu drücken.

„Ich dachte mir schon, dass ich dich hier finde.“

Die raue Stimme riss Hermine aus den düsteren Gedanken. Überrascht blickte sie auf und schnappte nach Luft, als sie in dunkelblaue Augen blickte.

„Zabini! Was willst du denn hier?“

„Ebenfalls erfreut, dich zu sehen, Granger.“ Blaise grinste und betrachtete interessiert die rote Mappe, die auf dem Tisch lag. „Schneewittchen, huh?“

„Du hast meine Frage nicht beantwortet.“ Hermine zog das Drehbuch aus des Slytherins Reichweite und verengte skeptisch die Augen. „Willst du uns ausspionieren? Vergiss es, Slytherin hat nicht die geringste…“

„Warum so misstrauisch, Granger?“ Blaise setzte sich ihr gegenüber auf einen Stuhl und lächelte sie spöttisch an. „Ich bin hier, weil ich dir ein Geschäft vorschlagen wollte.“

„Ge… Geschäft?“ Hermine verlor für einen Moment die Fassung, dann wurde ihre Miene abweisend. „An Geschäften mit Slytherins bin ich nicht interessiert.“

„Tatsächlich?“ Blaise hielt plötzlich ein in dunkles Leder gebundenes Buch in den blassen, schmalen Fingern. „Auch nicht, wenn es um ein solch seltenes Stück geht?“

Hermine schnappte keuchend nach Luft, als sie den Titel las: Necronomicon.

„Merlin…“, hauchte Hermine überwältigt. „Woher hast du es? Ist es echt? Es kann nicht echt sein, alle Kopien und das Original wurden vernichtet.“ Ohne darüber nachzudenken, griff sie nach dem kostbaren Buch, doch Blaise hielt es rasch hoch, außerhalb ihrer Reichweite.

„Ich versichere dir, dass es keine Fälschung ist. Woher ich es habe, ist meine Sache. Und es ist eine Kopie, natürlich, aber eine der besten, die man bekommen kann.“

„Es muss die einzige sein, die man bekommen kann!“, berichtigte Hermine atemlos. Ihre Finger zuckten und sie ballte die Hände zu Fäusten; sie wollte dieses Buch ansehen. Es strahlte die Magie förmlich aus. Natürlich würde sie es nicht benutzen, es war schließlich ein schwarzmagisches Buch, aber darin lesen zu können…

Blaise beobachtete sie aufmerksam; die vollen Lippen zu einem wissenden Lächeln verzogen, wirkte er wie eine lauernde Katze, die jederzeit zuschlagen konnte.

„Nichts ist umsonst, Granger.“

Die blasierten Worte erinnerten sie daran, dass Blaise selbstverständlich etwas für das Buch haben wollte, und dass sie nichts anzubieten hatte, was dem gerecht werden würde. Aber fragen kostete ja nichts.

„Also schön, was willst du?“

„Wenn Potter die Rolle des Schneewittchens spielt, gehört es dir.“

Hermine schüttelte ungläubig den Kopf, um das lästige Summen aus ihren Ohren zu bekommen. Sie musste sich verhört haben. Was bitte schön war das denn für eine Bedingung? In ihrem Kopf überschlugen sich die Fragen regelrecht. Doch die wichtigste war, warum Blaise dieses unbezahlbare Buch dafür hergeben wollte.

„Mal abgesehen davon, dass ich Harry nie und nimmer dazu bringen kann, ein Kleid anzuziehen – was hast du davon?“

Sie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und verschränkte abweisend die Arme vor der Brust. Blaise strich sich das halblange schwarze Haar aus der Stirn und schenkte ihr ein strahlendes Lächeln.

„Ich bin mir ziemlich sicher, dass du Potter auf die eine oder andere Weise überreden kannst. Was mich betrifft: Ich habe meine Gründe.“

Hermine fühlte sich schlecht, da sie tatsächlich darüber nachdachte wie sie Harry die Rolle des Schneewittchens zuschustern könnte, nur um an dieses verflixte Buch zu kommen. Es wäre nicht fair, ihren besten Freund dafür zu verkaufen. Allerdings rammte sie ihm jetzt auch nicht gerade ein Messer in den Rücken – sie gab Harry nur der Lächerlichkeit preis…

Blaise streckte eine Hand aus und blickte das Mädchen abwartend an.

„Deal?“

Noch zögerte sie, doch das Buch schien sie regelrecht zu locken. Es würde Harry nicht wehtun, nur seinem Stolz das Genick brechen… Hermine hasste sich selbst, als sie die dargebotene Hand ergriff und sich fühlte, als hätte sie soeben ihre Seele verkauft.

„Deal.“

ooOoo

„Hast du schon gehört? Harry Potter spielt das Schneewittchen!“

Draco verlor beinahe seine Contenance, als er das hörte. Auf dem Absatz wirbelte er herum und blickte drohend auf die Gryffindorzweitklässlerinnen herab.

„Wiederholt das!“

Die beiden kleinen Mädchen zuckten zusammen und starrten Draco aus schreckensweiten Augen an, bevor sie kreischend ihr Heil in der Flucht suchten. Fassungslos sah er ihnen nach und in seinem Magen breitete sich ein wirklich flaues Gefühl aus. Es war unmöglich! Wenn Potter die weibliche Hauptrolle wirklich spielte, dann… Noch ein wenig blasser als sonst drehte er sich zu Blaise herum, der stoisch ruhig an der Wand lehnte und ihn lächelnd beobachtete.

„Das kann nicht sein, oder?“ Draco wollte es nicht glauben. Parkinson konnte es unmöglich geschafft haben! Schließlich gab es in Gryffindor genug Mädchen, die sich um die Rolle rissen. Warum sollte das Schlammblut…

„Lass uns zum Frühstück gehen und es herausfinden“, erklärte Blaise pragmatisch und zerrte den perplexen Draco hinter sich her, in Richtung der Großen Halle.

Ein Blick in Potters Gesicht genügte, um Dracos Magen übelkeitserregende Salti schlagen zu lassen: Der Gryffindor starrte düster auf seinen leeren Teller und sah aus, als müsse er sich Voldemort noch einmal stellen.

Ohne darüber nachzudenken, bahnte Draco sich einen Weg zu den Gryffindors, drängte Neville beiseite und zerrte Harry an dessen Hemdkragen quer über den Tisch.

„Ich hoffe sehr, es ist nur ein Gerücht, dass du dich in ein Kleid wirfst, Potter!“

„He! Spinnst du?!“

Ron sprang aufgebracht auf, wollte seinem Freund zur Hilfe eilen und blinzelte verblüfft, als Blaises Zauberstab gegen seine Kehle drückte.

„Ganz ruhig, Weasley“, warnte Blaise ihn leise. „Wir sind gleich wieder weg.“

Harry bekam davon nichts mit, er wirkte für einen winzigen Augenblick überrascht, dann holte er mit geballter Faust aus. Draco warf den Kopf zur Seite, sprang zurück und Harry verfehlte sein Ziel.

„Verpiss dich, Malfoy!“, knurrte Harry wütend und sah aus, als stünde er kurz davor, über den Tisch zu hechten, um zu beenden was er angefangen hatte.

„Kein Gerücht, Malfoy“, mischte sich Hermine unvermittelt ein. „Es ist wahr: Harry spielt das Schneewittchen.“

„Hermine!“

Unter Harrys anklagendem Blick senkte sie betroffen den Kopf und kaute auf ihrer Unterlippe herum. Doch die vernichtenden Worte waren bereits heraus. Draco wurde krankhaft fahl, schluckte und betrachtete Potter.

Potter, der für seinen kommenden Untergang verantwortlich war.
Potter, der wie immer an allem Schuld war.
Potter, in dessen Gesicht sich gleich die Kontinente verschieben würden.

Ohne Vorwarnung holte Draco aus und innerhalb weniger Sekunden, waren er und Harry in einen wüsten Faustkampf verwickelt.

ooOoo

Die rechte Hand auf die Rippen gepresst, die andere um Blaises Taille geschlungen, ließ Draco sich nur zu gern von seinem Freund stützen, während sie durch die Kerkergänge wankten.

„Wie hat Pansy das geschafft? Verdammt! Das kann doch nicht wahr sein! Was mache ich jetzt?“, nuschelte Draco und leckte sich das Blut von der aufgeplatzten Lippe – ein Andenken an Potters Ellenbogen, kurz bevor McGonagall die Streithähne getrennt und ihnen schmerzhaft viele Punkte abgezogen hatte.

„Dein Wort halten, hoffe ich.“

Blaise grinste auf Draco herab, dem das Herz plötzlich bis zum Hals schlug. Jäh waren die geprellten Rippen, das blaue Auge und die aufgeplatzte Lippe vergessen und Draco musste sich schwer zusammenreißen, um Haltung zu bewahren, so sehr wackelten ihm die Knie. Das bekannte Ziehen in seinem Magen unterdrückend, konzentrierte Draco sich auf das wesentliche Problem.

Er. In. Einem. Kleid.

„Du verlangst allen Ernstes von mir, dass ich ein Kleid anziehe? Ein Kleid, Blaise! Ich darf nicht mal daran denken!“

„Du hast es Pansy versprochen.“

„Einen Scheiß habe ich!“

„Ich war dabei, Draco. Schon vergessen? Und ich dachte eigentlich immer, ein Malfoy bricht sein Wort nicht.“

Draco knirschte mit den Zähnen und starrte Blaise mit einer grotesken Mischung aus Hilflosigkeit und Mordlust an. Der Triumph Potter verprügelt zu haben, dessen Nase ganz entzückend unter Dracos Faust geknirscht hatte, verflog. Tatsache war, dass er es Pansy tatsächlich versprochen hatte. Und Blaises Grinsen machte Draco schier wahnsinnig – fast so wahnsinnig wie der Gedanke an dieses verdammte Kleid! Der Gedanke daran, sich Blaise in diesem Kleid zu präsentieren. Ausgerechnet Blaise!

„Auf keinen Fall trage ich rosa!“

Kapitulation auf ganzer Linie. Doch es hätte auch schlimmer kommen können – erheblich schlimmer. Gut, ein Kleid zu tragen, war eine Katastrophe, aber die Hufflepuffs führten beispielsweise Bambi auf und mussten als Tiere verkleidet über die Bühne springen. Draco wollte sich nicht einmal vorstellen, wie er in einem Hasenkostüm aussehen würde…

Als Pansy ihre verprügelte Prinzessin sah, ließ sie vor Schreck das Drehbuch fallen.

„Was zum Teufel hast du jetzt wieder angestellt, Draco?“

„Frustbewältigung der anderen Art“, antwortete Blaise, da Draco beharrlich schwieg. „Aber er nimmt die Rolle an – und er trägt kein rosa.“

Pansy strahlte wie die Sonne und Draco schloss, in mehr als einem Sinne geschlagen, die Augen.

ooOoo

Pansy Parkinson entwickelte regelrecht diktatorische Züge, wenn es um das Stück ging. Da es im Märchen fast nur weibliche Rollen zu besetzen gab, war Draco wenigstens nicht der einzige, der ein Kleid anziehen musste, auch wenn die „Hofdamen“ beinahe ebenso vehement protestiert hatten wie er.

„Noch ein Wort und ich jage euch einen Imperius auf den Hals und lass euch nackt spielen!“ Kampflustig starrte Pansy jeden einzelnen ihrer Schützlinge an. „Und jetzt wird geprobt! Der Erzähler beginnt!“

Sie würde es zwar niemanden direkt auf die Nase binden, aber es machte Pansy inzwischen regelrecht Spaß, von ihrem Sessel aus zauberstabfuchteld Anweisungen zu erteilen. Ein letzter warnender Blick genügte und Luke Spinks las brav seinen Text vor:

„Es war einmal ein armer Prinz; er hatte nur ein ganz kleines Königreich; aber es war immer noch groß genug, um sich darauf zu verheiraten, und verheiraten wollte er sich…“

Eigentlich lief es besser als gedacht. Theodore gab den milden König überraschend gut, auch wenn er der Meinung war, das Stück könne ein wenig mehr Action vertragen – Pansy hatte seinen Vorschlag, die Prinzessin von einem Drachen fressen zu lassen jedoch abgelehnt. Blaise spielte seine Rolle so routiniert, als hätte er nie etwas anders getan und Draco war als hochnäsige Prinzessin geradezu perfekt. Nur an der Motivation der Truppe haperte es gewaltig.

„Geh, und frag, was er für den Topf haben will“, las Draco seinen Text von einer Pergamentrolle ab.

Pansy hielt gespannt die Luft an, als Crabbe grummelnd zu Blaise schlurfte, der vor seinem verzauberten, singenden Topf saß. Sie hatte Dracos Textpassagen aus einem ganz bestimmten Grund herausgefischt und extra für ihn aufgeschrieben – auch wenn es nur ein winzig kleiner Aufschub war…

„Was willst du dafür?“, grunzte Crabbe missmutig.

„Zehn Küsse von der Prinzessin.“

Blaise sah aus wie die Katze, die den Kanarienvogel gefressen hatte und Pansy schloss ergeben die Augen, als Draco wie auf Kommando losbrüllte:

„WAS? Du hast sie wohl nicht mehr alle! Auf gar keinen Fall!“

Pansy verfluchte Draco und Dumbledore gleich dazu und fand diese ganze Regiesache nur noch halb so spaßig, als sie Draco, der sowohl entsetzt als auch erschrocken aussah, grimmig anlächelte.

„Es gehört nun mal dazu, also hör auf, dich zu zieren. Du hast es versprochen!“

„Ich habe zugesagt, ein Kleid anzuziehen…“

„Nein, Draco, du hast mir einen Vertrag unterschrieben, dass du die Rolle mit allen Konsequenzen durchziehst!“ Pansy entrollte das Pergament, auf dem Dracos Unterschrift deutlich zu entziffern war und konnte sich ein hämisches Grinsen nicht verkneifen. „Einen magischen Vertrag, Draco. Er ist bindend!“

Sie hatte Draco die Küsserei wohlweislich verschwiegen, ebenso, dass der Vertrag Blaises Idee gewesen war, der das Unglück wohl hatte kommen sehen. Wichtig war nur, dass Draco unterschrieben hatte. Fluchend zwar und eindeutig misstrauisch, aber das spielte keine Rolle.

„Du hast mich hereingelegt“, stellte Draco schließlich wütend fest.

„Ich habe mich abgesichert.“

„Du solltest in nächster Zeit nicht allein unterwegs sein.“

Pansy hielt dem eisigen Blick stand und zuckte nicht einmal mit der Wimper angesichts der Drohung. Im Gemeinschaftsraum war es beinahe totenstill. Niemand wagte auch nur ein Wort zu sagen, während Draco und Pansy sich anstarrten. Nur Blaise lächelte sein übliches gelangweiltes Lächeln.

„Wenn das geklärt ist, sollten wir vielleicht einfach weitermachen“, erklärte er und erwiderte Dracos giftigen Blick unbeeindruckt.

Hatten die restlichen Anwesenden bis gerade eben noch gedacht, es wäre Parkinson, die als erste beweisen würde, dass man durch einen Blick sterben könnte, stiegen jetzt Blaises Chancen beträchtlich, dass ihn dieses Schicksal ereilen würde.

Draco kämpfte sichtlich mit sich und seiner Fassung. Er ballte die Fäuste, entspannte sie wieder, ballte sie erneut; seine Gesichtsfarbe wechselte im gleichen Rhythmus von sehr blass zu sehr rot – dann drehte er sich wortlos um und stürmte auf die Schlafsäle zu. Blaise sah ihm seufzend nach, bevor er langsam folgte. Die restlichen Slytherins blieben perplex zurück. Allen voran Pansy, die sich fragte, was zum Teufel sie verpasst hatte.

ooOoo

Draco starrte verbissen die Zimmerdecke an, als die Tür sich leise öffnete und wieder schloss. Ihm lag schon ein ungastliches „Raus!“ auf der Zunge – doch es war nicht Pansy, die ihn störte. Dracos Hände, hinter dem Kopf verschränkt, verkrampften sich ein wenig, als Blaise sich schweigend auf den Bettrand setzte.

„Ich habe mir sagen lassen, dass es gar nicht so schrecklich sein soll, mich zu küssen“, begann Blaise spöttisch und Dracos Lippen wurden sehr schmal.

„Was du nicht sagst“, presste er heraus, ohne Blaise anzusehen.

Draco widerstand dem Drang, die Augen zu schließen, als der bekannte Druck sich in seiner Brust ausbreitete. Schlimm genug, dass er jeden Tag aufs Neue seine ganze Selbstbeherrschung aufbieten musste, um in Blaises Gegenwart nicht zur dämlichen Zweitklässlerin zu mutieren, die nur dummes Zeug stotterte. Nein, jetzt sollte er ihn auch noch küssen. Küssen! Bei Merlin, das würde er niemals überstehen ohne sich zu verraten. Ihm wurde ja schon beim Gedanken daran heiß und kalt zugleich.

„Zumindest ist noch niemand daran gestorben.“

Draco atmete zischend ein, als Blaise sich unvermittelt über ihn beugte und lächelnd musterte. Das Herz schlug Draco bis zum Hals, während er verzweifelt um Fassung kämpfte. Blaises Haar streifte Dracos Wange; er konnte warmen Atem auf seinen Lippen spüren und schluckte hart, als Blaises Gesicht noch näher kam. Wie hypnotisiert starrte Draco auf Blaises Mund, der nah war, so nah…

„Ich werde dich auch nicht beißen, versprochen“, flüsterte Blaise heiser und leckte sich über die Lippen.

Das brach den Bann.

„Ich mache es ja!“, rief Draco panisch aus und fiel fast aus dem Bett, so eilig hatte er es mit seiner Flucht.

Für einen Augenblick bildete er sich ein, Enttäuschung auf dem scharfgeschnittenen Gesicht des dunkelhaarigen Slytherin zu erkennen, doch Draco war zu sehr damit beschäftigt, seinen treulosen Körper zu zügeln, als dass er wirklich darauf geachtet hätte.

Aus sicherer Entfernung beobachtete Draco mit gemischten Gefühlen, wie Blaise langsam aufstand, zur Tür ging und ihn mit unlesbarem Ausdruck betrachtete.

„Du kannst ja die Augen schließen und dir vorstellen, ich wäre ein Mädchen“, erklärte Blaise leise, bevor er das Zimmer verließ.

Draco unterließ es zu stöhnen und folgte ihm wie ein Gefangener, der zum Schafott geführt wurde. In seinem Kopf überschlugen sich die Befürchtungen und Szenarien. Verdammt! Blaise war sein Freund! Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn er mitbekam, dass Draco seinetwegen regelmäßig einen Hormonkoller hatte.

ooOoo


Pansy war so erleichtert, dass Blaise es irgendwie geschafft hatte, Draco zu besänftigen, dass sie bereit war, die Kussszene erst einmal zu überspringen. Allerdings schluckte Draco hörbar, als es um den Preis der Musikbox ging.

„Er will hundert Küsse von der Prinzessin haben“, sagte Crabbe und man konnte die Genugtuung deutlich heraushören.

Ein warnender Blick aus grauen Augen genügte, um Pansy genervt abwinken zu lassen.

„Ja, ja, wir überspringen das für heute. Theodore! Dein Auftritt, als König!“

Theodore stürmte brüllend durch den Raum, als ginge es darum, einen Aufstand niederzuschlagen, ignorierte Pansys gequältes Aufstöhnen und jagte den Schweinehirten samt Prinzessin zum Teufel, was ihm mehrere wüste Drohungen von Draco einbrachte, der nicht einsehen wollte, dass Theodore so mit ihm umspringen durfte. Pansy wusste nicht so recht, ob sie hysterisch lachen oder weinen sollte und beendete die erste Probe, bevor sie in einen ernsthaften Streit ausartete. Sie verließ den Gemeinschaftsraum, um Snape eine Liste der benötigten Requisiten zu bringen und redete sich ein, dass es keine Flucht war.

ooOoo


Am nächsten Morgen starrte Draco fast so düster auf seinen Teller wie Potter am Tisch der Gryffindors. Dumbledore hatte soeben verkündet, dass die Kostüme und Requisiten angekommen und in den Gemeinschaftsräumen verteilt worden waren. In Draco stiegen Schreckensbilder von ihm selbst im rosaroten Tüllkleid auf. Bis jetzt war anscheinend noch nicht zu den anderen Schülern durchgedrungen, dass Draco die Prinzessin spielen sollte. Im Gegensatz zu den Gryffindors hielten die Slytherins dicht. Was weniger an ihrer Loyalität lag, als an den wilden Drohungen, die Draco bei jeder Gelegenheit ausstieß.

Draco wandte den Kopf, betrachtete Blaise, der sich lachend mit Pansy unterhielt. Er kannte jede Geste, jede kleine Angewohnheit seines Freundes nur zu genau. Die Art in der Blaise die Marmelade vom Messer leckte; eine schnelle, fließende Bewegung. Das flüchtige Kopfschütteln, wenn ihm das Haar in die Augen fiel. Das angeekelte Rümpfen der Nase, wenn Theodore seinen Kaffee zu laut schlürfte. Dieses halbe Lächeln, wenn er sich nur aus Höflichkeit anhörte, was sein Gegenüber zu sagen hatte. Die Art mit der er sich mit der rechten Hand über den Nacken rieb, wenn ihm etwas unangenehm war. Das Leuchten in seinen Augen, wenn er glücklich war.

Draco seufzte lautlos und spürte heißkalte Wellen über sich hinwegbranden. Die Aussicht Blaise küssen zu können war verlockend – dennoch war sie ebenso erschreckend. Es wäre nicht echt. Nur Theater. Eine Illusion; und damit ganz bestimmt nicht das, was er sich in den dunkelsten Stunden der Nacht zusammenphantasierte.


ooOoo

Pansy rieb sich über die Stirn und schüttelte den Kopf. Die Requisiten waren Murks – die Rose jetzt schon ein wenig schlapp auf der Brust und die Nachtigall nicht lieferbar. Sie hatte sich darüber beschwert und von Dumbledore die Zusage erhalten, dass sie sich Fawkes als Nachtigallersatz ausleihen dürften. Die Anprobe war ebenfalls eine Katastrophe ohnegleichen: Crabbe hatte sein Kleid fast gesprengt, Goyle sah im rosaroten Seidentaft fast so schlimm aus wie Millicent in kanariengelb und Draco weigerte sich, aus seinem Zimmer zu kommen. Ebenso weigerte er sich, gewisse Accessoires anzulegen – auf dem Flur lag der gefütterte BH. Pansy war es egal, ob Draco die flachbrüstigste Prinzessin aller Zeiten wäre, wenn er nur endlich herauskommen würde!

Seit einer geschlagenen halben Stunde redete Blaise jetzt schon auf die geschlossene Tür ein und selbst der sonst so gelassene Slytherin zeigte inzwischen Nerven.

„Verdammt, Draco, jetzt stell dich nicht so an – selbst Crabbe hat sich sein Kleid angezogen! Ich weiß zwar nicht, wie wir ihn da jemals wieder herausbekommen sollen, aber immerhin hat er es an und zeigt sich sogar damit.“

Pansy hörte nicht mehr, als undeutliches Gemurmel, doch Blaise nickte, schnaubte ein „du hast fünf Minuten, bevor ich die Tür aufbreche“ und zog sie hinter sich her in den Gemeinschaftsraum. Pansy bezweifelte stark, dass Draco sich an diese Zeitangabe halten würde – sie bezweifelte inzwischen aber auch stark, dass dieses Stück jemals aufgeführt werden würde. Aber vielleicht könnte man die Prinzessin auch gefesselt und geknebelt auf die Bühne schleifen. Ob das wohl zu Punktabzügen in der B-Note führen würde?

Doch es geschahen noch Zeichen und Wunder! Keine fünf Minuten später schob sich die zitternde Spitze eines Zauberstabes um die Ecke.

„Der erste, der lacht, ist tot!“

„Wir werden nicht mal atmen, wenn du dich dann besser fühlst“, antwortete Blaise ruhig.

Niemand lachte. Im Gegenteil: Zum ersten Mal seit sieben Jahren sah Pansy, wie Blaise Zabini die Fassung verlor, als Draco – in hellblaue Seide gehüllt – missmutig den Raum betrat. Nach Luft schnappend, die Augen aufgerissen, tastete Blaise nach dem Kaminsims, als suche er Halt. Sein Adamsapfel ruckte hektisch, als er krampfhaft zu schlucken versuchte und in Pansys Kopf fügten sich einzelne Puzzleteile zusammen.

Mit einem wissenden Grinsen beobachtete sie Draco und Blaise, die synchron auf ihrer Unterlippe herumkauten und sich nervöse Seitenblicke zuwarfen. Siegessicher klatschte sie in die Hände.

„Alle auf ihre Plätze! Und heute wird mit allem Drum und Dran geprobt!“

ooOoo

„Was willst du für den Topf haben?“

„Zehn…“ Blaise räusperte sich. „Zehn Küsse von der Prinzessin.“

Crabbe schlurfte durch den Raum, vergaß dabei, dass er eigentlich noch Text hatte und fiel fast auf die Nase, als er auf seinen Rocksaum trat. Pansy raufte sich die Haare, kommentierte den Patzer aber nicht.

„Er will zehn Küsse“, teilte Crabbe Draco emotionslos mit und wankte zurück zu Blaise, bevor die Prinzessin auch nur den Hauch einer Chance hatte zu protestieren.

„Nimmst du die Küsse auch von den Hofdamen?“

„Zehn Küsse von der Prinzessin, oder ich behalte meinen Topf.“

Crabbe zuckte die Schultern und wandte den Kopf.

„Hast du gehört, Draco?“

Pansys Augenbrauen zuckten. Man sah ihr an, dass sie über blutigen Mord nachdachte.

„Ja, ja, ich hab’s kapiert.“

Draco vergaß ebenfalls seinen Text. Er war viel zu sehr damit beschäftigt, seine Beine dazu zu zwingen, sich Blaise zu nähern.

Stell dir vor, er wäre ein Mädchen… stell dir vor, er wäre einfach jemand ganz anderes… stell dir vor…

Es half nichts. Es waren Blaises blaue Augen, die ihn abwartend ansahen. Es war Blaises Zunge, die nervös über trockene Lippen leckte. Es war Blaises warmer Atem auf Dracos Gesicht.

Draco wusste, dass er sich nicht würde zurückhalten können; ohne ein Wort zu sagen, flüchtete er aus dem Gemeinschaftsraum und hörte noch Pansys genervtes Stöhnen, als das Portrait hinter ihm zuschlug.

ooOoo

Das Gesicht zwischen den mit Seide bedeckten Knien vergraben, reagierte Draco nicht, als er das Quietschen der Tür hörte.

„Hier steckst du also“, stellte Pansy betont heiter fest, als sie sich neben ihm niederließ. „Ein bisschen zu kalt, findest du nicht?“

Es war tatsächlich kalt auf dem Balkon des Astronomieturmes, aber Draco weigerte sich einfach, in den Kerker zurückzukehren – lieber elendig erfrieren.

„Hier.“

Draco spürte, wie etwas Warmes um seine Schultern gelegt wurde: Ein Umhang. Seiner Stimme nicht trauend, schwieg er dennoch beharrlich.

„Wie lange willst du eigentlich noch so weitermachen?“, fragte Pansy, als Draco nicht antwortete. „Ich meine, inzwischen sollte selbst ein Blinder sehen, was mit dir los ist.“

„Niemand wird etwas bemerken. Dafür haben wir doch gesorgt“, murmelte Draco emotionslos.

Er erinnerte sich noch gut daran, wie es zu ihrer Übereinkunft gekommen war. Pansy hatte ihn nach dem Ball in ihrem vierten Jahr küssen wollen und Draco hatte ihr beinahe aufs Kleid gekotzt. Sie hatte sich seine panisch gestammelten Ausreden angehört, seine kalten Finger in die Hände genommen und gelächelt. Und wann immer gewisse Gerüchte die Runde gemacht hatten, war sie als Dracos angebliche Freundin für ihn in die Bresche gesprungen.

„Ja, das haben wir“, antwortete Pansy mit einem seltsamen Unterton in der Stimme. „Aber ich frage mich, ob es richtig ist.“

„Natürlich ist es das!“ Draco sah auf und starrte fassungslos in Pansys ruhiges Gesicht.

„Ach ja? Und warum siehst du dann so unglücklich aus? Du willst Blaise doch küssen – warum machst du so ein Theater?“

„Weil er es nicht erfahren soll! Blaise ist nicht… er ist nicht… nicht so…“

„Schwul?“, half Pansy aus. „Das bist du offiziell doch auch nicht.“

„Das ist etwas völlig anderes!“, begehrte Draco wütend auf. „Blaise ist mein Freund. Er darf nicht erfahren, dass ich… dass ich…“

„Dass du auf ihn stehst?“

„Könntest du aufhören, mich ständig zu unterbrechen?“

„Blaise sah nicht glücklich aus, als du vorhin einfach abgehauen bist“, antwortete Pansy das Thema abrupt wechselnd. „Im Gegenteil, er…“

„Lass es!“, unterbrach Draco sie scharf. „Hör auf damit, mir Hoffnung zu machen!“

„Aber ich bin mir sicher, dass du ihm nicht gleichgültig bist!“

„Ich sagte, du sollst damit aufhören!“ Draco sprang auf und sah zornig auf Pansy herab. „Ich weiß, dass ich ihm nicht egal bin. Aber nicht auf diese Weise. Nicht auf die Art, die ich mir wünsche, verstehst du?“ Mit jedem Wort wurde Draco die Aussichtslosigkeit seiner Lage bewusster; und es schürte die Wut in ihm noch mehr. Er konnte Blaise nicht haben – und er wusste es. „Hör zu, Pansy, Blaise ist mein Freund, das genügt mir völlig.“

Anstatt endlich zu schweigen, wie Draco es verlangt hatte, hob Pansy lächelnd eine Augenbraue.

„Blaise hat dafür gesorgt, dass Potter das Schneewittchen spielt. Und ich denke, ihm genügt es nicht, dass du nur sein Freund bist...“

Draco klammerte sich an den rauen Steinen des Balkons fest. In seinen Ohren hörte er ein dumpfes Dröhnen, und seine Knie zitterten ganz erbärmlich.

ooOoo

Draco spürte seine rechte Hand kaum noch, die Pansy so fest umklammerte, als befürchte sie, er würde sich auflösen, wenn sie ihren Griff lockern würde. Sie hatte ihn zurück in den Gemeinschaftsraum geschleift, als er zu paralysiert war, als dass er sich ernsthaft zur Wehr setzen konnte. Er hätte es abgestritten. Hätte ihre angeblichen Beweise am liebsten vehement abgeschmettert, doch jedes Wort blieb ihm in der Kehle stecken.

In ihm kämpften Vernunft und Verlangen. Pansys Worte hatten tief vergrabene Hoffnungen geschürt, doch sein Verstand sang ein anderes Lied. Vielleicht wollte Blaise sich nur auf seine Kosten einen Spaß erlauben, indem er Draco vor der ganzen Schule im Kleid auftreten ließ. Vielleicht hatte Blaise Pansys Bettelei nicht mehr ertragen können, dass Draco die Rolle annehmen sollte. Vielleicht…

„Ich kann die Rädchen regelrecht rattern hören“, flüstere Pansy ihm zu und stoppte damit Dracos rotierendes Gedankenkarussell. „Schnapp ihn dir, Tiger!“

Pansy stieß die Tür zum Schlafsaal auf und schupste Draco kurzerhand hinein. Einen bösartigen Fluch unterdrückend, hoffte er, dass Blaise vielleicht gar nicht hier war, dass er ein Date hatte, dass er…

Blaise saß auf dem Boden, blickte von seinen Karten auf und lächelte Draco an.

„Du bist also doch nicht für immer verschwunden“, stellte er fest, breitete ein Fullhouse vor sich aus und achtete nicht auf Crabbes und Goyles Murren.

Draco wusste darauf keine Antwort. Er wusste nur, dass er sich in blauer Seide reichlich dämlich vorkam, auch wenn Crabbe und Goyle ebenfalls noch in ihren Kostümen steckten (und noch viel dämlicher aussahen als er selbst). Er wusste, dass er nicht wegsehen konnte, dass er furchtbar nervös war, dass er am liebsten sofort wieder geflüchtet wäre…

Blaises durchdringender Blick verunsicherte ihn – die halbleere Flasche Feuerwhiskey irritierte Draco jedoch so sehr, dass er jede Befangenheit vergaß.

„Du trinkst?“

„Gehört dazu. Wer verliert muss trinken“, antwortete Blaise und hielt seine Karten hoch. „Spielst du mit?“

Draco glaubte wieder Pansys Stimme zu hören, die ihm versicherte, dass Blaise viel mehr als Freundschaft wollte.

ooOoo

Crabbe streckte schnarchend alle Viere von sich, während Goyle schon vor Stunden ins alkoholisierte Koma gefallen war. Sie hatten nicht ein einziges Mal gewonnen. Draco schnaubte herablassend, obwohl er auch nicht oft gegen Blaise hatte bestehen können, und griff mit trübem Blick nach der Flasche.

„Groß wie ein Baum und vertragen so gar nichts“, nuschelte er, zwischen zwei Schlucken.

Blaise brummte nur unbestimmt, sah Draco nachdenklich an und schlug leise vor: „Lass uns proben.“

Der letzte Schluck blieb Draco im Hals stecken. Zu sehr damit beschäftigt, aspirierten Alkohol aus seinen Lungen zu husten, bemerkte er es erst, dass Blaise näher an ihn heranrutschte, als er praktisch schon auf Dracos Schoß saß.

„Zehn Küsse von der Prinzessin, sonst behalte ich meine Spieluhr...“

Es mochte am Whiskey liegen, am zu lange unterdrückten Verlangen, an den jäh außer Kontrolle geratenen Hormonen, an Pansys Gerede, an Blaises Geruch, seinen halbgeöffneten Lippen – doch plötzlich kam es Draco gar nicht mehr so schrecklich schlimm vor, wenn Blaise erfahren würde, was Draco fühlte.

„Eins.“

Blaise lehnte sich vor und Draco schloss die Augen, als er für den Bruchteil einer Sekunde weiche Lippen spürte, die seinen Mundwinkel streiften. Die Flasche entglitt Dracos tauben Fingern, als er sich in dunklem Haar festkrallte.

„Zwei.“

Draco schlang seine Arme um Blaises Nacken, als etwas in seinem Inneren zu jubilieren begann – vermutlich die Hormone.

„Drei.“

Wieder berührten sich ihre Lippen; zu flüchtig, als dass es Draco genügt hätte.

„Vier.“

Ungefähr zu diesem Zeitpunkt brannten in Dracos Hirn ein paar Sicherungen durch.

„Fünf.“

Nur noch heiseres Flüstern und Blaise stöhnte, als er sich schwerfällig aufrichtete.

„Es tut mir Leid, Draco, ich hätte dich nicht so überfallen dürfen…“

„Entschuldigung akzeptiert!“, unterbrach Draco ihn ungeduldig, drückte Blaise mit beiden Händen zurück und beugte sich vor. Er drängte sich Blaise entgegen, öffnete seinen Mund, und schmeckte Blaise; eine Mischung aus scharfem Whiskey und unterschwelliger Süße.

Draco nestelte fahrig an Blaises Hemd und Blaises Hände, die ungeduldig am seidenen Kleid zerrten, gaben Dracos testosteronumnebelten Verstand den Rest. Als der Stoff mit einem ratschenden Geräusch Blaises Drängen nachgab, murmelte Draco konfus:

„Pansy bringt mich um.“

Blaise erstarrte und sah mit aufgerissenen Augen zu ihm auf.

„Pansy! Sie… ich meine, Pansy, ist doch deine Freundin.“

„Alibi-Freundin“, stieß Draco hervor und riss den letzten, sehr störrischen Knopf an Blaises Hemd kurzerhand ab. Er spürte weiche Haut unter seinen Fingerspitzen und betrachtete fasziniert die Gänsehaut auf Blaises angespannten Bauch.

„Alibi?“, fragte Blaise entsetzt nach.

„Alibi“, bestätigte Draco grinsend und zerrte Blaises Gürtel aus der Hose.

Blaise erholte sich erstaunlich schnell von seinem Schock und die letzten Reste des blauen Kleids gingen den Weg allen Irdischen. Draco schmeckte das Salz auf Blaises Haut, hörte Crabbe grunzen und ein gemurmeltes „Muffliato“; dann war da nur noch keuchender Atem, fiebrig ausgetauschte Zärtlichkeiten und ein Kaleidoskop aus Farben.

ooOoo

„Was zum Teufel hast du mit dem verdammten Kleid angestellt?“, kreischte Pansy entsetzt, als sie den zerrissenen Fetzen in Dracos Händen sah.

„Äh… also… das Kleid war…“, stammelte Draco, der seine sonst so edle Blässe gegen ein sattes Rot eingetauscht hatte.

„Das Kleid war ein Opfer der Umstände“, sprang Blaise gutgelaunt ein. „Aber eine solch talentierte Hexe wie du bekommt das sicher repariert. Sollen wir nicht anfangen zu proben?“

War ihr Dracos verklärtes Grinsen schon äußerst verdächtig vorgekommen, so war ihr Blaises plötzlich so überschwängliche Art vollkommen suspekt. Pansy fragte sich noch immer, was genau eigentlich vor sich ging, als sich die erste Kussszene anbahnte.

Die Hofdamen hatten schon mindestens dreimal bis zehn gezählt, aber Prinz und Prinzessin machten den Eindruck, als hätte der Preis der Spieluhr plötzlich astronomische Höhen erreicht.

„Toll, dass ihr euch endlich gefunden habt“, schnaubte Pansy grinsend, „aber könnten wir jetzt mal weitermachen? Nein? Gut, Probe beendet.“

ooOoo

Klopfer alias Hannah Abbott hoppelte unter rauschendem Applaus von der Bühne und der Vorhang fiel, damit die Umbauarbeiten für das letzte Stück des Abends beginnen konnten.

Pansy schwitzte Blut und Wasser und wünschte sich weit, sehr weit, weg von Hogwarts, der Theaterbühne und ihren Schauspielern. Sie hatte es tatsächlich geschafft, Dracos Kleid zu reparieren und sie hatte es bis jetzt sogar geschafft, Prinzessin und Schweinehirte solange zu trennen, dass das verflixte Kleid eine Chance hatte, die Aufführung zu erleben.

Zumindest den Anfang.

Soeben berührte die Prinzessin die Rose (die eigentlich wunderschön sein sollte, aber leider aufgrund des akuten Wassermangels in den letzten Zügen lag), mit gerümpfter Nase.

„Die ist ja gar nicht künstlich!“

Die Hofdamen, die eigentlich empört aufkreischen sollten, murrten nur lustlos und der König hob beruhigend die Hände.

„Lasst uns erst sehen, was in dem anderen Paket ist, bevor wir urteilen.“

Die Nachtigall aka Fawkes kam zum Vorschein und leider sah er nicht viel besser aus, als die Rose. Anstatt lieblich zu singen, ging er in Flammen auf und damit scheiterte der eigentliche Plan, den Vogel in die Freiheit zu entlassen, natürlich. Pansy beobachtete das Elend, hörte das Gelächter im Publikum und konnte ihr Pech einfach nicht fassen.

„Hier, das hilft.“

Pansy blickte auf und sah Hermine, die ihr schwankend eine braune Flasche reichte. Wenn das Stück der Slytherins schon nicht gut lief, war das der Gryffindors ein absoluter Griff ins Klo gewesen. Harry war als Schneewittchen überaus mies gelaunt über die Bühne gestiefelt und hatte den kichernden Zwergen fluchend Prügel angedroht. Außerdem hatte er sich nicht von Prinz Dean küssen lassen und den gläsernen Sargdeckel verbissen zugehalten – ein Happy End war demnach leider ins Wasser gefallen. Pansy beschloss, dass der Regiejob echt für den Arsch war und griff nach der Flasche, als „Ach du lieber Augustin erklang“. Jetzt konnte ihr nicht einmal mehr Merlin helfen.

„Wie hast du sie eigentlich dazu gebracht, sich zu küssen?“, fragte Hermine neugierig und Pansy verschluckte sich am scharfen Whiskey.

„Weißt du, Granger, das war gar nicht das größte Problem“, erklärte Pansy hustend.

„Zehn Küsse von der Prinzessin“, forderte Blaise in diesem Moment und Draco dachte gar nicht daran, zu protestieren.

„Das Problem ist, sie dabei zu unterbrechen“, fuhr Pansy resigniert fort und deutete auf die Bühne.

„Oh“, sagte Hermine, als Prinz und Prinzessin enthusiastisch zu knutschen begannen.

„Japp, und keiner dankt der besten Freundin, die sich den Mund fusselig geredet hat, damit das mit den beiden was wird“, grummelte Pansy und leerte die Flasche in einem Zug, als sie das durchdringende Geräusch reißender Seide vernahm. „Und die brauchen gar nicht denken, dass ich das noch mal alles repariere!“

„Ach du Scheiße!“, rief Harry, der bis jetzt versucht hatte, den lachenden Dean mit seinem ausgepolsterten BH zu erwürgen.

„Poppy! Wir brauchen deine Hilfe!“, schrie Professor McGonagall, die den ohnmächtigen Snape in die stabile Seitenlage brachte.

„Das ist aber nichts für die Kleinen“, kommentierte Dumbledore lächelnd und tauchte mit einem Zauberstabschlenker die Bühne in jugendfreie Dunkelheit.

Draco und Blaise ließen sich nicht stören. Sie hatten das Stück, die Bühne und die Zuschauer vollkommen vergessen.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann knutschen sie noch heute.

Ende
Benutzeravatar
Ria
Forum Admin
Forum Admin
Beiträge: 6624
Registriert: 08.2010
Geschlecht: weiblich

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast

cron