Kompliziert

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Beitragvon chaotizitaet » 15. Feb 2016, 02:10

:0337rainbow: Happy Birthday, abranka! :0337rainbow:
Ja, genau, die Geschichte ist für dich... Ich hoffe, dir gefällt sie. Und über Rechtschreibfehler sieh bitte hinweg, oder betrachte sie als zusätzliches Geburtstagsgeschenk. :knuff:

Kompliziert

Mai 2004

„Und hier kommen die Dubai Derwische!“
Die Sonne brannte mit über 35°C vom Himmel, doch das störte die Fans nicht, die mit lautem Jubel die Heimmannschaft anfeuerten, die soeben in klassischer V-Formation in das Stadion geflogen kam. Es war das lang ersehnte Pokalfinale der Quidditch-Liga der Vereinigten Arabischen Emirate gegen die Fujairah Falken. Diese hatten ihre Einführungsrunde schon hinter sich und warteten nun neben dem Schiedsrichter auf ihre Gegner.
Der Stadionsprecher verkündete die einzelnen Spielernamen und ihre Statistiken. „Und als Sucher, auch bekannt als der Blonde Blitz: Draco Malfoy!“
Draco lächelte pflichtbewusst in Richtung der Fans, wohlwissend, dass viele von ihnen Omniokulare hatten und sehen würden, wenn er ihre Freude über das erreichte Finale nicht teilte. Niemand mochte bei so einem Spiel einen missmutigen Sucher sehen. Zumal er ja augenscheinlich auch keinen Grund hatte, missmutig zu sein. Gewiss, es war heiß, aber dafür sah die Liga selbst für die Spieler den Einsatz von Kühlungszaubern vor. Gewiss, die Dubai Derwische hatten auch in den vergangenen drei Jahren das Finale erreicht, ohne am Ende den Titel ihr Eigen nennen zu können, aber jedes Spiel war anders und es gab keinen Grund anzunehmen, dass sie dieses Jahr nicht endlich gewinnen würden. Und soweit die Fans wussten, würde Draco auch in der nächsten Saison bei den Dubai Derwischen spielen. Nur, dass sie eben in jenem letzten Punkt irrten und das war auch der Grund, weshalb Draco nicht wirklich zum Jubeln zumute war.
Sechs Jahre waren seit der Schlacht von Hogwarts vergangen und seit fünf Jahren lebte er hier in den arabischen Emiraten quasi im Exil. Denn obgleich das Gericht in seinem Fall auf mildernde Umstände erkannt und ihn lediglich, wie auch seine Mutter, zu hohen Geldstrafen verurteilt hatte, hatte die unrühmliche jüngere Familiengeschichte ihn zum Paria gemacht. Sein Vater verbüßte nach wie vor eine lebenslange Gefängnisstrafe, was allein schon ihren Einfluss in der Gesellschaft erheblich geschmälert hätte, aber ohne die nötigen finanziellen Mittel, um sich Gehör bei den Mächtigen ihrer Gesellschaft zu verschaffen, hatte sich das Leben in Freiheit als ziemlich öde gestaltet. Selbst ein Malfoy wollte beschäftigt sein. Aber es gab keine Geschäfte mehr zu überwachen, da die einzigen Einkünfte, über die sie noch verfügten, von den Zinsen stammten, die über sein Treuhand- und das Mitgift-Verlies seiner Mutter generiert wurden. Immerhin war ihnen Malfoy Manor geblieben, so dass sie weiterhin bequem leben konnten. Aber es gab auch keine Partys mehr, zu denen sie eingeladen wurden, oder wohltätige Organisationen, bei denen sie hätten mitwirken können. Und gerade letztere waren über Jahre hinweg die Hauptbeschäftigungen seiner Mutter gewesen. Selbst die Idee, ihre Einkünfte durch niedere Tätigkeiten wie bezahlte Arbeit aufzubessern wurde nur mit, im besten Fall, höflichen Absagen quittiert.
In seiner wachsenden Verzweiflung hatte Draco sogar den Holyhead Harpies geschrieben, ob sie nicht für das Training einen geneigten Sucher bräuchten. Das Lachen, das sie ihm per Heuler geschickt hatten, hatte er bis heute nicht vergessen. Aber die Aussage, dass sie noch nicht einmal Potter in ihrer Reservemannschaft spielen lassen würden, hatte ihm einen neuen Denkanstoß gegeben. Gut, für britische Mannschaften war sein Name ein absolutes Hindernis, aber offenbar sprach in dieser quidditch-verrückten Nation auch gegen ihn, dass er in keinem einzigen Spiel in Hogwarts Harry Potter als Sucher geschlagen hatte. Alle Manager und Trainer waren also offenbar der Ansicht, dass er, Name hin oder her, bestenfalls ein zweitklassiger Sucher war. Und sofern er nicht irgendwo als Handtuchjunge anheuern wollte, blieb als logischer Schluss nur, es künftig bei Mannschaften zu versuchen, die von Natur aus in England bestenfalls als zweitklassig betrachtet wurden, eher aber als drittklassig und somit durchaus geneigt, falls nicht sogar dankbar wären, wenn jemand mit seinem Talent sich erbot, für sie als Sucher zu spielen. Natürlich durfte es aber nicht irgendeine hinterwäldlerische Liga sein, sondern es musste eine sein, die sich ihn als Spieler auch leisten konnte. Und so war er letztlich bei den arabischen Staaten angekommen. Dort rangierte Quidditch erst an dritter Stelle auf der Beliebtheitsskala – gleich nach Falkenjagd mit Falken-Animagi, was als höchster Sport angesehen wurde, und einer Art Polo, das auf fliegenden Teppichen gespielt wurde. Aber die arabischen Staaten hatten Geld, nicht nur in der Muggelgesellschaft, sondern natürlich auch in der magischen. Gleichzeitig waren viele der arabischen magischen Gesellschaften aber auch ähnlich verschlossen gegenüber Fremden, wie ihre Mugglependants, so dass er schließlich überwiegend von den kleineren Staaten auf der Halbinsel Angebote bekam. Schlussendlich war dann die Wahl auf das wohl weltoffenste Emirat gefallen: Dubai. Finanziell boten ihm die Dubai Derwische fast genauso viel wie die Teams aus Abu Dhabi und Bahrain, konnten aber mit dem besseren Gesellschaftsleben, nicht zuletzt dank eines internationalen Zaubertouristenjetsets, punkten, auch wenn Draco zu Beginn über die kunterbunten Trikots innerlich nur verachtend die Nase rümpfte. Andererseits war er ja auch bereit gewesen, das Orange der Chudley Cannons anzuziehen, weshalb das Trikot also letztlich nebensächlich war. Tatsächlich kam Draco schon sehr bald zu dem Schluss, dass es eine der besten Entscheidungen seines bisherigen Lebens gewesen war, bei den Derwischen zu unterschreiben.
Das alles aber würde nur allzu bald ein Ende haben, denn erst gestern hatte er einen Brief von seiner Mutter erhalten, die ihn unmissverständlich dazu aufforderte, nach Hause zu kommen. Solange ihre gesellschaftliche Stellung im Argen war, hatte sie hinter seiner Exilentscheidung gestanden, doch in diesem Jahr war es ihr nicht nur gelungen, Karten für den Ministeriumsball zum Jahrestag des Siegs über Voldemort zu bekommen – das war ihr bereits im Vorjahr gelungen, allerdings hatten so ziemlich alle übrigen Anwesenden sie ignoriert –, dieses Jahr war dem Ball auch eine Einladung zu einer Teestunde bei einer wohltätigen Gesellschaft gefolgt, bei der Narzissa früher regelmäßig mitgewirkt hatte. Dieses Zeichen, dass die Gesellschaft bereit war, sie wieder aufzunehmen, bedeutete nun für seine Mutter, dass die richtigen Familien nun auch wieder bereit wären, über eine mögliche Ehe zwischen einer ihrer Töchter und ihrem Sohn zu verhandeln. Denn schließlich galt es die Malfoy-Linie fortzusetzen. Und egal, wie die politische Lage auch sein mochte, eines waren die Malfoys nach wie vor: reinblütig.
Nun war es nicht so, dass Draco nicht auch gelegentlich mit dem Gedanken gespielt hatte, dereinst zu heiraten. Aber irgendwie hatte er immer geglaubt, ihm bliebe noch mehr Zeit, das Leben zu genießen. Denn genau das tat er im Grunde hier. Aber er wusste, dass es zwecklos wäre, mit seiner Mutter darüber diskutieren zu wollen. Narzissa Malfoy, geborene Black, würde zur Not den Berg zum Propheten bringen, das heißt eine ganze Schar heiratswilliger Mädchen per internationalem Portschlüssel zu ihm nach Dubai schicken, um die er sich dann notgedrungen würde kümmern müssen, sollte er nicht nach England zurückkehren. Und so hatte Draco schweren Herzens dem Manager des Teams vor dem Spiel seine Kündigung mitgeteilt.
„Dann sehen Sie wenigstens zu, dass Sie in Ihrem letzten Spiel den Schnatz fangen“, hatte der Manager nach einem langen Moment des Schweigens gesagt.
Und genau das hatte Draco getan. Allerdings hatte es seinem Team dennoch nicht den erhofften Sieg eingebracht. Dabei hatte er das ganze Spiel über den Punktestand sorgfältig im Auge behalten. Es war schnell deutlich geworden, dass die Falken die besseren Jäger hatten und so hatten sie bald mit mehr als einhundert Punkten in Führung gelegen. Als der Schnatz das erste Mal aufgetaucht war, hatten sie gar mit 160 Punkten geführt und so hatte Draco sich dafür entschieden, den anderen Sucher auf eine falsche Fährte zu locken, indem er bewusst in die andere Richtung die scheinbare Verfolgung des kleinen goldenen Balles aufnahm. Die Taktik war aufgegangen und das Spiel ging weiter. Endlich gelang es den Derwischen die zwei Tore aufzuholen, die notwendig waren, ehe Draco ernsthaft Jagd auf den Schnatz machen konnte. Und tatsächlich ließ sich der geflügelte Ball nur wenige Augenblicke danach sehen. Sofort trieb Draco seinen Besen zur Höchstgeschwindigkeit an. Das Publikum verschwamm vor seinen Augen und der Wind pfiff ihm um die Ohren.
So bekam er nicht mit, dass der Hüter der Derwische von Dracos Jagd auf den Schnatz so abgelenkt war, dass die Falken nicht nur ein sondern gleich zwei Tore erzielen konnten, ehe sich Dracos Hand um den Schnatz schloss. Das Spiel war aus und die Fujairah Falken hatten gewonnen.
Einen Moment lang sah Draco ein wenig enttäuscht auf den kleinen Ball in seiner Hand, zuckte dann aber mit den Schultern. Er hatte sein Bestes gegeben. Wenn der Hüter es also vergeigte, nachdem er ihm schon einen Aufschub gewährt hatte, dann sollte es eben so sein.


August 2004

Draco lag auf seinem Bett und starrte in den Himmel desselben hinauf. Er fragte sich, ob sich so wohl ein Schnatz fühlte. Seit drei Monaten war er nun zurück in England, und hatte seither kaum eine ruhige Minute gehabt. Eine Party löste die andere ab, unterbrochen von Dinnerabenden, Cocktailabenden, sogar Modeschauen und einem Ball. Und vor jeder dieser Veranstaltungen hatten ihm seine Mutter, aber auch diverse Anverwandte kleinerer Familienzweige deutlich zu verstehen gegeben, was seine Aufgabe war: Eine Braut zu finden. Aber nicht nur irgendein Mädchen, das ihm gefiel und dessen Familie zu dieser Verbindung bereit war. Nein, es musste bitte ein reinblütiges Mädchen sein, dessen Familie zumindest der finanziellen Mittelschicht entstammte. Darüber hinaus konnte sie nicht aus einer der Familien entstammen, mit denen sich die Malfoys in den vergangenen Generationen verbunden hatten – weniger wegen möglicher genetischer Unstimmigkeiten in möglichen Nachkommen, sondern mehr weil all diese Familien wie auch die Malfoys selbst der politische Nimbus einer dunklen Familie umgab. Und angesichts der letzten politischen Entwicklungen war es dringend geboten, den Familiennamen ein wenig aufzuhellen. Natürlich durfte er aber auch kein Mädchen aus einer weißen Familie heiraten, denn dass hätten die alten Seilschaften dann doch ein wenig zu übel genommen und auf lange Sicht wollte man es sich mit diesen mühsam geknüpften Verbindungen natürlich auch nicht verscherzen. Blieb also nur die kleine Fraktion der neutralen Familien. Doch auch da gab es genügend heiratswillige Damen, sodass jede der zuvor erwähnten Veranstaltungen Draco wie eine kleine Hetzjagd vorkam. Oder eben wie die Jagd nach einem Schnatz. Überhaupt vermisste er das Quidditchspiel. Er vermisste das Zusammensein mit der Mannschaft, das harte Training in der Sonne – selbst wenn er zu Anfang über die hohen Temperaturen gestöhnt hatte, so vermisste er sie jetzt –, aber am meisten vermisste er das stundenlange Fliegen. Gewiss, er konnte auch auf den Ländereinen, die Malfoy Manor umgaben, fliegen, aber es war einfach nicht dasselbe. Es fehlte der Sinn dahinter.
Nach einer viel zu kurzen Nacht, fand Draco sich am nächsten Morgen mit seiner Mutter beim gemeinsamen Frühstück wieder. Neben ihrem Gedeck lagen die Briefe, die mit der frühen Eulenpost eingetroffen waren, neben dem seinen der Tagesprophet. Draco kannte dieses Ritual von klein auf, aber nun wurde es ihm langsam verhasst. Während seine Mutter die Post nach Einladungen durchsah und in Gedanken schon die notwendigen Antwortschreiben formulierte, wurde von ihm erwartet, dass er die Zeitung nach irgendwelchen Veranstaltungen durchsah, bei denen man gut gesehen wurde und andere gut sehen konnte. Schon damals, vor Beginn seines zweiten Hogwartsjahrs, hatten die Malfoys diese Strategie des gesellschaftlichen sich Zeigens genutzt, als sie den alljährlichen Schuleinkauf auf den Tag legten, an dem Gilderoy Lockhart Bücher in der Winkelgasse signierte. Natürlich hatte sein Vater noch andere Ziele an diesem Tag verfolgt, aber für seine Mutter war das Sehen und Gesehen werden der wichtigere Aspekt. Auch wenn es gleichzeitig bedeutete, eventuell mit all jenen zusammen zu treffen, die nun wirklich nicht ihrer Gesellschaftsschicht entstammten. Aber man wollte ja schließlich nicht allzu überheblich wirken.
Innerlich schüttelte Draco noch immer den Kopf über diese Einstellung, obgleich er sie über Jahre hinweg geteilt hatte und wohl zu einem ganz kleinen Grad immer noch teilte. Aber die Jahre nach dem Krieg und das Leben in einer anderen Kultur hatten es geschafft, diesbezüglich seinen Horizont zu erweitern. Vielleicht war das auch mit einer der Gründe, weshalb es ihm so schwer fiel, sich jetzt wieder in dieses alte Korsett zu zwängen.
„Und, Draco, gibt es irgendeine interessante Ankündigung?“, klang da die kultivierte Stimme seiner Mutter zu ihm hinüber und riss ihn aus seinen Gedanken.
Hastig überflog Draco die Überschriften auf der Seite, die er gerade aufgeschlagen hatte. Weasleys Zauberhafte Zauberscherze hielt einen Vorschul-Sonderverkauf an diesem Wochenende ab. Da würden war viele Leute in der Winkelgasse sein, aber es war nicht die Art von Veranstaltungen, nach denen sie suchten. Seine Augen weiteten sich kurz, als er die nächste Anzeige sah. Das war schon eher etwas, auch wenn sich innerlich alles in ihm gegen diese Veranstaltung sträubte. „Justinius hat für seine Zauberstabketten eine internationale Schmuckauszeichnung bekommen. Die Stücke seiner Gewinnerkollektion werden heute und morgen bei Gringotts ausgestellt, ehe sie in den Verkauf gelangen.“ Die modebewusste Hexe von heute trug ihren Zauberstab nun eben nicht mehr in einem praktischen Handgelenkshalter sondern an einer speziellen Kette um den Hals. Es war nicht unbedingt Dracos Stil, aber er war sich sicher, dass diese Ausstellung genug modebewusste Menschen anziehen würde, dass auch die Malfoys sich zeigen würden.
Seine Augen glitten zur nächsten Anzeige: ‚Expedition zum Unsichtbaren: Zauberer (und Hexen) für gefährliche Fahrt gesucht. Geringe Heuer. Bittere Kälte. Lange Monate der absoluten Dunkelheit. Ständige Gefahr. Sichere Rückkehr zweifelhaft. Ehre und Anerkennung im Erfolgsfall. Bei Interesse bitte bei Gringotts melden…‘ Ein wenig ungläubig starrte Draco auf diese Anzeige. Wer auch immer der Verfasser war, hatte entweder einen merkwürdigen Humor oder meinte die Aussagen bitter ernst.
Dennoch konnte er nicht verhindern, dass im Laufe des Morgens seine Gedanken immer wieder zu der Anzeige zurückkehrten. Was mochte das wohl für eine Expedition sein? Und wer nahm an so einer Expedition teil?

Es war der zweite Tag der Ausstellung und Draco schien es als wäre Gringotts noch überfüllter als hätte die Bank verkündet, dass jeder hundertste Knut von den Kobolden in eine Galleone umgewandelt würde. Er fragte sich, ob am Vortag irgendjemand in der Ausstellung gewesen war, doch ein Blick auf die Kobolde, die noch genervter aussahen als sonst, zeigte ihm, dass es gestern wohl schon ähnlich in diesen Hallen ausgesehen hatte.
Neben ihm sah seine Mutter dem Treiben eine Weile mit einem gelassenen Lächeln zu, ehe sie in der Menge einige Bekannte entdeckte und beschloss für ein wenig Smalltalk zu ihnen zu gehen. Draco wusste, dass das das Zeichen für ihn war, sich auch ein wenige unter die Menschen zu mischen, wollte er sich hinterher nicht wieder eine Predigt von seiner Mutter anhören. Doch es erschien ihm schier ein Ding der Unmöglichkeit, sich durch die Menge zu bewegen, ohne dass junge Frauen von Pansy Parkinsons Sorte an seiner Seite hingen. Frauen also, mit denen er es sich zwar einerseits nicht verscherzen durfte, die aber andererseits nicht für ihn in Frage kamen, ihn gleichzeitig aber von den geeigneten Kandidatinnen abschirmten. Nun, dachte er mit einem mentalen Schulterzucken, immerhin lernte er so die intimeren Gesellschaften wie Dinnerpartys mehr zu schätzen.
Dennoch musste er nach einer Viertelstunde feststellen, dass er sich mehr am Rand der Halle entlang bewegte, denn mitten durch die Menge. Sein Weg hatte ihn mittlerweile in die Nähe der Tür gebracht, die zu dem Korridor mit den Konferenzräumen führte. Ein Gedanke zuckte ihm durch den Kopf. Hatte er nicht am Vortag in der Anzeige über diese Expedition gelesen, dass man sich bei Interesse an Gringotts wenden sollte? Was, wenn die Organisatoren einen der Konferenzräume als Treffpunkt nutzten?
Ehe er sich seiner Handlungen richtig bewusst wurde, hatte Draco einen der Kobolde nach der Expedition gefragt und fand sich gleich darauf tatsächlich in einem der kleineren Konferenzräume wieder. Ein Zauber, der etwa in seinem Alter schien, saß am anderen Ende des Tisches und beugte sich über eine Landkarte. Als Draco eintrat, blickte er auf.
„Ah, ein Interessent für die Expedition? Wie schön!“
Draco sich nicht sicher, was er darauf antworten sollte. Sicher, die Expedition, oder vielmehr die Anzeige für selbige, hatte ihn neugierig gemacht, aber bis zu diesem Zeitpunkt hatte er nicht auch nur für einen Moment ernsthaft daran gedacht, sich ihr anzuschließen.
„Welches Gebiet wäre denn Ihr Spezialgebiet?“, fuhr der Zauberer fort, ohne sich überhaupt die Mühe zu machen, sich vorzustellen oder nach Dracos Namen zu fragen.
Draco zog erstaunt die Augenbrauen hoch. Vielleicht galten ja unter Forschungsreisenden andere Konventionen? Draco war sich immer noch nicht sicher, wie er sich verhalten sollte, konnte aber im letzten Moment ein Stammeln unterdrücken. Seit seiner frühsten Kindheit war ihm eingebläut worden, dass nichts inkompetenter und unsicherer wirkte als Stammeln. „Ich bin kein Forscher“, sagte er schließlich.
Das brachte ihm die volle Aufmerksamkeit seines Gegenübers ein, hatte dieser sich doch bereits wieder seiner Karte zugewandt. „Kein Forscher? Aber ich dachte, nur Forscher interessieren sich für Expeditionen…“, sagte er, als sei dies etwas Offensichtliches. Vielleicht war es das auch.
„Nun ja, der Titel Ihrer Expedition und die Art Ihrer Anzeige scheinen offenbar auch Nicht-Forscher neugierig zu machen“, erwiderte Draco so gelassen wie möglich.
Das entlockte dem anderen Zauberer ein Lachen. „Die hat mein Partner bei dieser Expedition ausgewählt. Hat wohl schon einmal Neugierige angelockt.“ Er wurde wieder nachdenklich. „Und wenn ich mich recht erinnere, waren damals auch nicht nur Forscher dabei. Wer weiß, vielleicht haben Sie ja sogar ein Talent, von dem wir noch gar nicht wussten, dass wir es für die Expedition benötigen.“
Ein Talent? Dieser Zauberer wollte ihm trotz allem eine Möglichkeit geben, an dieser Expedition teilzunehmen? Aber wieso? Draco hatte doch eigentlich gar kein Interesse daran teilzunehmen. Oder vielleicht doch? Je länger er darüber nachdachte, desto mehr Sinn ergab es für ihn. Hatte er sich nicht schon beim Lesen der Anzeige gewünscht, genau wie das Forschungsobjekt der Expedition unsichtbar zu sein und hatte er sich nicht gerade deshalb so gut an die Anzeige erinnert? Und nicht zuletzt, hatte er nicht genau deshalb die Kobolde nach der Expedition gefragt und war hier gelandet? Aber welche Art Talent hatte er schon einer solchen Expedition anzubieten? Was hatte er schon in den vergangenen Jahren großartig getan außer Quidditch zu spielen? Wobei… „Bis vor kurzem war ich professioneller Quidditchspieler. Sucher, um genau zu sein. Soll heißen, dass ich ziemlich gut fliegen kann. Und ich könnte mir vorstellen, dass es vielleicht die ein oder andere brenzlige Situation bei der Expedition geben könnte, wo man einen Rettungsflieger gebrauchen könnte“, schlug er schließlich vor, immer noch bemüht, möglichst gelassen zu erscheinen.
„Rettungsflieger?“ Sein Gegenüber sah ihn überrascht an. „Daran hatten wir noch gar nicht gedacht… Aber keine schlechte Idee. Wie sieht es mit Erstehilfekenntnissen aus? Wäre schließlich nicht verkehrt, wenn unser Rettungsflieger den Verunfallten vor Ort stabilisieren könnte oder ähnliches.“
„Einfach Schnittwunden oder Knochenbrüche sind kein Problem. So etwas kann eigentlich jeder Profiquidditchspieler heilen. Schließlich kommt es auch beim Training oft genug zu Unfällen und anders als bei Spielen ist dann nicht immer ein Heiler zur Hand“, erklärte Draco. „Bei ernsthafteren Fluchschäden allerdings würde ich auf Stabilisierung zurückgreifen. Da gibt es einfach zu viele Möglichkeiten, wie vermeintliche Behandlungen Dinge noch verschlimmern können.“
„Ah ja, der gute, alte Petrificus Totalus“, meinte der andere.
Draco schüttelte den Kopf. „Nicht immer. Manchmal ist es besser gar keine direkte Magie anzuwenden. Incarcerous um Arme und Beine daran zu hindern sich zu viel zu bewegen kann auch angebracht sein.“
„Interessant. Sie scheinen mehr über Flüche zu wissen, als Sie anfänglich zu erkennen gegeben haben.“
„Ist weniger einer speziellen Ausbildung geschuldet als einer Art Familienerbe“, drückte Draco sich möglichst vage aus. Schließlich bestand immer noch die Möglichkeit, dass der Zauberer ihn allein wegen seines Familiennamens ablehnen würde. Doch jetzt, da er sich dafür entschieden hatte, Teil dieser Expedition werden zu wollen, würde er sein Bestes geben, den anderen von seiner Nützlichkeit bei dieser Reise zu überzeugen, dass diesem am Ende sein Name egal war.


September 2004

Und tatsächlich, am Ende akzeptierte Rolf Scamander ihn als Expeditionsmitglied. Obgleich er Draco wissen ließ, dass er ihn sofort an dem hellblonden Haar und arroganten Gesichtsausdruck erkannt habe. Allerdings, hatte er hinzugefügt, sei der Gesichtsausdruck im Laufe ihrer Unterhaltung ehrlichem Interesse gewichen und das habe ihn letztlich bewogen ihm eine Chance zu geben.
Seine Mutter hatte Draco zwar gefragt, wo er gewesen sei, hatte aber problemlos die Antwort, er habe die Gelegenheit für ein paar Geschäfte genutzt, akzeptiert. Jetzt musste er nur noch seine Ausrüstung zusammenstellen und sich der Expedition anschließen, ohne dass seine Familie etwas davon mitbekam. War er erst einmal außerhalb Englands und womöglich am anderen Ende der Welt, würde es ihnen schwer fallen, ihn aufzustöbern. Vorher jedoch würde er es nicht ausschließen, dass sie ihn mit einem Imperius belegten, in seinem Haus gefangen hielten und mit der erstbesten geeigneten Hexe verheirateten, um ihn an Heim und Herd zu ketten. Denn was auch immer man von der Erziehung halten mochte, die seine Eltern ihm hatten angedeihen lassen, so gehörte doch auch eine gehörige Portion Ehrgefühl gegenüber der Familie – auch jenen Mitgliedern, die er nicht explizit mochte – dazu und so würde er nie seine Ehefrau derart im Stich lassen, ungeachtet der Tatsache, dass er sie nicht freiwillig geheiratet hätte.
Aber schließlich fand er sich Anfang September am vereinbarten Ort ein, um mit Scamander einen internationalen Portschlüssel nach Reykjavik zu nehmen. Es würde der erste von insgesamt acht sein, um an ihr erstes Expeditionsziel zu gelangen, war es doch ratsam nicht mehr als 1500km auf einmal per Portschlüssel zurück zu legen. Zwar gab es auch Notfallportschlüssel, die einen sofort um die halbe Welt transportieren konnten, aber diese brachten als Nebenwirkung Übelkeit und Desorientierung mit sich und waren somit eben nur für den Notfall zu empfehlen. Hinzu kam noch, dass sie ja auch Expeditionsausrüstung dabei hatten, was zudem bedeutete, dass ihr Portschlüssel auf zwei Personen beschränkt war. Somit würde Draco die anderen Expeditionsmitglieder erst am Ziel kennenlernen.
Auf Island folgte Grönland, dann kamen zwei Zwischenstopps in Kanada, ehe sie nach einem Halt in North Carolina, Havanna und Managua endlich die Galapagosinseln erreichten.
Erst mit dem letzten Portschlüssel hatte ihm Scamander das eigentliche Ziel verraten. „Ist nur eine allgemeine Vorsichtsmaßnahme. Wir Forscher sind ein merkwürdiges Völkchen und mögen es nicht, wenn unserer Entdeckungen oder auch möglichen Jagdgründe für diese Entdeckungen verraten werden. Die anderen fühlen sich aufgrund der Natur ihrer eigenen Forschungen zur Verschwiegenheit verpflichtet, bei dir hingegen ist es anders.“
Draco verstand. Er war, mit Ausnahme einer Hauselfe, die Scamanders Partner mitbrachte, der einzige Nichtforscher im Team. „Aber wieso mich nicht einfach einen unbrechbaren Schwur leisten lassen?“, fragte er.
„Kein Forschungsergebnis ist es wert, dafür mit dem Leben zu bezahlen. Und es mag eine Situation eintreten, wo du in der Lage sein musst, über die Expedition und unsere Arbeit zu sprechen, um Hilfe zu holen. Sind wir aber erst einmal dort, befinden wir uns in der Regel an so abgelegenen Orten, dass du dort kaum etwas ausplaudern kannst.“
Draco war von dieser logischen Darlegung beeindruckter, als er sich eingestehen wollte. Er hatte gedacht, so eine Expedition sei einfach nur eine Möglichkeit für einen Haufen Verrückter ihre verrückten Theorien zu überprüfen, wobei sie Erfolg oder Misserfolg wenig kümmerten und sie blind weitermachen würden. Oder es wäre von irgendeiner offiziellen Stelle organisiert, die sie ständig überwachen würde. Dieses Zwischending aber… verrückte Ideen, aber ernsthafter Selbsterhaltungstrieb… beeindruckte ihn.
„Willkommen auf Isabela“, sagte Scamander und atmete erst einmal tief durch, ehe er seinen Rucksack mit den Ausrüstungsgegenständen absetzte.
Sie waren an der dem Meer zugewandten Seite eines Vulkanhangs gelandet. Unweit hatten die übrigen Mitglieder der Expedition bereits begonnen das Camp aufzubauen.
„Habt ihr etwa alle Portschlüssel ohne Pause genommen?“, fragte eine weibliche Stimme und als Draco sich umwandte, weiteten sich seine Augen vor Überraschung. Vor ihm stand niemand anderes als Luna Lovegood. Augenblicklich wanderten seine Gedanken zurück zu dem Zeitpunkt, da er sie das letzte Mal so nah gesehen hatte… damals, als sie Gefangene des Dunklen Lords in Malfoy Manor gewesen war… Er schluckte. Besser er hielt sich zurück und sagte nichts, wenn er nicht unliebsame Erinnerungen heraufbeschwören und am Ende noch Opfer später Rache wurde.
„Du weißt doch, dass wir es mussten. Die Erlaubnis der Zauberregierung Ecuadors für unsere Expedition besagte, dass wir bis heute Abend hier eintreffen mussten“, erwiderte Scamander und blickte sie treuherzig an.
Sie schnaufte nur und schüttelte den Kopf, verkniff es sich aber auf das Offenkundige hinzuweisen: Dass sie einfach hätten früher aufbrechen können. „Ihr strahlt so viel Ungleichgewicht aus, dass ich meine Magitur-Beobachtungen für heute vergessen kann!“
„Magitur?“, fragte Draco leicht verwirrt und brach somit prompt seinen Vorsatz, sich möglichst zurückzuhalten und nicht Lunas Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.
„Später“, meinte sie aber nur. „Dafür ist noch beim Abendessen Zeit. Packt erst einmal aus.“

Draco hatte geglaubt, seine Zeit in den Vereinigten Arabischen Emiraten hätte ihn ein wenig auf das Leben in einem Zelt vorbereitet. Schließlich hatten sie auch Trainingslager draußen in der Wüste veranstaltet und dort in Zelten übernachtet. Aber er hätte wissen müssen, dass die Wüstenzauberer diesbezüglich ganz andere Maßstäbe an den Tag legten als das bei einer Expedition der Fall sein würde. Zwar kamen da immer noch Zauberzelte zum Einsatz, die innen geräumiger waren als außen, aber da sie Wind und Wetter trotzen mussten und mehr darauf ausgelegt waren, Platz für die sonstigen Ausrüstungsgegenstände zu bieten, waren sie eher spartanisch. Er würde sich daran gewöhnen müssen auf einem Feldbett statt einem Himmelbett zu schlafen. Aber, wie ihm der freundliche Verkäufer erklärt hatte, als er bei diesem mit der Einkaufsliste, die Scamander ihm gegeben hatte, vorstellig geworden war, machten Himmelbetten in Zelten nur dann Sinn, wenn man an der Anordnung der Möbel nichts ändern wollte. Denn große Möbelstücke mussten mit der magischen Struktur des Zeltes direkt verankert werden. Ein Feldbett hingegen konnte ähnlich wie ein Stuhl an beliebiger Stelle im Zelt platziert und mit ein paar Zaubern ähnlich bequem hergerichtet werden. Und Expeditionen hatten nun mal die Angewohnheit, dass sich im Laufe der Zeit immer mehr Kram ansammelte, der mitgenommen werden wollte, um zu Hause in Ruhe untersucht zu werden. Noch glaubte Draco nicht, dass das bei seinem Zelt der Fall sein würde, aber was wusste er schon von Expeditionen? Der Verkäufer hatte seinen Argwohn sehr wohl bemerkt und ihm geschäftstüchtig noch ein Buch verkauft, indem allerlei Möbelverwandlungszauber standen und auch wie man sie mit der magischen Struktur verankerte. Er hatte ihn aber auch darauf hingewiesen, dass solche Änderungen nicht so einfach wieder rückgängig zu machen seien, sondern praktisch darauf hinausliefen, dass die gesamte Struktur abgebaut und neu aufgebaut werden musste, da einfach nur etwas aus der Verankerung zu reißen Löcher in der Struktur hinterließ.
Beim Abendessen hatte er die anderen Mitglieder der Expedition näher kennen gelernt. Zwar hatte er sie alle schon im Laufe des Nachmittags bei verschiedenen Tätigkeiten gesehen, aber für alles, was über ein simples Hallo hinausging, waren sie alle zu beschäftigt gewesen.
Rolf Scamander, Nachfahre des berühmten Newt Scamanders, war als Botaniker bei dieser Expedition. Er und Luna Lovegood waren zugleich die Organisatoren der Expedition.
Es hatte Draco überrascht, dass Rolf kein Zoologe war. „Hat etwas mit dem Familienerbe zu tun. Als Scamander trage ich zwar die Fähigkeit in mir, all die merkwürdigen Wesen zu sehen, aber Urgroßvater hat diese Fähigkeit verflucht. Im wahrsten Sinne des Wortes. Um sie zu schützen und in der Familie zu halten, können alle Scamanders diese Fähigkeit erst dann nutzen, wenn sie einen legitimen männlichen Nachkommen haben. Und der fehlt mir noch.“
Draco nickte nur. Er wusste, dass so ziemlich jede alte Familie irgendwelche merkwürdigen Flüche mit sich herumtrug. Bei den Malfoys war es die Haarfarbe. Nachdem kurz vor der französischen Revolution ein Malfoy von einer Veela verschmäht worden war, hatte er sich geschworen, dass all seine Nachkommen auch ohne Veelagene so schön sein sollten, dass niemand ihnen widerstehen konnte. Und als erstes hatte er einen Fluch gewirkt, dass alle Nachkommen einer Veela ähnlich platinblonde Haare haben sollten. Sogar die Ehefrauen wurden während der ersten Schwangerschaft Opfer dieses Fluches. Und das war noch einer der harmloseren Flüche, die als Familienflüche in der Welt der reinblütigen Zauberer kursierten.
Die Aufgabe des Zoologen fiel an Luna. „Meine Mutter hatte versucht, einen Zauber zu entwickeln, damit mehr Menschen, wie Newt Scamander die fantastischen Wesen finden können. Der Zauber…“, sie stockte und Draco erinnerte sich daran, dass ihre Mutter bei einem Unfall mit einem experimentellen Zauber ums Leben gekommen war. Vielleicht sogar dieser Zauber? „… funktionierte teilweise… jedenfalls am Ende“, fuhr Luna fort und bestätigte Dracos Verdacht. Der Zauberer, der Mrs. Lovegood das Leben gekostet hatte, hatte ihre Tochter teilweise getroffen und es ihr somit ermöglicht hin und wieder bislang unbekannte Kreaturen zu erblicken. „Natürlich hilft es, wenn man an die Existenz der Wesen glaubt. Dann zeigen sie sich einem eher“, fügte sie noch mit einem Lächeln hinzu, das Draco nur allzu sehr an jene Luna erinnerte, die in Hogwarts als Loony Lovegood bekannt gewesen war. Nun aber gab ihr Verhalten einen ganz neuen Sinn. Mit ihrer Gabe und in einem so alten magischen Gemäuer wie Hogwarts… da war es nur natürlich gewesen, dass sie allerlei Wesen gesehen hatte, die sonst niemand sah.
Die Dritte im Bunde war Hilda St John, die eine angehende Tränkemeisterin war und die es sich zudem zum Ziel gesetzt hatte, gleichzeitig auch einen Meistergrad in magischer Geschichte zu erlagen. Sie wollte die Expedition nutzen, um Zutaten zu historischen Zaubertränken aus der Polynesischen Welt zu erforschen oder in manchen Fällen erst einmal wieder zu entdecken. Sie hatte der Expedition ihren Namen gegeben, denn einen der Tränke, den sie erforschen wollte, war ein Unsichtbarkeitstrank. Ansonsten fungierte sie noch, aufgrund ihrer Ausbildung zur Tränkemeisterin, als Heilerin der Gruppe. „Aber es ist gut zu wissen, dass noch ein Ersthelfer mit an Bord ist. Denn oft ist es so, dass man einen Heiltrank nicht unbeaufsichtigt lassen kann, nur um gleichzeitig Schnittwunden zu heilen oder Kakteenstacheln zu entfernen oder so.“
Das letzte Forschungsmitglied war ein Kobold namens Sharptooth, den die anderen aber alle nur Trap nannten. Auf Dracos fragenden Blick hin, grinste der Kobold nur breit und meinte: „Ich kann eine Falle auf zehn Meilen riechen.“
„Dafür landest du aber noch verdammt oft in einer solchen“, erwiderte Rolf trocken, hatte er doch bereits in der Vergangenheit mit dem Kobold zusammengearbeitet.
Trap war ein unabhängiger Kobold, der aber dennoch interessante Funde an Gringotts meldete und dafür einen Finderlohn erhielt. „Nadelstreifen tragen und vor Kunden katzbuckeln? Danke nein, das ist nicht meine Welt“, erklärte er grummelnd und zeigte deutlich, was er von seinen Artgenossen im üblichen Bankgeschäft hielt. Ihn interessierten auf dieser Expedition überwiegend die ersten beiden der vier geplanten Ziele, waren doch auf der Westküste Südamerikas früher Goldschiffe der Spanier gekreuzt und mehr als ein Pirat hatte ihnen ihre Schiffsladung abspenstig gemacht und gelegentlich auf diesen Inseln versteckt. „Und wenn dann noch der ein oder andere Matrose Zauberer war und seinen Anteil entsprechend geschützt hat… hat man diese Schätze bis heute nicht gefunden.“
Als Draco zuerst gesehen hatte, dass auch ein Kobold zu der Expedition gehörte, hatte er beschlossen, diesen geringschätzig zu ignorieren. Schließlich war er nur ein Kobold und stand somit gesellschaftlich soweit unter ihm, wie es fast nur möglich war. Gleichzeitig wusste er, dass er seine Abneigung nicht zu offenkundig zeigen durfte, denn ein verärgerter Kobold war ein gefährlicher Kobold und wenn Professor Binns‘ Stunden ihm eines eingeschärft hatten, dann dass man Kobolde diesbezüglich nicht unterschätzen durfte. Denn Sharptooth mochte zwar der einzige Kobold in dieser Gruppe sein, aber die Gruppe war gesamt so klein, dass sollte es zu einer Miniaturausgabe eines Koboldaufstandes kommen, sie kaum eine Chance hätten, heil davon zu kommen. Bereits beim diesem ersten Abendessen aber stellte Draco fest, dass Trap so ganz anders war als die Kobolde, die er aus England oder auch Dubai kannte. Und dann war da noch der Humor des bärbeißigen Kobolds, der ihn Draco auf ungewohnte Weise sympathisch machte. Noch ehe sie sich an diesem Abend jeder in ihre Zelte verabschiedeten, wusste Draco, dass er auch in Traps Fall keine Sekunde zögern würde, diesen in seiner Funktion als Rettungsflieger zu retten, so es notwendig sein würde. Und das, obwohl er sich am Nachmittag noch geschworen hatte, sich bei dem Kobold diesbezüglich nicht allzu große Mühe zu geben sondern nur gerade eben so viel, dass er stets behaupten konnte, er habe sein Bestes getan, selbst wenn der Kobold verletzt würde.
Abgerundet wurde das Team durch Winky, die Hauselfe, die zu Dracos Überraschung zu Luna gehörte. Er hatte nicht gewusst, dass die Lovegoods Hauselfen hatten. Aber ihm sollte es nur recht sein, denn somit würde nicht von ihm erwartet, dass er bei der Küchenarbeit oder ähnlich niederen Tätigkeiten half.
Was ihn ein wenig verwunderte, war dass sie keinen einheimischen Führer hatten. Er hatte genug von der Welt gesehen, um zu wissen, dass wann immer sich ausländische Zaubergruppen in Gebiete wagten, die von dem jeweiligen Land als Reservat betrachtet wurden, die Regierungen auf die Begleitung durch einen einheimischen Führer bestanden.
„Die Inseln sind mit einem Schutzzauber umgeben, der die einheimische Fauna, also insbesondere die hiesigen Schildkröten schützt. Wir dürfen sie erforschen, aber sollten wir hier auch nur ein Tier erlegen, geht ein Alarm bei der ecuadorianischen Zauberregierung ein und wir haben jede Menge Ärger am Hals. Bei Pflanzen ist es nicht so schlimm, aber sollte unser Lagerfeuer Fiendfyre-Dimensionen annehmen oder wir uns hier mit dunklen Flüchen duellieren, würde das auch bemerkt. Aber auf die Art kommt die Zauberregierung darum herum, die Muggelmilitärs, die hier eine kleine Station unterhalten, über alles informieren zu müssen“, erklärte Rolf. „Es kommt uns dabei natürlich auch zu Gute, dass die Inseln prinzipiell kaum besiedelt sind.“

Den nächsten Tag verbrachte Draco damit, die Insel aus der Luft zu erkunden. Luna hatte ihm fünf Ketten gegeben, jede bestehend aus einem Lederband an das eine runde Münze mit Loch geknüpft war. „Für jeden von uns eine“, hatte sie gesagt. „Es sind Muggelgeldmünzen. Diese hier“, und sie zeigte auf eine kleine, blumenförmige Münze, „ist Winkys. Diese hier mit dem eckigen Loch ist die für Rolf, Hildas Münze ist die kupferfarbene mit den größeren Loch, diese hier ist meine und das die für Trap.“ Dann griff sie in den Ausschnitt ihrer Tunika und zog selbst eine Kette mit einer kleinen Silbermünze hervor, die offenkundig das Pendant zu der war, die sie ihm gerade gezeigt hatte. „Sie sind mit einem Protean-Zauber belegt. Wenn wir sie länger als drei Sekunden umschlossen halten oder mit dem Zauberstab berühren, fängt die andere an zu vibrieren und du weißt genau, wer gerade deine Dienste als Rettungsflieger benötigt. Du kannst dann bis auf fünf Meter an den Verunfallten heranapparieren, also besser du apparierst auf dem Besen sitzend, denn fünf Meter kann auch fünf Meter vor der Klippe sein.“
Draco musste zugeben, dass das eine gute Methode der Alarmkommunikation war, auch wenn ihm der Gedanke einem Signal zum Apparieren zu folgen nicht sonderlich gefiel, erinnerte es ihn doch zu sehr an die Art, wie der Dunkle Lord seine Anhänger über das Dunkle Mal gerufen hatte.
„Winkys Münze funktioniert als einzige in beide Richtungen, so dass du auch um Hilfe rufen kannst“, fuhr Luna fort. „Bei ihr ist es am unwahrscheinlichsten, dass sie deine Hilfe braucht, aber sie ist ein vollwertiges Mitglied dieser Expedition, von daher ist es nur gerecht, dass du auch für sie eine Münze trägst. Andererseits ist sie damit aber auch am ehesten in der Lage, dir zu helfen. Nur bitte versuche sie nur dann zu rufen, wenn du nicht gerade in der Luft bist. Denn sie wird nicht auf einem Besen sitzen und fünf Meter vor der Klippe wäre dann alles andere als gut.“
Draco nickte verstehend.
Die Insel wurde in weiten Teilen von Vulkangestein dominiert und wies mehr Graslandschaften als üppige grüne Palmwälder auf. Draco sah Luna, wie sie sich an eine Kolonie der großen Schildkröten heranpirschte und erinnerte sich daran, dass er immer noch nicht wusste, was es mit den Magiturs auf sich hatte, die sie beobachten wollte. Waren das vielleicht magische Schildkröten?
An einem der dunklen Strände entdeckte er auf ein paar Felsen Leguane und beschloss spontan, sich diese näher anzusehen, erinnerten sie ihn doch an flügellose Drachen. Sie waren wunderschön. Doch als er sich ihnen vorsichtig näherte, passierte etwas Merkwürdiges. Es schien als hätten ein paar der Leguane ihn entdeckt. Sie sahen ihn jedenfalls direkt an. Doch statt sich ins Meer zu flüchten, wie er es erwartet hatte, blieben sie an Ort und Stelle. Draco wagte nicht sich zu bewegen, ja er wagte kaum zu atmen. Dann aber vibrierte eine Münze und Draco erwachte aus seiner Starre.
Wie konnte jemand sich bereits am ersten Tag in Gefahr gebracht haben? Ein kurzer Blick auf die Münzen verriet ihm, dass es Hilda war, die seine Hilfe angefordert hatte. Hastig bestieg er seinen Besen und apparierte samt Besen zu der Stelle, die ihm die Münze gleich einem Kompass vorgab. Er schluckte, als er sah, dass ihn die Münze direkt zum Gipfel eines der Vulkane geführt hatte. Im Geiste sah er sich schon die zukünftige Tränkemeisterin von einem schwimmenden Steinfloß auf einem Lavafluss direkt im Krater retten. Keine sehr angenehme Vorstellung. Doch zu seiner Überraschung stand Hilda St John unversehrt am Rand der Caldera und winkte ihm zu. Verwirrt landete er neben ihr. War am Ende nicht sie es, die Hilfe brauchte, sondern jemand anders, der in den Vulkan gefallen war und nicht mehr in der Lage war, seine Münze zu umklammern. Doch ein Blick über den Rand des Kraters zeigte ihm, dass es dort unten erstaunlich ruhig für einen Vulkan aussah.
„Was ist los?“, fragte er Hilda. „Wieso hast du mich gerufen?“
Hilda zeigte ruhig auf einen Felsvorsprung mehrere Meter tief im Krater. „Siehst du die Pflanze dort unten?“
Draco musste sich anstrengen, aber schließlich sah er etwas Krautartiges auf dem Stein. Er nickte.
„Hol es mir“, forderte Hilda von ihm.
Mit hochgezogenen Augenbrauen sah Draco sie an. „Bitte?“
„Hol es mir, bitte?“, wiederholte Hilda.
„Nein, ich meinte: Bitte was? Wieso holst du dir die Pflanze nicht selbst?“
„Die Wände sind nicht zum Klettern geeignet und ich habe keinen Besen dabei“, erwiderte die angehende Tränkemeisterin.
„Du könntest dennoch auf Sicht apparieren“, konterte Draco.
„Nur ein Idiot würde auf einen Felsvorsprung in einem Vulkankrater apparieren“, gab sie schroff zurück. „Wir können schließlich von hier oben nicht abschätzen, ob der Felsvorsprung überhaupt mein Gewicht tragen würde.“
„Dann bitte doch Winky, dir die Pflanze zu holen. Für eine Hauselfe müsste der Vorsprung doch sicher halten.“
Hilda schüttelte den Kopf. „Geht nicht. Winky steht unter Lunas persönlichem Schutz und Luna hat verboten, dass wir Winky für unsere Arbeit missbrauchen.“
„Ach, aber mich dafür zu missbrauchen ist okay oder wie?“, ereiferte sich Draco.
„Ist ja schließlich nicht so, als hättest du sonderlich viel zu tun“, sagte Hilda schulterzuckend.
„Hör mal, ich bin Rettungsflieger, kein Laufbursche.“
„Sieh es so: Wenn du mir die Pflanze bringst, beugst du einem möglichen Einsatz vor. Denn wenn du sie mir nicht holst, bin ich gezwungen, sie mir selbst zu holen, stürze dabei ab und du hast dann einen echten Einsatz. Wäre das besser?“
Draco blickte sie finster an. Er konnte nicht leugnen, dass dieses Szenario eine gewisse Logik in sich barg. Aber er wollte jetzt allein schon aus Prinzip Hilda die Pflanze nicht holen. Denn er wusste, gab er ihr einmal nach, würde sie ihn ständig für irgendwelche Handlangertätigkeiten anfordern. Bis es schließlich irgendwann soweit käme, dass er bei einem echten Einsatz zu spät käme. „Wie wäre es, wenn du für heute die Pflanze vergisst und wir uns stattdessen um einen Besen für dich kümmern?“, sagte er schließlich und schwang sich wieder auf seinen eigenen Besen. „Und wenn du stattdessen doch jetzt dort hinabsteigst und abstürzt, lasse ich dich dort unten liegen!“, drohte er zusätzlich. Er ahnte zwar, dass ihm dies mit Scamander Ärger einbringen konnte, aber er musste jetzt Stärke zeigen.
Und genau das erklärte er diesem auch, als er nach dem Abendessen in das Zelt des Expeditionsleiters zitiert wurde. Denn natürlich hatte Hilda sich über ihn beschwert. „Natürlich hätte ich sie nicht im Krater verbluten lassen oder so“, sagte Draco, „aber ich musste ihr auch deutlich machen, dass sie sich nicht einfach mutwillig in Gefahr begeben kann, wenn sie genauso gut einen Tag warten kann, bis Winky in Quito einen Besen für sie organisiert hat.“
Scamander hatte genickt und sowohl mit Hilda als auch den anderen Expeditionsmitgliedern gesprochen. Danach sollte Draco für den Rest der Reise keine Probleme mehr mit Hilda haben.

Am Tag darauf kehrte Draco zu der Stelle zurück, an der er die Leguane gesehen hatte. Die Art, wie sie ihn gemustert hatten, kurz bevor Hilda ihn gerufen hatte, hatte ihn die ganze Nacht nicht losgelassen. Er war neugierig, ob er die Tiere heute wiedersehen würde. Und ob sie ihn wieder so ansehen würden.
Alles war noch ruhig und ein für diese Breitengrade unerwartet kühler Wind kam vom Meer her in Richtung des Strandes. Draco suchte sich eine halbwegs geschützte Stelle und hoffte, dass heute keiner seine Dienste brauchte. Beim Frühstück hatte er Winky beschrieben, welche Eigenschaften die Besen haben sollten, die, nach kurzer Konsultation, alle Expeditionsmitglieder haben sollten. Wären sie in England gewesen, hätte er die Hauselfe einfach losgeschickt, fünf Cleansweeps zu besorgen, aber er wusste nicht, welche Marken in Ecuador verfügbar waren und so war es einfacher, die Spezifikationen wie Beschleunigung, Stabilität und Sicherheitsstandards, sowie zusätzliche Optionen wie etwa Schrumpfbarkeit, zu definieren.
Es dauerte eine Weile, doch als die Sonne höher stieg und die Lavasteine langsam erwärmte, erschienen auch die ersten tierischen Besucher dieses Inselabschnitts. Und endlich auch die Leguane. Draco fragte sich, ob sie nicht vielleicht doch in irgendeiner Form mit Drachen verwandt waren. Vielleicht eine Kreuzung aus einer normalen Schlange und einem Norwegischen Stachelbuckel, oder so… oder ein Fisch und ein Pazifischer Stachelbuckel, oder so… Die dann über die Generationen einfach immer mehr zu dem geworden waren, was sie heute waren, und nur noch wie harmlose Minidrachen aussahen.
Je länger Draco den Tieren beim Sonnen zusah, desto mehr fragte er sich, ob er sich das gestern nicht bloß alles eingebildet hatte. Dann aber, gerade als er schon aufgeben und für das Mittagessen zurück ins Camp fliegen wollte, geschah es wieder. Erst einer, dann zwei und schließlich ganze fünf Leguane schienen ihn ins Visier genommen zu haben. Draco ermahnte sich, sich nicht zu bewegen und keinen Laut von sich zu geben, in der Hoffnung… ja, auf was genau? Er wusste es nicht. Aber er spürte, dass da etwas vor sich ging. Und er wollte herausfinden, was dieses ‚etwas‘ war.
Er wusste nicht, wie lange er so verharrt hatte, als sich, ganz langsam, die Leguane vor seinen Augen zu verwandeln begannen. Erst stellten sie sich auf ihre Hinterbeine auf, so dass sie mehr wie ein Miniaturdinosaurier aussahen, dann wuchsen ihre Körper in die Höhe, ihre Schuppen verblassten und nahmen einen goldfarbenen Hautton an, ihre Gliedmaßen bildeten sich aus Armen und Beinen mit Händen und Füßen aus und zuletzt verwandelte sich ihr Kopf in einen von menschlicher Gestalt.
Dracos Augen weiteten sich. Waren diese Leguane in Wirklichkeit Zauberer, die Animagi waren und sich in Leguane verwandeln konnten? Sollte er sie grüßen? Was, wenn sie ihm feindlich gesonnen waren?
Da machte der erste Mensch den Mund auf, doch statt Worte, gleich welcher Sprache, ertönte nur ein Schrei. Ein Schrei, der von den anderen Leguanen, die noch auf den Vulkansteinen lagen und sich sonnten aufgenommen und gleich einem Echo beantwortet wurde.
Hatten diese Zauberer so lange als Leguane gelebt, dass sie die menschliche Sprache verlernt hatten? Nein… Draco schüttelte in Gedanken den Kopf. Pettigrew hatte über zwölf Jahre als Ratte zugebracht und trotzdem keine Probleme gehabt, sich auf Englisch verständlich zu machen, als er in seine menschliche Gestalt zurückkehrte. Oder war das vielleicht, weil er auch als Ratte stets in der Nähe von Menschen gelebt und ihre Sprache gehört hatte? Hatten diese Zauberer vielleicht nie etwas anderes gehört als die Laute, mit denen Leguane sich verständigten?
Vielleicht sollte er doch versuchen sie zu grüßen… Vielleicht per Handzeichen. Handflächen nach vorn, Hände leicht erhoben… das war schließlich das allgemein anerkannte Zeichen, dass man unbewaffnet war, also nichts Böses wollte. Das würden doch sicherlich auch Zauberer verstehen, die bislang stets unter Leguanen gelebt hatten, oder?
Dann aber fiel Draco etwas Merkwürdiges auf. Je länger er dastand, desto heller wurde die Haut der Zauberer, bis sie fast so blass wie er selbst waren. Auch ihre Haare wurden heller, wechselten von schwarz über braun bis sie platinblond waren. Animagi und Metamorphmagi? Wieso aber versuchten sie eindeutig ihn in ihrem Aussehen zu imitieren? Denn mittlerweile bestand kein Zweifel mehr daran, dass sie ihn und seine Gesichtszüge nachahmten. So langsam wurde es wirklich unheimlich. Insbesondere, wo sie immer noch ihren Leguanschwanz hatten…
Diese Erkenntnis ließ Draco in seinen Gedanken stocken. Er schaute noch einmal genauer hin, um sich zu vergewissern, doch ja, da waren noch immer die Leguanschwänze. Was auch immer das für Wesen waren, sie waren keine Animagi-Zauberer. Menschen verwandelten sich immer stets ganz in Menschen zurück.
Als hätten die Wesen gespürt, dass Draco sie durchschaut hatte, stießen sie noch einmal einen ihrer durchdringenden Schreie aus, ehe sie sich vor seinen Augen wieder in die Leguane verwandelten, die sie zuvor gewesen waren.

Eine Woche später bemerkte Luna beim Abendessen ein wenig wehmütig, dass sie noch immer keine Magiturs gesehen hatte. Das erinnerte Draco daran, dass sie ihm immer noch nicht erzählt hatte, was es damit auf sich hatte.
„Oh, das geht auf ein altes Manuskript eines spanischen Zauberers zurück, der im sechszehnten Jahrhundert als Muggel-Seemann anheuerte“, erklärte Luna bereitwillig. „Als sie die Inseln entdeckten, beschreibt er in einem Tagebuch, dass sie am Strand ungeheuer große Schildkröten sahen, wie man sie noch nie zuvor erblickt hatte. Doch während sie noch am Strand standen und diese Giganten bestaunten, hätten sich aus den Reihen der Schildkröten Menschen gelöst, die den Seefahrern bekannt erschienen. Doch alle Versuche mit diesen Menschen zu reden, blieben vergebens und nur wenige Augenblicke später kehrten die Menschen zu den Schildkröten zurück und verwandelten sich wieder in deren Artgenossen. Der spanische Zauberer nimmt an, dass es sich um magische Schildkröten handelte, die die Gestalt anderer Wesen annehmen können, um sich unter ihnen besser zu tarnen. Dass sie aber, nachdem sie feststellten, dass sie die menschliche Sprache nicht nachahmen konnten, entschieden, dass dies für eine gute Tarnung notwendig sei, und sie somit unter den Schildkröten doch geschützter wären. Er nannte sie Magiturs.“
Dracos Augen waren bei ihren Worten immer größer geworden. Die Aufregung stand ihm förmlich ins Gesicht geschrieben und entging auch den anderen Expeditionsteilnehmern nicht.
„Was ist?“, fragte Trap amüsiert. „Man sollte meinen, dass ein Zauberer von Welt wie du sich nicht so leicht von solchem Seemannsgarn einlullen lassen würde.“
„Luna, was wäre, wenn sich zwischen den Schildkröten Leguane versteckt hätten und es keine Magiturs sondern Maguane gewesen wären?“, fragte er und sah sie eindringlich an.
„Maguane? Von denen habe ich noch nie gehört“, gab Luna nachdenklich zu.
„Keine Ahnung, wie sie heißen, aber wäre es möglich, dass dieser Zauberer damals keine verwandelten Schildkröten sondern verwandelte Leguane gesehen hat?“, beharrte Draco.
„Wieso fragst du?“, wollte Rolf wissen und klang ein wenig misstrauisch.
„Weil ich genau solchen Leguanen neulich begegnet bin“, gab er zu.
„Und das sagst du erst jetzt?“ Nun war es Lunas Gesicht, auf dem sich die Aufregung spiegelte.
„Ich dachte, ich hätte es mir vielleicht nur eingebildet. Ich wusste ja nicht, dass du nach Tieren suchst, die sich in Menschen verwandeln können“, verteidigte sich Draco.
„Tja, so wie es aussieht, hätten wir damit schon mal ein positives Ergebnis für unsere Expedition. Und ein neues Expeditionsmaskottchen“, sagte Hilda und grinste Draco schelmisch an.
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Beitragvon chaotizitaet » 15. Feb 2016, 02:10

Oktober 2004

Luna hatte nach Dracos Offenbarung von diesem den Strandabschnitt zeigen lassen und dort ebenfalls die fantastische Verwandlung beobachten können. Nach der ersten dieser Verwandlungen strahlte sie über das ganze Gesicht und Draco war froh, ihr bei ihrer Arbeit geholfen zu haben.
„Ich denke, das erklärt, warum niemand in all den Jahrhunderten Magiturs gesehen hat. Sie haben immer nur die Schildkröten beobachtet, die zwar auf ihre Art wunderschön und faszinierend sind, aber abgesehen von ihrer langen Lebensspanne nicht wirklich magisch sind“, hatte sie erklärt und sich dann daran gemacht, alles, was sie bei den Maguanen sah, zu dokumentieren.
Draco hatte seither diesen Strandabschnitt gemieden, wollte er doch Luna in ihrer Arbeit nicht stören. Zwar hätte er manches Mal gerne die Leguane wegen ihrer Drachenähnlichkeit selbst beobachtet, doch Lunas Arbeit war für die Expedition wichtiger. Dabei war er sich fast sicher, dass Luna nichts dagegen gehabt hätte, wenn er sich ihr gelegentlich bei ihren Beobachtungen angeschlossen hätte.
Doch gerade das war auch etwas, das ihm zu schaffen machte. Er konnte Lunas Verhalten ihm gegenüber nicht verstehen. Wäre er in ihrer Situation gewesen, er hätte wohl alles daran gesetzt, ihm das Leben während dieser Expedition so unerträglich zu machen, dass er freiwillig frühzeitig nach Hause gereist wäre. Oder er hätte ihn ignoriert. Aber in keinem Fall hätte er offen und angeregt mit ihm diskutiert und ihn einfach als normales Expeditionsmitglied akzeptiert. Doch genau das tat Luna.
Nach etwa einem Monat zog die Expedition nach Rapa Nui, auch als Osterinsel bekannt, weiter.
Hilda wollte dort die Rongorongo-Inschriften studieren und Luna nach eine Spezies namens Niks Ausschau halten. Trap hoffte weiterhin auf den großen Coup, denn obgleich er auf Galapagos ein paar interessante Artefakte gefunden hatte, war keines davon wertmäßig der Rede wert – zumindest nach Koboldmaßstäben. Rolf wollte einfach nur dokumentieren, wie sich verschiedene Breitengrade auf Pflanzen auswirkten, die sowohl auf Galapagos als auch auf Rapa Nui vorkamen.
Rapa Nui war wie die Galapagosinseln vulkanischen Ursprungs, allerdings weitaus größer und grüner, wenngleich es auch hier weite, unbewaldete Flächen gab. Allerdings rührten die von menschengemachter Erosion her, da die Ureinwohner aus bislang unbekannten Gründen über einen langen Zeitraum einen regelrechten Raubbau an den endemischen Palmen betrieben hatten. Am beeindruckendsten waren jedoch die Moai, jene riesigen Steinstatuen, die in die Ferne blickten. Natürlich waren sie, wo immer sie in größeren Gruppen vorhanden waren, auch ein beliebtes Ausflugsziel von Muggeltouristen, aber es gab über die Insel verstreut genug kleinere Statuenfelder, die sich weniger Beliebtheit bei den Touristen erfreuten, und die Draco nur allzu gerne auf dem Besen fliegend erkundete.
Am zweiten oder dritten Tag sah er aus der Distanz Luna um eine der Steinstatuen fliegen. Es war das erste Mal, dass er sie bei dieser Expedition auf einem Besen gesehen hatte, und wenn er ehrlich war, sah es so aus, als fühlte sie sich auf ihrem Fluggefährt nicht wirklich wohl. Er beschloss in der Nähe zu bleiben und sie zu beobachten, falls sie mit ihrem Besen Schwierigkeiten bekam. Und tatsächlich, gerade als sie sich dem oberen Ende der Statue näherte und sich hinabbeugte, erfasste eine Windböe den Besen. Mit Mühe konnte sie verhindern, dass sie gegen den Moai krachte, doch jedes Ausweichmanöver brachte sie in die Nähe einer anderen Statue und ihre Bewegungen wurden immer abgehackter. Draco erkannte sofort, dass das nicht gut enden konnte. Ohne erst zu warten, ob sie ihn per Münze rufen würde, beschleunigte er seinen Besen in ihre Richtung. Was er vorhatte, war nicht ganz ungefährlich, aber es war auch zugleich ein Manöver, das er als Profiquidditchspieler unzählige Male vollführt hatte, meist um gegnerische Jäger aus ihrer Flugbahn zu drängen. Im Grunde bestand es aus nichts anderem als die Flugbahn des anderen Spielers so dicht zu kreuzen, dass diese ungewollt ausweichen musste. Natürlich bestand dabei stets die Gefahr, einfach mit dem anderen zusammen zu stoßen, aber so wie Draco Lunas Situation beurteilte, musste er sie dazu bringen, eine Neunzig-Grad-Wende zu vollführen, um den irrsinnigen Zickzackkurs, auf dem sie sich zwischen den Statuen befand, zu durchbrechen. Von seiner Position aus konnte er nämlich sehen, dass es in dem von ihm angestrebten Winkel eine klare Schneise gab, die es ihre ermöglichen sollte, die Kontrolle über den Besen zurückzugewinnen.
Tatsächlich schaffte Luna es ihm erst in allerletzter Sekunde auszuweichen, doch das Manöver gelang. Wenige Augenblicke später landete sie und Draco flog zu ihr zurück.
„Was zum Dementor sollte das?“, funkelte sie ihn wütend an.
„Es war das oder dich gegen eine der Statuen fliegen lassen“, erklärte Draco so ruhig er konnte. Er wusste, dass so ein Manöver, noch dazu wenn man es nicht erwartete, einem einen ganz schönen Schrecken verursachte. „Du bist wie wild zwischen den Statuen umhergeflogen, doch wohin du auch geflogen bist, immer schien eine neue vor dir aufzutauchen, richtig?“ Ohne wirklich ihre Antwort abzuwarten, fuhr er fort: „Ich konnte den Ausweg sehen und die einzige Möglichkeit, dich auf diesen Weg zu zwingen war dieses Manöver. Denn nur ein Idiot würde versuchen, nach dem Griff eines fremden Besens während des Fliegens zu greifen, um den anderen Besen in eine andere Richtung zu lenken.“
Luna schwieg für einen Moment, dann nickte sie. „Danke. Aber wer sagt dir, dass meine Fliegerei nicht ein beabsichtigtes Manöver war, um Nikse anzulocken?“, fragte sie dann schelmisch.
„Tut mir leid, aber die Ausrede funktioniert nicht, da ich gesehen habe, wie der Wind dich auf dem Besen erfasst hat“, erwiderte Draco grinsend, froh, dass Luna nichts passiert war und sie offenbar auch nicht mehr böse auf ihn war. „Abgesehen davon sahst du auch schon davor nicht so aus, als fühltest du dich wirklich wohl auf dem Besen.“
Luna zögerte kurz, dann nickte sie. „Es ist keine Höhenangst oder Angst vor der Geschwindigkeit, es hat mehr mit meiner Fähigkeit Wesen zu sehen zu tun. Während meiner ersten Flugstunde in Hogwarts tauchte ein Schwarm Nargel auf und ich habe sie zu spät gesehen…“
Draco verstand sofort. Luna hatte nicht ausweichen können, und die anderen Schüler hatten die Nargel erst gar nicht sehen können. Es musste für sie einem regelrechten Massaker an diesen Wesen gewesen sein. Und seither befürchtete sie natürlich jedes Mal, dass vor ihr beim Fliegen irgendwelche Wesen auftauchen würden. Das erklärte, dass sie möglichst vorsichtig flog, was sich aber nicht wirklich mit der Natur eines Flugbesens vertrug. „Was wolltest du denn oben an der Statue?“
„Honig platzieren“, kam es prompt zurück, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt. „Als Köder für die Nikse. Und da ich ja schlecht dich darum bitten konnte, musste ich es selbst machen…“
Er nickte. Er konnte schlecht auf der einen Insel ablehnen für Hilda Pflanzen im Vulkan zu pflücken und auf der nächsten für Luna Honigfallen auf Statuen platzieren. „Dann bleib ich einfach in der Nähe und störe dich nicht weiter, habe aber ein Auge auf dich, falls beim Fliegen wieder etwas falsch läuft.“
„Oder du könntest mir helfen, einfach weil du es willst und dich Nikse interessieren. Dann würdest du es für dich und nicht wirklich für mich machen“, schlug Luna verschmitzt vor.
„Ich weiß ja noch nicht einmal, was diese Nikse sind“, gab Draco zurück, aber er musste zugeben, dass Lunas Argumentation etwas für sich hatte.
„Nikse sind magische Lurche, die im Innern der endemischen Honigpalmen wohnten“, erklärte Luna bereitwillig. „Für die Ureinwohner waren sie etwas ganz besonderes, weil sie die Gabe hatten, durch die Rinde des Stamms direkt in das Innere zu verschwinden, ohne dass es eines Lochs oder ähnlichen Zugangs bedurft hätte. Als die Bewohner aber mehr und mehr der Palmen abholzten, verschwanden die Nikse, weil sie keinen Lebensraum mehr hatten. So heißt es zumindest. Ich aber glaube, dass sie dazu übergegangen sind, in den Moai selbst zu wohnen.“
„Aber wieso sollten sie von gemütlichen Bäumen in kahle Felsen umziehen?“, fragte Draco erstaunt.
„Wegen des Honigs natürlich“, erwiderte Luna auf ihre unveränderliche Art. „Sie haben in den Palmen wegen des Palmensaftes gewohnt. Aber als die Palmen zunehmend verschwanden, haben sie sich nach einer neuen Nahrungsquelle umgesehen und dabei entdeckt, dass eben die Menschen, die ihre Bäume fällten, den Statuen Opfer brachten, darunter auch süßen Sirup. Also sind sie in die Statuen umgezogen, um näher an dem Sirup zu sein.“
Das erklärte natürlich auch, warum Luna Honig als Köder verwenden wollte. Doch obwohl er nun wusste, was es mit den Niksen auf sich hatte und eigentlich auch neugierig war, ob Lunas Theorie stimmte, oder ob die Nikse nicht inzwischen vielleicht doch ausgestorben waren, war es doch schließlich schon lange her seit irgendwelche Leute den Statuen Opfer dargebracht hatten, konnte Draco sich nicht entscheiden, ihre zu helfen. Er konnte sich nicht vorstellen, dass sie seine Hilfe wirklich willkommen heißen würde. Und so sagte er: „Klingt wirklich spannend. Aber es ist dein Projekt, da solltest du auch die Fallen aufstellen und dann den ganzen Entdeckerruhm einheimsen.“ Mit diesen Worten machte er Anstalten sich wieder auf seinen Besen zu schwingen, aber ein enttäuschtes ‚Draco‘ ließ ihn innehalten.
„Warum weichst du mir aus? Mit allen anderen Expeditionsmitgliedern pflegst du fast schon ein freundschaftliches Verhältnis, aber bei mir scheinst du dein Bestmögliches zu geben, mir aus dem Weg zu gehen. Zumindest solange, bis deine Neugier stärker ist. Aber wieso? Ich weiß, dass es nicht daran liegen kann, dass ich merkwürdig bin oder Wesen sehen kann, die sonst niemand sieht. Trap ist viel merkwürdiger als ich und mit ihm hast du keine Probleme.“ Mit großen Augen, in denen sogar ein Hauch von Traurigkeit stand, sah Luna ihn an und alles krampfte sich in Draco zusammen. Wie hatte sie seine Absichten nur so falsch deuten können?
Er schüttelte den Kopf. „Es ist nicht wirklich so, dass ich dir aus dem Weg gehe, es ist mehr, dass ich dir Freiraum geben will“, sagte er, obgleich er im selben Moment, da er die Worte aussprach wusste, dass der Unterschied in der Formulierung eigentlich nur theoretischer Natur war. Er seufzte. „Ich dachte, du würdest es vielleicht vorziehen, wenn ich mir von dir fernhalte. Einfach weil meine Gegenwart alte Wunden wieder öffnet und Erinnerungen heraufbeschwört an eine Zeit, die du lieber vergessen willst. Mir würde es jedenfalls so gehen.“
Ungläubig sah Luna ihn an. „Habe ich denn je den Eindruck erweckt, als würde ich deine Gegenwart ablehnen? Oder ist es vielleicht, dass eher umgekehrt ein Schuh daraus wird und du dich zurückziehst, weil meine Anwesenheit bei dir all diese dunklen Erinnerungen hervorruft.“
Hastig schüttelte Draco den Kopf. „Nein. Oder ja, du rufst diese Erinnerungen wieder hervor, aber ich habe gelernt damit umzugehen. Es war entweder das, oder an ihnen zugrunde zu gehen.“
„Und dennoch glaubst du, dass ich die Geschehnisse von damals nicht ebenfalls verarbeitet habe, so dass die Erinnerungen heute keine Macht mehr über mich haben?“
„Es ist ein Unterschied, ob man tagtäglich in dem Haus, der ein Ort der Folter war, lebt, oder ob man wie du in ein anderes Leben zurückkehren kann“, erklärte Draco entschieden. „Du hattest die Möglichkeit zu vergessen. Die Möglichkeit hatte ich nicht.“
„Als ob das mit dem Vergessen so einfach wäre“, spottete Luna auf eine für sie ganz untypische Art und Weise. „Mein anderes Leben bestand aus einem Zuhause, das mein Vater versehentlich in die Luft gejagt hat, als er versuchte, Harry gefangen zu nehmen. Mein anderes Leben bestand aus einem Vater, der einen meiner besten Freunde und vielleicht meine beste Chance den Krieg heil zu überstehen verraten hat. Sage mir da, wie ich da die Möglichkeit gehabt haben soll, zu vergessen?“ Sie schloss kurz die Augen, atmete einmal tief durch und Draco konnte förmlich sehen, wie der anklagende Ärger aus ihrem Gesicht verschwand. Als sie die Augen wieder öffnete, fuhr sie fort: „Ich hatte keine Möglichkeit zu vergessen. Aber ich hatte die Möglichkeit zu vergeben. Ich hatte die Möglichkeit zu verstehen, was meinen Vater bewegte und zu erkennen, dass was für mich vielleicht eine falsche Entscheidung war, für ihn die einzige Entscheidung war, die er fällen konnte. Er hatte schon meine Mutter verloren und sah sich nun in einer Situation, wo er auch seine Tochter verlieren konnte. Wie konnte ich ihm da nicht vergeben? Und wenn ich in der Lage bin, meinem Vater zu vergeben, der mir viel näher steht und dessen Verrat mir also viel tiefere Wunden geschlagen hat, wieso soll es mir dann unmöglich sein, dir zu vergeben?“
Vergebung? Vergessen war ein Konzept, mit dem Draco umgehen konnte. Oder vielmehr Verdrängen. Es war verhältnismäßig einfach zu sagen ‚Schwamm drüber‘ und einfach seiner Wege zu gehen. Aber Vergebung? Sich mit etwas auseinander zu setzen, sich in den anderen hineinzuversetzen und zu entscheiden, dass man vielleicht die einzige Entscheidung getroffen hatte, die man unter Berücksichtigung aller Umstände treffen konnte?
„Du bist nur wenige Monate älter als ich“, erklärte Luna ihm da. „Und doch so anders… Wo mein Vater mich ermutigt hat, die Wesen, die ich sehen konnte, zu erforschen, hat deiner dir vermutlich erzählt, wie großartig Voldemort ist. Und wir beide haben unseren Vätern geglaubt. Dann kehrte Voldemort zurück und ein Jahr später wurde dein Vater festgenommen. Unter anderem durch mein Zutun.“ Luna schnitt eine undeutbare Grimasse. „Von dem, was ich erfahren habe, war es nur wenige Wochen danach, dass Voldemort dich in den Kreis der Todesser aufgenommen hat und dir befohlen hat, Professor Dumbledore zu töten. Vielleicht als Wiedergutmachung für das Versagen deines Vaters? Egal… deine Familie war mit Voldemort verbunden, deine Tante war sein eifrigster Diener und du gerade einmal sechzehn Jahre alt. Wie solltest du da Nein sagen? Wenn sogar deine Mutter dich nicht geschützt hat? Vielleicht wolltest du es zu dem Zeitpunkt ja auch, hast es als Ehre empfunden? Aber konnte deine Einstellung wirklich eine andere sein, wo du dein Leben lang nichts anderes als diese Doktrin gehört hast? Und doch konntest du im entscheidenden Moment Dumbledore nicht töten. Und als ich bei euch gefangen war… du hattest Angst. Du wolltest niemanden foltern. Du hast immer nur dann etwas getan, wenn es dir jemand befohlen hat, meist Bellatrix, manchmal auch dein Vater. Einfach, weil du keine Wahl hattest. Wo du die Wahl hattest, hast du die dagegen entschieden… Weshalb also sollte ich dir nicht vergeben können? Abgesehen davon, heißt vergeben auch, dass ich aktiv entscheide nach vorne zu blicken. Jeden Tag aufs Neue. Vergessen heißt eigentlich nur verdrängen und das hat die unschöne Angewohnheit irgendwann wieder nach vorne zu drängen, meist, wenn man es am wenigsten gebrauchen kann.“

Das Gespräch hatte eine Saiten in Draco zum Klingen gebracht, wovon er bei manchen noch nicht einmal gewusst hatte, dass sie in ihm waren. Etwa die, mit der all seine Erinnerungen an seinen Vater verbunden waren. Die Tatsache, dass er in Azkaban war, machte es leicht, all das, was er ihm innerlich vorwarf, zu verdrängen. Aber ihm zu vergeben? Oder seine Mutter, die irgendwie immer distanziert gewesen war und ihn nicht davor bewahrt hatte, jenen Fehler zu begehen und den Kreisen der Todesser beizutreten? Konnte er sich vorstellen, wie er sich in der jeweiligen Situation verhalten hätte? Insbesondere, wenn er ihren jeweiligen Hintergrund, soweit er ihn kannte, mit berücksichtigte? Er wusste es nicht. Aber er erkannte, dass er irgendwann sich selbst vergeben hatte. Dass er seine Handlungen akzeptiert hatte. Vermutlich zu dem Zeitpunkt, da er sich nach einem geeigneten Quidditch-Club umgesehen hatte. Und irgendwie war diese Erkenntnis befreiend. War es da also so abwegig, dass Luna ihm vergab? Dass sie vielleicht gar nicht wollte, dass er sich von ihr fern hielt oder ihr ihren Freiraum gewährte? Vielleicht musste er es einfach nur versuchen.

Den Monat, den sie für Rapa Nui eingeplant hatten, verging für Draco danach wie im Flug. Er erkundete die Insel, war offener für die Forschungsarbeiten der anderen, half gelegentlich sogar, aber was für ihn vielleicht am wichtigsten war, war zu sehen, wie gut er sich mit Luna verstand. Nun, da er sie näher kannte, ein wenig von ihrem Hintergrund und ihren Beweggründen kannte, konnte er sehen, was für ein interessanter Mensch sie war. Und ja, er war gerne mit ihr zusammen.
Nikse bekamen sie zwar nicht zu sehen, aber dafür hatte Trap Glück. Denn auf der Suche nach diesen mythischen Tieren schlug Draco eines Tages vor, die Statuen magisch zu durchleuchten, um nach möglichen Hohlräumen zu suchen, die den Tieren als Behausung gedient haben mochten. Doch gleich bei der dritten Statue stießen sie auf ungewohnten Widerstand, der nur eines bedeuten konnte: Schutzzauber. Als sie dem Kobold davon berichteten und er die Zauber untersucht hatte, stand für ihn fest, dass hier etwas Wichtiges oder Wertvolles versteckt worden war. Wobei für Kobolde Wichtiges und Wertvolles fast das Gleiche war, denn Wichtiges ließ sich meist gewinnbringend verkaufen und war somit auch wertvoll. Das brachte ihn auf die Idee, auch die anderen Statuen zu untersuchen und auch wenn viele nichts weiter als einfache Steinskulpturen von beeindruckender Größe waren, fand er noch etwa zehn weitere Statuen, die von Schutzzaubern umgeben waren. Das reichte für ihn aus, um mit Gringotts in Santiago de Chile Kontakt aufzunehmen. Es überraschte Draco, dass die chilenischen Kobolde noch nicht die Statuen untersucht hatten, doch als er Sharptooth danach fragte, sagte dieser nur: „Denen ist es wichtiger, in der Atacama den Muggeln zuvorzukommen, was den Abbau von Bodenschätzen betrifft.“


November 2004

Wie schon auf dem Weg nach Rapa Nui, mussten sie auch wieder ein Muggelflugzeug nehmen, um von der Insel wegzukommen, lag sie doch außerhalb der vernünftigen Portschlüsselreichweite. Und wieder sorgten Verwirrungszauber dafür, dass ihnen niemand bezüglich des Aussehens von Winky und Trap Fragen stellte.
Von Tahiti aus ging es über die Cookinseln und Samoa per Portschlüssel weiter nach Wallis und Futuna, genauer Uvea.
Draco war sich immer noch nicht sicher, was schlimmer war: die fliegende Blechkiste oder mehrere Portschlüssel hintereinander nehmen zu müssen. Das tropische Klima tat noch sein übriges, war es doch so ganz anders als das Klima, das sie auf Rapa Nui gehabt hatten. Jedenfalls war er mehr als froh, als sie einmal mehr ihr Camp einrichteten.
Bei diesem Abschnitt der Expedition würde Luna eng mit Hilda zusammenarbeiten, suchten beide doch einen magischen Fisch namens Brakalle. Ähnlich wie die hier auch vorkommenden Albula-Grätenfische, wurden auch Brakallen im Wasser unsichtbar, doch anders als die Grätenfische, bei denen immerhin noch das Skelett sichtbar blieb, verfügten die magischen Fische auch über transparente Knochen. Zum Glück hielten sich alle diese Fische eher im seichten Wasser auf, so dass man sie zur Not noch erspüren konnte. Blieb nur zu hoffen, dass Brakallen nicht giftig waren, denn über die Toxizität war leider nichts bekannt. Wenigstens sorgte das tropische Klima dafür, dass das Meer warm genug war, um in Strandnähe durch das Wasser zu waten.
Ein Nachteil hatte das aktuelle Wetter jedoch. Um möglichst unentdeckt zu bleiben, hatten sie sich entschieden, die Insel erst mit dem Beginn der heißen und nassen Periode aufzusuchen, und so gab es keinen Tag ohne ergiebigen Regen, manchmal begleitet von unerwartet heftigen Sturmböen. Natürlich widerstanden ihre Zelte problemlos dem Wetter, aber so ziemlich jedes Mal, wenn sie die schützenden Zelte verließen, liefen sie Gefahr, bis auf die Knochen durchnässt zu werden, ob sie nun im Meer nach den Fischen suchten oder nicht. Dies traf besonders Draco hart, denn bei diesem Wetter war es wenig ratsam, mit dem Besen die Insel zu erkunden. Nasse Borsten flogen nun mal nicht so gut und bei der auch sonst herrschenden Luftfeuchtigkeit brauchten sie zudem ewig, wieder zu trocknen. So blieb er überwiegend im Camp, um seinen Besen einsatzfähig zu haben, wenn er wirklich gebraucht wurde. Das brachte für ihn natürlich eine nicht unwesentliche Langeweile mit sich und so erklärte er sich sogar freiwillig bereit, für Hilda all die Zaubertrankzutaten, die sie auf den vergangenen Stopps gesammelt hatte, nach ihren Spezifikationen zuzubereiten. Es war zwar auch nicht gerade eine stimulierende Tätigkeit, aber besser als nur die Zeltwände anzustarren. Zumal tatsächlich sowohl Rolf als auch Hilda, mit seinem Einverständnis, einige ihrer Funde bei ihm im Zelt eingelagert hatten.
Mehr noch ärgerte ihn, dass Rolf hingegen frei war, sich Hilda und Luna bei ihren Planschereien anzuschließen. Er wusste es auch nicht recht zu deuten, aber seit er und Luna sich aus Rapa Nui ausgesprochen hatten, empfand er so etwas wie Eifersucht, wenn er Luna und Rolf scherzen und lachen sah. Dabei war es doch nur natürlich, dass sie sich so gut verstanden. Schließlich hatten sie die Expedition organisiert und beide interessierten sich für magische Wesen, auch wenn Rolf sie noch nicht sehen konnte. Und dennoch ertappte Draco sich mehr als einmal, dass er sich wünschte, es wäre er, der mit Luna so vertraut lachte. Als er jedoch zu ergründen versuchte, weshalb er so empfand, konnte er keine vernünftige Erklärung finden. Zumal es ja nicht so war, dass Luna mit ihm überhaupt nicht scherzte oder so.
„Draco!“, drang es da auf einmal mit einem Anflug von Panik von draußen in sein Zelt.
Er erkannte sofort Lunas Stimme und stürzte ins Freie. Dort sah er die Hexe zusammengesunken neben Hilda und Rolf knien. „Was ist passiert?“, fragte er und hatte schon den Zauberstab gezückt, um die beiden anderen, die offenbar verletzt waren, in Hildas Zelt zu levitieren, das auch als behelfsmäßige Krankenstation diente.
„Wir haben Brakallen gefunden… und ich fürchte, sie sind giftig. Hilda ist im wahrsten Sinne des Wortes über sie gestolpert. Plötzlich lag sie mit dem Gesicht nach unten im Wasser und zuckte am ganzen Körper. Rolf ist sofort zu ihr geeilt und hat sie aus dem Wasser gezogen. Dabei ist er aber auch mit ein paar der Fische in Berührung gekommen. Kaum war er zurück am Strand, ist er zusammengebrochen. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, also habe ich uns hierher appariert“, berichtete Luna, noch immer von Furcht erfüllt.
Draco nickte. „Du hast das Richtige getan. Bei Vergiftungen zählt jede Sekunde.“ Er begann in Hildas Tränkeschrank zu wühlen. Er hoffte, dass sie, wie jeder gute Tränkemeister, auch eine Schachtel Bezoare in ihrem Schrank aufbewahrte. Noch hatte er keine Ahnung, was das für ein Gift war, hoffte aber, dass die allgemeinen Eigenschaften des Bezoars zumindest die Vergiftung solange aufhalten würde, bis er das passende Gegengift zur Hand hatte. Er hoffte nur, dass er nicht erst noch eines erfinden musste, denn das würde bei weitem seine Fähigkeiten übersteigen.
Endlich fand er die Schachtel mit den Bezoaren. Er reichte Luna wortlos einen und steckte einen anderen in Hildas Mund. Erleichtert stellte er fest, dass das Zittern in ihrem Körper weniger wurde, obgleich es nicht ganz aufhörte.
Inzwischen hatte sich Winky zu ihnen gesellt. „Winky, könntest du bitte Hilda auskleiden? Ich muss sehen, ob die Fische irgendwelche äußeren Verletzungen verursacht haben“, bat Draco die Hauselfe. Er wusste aus eigener, betrunkener Erfahrung, dass Hauselfen in der Lage waren, einen mit einem Fingerschnippen auszuziehen und mit einem weiteren Fingerschnippen in einen Schlafanzug zu stecken.
Der Anblick, der sich Draco bot, erfüllte ihn nicht gerade mit Zuversicht. Überall auf dem Körper waren Bläschen ähnlich, wie er sie von Verbrennungen zweiten und dritten Grades kannte, zu sehen. Er vermutete, dass Rolfs Haut ähnlich aussah, letztlich aber gaben ihm diese Verbrennungserscheinungen tatsächlich einen Anhaltspunkt, welche Art Gegengift er einsetzen konnte. Dennoch musste er zuvor sichergehen.
„Luna, du musst noch mal an den Strand zurück. Wir brauchen eine Brakalle. Einfach in ein großes Glas packen, aber nicht anfassen. Winky, ich brauche ein Stück Fleisch, aber nichts Gepökeltes oder so. Am besten ein Kotelett.“
„Ich gehe mit Luna“, ließ sich da Trap vom Zelteingang her vernehmen. „Wenn diese Fische tatsächlich so gefährlich sind, sollte sie nicht alleine gehen.“
Sowohl Draco als auch Luna nickten dankbar.
Während die anderen das holten, worum Draco sie gebeten hatte, machte dieser sich daran aus Hildas Tränkeschrank das Gegengift für Feuerquallen und eine Heilpaste mit Ashwinderzutaten herauszusuchen. Er hoffte, dass eine Kombination aus beidem als Gegengift wirkte, wollte dies aber zuerst an dem Kotelett überprüfen.
Wenig überraschend war Winky mit dem Fleisch als erste zurück, doch auch Luna und Trap hatten sich offenkundig beeilt. Ohne noch mehr Zeit zu verlieren, ließ Draco das Kotelett in das Glas mit dem Fisch fallen. Und tatsächlich stürzte sich der irritierte Fisch auf diesen merkwürdigen Eindringling, der alsbald Verbrennungserscheinungen aufwies. Sobald diese sichtbar waren, zog Draco Drachenhauthandschuhe über und auf Lunas stumme Geste, mit der sie ihm Rolfs Paar Handschuhe entgegenhielt, auch noch das zweite Paar Handschuhe. Dann sagte er: „Accio Kotelett!“
Jetzt würden sie ja sehen… Zuerst beträufelte er das verbrannte Fleisch mit dem Quallengegengift. Die Wunde brodelte und zischte, was eindeutig auf eine Reaktion mit dem Gift hindeutete, aber Draco war sich nicht sicher, ob das Gegengift tief genug in das Gewebe eindrang, um wirklich die Vergiftung gänzlich zu bekämpfen. Also träufelte er noch ein paar weitere Tropfen des Gegengiftes auf das Fleisch und bedeckte es dann anschließend mit einer dicken Schicht der wachsartigen Paste. Dieses Mal hörten sie nur ein leises Zischen, aber es brodelten keine Bläschen mehr an der Oberfläche.
Nach etwa einer Minute, die ihm wie Stunden vorkam und während der er sich ständig fragte, ob er überhaupt diese Zeit hatte, und ob sein Warten eine Rettung von Hilda und Rolf nicht am Ende verhinderte, griff er nach einem sauberen Tuch und wischte die Paste weg. Die Verbrennung war deutlich zurückgegangen, war an den Rändern sogar nur noch blassrosa, aber in der Mitte war ein kleiner Krater zu sehen, der tief in das Kotelett hineinreichte. Draco vermutete, dass dies darauf hindeutete, dass das Gegengift tatsächlich so tief wie das Gift eingedrungen war. Er schluckte. Für die Stellen, wo das Gift in den Körper von Hilda und Rolf eingedrungen war, würde diese Behandlung zwar funktionieren, aber im Gegensatz zu dem Kotelett waren die Hexe und der Zauberer lebende Wesen, weshalb bei ihnen Nerven und Blutbahnen noch in der Lage waren, Giftstoffe weiter zu transportieren. Und er wusste nicht, welche Schäden die Reaktion von Gift und Gegengift auf Nerven oder Adern hatte. Was, wenn er ihnen damit die Adern regelrecht wegätzte?
„Draco?“, sagte da Luna an seiner Seite und legte ihm die Hand auf den Arm. „Wir müssen es versuchen. Sieh dir Hilda an. Die Wirkung des Bezoars lässt nach.“
Draco schluckte, aber er wusste, dass Luna Recht hatte. Während des Experiments hatte zunächst fast unmerklich, nun aber unübersehbar, das Zittern im Körper der Hexe wieder zugenommen. „Lassen wir den Bezoar aber trotzdem in ihrem Mund. Vielleicht hilft er ja, die Nebenwirkungen zu reduzieren.“
Luna nickte. Dann nahm sie wortlos den Tiegel mit der Ashwinder-Paste. Zügig begannen sie die Verbrennungen zu behandeln. Draco träufelte jeweils ein bisschen des Quallengegengifts auf die Wunde und Luna versiegelte sie anschließend mit der Heilpaste.
„Wir sollten die Heilpaste dieses Mal ein wenig länger drauf lassen“, sagte Draco schließlich. „Sie könnte helfen, die Wunde auch zu verschließen.“
Es waren qualvolle Minuten, in denen sie jeden Moment damit rechneten, dass die Schmerzen der Gift-Gegengift-Reaktion die Ohnmacht, in der sich Hilda befand, überkam und sie sich laut aufschreiend aufbäumte. Doch nichts dergleichen geschah. Nur langsam erlaubten sie sich zu hoffen, dass ihre Behandlung von Erfolg gekrönt war. Tatsächlich begann das Zittern langsam nachzulassen. Aber selbst als Hilda still dalag, wollte die Anspannung nicht von ihnen weichen. Was, wenn sie sie statt sie zu heilen nun endgültig umgebracht hatten? Trap, der ahnte, was in den beiden Menschen vor sich ging, nahm einen kleinen Handspiegel von Hildas Nachtschrank und hielt ihn in die Nähe ihres Mundes. Ein feiner Nebel kondensierte auf dem Glas.
„Ich verstehe zwar nichts von Heilkunst, aber ich weiß, wie man bei Grabungen feststellen kann, ob jemand lebt, ohne ihn zu berühren oder Magie einsetzen zu müssen“, erklärte er nur knapp.
Luna und Draco nickten, erleichtert, dass Hilda noch am Leben war. „Dann also jetzt Rolf.“

Sie waren überein gekommen, in Schichten über die beiden Verunfallten zu wachen. Zwar hatte Winky angeboten, alle Wachen zu übernehmen, aber keiner der anderen wollte, dass die kleine Elfe sich verausgabte. Zwar verfügten Hauselfen über enorme Kräfte und ein unvergleichliches Durchhaltevermögen, aber auch sie hatten ihre Grenzen. Allerdings hatten sie zugestimmt, als Winky anbot, einen Teil von Hildas Forschungsarbeiten in Rolfs Zelt zu bringen, um Platz für ein weiteres Feldbett zu schaffen, hatten sie Rolf doch bislang auf dem Boden liegend behandelt.
Draco hatte es sich gerade leidlich an Hildas Schreibtisch bequem gemacht, als Luna mit einem Tablett hereinkam. „Ich dachte, du könntest vielleicht etwas zu Essen gebrauchen“, sagte sie und stellte eine Portion Gemüseauflauf vor ihm ab.
Draco zog ein wenig erstaunt die Brauen hoch.
Luna lächelte. „Sie war wohl der Ansicht, dass niemandem heute der Sinn nach Kotelett oder Steak steht.“
Draco nickte nur. Gemüseauflauf war zwar nichts, was er sonst gerne aß, aber die Hauselfe hatte natürlich Recht.
„Sie werden schon wieder aufwachen“, sagte Luna und legte ihm zuversichtlich die Hand auf den Arm.
Draco sah sie kurz an und nickte, dankbar für das Vertrauen, das sie in ihn und seine Idee hatte. Er wünschte… er wünschte, er könnte sie an sich ziehen, sich an sie lehnen und aus ihrer Nähe Kraft schöpfen. Er wünschte…
In diesem Moment regte sich etwas auf einem der Feldbetten. „Rolf!“, stieß Luna aus und stürzte zu ihrem Expeditionspartner.
Tatsächlich schien der Botaniker sich langsam aus seiner Bewusstlosigkeit zu kämpfen, hatte er doch zumindest schon die Augen aufgeschlagen, auch wenn die Gliedmaßen, die er zu bewegen versuchte, noch nicht ganz seinen Befehlen gehorchten.
„Ich bin so froh!“, sagte Luna. „So froh…“
Auch Draco war unendlich froh. Rolf war wach und schien auch soweit bei Sinnen zu sein, wenngleich noch schwach. In seinem Blick lag keinerlei Panik, also konnte Draco zu seiner Erleichterung eine Paralyse ausschließen.
„Ich sage Winky und Trap Bescheid und dann komme ich mit etwas Brühe zurück“, erklärte Luna und eilte aus dem Zelt.
Derweil hatte Draco einen Becher mit Wasser gefüllt und trat nun zu Rolf an das Bett. „Hier, du solltest viel trinken, um mögliche Giftreste aus dem Körper zu spülen“, sagte er und half dann dem Zauberer mit dem Wasser.
„H…“, krächzte Rolf kaum merklich.
„Lebt. Und du gibst uns Hoffnung, dass sie auch wieder zu sich kommt“, sagte Draco knapp. „Aber du musst dich vorerst schonen. Ich fürchte, dein Körper und deine Magie müssen noch viel Arbeit leisten, bis du wieder ganz der Alte bist. Oder zumindest bis Hilda soweit bei Sinnen ist, dass sie mir sagen kann, mit welchen Tränken ich eure Heilung fördern kann.“
Tatsächlich strengte es Rolf schon sehr an, auch nur die Hälfte der Brühe zu essen, die Luna ihm brachte. Erschöpft sank er auf sein Kissen zurück.
„Vielleicht solltest du dich auch ausruhen gehen, Luna“, sagte Draco leise. „Trap wird mich in einer Stunde ablösen und danach ist deine Schicht…“
Luna warf noch einen Blick auf Rolf, nickte dann aber. „Du hast Recht. Bis morgen.“
Stille breitete sich wieder in dem Zelt aus.
Dann hörte Draco leise von Rolfs Bett: „Wann sagst du ihr endlich, dass du sie liebst?“
Verdutzt wandte sich Draco zu dem anderen um. „Wie? Was? Nein, nein, das verstehst du ganz falsch…“
Rolf sah ihn nur an. „Du liebst sie, das sieht doch ein Blinder mit Krückstock“, sagte er matt. „Und ich bin weder blind, noch brauche ich einen Krückstock. Jedenfalls normalerweise nicht.“
„Du solltest nicht so viel sprechen“, ermahnte Draco ihn, „sondern dich ausruhen.“
Doch Rolf schüttelte den Kopf. „Das ist vielleicht die einzige Gelegenheit, die wir haben, in Ruhe über Luna zu reden.“
Aber Draco wollte nicht über Luna reden. Schon gar nicht mit Rolf. Er sollte in Luna verliebt sein? Das ging nicht. Er… eine Beziehung mit ihr hätte ja doch keine Chance. „Und was ist mit dir? Wenn man euch beide zusammen sieht, wirkt ihr wie ein altes Ehepaar…“, sagte er, doch er konnte nicht ganz verhindern, dass sich ein klein wenig Bitterkeit in seine Stimme schlich.
Rolf schnitt eine Grimasse. „Ja, vielleicht. Aber so toll Luna auch ist, es wäre ihr gegenüber nicht fair.“
Draco sah ihn mit hochgezogenen Brauen an. Vergessen der Rat, dass Rolf sich schonen und nicht so viel reden sollte.
„Es ist nichts, womit ich hausieren gehe, aber Luna hat einfach das falsche Geschlecht, um für mich auf die Art von Interesse zu sein“, sagte dieser schließlich.
Draco verstand augenblicklich. Homosexualität war zwar in den meisten Zaubergesellschaften der Welt nichts, was zu offener Ausgrenzung führte, aber es war auch nicht gerade etwas, über das man so ohne weiteres sprach. Es wurde eher ignoriert. „Aber… das Familienerbe…“ Draco fand es nobel, dass Rolf unter diesen Umständen Luna nicht mit einer Beziehung oder gar Ehe mit ihm belasten wollte, aber er wusste auch, dass viele Zauberer mit seiner Neigung eben aus familienpolitischen Gründen dennoch eine Ehe eingingen. Und wenn man dann schon eine derartige Vernunftehe einging, wieso dann nicht mit jemandem, den man als Freund betrachtete? Draco war sich fast sicher, dass wenn Rolf mit Luna offen über alles redete, sie ihn überraschen und ihm von sich aus die Ehe anbieten würde. Schließlich würde ihr das die Möglichkeit eröffnen, in einer Welt zu leben, in der sie und ihre Wesen voll anerkannt wären, mit einem Partner, der sie, wenn auch nicht liebte, so doch voll und ganz unterstützte. Das war mehr, als etwa seine Eltern voneinander behaupten konnten.
„Wird wohl auf eine andere Linie übergehen“, sagte Rolf, obgleich sich Wehmut in seine Stimme schlich. „Aber ich sehe mich einfach nicht in der Lage, auf diese Art Kinder zu haben. Du aber…“
Draco seufzte. „Selbst wenn ich in Luna verliebt wäre…“
„Was du bist“, wandte Rolf ein.
„Unsere Beziehung hätte keine Zukunft. Selbst wenn ich wie du bereit wäre, auf das Familienerbe zu verzichten, worauf es hinauslaufen würde, wäre meine Familie nicht bereit, mich darauf verzichten zu lassen“, sagte er schließlich. „Ich bin der letzte meiner Linie, da wird die Familie eher eine unliebsame Ehefrau aus dem Weg räumen, als mich auf mein Erbe verzichten zu lassen.“
„Aber was könnten sie gegen Luna als deine Frau haben? Selbst wenn deine Familie nach wie vor an diesem Reinblüterunsinn festhält, so sollte das doch kein Problem sein, schließlich ist Luna reinblütig“, wandte Rolf ein.
Draco schüttelte den Kopf. „Dieser Reinblüterunsinn, wie du es nennst, hat nicht bloß damit zu tun, ob deine Vorfahren magisch waren oder nicht. Es ist mehr eine kulturelle Sache. Vermutlich wäre es für meine Familie eher zu akzeptieren, wenn ich eine Halbblüterhexe heiratete, die die richtige Erziehung genossen hat und von zu Hause die richtigen Werte mitbekommen hat. Jemand, der unsere Kultur kennt, die Traditionen respektiert und an die nächste Generation weitergibt… Im Grunde mit jedem Zentimeter ihrer selbst diese Traditionen verkörpert. Luna mag zwar von einer langen Linie Hexen und Zauberer abstammen, aber du wirst zugeben, dass sie in einem eher unkonventionellen Elternhaus aufgewachsen ist. Und gerade die Dinge, die sie zu Luna machen und die sowohl du als auch ich an ihr schätzen, würde meine Familie nie akzeptieren.“
„Keine leichte Sache“, sagte Rolf und Draco nickte.

Es dauerte noch weitere vierundzwanzig Stunden, ehe auch Hilda wieder das Bewusstsein zurückerlangte. Als sie von Dracos Behandlungsmethode und seiner Vorgehensweise erfuhr, zeigte sie sich sehr beeindruckt.
„Das war eine gute Intuition. Sowohl was die Beobachtung betraf, dass die Quaddeln Quallenverbrennungen ähnelten, als auch die Idee, die Methode erst an einem anderen Stück Fleisch zu testen.“
„Dennoch war es ein ziemliches Risiko, die Methode bei euch anzuwenden, ohne zu wissen, wie sich die Kombination auf Nerven oder Blutbahnen auswirkte“, erwiderte Draco.
„Es gibt immer ein Risiko. Selbst bei bekannten und bewährten Methoden. Was, wenn du jemandem einen simplen Aufpäppeltrank gegen Erkältung verabreichst und die Person hat eine bislang nicht bekannte Allergie gegen eine der Zutaten? Oder es sich nicht um eine Erkältung handelt sondern um einen unbekannten Fluch und der Aufpäppeltrank die Symptome verzehnfacht? Bei uns kam noch hinzu, dass du keine Zeit für weitere Vorabuntersuchungen hattest“, erklärte Hilda entschieden. „Hättest du es nicht versucht, wären wir in jedem Fall gestorben. Und es ist eben die Hoffnung, den Patienten trotz aller Risiken helfen zu können, die Heiler antreibt.“
„Ich bin kein Heiler. Bestenfalls ein Ersthelfer mit viel Glück in diesem Fall.“
Hilda grinste ihn schief an. „Vielleicht bist du im Moment nur ein Ersthelfer. Aber wer sagt, dass du nicht eines Tages ein Heiler bist? Denk einfach darüber nach. Auf jeden Fall scheinst du durchaus ein Talent dafür zu haben. Wenn du willst, kannst du mir dabei helfen, für diese dämlichen Fische ein vernünftiges Gegengift zu entwickeln. Auch möchte ich untersuchen, ob sich deren Gift vielleicht für andere Tränke verwenden lässt.“
„Gibt es denn nicht bereits ein Gegengift für sie und wir hatten es nur nicht hier?“, fragte Draco erstaunt. „Wäre es nicht ziemlich gefährlich, wenn es hier giftige Fische gibt, die man noch nicht einmal sieht und niemand hat ein Gegenmittel für sie?“ Er war bislang davon ausgegangen, dass es bereits ein Gegengift gab, er nur nicht gewusst hatte, woher er es beziehen sollte, weshalb er zum Improvisieren gezwungen gewesen war.
Hilda schüttelte den Kopf. „Vor der Expedition habe ich mich eingehend erkundigt und auch verschiedene Muggelquellen zu Rate gezogen. Es gibt hier auf der Insel gewöhnlich keine Hexen und Zauberer. Zugleich gibt es aber keine Muggelberichte über unerklärliche, tödlich verlaufende Quallenunfälle. Daraus schließe ich, dass das Toxin in den Brakallen erst in Gegenwart von Magie aktiv wird.“
„Aber das Kotelett war doch nicht magisch“, wandte Draco ein.
„Das nicht, aber das ganze Camp ist quasi von Magie durchtränkt. Die Zelte, die Personen, die das Kotelett berührt haben, Luna wird vermutlich den Fisch mittels Magie aus dem Wasser in das Glas transferiert haben… Das dürfte als Magie gereicht haben, um das Toxin des Fisches zu wecken“, erklärte Hilda.
„Interessante Theorie.“
Und so verbrachte Draco einen nicht unwesentlichen Teil des Monats, den sie sich auf Wallis aufhielten, damit Hilda bei ihrer Forschung zu helfen und tatsächlich auch über ihren Vorschlag nachzudenken, Heiler zu werden.


Dezember 2004

Die letzte Station ihrer Expeditionsreise führte sie auf die Weihnachtsinsel nordwestlich von Australien. Klimatisch war die Insel mit Wallis zu vergleichen, von der Größe her reichte sie eher an Rapa Nui heran. Das Beste aber war, es gab eine kleine magische Gemeinde, und Hilda bestand darauf, dass sowohl sie als auch Rolf sich vom örtlichen Heiler untersuchen ließen. Gleichzeitig wollte sie die Gelegenheit nutzen, Kontakt zur Zaubertrankgilde aufzunehmen und ihr Gegengift registrieren zu lassen. Es war zwar nicht das, was sie als Thema für ihre Meisterarbeit im Sinn gehabt hatte, aber das war kein Grund, den Trank nicht dennoch einzureichen.
Der Heiler, ein freundlicher Zauberer mit chinesischen Wurzeln, bestätigte ihnen, dass sie vollkommen genesen zu sein schienen. Dennoch schlug er vor, dass sie dieses Mal ihr Lager in der Nähe des kleinen magischen Dorfes aufschlugen, damit er sie noch ein wenig beobachten konnte. „Ich rechne zwar nicht mit irgendwelchen Spätfolgen, schließlich liegt die Vergiftung bereits ein paar Wochen zurück, aber sicher ist sicher.“
Tatsächlich hatten sie nur ein paar Tage später noch einmal einen Schreckmoment, als Rolf beim Abendessen nach Luft zu schnappen begann und sich ein grüner Ausschlag auf seiner Haut ausbreitete. Doch es handelte sich hier nicht um eine Reaktion zwischen Restspuren des Giftes, sondern lediglich um eine Krabbenallergie, die sich glücklicherweise aber nur auf die rote Krabbe bezog, die auf der Insel endemisch war. „Für dich also nur Kokoskrabben“, sagte der Koch des kleinen Restaurants, in dem sie gegessen hatten, und lächelte Rolf aufmunternd an.
„Und am besten auf einem separaten Grill oder in einer eigenen Pfanne zubereitet“, gemahnte der Heiler zur Vorsicht.
Nach diesem Vorfall waren alle Expeditionsteilnehmer froh, dass sie dem Vorschlag gefolgt waren und in der Nähe der Siedlung campierten. Außerdem waren sie nach drei Monaten, die sie fast in vollkommener Abgeschiedenheit verbracht hatten, durchaus froh, einmal wieder unter Menschen zu kommen. Noch dazu, wo der Kalender sie daran erinnerte, dass dieser Monat Weihnachten mit sich brachte, und alle gestanden sie sich ein, dass sie neugierig war, wie die Leute wohl auf einer Insel mit einem so passenden Namen dieses Fest begingen.
Auch Lunas Forschungsobjekt für diesen Abschnitt ihrer Reise passte da wunderbar dazu. „Zusta-Drachen“, erklärte sie Draco, „sind kleine, schmetterlingsgroße Drachen, die rot-weiß gestreift sind und sich in dem Blätterhimmel der hiesigen Wälder als Orchideen tarnen. Ich habe einmal einen solchen Drachen in den Kew Gardens in London gesehen. Der Ärmste war ganz unglücklich. Aber vielleicht gelingt es mir ja, einen der hiesigen Drachen zu überreden, mit uns nach London zurück zu kommen, dann wäre dieser erste Drache nicht so alleine.“
Zu ihrer aller Überraschung schloss sich ihr Rolf bei ihren Streifzügen durch den Dschungel nicht an, obgleich die Inselflora gewisse das ein oder andere magische Kraut für ihn parat gehabt hätte. Stattdessen fanden sie ihn häufig in der Siedlung, wo man ihn oft in Gesellschaft des jungen Koches sah. Auch Hilda hielt sich überwiegend in der Siedlung auf, aber sie nutzte die Gelegenheit mehr dazu, bei dem Heiler etwas über Zaubertränke und Heilkräuter der Region zu lernen. Zumal sie für ihre Forschungsarbeit über den Unsichtbarkeitstrank schon mehr als genug Material zusammen hatte.
So war es oft praktikabler, dass Draco Luna bei ihren Ausflügen in die Wälder direkt begleitete. Nicht, dass er etwas dagegen gehabt hätte.
Tatsächlich wurde er ein wenig wehmütig, wenn er daran dachte, dass dies die letzte Station der Expedition war und sie danach nach England zurückkehren würden. Er hatte so viel in den letzten Monaten gelernt. Über Tiere und Pflanzen, über die anderen, aber auch über sich. Vielleicht vor allem über sich. Und er wusste, dass er die anderen vermissen würde. Sogar Trap. Vor allem aber wohl Luna. Und doch schien es unvermeidbar, dass sie getrennte Wege gingen. Es blieb ihm also kaum etwas anderes als einfach das Beste aus der ihm verbleibenden Zeit zu machen. Bei diesem Gedanken schnaubte er widerwillig.
„Was ist?“, fragte Luna, die neben ihm durch den tropischen Forst ging.
„Nichts weiter. Außer, dass ich mich in Gedanken wie ein Todkranker anhöre“, gab Draco zu.
„Ach ja, und welche Krankheit bringt dich um?“, wollte sie mit einem neckenden Lächeln wissen.
„Familienerwartungen“, erwiderte er knapp.
„Ist das der Grund, weshalb du dich uns angeschlossen hast?“
Ihm ging auf, dass er eigentlich von jedem aus der Gruppe wusste, weshalb sie auf dieser Reise waren, dass er aber seine eigenen Beweggründe nie jemandem verraten hatte. Auch Rolf gegenüber hatte er nur Neugier erwähnt, die zwar vordergründig mit ein Grund, aber eben nicht die treibende Kraft hinter der Entscheidung gewesen war. Doch er erkannte, dass Luna die Wahrheit verdient hatte. Und so erzählte er ihr davon, wie seine Mutter ihn regelrecht aus Dubai zurückzitiert hatte, von seinem Gefühl gejagt und zugleich von den falschen Hexen in die Ecke gedrängt worden zu sein, seinem Wunsch auszubrechen. „Abgesehen davon also, dass meine Mutter mich ihren Unmut wird spüren lassen, wird es zu Hause genauso weitergehen, wie zuvor, nur vermutlich noch um ein Vielfaches intensiviert. Einfach, weil sie mich verheiratet werden sehen wollen, ehe ich mich wieder auf Abenteuerfahrt begeben kann.“
Luna sah ihn verstehend an. „Es tut mir leid“, sagte sie, dann reckte sie sich und küsste ihn kurz auf den Mund. „Es tut mir leid, dass ich nicht die Braut sein kann, die deine Familie von dir erwartet.“
Draco zog sie an sich und sah ihr tief in die Augen. „Es tut mir auch leid.“ Und er küsste sie innig.


Juli 2005

Ein Jahr. Ein Jahr hatte ihm seine Mutter zugestanden selbst eine geeignete Braut zu finden, ehe sie eine Ehe für ihn arrangieren würde.
Die Aussprache zwischen ihnen beiden war erstaunlich friedlich gewesen. Offenbar hatte seine lange Abwesenheit ihr die Gelegenheit gegeben, ihren Ärger zu überwinden und zu erkennen, dass sie das Ganze vielleicht falsch angepackt hatte. Schließlich hatte Draco sich ja nicht als völlig uneinsichtig gegenüber seinen Familienpflichten gezeigt.
Draco wusste, dass das Angebot ihm ein Jahr zu lassen, selbst eine geeignete Braut zu finden, ohne dabei wie ein gehetztes Wild von Dinnerparty zu Dinnerparty zu eilen, mehr als fair war, auch wenn er eigentlich keine andere Braut als Luna wollte. Er vermisste sie bereits jetzt. Dennoch hatte er zugestimmt. Vielleicht auch, weil er hoffte, dass ihm in diesem einen Jahr irgendein Ausweg einfiel, wodurch Luna für seine Familie akzeptabel wurde. Die Hoffnung starb bekanntlich zuletzt.
Erstaunlicherweise hatte sich seine Mutter seinem Vorschlag, eine Ausbildung zum Heiler zu beginnen, sehr aufgeschlossen gezeigt. „Heiler sind von Natur aus neutral. Wenn du schon einer Profession nachgehen musst, ist dies ein durchaus kluger Schachzug. Ich denke, es muss noch wenigstens ein Dutzend Jahre vergehen, ehe wir überhaupt daran denken können, wieder auf dem politischen Parkett Fuß fassen zu wollen. Und als Heiler lernt man alle möglichen Menschen kennen. Menschen, die einem später durchaus von Nutzen sein können.“
Es war eine Antwort, die durch und durch die Werte eines Slytherins wiederspiegelte. Eigentlich hätte eine solche Antwort Draco nicht weiter überraschen dürfen, aber er fand es doch schade, dass seine Mutter sich so gar nicht dafür interessierte, dass er für diese Tätigkeit sogar ein gewisses Talent mitbrachte.
Die ihn interviewenden Heiler am St. Mungos hingegen waren umso beeindruckter von seinen bisherigen Erfahrungen und Kenntnissen. Es half auch, dass Hilda St John ihm ein Empfehlungsschreiben ausgestellt und seinen Bericht über die Brakallenvergiftung sowie die darauf folgende Behandlung bestätigt hatte. Am Ende hatten sie sich sogar bereit erklärt, dass er eine beschleunigte Ausbildung durchlaufen durfte, bei der sein aktuelles Wissen Berücksichtigung fand. Und so fand er sich, nach nur einem halben Jahr der theoretischen Grundausbildung, bereits im praktischen Teil der Ausbildung wieder, genauer in der Notaufnahme.
„Nirgendwo lernt man mehr als in der Notaufnahme“, hatte ihm die leitende Heilerin gesagt. „Die Spezialabteilungen sind alle schön und gut, aber zur ersten Einschätzung, zur ersten Stabilisierung, zur ersten Bekämpfung der dringendsten Symptome, gibt es keinen besseren Ort als die Notaufnahme.“
Es war auch durchaus eine interessante Arbeit. Denn hier landeten so ziemlich alle Fälle, die es zwar noch schafften, in das Krankenhaus zu flohen, aber zu schwer verletzt waren, um sich von alleine in die richtigen Spezialabteilungen zu begeben. Hinzu kamen all die Fälle, die sich nicht eindeutig einer einzelnen Abteilung zuordnen ließen. Leider gehörten dazu auch Dutzende von Duellierunfällen oder Unfällen mit Kindern, die die unbeaufsichtigten Zauberstäbe ihrer Eltern in die Finger bekommen hatten, und neben Gehirnerschütterung oder Knochenbrüchen auch Feuer spuckten oder Kakteenohren hatten.
Es war ein angenehmer Sommertag, als plötzlich der Boden in der Empfangshalle vor den Kaminen der Notaufnahme rot zu leuchten begann. Gleichzeitig tönte eine magisch verstärkte Stimme durch die Gänge. „Alle Heiler auf ihre Stationen! Für eintreffende Verwundete bereit halten! Explosion in der Muggel-U-Bahn! Explosion in der Muggel-U-Bahn!“
Und schon eilten die ersten Heiler aus der Notaufnahme zu dem rot leuchtenden Bereich, um gleich darauf zu verschwinden.
„Gruppenportschlüssel“, erklärte die leitende Heilerin, die mit den Auszubildenden zurückgeblieben war. „Das Ministerium wird an der Unfallstelle eine entsprechende Fläche markiert und abgeschirmt haben. Wo wir helfen können, ohne unsere Magie preiszugeben, haben wir die Pflicht zu helfen. Außerdem ist nicht auszuschließen, dass in der U-Bahn auch Hexen und Zauberer waren. Insbesondere Muggelgeborene, die im Muggelteil der Stadt wohnen, nutzen gerne dieses Transportmittel. Sind unter den Verletzten also auch Hexen und Zauberer, werden sie hierher transportiert und wir sind für ihre Behandlung zuständig.“
Tatsächlich vergingen höchstens fünf Minuten, ehe die ersten Heiler mit Verletzten zurückkehrten. Die leitende Heilerin rief Befehle und die Verletzten wurden in Betten levitiert und in Behandlungsräume transferiert. Die begleitenden Heiler gaben einen kurzen Bericht über genauen Ort des Unfalls und erste Befunde ab, ehe sie wieder zur Unfallstelle zurückkehrten.
Draco führte an diesem Tag mehr Stabilisierungszauber aus als sich je hätte träumen lassen. Ihr Bestand an blutbildenden Tränken neigte sich rapide dem Ende zu und er konnte nur hoffen, dass dem Labor nicht die Zutaten hierfür ausgingen. Es überraschte ihn, wie viele Hexen und Zauberer in den U-Bahnen gewesen waren. Er selbst hätte gedacht, die meisten würden Flohnetzwerk und Apparieren vorziehen, doch sie zählten bereits vier Dutzend magische Verletzte.
Vor einem der Zimmer meinte er eine alte Schulkameradin zu erkennen. „Daphne?“, fragte er überrascht.
„Draco?“ Auch in ihren Zügen las er deutlich die Überraschung. Dann fiel ihr Blick auf seinen Umhang, der ihn als Heiler in Ausbildung kennzeichnete. „Du bist Heiler hier?“
Er nickte. „In Ausbildung, aber ja…“
„Bitte, kannst du mir dann sagen, wie es Astoria geht?“ Als sie sein Unverständnis sah, sagte sie: „Meine Schwester. Sie war in der Piccadilly-Line… Sie wollte sich mit einer muggelgeborenen Freundin zum Shoppen treffen. Zum Glück konnten die Heiler in den Tunnel apparieren… Aber nun will mir niemand etwas sagen…“
„Ist sie in dem Zimmer hier?“, fragte Draco und wies auf die Tür vor der Daphne stand.
Seine ehemalige Klassenkameradin nickte.
Draco sah sich die magische Signatur des Türschildes an und erkannte, dass bereits ein Heiler nach den Patienten in diesem Raum gesehen hatte. „Ihr geht es vermutlich schon wieder besser. Der Heiler wurde aber vermutlich dringend woanders gebraucht und wollte später zu dir zurückkommen.“
„Bitte, könntest du nachsehen?“ Ihr flehentlicher Ton ließ Draco den Gang entlang in Richtung des Empfangsbereichs blicken. Für den Moment schien dort alles ruhig zu sein. Kein neuer Verletzter wartete dort auf dringende Erstbehandlung.
Er nickte. „Aber nur für einen kurzen Moment“, sagte er.
Er hatte keine Probleme, den Behandlungsbericht von Astoria Greengrass in dem Zimmer zu finden. In Notfallsituationen wie dieser wurden sie mit einem speziellen Zauber über dem Bett des Patienten angebracht und zusätzlich mit der magischen Signatur des Patienten verknüpft, um Verwechselungen auszuschließen. Was er in dem Bericht las, war alles andere als Trostspendend. Zwar war Astoria nicht in Lebensgefahr, aber offenbar war sie der Explosion unangenehm nahe gewesen. Mehrere inneren Organe waren beschädigt worden und während für die meisten notiert worden war, dass sie mit einer entsprechenden Zaubertranktherapie wieder hergestellt werden konnten, stand bei einem Teil IR dahinter. Das war die wenig freundliche Abkürzung für ‚irreparabel‘. Und als Draco sah, dass dies die Gebärmutter und die Eierstöcke betraf, wusste er, dass dies eine schwerwiegende Diagnose war. Astoria war durch diese Explosion unfruchtbar geworden. Ein schwerer Makel in der Zaubergesellschaft.
Dann dachte er an Daphne, die draußen auf dem Gang wartete und er wusste, dass er gegen die Krankenhausvorschriften verstoßen musste, die besagten, dass nur ausgebildete Heiler solche Diagnosen den Angehörigen überbringen durften. Aber wenn jemand die Tragweite dieses Urteils verstand, dann er.
Wieder auf dem Gang, war er einen neuerlichen Blick in Richtung des Empfangsbereichs, doch nach wie vor war dort alles ruhig. Offenbar hatten sie das Schlimmste überstanden. „Daphne“, wandte er sich an die wartende Hexe, „ist Astoria verheiratet?“
„Nein, aber verlobt, wieso?“, erwiderte diese verwirrt.
Dracos Gesicht verdüsterte sich. „Dann musst du ihr beistehen. Denn es besteht die Möglichkeit, dass ihr Zukünftiger die Verlobung lösen wird.“
„Was? Aber…“
„Daphne, du musst jetzt stark sein. Für deine Schwester. Und bitte bedenke, dass das, was ich dir jetzt sage, unter uns bleiben muss. Und dass die Heilung stetig Fortschritte macht und diese Diagnose nicht das endgültige Urteil sein muss. Aber Astorias Unterleib hat große Schäden davon getragen. Es steht zu befürchten, dass sie keine Kinder wird kriegen können.“
Daphne war bei diesen Worten leichenblass geworden. „Oh nein, und ich bin schon verheiratet…“
Das waren nun nicht unbedingt die Worte, die Draco als Antwort erwartet hätte. „Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Oder vielmehr, was hat deine Ehe mit Astoria zu tun?“
Sie schenkte ihm ein wehmütiges Lächeln. „Du hast keine Schwestern, daher kannst du es nicht wissen… aber es gibt eine Möglichkeit, wo eine Schwester für die andere eintreten kann und in einer sogenannten Kreuzehe ihr den Erben schenken kann. Doch das heißt, dass beide Paare sich in der selben Zeremonie miteinander und überkreuz verbinden müssen. Es ist eine ganz alte Tradition, die heute kaum noch Anwendung findet, aber in unserer Familie wurde diese Möglichkeit immer in Betracht gezogen. Als ich mich damals verlobt habe, wurde Astoria untersucht, und als es hieß, dass sie fruchtbar ist, gab es für Neil und mich keinen Grund mit unserer Hochzeit zu warten, bis auch Astoria einen Partner gefunden hat. Andernfalls hätten wir gewartet… Doch nun…“
„Es tut mir leid“, sagte Draco und meinte es von ganzem Herzen. Er wusste, wie grausam manche gesellschaftlichen Erwartungen waren. „Ich werde die Diagnose für mich behalten. Aber ihr werdet es ihrem Verlobten sagen müssen.“

Das Gespräch mit Daphne ging Draco nicht aus dem Kopf. Da war zum einen natürlich Astorias Schicksal, das ihm insofern näher ging als das der meisten Patienten, weil er sich ihr indirekt über Daphne verbunden fühlte. Noch dazu, wo er unglücklicherweise Zeuge geworden war, wie Astorias Verlobter lautstark die Verlobung gelöst hatte, noch bevor sie aus dem Krankenhaus entlassen worden war. Aber noch etwas anderes nagte an ihm. Es war, als hätte das Gespräch noch einen tieferen Sinn gehabt, der sich ihm einfach nicht erschließen wollte. Selbst zwei Wochen später musste er noch daran denken. Doch an diesem Tag sollte sich ihm die Lösung in Form eines Briefes offenbaren.
Er und Luna hatten beschlossen, miteinander in Kontakt zu bleiben, auch wenn es ein wenig schmerzhaft wäre, vom Leben des anderen zu hören, an dem man nicht teilhaben konnte. Aber die Alternative wäre noch schmerzhafter gewesen. Zwar war ihr Briefwechsel nicht übermäßig regelmäßig, befand Luna sich doch nach wie vor häufig auf Reisen, aber sie versuchten einander wenigstens einmal im Monat zu schreiben. Und so wartete an diesem Tag, als er von der Arbeit heimkam, ein Brief von Luna auf ihn.
Wie vor den Kopf gestoßen sah er den Brief an und fragte sich, wie er die ganze Zeit so blind hatte sein können. Hastig legte er den Brief beiseite und eilte zu seiner Mutter in den Salon.
„Haben wir in unserer Bibliothek einen Band über althergebrachte Hochzeitsbräuche? Und ich meine nicht den Standardband, der beschreibt, wie viele Brautjungfern man für welchen Fruchtbarkeitszauber bei der Zeremonie braucht, sondern einen wirklich ausführlichen Band“, verlangte er zu wissen.
„Hochzeitsbräuche?“, fragte seine Mutter mit aristokratisch hochgezogener Augenbraue. „Soll das heißen, dass du dir eine Braut erwählt hast?“
„Vielleicht“, erwiderte Draco. „Aber dafür brauche ich das Buch. Ich muss erst feststellen, ob alle Umstände passen.“
„Das klingt, als hättest du schon mehr als bloß eine vage Idee. Wieso erzählst du mir nicht davon?“
Doch Draco schüttelte den Kopf. „Noch habe ich die Braut nicht gefragt. Und ich denke, ich sollte die Art der Zeremonie, die mir vorschwebt, erst mit meiner Zukünftigen durchsprechen, ehe wir die Familie mit einbeziehen. Aber ich kann dir versichern, dass sie all die Kriterien erfüllt, die du mir im vergangenen Jahr für die zukünftige Mrs. Malfoy aufgezählt hast.“
Das stellte seine Mutter fürs erste zufrieden und sie wies ihm den Standort in der Bibliothek zu dem gewünschten Band. Wobei es eigentlich mehrere Bände waren, hatten die Malfoys doch, als sie nach England gekommen waren, alles, was sie über Bräuche und Traditionen und seien sie noch so obskur, gesammelt, um sich besser in die hiesige Zaubergesellschaft einzufügen.
Und tatsächlich fand er gleich in drei Bänden Informationen zu dem Thema, das er suchte.
Zufrieden mit seiner Recherche wandte er sich nun dem Brief zu und seine Freude wuchs, als er las, dass Luna Ende des Monats in England sein würde. Oh Luna… er konnte nur hoffen, dass sie seiner Idee zustimmte.
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Re: Kompliziert

Beitragvon chaotizitaet » 15. Feb 2016, 02:11

September 2005

„Hiermit erkläre ich Sie und überkreuz für das Leben vereint“, sagte der die Zeremonie leitende Zauberer. „Sie dürfen die Braut jetzt küssen.“
Das sorgte für einen kurzen Moment der Verwirrung, dann hauchte Draco Astoria einen kurzen Kuss auf die Wange, ehe er Luna für einen traditionelleren Hochzeitskuss zu sich heranzog. „Mrs. Scamander…“, flüsterte er.
„Mr. Malfoy“, erwiderte sie schelmisch.
In der ersten Reihe der Gäste saß Narcissa Malfoy, wahrte diskret mehrere Stühle Abstand zu einem der Brautväter und konnte den Kopf nur darüber schütteln, wie ihr Sohn sie davon überzeugt hatte, das dies der einzig richtige Weg wäre. Und auf seine Art hatte er Recht.
Die Kreuzehe war eine alte, wenngleich aus der Mode gekommene Tradition. Sie hatte bis heute ihre Gültigkeit und war nicht auf Schwestern beschränkt, auch wenn diese in der Vergangenheit am ehesten einer solchen Form der Ehe zustimmten. Und sie bot die perfekte Lösung für die Beteiligten.
Die Familie Malfoy schloss damit ein Bündnis mit einer angesehenen, neutralen Reinblüterfamilie.
Astoria wurde den Makel ihrer Unfruchtbarkeit los.
Luna und Draco konnten zusammen sein.
Und Rolf Scamander würde legitime Kinder bekommen, die seinen Namen trugen und dadurch den Fluch des Familienerbes, der auf ihm lastete, aufheben. Denn die Kreuzehe war nach wie vor eine magische Ehe und ein verhältnismäßig moderner Fluch wie der von Newt Scamander kam gegen diese Magie nicht an.
Wobei natürlich das erste Kind, das Luna gebar, den Namen Malfoy tragen würde. Darauf hatte Narcissa bestanden. Und so wie sich Luna und Draco noch immer ansahen, würde sie wohl noch vor Ende des nächsten Sommers Großmutter.
Es war zwar nicht ganz so, wie sie es sich ausgemalt hatte, als sie Draco nach Dubai geschrieben hatte, aber es war ein Ergebnis, mit dem sie sich arrangieren konnte.

Ende
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