Der Schlüssel zum Glück

Der Schlüssel zum Glück

Beitragvon chaotizitaet » 24. Dez 2016, 09:46

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Auf diesem Weihnachtsgeschenk steht ganz groß 'Für Abranka' drauf. Viel Spaß damit.
(Und wie immer nur einmal kurz drübergelesen, um die gröbsten Fehler rauszuholen.)

Ich wünsche dir schöne Weihnachten!


Der Schlüssel zum Glück

Es war ruhig im Grimmauldplatz Nummer 12 und ausnahmsweise hatte der Eigentümer Harry Potter die Bibliothek ganz für sich alleine. Dass er diesen Hort der Bücher an diesem Abend für sich alleine hatte, lag daran, dass seine Mitbewohnerin Hermione Granger, die gewöhnlich um diese Zeit in diesem Raum des Hauses anzufinden war, eine exklusive Einladung für die Bibliothek der Unsäglichen hatte und das war eine Einladung, die Hermione natürlich nicht hatte ausschlagen können. Es war schließlich ihr Traum, eines Tages für die Mysteriumsabteilung zu arbeiten, war dies doch der Ort schlechthin, wo alles über Magie erforscht wurde. Dazu musste sie jedoch erst mindestens einen Meistergrad erwerben und dies erwies sich als äußerst langweilige Angelegenheit. Denn gerade im Ministerium wurde diese Ausbildung oft von selbstherrlichen Beamten mittlerer Intelligenz vorgenommen, die der Ansicht waren, das es schlicht unmöglich war, dass irgendjemand den Meistergrad schneller erwerben konnte, als es damals bei ihnen der Fall gewesen war. Schließlich waren sie der Meister und wussten es am besten. Und so gab es für eine brillante Hexe wie Hermione zwar Neues zu lernen, jedoch in einer flubberwurmartigen Geschwindigkeit. Leider war die einzige Alternative zu einer Ausbildung im Ministerium oder St Mungos (das Krankenhaus bildete mit der gleichen Nichtgeschwindigkeit aus und erwartete obendrein noch fünf Jahre Arbeit für diese Institution im Anschluss) eine Privatausbildung bei einem unabhängigen Meister und diese waren bereits vor dem letzten Krieg überaus selten gewesen, nun jedoch nahezu nichtexistent. Die Unsäglichen waren sich dieses Missstands durchaus bewusst, durften aber selbst nicht als Ausbilder tätig werden. So blieb ihnen einzig, brillante Köpfe und mögliche Rekruten durch solche Einladungen bei der Stange zu halten. Harry wusste, wie viel seiner besten Freundin der Abend bedeutete und freute sich ehrlich für sie.
Dass es aber auch im restlichen Haus ruhig war, lag daran, dass es Halloween war und sein anderer Mitbewohner und bester Freund Ron Weasley zuerst Patrouillendienst hatte und danach mit seinem Freund zu einem All you can eat Festessen verabredet war. Ron mochte die Zauberwelt in so ziemlich allen Aspekten des Lebens der Muggelwelt für überlegen halten, aber wenn es um All you can eat Angebote ging, musste er zugeben, dass hier die Muggelwelt gewann. Zwar hatte Ron Harry angeboten, sie in das Restaurant zu begleiten, aber Harry hatte dankend abgelehnt. Es war ihm ganz recht den Abend alleine verbringen zu können, denn während die meisten Halloween mit Grusel und Süßigkeiten verbanden, war es für ihn doch auch immer der Todestag seiner Eltern und nun da er sein eigener Herr war, wollte er diesen Tag auch möglichst entsprechend würdigen.
Und so saß er mit einer großen Tasse heißer Schokolade und seinem geliebten Fotoalbum in der Bibliothek und betrachtete die Bilder und malte sich die Ereignisse aus, die jedes Foto umgaben.
Plötzlich klopfte es am Fenster. Harry ließ vor Schreck und aus lauter Eile, an seinen Zauberstab zu kommen, die Tasse fallen. Er fluchte - natürlich nicht magisch -, als er die Schokoladenlache sah, die sich auf dem Boden ausbreitete. Hermione würde ihm dafür ganz schön den Kopf waschen. Das mochte zwar sein Haus sein und somit eigentlich auch seine Bibliothek, aber wenn es um Bücher ging kannte seine beste Freundin kein Pardon.
Es klopfte erneut am Fenster und Harry ließ von der Pfütze ab und wirbelte zu dem Störenfried herum, den Zauberstab fest in der Hand. Es war nämlich so, dass im Grimmauldplatz wie in vielen Häusern alter Zauberfamilien die Fenster im Allgemeinen mit Abwehrzauber für Postvögel aller Art ausgestattet waren, das offizielle Postfenster natürlich ausgenommen. Auf die Art konnte man verhindern, dass vergiftete Post, und sei es nur ein mit Bubotubereiter versetzter Heuler unerwünscht direkt an den Adressaten gelangten. Gerade in der ersten Zeit nach seinem Sieg über Voldemort hatte Harry diese Einrichtung des Hauses sehr zu schätzen gelernt, denn nicht alle Anhänger des Dunklen Lords hatten an der entscheidenden Schlacht in Hogwarts teilgenommen. Und auch wenn die Zeiten inzwischen ruhiger geworden waren, hatte Harry keinerlei Veranlassung gesehen, an den Postbeschränkungen seines Hauses irgendwas zu ändern. Dementsprechend beunruhigend war es, dass nun ausgerechnet an dem Fenster des Raumes, in dem er sich aufhielt, ein Vogel beharrlich an die Scheibe klopfte. Vorsichtig näherte Harry sich dem Fenster. Es war ein Rabe, der ein verschnürtes Paket mit einem Holzgriff in den Krallen trug. Als er Harry näherkommen sah, legte der Rabe das Paket auf der Fensterbank ab und verschwand dann wieder in der Nacht.
Harry blinzelte ein paar Mal und schüttelte den Kopf, nicht ganz sicher, ob er sich das nicht bloß alles eingebildet hatte. Doch das Paket lag noch immer auf der Fensterbank. Nun weckt kaum etwas so die Neugier wie ein eingepacktes Paket, das offenbar für einen selbst bestimmt war und man nicht wusste, was es enthielt. Die freudige Vorahnung einer schönen Überraschung überkam auch Harry bei diesem Anblick, doch der vergangene Krieg hatte bei ihm genug Paranoia hinterlassen, um nicht gleich das Fenster zu öffnen und das Paket hereinzuholen. Fünf Minuten vergingen, ohne dass sich das Paket veränderte, worauf Harry dann doch das Fenster öffnete und das Paket mit einer Reihe Detektierzauber traktierte. Doch es schien als wäre das Paket harmlos und so holte er es letztlich herein und öffnete es.
Es war ein in Leder gebundenes, vermutlich sehr altes Buch. Wer mochte ihm wohl ein Buch schicken? Normalerweise hätte Harry ja angenommen, dass es für Hermione bestimmt war, aber die Art der Zustellung ließ keinen Zweifel daran, dass es für ihn gedacht war. Der Einband wies keinerlei Titel auf und so schlug Harry das Buch auf, in der Hoffnung auf der ersten Seite einen Hinweis darauf zu finden, um was für ein Buch es sich handelte. Doch das Blatt war leer. Dafür aber fand Harry darin einen an ihn adressierten Brief.

Lieber Harry,
Meinen aufrichtigen Glückwunsch zu deinem Sieg über Tom Riddle und zugleich mein Beileid. So jung bereits seines vermeintlichen Lebenszwecks beraubt zu sein, ist nicht einfach, das weiß ich nur zu gut. Aber glaube mir, wenn ich dir sage, dass dein Leben nicht einzig den Zweck hatte, sich mit Riddle auseinander zu setzen und letztlich über ihn zu triumphieren. Vielmehr war dies nur der Anfang eines langen, glücklichen und erfüllten Lebens, wenn du es denn willst. Und hier kann dir das Buch helfen, denn es ist im wahrsten Wort der Schlüssel zum Glück. Mir hat es Perenelle und den Stein der Weisen geschenkt, doch ich weiß nicht, was es dir schenken wird, denn Glück bedeutet für jeden Menschen etwas anderes.
Alles Gute,
Nicholas Flamel


Harry war vollkommen verblüfft. Weniger darüber, dass Flamel offenbar noch am Leben war, obgleich Professor Dumbledore ihm am Ende seines ersten Hogwartsjahrs zu verstehen gegeben hatte, dass der Stein der Weisen vernichtet worden war und es somit nicht mehr lange dauern würde, ehe die beiden Flamels starben. Aber wenn Harry ehrlich war, gab es eigentlich nichts, was die Flamels davon hätte abhalten sollen, einen neuen Stein der Weisen zu kreieren. Weshalb Hary so verblüfft war lag in der Art, wie Nicholas Flamel Harrys Gefühle genau erfasst hatte, ohne dass sie je von Angesicht zu Angesicht miteinander darüber gesprochen hätten. Dieses Gefühl von Verlorenheit, das ihn schon bald nach seinem Sieg über Voldemort überkommen hatte... Wann immer er versucht hatte, mit seinen Freunden darüber zu sprechen, hatte diese ihn nur verständnislos angesehen.
„Ich dachte, du wolltest immer ein normales Leben führen“, hatte zum Beispiel Hermione gesagt. „Nun kannst du es endlich.“
Ron war ähnlich. „Genieß es doch einfach.“
Und auch Ginny hatte etwas Ähnliches erwartet.
Das Problem aber, das auch seine Freunde nicht bedachten, war, dass Harry gar nicht wusste, was ein normales Leben wirklich war. Sein Onkel und seine Tante hatten stets versucht normal zu sein, aber Harry wusste, dass sie es eben nicht waren, auch nicht nach Muggelstandard. Vor allem aber war das kein Normal, das zu ihm, Harry, gepasst hätte, schließlich war er ein Zauberer. Die einzige magische Familie, deren Familienleben er aber kennengelernt hatte, waren die Weasleys und Harry bezweifelte, dass deren Leben als normal innerhalb der magischen Gesellschaft galt. Und selbst wenn dem so wäre, war das auch nicht das Normal, das zu ihm passte. Was aber vielleicht am schwerwiegendsten war, war die Tatsache, dass für ihn in der magischen Welt ein normales Leben gar nicht möglich war. Er war der Junge, der lebt, der Junge, der siegt, er war ein Held. Und das machte sich in so ziemlich jeder Situation bemerkbar.
Er hatte wirklich versucht, ein normales Leben zu führen, oder zumindest so, wie er glaubte, dass ein normales Leben war. Er hatte das Angebot angenommen, direkt dem Aurortrainingsprogramm beizutreten, statt erst noch sein letztes Jahr in Hogwarts nachzuholen und seine UZT-Qualifikationen zu erwerben. Dabei kam ihm zu Gute, dass die Ausbilder es gewohnt waren, Kadetten mit lückenhaftem Wissen in Verteidigung gegen die dunklen Künste und Zaubertränke zu haben, weshalb sie einfach viele Grundlagen wiederholten und jeder, der sich Mühe gab, die Abschlussprüfungen auf die Weise bestehen konnte. Und Harry hatte sich angestrengt, denn er wollte sich nicht nachsagen lassen, alles nur seinem Status als Held zu verdanken. Abgesehen davon waren schließlich auch Helden nicht davor gefeit, vergiftet oder verflucht zu werden, und da war es schon besser, man wusste sich zu verteidigen und konnte das Gift vor dem Konsum identifizieren.
Das Leben als Auror war aber längst nicht so spannend, wie Harry es erwartet hatte, und auch wenn es zum Aurorenalltag gehörte, Ladendiebe in der Winkelgasse zu verhaften, so war es doch überaus lästig, wenn sich der Dieb als Fan erwies, der nur etwas gestohlen hatte, um von Harry Potter festgenommen zu werden. Irgendwann hatte es Harry dann gereicht, und er hatte sich innerhalb der Abteilung versetzen lassen. Jetzt arbeitete er in der Asservatenkammer und hatte so wenigstens vor durchgeknallten Fans seine Ruhe. Und es bereitete ihm noch immer diebische Freude, wenn er daran dachte, wie es ihm gelungen war, diesen Posten zu ergattern. Denn Auror Harry Potter als das Aushängeschild des Ministeriums hätte nie einen solchen Verwaltungsjob bekommen. Wohl aber Jethro Marty Asper, und da Bewerbungen und Arbeitsverträge mit Pseudonym und unter der Wirkung von Vielsafttrank gültig waren (es war die Magie des Unterzeichnenden, auf die es ankam), hatten seine Vorgesetzten wenig Handhabe in diesem Fall gehabt. Vielmehr hatte ihnen dieser Fall gezeigt, wie lückenhaft ihre eigenen Sicherheitsvorkehrungen waren. Und ja, er war sich der Ironie bewusst, dass er für diese zweite Identität ausgerechnet auf ein Anagramm zurückgegriffen hatte.
Das neue, normale Leben in der Asservatenkammer war allerdings auch nicht wirklich erfüllend und so hatte sich Harry mehr als einmal in den letzten Monaten gefragt, was er eigentlich von seinem Leben erwartete und was er tun konnte, diese Erwartungen auch erfüllt zu sehen.
Und jetzt hatte ihm Nicholas Flamel dieses Buch geschenkt, das, den Worten des Briefes zufolge, die Antwort auf diese Frage enthalten sollte. Harry gestand sich ein, neugierig zu sein. Zugleich war er aber auch skeptisch, denn das letzte Buch, das ihm vermeintlich Antworten gegeben hatte, war einer von Voldemorts Horkruxen gewesen. Gut, bei dem Buch hier handelte es sich definitiv um keinen Horkrux und auch sonst keinen schwarzmagischen Gegenstand, das hatte er schließlich bereits überprüft, aber er würde trotzdem Vorsicht walten lassen.
Als er dann endlich das Buch aufschlug, war seine Enttäuschung jedoch groß, denn er konnte, was auch immer auf den Seiten geschrieben stand, nicht lesen. Und das lag nicht etwa daran, dass es in einer fremden Sprache geschrieben gewesen wäre, denn noch nicht einmal das vermochte er zu erkennen. Nein, es war einfach so, dass die Buchstaben ständig in Bewegung waren und sich ständig in andere Buchstaben umzuwandeln schienen.
Doch so gross die Enttäuschung auch war, konnte Harry sich einer gewissen Erregung nicht erwehren, endlich wieder ein Rätsel zu lösen zu haben. Ganz so, wie es während seiner Schulzeit mit dem Stein der Weisen, dem Basilisken oder zuletzt der Jagd nach den Horkruxen der Fall gewesen war. Er hoffte nur, dass es diese Mal vielleicht nicht ganz so gefährlich würde. Andererseits war er aber inzwischen viel besser für derlei Situationen gerüstet als mit elf oder zwölf.

***

Harry stand im Hausflur und zog sich gerade seine Jacke an, als eine aufgebrachte Hermione aus der Küche stürmte und ihn beinahe umgerannt hätte. Im letzten Moment konnte Harry sie an den Schultern festhalten und so die Kollision verhindern.
„Hermione, was ist los?“
„Dieser… dieser…“
Harry brauchte nicht auf seine bescheidenen Künste in Wahrsagen zurück zu greifen, um auch so zu verstehen, dass mit ‚dieser‘ Ron gemeint war, und dass, was auch immer er getan hatte, Hermione im Moment vor Ärger schier die Sprache raubte. Wortlos reichte Harry seiner besten Freundin ihren Mantel und lud sie ein, mit ihm zu kommen.
Es sprach Bände, dass Hermione den Mantel entgegennahm und ihm folgte, ohne zu fragen, wohin sie gingen. Auch als er den Weg zur nächstgelegenen U-Bahn-Station einschlug, schwieg sie. Erst als sie Harrys Ziel, den Zoo, erreichten, schien sie sich wieder einigermaßen gefangen zu haben.
„Der Zoo?“, fragte sie ihn jetzt.
Harry grinste. „Das war einer der wenigen Orte, wohin mich die Dursleys mitgenommen haben, als ich ein Kind war.“ Er erzählte ihr von dem Vorfall mit der verschwundenen Glasscheibe im Reptilienhaus und beide mussten sie herzhaft lachen. „Seither habe ich so etwas wie eine Vorliebe für diesen Ort. Auch wenn ich es vermisse, nicht länger mit den Schlangen reden zu können.“
Hermione nickte nur und entlockte so Harry ein leises Lachen.
„Ich weiß, für die meisten war es eher unheimlich, wenn ich Parsel gesprochen habe, und es hat nicht gerade zur Akzeptanz dieser Gabe beigetragen, dass außer mir nur Voldemort in Britannien über diese Gabe verfügt hat. Aber ich habe es nicht als Zischen gehört, immer als klare Worte. Rückblickend bedaure ich, nie die Möglichkeit gehabt zu haben, mit dem Basilisk oder Nagini zu sprechen, aber sie waren schon gänzlich von Voldemort korrumpiert. Aber es wäre interessant gewesen, mehr über sie zu erfahren…“
„Okay, ich verstehe die Neugier“, gestand Hermione nach einem kurzen Moment des Nachdenkens ein, „aber ich glaube nicht, dass es ein so gutes Gespräch gewesen wäre, wenn zwei Lebewesen mit einem Horkrux im Körper ihre Erfahrungen vergleichen, du mit einer Tasse Tee in der Hand und Nagini auf einem Wärmestein…“
„Du musst aber zugeben, dass das Bild etwas für sich hätte“, warf Harry ein.
„Ein Bild, mit dem der Tagesprophet dich spontan zum nächsten Dunklen Lord erklärt hätte“, erwiderte Hermione nur spöttisch.
„Aber nur, bis ich meine Parselfähigkeiten dazu eingesetzt hätte, ein von Aschwinderinnen bedrohtes Haus zu retten, indem ich die Schlange zum Umzug überrede.“
Hermione schüttelte nur den Kopf. „Du bist unverbesserlich.“
Harry grinste. „Aber jetzt erzähl mal, was Ron angestellt hat, dass du so aufgebracht warst.“
Sofort verfinsterte sich Hermione Miene wieder. „Eigentlich nichts, womit ich nicht hätte rechnen können und trotzdem… Er hat mich gefragt, ob ich wieder mit ihm an Weihnachten in den Fuchsbau gehe.“
Jetzt war es an Harry den Kopf zu schütteln. „Ich dachte, er wollte dieses Jahr Alex seiner Familie vorstellen.“
„So war es eigentlich auch geplant gewesen. Schließlich hatten er und ich uns darauf geeinigt, dass wenn die Beziehung mit Alex mehr als sechs Monate hält, er seiner Familie endlich die Wahrheit sagt. Und wenn man dann bedenkt, dass die beiden diesen Monat bereits ein ganzes Jahr zusammen sind…“
„Es wundert mich, dass Alex so lange Geduld mit Ron hat“, gab Harry zu bedenken. „Gewiss, er wird wissen, dass es für Ron nicht einfach sein wird, seiner Familie zu sagen, dass er schwul ist und dann auch noch mit einem ehemaligen Slytherin zusammen ist, aber Ron müsste doch auch klar sein, dass Mrs. Weasley im Grunde nur will, dass ihre Kinder glücklich sind. Und es ist nicht so, als wäre Alex‘ Familie in irgendeiner Form mit den Todessern assoziiert gewesen.“ Die Coltranes waren schließlich wie die Greengrass-Familie bekennend neutral.
Dass Ron schwul war, war zugegeben auch für Harry und Hermione eine Überraschung gewesen, war er schließlich doch überaus anfällig für den Zauber von Veelas gewesen und auch für den Charme von Lavender Brown. Nicht zu vergessen seine Beziehung mit Hermione, wenngleich diese letztlich keine zwei Monate gehalten hatte. Denn abgesehen davon, dass sie sich weiterhin bei jeder sich bietenden Gelegenheit gekabbelt hatten, hatte ihre Beziehung ein abruptes Ende gefunden, als Hermione bei einer der vielen Siegesfeiern Zeugin wurde, wie ein betrunkener Ron einen ebenfalls betrunkenen Eddie Carmichael leidenschaftlich küsste. Natürlich hatte Ron versucht, dem Alkohol die Schuld zuzuschieben, aber Hermione hatte das nicht gelten lassen. Auch das Argument, dass er vielleicht einfach nur neugierig gewesen sei, hatte bei ihr wenig Erfolg gehabt. Sie hatte argumentiert, dass ohne entsprechende Neigungen auch noch so viel Alkohol nicht so eine Reaktion hervorrufen konnte, wie sie sie bei Ron und Eddie gesehen hatte. Ron hatte natürlich darauf bestanden, dass sie dies auch bewies, was wiederum zu einem denkwürdigen Abend in einer Schwulen- und Lesbenbar geführt hatte.
Was Harry, der als Zeuge und designierter Apparierer die beiden begleitet hatte, an dem Abend sah, hatte auch bei ihm alle Zweifel bezüglich Rons sexueller Orientierung beseitigt. Sowohl Hermione als auch Ron hatten dem Alkohol kräftig zugesprochen, aber während Hermione auf keines der Flirtangebote der anwesenden Damen einging, hatte Ron am Ende des Abends engumschlugen mit einem anderen Mann getanzt und ihn zum Abschied geküsst. Und selbst sein sturer bester Freund hatte am anderen Morgen sich eingestehen müssen, dass Leugnen zwecklos war. Dennoch hatte er seinen beiden Freunden das Versprechen abgerungen, niemandem sonst davon zu erzählen, zumindest nicht, bis er selbst bereit war, dies zu tun. Und da er nun mal ihr Freund war, seit sie Hogwarts-Erstklässler gewesen waren, hatte Hermione sich auch bereit erklärt, zu bestimmten Festtagen als seine Alibi-Freundin aufzutreten, sofern sie nicht selbst in einer Beziehung war. Da aber von Jahr zu Jahr die Andeutungen Molly Weasleys sie mögen doch endlich ein Datum für die Hochzeit festlegen mehr die Gestalt eines Winks mit der Bahnschwelle annahmen, war Hermione überaus erleichtert gewesen, als Ron eine Beziehung mit Alexander Coltrane anfing. Sowohl Harry als auch Hermione hatten sofort sehen können, dass diese Beziehung anders war als die bisherigen kurzen Episoden, auf die Ron sich bis dahin eingelassen hatte, weshalb Hermione Ron auch das Ultimatum mit den sechs Monaten gesetzt hatte.
„Er behauptet, es wäre zu kurzfristig und daher zu unglaubwürdig, wenn er zu Weihnachten mit einem Freund auftaucht“, sagte Hermione jetzt. „Nicht, nachdem ich im Mai noch angeblich mit ihm zusammen war.“
„Das klingt, als hätte er es noch nicht einmal fertig gebracht, seiner Familie zu gestehen, dass ihr euch getrennt habt…“ Harry runzelte die Stirn während Hermione nickte. Dabei hätte Ron bei nicht weniger als drei Familiengeburtstagen die Möglichkeit gehabt, zumindest diesen Punkt schon einmal anzusprechen.
„Und genau das ist es, weshalb ich so wütend auf ihn bin. Denn auch wenn er recht hat, dass es ziemlich plötzlich und daher nicht ganz so glaubwürdig wirkt, wenn er jetzt zu Weihnachten mit einem Lebenspartner rausrückt, hätte er mit unserer Trennung zumindest schon mal die Grundlage für Mai schaffen können.“
Harry schüttelte den Kopf. „Wenn Ron so weiter macht, wird Alex ihn eines Tages sitzen lassen und sich wen anderes suchen.“
„Das wird dann sein Problem sein, aber nicht meins“, erwiderte Hermione entschieden. „Denn auf keinen Fall werde ich diese Weihnachten im Fuchsbau verbringen.“
„Willkommen im Club“, sagte Harry und legte ihr freundschaftlich den Arm um die Schultern. Er selbst verbrachte schon seit mehreren Jahren Weihnachten nicht mehr mit den Weasleys. Genauer gesagt nicht mehr seit dem ersten Weihnachtsfest nach dem Krieg. Direkt nach dem Sieg hatte er, wie er es Ginny versprochen hatte, ihrer Beziehung eine zweite Chance gegeben und es waren, trotz aller widrigen Umstände schöne Monate gewesen. Natürlich hatten sie einander nur selten sehen können, wo sie doch in Hogwarts war und er seine Ausbildung begonnen hatte. Aber mit Briefen und den Hogsmeade-Wochenenden hatte er geglaubt, ihre Beziehung sei auf einem guten Weg, weshalb er sich auch gefreut hatte, Weihnachten im Fuchsbau zu verbringen. Es lief auch alles gut, bis sie zum Nachtisch kamen und Harry gerade nach einem Stück Siruptorte greifen wollte, als Ginny ihm einen Mince Pie mit den Worten ‚Mit Tausendfrucht Mince Meat, genau wie du es magst‘ auf den Teller gelegt hatte. Harry hatte nur noch nie von Tausendfrucht, geschweige denn Tausendfrucht im Zusammenhang mit Mince Meat gehört. Um keine Szene heraufzubeschwören, hatte er den Mince Pie gegessen, und auch wenn dieser nicht schlecht geschmeckt hatte, war ihm Siruptorte immer noch lieber.
Als sie später wieder im Grimmauldplatz waren, war die Frage, woher Ginny diese Idee gehabt haben könnte, aus ihm herausgeplatzt, obgleich er weder von Ron noch von Hermione eine Antwort darauf erwartet hatte. Dennoch hatte Hermione sie ihm geben können. Sie hatte das Gesicht verzogen und ihn gefragt, ob er sich noch daran erinnerte, wie sie damals in der ersten Klasse, als sie sie gerade kennengelernt hatten, gesagt habe, sie wisse alles über ihn, weil sie über ihn gelesen hatte. Offenbar hatten die Bücher über Harry auch so triviale Dinge wie sein vermeintliches Lieblingsessen enthalten. Sie hatte Harry einfach nur wortlos ihre alten Bücher gegeben.
Mit dieser Ahnung gewappnet, hatte Harry den Schund gelesen und auch wenn er zugeben musste, dass es als Fiktion mindestens so unterhaltsam waren wie die vermeintlichen Lehrbücher von Gilderoy Lockhart, so enthielten sie doch nur wenig Wahres über ihn. Und das wenige Wahre waren derartige Allgemeinplätze, dass sie genauso gut auch hätten schreiben können, dass er natürlich nur eine Nase, zwei Augen und zehn Finger hatte.
Bei nächster Gelegenheit hatte er Ginny zur Rede gestellt. Sie hatte natürlich alles abgestritten, aber als Harry sie mit den Fragen nach seinem Lieblingsessen – vermeintlich Drachensteak, tatsächlich Shepherd’s Pie –, seiner Lieblingsquidditchmannschaft – vermeintlich Tutshill Tornados, tatsächlich Gryffindor, er hatte keine Lieblingsprofimannschaft – und seinem Lieblingsspielzeug als Kind – vermeintlich eine Merlin Actionfigur, tatsächlich seine Babydecke, bei der er sich vorgestellt hatte, sie sei ein Teddybär oder ein Steckenpferd oder um welches Spielzeug er auch gerade Dudley beneidet hatte – bombardiert hatte, hatte sie eine nach der anderen siegessicher falsch beantwortet. Dies hatte ihm unwiderleglich gezeigt, dass sie nicht in ihn, Harry, verliebt war, sondern in die Vorstellung des Jungen, der lebt. Er hatte noch am gleichen Tag mit ihr Schluss gemacht und auch wenn ihm der Rest der Familie durch Ron versichert hatte, dass er immer noch jederzeit im Fuchsbau willkommen sei, vermied er Familienfeiern wie Weihnachten, um peinlichen Momenten wie strategisch aufgehängten Mistelzweigen zu entgehen. Stattdessen verbrachte er seither das Fest immer bei Andromeda und seinem Patenkind Teddy. Entsprechend schlug er Hermione jetzt vor, dass sie ja ihn begleiten könnte.
Sie schüttelte den Kopf. „Lieb von dir, aber ehrlich gesagt werden sich meine Eltern freuen, wenn ich dieses Jahr nicht wieder so früh gehen muss, nur um noch bei den Weasleys ein zweites Festmahl in mich hineinzuzwängen.“ Sie lächelte, wenngleich ein wenig gezwungen, denn noch immer hatten ihre Eltern ihr nicht ganz verziehen.
„Das wird schon werden. Immerhin kannst du dieses Jahr dann auch zum Weihnachtsfilm bleiben, das wird ihnen sicher viel bedeuten.“
Hermione nickte. Ihre Eltern hatten zwar letztlich eingesehen, dass die magische Welt Teil von Hermiones Leben war, aber das änderte nichts daran, dass sie sich aus diesem Teil ihres Lebens ausgeschlossen fühlten. Und wenn dieser Teil auch noch zunehmend die Familienfeiertage in Anspruch nahm… „Ich sollte vielleicht auch eine Tüte Mini-Marshmallows und Zutaten für heiße Schokolade mitbringen, damit es ganz wie in alten Zeiten wird…“
„Klingt nach einem guten Plan.“
Sie redeten noch ein wenig über die Feiertage, über die unvermeidlichen langweiligen Weihnachtsfeiern in ihrer jeweiligen Ministeriumsabteilung, und über dies und das, während sie durch den Tierpark ging, bis eine Durchsage sie darauf aufmerksam machte, dass der Zoo in einer halben Stunde schließen würde. Erst jetzt merkten sie, dass es bereits dunkel wurde. Während sie langsam zum Ausgang bummelten, sahen sie überall Angestellte, welche die Tiere in ihre Nachtgehege zu locken versuchten. Doch zu ihrer Verwunderung schienen die meisten Tiere sich dagegen zu sträuben. Zwar nicht so sehr, dass sie ihre Wärter angriffen, aber immer wieder wichen sie den Türen aus. Selbst die sonst so gutmütigen Elefanten weigerten sich beharrlich, das Außengehege zu verlassen.
„Nicht schon wieder“, rief einer der Wärter ungehalten. „Das ist jetzt schon der dritte Abend in Folge…“
Harry und Hermione sahen einander an. Ein so merkwürdiges Verhalten und die Aussage des Wärters hatten ihrer Erfahrung nur eines zu bedeuten: Da war Magie am Werk.
Doch leider konnte Harry, von Hermione gedeckt, trotz des Arsenals an Detektionszaubern, die ihm als Auror zur Verfügung standen, nichts entdecken. Beunruhigt blieb ihnen letztlich nichts anderes übrig als nach Hause zu gehen, wollten sie keine Aufmerksamkeit erregen.

***

Es herrschte Mittagspause im Ministerium, was hieß, dass allseits Ruhe auf den Gängen herrschte, während die Angestellten wahlweise die Cafeteria, eines der Lokale in der Winkelgasse oder in Muggellondon aufsuchten, oder an ihren Schreibtischen ihr mitgebrachtes Essen verspeisten.
Harry gehörte zur letztgenannten Fraktion. Zwar wusste er von Hogwarts her, dass Hauselfen durchaus in der Lage waren, hervorragendes Essen zu kochen, aber sie waren an das Budget gebunden, das ihnen zugestanden wurde und im Ministerium war dieses auf ein derart erbärmliches Minimum zusammengekürzt worden, dass man schon sehr verzweifelt sein musste, um dorthin zu gehen. Es waren dementsprechend überwiegend alleinstehende Zauberer und Hexen, die nie das Kochen gelernt hatten und aus finanziellen Gründen nicht auswärts aßen, die die Cafeteria frequentierten, denn so schlecht das Essen auch sein mochte, es machte satt und kostete fast nichts. Harry aber war sehr wohl in der Lage zu kochen, auch wenn er es vorzog, etwas Leichtes, wie ein Sandwich mit auf die Arbeit zu nehmen und abends dann warm zu kochen. Zuerst hatte Kreacher das Kochen noch übernommen, doch nachdem er endlich den letzten Befehl seines Meisters ausgeführt hatte und der Dunkle Lord, der jenen Meister Regulus indirekt getötet hatte, besiegt war, hatte Kreacher sich nicht mehr gar so eisern an das Leben geklammert und war zwei Jahre nach dem Sieg über Voldemort gestorben. Seither teilten sich die Freunde die Hausarbeit, wobei Harry die Küchenarbeit übernommen hatte.
Gerade hatte er sein Brot hervorgeholt, als es an der Tür zur Asservatenkammer klopfte. Harry grummelte. Hoffentlich war das kein Auror, der ausgerechnet jetzt Beweismittel abgeben wollte. Doch es war Hermione.
„Störe ich?“, fragte sie.
„Nur beim Essen.“
„Gut“, erwiderte sie grinsend und holte ihr eigenes Lunchpaket aus ihrer Tasche, zusammen mit einem Buch. „Das habe ich aus der Ministeriumsbibliothek“, sagte sie. „Es war falsch einsortiert, weshalb ich es beim ersten Durchgang nicht gleich entdeckt habe. Wie gut, dass wir beschlossen hatten, jetzt auch die Zaubertrankbücher durchzugehen, in der Hoffnung, dass dort vielleicht eine Pflanze oder ein Wesen als Zutat erwähnt wird, von der wir bislang nicht wissen.“
Harry nickte anerkennend. Seit ihrem Zoobesuch waren etwa zwei Wochen vergangen und obgleich er und Hermione gehofft hatten, über den Flurfunk zu erfahren, was mit den Tieren nicht stimmte, herrschte im Ministerium absolutes Schweigen darüber. Und da das Ministerium nicht wirklich dafür bekannt war, Geheimnisse zu bewahren, hieß das, dass noch niemand außer ihnen wusste, dass im Zoo etwas Magisches sein Unwesen trieb. Natürlich hatten Harry und Hermione es selbst anzeigen können, doch bei welcher Abteilung? Solange sie nicht genau wussten, was da sein Unwesen trieb, würde keine Abteilung sich zuständig fühlen und die Angelegenheit von einem Schreibtisch zum nächsten schieben. Daran änderte noch nicht einmal Harrys Ruhm etwas. Vielmehr würden die anderen Angestellten dann von ihm erwarten, dass er doch das Rätsel löste. Nicht, dass er das derzeit nicht sowieso tat.
Mittlerweile hatten Hermione und er sämtliche Bücher über magische Geschöpfe und Pflanzen in der Bibliothek im Grimmauldplatz durchgearbeitet, denn sie waren sich einig, dass weder ein Zauber, noch ein Fluch, noch ein Trank für das Verhalten der Tiere verantwortlich sein konnte, denn hier hätten Harrys Detektionszauber zumindest Spuren angezeigt. Und Harry überprüfte wenigstens alle drei Tage, ob sich an der Situation im Zoo mittlerweile etwas geändert hatte. Was leider nicht der Fall war. „Wenn ich doch nur in der Lage wäre noch Parsel zu sprechen“, sagte Harry jetzt nicht zum ersten Mal. Denn dann hätte er einfach die Schlangen fragen können.
„Wir kriegen es auch so heraus“, munterte Hermione ihn auf, während sie das Buch aufschlug.
Er seufzte und nickte. Aus Erfahrung wusste er, dass für wenigstens die nächsten zehn Minuten jede weitere Unterhaltung unmöglich war, während seine beste Freundin sich mit dem neuen Buch vertraut machte. So griff er in seine eigene Tasche und holte eines der Bücher aus der heimischen Bibliothek heraus. Doch statt des erwarteten Zaubertrankbuchs, hielt er plötzlich das Buch, das Nicholas Flamel ihm geschickt hatte, in der Hand. Er hatte ganz vergessen, dass er es Halloween in die Tasche gepackt hatte, um es vor den neugierigen Blicken seiner besten Freunde zu verstecken. Merkwürdigerweise war es ihm dabei mehr darum gegangen, das Buch vor Ron geheim zu halten denn vor Hermione. Dabei wäre es doch wenn Hermione, die eher Interesse an dem Buch zeigen würde. Aber Harry hatte gelernt, auf sein Bauchgefühl zu hören und daher das Buch in der Tasche versteckt. Jetzt jedoch, wo er mit Hermione alleine in seinem kleinen Büro war, hatte er keinerlei Bedenken, es durchzublättern. Und wer wusste schon, vielleicht gab ihm ja eine der Zeichnungen eine Idee für ihr Zooproblem, wenn schon die Buchstaben nicht stehen bleiben wollten.
„Was ist das für ein Buch?“, fragte Hermione neugierig, als sie schließlich von ihrem eigenen Druckwerk aufsah. „Ist das… Harry, was machst du mit dem Voynich-Manuskript? Woher hast du es? Und… wieso bewegen sich die Buchstaben?“
„Voy-was?“, fragte Harry überrascht.
„Das Voynich-Manuskript. Ein Buch, das bis heute nicht entschlüsselt wurde. Es ist im Besitz der Yale-Universität…“
„Keine Ahnung, nie von gehört. Ein alter Bekannter von uns hat mir das Buch geschenkt“, sagte Harry, obgleich er sich nicht sicher war, weshalb er Hermione nicht einfach sagte, dass er das Buch von Nicholas Flamel hatte.
„Es sieht genau aus, wie das Voynich-Manuskript…“, murmelte Hermione.
„Vielleicht ist dieses Voynich-Manuskript ja eine Muggelkopie, und weil die Muggel die sich bewegenden Buchstaben nicht darstellen konnten, haben sie eine Zwischenform aufgeschrieben“, schlug Harry vor.
„Möglich“, gab Hermione zu. „Weißt du denn schon, wie man die Buchstaben dazu bringt, stehen zu bleiben?“
Harry schüttelte den Kopf.
„Na, dann zeig mal her“, sagte Hermione und rutschte zu ihm herüber, nur um gleich darauf das Buch näher zu sich heran zu ziehen. In dem Moment, da sie beide das Buch berührten, meinte Harry, gesehen zu haben, wie die Buchstaben zum Stillstand kamen. Doch da hatte er das Buch schon losgelassen, damit Hermione es ganz zu sich ziehen konnte, und so war er sich nicht sicher, ob er sich das Ganze nicht vielleicht doch nur eingebildet hatte.
Doch auch später am Tag, als er bei einer Tasse Tee durch das Buch blätterte und sich dabei überlegte, was er seiner besten Freundin wohl zu Weihnachten schenken konnte, meinte er, die Buchstaben würden langsamer werden. Was war das nur für ein Buch? Doch schon tanzten die Buchstaben wieder wie eh und je über das Pergament. Also beschloss er lieber wieder über das Weihnachtsgeschenk nachzudenken. Nur, um abermals zu sehen, wie die Buchstaben sich verlangsamten. Sie kamen zwar nicht zum Stillstand, aber sie wechselten eindeutig nicht mehr so schnell wie gerade eben noch ihre Gestalt.

***

Harry war mit Hermione zum Einkaufen verabredet. Weihnachten rückte unbarmherzig näher und er hatte noch nichts für Teddy. Doch das war nichts, was ein Besuch bei Hamleys nicht ändern konnte. Er wollte, dass sein Patensohn all die Spielzeuge bekam, die ihm selbst immer verwehrt gewesen waren und angesichts der Tatsache, dass Ted Tonks selbst muggelstämmig gewesen war, hatte Andromeda vollen Herzens zugestimmt, als Harry ihr gesagt hatte, dass er wollte, dass Teddy sich in beiden Welten zu Hause fühlte. Abgesehen davon waren Muggel in Sachen Spielzeug der magischen Welt um Längen voraus, was Vielfalt und Farbenpracht anbelangte.
Harry freute sich schon den ganzen Tag auf die Einkaufstour, so dass, auch wenn sie beide heute früher Feierabend machen würden, die Stunden bis dahin sich endlos zu ziehen schienen. Es war schon merkwürdig, so gerne er auch einfach mit Ron mal rumhing, Zeit mit Hermione zu verbringen war jedes Mal etwas anderes. Vielleicht lag es daran, dass er bei ihr nicht ständig aufpassen musste, wenn sie in der Muggelwelt unterwegs waren, wie das bei Ron der Fall war. Oder vielleicht lag es auch daran, dass Gespräche mit ihr einfach eine viel größere Zahl Themen abdeckten. Ron mochte zwar immer den Kopf über Hermione und ihr Verlangen möglichst viel zu wissen schütteln, aber es sorgte dafür, dass eine Unterhaltung mit Hermione nie langweilig war. Aber dann war da noch der Punkt, den Harry sich allenfalls mitten in der Nacht, alleine in seinem Schlafzimmer, eingestand… dass er sich zu Hermione auf eine Art hingezogen fühlte, die über die Tatsache, dass sie seine beste Freundin war, hinausging. Er fühlte sich bei ihr wohl, so wohl, dass er bisweilen versucht war, sich einfach bei ihr anzulehnen, oder ihre Hand zu nehmen, oder… Doch bislang hatte er nicht den Mut gefunden, sie das auch nur andeutungsweise wissen zu lassen. Denn was, wenn sie seine Gefühle nicht erwiderte? Was, wenn sie sich dann genötigt fühlte, aus dem Grimmauldplatz auszuziehen? Das wollte er nun wirklich nicht. Oder was, wenn sie ähnlich für ihn fühlte, es aber nicht funktionierte und sie sich nur wenige Wochen später wieder trennten? Und sie dann auszog? Wie er es in seinem Kopf auch drehte und wendete, es endete immer damit, dass Hermione aus dem Grimmauldplatz und damit aus seinem Leben auszog, und das zu riskieren war Harry nicht gewillt. Stattdessen beschloss er einfach jede Gelegenheit, die sich ihm bot, Zeit mit Hermione alleine zu verbringen, zu nutzen und zu genießen – als ihr bester Freund.
„Bist du soweit?“, kam es da von der Tür her. Überrascht blickte Harry auf die Uhr, es war tatsächlich schon Zeit für ihre Einkaufstour. Er lächelte Hermione an und nickte.
„Ich muss auch noch zu Harrod’s“, sagte Hermione während er sich den Mantel anzog. „Deine Wahl, wohin wir zuerst gehen.“
Harry dachte kurz nach. „Parfum oder kein Parfum, das ist hier die Frage. Harrods ist okay, bis auf die Parfumhalle.“
Hermione lachte. „Dann erst Harrods, denn ich wollte meiner Mutter tatsächlich ein neues Parfum holen. Wenn wir dort also zuerst hingehen, haben wir es hinter uns.“
„Dafür gehen wir aber hinterher noch in einen Pub Abendessen“, verhandelte Harry. „Inklusive Dessert.“
Hermione lachte immer noch und nickte. „Und das Dessert geht auf mich.“
So schlimm die Parfumhalle in Harrods auch war, so war die U-Bahn noch schlimmer, war es doch, bis sie bei Harrods fertig waren, bereits Feierabendstoßverkehr. Umso froher war Harry, dass sie sich für ihren Einkaufsbummel keinen Samstag ausgesucht hatten. Denn dann wäre auch Hamleys unerträglich gewesen. Auch so war das Spielwarengeschäft mehr als gut besucht. Auf allen sechs Etagen zeigten Angestellte Neuigkeiten oder Sonderangebote, die Kindertrauben um sie herum ein deutliches Zeichen, wie erfolgreich sich das jeweilige Spielzeug verkaufen würde. Denn auch wenn die Eltern oft genug die Augen verdrehten, war nun mal bald Weihnachten und da war auch das ein oder andere unvernünftige Spielzeug erlaubt.
„Und, schon irgendeine Idee, was du Teddy schenken willst?“, fragte Hermione, während sie ihren Blick über die Stofftiere schweifen ließ.
Harry schüttelte den Kopf. „Ich dachte, ich lasse mich einfach durch alle Stockwerke treiben und wann immer ich ein Kind ähnlich wie Dudley sehe, schaue ich, was es will, mache mir eine Gedankennotiz und wähle am Schluss das Spielzeug, das noch am ehesten in die Kategorie ‚pädagogisch wertvoll‘ fällt, so dass ich von Andromeda keinen Ärger bekomme.“
„Gerade der letztgenannte Punkt ist sehr weise“, erwiderte Hermione lächelnd und so ließen sie sich treiben.
Im ersten Obergeschoss machte sich Harry dann die erste Gedankennotiz, obwohl er ursprünglich gedacht hatte, dass Teddy für die Dinge in diesem Stockwerk schon zu alt war. Aber gab es doch tatsächlich Kinder, die aufgeregt ihre Eltern in die Bücherabteilung zogen, die ebenfalls in diesem Stockwerk untergebracht war. Es erinnerte ihn an Dudley und dessen scheinbar endlose Kollektion Hörspielkassetten, denn auch wenn Dudley natürlich Bücher verabscheut hatte, hatte er es geliebt vorgelesen zu bekommen und Hörspielkassetten waren da für diesen unersättlichen Hunger nach Unterhaltung genau richtig gewesen, wenn es mal wieder Schlafenszeit war und der Fernseher somit ausschied und Tante Petunia bereits von den drei Geschichten, die sie tapfer vorgelesen hatte, heiser war. Vielleicht fand er ja das ein oder andere Buch, wozu er Teddy auch passendes Spielzeug besorgen konnte…
Noch aber hatten sie vier weitere Stockwerke vor sich. Im nächsten Stock blieben sowohl Harry als auch Hermione mit leuchtenden Augen wie angewurzelt stehen, wenngleich beide aus unterschiedlichen Gründen.
„My little Pony“, hauchte Hermione und konnte die Augen kaum von der neusten Kollektion Erdponys abwenden.
„Ninja Turtles“, sagte Harry nur fasziniert und erinnerte sich nur zu gut, wie sehr er seinen Cousin um dessen Actionfiguren beneidet hatte. Wenn er nicht genau wüsste, dass Andromeda ihm dafür gehörig die Ohren langziehen würde, würde er Teddy die ganze Kollektion kaufen, nur damit er selbst damit spielen konnte. Als er zu seiner besten Freundin hinüber blickte, musste er mit einem Grinsen feststellen, dass es bei ihr und den Ponys wohl ähnlich war. Spontan beschloss er, später noch einmal zurück zu kommen, und ein paar der Pferdchen für sie zu kaufen. Schließlich würde sie sich diese nie selbst kaufen, geschweige denn auf ihren Wunschzettel an ihre Eltern setzen, fand sie sich doch garantiert schon viel zu alt dafür. So wie aber ihre Augen leuchteten, würde sie dafür nie zu alt werden.
Schließlich aber lösten sie sich von dem Anblick der Spielsachen und ließen sich weiter treiben, nur um dann im dritten Stock so schnell wie möglich die Rolltreppe zum vierten Stock zu nehmen. Denn im dritten Stock hielt Santa Hof und auch wenn der Weihnachtsmann selbst im separaten Partyraum war, war die Schlange, die auf den nächsten Einlass wartete, doch zu viel für sie. Ferngesteuerte Autos würden in Andromedas Haus leider nicht lange funktionieren und für Modellbaukasten war Teddy noch zu jung, weshalb Harry und Hermione auch dieses Stockwerk alsbald hinter sich ließen. Blieb noch das oberste Stockwerk mit seiner Legovielfalt, die einzig von den nach Süßigkeiten bettelnden Kindern übertroffen wurde. Harry hatte Teddy bereits Lego-Duplo und andere Steine für kleinere Kinder geschenkt, so dass es ihm nicht schwer gefallen wäre, hier Erweiterungen zu finden, aber er wollte auch nicht berechenbar werden und immer Lego schenken.
„Okay, es läuft auf Bücher zum Vorlesen hinaus“, sagte er schließlich. „Möglichst etwas, wo es auch noch Spielzeug und andere Dinge dazu gibt, damit ich mir für seinen Geburtstag nichts Neues ausdenken muss.“
Hermione schien kurz zu überlegen, dann fragte sie: „Wie wäre es mit Paddington Bär? Das habe ich in Teddys Alter geliebt und es gibt jede Menge Sachen mit Paddington… Müslischalen, Kindergartentaschen, Federmäppchen, und natürlich die Figur selbst in allen möglichen Ausführungen als Spielzeug selbst.“
Das klang vielversprechend und so kaufte Harry schließlich ein paar der illustrierten Bücher. Zum Geburtstag würde er dann vielleicht den Bären als Stofftier und ein weiteres Buch kaufen, wenn Teddy auf Paddington ansprach.
Sie ließen den Abend gemütlich in einem Pub gleich um die Ecke ausklingen. Beide fanden, der Name ‚Red Lion‘ war für sie passend, und das Essen gut und die Stimmung entspannt. Harry wünschte, der Abend würde nie enden und er könnte noch einfach eine kleine Ewigkeit Zeit mit Hermione verbringen.
Doch das ging natürlich nicht. Und natürlich wartete zu Hause auch noch Ron auf sie, der aufgebracht war, weil Harry kein Abendessen gekocht hatte.
„Ron, du bist alt genug, dir entweder ein Sandwich zu machen, oder einfach zum Tropfenden Kessel zu flohen und dort etwas zu essen“, sagte Harry. „Sicher, wir hätten dir Bescheid sagen können, aber bei Hamleys hatten sie nur Plüscheulen, die eignen sich nicht so sehr als Postboten.“ Der Nachmittag und Abend war einfach zu schön gewesen, als dass er gewillt wäre, sich das durch Rons Gemecker verderben zu lassen.

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Re: Der Schlüssel zum Glück

Beitragvon chaotizitaet » 24. Dez 2016, 09:48

Angesichts ihrer sehr unterschiedlichen Pläne für die Weihnachtsfeiertage, hatten die drei Freunde beschlossen, bereits am dreiundzwanzigsten Dezember untereinander Geschenke zu tauschen. Auch Alex war bei der Gelegenheit anwesend, wollten Harry und Hermione ihm doch zu verstehen geben, dass auch wenn Ron es noch nicht geschafft hatte, den übrigen Weasleys die Wahrheit zu sagen, sie ihn schon zur Familie zählten. Das zeigte sich auch darin, dass Harry Alex volles Gastrecht für den Grimmauldplatz einräumte und ihm erklärte, das Zimmer neben Rons sei fortan für ihn reserviert. Hermione schlug in die gleiche Kerbe, indem sie ihnen einen Paarkalender schenkte, den sie extra für Ron verzaubert hatte, so dass er jetzt abwechselnd Bilder der Chudley Cannons und von Ron und Alex zusammen zeigte.
Alex war sichtlich angetan von diesen beiden Geschenken und auch Ron freute sich.
Doch auch Alex und Ron hatten offenbar beschlossen, dass es einfacher, wenn sie gemeinsam Geschenke besorgten, wobei Rons Beitrag offenkundig darin bestanden hatte, zu erzählen, was seine Freunde gerne hatten und Alex sich dann Gedanken darüber gemacht hatte, wie man daraus Geschenke gestalten konnte, die nicht einfach nur die üblichen Gutscheine für Flourish & Blotts und Honeydukes waren. Und so bekam Harry von ihnen eine Jahreskarte für den Zoo geschenkt und Hermione ein Abo von Hatchards. Beide waren überrascht und sehr erfreut über ihre Geschenke. Dann war es an Harry und Hermione ihre Geschenke zu tauschen. Beide staunten sie nicht schlecht, als sie einander Pakete in verräterischem Papier verpackt überreichten. Das alleine ließ sie schon auflachen.
„Sieht aus, als hätten wir beide keine Lust gehabt, uns hinterher noch mit Geschenkpapier und Klebeband herumzuschlagen“, sagte Harry grinsend, während er darauf wartete, dass Hermione ihr Geschenk auspackte. Doch auch sie schien auf seine Reaktion gespannt zu sein und so einigten sie sich schließlich gemeinsam auf ‚Drei‘ die Geschenke auszupacken.
Als Ron sah, was da zum Vorschein kam, erklärte er seine beiden besten Freunde für eindeutig verrückt. Was um alles in der Welt wollte Harry mit ein paar merkwürdigen Kampfschildkröten und seit wann stand Hermione auf Einhörner ohne Hörner?
Harry und Hermione aber lachten noch immer.
„Ich weiß, dass du sie dir nie selber gekauft hättest…“ Die Art, wie beide nahezu synchron sprachen, war fast schon gespenstisch.
„Sie sind wunderschön Harry!“, sagte Hermione und umarmte Harry.
„Und meine Ninja Turtles sind wirklich ultracool!“ Er erwiderte die Umarmung.
„Verrückt, alle beide“, murmelte Ron noch immer, bis Alex ihm zuflüsterte, dass sie ja vielleicht die beiden Verrückten alleine lassen könnten und stattdessen sein neues Zimmer ansehen könnten… Und so stahlen sie sich davon, während Harry und Hermione noch immer verzückt ihre Spielzeuge ansahen.
Erst allmählich merkten sie, dass es um sie herum viel zu ruhig geworden war. Beide sahen einander an und grinsten, konnten sie sich doch nur zu gut vorstellen, wo die anderen beiden abgeblieben waren.
„Vielen Dank noch einmal, Harry. Niemand außer dir wäre auf die Idee gekommen, mir My Little Pony Figuren zu schenken.“
„Jeder, der dich bei Hamleys gesehen hätte, und noch auf der Suche nach einem Geschenk für dich gewesen wäre, hätte auf die Idee kommen können“, widersprach Harry.
Hermione schüttelte den Kopf. „Es ist eine Sache, wenn man jemanden mit leuchtenden Augen sieht, aber eine andere, wenn man denjenigen gut genug kennt, ihm die Sachen, die das Leuchten hervorruft, auch zu kaufen. Besonders, wenn es sich dabei um Kinderspielzeug handelt. Ron hätte zwar vielleicht mitbekommen, dass mir die Ponys gefallen, aber er hätte daraus geschlossen, dass ich als Kind welche hatte und einfach einen nostalgischen Anflug bei dem Anblick hatte. Ich hätte von ihm immer noch nur Bücher bekommen.“
Dem konnte Harry nur schwer widersprechen. Er hatte einfach gewusst, dass Hermione sich über die Ponys freuen würde. Ähnlich, wie Hermione wohl gewusst hatte, dass er sich über die Ninja Turtles freuen würde. Aber taten das beste Freunde nicht eigentlich immer? In dem Moment, wo er sich diese Frage stellte, wusste er, dass die Antwort darauf ‚Nein‘ lautete. Denn Ron war sein bester Freund und wäre dennoch nicht auf die Idee gekommen, ihm Spielzeug zu schenken. Nicht, dass die Jahreskarte für den Zoo nicht aufmerksam gewesen wäre, aber es war eben beste-freunde-aufmerksam und nicht Hermione-aufmerksam. Er selbst wusste ja, weshalb er bei ihr anders aufmerksam war, als etwa bei Ron, aber mochte es sein, dass sie…
Um sich abzulenken, nahm er seine Jahreskarte und begann sie eingehend zu studieren. Doch seine Gedanken fingen sofort wieder an abzudriften. Vom Zoo zu den Tieren, die sich nach wie vor merkwürdig verhielten, zu dem einzigen Buch, dass sie bislang dazu nicht hatten studieren können, weil die Buchstaben nicht still standen, zu dem Effekt, den er beobachtet hatte, dass sie langsamer zu werden schienen, wenn er an Hermione dachte… und an den Brief, den Flamel ihm an Halloween geschickt hatte, worin er geschrieben hatte, dass das Buch der Schlüssel zum Glück sei und ihm seinerzeit Perenelle geschenkt hatte.
Harrys Augen weiteten sich. Sollte das vielleicht bedeuten, dass… Er sprang auf und holte das Buch.
„Harry?“, fragend sah Hermione ihn an, wusste sie doch nichts von seinen Gedankensprüngen.
„Ich habe eine Theorie, und wenn ich richtig liege, dann bin ich heute der glücklichste Mensch auf der Welt.“ Er setzte sich neben sie auf das Sofa und schlug das Buch auf. Nervosität erfüllte ihn, doch er würde jetzt keinen Rückzieher mehr machen. „Fass das Buch an. Bitte.“
Hermione zog die Augenbrauen hoch, tat ihm aber den Gefallen.
In dem Moment, da sie beide das Buch berührten, blieben die Buchstaben stehen.
„Harry, aber wie…?“
Harry sah sie an und lächelte. „Das Buch ist der Schlüssel zum Glück. Der Grund, weshalb ich wusste, dass du dich über die Ponys freuen würdest und weshalb du wusstest, dass die Ninja Turtles das perfekte Geschenk für mich wären, und weshalb die Buchstaben zu tanzen aufhören, wenn wir beide das Buch berühren, ist der, dass du mein Glück bist. Und ich hoffentlich deines…?“ Fragend sah er sie an.
„Oh Harry…“ Die Art, wie Hermione ihn ansah, war Einladung genug für Harry. Er beugte sich zu ihr hinüber und küsste sie.

Später – viel später und definitiv ein paar weitere Küsse später – blickte Harry wieder auf das Buch. „Wollen wir herausfinden, was das Buch noch für uns bereit hat? Flamel hat geschrieben, dass es ihm Perenelle und den Stein der Weisen geschenkt hat.“
„Das Buch ist von Nicholas Flamel?“, fragte Hermione aufgeregt.
Harry nickte. „Er hat es mir an Halloween geschickt. Allerdings ohne wirkliche Gebrauchsanweisung…“
Hermione lächelte. „Erinnert mich an einen anderen alten Zauberer, den wir kannten. Vielleicht glauben Menschen mit zunehmendem Alter, die meisten Dinge seien selbstverständlich, weil sie schon so lange darum wissen.“
„Wer weiß… Aber wenn ich nach Flamels Schreiben gehe, müsste das Buch noch ein weiteres Geheimnis für uns enthüllen.“
„Ich hoffe, es ist kein Stein der Weisen“, sagte Hermione und schauderte.
Nach ihren Erfahrungen mit Voldemort hatten sie gewiss kein Interesse an einem ewigen Leben.
Es gab nur einen Weg, das herauszufinden und so sahen sie beide wieder auf das Buch, beide mit einem Lächeln auf den Lippen. Das Lächeln gefror jedoch alsbald und machte Verwirrung Platz. Die Buchstaben waren zwar stehen geblieben, lesen konnten sie es deswegen immer noch nicht.
„Kennst du diese Sprache?“, fragte Harry Hermione, doch diese schüttelte sofort den Kopf.
„Die Buchstaben sind normale lateinische Buchstaben, aber die Anordnung entspricht keiner mir bekannten Sprache.“
„Vielleicht steht unser Geschenk ja auf einer anderen Seite“, schlug er vor. Schließlich hatte Flamel ja nur davon geschrieben, dass ihm das Buch den Stein geschenkt hatte, nicht davon, dass er sich aus der Vielzahl der Seiten ausgerechnet das Rezept für den Stein ausgesucht hatte. Oder dass das Rezept für den Stein so lang und kompliziert war, dass es das ganze Buch umfasste. Nein, vielmehr glaubte Harry, dass das Buch ahnte, was ihn außer Hermione glücklich machen würde und würde nur diese eine Seite enthüllen.
Gemeinsam machten sie sich daran, das Buch durchzublättern, bis sie schließlich tatsächlich auf eine Seite stießen, die sie lesen konnten. Es war ein Zaubertrankrezept und als Harry den Titel las, wurde er ganz aufgeregt. „Ein Sprachtrank!“, rief er und überflog die Zutaten. Inzwischen hatte er dank seiner Aurorenausbildung ein besseres Verständnis dafür, was welche Zutaten bewirken sollten. Und was er da las, ließ ihn gar noch aufgeregter werden. „Hermione, wenn ich das Rezept richtig interpretiere, dann könnte es mir der Trank ermöglichen, mit Tieren zu sprechen.“
Hermione zog zweifelnd die Augenbrauen hoch. „So wie ich das sehe, beziehen sich die Zutaten mehr auf das geschriebene denn das gesprochene Wort…“
Harry sah ihr an, dass es ihr nicht leicht fiel, seinem Enthusiasmus einen Dämpfer zu verpassen. Er wies auf eine Zeile. „Aber genau deshalb verlangt das Rezept doch nach Plappergeienfedern.“
„Harry, da steht nichts von Plappergeienfedern. An dieser Stelle verlangt das Rezept nach Squinte.“
Verdutzt sahen sie einander an. „Kann es sein, dass das Buch uns leicht unterschiedliche Rezepte präsentiert?“, fragte Harry schließlich.
„Wie wäre es, wenn wir jeder das Rezept abschrieben, damit wir sicher gehen, dass es nicht verschwindet, wenn wir das Buch loslassen und dann können wir es ja vergleichen“, schlug Hermione vor.
Es handelte sich tatsächlich um zwei Varianten ein und desselben Tranks. Die Zugabe der Plappergeienfedern würde es dem Trinker erlauben, die gesprochene Sprache zu verstehen, während die Squinte dafür sorgte, dass der Trinker das geschriebene Wort verstand.
„Aber… sagtest du nicht, dass das Buch Flamel nur noch den Stein oder das Rezept für selben geschenkt hat?“
„Vielleicht…“, Harry zögerte. „Vielleicht sehnten sich sowohl Nicholas als auch Perenelle nach einem sehr langen Leben. Bei uns hingegen… Du liebst Bücher über alles und es würde für dich die Welt bedeuten, ein jedes Buch auf der Welt lesen zu können. Mir hingegen bedeutet es mehr, die Sprache zu verstehen, insbesondere, wenn damit die Sprache der Tiere eingeschlossen ist. Und beides ist sich ähnlich genug, dass das Buch uns diesen Wunsch erfüllen konnte.“
„Ich denke, es gibt nur eine Möglichkeit dies herauszufinden.“
Harry grinste. Sie würden die Tränke brauen. Und wenn sie funktionierten, könnten sie endlich auch das Rätsel um den Londoner Zoo lösen.

***

Zwei Jahre später

Harry und Hermione klopften an der Tür des Fachwerkhäuschens in der Altstadt Ribes. Nur dank der Einladung in ihrer Hand, waren sie in der Lage das Haus in der dänischen Kleinstadt zu sehen, war hier doch offenkundig ein Fideliuszauber am Werk.
Die Tür wurde von einer Frau geöffnet, die eindeutig nicht so alt aussah, wie sie tatsächlich war, aber ehrlich gesagt, hätten weder Hermione noch Harry gewusst, wie sie sich eine Frau in ihren Sechshunderten vorstellen sollten. Es war Perenelle Flamel. „Nicholas, sie sind hier!“, rief sie über ihre Schulter ins Haus, während sie Harry und Hermione hereinbat.
Das Haus strahlte eine Gemütlichkeit aus, die nicht darauf schließen ließ, dass die Flamels erst seit wenigen Jahren dort wohnten, aber Harry vermutete, dass sie in ihrem Leben so oft Häuser und Wohnungen neu eingerichtet hatten, dass sie inzwischen genau wussten, was sie wollten, und wohin was gestellt werden musste, um sich zu Hause zu fühlen. Und dass sie auch genau wussten, welche Weihnachtsdekorationen sie für diese Jahreszeit um sich haben wollten.
„Freut mich, dass ihr Zeit gefunden habt, vorbeizuschauen“, sagte da Nicholas und ein vergnügtes Funkeln blitzte in seinen Augen.
Harry und Hermione sahen einander an und lachten leise. Seit jenem schicksalsträchtigen Weihnachten waren sie tatsächlich überaus beschäftigt gewesen, aber keiner von ihnen bereute auch nur eine Sekunde davon. Abgesehen vielleicht von der Begegnung mit dem taubstummen Yeti, aber gut, man konnte eben nicht alles haben.
„Es ist Weihnachten, Sir, und es stand nie zur Debatte, das Fest woanders als mit unserer Familie zu verbringen. Wir waren Heiligabend bei Hermiones Eltern und gestern bei meinem Patensohn. Und von England nach Dänemark ist nun wirklich keine große Entfernung“, sagte Harry.
„Das mit dem Sir lass gleich stecken und kommt ja nicht auf die Idee, Perenelle mit Ma’am anzureden. Wir sind Nicholas und Perenelle für Freunde. Und ihr seid definitiv Freunde“, erklärte Nicholas sofort. Perenelle, die mit einem Tablett mit Tee und Kaffee ins Wohnzimmer kam, nickte.
„Oder glaubt ihr etwa, Nicholas würde sein geheiligtes Buch einfach einem Wildfremdem überlassen?“, fragte sie.
„Das ist es ja genau, was wir nicht ganz verstanden haben. Oder zumindest, was ich nicht ganz verstanden habe“, gestand Hermione. „Harry hat es einfach akzeptiert… Aber Sie haben beide Harry nie persönlich getroffen. Und der Stein, den er im ersten Jahr in Hogwarts gerettet hat, wurde anschließend zerstört, weshalb er Ihnen also nicht wirklich einen Dienst erwiesen hat.“
„Aber er hat Tom Riddle besiegt und so dafür gesorgt, dass Perenelle und ich noch ein paar Generationen in Frieden weiterleben können, wenn nichts dazwischen kommt. Und wie ihr beide inzwischen sicher erraten habt, haben wir uns einfach einen neuen Stein der Weisen kreiert. Natürlich nachdem wir vermeintlich verstorben sind.“ Nicholas dankte Perenelle und nahm eine Tasse Kaffee entgegen.
„Tut mir leid“, sagte da Harry. „Ich habe versucht, es Hermione zu erklären, aber es ist mir ja schon nicht wirklich gelungen, ihr zu erklären, wie verloren ich mich nach dem Krieg gefühlt habe…“
Dies entlockte Nicholas ein Lächeln. „Perenelle hat es erst nach dem Dreißigjährigen Krieg verstanden. Der war zwar ein reiner Muggelkrieg, aber es gab damals so viele junge Leute, die in eine Welt hineingeboren wurden, die von diesem Krieg bestimmt war, die darin aufwuchsen und schließlich selbst kämpften, dass sie Schwierigkeiten hatten, sich hinterher in dem vermeintlich normalen Leben zurecht zu finden. Aber du wirst mir zustimmen, dass die Welt gut auf eine Neuauflage dieses Krieges verzichten kann.“
Alle Anwesenden nickten.
„Harry meinte, Sie hätten offenbar etwas ähnliches durchgemacht wie er…“, sagte Hermione, wobei ihr Tonfall mehr dem einer Frage glich. Als ihr dies bewusst wurde, lief sie leicht rot an. Harry aber grinste nur und drückte vertraut ihre Hand. „Tut mir leid, aber unser Geschichtsunterricht in Hogwarts ließ ein wenig zu wünschen übrig“, entschuldigte sie sich.
Doch Perenelle und Nicholas lachten nur. „Wenn wir nicht bereit gewesen wären, ein paar Fragen zu beantworten, hätten wir euch nicht zu uns eingeladen“, erklärte Perenelle freimütig.
„Harry hat Recht“, gab Nicholas zu. „Ich habe in der Tat etwas Ähnliches wie er durchgemacht. Vielleicht wisst ihr, dass zu Beginn des vierzehnten Jahrhunderts eine schlimme Pestepidemie Europa heimgesucht hat?“
Beide nickten sie, hatten sie davon doch während ihrer Grundschulzeit im Geschichtsunterricht gehört.
„Was die wenigsten magischen Menschen auf den britischen Inseln aber wissen ist, dass die Pestepidemie auf einen genuesischen Zauberer namens Roderigo Murida zurückgeht“, begann Nicholas zu erzählen. „Er war der Dunkle Lord seiner Zeit mit einem absoluten Hass auf alle Muggel. Soweit ich seine Geschichte nachvollziehen konnte, wurde er als kleiner Junge von einem Handelszug entführt und an die Goldene Horde verkauft. Das und die Dinge, die er in der Folge erlebte, können wohl als Auslöser dienen, aber es entschuldigt natürlich nicht seine Taten. Auf der Suche nach einer Fluchtmöglichkeit entdeckte Roderigo schließlich, dass er sich in eine Ratte verwandeln konnte. Doch nachdem ihm die Flucht geglückt war, hat er nach einer Möglichkeit gesucht, sich an den Muggeln zu rächen und hat so Flöhe mit einem Pesttrank infiziert und diese dann in seiner Rattengestalt verteilt…“
Harry fand es reichlich gespenstisch, dass sowohl in Nicholas‘ Leben als auch in seinem offenbar ein böser Rattenanimagus eine treibende Kraft gewesen war.
„Überhaupt geht der Pesttrank und damit die Pest an sich in der Form, wie sie die europäische Geschichtsschreibung kennt, auf Zauberer zurück, unglücklicherweise auf einen meiner Urahnen.“
Hermione schnappte überrascht nach Luft.
„Er war ein Gelehrter in Pelusium, der sich überwiegend mit Zaubertränken und Heilkunde beschäftigte. Aber in den Zeiten der Wirren um den Niedergang des oströmischen Reichs suchte man auch in Ägypten nach anderen Waffen, Feinde abzuwehren, und so kreierte er diesen Trank. Als er erkannte, was er da geschaffen hatte, vernichtete er sofort alle Aufzeichnungen, doch da war der Trank bereits einem seiner Schüler in die Hände gefallen. Was folgte war die Justinianische Pest. Jener Vorfahre hat sich natürlich sofort daran gemacht, ein Gegenmittel zu entwickeln, aber es dauerte ein paar Jahre, bis der Trank perfektioniert war und die Pest schließlich besiegt wurde.“
„Doch das Pestrezept hat im Dunklen überlebt?“, fragte Hermione und Nicholas nickte.
„Der Schüler war sehr begabt… und auch wenn er nicht von Natur aus ein Dunkler Zauberer war und den Menschen böse gesonnen, so war er doch unvorsichtig genug… Und ja, ein Großteil des Rezepts hat seinen Eingang in verschiedene Schwarzmagische Schriften gefunden. Es war so vollständig, dass jeder Mensch mit einer entsprechenden Zaubertrankausbildung in der Lage war, auf die fehlenden Zutaten und Arbeitsschritte zu schließen und so seine eigene Abwandlung zu kreieren. Was allerdings das Heilmittel betraf, so war mein Urahn vorsichtiger und so bin ich der derzeitige Hüter dieses Rezepts. Und so war auch ich es, der seinerzeit den Kampf gegen Roderigo Murida aufnehmen musste, als mein Vater starb. Der Pest Einhalt zu gebieten, war über Jahre hinweg mein einziger Lebensinhalt, abgesehen von den Versuchen, Murida selbst zu finden und daran zu hindern, weiteren Schaden anzurichten, dass ich, als ich dies endlich vollbrachte, nichts mehr mit meinem Leben anzufangen wusste.“
Harry nickte. Es war wie er vermutet hatte, dass Nicholas ihn genau verstand.
„Zum meinem Glück erkannte dies der kaiserliche Hofmagier Angelus und schenkte mir das Buch.“ Nicholas ergriff Perenelles Hand und lächelte sie an.
„Ich habe noch nie von diesem Angelus gehört.“ Hermione war fasziniert.
„Vermutlich weil sein Wirken weitgehend unbekannt ist und er es somit nicht zu einer eigenen Schokofroschkarte gebracht hat“, erwiderte Perenelle amüsiert. „Aber er war ein großer Arithmantiker. Sein größter Wunsch war es, die Wunder der Welt in ihrer magischen Form auf Pergament zu bringen. Doch mit diesem Werk ist ihm selbst ein Wunder gelungen, auch wenn er die Schöpfung selbst nicht entschlüsseln konnte.“
„Er lud mich nach meinem Sieg über Murida zu sich ein und als er erkannte, was mich plagte und sah, dass ich ein in seinen Augen guter Mann war, beschloss er mir eine Kopie seines Werkes zu geben. Er war wohl auch neugierig, wie sich das Werk in meinen Händen verhalten würde. Und wie ich dir, Harry, bereits schrieb, hat er mir Perenelle und den Stein der Weisen geschenkt.“
Harry lächelte. Er konnte sich nun gut vorstellen, dass für jemanden wie Perenelle, die bereits zweimal verwitwet gewesen war, ehe sie Nicholas kennengelernt hatte, und für Nicholas, der sein Leben lang den frühen Tod bekämpft hat, der Stein der Weisen und das damit verbundene lange Leben die Erfüllung eines Traums war. Für ihn und Hermione hingegen war der Sprachtrank viel wertvoller.
„Ist es das Originalwerk von Angelus, das heute in der Muggelwelt als Voynich-Manuskript bekannt ist?“, fragte nun Hermione.
Nicholas lachte und nickte. „Ich hätte wissen müssen, dass du um dieses Manuskript weißt. Es wundert mich nur, dass du mich nicht schon längst kontaktiert hast, um all diese Fragen zu stellen.“
Hermione errötete ein wenig. „Das hätte ich vermutlich auch getan, hätte Harry mich nicht davon abgehalten.“
„Ihre Krähe ist letztes Jahr sofort weggeflogen, weshalb ich annahm, dass Sie nicht unbedingt von Posteulen oder anderen Botenvögeln heimgesucht werden wollten. Zumal ich ja bis dahin nicht einmal gewusst hatte, dass Sie beide noch am Leben sind“, verteidigte sich Harry. „Daraus schloss ich einfach, dass Sie Ihre Existenz vorerst noch geheim halten wollten. Was aber nicht funktioniert hätte, wenn Hermione Ihnen ständig neue Fragen geschickt hätte.“
„Das ist sehr lobenswert von dir, Harry“, sagte nun Perenelle. „Und in der Tat würden wir es vorziehen, wenn ihr auf Botenvögel verzichtetet. Aber wir sind schließlich mittlerweile im einundzwanzigsten Jahrhundert und dieses Haus verfügt durchaus über ein Telefon und sogar über einen Internetanschluss. Und E-Mails sind weitaus unauffälliger in der heutigen Zeit.“
„Aber… ich dachte immer Magie und Elektrizität vertragen sich nicht und Magie zerstört die elektrischen Geräte“, brach es aus Hermione heraus.
„Es kommt ganz darauf an, wie viel Magie man in einem Haus einsetzt, mein Kind“, erklärte Nicholas. „Wenn man das Grundprinzip, dass alles aus Energie besteht, zugrunde legt, ist Magie nichts anderes als eine Möglichkeit, diese Energie zu nutzen und Elektrizität eine andere. Beide Möglichkeiten verändern dabei die Energie und es entsteht ein Feld um diese Energie. Es sind die beiden Felder, die inkompatibel sind. Wenn man jetzt also eine Schule für Magie betrachtet, oder ein Krankenhaus, wo den ganzen Tag Magie eingesetzt wird, so ist dieses magische Feld entsprechend groß und elektrische Felder werden davon überladen und die Geräte gehen kaputt. Ebenso würde etwa ein Erinnermich oder ein Omniokular in einem elektrischen Umspannwerk nicht überdauern. In einem Haus wie diesem aber, mit nur zwei magisch begabten Menschen, die hier dauerhaft leben, und die nicht für jeden Handgriff Magie nutzen, können beide Felder existieren, wenn man sich an ein paar Grundregeln hält. Man darf zum Beispiel nicht das Telefon mit einem Aufrufezauber herbeiholen, wenn es klingelt.“
Hermiones Augen leuchteten, als hätte Nicholas ihr soeben noch ein weiteres Weihnachtsgeschenk überreicht. „Harry, weißt du was das bedeutet?“
Harry schüttelte den Kopf, sah sie aber erwartungsvoll an.
„Wir könnten meine Eltern von überall auf der Welt, wo wir gerade auch sind, kontaktieren. Wir gehen einfach in das nächste Internetcafé und können von dort eine E-Mail schicken, selbst wenn wir in einer vollmagischen Herberge nächtigen.“
Jetzt konnte Harry verstehen, wieso Hermione über diese Möglichkeiten so aufgeregt war. So sehr ihre Eltern sich auch für sie beide gefreut hatten – nicht zuletzt, weil Harry in einem Muggelhaus weitaus besser zurecht kam als Ron und es somit weniger wahrscheinlich schien, dass diese Beziehung Hermione endgültig aus der Muggelwelt reißen würde – so wenig waren sie davon angetan gewesen, dass ihre neuerworbenen Sprachfähigkeiten sie plötzlich an die verschiedensten Orte der Welt verschwinden sahen. Wenn sie aber mit ihnen in Kontakt bleiben konnten und noch dazu über ein Muggelkommunikationsmittel würde es für Hermiones Eltern eher so sein, als würde ihre Tochter im Ausland studieren oder bei eine gemeinnützigen Organisation wie Ingenieure ohne Grenzen arbeiten.
„Aber zurück zu deiner Frage, Hermione“, sagte da jetzt Nicholas. „Ja, das Manuskript, das du als Voynich-Manuskript bezeichnest, ist tatsächlich das Originalwerk von Angelus. Und darin zeigt sich auch das Genie von Angelus. Seine Erben versuchten es zu verkaufen, weil sie sich davon mehr Reichtum versprachen als von dem Buch selbst. Aber in dem Moment, da Geld und Buch die Besitzer wechselten, blieben die Buchstaben mitten in der Wandlung stehen. Deshalb sehen sie vertraut aus, sind aber letztlich unleserlich. Denn das Buch, auch die Kopie, die ich Harry geschenkt habe, darf nie verkauft werden, immer nur verschenkt oder vererbt. Daher wäre meine Bitte an euch, dass ihr es vor eurem Tod entweder verschenkt oder es uns wieder zurückvererbt.“
Es verstand sich von alleine, dass sie es nicht an jemand beliebigen verschenken sollten, sondern nur an jemandem, dem sie vertrauten und der des Buches genau wie Harry und Nicholas bedurfte. Weder Harry noch Hermione hatten Probleme, dieser Bitte zuzustimmen.
„Doch nun erzählt, was ihr dank des Buchs erlebt habt“, forderte Perenelle sie auf. „Wir haben ja nur Bruchstücke davon in der hiesigen Presse erfahren.“
Und das taten sie dann auch. Wie sie im Londoner Zoo ein Wesen gefunden hatten, das sie einfach Grinch genannt hatten, auch wenn es in sichtbarem Zustand blau und nicht grün war. Dieses Wesen hatte den Nordpol und den Weihnachtsmann sehen wollen und sich deswegen über einen ihm eigenen Klettmechanismus an die Rentiere geklammert. Nur, dass dieses Grinch zuerst versehentlich eine Giraffe für ein Rentier gehalten hatte und dann einen Panda, so dass schließlich der ganze Zoo sich vor dem Grinch fürchtete. Und da das Grinch sich immer nur nachts, wenn die Tiere in ihren Stallungen schliefen, an sie geklettet hatte, erklärte dies auch die Abneigung der Tiere, bei Dunkelheit in ihre Stallungen gebracht zu werden. Sie hatten dem Grinch letztlich einen Portschlüssel zum Nordpol angefertigt, es aber gewarnt, dass sie nicht für die Anwesenheit des Weihnachtsmannes garantieren konnten.
Danach hatten sie überlegt, was sie wohl mit ihrer neuen Fähigkeit alles anfangen konnten und wollten und auch, wie sie damit ihren Lebensunterhalt verdienen konnten. Denn beiden war klar gewesen, dass sie mit dieser Möglichkeit nicht einfach im Ministerium für Zauberei versauern wollten, noch nicht einmal in der Mysteriumsabteilung. Doch zugleich wollte Harry nicht mit dieser Fähigkeit verzogene Haustiere von Magiern und Muggeln wieder auf den richtigen Weg bringen. So versuchten sie es zunächst mit dem Auffinden seltener Zaubertrank- und Heilpflanzen, indem Harry einfach die Tiere in der Gegend, wo die Pflanzen zu finden waren, nach den genauen Fundorten fragte. Das war zwar recht einträglich, aber auch recht mühsam. Als aber eines Tages im Urwald von Java ein Schamane sie dabei beobachtete, wie Harry mit den Tieren sprach, änderte sich alles. Sein Dorf wurde nämlich seit geraumer Zeit von einem schwarzen Panther belästigt und der Schamane hoffte nun, dass Harry ihm dabei helfen konnte, den Panther davon zu überzeugen, von dem Dorf abzulassen. Und so abgelegen das Dorf für Muggel auch zu sein schien, so gut vernetzt war doch der Schamane, so dass es nicht lange dauerte, bis sie Hilfegesuche aus aller Welt erreichten.
„Sieht man mal von dem taubstummen Yeti ab, der auch noch nichts von Zeichensprache gehört hatte, haben wir eigentlich unsere Sache immer sehr gut erledigt. Und da die Gemeinschaften, denen wir so helfen, immer sehr dankbar sind, können wir inzwischen davon gut leben“, schloss Harry.
„Wobei wir natürlich immer sicherstellen, dass die Dankbarkeit nicht unverhältnismäßig hoch ist, weder was die Möglichkeiten der Gemeinschaft betrifft, noch den Dienst, den Harry ihnen erweist“, fügte Hermione noch hinzu.
„Und natürlich nehmen wir auch gerne einen Einblick in ihre alten Schriften als Bezahlung an“, sagte Harry mit einem Augenzwinkern, kam doch so auch Hermione bei ihren Abenteuern auf ihre Kosten. „Zumal wir ja, wenn wir wirklich einmal Geld brauchen, jederzeit wieder Pflanzen aufspüren können.“
„Ich hatte mich schon gefragt, wieso es plötzlich wieder eine Quelle für Nachtsternorchideen gibt.“ Nicholas schmunzelte.
Harry und Hermione grinsten einander nur an. Sie hatten nicht die Absicht, dem alten Alchemisten zu verraten, wo man diese Pflanze finden konnte. Zumal man, um daran zu kommen, ein wirklich gutes und eingespieltes Team sein musste. Ein Team eben, wie es nur zustande kam, wenn aus besten Freunden mehr wurde, ohne dass sie dabei vergaßen, dass sie eben auch beste Freunde waren.

ENDE
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