Qué será, será

Qué será, será

Beitragvon abranka » 20. Apr 2011, 20:11

Liebe Nifen, hier ist sie - deine Geburtstagsgeschichte!
Nun ja, zumindest der erste Teil davon. Die zweite Hälfte folgt so schnell wie möglich. Versprochen.

Ich hoffe, du magst sie!


Qué será, será

Hermione Granger fühlte sich wohl in Hogwarts. Auch wenn sich Hogwarts seit dem Krieg verändert hatte und diese gewaltigen Mauern und die ehrwürdigen Hallen etwas von ihrer beschützenden Kraft verloren hatten, so war dieser Ort dennoch für sie weiterhin ein Platz, an dem sie sich zuhause fühlte. Beinahe war es hier so wie früher. Beinahe. Und das war mehr, als die gesamte Welt zu bieten hatte.
Das einzige, was sie ein wenig traurig stimmte, war, dass sie hier quasi alleine war – ohne ihre besten Freunde Harry und Ron, die sich beide dafür entschieden hatten, sich direkt in das Berufsleben zu stürzen. Hermione dagegen wollte ihren Schulabschluss nachholen. Sicher hätte sie auch jetzt bereits Kingsley Shacklebolt und all den anderen bei der Neubildung des Ministeriums helfen können, doch sie hatte das Gefühl, dass sie mehr Wissen brauchen würde.
Es war wie das Gefühl, das ihr gesagt hatte, dass das mit Ron und ihr nicht gut ging. Dass diese Beziehung nur in der akuten Krise hatte zustande kommen können und dass sie die Normalität nicht überdauern würde. Sie hatte es nicht zu hoffen gewagt, aber Ron hatte ähnlich empfunden. Wie er ihr erzählt hatte, traf er sich momentan mit – man höre und staune – Pansy Parkinson. Offenbar hatte das dumme Slytherinhuhn in den Monaten seit dem Fall Voldemorts seinen Verstand entdeckt und arbeitete nun als Aushilfskraft im St. Mungo Hospital, um bei der Behandlung all der Verletzten und Fluchgeschädigten des Krieges zu helfen. Es schien, als wenn in manchen Menschen doch ein guter Kern schlummerte. Harry dagegen hatte mit Ginny erneut zusammengefunden und so oft wie eine gewisse Schneeeule in die Große Halle kam, um Ginny Post zu bringen, die sie glücklich strahlen ließ, befanden sich die beiden irgendwo auf Wolke 7. Das war gut so. Genauso wie Ron und Harry die ersten Schritte in ihrer Aurorenausbildung taten und sich bisher wohl alles andere als dumm anstellten, auch wenn sie garantiert nicht so glorreich und grandios waren, wie Ron gerne erzählte.
Hermione war nicht die einzige, die sich entschieden hatte, ihren Abschluss nachzuholen. Da muggelgeborene Schülerinnen und Schüler im letzten Jahr von der Schule ausgeschlossen worden waren, gab es in jedem Jahrgang auf einmal Nachholer, die ein komplettes Jahr hatten aussetzen müssen. Hogwarts war voll geworden. Aber gerade diese Fülle sorgte für noch mehr Lebendigkeit, die wiederum gut für die kriegsgeschädigten Seelen war. Dennoch… weniger volle Gänge wären manchmal schöner.
Mit einem leisen Seufzer quetschte sie sich an einer kichernden Clique Fünftklässlerinnen aus Ravenclaw und Hufflepuff vorbei und bog in die Bibliothek ab. Hier hielt sie sich noch immer am liebsten auf. Ein Lächeln glitt über ihr Gesicht, während sie an den Büchern vorbeischritt und ihre übliche Lernecke erreichte. Dort wartete Dean Thomas bereits auf sie. Dean hatte sich ebenfalls dafür entschieden, seinen Schulabschluss nachzuholen. Er hatte Schulleiterin McGonagall schlicht gesagt, dass er mit Sicherheit nicht noch einmal davonlaufen würde und am wenigstens davor, vernünftig mit Wissen gerüstet nach da draußen zu gehen und den Leuten genügend Verstand in ihre Köpfe zu pflanzen, damit sich so etwas Grausiges wie die Herrschaft Voldemorts nicht noch einmal wiederholte. McGonagall hatte nur dünn gelächelt und ihm empfohlen, gemeinsam mit Hermione Granger zu lernen.
„Hi. Wie war Arithmantik?“ Dean lächelte und schob die Bücher, die er vor sich gestapelt hatte, bei Seite.
„Interessant.“ Hermione grinste. „Wusstest du, dass man die Wahrscheinlichkeit der negativen Auswirkungen eines Fluchs berechnen kann?“
„Nein. Allerdings erscheint mir das eine gute Idee zu sein, wenn diese Fertigkeit beim Fluchbrechen von Nutzen sein soll. Dann weiß man wenigstens, was einem blüht.“
Ein leises Lachen entfuhr Hermione. „Möglich. Auch wenn man dann erwarten sollte, dass Auroren dieses Fach belegen.“
„Na, stell dir Ron darüber vor…“ Dean zwinkerte Hermione zu.
Diese lachte. „Oh, er würde durchdrehen. Ganz sicher!“
„Ron und Arithmantik?“, erklang Ginnys Stimme hinter ihnen. „Das ist wie Verwandlungen: Es kommt nichts dabei zustande.“ Auch Rons Schwester lernte regelmäßig mit ihnen, waren sie doch nun in der gleichen Klasse. Dass zwischen ihr und Dean eine gescheiterte Beziehung stand, war Merlin sei Dank nicht zu merken. Sowieso schien Dean eine große Zuneigung zu Luna gefasst zu haben, die er am Wochenende regelmäßig in Hogsmeade traf.
Hermione musste an sich halten, um nicht den Kopf zu schütteln. Es war schon komisch, wie sehr einem diese Beziehungsgeschichten immer wieder in den Sinn kamen und wie viel Bedeutung sie hatten.
„Sollen wir uns Verwandlungen widmen?“, fragte Hermione.
„Immer gerne.“ Dean war froh um diese Ablenkung. Denn obwohl sie nun Schulleiterin war, ließ Professor McGonagall es sich nicht nehmen, den UTZ-Kurs in Verwandlungen selbst zu leiten und selbstverständlich tat sie das nicht ohne ihre üblichen Erwartungen.

***

Am nächsten Wochenende traf sich Hermione mit Ron und Harry mitten auf einer wilden Müllkippe am Rande von Norwich. Es war das zweite Oktoberwochenende und entsprechend frisch geworden. Hermione hatte sich in einen dicken Mantel und ihren warmen Gryffindorschal gehüllt, der sie an bessere Zeiten erinnerte.
„Mann, das hat ja ewig gedauert!“, lautete Rons freundliche Begrüßung, als er Hermione freundschaftlich in die Arme schloss.
„Ich freue mich auch, dich zu sehen“, erwiderte Hermione mit einem Hauch von Ironie.
„Hier.“ Harry reichte ihr einen großen orangefarbenen Plüschzylinder mit einer großen Plastikkanonenkugel auf der Spitze. Schließlich waren sie ja hier, um das Saisonauftaktspiel zwischen den Chudley Canons – Rons Lieblingsmannschaft – und Puddlemere United zu sehen. Nur wenige Meter von ihnen entfernt strömten bereits die Besuchermassen zum Stadion. Immerhin war dies das erste Spiel in der Quidditch-Liga seit Voldemort. Es schien momentan weiterhin fast alles das erste „seit Voldemort“ zu sein.
„Das wird so toll!“ Ron legte seinen beiden besten Freunden die Arme um die Schultern und schob sie quasi neben sich her. Hermione blickte ihn von der Seite an und musste lächeln. Seine Augen glühten und seine Ungeduld war deutlich greifbar. Manchmal war er wirklich wie ein Kind.
„Schade, dass Ginny nicht mitkommen konnte.“ Harry zog einen Schmollmund und sich gleichzeitig seinen eigenen Plüschzylinder tiefer in die Stirn, da ihn gerade wieder einmal einige Leute angestarrt hatten. Er hasste das.
„Sie kommt nach.“ Hermione lächelte. Eigentlich hatte Ginny sie gebeten, das nicht zu verraten, um Harry zu überraschen, aber sie alle trugen noch viel zu viel Traurigkeit mit sich, als dass sie Harrys betrübtes Gesicht allzu lange ertragen konnte. „Sie muss noch ihre Strafarbeiten bei Filch erledigen und will sich absetzen, sobald sie kann.“
Ron musste grinsen. „Eine echte Weasley.“
Hermione verkniff sich die Antwort dazu. Ginny war weitaus erwachsener, als es einige ihrer Brüder wohl jemals sein würden.
„Hatte Pansy keine Zeit?“, erkundigte sich Hermione neugierig, während sie sich auf ihren Plätzen niederließen. Sie hatten einen guten Blick über das gesamte Spielfeld und saßen weit oben.
Ron lief dunkelrot an. „Na ja, sie…“ Er druckste herum und wich Hermiones prüfendem Blick aus.
„Sie was?“ Hermione zog eine Augenbraue hoch.
„Sie… ähm… Nun ja, sie…“
„Harry?“ Sie verlor die Geduld mit Ron und blickte ihren gemeinsamen Freund an.
„Oh, Pansy hat ein Problem damit, einen Nachmittag gemeinsam mit Ron und seiner Ex-Freundin zu verbringen. Ich würde sagen, sie ist akut eifersüchtig auf dich.“
„Harry!“ Ron blähte empört seine Wangen auf.
Hermione grinste. „Nun, damit sollte sie umgehen lernen.“ Dass Ron auf die Idee kommen könnte, ihr die Freundschaft aufzukündigen, glaubte sie nicht. Sie waren gemeinsam durch die sprichwörtliche Hölle gegangen. Das verband mehr als es irgendetwas anderes – wie eine Verliebtheit – konnte.

Am Ende des Spiels ließ Ron geknickt den Kopf hängen. Die Canons waren mit 120 zu 350 gegen Puddlemere untergegangen.
Harry versuchte ihn zwar zu trösten, dass schließlich ein Spiel – noch dazu das Auftaktspiel der Saison – noch keinen Weltuntergang bedeutete, doch Ron war am Boden zerstört.
„Willst du tatsächlich noch mitkommen und Oliver hallo sagen oder lieber schon mal nach London zurück? Nicht, dass…“
„Nein, nein, nein!“ Ron unterbrach seinen besten Freund beinahe sofort. „Natürlich komme ich mit!“ Denn ganz vielleicht konnte er ja bei einem Gespräch mit ihrem ehemaligen Hauskameraden Oliver Wood, der für Puddlemere United spielte und dort Ende der letzten Saison vom Ersatzhüter zum Stammhüter aufgestiegen war, noch einen Blick auf seinen großen Helden der Canons werfen – auf Brianna Hedgehog zum Beispiel oder auf Chris Leroy.
Ginny und Hermione schlossen sich den beiden Jungs an. Hermione erinnerte sich zwar durchaus gut an Oliver Wood, der etwas mehr als drei Jahre älter war als sie – und nahezu vier Jahre älter als Harry und Ron – und der Harry in ihrem ersten Schuljahr in Sachen Quidditch unter seine Fittiche genommen hatte. Damals hatte sie allerdings eigentlich gar nichts mit ihm zu tun gehabt.
„Hey, Oliver!“ Harry hatte den kräftigen jungen Mann, der in der Nähe des abgesperrten Bereiches der Stadionkatakomben auf sie wartete, als erster erspäht.
„Hey!“ Oliver lächelte die vier gewinnend an. Er sah ein wenig abgekämpft, aber gleichzeitig auch zufrieden ob des Sieges aus.
Hermione musterte ihn neugierig. Es war schon erstaunlich, wie sehr sich Menschen veränderten. Er war stets ein eher stämmiger Junge gewesen und daraus war ein eindeutig kräftiger Mann geworden, bei dem sie sich jedoch sicher war, dass alles an Masse, die er auf die Waage brachte, Muskeln waren,. Seine rötlich-braunen Haare hingen ihm verschwitzt in die Stirn und seine braunen Augen funkelten vergnügt.
Harry und Ron bestürmten ihn beide mit Fragen zum Spiel, die er mit erkennbarer Freude beantwortete. Auch Ginny mischte schnell munter mit, war sie doch aktuell Jägerin im Gryffindorteam und immer daran interessiert, Erfahrungen auszutauschen. Hermione dagegen lauschte dem Gespräch amüsiert, wenngleich sie sich nicht aktiv beteiligte.
Im Laufe der Unterhaltung kamen tatsächlich Rons große Helden der Canons vorbei und als Oliver sie einander vorgestellt hatte, verlagerte sich der Hauptteil des Gesprächs. Nicht nur Ron fragte die beiden Canon-Spieler begeistert aus, sondern auch Ginny und Harry standen ihm nichts nach.
Hermione konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.
„Du teilst seine große Begeisterung für Quidditch nicht unbedingt, oder?“, erkundigte sich Oliver.
Sie lächelte. „Och, ich mag Quidditch. Ich liebe es, die Spiele zu sehen, aber ich werde für Quidditch niemals meinen Verstand verlieren.“ Sie tippte sich an die Stirn. „Dafür ist er mir doch etwas zu wertvoll.“
Oliver musste lachen. „Man sollte seinen Verstand auch niemals unsinnig riskieren.“
„Im Zusammensein mit Harry und Ron ist das allerdings manchmal schwierig.“ Hermione warf einen langen Blick zu ihren engsten Freunden hinüber, die gerade Brianna Hedgehog zu einem Autogramm nötigte. Da Harry gerade eine finstere Miene schnitt, schien sie im Gegenzug von ihm ebenfalls ein Autogramm haben zu wollen.
„Aber sie würden dir fehlen, wenn sie nicht da wären“, stellte Oliver trocken fest.
„Sie sind meine Freunde“, sagte Hermione schlicht.
„Und du hast sie noch beide. Das ist nach dem Krieg etwas, das nicht für alle selbstverständlich ist.“ Die fröhliche Miene schien von seinem Gesicht zu gleiten und hinterließ einen Hauch von Traurigkeit, der jedoch recht schnell wieder hinter einem Lächeln verschwand. „Doch man sollte nach vorne schauen, nicht wahr?“
Hermione lächelte still, unsicher, was sie nun sagen sollte.
„Was machst du momentan?“
„Oh, ich hole meinen Schulabschluss nach. Das klingt vielleicht etwas langweilig, aber ich finde es wichtig. Damit ich danach alle Grundlagen habe für das, was ich dann machen will.“
„Und was willst du danach machen?“ Olivers braune Augen besaßen einen äußerst intensiven Ausdruck, als er sie bei dieser Frage anblickte, und er wirkte ernsthaft an dem interessiert, was sie sagte. Das brachte Hermione ein wenig aus dem gedanklichen Tritt. Ron hatte sie nie so angesehen. Na ja, aber Ron war auch immer entweder verträumt, verschüchtert oder abgelenkt gewesen. Jedenfalls war es ihr so vorgekommen.
„Mal sehen.“ Hermione musste lachen. „Ich weiß, es klingt so großartig, was ich vorhabe und dann kommt so eine Antwort. Ich will etwas Wichtiges tun. Etwas, das die Welt bewegt und verändert. Ja, ich möchte diese Welt gerne verändern. Aber ich habe noch ein Jahr, um herauszufinden, wie ich es tun will, und den entsprechenden Plan zu schmieden.“
Oliver war von ihrem Lachen angesteckt worden und nun strahlten diese bemerkenswert warmen braunen Augen sie an. „Dann wünsche ich dir dafür viel Erfolg. Sag mir Bescheid, wenn du beim Pläne schmieden bist. Vielleicht kann ich dir ja helfen.“ Er zwinkerte ihr auf eine Art zu, die so dreist war, ihr kurz die Luft wegbleiben zu lassen, und wandte sich dann den anderen zu und erlöste die beiden Canon-Spieler von den drei aufdringlichen Quidditchfans. Erneut glitt ein Lächeln über Hermiones Gesicht. Dieses Herzklopfen war doch ein gutes Zeichen. Immerhin bewies es, dass sie innerlich noch nicht vollkommen in eine Bibliothek verwandelt worden war. Und mit diesem kleinen Lächeln auf den Lippen machte sie sich mit den anderen auf den Weg zu dem Portschlüssel, der sie nach Hause bringen würde.

***

Wie so oft war die Große Halle in den Nachmittagsstunden zu einem Lernraum für sämtliche Schüler geworden. Nicht, dass man hierbleiben musste, aber dieses geschäftige Blättern und Kritzeln besaß für Hermione manchmal eine besonders motivierende Wirkung. Allerdings gab es auch einige störende Momente. Wie gerade, als Filch mit einem jungen Mädchen – Erstklässlerin, Hufflepuff – hereingestampft kam und auf Professor McGonagall zuhielt, die zur Entspannung die Aufsicht führte. Genauer gesagt hatte Filch sich das Mädchen quasi unter den einen Arm geklemmt, während ein kleiner, straßenköterblonder noch halb in eine Katze verwandelter Jack-Russell-Terrier unter seinem anderen Arm klemmte. Hermione hatte die Vermutung, dass das vermutlich eher ein Crup denn ein normaler Hund war. Sie seufzte leise und stand auf, um in der Eulerei vorbeizusehen. Einerseits hatte sie keine große Lust, Zeuge von Filchs Gezeter zu werden, und andererseits wollte sie noch einen kurzen Brief an Ron und Harry aufgeben, in dem einige Lektürehinweise für sie standen. Wenn sie vernünftig waren, würden sie in die Bücher hineinschauen und die wichtigsten Inhalte lernen, da sie äußerst hilfreich für ihre Aurorenausbildung sein würden. Sie würde es allerdings auch nicht wundern, wenn die beiden sich zwar die Bücher besorgten und dann benutzten, um wackelige Möbel in ihrem kleinen Zweizimmerappartement vom weiteren Wackeln abzuhalten.
Die frische kalte Herbstluft hatte ihr gut getan und sie war ein wenig erhitzt, als sie die Eulerei betrat und auf eine der Schuleulen zuschritt, um ihr den Brief zu übergeben. Sie freute sich darauf, gleich wieder ins Warme zu kommen und sich in ihre Arithmantikbücher zu vergraben. Sie wollte sich gerade umdrehen und gehen, als eine sehr hübsche Kuriereule hereingeflogen kam und direkt auf sie zuhielt. Überrascht sah Hermione dem Vogel entgegen. Äußerst würdevoll landete die Eule und hielt ihr den Brief in ihrem Schnabel hin. Als Hermione endlich ihre Verblüffung überwunden hatte und den Brief entgegennahm, flog sie zügig wieder davon. Die Eule schien entweder einen äußerst engen Zeitplan zu haben – oder sie freute sich darauf, nach Hause zu kommen.
Noch immer verblüfft drehte Hermione den Brief in ihren Händen. Harry und Ron schickten immer Rons Eule Pig. Harry hatte sich ja bisher noch nicht dazu durchringen können, sich nach Hedwigs Tod eine neue Eule zuzulegen. Und ihre Eltern schickten immer eine von den normalen Posteulen aus der Winkelgasse, keinen Kuriervogel. Kopfschüttelnd brach Hermione das Siegel und zog die Seiten hervor.
Es war das Briefpapier von Puddlemere United, zumindest prangte das Wappen der Quidditchmannschaft groß oben rechts in der Ecke. Die Handschrift war ordentlich, an einigen Stellen aber etwas verwackelt, als wenn der Schreiber seine Worte möglichst schnell zu Papier gebracht hatte, vielleicht um nicht genauer über sie nachdenken zu müssen.

‚Liebe Hermione,

da ja nur die Kamine in den Gemeinschaftsräumen mit Sprechverbindung an das Flohnetzwerk angeschlossen sind, dachte ich mir, dass dir ein Brief von mir weitaus lieber ist als ein Überraschungsanruf vor allen Leuten. Denn ich bin mir ziemlich sicher, dass du nicht damit gerechnet hast.
Mir hat unser Gespräch am Samstag sehr gefallen und ich würde es gerne fortsetzen. Ich habe dir zwei Karten für das nächste Spiel von Puddlemere beigelegt. Es ist am 1. November und ich würde mich sehr freuen, wenn du kommst. Falls du mehr Karten brauchst, sag einfach Bescheid. Ich schicke sie dir dann so bald wie möglich.

Ich wollte dir außerdem noch sagen, dass meine Schwester dieses Jahr in Hogwarts angefangen hat. Nicht, dass du dich wunderst, falls du ihr über den Weg läufst oder von ihr hörst – und ich bin mir sicher, dass du gerade letzteres recht bald tun wirst – und dir dann sagst, dass du das ja noch nicht wusstest. Sie heißt Dandelion und ist ein Hufflepuff. Und sie hat das große Talent, auf Schwierigkeiten und Ärger wie ein Magnet zu wirken.

Ich würde mich sehr freuen, von dir zu hören.

Liebe Grüße

Oliver’


Hermione musste lächeln. Es war ein lieber Brief und sie freute sich darüber. Gerade, weil er vollkommen unerwartet kam. Nie hätte sie damit gerechnet.
Der 1. November. Sie dachte kurz nach. Sie hatte an dem Tag bisher noch keine Verpflichtungen, Ginny auch nicht und Ginny würde garantiert gerne mitgehen. Schließlich liebte Rons kleine Schwester Quidditch über alles. Allerdings waren Harry und Ron an dem Wochenende auf einem Fortbildungskurs im südlichen Frankreich. Aber es war ja kein Problem, wenn sie nur zu zweit kommen würden. Vermutlich würde Oliver das sogar lieber sein, konnte sich Hermione vorstellen. Immerhin gab es dann nur eine Person, die jegliche Quidditchspieler über alles, was mit ihrem Beruf zu tun hatte, ausquetschen würde.
Hermione zögerte einen kurzen Moment und fragte sich, ob es zu früh war, wenn sie direkt antwortete, dann ließ sie mit einem Schulterzucken ihre Tasche zu Boden sinken und kramte Papier und Feder heraus.

‚Lieber Oliver,

vielen Dank für deinen Brief. Ich war tatsächlich überrascht, habe mich aber gefreut.

Ich komme gerne zu dem Spiel. Mehr Karten brauche ich nicht; Ron und Harry sind an dem Wochenende verhindert, aber Ginny wird sicher gern mitkommen. Daher bedanke ich mich auch schon einmal in ihrem Namen.

Es klingt, als wenn deine Schwester dir nicht besonders ähnlich ist. Aber ein genaures Urteil werde ich dir erst geben können, wenn ich sie kennengelernt habe.

Bis zum 1. November.

Liebe Grüße

Hermione’


Kurz und unverfänglich, freundlich und erfreut, aber nicht übertrieben. Ja, das ging so. Hermione schrieb den Empfängernamen auf den Umschlag und schickte eine Schuleule los. Dann machte sie sich auf den Weg zurück in den Gryffindorturm. Jetzt freute sie sich noch mehr auf das Sofa vor dem Kamin, ihre Arithmantikbücher und einen Krummbein, der es sich auf ihrem Schoß gemütlich machte.

***

Natürlich war Ginny überaus begeistert gewesen, als Hermione ihr von den Karten erzählt hatte.
Dieses Mal brachte der Portschlüssel sie nach Nordirland auf eine abgelegene Schafswiese.
„Bei Merlin, als Quidditchfan treibt man sich aber auch immer in Gegenden herum…“ Hermione schüttelte den Kopf, während die beiden Mädchen zwischen Schafmist hindurch zu dem vor Muggeln magisch getarnte Stadion gingen.
Ginny lachte. „Tja, so ist das eben… Was glaubst du denn, warum für einen Spieltag ganze zwei Wochen gebraucht werden und immer nur ein Spiel an einem Tag stattfinden kann?“
„Weil der Tarnungsaufwand unglaublich gewaltig ist“, gab Hermione trocken zurück. Bereits Ron – später auch Harry – hatten sie mit diesem Quidditchfachwissen zugetextet und Ginny stand den beiden in keiner Hinsicht nach.
„Habe ich das schon einmal erwähnt?“
„Nein, aber Ron.“
„Du hast tatsächlich ein großartiges Gedächtnis.“
„Danke.“ Hermione lachte.
„Vor allem, wenn du dir Dinge merkst, die dich nicht ganz so sehr interessieren…“ Ginny wich einem großen Haufen Schafsköttel aus.
„Oh, ich mag Quidditch. Ich finde es wirklich spannend und interessant. Daher ist das Wissen kein unnützer Ballast, aber andere Dinge sind mir einfach wichtiger. Nicht wie bei anderen Leuten, die Tag und Nacht nur noch an Quidditch denken können.“ Hermione knuffte Ginny lachend in die Seite.
„Und an Harry bitte schön!“, gab diese vergnügt zurück.

Das Match dauerte dieses Mal deutlich länger als das letzte. Nach fünf Stunden war es endlich entschieden, wenn auch mit 10 Punkten Unterschied für die Ballycastle Bats. Die Fans in den schwarzen Trikots mit der scharlachroten Fledermaus auf der Brust jubelten mit äußerster Begeisterung, während die Puddlemere-Fans natürlich entsprechend geknickt waren.
„Ich wette, du wirst da gleich jemanden trösten müssen“, raunte Ginny Hermione zu, während sie von der Tribüne hinunter stiegen. Oliver hatte geschrieben, dass er sie in der Nähe des Eingangs zu den Stadionkatakomben treffen wollte.
Hermione hob die Schultern. Das würde sich ja zeigen.
„Ich werde jetzt noch den Souvenirstand überfallen und gehe dann schon mal zurück. Dann hast du alle Zeit der Welt.“ Sie zwinkerte Hermione anzüglich zu und huschte dann in der Menge davon, ehe Hermione protestieren konnte.
Hermione zog eine Augenbraue hoch und schüttelte leicht den Kopf. Da musste sie wohl jemandem noch mal deutlich erklären, dass das hier kein Date war, sondern nur ein harmloses Treffen ehemaliger Schulkameraden.
Dennoch schlug ihr Herz einen Tick schneller, als sie Oliver in seiner Puddlemere-Uniform neben den Ordnern ausmachte und er ihr lächelnd zuwinkte.
Er sprach kurz mit den Sicherheitszauberern und daraufhin bedeuteten diese Hermione, durch die Absperrung zu treten.
„Hi.“ Oliver lächelte sie strahlend an und Hermione erwiderte dieses Lächeln nur zu gerne.
„Hallo. Ein tolles Spiel, sehr spannend. Schade, dass ihr so knapp verloren habt.“
„So ist Quidditch eben.“ Oliver hob die Schultern. „Aber es ist erst das zweite Spiel der Saison, daher bedeutet das noch nicht allzu viel.“
Sie gingen einige Schritte, bis sie in einen kleinen Aufenthaltsraum kamen, der momentan verwaist war. Sie ließen sich auf zwei recht bequemen Stühlen mit dem Ballycastle-Logo nieder.
Oliver schwieg und blickte Hermione kurz an, ehe er dann auf seine Hände sah. Es war unübersehbar, dass er ein wenig nervös war, was wiederum dafür sorgte, dass auch Hermione nervös wurde. Etwas, das ihr eigentlich nicht passte.
„Vielen Dank für deine Einladung. Ginny ist vor Freude im Dreieck gesprungen, als ich ihr von den Karten erzählt habe. Sie hat im Moment nur Quidditch und Harry im Kopf.“ Hermione lachte leise. „Sie dürfte gerade der glücklichste Mensch auf der Welt sein. Und der Souvenirverkäufer sicher gleich auch.“
„Und was hast du momentan im Kopf?“, fragte Oliver unvermittelt.
„Oh, ich?“ Hermione zögerte einen Augenblick und gab dann freimütig zu: „Die Schule. Den ganzen Lernstoff, die UTZ-Prüfungen und die Frage, was ich nach der Schule machen will. Es frustriert mich, weil ich es noch nicht genau weiß. Ich hatte immer einen Plan und wusste immer, was ich wollte, aber jetzt…“ Sie hob die Schultern und ließ sie wieder sinken. Ihr Blick fiel auf die Tischplatte und glitt von dort aus ins Leere. „Weißt du, das letzte Jahr hat alles irgendwie verändert… Ich wäre froh gewesen, später Lehrerin zu werden oder Ärztin… Und jetzt, jetzt frage ich mich, was ich tun kann, damit unsere Welt besser wird. Damit so schreckliche Dinge nicht noch einmal geschehen. Und ich finde keine Antwort darauf. Es ist so… blöd.“ Sie seufzte.
Oliver legte zaghaft seine Hand auf ihre und drückte sie sachte. Hermione blickte auf und sah in seine warmen braunen Augen.
„Weißt du, ich zweifele nicht daran, dass du es rechtzeitig herausfinden wirst – und dass du es schaffen wirst, diese Welt zu verändern. Ganz egal, welchen Beruf du am Ende ausübst.“ Seine Zuversicht gab Hermione etwas von der inneren Ruhe zurück, die sie in der letzten Zeit vermisst hatte. Dass jemand, der sie so wenig kannte, ihr ein derartiges Vertrauen entgegenbrachte, bedeutete ihr etwas.
„Danke. Ich hoffe, du hast Recht.“ Sie senkte den Blick auf ihrer beider Hände und abrupt zog Oliver die seine wieder zurück.
„Ich bin mir sicher, dass ich das habe.“
Ein verlegenes Lächeln glitt über ihr Gesicht, dann wechselte sie unvermittelt das Thema. „Am 7. ist der berühmte Quidditchsaisonauftakt Slytherin gegen Gryffindor. Hast du nicht Lust zu kommen? Professor McGonagall hält die Schule zu den Spielen immer für Familienangehörige, Ehemalige und Besucher geöffnet. Und vielleicht hast du ja Lust zu sehen, was dein ehemaliges Team so macht. Ginny ist jetzt Kapitän, weißt du“, sprudelte es aus ihr hervor und sie blickte Oliver dabei direkt in die Augen.
„Ginny?“ Oliver zog amüsiert eine Augenbraue hoch.
„Oh ja, unterschätze sie nicht.“ Hermione grinste. „Sie treibt alle kräftig an und schindet sie richtig. Sie hat Harry vorletztes Jahr bei seinem Kapitänsamt so kräftig unterstützt, dass sie schon als heimlicher Kapitän galt.“
„Na, dann bin ich ja gespannt.“
„Das heißt dann ja?“
„Ja, natürlich. Ich komme gerne.“ Olivers Lächeln war breit und warm und Hermione hatte das Gefühl, dass sie beide sich eigentlich die ganze Zeit über nur angelächelt hatten und gar nichts anderes taten. Und das Lächeln tat gut, vor allem, weil sie den Eindruck hatte, dass Oliver sich wirklich für ihre Person interessierte und sie aufrichtig mochte.

***

Dandelion Wood hatte sich tatsächlich bereits in der kurzen Zeit einen Namen in Hogwarts gemacht. Das erfuhr Hermione, als sie Ginny am Abend auf ihrem gemeinsamen Zimmer auf Olivers Schwester ansprach.
Tatsächlich war Dandelion das Hufflepuff-Mädchen gewesen, das Filch neulich zu Professor McGonagall geschleppt hatte – und das es tatsächlich gewagt hatte, einen Crup nach Hogwarts zu schmuggeln. Dabei besagten die Schulregeln ganz eindeutig, dass nur Katzen, Eulen, Ratten und Kröten als Haustiere erlaubt waren.
„Aaaaber weißt du, was das Bemerkenswerteste an der Sache war, Hermione?“ Ginny rollte sich auf ihrem Bett herum und blickte die Freundin an.
„Was denn?“ Mit untergeschlagenen Beinen saß Hermione auf ihrem eigenen Bett in dem gemütlichen Zwei-Mann-Zimmer und hatte ein Zauberkunstbuch auf den Knien, in dem sie bis gerade ein wenig gestöbert hatte.
„Sie hat den Crub in eine Katze verwandelt. Wie es heißt, musste sie den Zauber immer wieder mal erneuern, aber es ist nicht aufgefallen! Sie muss gut sein, Hermione. Wirklich gut.“ Ginny grinste. „Fred und George…“ Sie brach ab, schluckte kurz und sprach dann weiter: „Fred und George hätten sie sofort adoptiert. Und George würde sie auch jetzt sofort ausquetschen, welchen Zauber sie genommen hat, um einen Haustierverwandlungszauber zu basteln, damit jeder sein geliebtes Tier nach Hogwarts schummeln kann.“
„Merlin, ich sehe uns schon in Pferden, Dodos und was sonst noch untergehen.“ Hermione musste kichern.
„Und? Wie war’s mit Oliver? Erzähl schon!“ Ginny blickte die Freundin erwartungsvoll an.
„Er ist nett.“ Diese lächelte und klappte das Buch zu. Krummbein hob den Kopf und kam vom Bettende zu ihr gelaufen, um sich seine abendliche Dosis Streicheleinheiten abzuholen, ehe er den Rest der Nacht damit verbringen würde, durch die Gänge des Schlosses zu streichen und zu versuchen, Mrs. Norris einen Schreck einzujagen. „Wirklich, er ist richtig nett. Keine Ahnung, warum ich ihn früher gar nicht so wirklich wahrgenommen habe.“
„Das ist einfach“, gab Ginny altklug zurück. „Du warst jung und erst nicht besonders an Jungs interessiert und dann gefiel dir erst Viktor und dann Ron. Vielleicht auch beide gleichzeitig, das hast du ja noch nie so genau verraten. Wo wäre da denn Platz gewesen, dass dir ein Junge auffällt, der drei Jahre älter ist als du? Noch dazu neben euren ganzen Abenteuern und deinen Büchern.“ Ginny griff eines der Dekokissen von ihrem Bett und warf es zu Hermione hinüber.
Diese fing das Kissen auf und lächelte leicht.
„Vielleicht, Miss Superschlau-und-Erfahren. Vielleicht. Vielleicht habe ich mir aber auch nie besonders viel aus unseren Quidditchhelden gemacht.“
„Hey, du hast Quidditch von Anfang an geliebt! Und das nicht nur, weil du erst mit Harry die Jahre über mitgefiebert hast und dann mit Ron! Du findest das Spiel toll und du bewunderst den Mut der Spieler. Und außerdem…“ Ginny sprang auf und holte tief Luft. „…weißt du ganz genau, dass man als wirklich guter Quidditchspieler viel auf dem Kasten haben muss!“
Hermione musste lachen. „Also, ich muss da gerade an Marcus Flint denken! Das perfekte Beispiel von Intelligenz!“
Lauthals lachend ließ Ginny sich wieder fallen und federte auf dem Bett kurz in die Luft, ehe sie liegen blieb.
„Hey, wenn du nicht das Gefühl hättest, dass Oliver das Herz am rechten Fleck hat und was im Kopf, dann würdest du ihn doch gar nicht interessant finden!“, brachte das rothaarige Mädchen schließlich japsend hervor.
„Vielleicht. Und dann hätte ich ihn auch nicht gefragt, ob er zum Spiel nächste Woche kommt.“
„Das hast du?“ Ginny hob den Kopf und grinste Hermione an. „Prima!“
„Ich sehe dich schon darauf spekulieren, dass er dich irgendwem empfiehlt.“ Das ältere Mädchen schüttelte den Kopf und langte nach dem Buch über die Geschichte der Zauberei auf ihrem Nachttisch.
„Wer weiß!“ Mit einem seligen Lächeln wälzte sich Ginny herum und blickte zu dem Dach ihres Himmelbettes empor.

***

Hermione stellte zu ihrer eigenen Überraschung fest, dass sie umso nervöser wurde, desto näher der Samstag kam, an dem das Quidditchspiel Gryffindor gegen Slytherin stattfinden würde. Doch ja, sie musste sich eingestehen, dass Oliver sie wirklich interessierte. Gleichzeitig beschäftigte sie aber auch immer noch der Gedanke, worauf hin sie eigentlich mit ihrem Schulabschluss arbeitete. Manchmal, wenn sie nachts im Bett lag, hatte sie das Gefühl, dass sie im Endeffekt nur hier war, weil ihr die Zielstrebigkeit fehlte, die Ron und Harry sofort ihre Aurorenausbildung hatte beginnen lassen. Sie wollte kein Auror werden. Sie wusste, dass sie dafür absolut ungeeignet war. Es war, wie sie Oliver gesagt hatte: Sie wollte etwas machen, womit sie diese Welt zu einem besseren Ort machen konnte – und womit sie verhindern konnte, dass so etwas wie der Aufstieg des Dunklen Lords noch einmal geschehen konnte. Sie wollte verhindern, dass all das Leid noch einmal stattfinden konnte. Aber wie? Sie konnte eine große Enthüllungsreporterin werden. Sie konnte im Ministerium arbeiten. Sie konnte Heilerin werden. Richterin, Staatsanwältin, irgendwann vielleicht Zaubereiministerin. Oder Lehrerin und die Kinder auf das vorbereiten, was das Leben vielleicht irgendwann von ihnen verlangen würde. Es gab so vieles, was sie tun konnte. Und das Dumme war, dass sie sich einfach nicht für ein bestimmtes Ziel entscheiden und sich darauf festlegen konnte.
Wie hieß es doch so schön? Qué será, será. Sie lächelte und bemühte sich den Gedanken abzuschütteln. Besser, sie konzentrierte sich jetzt auf die Zauberkunsthausaufgaben. Denn immerhin würde sie diese danach noch Dean und Ginny erklären müssen…

Der Auftakt der Hogwarts-Quidditchsaison kam schneller als erwartet und Hermione zupfte an ihrem rot-goldenen Schal herum, den sie zu ihrem schwarzen Winterumhang trug, während sie in der Nähe des Quidditchfeldes wartete. Sie hätte zwar schon auf die Tribüne steigen können, aber sie wollte hier unten auf Oliver warten.
„Hältst du nach mir Ausschau?“, wurde sie auf einmal von hinten angesprochen und überrascht wirbelte sie herum.
„Oliver! Erschreck mich nicht so!“ Verlegen fuhr sie sich durch die buschigen Haare.
„Es freut mich auch, dich zu sehen.“ Er lächelte sie freundlich an. Nachdem sie ihn in letzter Zeit immer in seiner Quidditchmontur gesehen hatte, kam es ihr im ersten Augenblick etwas befremdlich vor, ihn in einem simplen, dunkelbraunen Winterumhang, einem dunkelblauen Pullover und Jeans zu sehen.
„Du warst beim Friseur“, stellte Hermione fest und musste grinsen. „Nur für mich?“
„Äh, na ja…“ Er kam ins Stottern. „Quasi schon. Auf dem Quidditchfeld ist die Frisur ja ziemlich egal, aber wenn man mit einer jungen, hübschen Frau unterwegs ist, sollten sie wenigstens ein bisschen was hermachen, oder nicht?“ Während er sprach, gewann er seine Sicherheit sichtlich wieder, was wiederum Hermione zusagte. Etwas Unsicherheit war nett, aber es würde sie verrückt machen, wenn sie ständig mit jemandem zusammensein würde, der dauert herumstammelte oder einen Tritt in den Hintern brauchte, um seinen Mut zu finden. Hey, aber Oliver war schließlich ein Gryffindor, nicht wahr?
„Danke für das Attribut hübsch.“ Hermione schenkte Oliver ein strahlendes Lächeln und deutete dann in Richtung der Tribünen. „Sollen wir uns einen Platz suchen? Es wird langsam voll.“
„Das klingt nach einer verdammt guten Idee.“
Gemeinsam stiegen sie auf eine der von Gryffindors dominierten Tribünen und suchten sich einen Platz.
Colin Creevey gesellte sich kurz darauf zu ihnen, seine große Kamera wie immer auf dem Schoß. Denn irgendwer musste schließlich die Spielfotos für das Schwarze Brett schießen und Colin besaß dafür auf jeden Fall Talent. Außerdem wollte er auf keinen Fall das Debüt seines jüngeren Bruders Dennis im Gryffindorteam verpassen. Colin hatte sich von der kleinen Nervensäge zu einem bei den Mädchen äußerst beliebten Jungen gewandelt.
„Hi.“ Er grinste Oliver kurz an und setzte sich dann neben Hermione. Der prüfende Blick, den Oliver dem Neuankömmling zuwarf, entging Hermione nicht. Sie zog eine Augenbraue ein Stückchen hoch, ehe sie sich dann auf das Geschehen auf dem Rasen konzentrierte.
Mit dem Ellenbogen stieß sie Oliver in die Seite. „Die Teams kommen raus!“
Das Gryffindorteam wurde von einer stolz aufgerichteten Ginny angeführt, die einen äußerst entschlossenen Gesichtsausdruck besaß. Hermione war froh, dass sie sich dort unten nicht dem Rotschopf messen musste. Sie kannte diesen Gesichtsausdruck. So hatte Ginny auch ausgesehen, als sie sich mit Bellatrix Lestrange duelliert hatte. Sie würde niemals aufgeben. Fast taten ihr die Slytherins ein wenig leid.
Uruqhart, der Kapitän des Slytherinteams, war ein grobschlächtiger Junge mit einem äußerst grimmigen Gesicht, der seinem Team voranmarschierte. Er sah nicht gerade so aus, als wenn mit ihm gut Kirschen essen war. Hermione fiel auf, wie er Ginny taxierte, und sie ahnte Böses. Die Slytherins würden sich wohl besonders auf Ginny konzentrieren, war sie doch in vielerlei Hinsicht das Rückrat des Gryffindorteams.
Der Stadionsprecher –Hufflepuff-Schüler Owen Cauldwell – stellte kurz die Spieler vor: Ginny, die hochgewachsene Demelza Robins und den kleinen Dennis Creevey als Jäger für Gryffindor, die tapfere Natalia McDonald, die im Krieg von Todessern schwer verletzt worden war und nun wieder genesen war, als Sucherin, der nörgelige und von Ginny disziplinierte Geoffrey Hooper als Hüter und als Treiber Hermiones Klassenkamerad Dean Thomas und der beinahe vollständig hinter seiner dicken Brille verborgene Jimmy Peakes. Bei dem Slytherinteam musste Hermione zugeben, dass sie kaum jemanden kannte. Uruqhart, Vaisey und Davids waren die Jäger, Harper der Sucher, Hüter Pritchard und die Treiber Buddock und O’Shaugnessey. Es waren vor allem grobschlächtige Jungen mit einem breiten Kreuz, die alle einen schlechten Ruf hatten. O’Shaugnessey war das einzige Mädchen im Team – und stand den Jungs in Sachen Brutalität kein bisschen nach. Manche Klischees schienen eben doch für die Ewigkeit zu sein.
Hermione lehnte sich etwas zu Oliver hinüber und erzählte ihm, wie allein zwei Trainingseinheiten mit Ginny dafür gesorgt hatten, dass Geoffrey sich zumindest während des Quidditchs jegliche Arten von Nörgelei abgewöhnt hatte. Ginny war gut – aber sie regierte mit eiserner Hand.
„Sie hat ja auch viele Brüder.“, sagte Oliver grinsend, während die sich die Spieler in die Lüfte erhoben. „Da wird sie viel Durchsetzungsvermögen gelernt haben.“
Hermione musste kichern. Genau das dachte sie auch immer.
Wie Hermione es vermutet hatte, konzentrierten sich die Slytherins vor allem darauf, Ginny auszuschalten. Sie stand beinahe unter Klatscherdauerbeschuss, schlug sich aber dennoch hervorragend. Und das Team bewies Moral, indem es die Chance nutzte, dass ihr Kapitän ihnen den Rücken freihielt, um Punkte zu erzielen. Dennoch war es nur eine Frage der Zeit, bis einer der Klatscher das rothaarige Mädchen empfindlich treffen würde. Schließlich geschah es auch und Hermione meinte, das Knacken, als ihre linker Oberarm brach, bis auf die Tribüne zu hören. Sie schlug die Hand vor das Gesicht und sah aus dem Augenwinkel, wie sich Olivers Gesicht vor mitgefühltem Schmerz verzerrte. Er wusste, wie sich das anfühlen musste.
Aber Ginny wäre nicht Ginny gewesen, wenn sie aufgeben würde. Stattdessen biss sie die Zähne zusammen und trieb ihr Team weiter an.
Dennoch war es der Slytherinsucher Harper, der den Schnatz Natalie vor der Nase wegschnappte. Gewonnen hatte jedoch aufgrund der grandiosen Ausbeute seiner Jäger das Team Gryffindor.
Hermione sprang auf und jubelte dem siegreichen, wenn auch reichlich geschundenem und mitgenommen Team zu.
„Und?“, fragte sie, während sie sich mit strahlenden Augen zu Oliver umwandte. „Was sagst du?“
„Tolles Spiel.“ Er lächelte und erwiderte unwillkürlich ihr begeistertes Strahlen. „Es erinnert mich an früher. Und daran, dass das hier die beste Zeit war.“
„Na, es kommen andere tolle Zeiten.“ Sie knuffte ihn in die Seite.
„Sicher. Aber es ist nie wieder so unbeschwert wie hier auf dem Quidditchfeld in Hogwarts.“ Ein nachdenklicher Ausdruck legte sich über Olivers Gesicht.
„Und wie hier oben auf der Tribüne.“ Hermione umfasste mit einer Armbewegung alle Anwesenden. „Und jetzt müssen wir runter und Ginny unbedingt gratulieren, sobald Madam Pomfrey ihren Arm geheilt hat!“
Sie griff nach Olivers Hand und zog den jungen Mann hinter sich her, der erst überrascht, dann lächelnd und nicht gerade unfreiwillig folgte.
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Beitragvon abranka » 22. Apr 2011, 09:23

***

Es war in Verwandlungen, als Hermione sich das erste Mal dabei ertappte, dass sie in Gedanken nicht bei dem Unterricht war, sondern vielmehr über einen gewissen Quidditchspieler nachdachte. Sie rief sich selbst lächelnd zur Ordnung und konzentrierte sich wieder auf das Schachbrett vor ihr. Professor McGonagall hatte ihnen die Aufgabe gestellt, ein vollständiges Schachspiel mit dem Animatus-Zauber zu beleben. Drei der schwarzen Schachfiguren hatte Hermione bereits Leben eingehaucht, aber sie kam nur mühsam voran. Der Zauber erforderte viel Konzentration und gerade diese war heute nicht ihre Stärke.
Vielleicht sprach die Schulleiterin sie deswegen nach der Stunde an. Möglicherweise hatte sie aber auch eh vorgehabt, sie beiseitezunehmen – Hermione wusste es nicht. Eine Standpauke bekam sie jedenfalls nicht.
„Miss Granger, wie sehen eigentlich Ihre Zukunftspläne aus?“ McGonagall steht aufgerichtet neben ihrem Pult und blickte Hermione mit der ihr eigenen Mischung aus Distanziertheit und Fürsorglichkeit an.
„Ich wünschte, das wüsste ich, Professor“, gab Hermione freimütig zur Antwort. Denn wenn sie sich diesem Problem nicht stellte und keine Gespräche wahrnahm, die vielleicht neue Erkenntnisse brauchten, dann kam sie wohl nie von der Stelle. Schließlich drehte man sich allein mit seinen Gedanken häufig im Kreis, während einen intelligente Gesprächspartner auf neue Wege führen konnten.
„Ich bin mir momentan nur sicher, dass ich etwas tun möchte, was etwas bewegen und die Welt vielleicht ein bisschen besser machen kann.“
McGonagall lächelte. „Das ist ein ehrenwertes Ziel. Aber das kann letztlich auch schon ein Bonbonverkäufer.“ Ihre Miene war überraschend weich, als sie die junge Hexe musterte. „Sie haben viele Talente und Sie sollten vielleicht in Erwägung ziehen, sich für etwas zu entscheiden, das abwechslungsreich ist und Sie auf Dauer fordert. Aber Sie müssen den Mut haben, sich zu entscheiden, Miss Granger.“
Hermione entwich ein leiser Seufzer. Das sagte sich so einfach.
„Möchten Sie wissen, wo ich Sie letztlich sehe?“
„Gerne.“ Sie blickte die Lehrerin erwartungsvoll an.
„Ich sehe Sie im Ministerium, um dort die Dinge in die Hand zu nehmen, die alle anderen zu gerne vergessen und verdrängen. Ich sehe Sie die Dinge organisieren, für die sich niemand anderes finden wird, weil es niemand so gut kann wie Sie.“ McGonagall straffte die Schultern und machte Anstalten zu gehen. „Denken Sie darüber nach. Vielleicht sehen Sie sich ja auch dort.“
Nachdenklich blickte Hermione aus dem Fenster in den grauen Himmel und nahm ihn doch nicht wahr. Sie ließ ihren Gedanken freien Lauf. Das Ministerium… Ja, dort konnte man etwas bewegen. Gerade derzeit. Die Zaubererwelt Großbritanniens befand sich noch immer in einer Wiederauferstehungsphase und viele Dinge waren in Bewegung geraten und waren änderbar geworden – gerade diejenigen Dinge, die zuvor wie festzementiert und für die Ewigkeit gehext worden waren.

Lautes Gekreische und Gezeter vor der Tür riss sie eine gute Viertelstunde später aus ihren Gedanken. Neugierig und ein wenig besorgt, ob der schrillen Stimmen und dem lauten Gepolter, verließ Hermione das Klassenzimmer und sah sich einem Haufen Erstklässler gegenüber, die sich aus voller Kehle gegenseitig anbrüllten. Inmitten der Schülerinnen und Schüler wirbelte ein junges Mädchen herum und brüllte äußerst heftige Schimpfwörter, während es seiner Schultasche nachjagte. Gleichzeitig sausten mehrere Dutzend Wasserbomben durch die Luft und regneten auf die Erstklässler nieder.
Hermione handelte, ohne groß darüber nachzudenken. „Finite Incantatem!“
Die Schultasche fiel schlagartig zu Boden und die Wasserbomben platschten auf die unglücklichen Schüler, die gerade unter ihnen standen, und dort, wo keine Schüler standen, auf den Boden.
„Habt ihr den Verstand verloren?“ Hermione blickte die Kinder an und schüttelte den Kopf. Sogar in ihren eigenen Ohren klang sie wie Mrs. Weasley, wenn sie ihren Söhnen einen Standpauke hielt, aber exakt diesen Tonfall behielt sie bei, während sie die Erstklässler nach allen Regeln der Kunst zusammenfaltete. Sie war gerade fertig, als McGonagall und Filch um die Ecke bogen und im Eilschritt auf die schuldbewusst dreinblickenden Schüler zukamen.
„Vielen Dank, Miss Granger.“ McGonagall nickte Hermione zu und konzentrierte sich dann auf die Jungen und Mädchen. „Miss Wood. Zehn Punkte Abzug für Hufflepuff. “ Ein tiefer Seufzer klang in ihrer strengen Stimme mit, als sich die Schulleiterin auf das Mädchen in der Mitte konzentrierte, in dem Hermione nun das Mädchen mit dem Crup und somit Olivers Schwester erkannte. Sie besaß die gleichen braunen Haare und die gleichen warmen Augen, die jetzt jedoch zornig und trotzig funkelten. „Sie scheinen meine Nachsicht nicht zu wünschen, von daher werden Sie in der nächsten Zeit Mr. Filch bei der Reinigung der untersten Kellerräume unterstützen. Und das ohne Ihren Zauberstab, versteht sich.“
Leises Kichern verriet, dass Dandelion Wood offenkundig nicht gerade die Sympathien ihrer Kameraden und genoss und sehr wahrscheinlich nicht allein an diesem Chaos die Schuld trug.
„Und für den Rest heißt es jeweils zehn Punkte Abzug für Ihre Häuser. Außerdem werden Sie den Rasen auf dem Quidditchfeld mit einer Nagelschere auf die richtige Länge kürzen. Das wird Ihre hitzigen Gemüter vielleicht abkühlen.“ McGonagall warf einen kurzen Blick aus dem nahegelegenen Fenster. Draußen begann es gerade wieder zu regnen. Leises Aufstöhnen und unterdrückte Protestlaute waren die Reaktion.
„Und nun, gehen Sie bitte mit Mr. Filch.“ Sie klatschte in die Hände. Filch marschierte mit einem Gesichtsausdruck der Horde niedergeschlagener Erstklässler voran, den man durchaus als zufrieden bezeichnen konnte.
„Und Sie, Miss Wood…“ McGonagall entfuhr ein weiterer Seufzer.
Hermione blickte dieses zornige junge Mädchen an und verstand auf einmal. Sie sah in diesem Gesicht die gleichen Gefühle, die sie nach dem Krieg empfunden hatte. Die grenzenlose Wut über all das, was ihr genommen worden war, und das Unverständnis darüber, dass die Welt einfach so zur Normalität zurückzukehren schien, obwohl doch alles anders geworden war.
„Professor…“ Hermione unterbrach die Schulleiterin. „Ich denke, Dandelion und ich, wir könnten uns einmal unterhalten.“ Sie sah den Trotz und den Widerwillen auf dem Gesicht des jüngeren Mädchens, aber vielleicht konnte sie hier etwas bewegen.
McGonagall sah kurz von einer zur anderen und nickte dann. „Gut. Falls Sie keine Lust haben, mit Miss Granger zu sprechen, Miss Wood, stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung.“ Damit wandte sie sich ab und ging davon.
Dandelion musterte Hermione von Kopf bis Fuß und schnaubte verächtlich: „Vergiss es. Du kannst dich bei mir nicht Liebkind machen. Du datest meinen Bruder und das mag ich nicht.“
Sie machte auf dem Absatz kehrt und ließ eine reichlich sprachlose Hermione zurück.
Daten? Bei Merlin, sie war sich gar nicht bewusst gewesen, dass ihre Treffen und Verabredungen mit Oliver letztlich genau das waren: Dates. Auch wenn sie bisher kein einziges klassisches Date gehabt hatten. Und er schien sie seiner Schwester gegenüber erwähnt zu haben. Alternativ hatte Dandelion Augen im Kopf und sie beide bei dem letzten Quidditchspiel gesehen. Dennoch: Sie würde mit Dandelion sprechen und das am besten noch vor Weihnachten.

***

Die Tuthill Tornados waren im Gegensatz zu vielen anderen Quidditchteams nicht nach ihrem Heimatort benannt, sondern nach ihrem Begründer Alexander Tuthill, der das Team als eines der ersten der britischen Quidditchliga gegründet hatte. Die Tornados hatten ihr heimatliches Stadion in Schottland und so war dieses Mal der Weg für Hermione und Ginny nicht allzu weit.
Wie Ginny Hermione kürzlich erzählt hatte, beschwerte sich Harry zwar mittlerweile über ihre häufigen Stadionbesuche, aber nachdem sie daraufhin ein ernsthaftes Gespräch mit ihm über Begeisterung und Berufung geführt hatte, hatte Harry kein Wort mehr dagegen gesagt. Außerdem steckte Harry ja bis über beide Ohren in seiner Aurorenausbildung und hatte ebenfalls die meisten Wochenenden kaum Zeit für seine Freundin. Von daher sah Ginny es ja gar nicht ein, zu springen, wenn Harry dann pfiff – symbolisch gesprochen.
Mittlerweile hatten sich die beiden jungen Frauen mit Puddlemere-Outfits ausgestattet und trugen Schal und Trikot, während sie auf der Tribüne Platz nahmen.
„Oh, das ist so genial!“, jubelte Ginny.
Hermione lächelte nachsichtig. Sie konnte Ginnys Begeisterung äußerst gut nachvollziehen. Sie selbst fieberte bei den Spielen ja ebenfalls immer mit, auch wenn sie sich jetzt – da sie das dritte Mal in Folge im Stadion waren – doch ein wenig daran gewöhnte. Das hieß aber nicht, dass sie sich nicht darauf freute. Außerdem war das hier Quidditch und das bedeutete schließlich, dass das Spiel nicht vorhersehbar war.
Irgendetwas Unerwartetes geschah bekanntlich immer dann, wenn es tatsächlich vollkommen unerwartet war.
In diesem Fall hieß es, dass Oliver unglücklich von einem Klatscher getroffen und vom Besen gerissen wurde. Er stürzte aus knapp zwanzig Meter Höhe auf den Boden.
Erschrocken schlug Hermione die Hand vor den Mund und sprang auf. Ginny neben ihr war blass geworden und umklammerte ihren Arm.
Stumm vor Entsetzen und Sorge sahen sie zu, wie sich die drei professionellen Medimagier, die die Spiele in der Quidditchliga betreuten, um den verletzten Hüter kümmerten. Gleichzeitig wurde Olivers Ersatz, Malcom Button, vom Trainer ins Spiel gebracht.
„Sie tragen ihn weg“, flüsterte Ginny leise, als Oliver auf eine magische Trage bugsiert wurde, die neben zwei der Medimagiern herschwebte und ihnen in die Katakomben des Stadions folgte. Das war kein gutes Zeichen. Vor allem, weil Oliver immer noch bewusstlos zu sein schien.
„Wir müssen da runter.“ Hermione sprach so leise und tonlos, dass Ginny ihre Worte kaum verstand, aber das rothaarige Mädchen nickte.
Die beiden standen auf und drängten sich durch das Publikum, das sich langsam wieder aus seiner Schockstarre löste und die Spieler erneut lautstark anfeuerte. Das hier war schließlich Quidditch – Verletzungen kamen vor, aber es war schon seit einem Jahrhundert niemand mehr gestorben.

Wahrscheinlich war es die Tatsache, dass die beiden Mädchen noch immer leichenblass waren, als sie vor den Sicherheitszauberern auftauchten und darum baten, in das Krankenzimmer zu dürfen, die dafür sorgte, dass sie keine großen Schwierigkeiten hatten, eingelassen zu werden. Hermione und Ginn sahen beide so aus, als wenn sie gleich umkippen würden.
„Zuschauernotfall!“, brüllte der bullige Sicherheitszauberer über seine Schulter und eine Medihexe kam aus den Katakomben geeilt. Sie sah die beiden jungen Frauen nur an und bedeutete ihnen sofort, ihr zu folgen.
„Hinsetzen!“ Die resolute ältere Hexe deutete auf zwei Feldbetten, auf denen sich Ginny und Hermione angesichts anderer Möglichkeiten setzten. Sie blickten sich um.
Der Raum war nicht besonders groß. Sechs Feldbetten waren zu sehen, zwischen ihnen befanden sich Vorhänge, die bei Bedarf zugezogen werden konnten. Das siebte Bett war belegt – sehr wahrscheinlich von Oliver – und hinter dem zugezogenen Vorhang war die leise Stimme eines Mannes zu vernehmen. Kurz darauf kam der Medizauberer heraus und zog den Vorhang hinter sich zu.
„Bitte, wie geht es ihm?“, fragte Hermione und sprang auf. Ihre Knie waren wackelig und sie zitterte.
Sofort zogen sich die Augen des Medimagiers zusammen und er kam auf sie zu. „Lorella, was ist mit den Mädchen?“
„Die Nerven. Der Absturz muss sie aufgeregt haben“, gab die ältere Frau zurück und reichte sowohl Ginny als auch Hermione einen Stärkungstrank.
„Wir sind Freundinnen von Oliver“, sagte Ginny.
„Wie geht es ihm?“, wiederholte Hermione.
„Freundinnen, hm?“ Der Zauberer lächelte leicht. „Keine Sorge, er übersteht alles. Er hat sich das rechte Schlüsselbein und den rechten Oberarm gebrochen und außerdem hat er eine leichte Gehirnerschütterung. Nichts, was nicht wieder in Ordnung zu bringen ist.“
„Merlin sei Dank.“ Hermione ließ sich wieder auf der Kante des Feldbettes nieder und nahm nun den Stärkungstrank an, den ihr Loretta noch immer hinhielt. Die Medihexe lächelte nachsichtig. Wenn die beiden Hogwartsschülerinnen den Eindruck kreischender Fans gemacht hätten – die es auch in der Zaubererwelt zu genüge gab, wenn auch glücklicherweise eher seltener im Quidditch –, dann hätte sie beide äußerst schnell vor die Tür gesetzt, aber sie wirkten ehrlich besorgt und betroffen und sie benahmen sich vernünftig.
„Ginny, denk verdammt gut darüber nach, ob du wirklich später Quidditchspielerin werden willst“, entfuhr es Hermione.
„Wieso?“ Das rothaarige Mädchen sah seine Freundin mit großen Augen an. „Ich kenne doch das Risiko. Und Quidditch ist das Beste, was es gibt!“
Hermione seufzte und schloss die Augen. Wenn Ginny es wirklich schaffen sollte, Profispielerin zu werden, dann musste sie sich ganz definitiv sehr starke Nerven zulegen.

***

Merlin sei Dank besaß der Flur in der teameigenen Erholungsstation im Hauptsitz von Puddlemere United keinen Krankenhauscharme. Im Gegenteil. Alles hier erinnerte an ein gemütliches Hotel, was dafür sorgte, dass sich Hermione zumindest ein bisschen wohler fühlte. Nervös war sie dennoch.
Das ganze Prozedere, damit sie Oliver überhaupt hatte besuchen können, war unglaublich gewesen. Mit Anmeldung, Vorsprechen und allem drumherum. Aber es war verständlich, denn immerhin waren die Spieler quasi das Kapital des Teams – und es gab nun einmal ziemlich durchgeknallte Fans. Da sie keine offizielle Beziehung zu Oliver hatte und er sie niemandem aus dem Puddlemere-Umfeld als Freundin – welcher Art auch immer – vorgestellt hatte, kannte niemand sie und somit war man vorsichtig gewesen. Jetzt war sie aber hier und schritt den Flur entlang auf der Suche nach dem richtigen Zimmer.
Als sie es endlich erreicht hatte, zögerte sie noch einen kurzen Augenblick, dann klopfte sie an und trat ein.
„Hallo Oliver.“ Sie lächelte Oliver an und ging auf das Bett zu. Das Zimmer war groß, hell und sehr gemütlich eingerichtet. Bodenlange Vorhänge umgaben das Fenster und das Bett selbst war groß und sah äußerst gemütlich aus.
Oliver war noch etwas blass um die Nase und wirkte, als wenn er sich noch nicht so wirklich gut fühlte, lächelte Hermione aber strahlend an.
„Hallo. Wie schön, dass du kommst.“
„Es wäre ja ein Überraschungsbesuch geworden, wenn ich nicht vorher dieses ganze Anmeldezeugs über mich hätte ergehen lassen müssen.“ Sie schüttelte den Kopf, sodass ihre buschigen Haare flogen, dann setzte sie sich neben dem Bett in einen bequemen Sessel.
„Ich habe dir etwas mitgebracht.“ Sie reichte ihm einen MP3-Player, den sie recht günstig erstanden hatte. „Darauf sind einige Hörbücher. Ich dachte mir, wenn du wegen deinem Kopf noch nicht lesen sollst, dann wäre das für dich vielleicht ein wenig Beschäftigung. Ich habe einfach einige Bücher ausgesucht, die ich gerne mag. Vielleicht gefallen sie ja auch dir.“
Sie hatte dafür einen ganzen Nachmittag in Harrys und Rons chaotischer Wohnung vor dem Computer gesessen, um alle Dateien aufzuspielen. In Hogwarts war so etwas schließlich nicht möglich. Es gab zwar auch Zauber, die das geschriebene Wort in ein gesprochenes verwandeln konnten, aber diese Zauber besaßen letztlich einen eklatanten Mangel an Ausdruck und Lebhaftigkeit. Ein Hörbuch dagegen besaß das schon.
„Danke. Ich bin sehr gespannt.“ Er schenkte ihr ein breites Lächeln, das sein blasses Gesicht erhellte und ihr einiges an Besorgnis nahm. „Mir geht es schon langsam etwas besser, auch wenn mein Kopf noch etwas dröhnt. Aber trotz aller Heiltränke und -zauber braucht so etwas leider eine gewisse Zeit.“ Er rieb sich demonstrativ die Schläfe. „Dafür sind aber meine Knochen schon wieder heil.“
„Immerhin etwas.“ Hermione lachte leise.
„Hermione, ich…“ Oliver streckte die Hand aus und legte sie sachte auf Hermiones. „Ich mag dich und ich würde mich freuen, wenn wir uns näher kennenlernen würden. Ich möchte mehr Zeit mit dir verbringen und dich richtig kennenlernen. Am liebsten…“ Er zögerte einen Augenblick und seine Unsicherheit schimmerte durch, dann gewann jedoch der Gryffindormut. „…für eine ziemlich lange Zeit. Für immer wäre zu viel verlangt, aber…“
Das Lächeln auf Hermiones Gesicht wurde breiter. „Das ist eigentlich der Zeitpunkt, an dem du nicht allzu viel reden, sondern mich lieber küssen solltest.“
Der Aufforderung kam Oliver gerne nach. Er richtete sich auf und legte die Hand sachte an Hermiones Wange. Dann küsste er sie behutsam und zärtlich auf die Lippen.
Hermione schloss die Augen und kostete den Kuss voll und ganz aus.
„Ah!“ Ein lauter Schrei zwang sie beide dazu, ihre Aufmerksamkeit dessen Ursache zuzuwenden. Dandelion stand in der Tür und starrte ihren Bruder und dessen Freundin fassungslos an.
„Wie kannst du nur! Willst du mich so unbedingt loswerden? Wie kannst du ausgerechnet sie nehmen? Sie versucht mich zu bevormunden, dabei kennt sie mich gar nicht! Sie ist schrecklich! Ich hasse sie! Und ich hasse dich! Du bist gemein! Du willst mich nur abschieben!“, schrie das Mädchen mit sich überschlagender schriller Stimme, ehe es auf dem Absatz herumwirbelte und die Tür hinter sich zuknallte.
Oliver seufzte und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Auch Hermione entfuhr ein leiser Seufzer.
„Soll ich ihr nachlaufen?“
„Nein, lass nur.“ Oliver winkte ab. „Dandy würde momentan eh nicht mit dir reden, sondern dir stattdessen die Augen auskratzen. Sie ist… etwas schwierig im Moment. Weißt du, wir haben unsere Eltern im letzten Frühjahr verloren. Meine Mutter ist – war muggelgeboren und war natürlich von dem entsprechenden Prozedere betroffen. Sie hat sich dem verweigert und wurde in Askaban eingekerkert. Unser Vater ebenso, da er sich mit ihrer Verhaftung nicht abfinden wollte. Sie sind nicht mehr lebend zu uns zurückgekehrt.“ Olivers Miene war leer, während er sprach. „Dandelion kommt damit nicht zurecht. Sie wollte nicht nach Hogwarts; sie wollte nicht fort von mir. Aber welche Wahl gibt es denn schon? Sie braucht die Ausbildung, um ihre magischen Kräfte nutzen zu können. Sie hat sonst keine Chance in dieser Welt. Sie ist wütend, zornig und verletzt und abgrundtief traurig. Und ich bin vielleicht nicht immer der Beste, um auf sie aufzupassen und für sie zu sorgen. Ich versuche, optimistisch zu sein und nach vorne zu gucken, während Dandy mir manchmal noch nicht so weit zu sein scheint. Sie…“
„Ich weiß, wie es ihr geht“, sagte Hermione leise und ergriff Olivers Hand. „Besser als du ahnst.“ Sie zögerte einen kurzen Augenblick, dann fuhr sie fort: „Ich habe mit Harry und Ron gegen den… gegen Voldemort gekämpft. Wir sind durch die sprichwörtliche Hölle gegangen. Bellatrix Lestrange hat mich gefoltert. Wir haben unsere Freunde sterben sehen. Ich weiß, wie es ihr geht. Und ich habe Verständnis für sie. Auch wenn es auf Dauer so nicht weitergehen kann.“ Ihre Worte kamen abgehackt und hart über die Lippen, aber anders konnte sie diese Dinge gerade nicht aussprechen. Ihr fiel es noch immer schwer darüber zu reden, auch wenn sie wusste, dass es zwischendurch sein musste.
Oliver nickte. Sie hatten sich einander geöffnet und auf einmal schien es Hermione, als wenn das noch einmal eine andere Basis war, als gegenseitige Sympathie und Zuneigung. Vielleicht hatten diese Dinge also doch etwas Gutes.

***

Weihnachten näherte sich allmählich und Hermione beschloss, dass es an der Zeit war, sich mit Dandelion zu befassen. Bei jedem Treffen zwischen Oliver und ihr in den letzten zwei Wochen hatte Olivers kleine Schwester irgendwie unausgesprochen zwischen ihnen gestanden und wenn sie tatsächlich einen Teil des Weihnachtsfestes zusammen verbringen wollten, war das keine Basis. Geplant war, dass Oliver an Weihnachten Hermiones Eltern kennenlernen und sie auf jeden Fall den Boxing Day gemeinsam verbringen würden. Am liebsten wären ihnen beiden beide Tage gewesen, jedoch hatte Oliver Hemmungen, Dandelion bereits am Christmas Day mit Hermione zu konfrontieren, was diese nur zu gut verstehen konnte. Dennoch: Das hier war kein Dauerzustand. Und Hermione wäre keine Gryffindor, wenn sie nicht den Mumm besessen hätte, dieses Problem anzugehen.
Unerwartete Unterstützung bekam sie dadurch, dass Professor McGonagall sie ansprach, ob sie mittlerweile Gelegenheit gehabt habe, sich mit Miss Wood zu unterhalten. Das war etwas, das sie verneinen musste, da Dandelion sich ja jedem Gesprächsversuch entzog. Darauf sagte die Schulleiterin nur, dass etwas vor Weihnachten geschehen müsse, ansonsten würde sie mit Miss Wood ein äußerst ernstes Gespräch führen, bei dem auch Oliver anwesend sein müsse.
Mit diesem Druckmittel in der Tasche machte sich Hermione an dem Dienstag vor Weihnachten und somit einen Tag vor Ferienbeginn auf die Suche nach der Hufflepuff-Erstklässlerin.
Sie fand Dandelion in der Bibliothek, wo sie sich lautstark mit einigen Klassenkameradinnen stritt, was Mrs. Pinces Zorn nach sich zog und was Dandelion nicht weiter kümmerte.
„Dandelion, wir müssen uns unterhalten“, schaltete sich Hermione in das Theater ein.
„So? Warum sollte ich ausgerechnet mit dir reden wollen?“, gab Olivers Schwester patzig zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Weil du ansonsten eine Vorladung zu einem Gespräch mit Professor McGonagall bekommst. Und ich bin mir sicher, dass du weder das Gespräch mit ihr willst, noch dass sie dafür extra deinen Bruder herbittet“, spielte Hermione direkt ihren Trumpf aus. Bei diesem störrischen Kind würde sie mit etwas anderem nicht weit kommen.
Trotzig schob Dandelion die Unterlippe vor, sagte aber erst einmal nichts weiter.
„Also komm mit, wir setzen uns in einen Klassenraum und reden. Danach hast du erst einmal Ruhe. Ganz besonders vor mir. In Ordnung?“
Ein stummes Nicken war die einzige Antwort, die sie erhielt. Dann griff Dandelion ihre Tasche und marschierte aus der Bibliothek.
„Viel Glück“, murmelte Mrs. Pince leise, als Hermione an ihr vorbeiging. Oh ja, Glück würde sie wohl wirklich gut gebrauchen können. Denn wenn sie nicht die richtigen Worte fand, dann war sie von vornherein zum Scheitern verurteilt.

Im leeren Verwandlungsklassenzimmer hockte sich Dandelion auf die Kante eines Tisches und schaute Hermione auffordernd an. „Dann rede mal. Und vielleicht höre ich dir auch zu.“
Die Siebtklässlerin blickte dem jüngeren Mädchen fest ins Auge und sprach dann mit fester Stimme.
„Du bist wütend, weil man dich verletzt und dir etwas genommen hat, das dir viel bedeutet. Du bist wütend, weil alles um dich herum weitergeht, obwohl du dich nicht danach fühlst. Du willst eigentlich nur die Zeit zurückdrehen und alles wieder wie zuvor haben. Und wenn das nicht geht, dann willst du wenigstens irgendetwas tun können, um die Dinge zu ändern. Aber das geht nicht. Denn kein Zeitumkehrer der Welt wird dir zurückbringen, was du verloren hast. Stattdessen verlangt alle Welt von dir, dass du weitermachst. Dass du ein Ziel hast und zurechtkommst. Dass du alles hinter dir lassen kannst, obwohl das alles noch in dir brennt und einen riesigen Haufen Wunden und Narben hinterlassen hast, mit dem du kaum zurechtzukommen weißt. Also tobst du und versuchst die Leute dazu zu zwingen zu sehen, dass eben nicht alles in Ordnung ist. Dass die Welt nicht schlagartig wieder so sein kann wie zuvor. Weil sie es nämlich einfach nicht ist.“ Hermione schöpfte Atem. Die Worte waren nur so aus hier herausgesprudelt.
„Du sprichst nicht allein von mir, habe ich Recht?“, fragte Dandelion leise. Der Trotz war aus ihren Augen verschwunden und auf einmal sah Hermione da drin die Wärme, die sie aus Olivers Augen so kannte und mochte.
„Ja“, erwiderte sie schlicht. „Mir geht es nicht anders. Nur, dass ich nicht die Auseinandersetzung nach außen suche. Ich bin nur ziellos.“ Und sie begriff auf einmal, warum sie tatsächlich nach Hogwarts zurückgekehrt war. Obwohl hier auch alles anders geworden war, sie eine andere Klasse besuchte und sie mit anderen Leuten zusammen war als zuvor, so war es dennoch die Flucht in eine Welt der Geborgenheit, eine Flucht in die Vergangenheit, eine Schonzeit, ehe sie sich der Welt dort draußen stellen und sich mit ihr befassen musste. Hier und jetzt durfte sie noch Schülerin sein, dort draußen war sie eine erwachsene Hexe, die eine Aufgabe brauchte. Sie schluckte hart.
„Willst du auch manchmal einfach nur schreien?“ Dandelion blickte sie vertrauensvoll an und Hermione nickte stumm.
„Dein Bruder sorgt aber dafür, dass dieser Teil von mir langsam leiser wird.“ Das stimmte. Das Zusammensein, diese Normalität mit Oliver, sie sorgte dafür, dass dieser verwundete Teil in ihr zur Ruhe kommen konnte. Und dass sie das Gefühl bekam, dass es in Ordnung war und dass sie nicht perfekt sein musste.
„Ich glaube, das hast du gerade bei mir geschafft. So ein bisschen jedenfalls.“ Das junge Mädchen wischte sich mit der Hand über die Augen und rang sich ein Lächeln ab. „Aber wenn es wieder schlimmer wird… Darf ich mit dir schreien?“
„Immer“, sagte Hermione leise. „Wann immer dir danach ist.“
„Danke.“ Ein verschmitztes Lächeln huschte über Dandelions Gesicht. „Ich glaube, du bist doch gar nicht so übel. Ich schätze, ich kann Oliver sagen, dass ich dich doch ganz gut leiden kann. – Was aber definitiv nicht bedeutet, dass wir ab sofort beste Freundinnen sind!“

***

Weihnachten war schnell vergangen, obwohl Hermione sich noch immer ganz genau daran erinnern konnte, wie sehr sie sich auf das Weihnachtsfest gefreut hatte. Entgegen ihrer Erwartungen war das Fest recht harmonisch verlaufen. Dandelion hatte zwar ihre akute Abneigung gegen Hermione fallengelassen, aber das bedeutete bei weitem nicht, dass sie schlagartig ein einfaches, braves Kind geworden wäre – beileibe nicht! Sie war störrisch und trotzig und zornig, aber manchmal auch ein verlorenes und liebes Kind. Wobei gerade letzteres eher selten hervorschimmerte. Doch Hermione lernte langsam damit umzugehen. Denn wenn sie mit Oliver zusammensein wollte, dann kam sie kaum darum herum, sich mit seiner Schwester zu arrangieren. Insbesondere mit der Schwester, für die er der Vormund war, bis sie volljährig wurde.
Die Grangers hatten Oliver gerne als Hermiones Freund willkommen geheißen und seine kleine Schwester hatte ihre Herzen im Sturm erobert. Die Grangers hatten sich immer ein zweites Kind gewünscht, aber aufgrund ihrer beruflichen Verpflichtungen als äußerst erfolgreiche Zahnärzte war irgendwie immer etwas der weiteren Familienplanung in die Quere gekommen. Nun fühlten sie sich jedoch zu alt für ein kleines Kind. Sie konzentrierten lieber ihre Aufmerksamkeit auf ihre heiß geliebte einzige Tochter, die sie in dem Krieg, von dem sie selbst aufgrund eines Vergessenszaubers und einer Auswanderung nach Australien nichts mitbekommen hatten, beinahe verloren hatten. Hermione war gar nicht so unerfreut darüber, dass Dandelion einiges an Aufmerksamkeit auf sich zog. Und Oliver schien ein wenig Unterstützung mit seiner kleinen Schwester recht willkommen.
Es war alles schon beinahe zu perfekt. So perfekt jedenfalls, dass Hermione sich zwischendurch einfach in den Arm kniff, um sicher zu sein, dass das alles auch wirklich wahr war.
Silvester hatte sie leider nicht mit Oliver verbringen können, da er direkt an Neujahr seine Rückkehr in das Stammteam von Puddlemere feiern konnte und zum Spiel gegen die Caerpilly Catapults antrat. Und natürlich saßen Hermione und Ginny auf der Tribüne.

„Ich habe Karten besorgt.“ Oliver und Hermione saßen gemeinsam in dem VIP-Teil des Stadions bei einem Kaffee, während um sie herum alle Besucher bereits aufbrachen.
„Karten?“ Hermione blickte Oliver überrascht und erwartungsvoll zugleich an.
„Sie spielen Shakespeares Sommersnachtraum im Old Vic Theatre und ich habe Karten dafür bekommen. Ich hoffe, du hast Lust, am 15. mit mir hinzugehen.“
„Und ob!“ Hermione sprang auf und fiel Oliver um den Hals. „Das ist großartig! Vielen, vielen Dank! Oh, ich freu mich so!“

Am Abend saß Hermione neben Ginny auf dem Bett und konnte kaum aufhören zu lächeln.
Ginny grinste breit. „Du bist glücklich.“
„Und wie.“ Hermiones Lächeln wurde noch etwas breiter. „Ich hätte das nicht gedacht, wirklich nicht. Ich habe ja mit allem gerechnet, aber nicht…“
„Nicht damit, dass du dich vollkommen in einen jungen Mann verliebst, der Quidditch spielt und dir damit jedes verdammte Spiel einen halben Herzinfarkt verpasst, weil du Angst haben musst, dass ihm was passiert?“, gab Ginny trocken zurück.
„Und der dazu auch noch mit Kultur etwas anfangen kann. Wir gehen ins Theater! Und er liest gerne. Und er ist intelligent.“
„Und es passt perfekt mit euch. Ich sollte nur vielleicht gleich noch einmal meine Zähne putzen. Nur so zur Sicherheit, denn sonst kriege ich von diesem ganzen süßen Glück noch Karies.“
„Hey!“ Hermione versuchte empört zu wirken, konnte aber nicht anders als zu lachen. Wer hätte das schon gedacht? Sie selbst sicher nicht.

***

Seit dem Krieg war Muggelkunde zu einem Pflichtfach geworden. Professor McGonagall hatte diese Veränderung mit dem Segen des Ministeriums – nicht, dass Hogwarts nicht weiterhin unabhängig gewesen wäre – durchgesetzt. Ziel war es, ein besseres Verständnis für Muggel zu fördern und ihre Lebensweise auch gerade den Kindern reinblütiger Zauberer und Hexen bekannt und vertrauter zu machen. Mehr Toleranz und Akzeptanz sollten das Ziel sein und vielleicht würden auch einige Schüler die Gemeinsamkeiten zwischen Muggeln und Zauberern erkennen und begreifen, dass sie nur unterschiedliche Zweige am gleichen Baum waren.
Da Hermione ja aus einer Muggelfamilie stammte, kannte sie sich mit Muggelangelegenheiten natürlich ausgezeichnet aus. Allerdings interessierte sie der magische Blick auf die so vollkommen unmagische Muggelwelt. Da ihre frühere Lehrerin Charity Burbage während des Krieges von Voldemort getötet worden war, hatte mittlerweile ein neuer Lehrer dieses Fach übernommen. Selbst ein Halbblut waren Rainy Evening beide Welten mit ihren ureigenen Sichtweisen äußerst vertraut. Er widmete sich sowohl so beliebten und unterhaltsamen Themen wie Erfindungen und Sportarten als auch solch schwierigen und komplizierten Dingen wie Rechtssprechung und Staatskunde. Für den heutigen Tag stand wieder eines der schwierigen Themen auf dem Lehrplan: Rassismus.
Die erste Frage, die gestellt wurde, kam von Loreley Duncan, einer reinblütigen Hufflepuff-Schülerin: „Hä? Wieso haben Muggel denn Rassismus? Die sind doch alle gleich! Alles Muggel!“
Während Professor Evening historischen Kontext und verschiedene Ereignisse rund um dieses Thema anschaulich für seine Klasse darstellte, schweiften Hermiones Gedanken untypischerweise ab.
Die freimütige und unbedarfte Eingangsfrage hatte sie nachdenklich gestimmt. Denn Loreley hatte eigentlich Recht: Muggel waren alle gleich – im Sinne davon, dass sie die gleichen Rechte besaßen und ungeachtet aller Unterschiede zwischen ihnen gleich behandelt werden sollten. So wie Zauberer und Hexen auch alle gleich waren – in dem exakt selben Sinne. Und Muggel und Zauberer und Hexen waren auch auf exakt die gleiche Weise gleich: Sie waren alle Menschen.
Hermione spürte regelrecht, wie etwas in ihr anfing zu arbeiten. Das war doch ein Ansatzpunkt… Wofür, das würde sie noch herausfinden.

Angesichts der Tatsache, dass aufgrund der jüngsten Ereignisse der Geschichtsunterricht eine neue Bedeutung gewonnen hatte, hatte Professor McGonagall zum einen auch Geschichte zu einem Pflichtfach gemacht und ebenfalls einen neuen Geschichtslehrer eingestellt. Professor Binns hielt zwar noch immer seinen Unterricht über die diversen Koboldkriege, aber diese wurden zumeist nur zum Gewinnen eines allgemeinen Eindrucks oder als gefürchtete Strafarbeit besucht.
Die neue Lehrerin hieß Melissa Miglore. Die Geschichtshexe war klein und zierlich und schien die Farbe Rosa zu lieben. Außerdem war sie eine begeisterte Historikerin. Sie lebte für die Geschichte, was dafür sorgte, dass sie dem Unterricht eine Lebendigkeit verschaffte, die keiner der bisherigen Hogwartsschüler jemals von diesem Fach erwartet hatte. Die Fächer Geschichte und Muggelkunde wurden mittlerweile häufig parallel zu gleichen Themen unterrichtet und so begegnete Hermione auch hier das Thema Rassismus, wenngleich auch in einer etwas anderen Art.
Zauberer hatten natürlich auch Kriege gegeneinander geführt und Halbblüter und muggelgeborene Hexen und Zauberer erfuhren bekanntlich auch rassistische Ausgrenzung. Allerdings machten Zauberer nie vor irgendetwas halt. So hatten sie gegen die Kobolde gekämpft und diese als minderwertige Spezies unterjocht und ihnen das Recht auf einen Zauberstab genommen. Sehr wahrscheinlich aus Angst. Dann musste man nur weiter an die Hauselfen denken, die von den Zauberern und Hexen wie Sklaven gehalten wurden…
Hermione presste die Lippen zusammen, bis sie ein feiner weißer Strich waren, während Professor Miglore weitere Konflikte der Vergangenheit auflistete und ihre Schüler damit sprachlos machte. Keinem von ihnen war bewusst gewesen, wie viele gewaltsame Konflikte aufgrund von Überlegenheitsgefühlen geführt worden waren. Die Dimension, die allerdings schon allein die Beziehung der Zauberer und Hexen zu Kobolden und Hauselfen besaß, schien aber kaum jemandem aufzugehen.
Und Hermione wusste auf einmal, was sie tun würde. Warum war ihr das nur nicht eher eingefallen? Das lag doch alles ganz deutlich vor ihr!

***

Oliver kam zum Spiel Hufflepuff gegen Gryffindor nicht allein. Mit einem verschmitzten Lächeln stellte er Hermione St. Michael Gerhardinger vor, einen kleinen Mann mit zusammengekniffenen Augen und einem äußerst aufmerksamen Blick.
„Wegen Ginny?“, fragte sie und lächelte.
„Ganz genau. Mr. Wood hat mir von Miss Weasleys Talent erzählt und ich möchte mir davon ein eigenes Bild machen.“ Gerhardingers Stimme war weicher als Hermione erwartet hatte.
Hermione war nur froh, dass Ginny nichts von diesem wichtigen Besuch auf der Tribüne ahnte, denn sie wusste, dass ihre Freundin ansonsten wahnsinnig nervös gewesen wäre. Allerdings hätte das Ginny wohl wenig daran gehindert, ihre üblich starke Leistung zu zeigen.
Auf der Tribüne trennten sich ihre Wege. Der Talentscout suchte sich einen Platz in der letzten Reihe, während Hermione und Oliver sich weit vorne niederließen.
„Danke, dass du das für Ginny tust.“ Hermione drückte Olivers Hand und lächelte ihn dankbar an.
„Gern geschehen. Auch wenn das nicht ganz uneigennützig ist. Solch eine Jägerin ist wirklich Gold wert.“ Oliver grinste. „Aber nun erzähle mir, wie weit deine Pläne sind. Wie willst du die Zaubererwelt revolutionieren?“
Hermione hatte Oliver bereits vor einer Woche von ihren Überlegungen erzählt, den unterschwelligen und offenen Rassismus und die ungerechte Behandlung von Hauselfen und Kobolden, aber auch von Muggeln, anzugehen, indem sie sich im Ministerium in der Rechtsabteilung engagieren würde. Allerdings war sie sich noch nicht schlüssig gewesen, ob sie als Anwältin oder aber im Rahmen der Gesetzgebung ihrer Überzeugung Ausdruck verleihen sollte. Beides gleichzeitig ging in einer Gesellschaft, in der Legislative und Exekutive getrennt wurden, natürlich nicht. Und beides gleichgeschaltet konnte gefährlich werden – das hatte die Zeit unter Voldemort schließlich auch gezeigt. Somit bestand der neue Zaubereiminister auf jeden Fall auf unabhängige Richter.
„Ja, ich werde in der Gesetzgebung mitarbeiten.“ Hermione lächelte. „Ich habe mit Dean gesprochen, er will unbedingt Mitglied im Zaubergamot werden. Und seine Freundin Luna wird im Klitterer eine Gerichtskolumne einrichten und dort drin von Verhandlungen und Neuheiten in der Gesetzgebung berichten.“
„Du spinnst ja ein richtiges Netz…“ Oliver zog beeindruckt eine Augenbraue hoch. „Bin ich froh, dass ich dich nicht gegen mich habe.“
Hermione lachte und knuffte ihn liebevoll in die Seite. „So schnell dürfte das sicher nicht passieren. Dazu mag ich dich zu sehr“, gab sie trocken zurück und hauchte ihm einen schnellen Kuss auf die Lippen. Dann begann das Spiel und sie fieberten begeistert mit.

Während einer kurzen Atempause, als der Quaffel wieder von einer der Tribünen aus ins Spiel gebracht werden musste, wandte sich Hermione zu dem Talentscout um.
„Was meinst du? Hat Ginny Chancen?“, fragte sie Oliver, der sich nun ebenfalls umdrehte und Gerhardinger zuwinkte.
Dieser hielt beide Daumen nach oben.
„Ich würde sagen, ja.“ Oliver grinste.
Hermione lachte. Die Dinge kamen eben immer so, wie sie kamen. Und sehr wahrscheinlich war das ganz gut so.

ENDE
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