Julzauber

Julzauber

Beitragvon abranka » 24. Dez 2015, 09:28

Liebe Chao,

ich wünsche dir ein frohes Weihnachtsfest und hoffe, dass du deine Geschichte magst. Sie fällt leider etwas kürzer aus als die letzten... Aber Calliope bestand darauf, dass sie genau diesen Wunsch schreiben will - und genau so...

Alles Liebe

abranka

***

Julzauber

Padma starrte auf die volle Tanzfläche. Sie zupfte an ihrem hübschen Sari und verfluchte sich leise dafür, dass sie sich von ihrer Schwester Parvati und Harry Potter hatte einwickeln lassen, ausgerechnet mit Ron Weasley auf den Julball zu gehen. Sie hatte tanzen und eine tolle Zeit haben wollen, nicht in der Ecke sitzen, neben einem bockigen und gelangweilten Tanzpartner, der bis auf den Eröffnungstanz keinen Schritt mehr mit ihr getan hatte. Das war wirklich nicht das, was sie sich vorgestellt hatte! Sie hatte sich einen grandiosen Abend erhofft, der ihr auf immer in Erinnerung bleiben würde. Und zwar bitte aufgrund der positiven und tollen Erlebnisse und nicht mit der schlechtesten Laune, die sie jemals im Angesicht eines Weihnachtsbaum verspürt hatte.
Parvati war es mit ihrem Tanzpartner Harry ähnlich ergangen, aber sie hatte das Glück gehabt, dass Cormac McLaggen sie quasi sofort nach Niederlassen in dieser grausigen Ecke gerettet hatte. Padma genoss dieses Glück nicht. Eine halbe Ewigkeit saß nun schon hier, neben ihr Ron, daneben wiederum Harry und beide starrten stumpfsinnig auf den Trubel vor ihnen.
Sie schürzte die Lippen und entschied dann, dass sie niemanden brauchte, der sie retten würde. Die moderne Frau von heute wartete eben auf keinen Helden mehr, sondern rettete sich einfach selbst.
„Hegst du die Absicht, heute noch einmal mit mir zu tanzen?“, fragte sie Ron und bemühte sich sehr, dass ihre Stimme nicht so scharf klang, wie es ihr erster Impuls war. Sie rang sich sogar ein halbwegs vernünftiges Lächeln ab.
„Nee...“ Er schaute sie nur ganz kurz an, ehe er wieder auf die wirbelnde Menge Mädchen und Jungen schaute.
„Gut.“ Padma stand auf. „Und wage es nicht, mich noch einmal in deinem Leben einzuladen oder zum Tanzen aufzufordern. Das würdest du bereuen.“ Sie warf ihm einen kalten Blick zu, der ihn sichtlich zusammenfahren ließ. Diesen Blick hatte sie von ihrer Mutter gelernt. Damit brachte Mrs. Patil jedes Mal ihren Gatten zum Schweigen, wenn dieser irgendetwas anstellte, das sie absolut nicht gutheißen konnte.
Und jetzt? Padma rauschte davon und ihr Sari bauschte sich hinter ihr. Am besten die Bar. Auf die Tanzfläche wollte sie nicht allein gehen, denn das würde komplett verzweifelt aussehen. Auch wenn sie das natürlich war. Aber das musste ja niemand wissen.
Auch wenn man es, wenn sie ehrlich zu sich war, vermutlich ahnen konnte. Aber ganz so einfach musste sie es ihren Kameraden ja auch nicht machen. Und an der Bar konnte sie sitzen und so tun, als ob das genau das sei, was sie wollte.

Sie ließ sich auf einem der Barhocker nieder, bestellte ein Butterbier und blickte frustriert zur Tanzfläche hinüber. Dort wirbelte ihre Schwester gerade vergnügt mit Cormac vorbei. Padma verzog die Lippen. Sie hielt ihn für einen dümmlichen Angeber, aber solange Parvati Spaß mit ihm hatte...
Sie nippte an ihrem Butterbier und ließ den Blick durch die große Halle schweifen. Es war unglaublich, was aus diesem so vertrauten Raum geworden war. Stilvoll in Silber und Weiß geschmückte Weihnachtsbäume säumten die Wände. Kristallleuchter schwebten nahezu im Nichts von der verzauberten Decke, die wiederum einen wundervollen Winternachthimmel mit zarten Schneeflocken, feinen Wolken und dahinter glitzernden Sternen präsentierte. Es war wundervoll.
Nur irgendwie hatte das Schicksal es gewollt, dass dieser Tag für sie nicht wundervoll sein sollte. Sie wusste nicht, was sie getan hatte, um das zu verdienen, aber irgendetwas musste es wohl gewesen sein. Vielleicht hätte sie Shiva doch etwas mehr Aufmerksamkeit schenken sollen. Man wusste ja nie, wie sich diese Götter über wegen zu wenigen Gebeten rächten...
Viel zu schnell war ihr Butterbier leer und sie bestellte ein neues bei dem Hauself-Barmann. Sogar die Lehrer hatten ihren Spaß, wie sie frustriert feststellte. Gerade zog Professor McGonagall im Arm von Professor Dumbledore vorbei und sogar Hagrid tanzte mit Mrs. Maxime, der Leiterin der Delegation der Beauxbatons-Akademie. Padma beschloss, dass sie laut schreien würde, wenn sie auch Snape tanzen sah. Heute schien hier schließlich alles möglich – und jeder andere glücklich zu sein. Wahrscheinlich würde Snape sogar lächeln!
Immerhin saß sie aber nicht alleine an der Bar, auch wenn alle anderen sich in Grüppchen von vier bis sechs Personen oder als Pärchen bewegten. Sogar ihre üblichen Freunde waren in diesem Zweier-System komplett aufgegangen. Kurz überlegte sie es, sich dort irgendwo hinzuzugesellen, aber sie hatte keinerlei Bedürfnis, das berühmte fünfte Rad am Wagen zu sein.
Ob allerdings das dritte Butterbier besser war, wagte sie zu bezweifeln. Jetzt merkte sie auch einen leichten Schwips. Aber immerhin würde dieser diesem Abend wenigstens ein klein wenig Farbe verleihen.
„Hey.“
Überrascht drehte sie den Kopf, um ihren unerwarteten Bar-Nachbarn anzuschauen. Es war Lee Jordan, der sich auf dem Hocker neben ihr niederließ. Feine Schweißperlen standen auf seiner dunklen Nase und wenn seine Haare nicht zu festen Dreadlocks verzwirbelt gewesen wären, wären diese sicher auch sichtlich verschwitzt gewesen.
„Selber hey“, gab sie zurück und nippte an ihrem Glas.
„So mies drauf?“, erkundigte er sich, nachdem er sich selbst ebenfalls ein Butterbier bestellt hatte.
„Ich hatte mir den Abend eben etwas anders vorgestellt“, gab sie spitz zurück.
„Ah, eine Ronnie-Krise?“ Er grinste sein breites Strahlegrinsen, bei dem seine perlweißen Zähne perfekt zur Geltung kamen.
„Nun, mein Date für heute hat sich als eine perfekte Niete entpuppt, rundherum versinken alle anderen in totaler Pärchenglückseligkeit und ich sitze hier und trinke.“ Sie prostete ihm demonstrativ mit ihrem schon wieder halbleeren Glas zu.
„Das wievielte ist das schon?“ Lee zog die Augenbrauen hoch.
„Geht dich das etwas an?“, gab Padma sofort zurück.
„Vermutlich nicht. Schließlich gehöre ich zu denen, die offenbar in der Pärchenglückseligkeit komplett versunken waren.“ Lee hob sein Glas und nahm einen großen Schluck. Ein bisschen schien die Fröhlichkeit aus seinem Gesicht gewichen zu sein.
„Waren?“ Ein klein wenig war jetzt ihre Neugierde geweckt.
„Katie Bell hat sich gerade von Eddie Carmichael entführen lassen und wirkte dabei deutlich glücklicher als mit mir.“ Er zuckte mit den Schultern. „Wie gewonnen, so zerronnen, würde ich sagen. Aber was will man machen? Ich kann sie schließlich nicht an mich fesseln.“
„Auf den Herzschmerz“, sagte Padma trocken und nahm einen weiteren Schluck aus ihrem Glas.
Lee musste grinsen. „Auf den Herzschmerz. Und auf das angekratzte Selbstbewusstsein.“
„Yay.“ Ein schwaches Lächeln glitt über Padmas Gesicht. Immerhin führte sie heute Abend noch ein brauchbares Gespräch. Das war schon deutlich mehr, als sie zu hoffen gewagt hatte.
Auf der Bühne spielten die Schwestern des Schicksals gerade zu einem ihrer größten Hits auf.
„Did you see the manticore?
Beware of the manticore!
Darkness all around here...“, summte sie unwillkürlich mit.
„Na los. Du musst heute Abend zumindest einmal tanzen.“ Lee sprang auf und machte eine Verbeugung vor Padma. „Schenkst du mir diesen Tanz?“
Überrascht und überrumpelt nickte diese. Einen Wimpernschlag später war das halb getrunkene Butterbier auf der Theke schon vergessen, denn Lee nahm sie an die Hand und führte sie auf die Tanzfläche.

Hier zu den Schwestern des Schicksals zu tanzen – sprich: wild durch die Gegend zu hüpfen und dabei einfach Spaß zu haben – fühlte sich genauso grandios an, wie Padma gehofft hatte. Und sie fand, mit Lee als Gesellschaft hatte sie es viel, viel besser getroffen als ihre Schwester mit Cormac. Sie blieb dabei: Sie fand den Kerl schleimig, aber einige Mädchen standen offenbar darauf. Sie hoffte nur, dass Parvati nicht dauerhaft mit ihm zusammensein würde.
Lees offener, sehr bodenständiger und direkter Charme lag ihr dagegen vielmehr. Sie kringelte sich ja auch bei jedem Quidditchspiel vor Lachen über seine lebendigen Kommentare.
Jetzt strahlte er sie mit seinen dunklen Augen und den weißen Zähnen an und Padma verspürte ein angenehmes Kribbeln in ihrem Bauch. Lee ergriff ihre Hand und wirbelte sie so geschickt herum, dass sie das Gefühl hatte, nahezu zu fliegen. Die Musik war einfach nur toll und die Stimmung grandios.
Nach drei Tänzen waren sie beide allerdings vollkommen aus der Puste. Lee zog sie sanft an der Hand durch die Menge und zurück zur Bar.
Lachend folgte Padma ihm.
„Das ist einfach der Wahnsinn! Nur klasse, dass Dumbledore die Schicksalsschwestern als Music Act bekommen konnte!“ Lee schüttelte den Kopf, dass seine Dreadlocks nur so flogen.
Padma konnte ihm nur zustimmen. „Das ist absolut obergnomenkrass!“ Sie lächelte über das ganze Gesicht.
„Und ob!“ Lee bestellte für sie zwei Kürbissaft. Das war jetzt definitiv besser als Butterbier, denn Padma fühlte sich durch das Tanzen nur noch beschwipster.
Beide stürzten sie die Gläser durstig herunter und bestellten synchron sofort wieder nach.
„Oh, bei Merlin...“, seufzte Padma, als ihr Durst gelöscht war und sie das zweite Glas Kürbissaft abstellte.
„Du sagst es.“ Lee lächelte. Irgendwie kamen sie beide aus dem Lächeln nicht mehr so wirklich heraus. Doch das war schön. „Aber es macht Spaß, oder?“
„Das stimmt. Und ich hätte nach dem Beginn dieses Abends nicht gedacht, dass er noch einmal so schön werden würde.“ Sie stockte und senkte kurz verlegen den Blick, ehe sie wieder ansah und aufrichtig sagte: „Vielen Dank.“
Jetzt war er es, der verlegen war. „Hey, du bescherst mir auch einen tollen Abend. Ich wünschte nur, ich hätte vor Ron den Mumm gehabt, dich anzusprechen...“
„Oh, das war Harry. Er hat Parvati gefragt, ob wir nicht beide Lust hätten...“ Padma hob die Schultern. Dann kam erst die Botschaft seiner Worte bei ihr an. Er hatte sie fragen wollen! Lee Jordan, zwei Jahre älter als sie, interessierte sich offenbar wirklich für sie. Oder er fand sie zumindest interessant genug, um sie für den Ball fragen zu wollen. Padma strahlte.
„Irgendwie passt das zu Ron.“ Lee schüttelte den Kopf. „Aber mein Glück, dass du mir jetzt doch Gesellschaft leistest.“ Er prostete ihr zu und gemeinsam leerten sie ihre Gläser.
„Lust auf noch eine Runde oder sollen wir lieber etwas frische Luft schnappen?“ Zuerst deutete Lee auf die Tanzfläche, dann auf die Tür, die in den Innenhof nach draußen führte.
„Etwas frische Luft klingt sehr gut.“ Padma nickte. „Das hilft vielleicht etwas gegen den Butterbierschwips.“
Lee reichte ihr galant den Arm und sie hakte sich mit einem angenehmen Bauchkribbeln unter.

Sie traten durch das große Tor in den Innenhof. Dort gab es einige kleinere Gruppen von Schülerinnen und Schülern, die sich unterhielten und die kalte Winterluft zwischen den flackernden Fackeln genossen. Snape rauschte wie eine große Fledermaus zwischen ihnen hindurch und verschenkte grimmige Blicke. Er schien keinen guten Abend zu haben. Padma bedauerte ihn einen Augenblick lang. Sie war mittlerweile so glücklich, dass sie auch dem ungerechten und stets unleidlichen Snape einen schönen Abend gegönnt hätte. Auch wenn sie die Vorstellung von einem lächelnden Snape immer noch abgrundtief gruselig fand.
Die Hauselfen hatten den Schnee aus dem Hof gezaubert, damit sich niemand nasse Füße holte. Jenseits davon lag die weiße Decke jedoch malerisch über dem Schloss. Der Nachthimmel sah genauso schön aus wie an der verzauberten Decke der großen Halle.
„Wunderschön...“, murmelte Padma leise und zog fröstelnd die Schultern hoch. Natürlich bot ihr dünner Sari hier draußen so gut wie keinen Schutz gegen die winterliche Kälte. Zu ihrer Überraschung streifte Lee seinen Umhang ab und legt ihn ihr um die Schultern. Sie schaute ihn an.
„Ich kann doch nicht zulassen, dass du erfrierst“, sagte er lächelnd.
„Aber was ist mit dir?“ Padma schüttelte den Kopf, rückte an ihn heran und zog den Umhang über ihrer beider Schultern. Sie fühlte sich dabei äußerst verwegen und mutig. Sie war zwar eine Ravenclaw, aber um mutig zu sein, musste man definitiv kein Gryffindor sein.
So schlenderten sie Seite an Seite und eng aneinander geschmiegt durch den Innenhof. Ein wenig beobachteten sie Snape, der immer wieder durch harmonische Schülergruppen fegte und die Kinder aufschreckte. Das bunte und fröhliche Treiben ließ sich aber weder dadurch noch durch seine missmutige Miene aufhalten.

„Also, so langsam fühle ich mich wie ein Eiszapfen“, sagte Padma schließlich. „Lass uns wieder reingehen.“
„Euer Wunsch ist mir Befehl.“ Lee verneigte sich mit einem zwinkernden Lächeln.
Untergehakt und Lees Umhang immer noch um Padmas Schultern betraten sie wieder die Schule.
„Schau mal.“ Lee blieb einen Schritt hinter der Tür stehen.
„Mhm?“ Padams Blick folgte seinem ausgestreckten Zeigefinger, der Richtung Decke wies.
„Mistelzweig.“ Lee grinste sie breit an und beugte sich dann auch schon vor, um sie ganz behutsam auf die Lippen zu küssen. Mit einem ganzen Schwarm Schmetterlinge im Bauch erwiderte Padma den Kuss.
Das war doch wirklich ein unerwarteter Verlauf für diesen Julball, der einen so trüben Anfang genommen hatte. Und wer wusste schon, was daraus noch werden konnte?
Jetzt aber würden sie noch eine Runde Tanzen. Das gehörte zu diesem verzauberten Abend schließlich einfach dazu.
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Re: Julzauber

Beitragvon chaotizitaet » 25. Dez 2015, 00:15

Wunderschön! Vielen Dank. :knuff:
Und es macht absolut nichts, dass die Geschichte etwas kürzer ist als die letzten, denn wenn eine Geschichte nur genau so geschrieben werden will, hat das ihren Grund. wozu schreiben, was die 398 anderen Schüler im Detail machen, wenn es schließlich nur auf die zwei ankommt? Mir hat die Geschichte jedenfalls sehr gut gefallen.
Lustig finde ich, dass wir beide auf den Mistelzweig zurückgegriffen haben XD
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