Der magische Supermarkt

Der magische Supermarkt

Beitragvon abranka » 20. Apr 2016, 20:00

Happy Birthday, chao! Viel Spaß beim Lesen. :)
(Ich hoffe, die dämlichsten Logikfehler habe ich alle gefunden...)

Der magische Supermarkt

Nö, das war das erste Wort, dass Harry durch den Kopf ging, als er den Bahnhof King's Cross verließ und zu den Parkplätzen bei der nahegelegenen U-Bahnstation Pancras London hinüber ging. Onkel Vernon würde ihn nie direkt vom Gleis abholen. Er fand es ja schon lästig genug, seinen so missratenen Neffen überhaupt abholen zu müssen, um dessen Anwesenheit einen weiteren Sommer lang ertragen zu müssen. Ron und Hermione hatten sich natürlich direkt am Gleis von Harry verabschiedet, weil sie dort eingesammelt worden waren.
Und jetzt war Harry hier alleine und sah, wie Onkel Vernon neben seinem auf Hochglanz polierten Wagen stand und der Auror Alastor Moody, der zugleich auch ein Mitglied des Orden des Phönix war, scharf auf ihn einredete. Direkt daneben standen Kingsley Shacklebolt und Nymphadora Tonks, beide ebenfalls Mitglieder des Orden. Bei Merlin, so wie Onkel Vernon aussah, würde er vermutlich gleich in die Luft gehen. Sein Gesicht war schon knallrot und sein Schnurrbart zitterte auf eine Art und Weise, die Harry nur zu gut kannte. Moody ließ sich davon nur kein bisschen beeindrucken und obwohl der rundliche Auror deutlich kleiner war als der massige Vernon Dursley, gab er kein bisschen nach und ließ selbst mächtig Dampf ab.
Harry seufzte leise. Als wenn so etwas, irgendeine Art von Hilfe für ihn war...
Sirius wäre vermutlich nicht auf eine so blöde Idee gekommen. Aber Sirius war tot und konnte nicht mehr für ihn und sein Wohlergehen einstehen. Nein, das musste er jetzt selbst machen. Harry straffte die Schultern und traf einen Entschluss.
Er wartete noch weitere zehn Minuten, dann war Moody endlich fertig und die drei Ordensmitglieder ließen den wutschnaubenden Onkel Vernon allein.
Schnellen Schrittes ging Harry auf seinen Onkel zu. Er sprach sofort los, als er vor diesem stand. „Hi Onkel Vernon. Tut mir Leid, dass sie dir auf den Keks gegangen sind. Das war nicht meine Idee. Aber ich habe eine großartige Idee: Ich werde diesen Sommer nicht bei euch verbringen. Dann können Moody und Co dich auch nicht mehr nerven. Und wenn sie doch vorbei kommen, dann sagst du ihnen einfach, dass dein Neffe gar nicht bei dir aufgetaucht ist und du vergeblich auf gewartet hast. Ok?“
Onkel Vernon musterte Harry aus zusammengekniffenen Schweinchenaugen und nickte dann. „In Ordnung. Und was immer dir passiert, ich bin dafür in keinster Weise verantwortlich, klar?“
„Klar.“
„Und sag diesen Freaks Bescheid, dass du nicht bei uns bist. Ich will die nie wieder sehen oder sonst gnade dir Gott.“
„Auch klar.“
„Gut.“ Sie sahen sich noch kurz an, dann öffnete Onkel Vernon schwerfällig die Autotür.
„Habt einen schönen Sommer!“, rief Harry ihm noch zu, während sein Onkel sich ins Auto wuchtete und er sich selbst umdrehte, um in den Bahnhof zurückzukehren.
Das wäre erledigt. Jetzt brauchte er nur noch einen Plan, wo er diesen Sommer verbringen würde, denn sowohl Ron als auch Hermione kamen aus naheliegenden Gründen nicht in Frage. Ron würde Harrys Idee toll finden, aber seine Eltern waren Mitglieder des Orden des Phönix und würden natürlich befürworten, dass er sich unter den magischen Schutz in dem Haus seiner Verwandten in Little Whinging begeben sollte. Hermione würde das auch die ganze Zeit über wiederholen und ihn damit wahnsinnig machen. Nein, er brauchte einen anderen Plan.
Und aktuell fielen ihm zwei ein: Er konnte sich unter den ganzen Muggeltouristen in London verstecken, denn dort würde ihn garantiert niemand vermuten, und Voldemorts Anhänger würden ihn da auch garantiert weder suchen noch finden. Oder aber er versteckte sich ganz offen in der Winkelgasse, wo ihn genügend Zauberer und Hexen umgaben, denen er als Berühmtheit auffallen würde. Versteckt vor aller Augen sozusagen und damit quasi unantastbar. Denn noch würden es die Todesser sicher nicht wagen, ihn in aller Öffentlichkeit anzusehen.

Den Kofferwagen vor sich herschiebend betrat Harry wieder den Bahnhof und musste sofort eine Vollbremsung hinlegen, denn eine fröhliche, äußerst bunt gekleidete und sehr lebhafte Familie versperrte ihm den Weg. Im ersten Augenblick war Harry eher genervt, doch dann musste er grinsen. Ihre schnatternde Lebhaftigkeit gefiel ihm. Sie war so anders als das Auftreten von seinem Onkel und seiner Tante und erinnerte ihn sehr an die Weasleys, bei denen er sich immer wohlgefühlt hatte.
„Harry!“ Eines der Mädchen wandte sich um und in dem bunten Sari erkannte er seine Schulkameradin Parvati Patil. Jetzt wandte sich auch ihre Zwillingsschwester Padma um. „Hi, Harry“, sagte sie mit einem strahlenden Lächeln.
Ron hätte jetzt vor Begeisterung die Augen verdreht, dachte Harry mit einem inneren Grinsen. Denn die Patil-Zwillinge gehörten wirklich zu den hübschesten Mädchen der Schule. Und sie sahen wirklich komplett gleich aus. Wenn sie nicht unterschiedliche Nasenstecker getragen hätte, hätte er sie nie auseinander halten können. Parvati trug immer einen goldenen Löwen, Padma dagegen einen silbernen Raben.
„Hallo.“ Er lächelte in die Runde.
„Mum, Dad, das ist Harry Potter.“ Padma nahm seinen Arm und stellte ihn sofort ihren Eltern vor. Mr. Patil war groß, breitschultrig, hatte graue Haare und einen tiefschwarzen Vollbart. Seine dunklen Augen leuchteten warm und freundlich. Mrs. Patil war eine wunderschöne Frau. Sie war das, was Tante Petunia vermutlich gerne gewesen wäre: Elegant, mit dichtem, schwarzem Haar, strahlenden Augen und einer gelassenen und freundlichen Ausstrahlung. Sie trug ebenso wie ihre Töchter einen farbenfrohen Sari und wirkte wie von einem anderen Stern. Harry schluckte ein „Wow“ nur mit Mühe runter.
„Und das sind unsere großen Brüder Shayan und Sharkan.“ Padma deutete auf die beiden jungen Männer, die wohl im Alter von Bill Weasley sein mussten. Wie die Schwestern waren sie Zwillinge. „Shayan arbeitet in Neu-Delhi bei Gringotts und Sharkan ist Lieferant für Zauberstäbe. Hauptsächlich besorgt er fertige Stäbe oder Grundmaterialien aus Indien.“ Padma lächelte stolz. Harry konnte sie gut verstehen. Das klang nach aufregenden Jobs.
„Hallo Harry“, begrüßte Mr. Patil ihn nun, da Padma aufgehört hatte zu reden. „Es ist schön, deine Bekanntschaft zu machen.“
„Danke, es freut mich außerordentlich.“ Harry lächelte in die Runde. Offenbar waren die Patils so patriarchalisch organisiert, wie er es aus Bollywood-Filmen von indischen Familien kannte: Mr. Patil hatte das Sagen, auch was seine erwachsenen Söhne anging. Wenn auch bei denen vermutlich nur dann, wenn sie zu Besuch waren. Ansonsten würden sie sicher ausgezeichnet alleine klar kommen.
„Wirst du nicht abgeholt?“, fragte Mrs. Patil besorgt. „Es gibt ja Grund zur Annahme, dass gefährliche Zeiten auf uns zukommen...“
Harry nickte zustimmend zu ihren letzten Worten. „Es ist... mit meinem Onkel ist es schwierig, verstehen Sie? Und nach den Erlebnissen dieses Schuljahres möchte ich die Zeit nicht unbedingt mit Menschen verbringen, die mich nicht mögen.“
„Dann komm erst einmal mit zu uns, Junge“, sagte Mr. Patil. An der Art, wie Harry das sagte, merkte er, dass das kein richtiger Vorschlag war, sondern mehr eine Entscheidung.
„Nein, ich möchte Ihnen keine Umstände machen...“, warf er vorsichtig ein.
„Das tust du nicht.“ Mrs. Patil ergriff das Wort und an der Art, wie sie das tat, begriff Harry, dass sie vermutlich im Hintergrund alle Fäden in der Hand hielt und dafür sorgte, dass nichts aus dem Ruder lief. „Außerdem ist es unsere Verantwortung und Pflicht, einem jungen Helden wie dir beizustehen.“
„Ich bin kein Held.“ Harry schnitt eine Grimasse.
„Darüber mag man sich streiten, Harry. Aber du bist wichtig.“ Sie blickte ihn aus diesen sanften Augen an und er gab nach.
„Also gut.“
Shayan und Sharkan nahmen sich seines Kofferwagens an und der Patil-Tross nahm die Bewegung wieder auf.

Harry wusste nicht, was er als Zuhause der Patils erwartet hatte, aber dieses Haus war es irgendwie nicht gewesen. Es war ein hübsches, schneeweißes Reihenhaus, das mitten in dem Muggelviertel Southall lag.
Little Whinging, wo Onkel Vernon und Tante Petunia lebten, war mindestens genauso spießig.
Mr. Patil lächelte Harry an, als wenn er ganz genau wüsste, was diesem gerade durch den Kopf ging. „Lass dich nicht täuschen.“
Damit ging er seiner Familie voraus und betrat als erster das Haus.
Harry klappte beinahe die Kinnlade herunter, als er die Einrichtung sah. Bislang hatte er gedacht, dass es bei den Weasleys recht exotisch aussah, aber das hier übertraf alles. Die Farben, die Muster, die Möbel... Er fühlte sich, als wenn er in einem dieser Bollywood-Filme gelandet war, die Tante Petunia manchmal geschaut hatte. Und vor allem sagte ihm die Einrichtung auch eins: Die Patils mussten wirklich viel Geld haben. Onkel Vernon würde ihnen vermutlich jetzt schon allerlei Komplimente machen und auf diese schrecklich kriecherische Art mit ihnen reden. Dafür würde er vermutlich auch ignorieren, dass sie eine Familie von Hexen und Zauberern waren.
„Nicht schlecht, was?“ Parvati zwinkerte ihm zu, als sie sich an ihm vorbei schob und direkt die Treppe nach oben ging. Ihr Koffer schwebte gehorsam neben ihr her.
„Wir sind nicht so förmlich, wie die Einrichtung vermuten lässt“, raunte ihm Padma zu, die ihrer Zwillingsschwester auf dem Fuß folgte.
Shaykan und Sharkan grinsten ihn nur an und schritten hinter ihrem Vater im Erdgeschoss weiter. Das sah aus, als wenn sie ins Wohnzimmer gingen.
„Komm mit, Harry. Ich zeige dir dein Zimmer. Du bekommst unser Gästezimmer.“ Mrs. Patil legte ihm sanft die Hand auf die Schulter.
„Danke sehr, Mrs. Patil.“ Harry lächelte sie an.
Elegant schritt sie vor ihm die Treppe hinauf. Überraschenderweise gab es sogar noch ein zweites Stockwerk – von außen hatte das Haus deutlich kleiner ausgesehen.
Sie öffnete die erste Tür direkt neben der Treppe. Das Zimmer war klein, aber gemütlich. Das Bett in der Mitte des Zimmers hatte einen dunkelblauen Baldachin und war mit Kissen übersät. Ein kleiner Schreibtisch mit einem bequemen Stuhl stand an der einen Wand, an der anderen ein weißer Kleiderschrank. Der Teppich war gemustert und schien Geschichten aus 1001 Nacht zu erzählen.
„Direkt nebenan ist das Gästebad.“ Mrs. Patil deutete auf die Tür direkt nebenan. „Außer dir schlafen noch Shaykan und Sharkan hier oben. Padma und Parvati sowie mein Mann und ich haben die Schlafzimmer im ersten Stock.“
„Wie kann das Haus so groß sein?“, fragte Harry fasziniert. „Es gibt von außen doch nur den ersten Stock.“
„Zauberei.“ Mrs. Patil lächelte. „Das weißt du doch.“
„Ich liebe Zauberei.“ Harry grinste breit.
„Ich denke, du solltest jetzt erst einmal deinen Koffer auspacken. Meine Töchter werden dich abholen, wenn das Abendessen fertig ist. Bis dahin nimm dir Zeit anzukommen.“ Mrs. Patil schenkte Harry noch ein Lächeln, dann schloss sie die Tür hinter sich.
Harry sah sich noch einmal staunend um. Er hatte es offenbar wirklich gut getroffen.
Als erstes ließ er Hedwig aus ihrem Käfig. Die Schneeeule schaute ihn an, als wenn das auch langsam Zeit gewesen wäre.
„Hier kannst du wenigstens auch raus“, sagte Harry sanft zu ihr und strich ihr behutsam über das Gefieder. Er öffnete das Fenster, damit Hedwig fliegen konnte, wenn sie wollte. Er selbst machte sich jetzt daran, seine Kleidung auszupacken und ordentlich in den Schrank zu räumen. Die Schulsachen wie Bücher, Pergamentrollen und seine Schreibfeder stellte er auf den Schreibtisch.
Hier würde er die Hausaufgaben machen, die er über den Sommer aufbekommen hatte. Ein deutlich schönerer Ort als das Zimmer im Haus der Dursleys.

Viel schneller als erwartet war die Stunde vorbei und Padma klopfte an seine Tür.
„Dad erwartet dich vor dem Abendessen im Wohnzimmer... Er sagte, dass er irgendetwas mit dir besprechen muss.“ Sie sah besorgt aus und Harry war es unwillkürlich auch.
Ob Mr. Patil ihn doch zu den Dursleys schicken wollte? Ob der Orden ihn unter Druck setzte? Oder... vielleicht war das hier eine so konservative indische Familie, dass er es sich jetzt überlegt hatte, einen Jungen unter dem gleichen Dach wie seine Töchter schlafen zu lassen? Oder vielleicht hatte er Angst, weil Harry ja die Gefahr anzog und Voldemort sie hier bedrohen könnte...
Harry schossen so viele Gedanken durch den Kopf, dass er Padma nur stumm anlächelte und ihr dann langsam folgte.
Die Tatsachen, dass die beiden Patil-Brüder das Zimmer verließen und sich auch Padma direkt zurückzog, sorgten nicht gerade dafür, dass Harry wohler zumute wurde. Im Gegenteil. Reichlich unsicher ließ er sich Mr. Patil gegenüber nieder.
„Sie wollten mich sprechen?“, fragte er.
„Harry, du solltest wissen... meine Frau und ich... wir sind stille Mitglieder des Orden des Phönix. Ich habe gerade mit Remus Lupin und Alastor Moody gesprochen.“ Er wies mit dem Kinn zu dem Kamin in der Ecke des Wohnzimmers, in dem noch einige Kohlen schwelten. „Da ich versprochen habe, dass wir für deine Sicherheit garantieren werden, sind sie damit einverstanden, dass du den Sommer bei uns verbringst.“
Harry war sprachlos. Er kannte Mr. Patil gar nicht und dieser ihn doch genauso wenig und doch hatte er sich so für ihn eingesetzt. „Vielen Dank, Sir“, stammelte er. „Aber... warum...“
„Weil Familien manchmal schwierig sind und weil ich denke, dass du eine Auszeit von diesen Dingen brauchst. Und weil ich glaube, dass es dir gut tut, wenn du etwas anderes sehen und erleben darfst. Im Gegensatz zu deinem Onkel sind wir vermutlich sehr exotisch.“ Er zwinkerte Harry gutmütig zu und erinnerte ihn damit ein wenig an Professor Dumbledore. „Für all das, was noch vor dir liegt, dürfte das vielleicht das Beste sein.“
Harry schluckte. Eine Auszeit... Ja, das war es wirklich, was er brauchte. Diesen Sommer die Dursleys ertragen zu müssen und von der Zaubererwelt vollkommen ausgeschlossen zu sein, das wäre wirklich das schlimmste.
„Ich...“
„Du brauchst mir nicht zu danken. Ich war auch einmal jung und bin bei Verwandten aufgewachsen, die mit Zauberei nichts zu tun hatten. Ich habe diese Zeit bei ihnen gehasst, auch wenn ich später gelernt habe, sie zu verstehen.“ Mr. Patil erhob sich. „Und nun ist es Zeit für das Abendessen.“
„Sir... aber... ich darf auf dem Laufenden bleiben, bei allem, was passiert, oder?“ Harry rutschte auf die Kante seines Sessels vor. Das war das, was ihm am meisten Sorgen machte. Denn bei den Dursleys hätte er dahingehend keine Chance gehabt. Und abgeschnitten zu sein von allen Informationen bei all dem, was nun geschehen konnte, das wäre am allerschlimmsten.
„Selbstverständlich. Wir müssen doch auch wissen, was in der Welt geschieht.“ Mr. Patil lächelte ihm zu und Harry fühlte sich etwas ruhiger.

Nach einem sehr lebhaften Abendessen und einem wirklich netten Familienabend mit den Patils war Harry todmüde ins Bett gefallen. Jetzt war der erste Tag seiner Ferien und er entschied, dass er noch vor dem Frühstück eine kurze Nachricht an Hermione und Ron schicken würde, dass er diesen Sommer bei den Patils verbrachte. Und dass er hier sicher war. Das würde verhindern, dass sie sich Sorgen machten und bei Hermione hoffentlich auch, dass sie ihm vorwarf, dass er sich dumm verhielt.
Schnell hatte er Hedwig mit einem kurzen Brief auf den Weg geschickt, dann suchte er das Badezimmer auf und machte sich auf den Weg nach unten.
Mrs. Patil stand in der Küche und begrüßte ihn freundlich. „Was möchtest du frühstücken, Harry?“
„Äh... Was gibt es?“
„Toast mit Marmelade? Oder willst du etwas Indisches ausprobieren?“ Sie lächelte ihn an und seine Überforderung beinahe sofort weg.
„Etwas Indisches, bitte“, sagte er vorsichtig.
Mrs. Patil nickte, stellte ihm eine Tasse Chai-Tee hin und wenig später folgte ein bunter Teller, auf dem Idli – kleine Reisbohnen-Kuchen – mit einer scharfen Soße lagen sowie einige Dosa, was Reismehlpfannkuchen waren, wie Harry lernte. Es schmeckte exotisch, anders und einfach wunderbar.
Harry war bei seiner dritten Portion, als die Zwillingsschwestern die Treppe herunterkamen.
„Wir helfen heute im Laden mit“, erklärte Parvati, nachdem sie sich begrüßt hatten. „Hast du Lust mitzukommen?“
„Laden?“, fragte Harry und ihm ging auf, dass er sich nie gefragt hatte, womit Mr. und Mrs. Patil eigentlich ihren Lebensunterhalt verdienten.
„Ja. Unserer Familie gehört der Majors Magic Monster Market“, sagte Padma mit vollem Mund und fing sich dafür einen tadelnden Blick ihrer Mutter ein.
„Was für ein Market?“
„Hast du etwa noch nie davon gehört?“ Parvati war entsetzt.
„Das ist die schreckliche Muggelfamilie“, warf Padma ein. „Sei nicht ungerecht zu ihm. Dann lernt er heute eben, wo nahezu jede Hexe und jeder Zauberer Großbritanniens in den Supermarkt geht.“ Sie grinste breit. „So können wir sein Staunen wenigstens sehen.“
„Stimmt.“ Parvati grinste zurück. „Das ist klasse.“
Mrs. Patil lachte leise, während Harry zwischen den Mädchen hin- und herblickte.

Via Flohnetzwerk reisten sie direkt in den Major Magic Monster Market, kurz MMM-Market. Hier gab es einen Eingangsbereich mit lauter Kaminen, der Harry stark an das Zaubereiministerium erinnerte. Außerdem gab es ein großes Eingangstor aus Glas, das an die automatischen Türen der Muggelsupermärkte erinnerte, die Harry kannte. Es schien auch genauso zu funktionieren.
Davor lag ein großer Innenhof, auf dem verstreut ein paar Autos und einige Besen parkten. Interessant.
„Wo genau liegt der Laden?“, fragte Harry neugierig.
„Sevenoaks, südlich von London. Hier war der meiste Platz“, antwortete Parvati mit einem Lächeln.
Harry schaute sich mit großen Augen um. Vor der Glastür und vor dem Abzweig zu den Kaminen saß jeweils ein großer Bronzedrache. Die Statuen waren sehr schön und sahen äußerst lebendig aus, aber Harry fragte sich schon, was Figuren von schlafenden Drachen hier machten. Vermutlich war das eine Indien-Deko.
Im Gegensatz zu einem Muggelsupermarkt gab es hier allerdings keine Einkaufswagen, sondern große hölzerne Einkaufskörbe, die recht schwer aussahen.
„Die Körbe sind magisch.“ Parvati grinste und ging auf einen zu. Sie stupste ihn mit ihrem Zauberstab an und der Korb erhob sich auf langen hölzernen Beinen. Er passte sich auf eine bequeme Höhe neben ihr an. „Ich kann ihm meinen Einkaufszettel geben und dann an der Kasse warten oder aber ich begleite ihn durch den Laden, während er meine Einkäufe zusammensucht und lege selbst noch etwas dabei. Oder ich gehe ganz klassisch durch den Laden und lege meine Einkäufe hinein. Bei schweren Dingen hebt er sie auch an.“
„Cool.“ Harry strahlte. Das war einer der Gründe, weswegen er Zauberei so liebte.
„An der Kasse wird der Inhalt des Korbs natürlich einmal kontrolliert und gleichzeitig spuckt der Korb dann auch eine Pergamentrolle aus, auf der die Artikel, die Preise und der Gesamtpreis stehen. Man kann unterwegs auch Statusmeldungen abfragen.“ Padma lächelte stolz.
„Wir verbessern die Körbe regelmäßig. Unsere Brüder bringen dafür auch immer neue Ideen aus New York und Neu-Delhi mit. Außerdem leiten die Brüder von unserem Vater die MMM-Läden dort und bei so verschiedenen Kunden fallen einem immer neue Dinge ein“, ergänzte Parvati.
„Und wie helft ihr?“
„An der Kasse, beim Einsortieren der Waren, Zaubererneuerungen, Reinigung der Einkaufskörbe. All sowas.“ Parvati lächelte, aber ihre Augen suchten den Laden unstet ab, als ob sie irgendein Problem erwartete.
Harry wollte schon nachfragen, doch Padma deutete ein Kopfschütteln an. Daher schwieg er. Vielleicht würde er Padma später danach fragen können.
Die Schwestern zeigten ihm den Laden und Harry war hin und weg. Hier gab es wirklich nahezu alles. Es fehlten quasi nur Spezialwaren aus der Winkelgasse wie Zauberstäbe, maßgeschneiderte Roben – die günstigere Ware von der Stange gab es hier –, Zauberbücher sowie speziellere Zaubertrankzutaten.
„Wow...“ Harry schüttelte den Kopf, als sie an den Kassen angekommen waren. „Das ist echt atemberaubend.“
„Danke.“ Padma grinste breit. „Es ist schon ziemlich cool.“
„Kann man so sagen.“ Harry erwiderte ihr Grinsen.
„Ich werde hinten noch etwas helfen und mit Bob über die neuen Sicherungszauber sprechen“, sagte Parvati. „Ihr könnte ja schon mal in die Winkelgasse gehen. Ich treffe euch dann bei Fortescues.“
„Okay.“ Padma nickte. Während Parvati zwischen den Regalen verschwand, zückte Padma ihren Zauberstab und sprach einen kurzen Rufzauber. Einen winzigen Augenblick später stand eine Hauselfe neben ihnen. Sie trug ein wild gemustertes Kleid in leuchtendem Rot und dicke Motorradstiefel.
„Hallo Ella.“
„Miss Padma, Mr. Harry.“ Die Hauselfe verneigte sich und blickte die beiden aus großen Augen an.
„Dad hat gesagt, dass du in der Winkelgasse auf uns aufpassen sollst“, sagte Padma.
„Ja, Mr. Patil hat mich darum gebeten.“ Ella nickte. „Er sagte, es könnte gefährlich werden.“
„Das weiß man leider nicht.“ Padma schnitt eine Grimasse. „Aber es sind gefährliche Zeiten.“
„Ich weiß.“ Die Hauselfe nickte erneut. „Und Mr. Harry hat mächtige Feinde. Aber auch mächtige Freunde. Dobby hat von ihm erzählt.“ Ihre großen Augen funkelten Harry an.
„Ich hoffe nur Gutes“, erwiderte dieser verlegen.
„Das Beste.“ Ellas Lächeln war warm. „Wir sind freie Elfen dank Dobby und dir – und Miss Hermione und ihrer Hartnäckigkeit.“
Harry schaute Padma fragend an.
„Alle unsere Hauselfen sind freie Elfen“, erklärte sie. „Wir haben ihnen die Idee erklärt und ihnen die Wahl gelassen. Aber alle wollten gerne frei sein. Nun werden sie bezahlt und haben einen freien Tag im Monat. Wir arbeiten daran, dass sie irgendwann zwei freie Tage die Woche haben wie jeder normale Mensch. Aber bis dahin sind es viele kleine Schritte. Traditionen von Jahrhunderten ändert man nicht einfach so von heute auf morgen.“
Harry nickte. Das verstand er. Und das war vielleicht auch der Grund, warum Hermiones B.ELFE.R-Aktion bei den Hauselfen von Hogwarts eher für Unruhe sorgte, denn sie wollte zuviel auf einmal...
„Na dann... Auf in die Winkelgasse?“, fragte Harry und deutete auf die Kamine.
Padma nickte und hakte sich bei ihm unter.
Harry schaute das hübsche Mädchen an seiner Seite an und fand, dass er sich wirklich glücklich schätzen konnte, mit ihr unterwegs zu sein.
Die Hauselfe schnippte mit den Fingern und machte sich unsichtbar. Sie würde den beiden als unsichtbarer Schatten folgen.

In Florean Fortescues Eissalon erfuhr Harry dann was das große Rätsel des Majors Magic Monster Market war: Es gab einen Ladendieb in einem Laden, der auf nahezu jegliche Art und Weise gegen Ladendiebstahl gesichert war.
„Es hat in den letzten Sommerferien angefangen. Im Abstand von nahezu immer zwei Wochen sind Waren gestohlen worden.“ Padma erläuterte knapp, dass die Bronzedrachen, in denen Harry nur Deko gesehen hatte, magische Ladenwächter waren, dass die Einkaufswagen magisch gesichert waren und nicht betrogen werden konnten und dass außerdem magische Sicherungszauber diverser Arten im Geschäft angebracht waren. Sogar zwei Hauselfen waren als unsichtbare Ladendetektive unterwegs. Aber nichtsdestotrotz gelang es diesem Dieb, im MMM-Market zu stehlen.
„Und nicht nur das. Er stiehlt grundsätzlich immer Waren, die mit Buchstaben, P, A, R und I beginnen. Pari – das ist Parvatis Spitzname. Deswegen fühlt sie sich persönlich angesprochen. Wir denken, dass es sich um jemanden handelt, der ihre Aufmerksamkeit gewinnen will. Jemand, der will, dass sie sich mit ihm beschäftigt. Und das tut sie natürlich auch.“
Harry nickte. Das war nur allzu nachvollziehbar.
„Es muss jemand sein, der sie kennt. Vermutlich aus Hogwarts, denn Lavender hat ihr dort den Spitznamen Pari gegeben. Vorher haben wir sie immer Parvi gerufen, aber das war Lavender wohl zu kompliziert.“ Padma verdrehte kurz die Augen und sie wurde Harry damit nur noch sympathischer. Er konnte mit seiner Klassen- und Hauskameradin Lavender Brown nämlich sehr wenig anfangen – sie war ihm zu quietschig und zu kicherig.
„Die Diebstähle passieren auch nur in den Ferien. Wie ein Uhrwerk, könnte man sagen.“
„Und ihr verbessert eure Sicherheitssysteme?“
„Ständig.“ Padma nickte. „Von unseren Onkeln gibt es immer die neusten Ideen aus Indien und den USA und unsere Brüder kommen auch mit neuen, exotischeren Ideen – aber nichts hilft. Wenn wir glauben, dass es aufgehört hat, stellen wir bei der nächsten Abendabrechnung fest, dass er wieder da war.“ Sie schüttelte den Kopf. „Dad wird langsam wirklich sauer... Der materielle Schaden ist nicht besonders groß, weil immer nur kleinere Waren gestohlen werden, aber ideell und psychisch ist der Schaden natürlich da...“
„Klar.“ Harry verstand das nur zu gut. „Nun... Dann müssen wir uns etwas überlegen. Falls ihr möchtet, dass ich euch helfe.“
„Nichts lieber als das.“ Padma schenkte ihm ein strahlendes Lächeln und der silberne Rabe auf ihrem Nasenflügel schien kurz zu hüpfen. „Neue Ideen könnten uns gut tun.“
Und Harry fand außerdem, dass ihn solch ein Projekt außerdem von allzu trüben Gedanken wegen Voldemort fernhalten würde.

Harry fand es unheimlich spannend, sich den MMM-Market noch einmal ganz im Detail anzusehen und durch die Gänge zu wandern. Die Warenvielfalt war unglaublich. Dieser Laden schlug jeden Muggel-Tesco um Längen! Es gab nicht nur viele ganz normale Muggelwaren, sondern auch spannende neue Dinge. Lenkpflaumen hatte er in der Obstabteilung gesehen, explodierende Kürbanen in der Gemüseabteilung, farbwechselnde Nudeln, singendes Toilettenpapier, die klassischen Schokofrösche, Bertie Botts Bohnen und noch vieles mehr. Das war einer der Augenblicke, in dem er es wirklich liebte, zu dieser magischen Welt zu gehören. Ganz im Gegensatz zu all seinen Begegnungen mit Voldemort, die ihn manchmal wünschen ließen, dass er doch ein ganz normaler Muggeljunge wäre.
Harry hatte sogar seinen Unsichtbarkeitsumhang aus dem Koffer geholt. Nach einigem Zögern hatte er Padma eingeweiht, dass er den Umhang besaß und was seine Fähigkeiten waren. Er hatte das Gefühl, ihr genauso vertrauen zu können wie Ron und Hermione. Ihre Zwillingsschwester war dagegen eine etwas andere Sache: Parvati hatte zwar ihre sehr ernsthafte und nachdenkliche, regelrecht verbissene Seite, die sie bei der Jagd auf den Ladendieb zeigte, aber zugleich war sie immer noch das alberne Mädchen, dessen beste Freundin Kichererbse Lavender war. Padma dagegen war ernsthaft, nachdenklich, eindeutig sehr intelligent – sie hatte in den letzten anderthalb Wochen dafür gesorgt, dass sich Harry in ihrer Gesellschaft beinahe so wie in der von Hermione gefühlt hatte –, aber auch sehr loyal, verlässlich und einfach eine wirklich gute Freundin. Mit ihr würde er Pegasi stehlen gehen.
Der Ladendieb hatte am zweiten Ferientag wieder zugeschlagen. Paranüsse, eine Artischocke, etwas Rucola und irischen Löwenzahn hatte er geklaut. Danach hatten sie sich gemeinsam hingesetzt und Möglichkeiten überlegt, die Sicherheitszauber zu verbessern, Fallen zu stellen, in die die normalen Kunden nicht treten würden, die Bronzedrachen noch sensibler zu machen und die Einkaufskörbe nachzujustieren.
Die wichtigste Frage war einfach: Wie stellte der Dieb es an? Wie konnte er die ganzen Sicherungen umgehen? Wie konnte er die Ware aus dem Laden entfernen, ohne dass die üblichen Warnzauber aktiviert wurden? Das war quasi unmöglich!
Mit Padma hatte Harry abgesprochen, dass er auch unsichtbar durch den Laden patrouillieren würden, genauso wie zwei der Hauselfen. Immer wieder geisterte eine Frage durch seinen Kopf: Wer war der Dieb bloß? Genau wie Parvati und Padma hielt er es für nahezu sicher, dass es sich um einen Schüler – oder eine Schülerin – aus Hogwarts handeln musste. Nur gab es dort nicht gerade wenige Schüler. Selbst wenn man gewisse magische Fähigkeiten als Voraussetzung sah, kamen quasi alle Schüler ab der vierten Klasse in Frage. Und wenn Harry ehrlich zu sich war, dann kannte er irgendwie sehr wenige. Klar, er konnte Gesichter durchaus zuordnen. Aber wenn er genauer darüber nachdachte, dann wusste er nur die Namen von allen Schülern aus seinem Jahrgang – und bei manchen Hufflepuffs oder Ravenclaws musste er schon sehr genau nachdenken. Die Gryffindors kannte er dagegen alle, was das ja seine Hauskameraden waren und dort wusste er sogar viele aus den höheren und tieferen Jahrgängen zuzuordnen. Nun, und die Slytherins seines Jahrgangs um Draco Malfoy waren ja seine persönlichen Feinde. Und seine Feinde kannte man schließlich. Doch darüber hinaus? Nein, er war offenkundig sehr unaufmerksam. Hermione würde ihn dafür vermutlich auslachen. Sicher kannte sie alle Namen und wusste noch irgendwelche interessanten Details über die anderen. Ron dagegen würde sich zumindest an alle hübschen Mädchen erinnern...
Irgendwie hatte Harry das Gefühl, dass er in einer ziemlich eingeschränkten Welt lebte. Vielleicht sollte er mal darauf achten, das zu ändern. Denn wenn er ehrlich war, hatte er Padma all die Jahre zuvor ziemlich wenig Beachtung geschenkt und jetzt entpuppte sie sich als solch ein wunderbarer Mensch...
Harry bog um ein Regal und prallte gegen einen Einkaufskorb. Der Korb blieb wie festzementiert stehen, doch Harry ging zu Boden. Merlin sei Dank hielt ihn der Umhang weiterhin verborgen und kein herrenloser Fuß war auf einmal zu sehen.
Vor ihm stand ein Junge, siebzehn oder achtzehn Jahre alt, und er kam ihm irgendwie bekannt vor. Ein Hogwartsschüler vermutlich. Nein, sogar ganz sicher. Er kannte ihn vom Quidditch. Chimers? Chanders? Nein, Chambers!
Er war groß, eindeutig durchtrainiert und vermutlich das, was die Mädchen als süßen Typen bezeichnen würden. Er kaufe Farbwandelnudeln und Tomatensoße. Er war im siebten Jahr gewesen und hatte gerade seinen Abschluss gemacht, wenn sich Harry nicht total irrte.
Allerdings sah er nach einem total harmlosen Kunden aus. Und Harry konnte schließlich nicht jeden normalen Kunden des Diebstahls verdächtigen. Hier kaufen schließlich viele Hogwartsschüler und ihre Familien ein.
So leise wie möglich rappelte sich Harry auf und schlich davon.

Am Abend, als der Laden geschlossen war und die Dreckfresser sich durch die Gänge bewegten, um sauberzumachen, mussten sie feststellen, dass der Dieb wieder zugeschlagen hatte.
Mr. Patil sagte ein paar sehr unfreundliche Worte auf Indisch und winkte die Mädchen und Harry dann fort, damit er sich mit seinen Söhnen beraten konnte.
„Ich verstehe das nicht...“ Parvati schüttelte den Kopf. „Wir waren doch quasi überall und haben alles noch nachgebessert.“
„Pappardelle, eine Aubergine, Rosmarin und Irmtschuk. Klingt nach einer Nudelpfanne.“ Padma versuchte irgendeinen Sinn in der Auswahl der Waren zu sehen.
„Nudeln?“ Harry blieb abrupt stehen und wechselte dann die Laufrichtung. „Ich habe da eine Idee...“
Er eilte zu dem Regal mit den Farbwandelnudeln. Nur zwei Regalbretter weiter standen die Pappardelle. Und hier war er in Chambers reingerannt...
„Was für eine Idee, Harry?“, fragte Padma und legte ihm schnaufend die Hand auf die Schulter.
„Raus damit!“, forderte Parvati ungeduldig.
Ein Dreckfresser, ein magisches Geschöpf, das vor allem Staub, Straßendreck, Sand und Abfälle fraß und an ein rotes Gürteltier mit Staubsaugernase erinnerte, stieß gegen Harrys Knöcheln und versuchte, sich an ihm vorbei unter das Regal zu schieben.
Harry fiel auf die Knie. „Haltet ihn mal fest.“
Parvati klemmte sich das rote Tier unter den Arm. „Was ist da?“
„Sand...“ Harry schob mit der Hand einen größeren Haufen Sand unter dem Regal nach vorne.
„Wo kommt der denn her?“ Parvati runzelte die Stirn und musste den Griff um den Dreckfresser verstärken, der jetzt hungrig mit seinen kleinen Beinen zappelte und versuchte, sich freizustrampeln.
„Verwandlungszauber?“, fragte Padma, die gedanklich schon einen Schritt weiter war.
„Exakt.“ Harry schaute zu den Zwillingen empor. „Und wir haben nie eine Sicherung gegen Verwandlungszauber gemacht... Weil wir gar nicht auf die Idee gekommen sind, dass die Waren immer im Laden geblieben sind. Sie sind nie wirklich gestohlen worden. Es hat sie nur jemand in Sand verwandelt und auffressen lassen.“
„Aber... Sie fehlten nur in der Inventur...“ Padma musste widerwillig lächeln. „Ziemlich genial.“
„Ja – aber wer war das?“ Parvati ließ den Dreckfresser entnervt los und dieser stürzte sich sofort auf den Sand.
Harry stand auf und klopfte sich die Hände an der Hose ab.
„Ich bin hier in jemandem reingerannt... Und ich denke, dass derjenige der vermeintliche Dieb ist. Was meint ihr? Sollen wir ihn auf ein Treffen zu Fortescues einladen?“
„Aber sowas von!“ Parvati stemmte die Hände in die Hüften. „Und dann wird der sein blaues Wunder erleben!“

Bereits am nächsten Tag saßen sie bei Fortescues und warteten auf Chambers. Luke Chambers, wie Padma Harry erklärt hatte. Da Luke in ihrem Haus war, wusste sie natürlich seinen Vornamen. Ein klein wenig hoffte Harry, dass es nur daran lag.
Ein wenig unsicher betrat Luke schließlich den Eissalon, erspähte die drei und allein an dem Blick, den er Parvati zuwarf, meinte Harry ablesen zu können, dass er richtig gelegen hatte.
„Hi“, sagte er zögerlich und ließ sich Parvati gegenüber nieder.
„Hallo, Luke“, sagte Parvati mit einem bezaubernden Lächeln. Sie hatten vereinbart, dass Parvati reden würde. Schließlich ging es ja um sie.
„Parvati.“
„Sag doch lieber direkt Pari. Den Spitznamen kennst du doch.“ Parvatis Lächeln wurde zuckersüß und Luke zuckte zusammen, als wenn ihn jemand geschlagen hätte. Er lief rot an.
Harry wusste auf einmal, dass er niemals wieder ein Mädchen unterschätzen würde.
„Du... Ihr...“
„Wir sind dir auf die Schliche gekommen. Du warst gut. Wirklich gut. Der Sandzauber war echt unerwartet. Nur... warum?“ Auffordernd sah Parvati Luke an.
„Schüchternheit.“ Er hob die Schultern. „Ich wusste nicht, wie ich deine Aufmerksamkeit gewinnen sollte, ohne irgendeinen blöden Spruch zu benutzen, den du schon hundertmal gehört hast. Du bist das schönste Mädchen der Schule... Und ich kam mir dagegen so... unbedeutend vor.“
Harry verkniff sich mit Mühe ein Lachen. Dieser große, gutaussehende und von einer Menge Mädchen angeschwärmte Kerl war schüchtern und hatte sich nicht getraut, Parvati einfach anzusprechen? Padma kniff ihn in den Oberschenkel und bedeutete ihm, sich bloß zusammenzureißen.
„Nun, sagen wir es so: Mein Dad findet diese Art sicher nicht besonders gelungen. Aber er wird nie erfahren, dass du es warst. Das ist unser Entgegenkommen.“ Parvati lächelte. „Und jetzt darfst du mich zu einem Eis einladen.“
„Gerne.“ Luke strahlte sie an.
Padma stieß Harry an. „Das ist unser Stichwort.“ Sie erhob sich. „Viel Spaß noch – Harry und ich gehen noch ein wenig bummeln.“ Sie zwinkerte den beiden, die längst nur noch Augen füreinander hatten, kurz zu, dann zog sie Harry aus dem Eissalon.
„Kein Eis für mich?“, fragte Harry mit einem Schmollmund.
„Du hast meine Gesellschaft. Ich würde sagen, das ist wenigstens genauso gut“, gab Padma trocken zurück. Gemeinsam schritten sie die Winkelgasse herunter.
Erst nach hundert Metern fiel Harry auf, dass sie einander immer noch an der Hand hielten. Das fühlte sich ziemlich gut an. Er fand, das sollten sie auf jeden Fall in diesem Sommer noch mehrfach wiederholen – und hoffentlich auch darüber hinaus.
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