Ich kann dir die Welt nicht erklären...(Thomas/Jakob)

Ich kann dir die Welt nicht erklären...(Thomas/Jakob)

Beitragvon kuyami » 15. Dez 2015, 00:59

Titel: Ich kann dir die Welt nicht erklären, weil sie für mich selbst Kopf steht
Fandom: Circus HalliGalli
Pairing: Thomas Schmitt / Jakob Lundt
Rating: P-16 Slash
Anmerkung:

1) Mit dieser Story löse ich also nun endgültig mein Ticket in die Hölle. Eigentlich muss ich mich dafür schämen und sollte mich wohl persönlich bei Thomas und Jakob entschuldigen :blush:

2) Ja ich weiß, dass das auf dem Foto irgendwer ist und nicht Jakob. Schreibt das einfach als „Fiktion“ ab. ;)


Warnung: Mit viel OOC, viel Fluff und dafür ohne beta. Ich hab mich einfach nicht getraut, das beta lesen zu lassen. Lieber poste ich es gleich öffentlich. Weil. *Logik*


Paket Nr. 3:
Sternenklarer Himmel
Raureif
Schneesturm
Plätzchen ausstechen
Schneespaziergänge




Ich kann dir die Welt nicht erklären, weil sie für mich selbst Kopf steht



Geradlinigkeit, Ordnung und dass bestenfalls alles nach seinem Plan lief. Das mochte Thomas so an seinem Job. Alles wurde aufgebaut, wie er es sagte, es wurde das erzählt, was er wollte und wer wann wohin lief, das konnte auch er bestimmen.
Das bedeutete zwar auch große Verantwortung für ihn, aber das war schon okay. Denn irgendwie war es leicht und es funktionierte. Nach Plan.
Nicht so wie sein Leben. Das verlief nämlich so überhaupt nicht nach Plan. Zumindest nicht mehr, seit Jakob weg war.
Gut, er war nicht wirklich weg. Natürlich saß er ihm immer noch jeden Tag im Büro gegenüber und sie arbeiteten immer noch gemeinsam Ideen aus und hielten Besprechungen ab. Aber das war es auch schon. Mehr war da nicht mehr zwischen ihnen. Und dabei war es gut gewesen. So verdammt gut.
Seufzend ließ Thomas seinen Blick zu Jakobs Schreibtisch gegenüber gleiten. Der PC war ausgeschaltet, die Lampe erloschen, der Stuhl feinsäuberlich unter die Tischplatte geschoben, alles aufgeräumt und Jakob weg.
Thomas zog sich die Brille von der Nase und rieb sich die schmerzenden Augen.
Gerne hätte er sich jetzt von irgendetwas ablenken lassen. Von irgendwelchen Geräuschen, von den Mitarbeitern, die in sein Büro kamen und etwas von ihm wollten oder auch von dem sonst so nervigen Telefon.
Doch nichts davon konnte ihn jetzt ablenken. Denn es war der letzte Tag vor der Weihnachtspause und ausnahmslos alle waren schon nach Hause gegangen. Selbst Katharina hatte schon vor über einer Stunde an seine Tür geklopft, ihn zum Abschied umarmt, ihm Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch gewünscht und danach war sie verschwunden.
Jakob war schon seit Stunden weg.
Nur er saß jetzt noch hier. Der Rest der Redaktion war dunkel. Das Vernünftigste wäre, jetzt auch einfach nach Hause zu gehen. Aber dorthin wollte er nicht. Noch nicht jetzt. Ein bisschen vermeintliche Ablenkung gönnte er sich noch. Also schob er sich die Brille wieder auf die Nase und beschloss, sich erstmal einen Kaffee zu holen. Konnte ja nicht schaden.
Thomas schnappte sich seine leere Tasse und ging in ihre kleine Redaktionsküche. Alles hier war seltsam still und dunkel. Und auch, wenn es ihn sonst oft nervte, wenn er nicht Mal fünf Minuten seine Ruhe haben konnte, mochte er es viel lieber, wenn es hier geschäftig war. Aber alle hatten schon Feierabend gemacht und freuten sich auf Weihnachten. Zugegebenermaßen hatte auch er hier nichts mehr verloren. Es war alles erledigt, er hatte seine komplette Check-Liste für dieses Jahr abgearbeitet, beziehungsweise abarbeiten lassen. Somit war absolut nichts mehr zu tun.
Mit einer Tasse dampfendem Kaffee in der Hand ging er trotzdem wieder zurück zu seinem Büro und hielt nur kurz an seiner Tür inne. Dort hing genau in der Mitte - groß und für alle sichtbar - das Foto. Dieses eine dämliche Foto von der letzten Weihnachtsfeier, als Jakob ihn betrunken einfach geküsst hatte. Es war lustig gewesen, alle hatten gelacht und vor allem hatten sie beide auch darüber lachen können. Also hatten sie beschlossen, das Foto an ihre Bürotür zu hängen; war ja schließlich ihr gemeinsames Büro und es sprach auch nichts dagegen wenn alle gleich sehen konnten, dass sie lustig drauf waren. So zumindest der Plan.
Dass genau dieses Foto, das mit so viel Spaß entstanden war, jetzt irgendwie alles zerstört hatte, nervte ihn.
Gut, zugegebenermaßen hatte das Foto an sich gar nichts zerstört, das war er schon selbst gewesen. Würden sich jetzt auch noch Fotos selbstständig machen hätte er noch größere Probleme, als gerade eh schon.
Aber zumindest konnte er behaupten, dass mit dem Foto alles angefangen hatte. Oder aufgehört. Je nach dem.
Das damals war alles nur Spaß gewesen. Da war noch absolut nichts zwischen ihnen gelaufen, sie waren einfach nur betrunkene Kollegen gewesen und hatten Witze gerissen. Frank war mit einer Kamera herumgelaufen und hatte lustige Fotos geschossen, unter anderem auch das von Jakob und ihm, auf dem sie sich extra dafür geküsst hatten. Das Bild war an ihre Bürotür gekommen und nichts weiter war passiert.
Erst Monate später hatte es irgendwie angefangen.

Schon immer war Thomas einer der letzten gewesen, die das Büro verließen. Doch nachdem sie ein neues Projekt gestartet hatten, das noch viel Vorbereitung und Vorlauf benötigte, hatte Jakob sich angeboten ihm zu helfen. Wobei… nein, wirklich angeboten hatte er sich auch nicht. Es hatte sich einfach irgendwie so ergeben, dass Jakob auch immer so lange mit ihm in der Redaktion gesessen war. Die vielen Stunden allein im Büro, mit seinem Kollegen direkt gegenüber – oder wahlweise und noch viel besser: direkt neben ihm, hatten Thomas nicht gut getan.
Doch eigentlich waren sie das Beste gewesen, das ihm hatte passieren können.
Denn irgendwo zwischen all den Überstunden, Diskussionen, Strategieplanungen und Quotenprüfungen hatte er sich in Jakob verliebt. Und Jakob war nicht gerade hilfreich dabei gewesen, ihm diese Gefühle wieder auszureden. Ganz im Gegenteil. Stattdessen war er irgendwann ausnahmslos jeden Abend mit ihm länger im Büro geblieben – auch wenn sie beide gewusst hatten, dass eigentlich alle Arbeit erledigt und nichts mehr zu tun war, hatten sie oft einfach nur an ihren PCs gesessen, irgendeinen Quatsch recherchiert und waren danach etwas zusammen Trinken gegangen.
Wenn wirkliche Arbeit bis in die späten Abendstunden angestanden hatte, waren sie zusammen essen gewesen. Und irgendwann hatte Thomas angefangen, immer für sie beide zu bezahlen. Dann hatte Jakob gewitzelt, ob das hier etwa ein Date werden sollte. Und Thomas hatte vor sich hin geschmunzelt und Jakob angedroht, dass er ihm schon noch zeigen würde, wie ein schwules Date zu sein hatte. Doch Jakob hatte nur gelacht, hatte abgewunken und war dann schließlich Wochen später doch mit ihm nach Hause gegangen. Nach Hause und in sein Bett.
Jakob war unsicher gewesen, hatte ihn mit zittrigen Händen vorsichtig und neugierig berührt und unglaublich viel gelacht. Hatte ihm gestanden, dass er noch nie zuvor mit einem Mann geschlafen hatte und Thomas hatte sich dieses eine Mal jeglichen bissigen Kommentar verkniffen und Jakob stattdessen sein Shirt über den Kopf gezogen.

Nach diesem Abend hatten sie keine Überstunden mehr gemacht. Denn dafür hatten sie gar keine Zeit mehr gehabt. Viel zu sehr hatten sie jeden Tag den Feierabend herbei gesehnt, um dann einfach nur nach Hause gehen und sich dort gemeinsam im Bett verkriechen zu können. Natürlich hatte es Thomas nicht zugegeben und Jakob nur Witze darüber gemacht, aber es war eine unfassbar schöne Zeit gewesen.
Thomas wusste schon lange, dass er schwul war und Jakob war auch nicht sein erster Freund. Für Jakob sah das allerdings ganz anders aus. Für ihn war Thomas der Erste gewesen – in jeglicher Hinsicht. Und hinter seiner grummeligen Fassade hatte Thomas alles dafür getan, dass es Jakob bei ihm gut ging. Und Jakob hatte sich nie beschwert. Hatte sich nie beschweren müssen, weil sie so verdammt glücklich miteinander gewesen waren.
In der Redaktion hatten sie immer versucht sich zu beherrschen. Hatten versucht, nicht zu viel unter ihren Schreibtischen zu füßeln, sich nicht allzu viele verliebte Blicke zuzuwerfen und hatten sich bemüht, nicht bei jeder sich bietenden Gelegenheit nebeneinander zu sitzen. Und scheinbar waren sie erfolgreich gewesen, denn nie hatte sie auch nur einer aus der Redaktion angesprochen, ob denn irgendetwas zwischen ihnen anders war. Das gesamte Team wusste zwar, dass Thomas schwul war, aber von Jakob, da wussten sie nichts. Und der musste erstmal mit sich selbst klar kommen, musste mit Thomas klar kommen und bekam es trotzdem noch irgendwie auf die Reihe, tatsächlich seinen Eltern und engsten Freunden zu erzählen, dass er jetzt einen Freund hatte.
Noch vor wenigen Jahren, als Jakob irgendwann ganz unsicher zum Redaktionsteam gestoßen war, wäre das nie passiert. Doch heute… heute schon. Und Thomas war unfassbar stolz auf seinen Freund, auch wenn er alles immer nur trocken kommentierte. Jakob wusste, wie er ihn zu nehmen hatte.
Doch dann hatte Joko diese unfassbar blöde Idee gehabt, dieses Portrait über Klaas zu drehen und dann war irgendwie alles den Bach runter gegangen.
Weil Joko natürlich permanent in seinem Büro ein und aus gegangen war. Und weil man bei den Aufnahmen ganz deutlich das Bild von Jakob und ihm an der Tür hatte sehen können. Und weil er dann tatsächlich im Internet auf diversen Profilen mehrfach darauf angesprochen worden war. Manchmal neugierig-nett, oft jedoch auch eher weniger nett. Und weil Thomas dann Panik bekommen hatte. Weil er den Schwanz eingezogen hatte und die Beziehung mit Jakob beendet hatte.
Nie hatte er bei seinen Freunden und seiner Familie ein Geheimnis aus seiner Sexualität gemacht. Warum auch? Doch er hatte nie geplant, dass genau dieser intimste Teil von ihm, seine Beziehung, plötzlich öffentlich besprochen wurde und er auf Twitter und Instagram gefragt wurde, ob das wirklich Jakob sei und wie lange das schon liefe, was sie nicht alles im Bett miteinander trieben und… noch viele weitere Fragen, die er lieber schnell wieder vergessen hatte, weil sie so verdammt widerlich gewesen waren.
Sein Privatleben war schon immer privat gewesen und egal, welche Seiten und Facetten man auch immer von ihm bei den Aufnahmen für‘s Duell um die Welt oder für sonst eine Sendung gesehen hatte, Privates war immer privat geblieben. Er war nicht der Mann vor der Kamera, für den sich die Öffentlichkeit interessierte. Er hatte schon immer hinter der Kamera stehen wollen, hatte sich zurücknehmen und lieber von außen auf den großen Rummel sehen wollen. Natürlich hatte das mit der zunehmenden Beliebtheit von Jokos und Klaas' Show-Konzepten nur bedingt funktioniert, aber er hatte nie etwas preis geben müssen, das er nicht hatte verraten wollen.
Und ihm ging es verdammt gegen den Strich, dass ausgerechnet durch so ein Quatsch-Projekt, das er natürlich nicht vorher abgezeichnet hatte, jetzt das Intimste von ihm an die Öffentlichkeit gelangt war.
Da war es für ihn nur allzu verständlich, dass er dann Panik bekommen hatte, weil… ja… warum wusste er selbst nicht so genau. Er wusste nur, dass er noch am selben Abend, nachdem die ersten Kommentare zu dem Foto eingetrudelt waren, ganz panisch und hektisch mit Jakob Schluss gemacht hatte.
Jakob hatte die Welt nicht mehr verstanden und Thomas hatte sie ihm nicht erklären können, weil sie für ihn selbst Kopf gestanden war.
Dass er das Richtige damit getan hatte, die Beziehung zu beenden, davon war er noch nie überzeugt gewesen. Hatte es sich nur eingeredet, damit er sich nicht mehr so verdammt idiotisch vorkam. Als reifer, erwachsener und schwuler Mann einfach Schluss zu machen, weil er von fremden Menschen auf seine Beziehung angesprochen worden war… das war Quatsch. Ganz großer Quatsch. Das wusste er. Und trotzdem hatte er sich nicht anders zu helfen gewusst, hatte Jakob mit ein paar blöden Sprüchen abgespeist, die ihm verdammt weh getan hatten. Das hatte Thomas genau sehen können.
Er hätte sich entschuldigen sollen. Hätte seine Worte zurück nehmen und Jakob sagen sollen, was für ein Trottel er gewesen war. Doch er hatte es nicht getan. Hatte sich nur gefragt, wie er jetzt weiterhin mit Jakob zusammen arbeiten sollte, wo er sich doch so sehr nach Jakob verzehrte und nicht einmal selbst verstand, was mit ihm los war.
Doch wieder hatte Jakob bewiesen, dass er nicht mehr so unsicher war wie damals noch - und vielleicht auch ein ganzes Stück erwachsener als Thomas selbst. Er war am nächsten Morgen selbstbewusst ins Büro gepoltert, hatte Thomas ein trockenes „Morgen“ hingeklatscht und seine Augenringe dann hinter dem PC-Bildschirm versteckt, bevor er sich in ihrem Meeting absolut professionell verhalten hatte. So professionell, dass das wiederum Thomas verdammt weh getan hatte. Denn… nein, verdammt. Er wollte nicht, dass Jakob sich ihm gegenüber professionell verhielt. Er wollte, dass sie scherzten und lachten und sich gemeinsam spätabends verschwitzt und aneinander geschmiegt im Bett neue Konzepte für die Show ausdachten. Er wollte, dass sie schnelle Notizen auf ihren Smartphones kritzelten, bevor sie doch nicht mehr die Finger voneinander lassen konnten und die Sendung und alles andere weit in den Hintergrund trat. Er wollte, dass sie am nächsten Tag in der Redaktionskonferenz ganz stolz verkündeten, eine neue Idee gehabt zu haben und dann die Notizen, die ganz hitzig und ungeduldig entstanden waren, doch nicht mehr lesen zu können. Genau das wollte er.
Stattdessen bekam er Jakobs Professionalität. Und er verstand auch wieso. Und das war vermutlich das Schlimmste daran. Weil er genau wusste, dass er es verdient hatte.
Und jetzt saß er hier, am letzten Arbeitstag vor der Weihnachtspause und starrte in seine halb leere Kaffeetasse. Es war schon weit nach Feierabend und was sonst immer Spaß gemacht und seinen Reiz gehabt hatte, fühlte sich ohne Jakob einfach nur falsch an.
Also stellte er die Tasse wieder ab, seufzte noch einmal und fuhr dann seinen PC runter. Brachte doch alles nichts. Das mit der Ablenkung funktionierte ja sowieso nicht. Stattdessen vermisste er Jakob mit jeder Minute, die er in ihrem leeren Büro verbrachte, nur noch mehr und ihm wurde immer klarer, was für ein Idiot er gewesen war.
Nachdem er die Stromzufuhr der PCs abgeschaltet hatte, stand er auf und angelte sich seine dicke Winterjacke von der schwarzen Couch. Ein Mal, ein einziges Mal hatten Jakob und er es nicht mehr nach Hause geschafft und hatten tatsächlich auf dieser Couch Sex gehabt. Und verdammt… es war gut gewesen. So unfassbar gut.
Doch jetzt lag dort unter seiner Jacke kein verschwitzter Jakob, den er damit zugedeckt hatte. Jetzt lag dort nur ein einzelner verlassener Handschuh und Thomas steckte ihn gedankenverloren in seine Jackentasche, bevor er das Büro verließ und die Tür schloss.
Noch einmal wandte er sich um und warf einen Blick auf das Foto, das immer noch mitten an der Tür hing.
Nach seinem seltsamen Anfall von Panik und dem Ende der Beziehung zu Jakob hatte er tatsächlich am meisten davor Angst gehabt, dass der das Bild jetzt einfach von ihrer Tür reißen, zerknüllen und in den Müll schmeißen würde. Doch Jakob hatte das nicht getan. So weit Thomas das mitbekommen hatte, hatte er dem Foto überhaupt keine Beachtung geschenkt. Vielleicht fiel es ihm aber auch gar nicht mehr großartig auf, schließlich hing es da auch schon seit Monaten. Und trotzdem war Thomas einfach nur erleichtert gewesen.
Auch, wenn es ihn jetzt nur wieder daran erinnerte, was er eigentlich angerichtet hatte. Und was er sich jetzt vor allem absolut nicht mehr erklären konnte.
Was konnte Jakob denn dafür, dass ihn Leute auf seine Beziehung angesprochen hatten? Und wieso hatte es ihn gestört? Vor allem, wieso hatte es ihn so sehr gestört, dass er die Beziehung nicht mehr hatte aufrechterhalten wollen?
Er konnte nur über sich selbst den Kopf schütteln, das Licht ausknipsen und das Büro verlassen.
Denn er wusste, was er heute zu tun hatte.

Als er auf dem Weg von der U-Bahn zu seiner Wohnung einer Frau mit viel zu breitem Zwillingskinderwagen auswich und dabei die ganzen Sträucher am Wegrand streifte, die ihren Raureif fröhlich auf seiner Hose verteilten, ärgerte er sich noch mehr über sich selbst.
Die feinen Eiskristalle schmolzen auf seiner Jeans und drangen eiskalt bis auf seine Haut durch.
Eigentlich sollte er jetzt nicht durch das eiskalte und verschneite Berlin stapfen. Jakob und er hatten die freien Tage anders geplant. Den heutigen Abend hatten sie früh Feierabend machen wollen, sich dann nach Hause auf die Couch verkriechen wollen, eine Pizza bestellen, ein wenig Quatsch im Fernsehen schauen, ein bisschen fummeln und vor allem nicht mehr nach draußen gehen. Morgen Vormittag hatten sie dann irgendwann aufstehen und dann doch wieder ins Bett stolpern wollen für eine Runde Guten-Morgen-Sex. Danach war eine Dusche auf dem Plan gestanden und ein anschließender großer Einkauf, der dafür sorgen würde, dass sie die nächsten Tage nicht mehr die Wohnung würden verlassen müssen.
So weit der Plan. Dass es Thomas selbst gewesen war, der genau diesen versaut hatte, ärgerte ihn zutiefst. Vor allem, weil er noch keinen neuen Plan hatte, wie er Jakob klar machen konnte, was mit ihm los gewesen war und dass er ihn zurück wollte.
Schimpfend klopfte er sich also auf die Hose, vergaß dabei, dass das geschmolzene Eis ja schon längst eingezogen war und stapfte dann die Treppen nach oben in seine Wohnung.
Würde er den Abend mit Jakob verbringen, würde es hier anders aussehen. Dann würde hier vielleicht irgendwo eine leere Kondom-Schachtel rumliegen, die Pizzaschachtel, die sie aus Versehen vom Tisch gefegt hatten und vielleicht ein, zwei Bierflaschen.
Doch jetzt erwartete ihn der abgestandene Geruch von den gebratenen Nudeln von gestern Abend, ein Haufen dreckiger Teller und Klamotten und ein paar zu viele Flaschen, mit denen er gestern Nacht versucht hatte, Jakob aus seinen Gedanken zu vertreiben. Erfolglos natürlich. Jakob war geblieben, genauso wie der schale Geschmack in seinem Mund als er sich bewusst geworden war, dass er allein es war, der an ihrer jetzigen Situation Schuld war.

Eine Stunde lang versuchte er, sich die Zeit zu vertreiben, seine Gedanken auf andere Wege zu lenken, bloß weg von Jakob. Doch war er erfolgreich? Natürlich nicht. Stattdessen hatte er die ganze Zeit nur im Kopf, dass er jetzt mit Jakob auf der Couch lümmeln sollte, halb nackt unter der warmen Decke aneinander gekuschelt während irgendein Quatsch im Fernsehen lief, vielleicht Kevin allein zu Haus oder anderer Mist, zu dem Jakob aber trotzdem immer eine Geschichte einfiel. Denn Jakob kannte zu allem Geschichten. Zumindest wenn sie allein waren. Dann musste Thomas ihn manchmal einfach küssen, damit er den Mund hielt. Meist hörte er ihm gerne zu – eigentlich immer. Aber ihn zu küssen um ihn zum Schweigen zu bringen hatte auch seinen Reiz.
Nein, falsch. Hatte seinen Reiz gehabt. Er hatte ihm gerne zugehört und er hatte ihn gerne geküsst. Vergangenheit. Die Gegenwart hatte Thomas sich ja selbst verbaut.
In Gedanken vor sich hin fluchend wanderte er rastlos durch seine Wohnung und stolperte jedes Mal über den gleichen DVD-Stapel, der dort schon seit Wochen lag. Jakob hatte die DVDs, die er noch nicht gesehen hatte, aus dem Regal gezogen und aufgehäuft, damit sie sich durch den Stapel gucken konnten. Hätten sie auch gemacht, wenn Joko nicht dieses blöde Portrait hätte drehen wollen.
Ja, gut. Das war unfair. Joko konnte nichts dafür. Keiner konnte was dafür, nur er selbst.
Aber leider war er auch schon alt genug um zu wissen, dass ihm sein Selbstmitleid hier gar nichts half. Er wusste, was helfen würde. Bei Jakob zu Kreuze kriechen. Ihm sagen, was für ein fruchtbar feiger Trottel er gewesen war und dass er ihn doch wieder zurück nehmen sollte. Das war das einzige, das er tun konnte.
Also stand er wenig später angezogen an seiner U-Bahn Haltestelle und fragte sich gerade, wie billig es wohl rüber kommen würde, wenn er jetzt auf dem Weg einfach Jakobs Lieblingspizza mitnehmen würde. Eigentlich wollte er sich ja nicht mehr hinter so billigen Ausreden verstecken, aber andererseits fiel ihm alles andere einfach nur unfassbar schwer. Denn Worte waren nicht gerade sein Steckenpferd. Klar, er konnte trockene Kommentare machen und einzelne Anweisungen geben. Das war nicht das Problem. Aber sobald er etwas erklären oder seine Gedanken in Worte fassen wollte, bekam er Probleme.
Aber es half ja alles nichts. Wenn er Jakob wieder zurück wollte, muss er dafür wohl auch ein bisschen was tun.
Und so stand er wenig später tatsächlich vor Jakobs Wohnungstür.
Von unten warf er einen zweifelnden Blick gen Himmel. Er war dunkel, aber die Sterne leuchteten klar von oben. Aber nicht so hell und warm allerdings wie das Licht, das in Jakobs Wohnzimmer brannte, das Thomas hinter dem kleinen Balkon erkennen konnte. Einen Augenblick lang stand er etwas unschlüssig da und starrte einfach nur Jakobs hell erleuchtete Balkontür an, bis ihm bewusst wurde, wie gruselig das eigentlich war, was er hier trieb. Aber irgendwie hatte er einfach nur Mal gucken wollen, ob er etwas sah. Aber er hatte nichts gesehen. Zumindest war Jakob nicht durchs Wohnzimmer gelaufen. Vermutlich lag er jetzt alleine und warm eingekuschelt auf der Couch. Und genau da wollte Thomas auch hin.
Ehe er also noch viel überlegen und abwägen konnte, lief er einfach wieder zurück zur Haustür und drückte endlich auf die Klingel.
Lange blieb es ruhig und er musste wirklich der Versuchung widerstehen wieder einige Schritte rückwärts zu machen, um zu sehen, ob Jakob vielleicht gerade von der Couch aufstand. Doch dann knackte es kurz im Lautsprecher der Gegensprechanlage und ihn durchflutete eine heiße, brennende Woge der Eifersucht, als eine Frauenstimme sich meldete.
„Hallo?“
Kurz schluckte er, während ihm das Herz bis zum Hals schlug und er noch einmal fieberhaft drüber nachdachte, ob er gerade auch den richtigen Klingelknopf erwischt hatte. Seit wann hatte Jakob Frauenbesuch? Und wieso? Das gefiel ihm nicht. Das gefiel ihm absolut nicht.
Mit kribbelnden Fingern spielte er an seinem Reißverschluss, ehe er endlich antwortete:
„Ist Jakob zu Hause?“
Manieren hatte er auch schon mal irgendwann besessen. Lange her.
„Wer ist denn da bitte?“
Umso länger er ihre Stimme hörte, umso eifersüchtiger wurde er. Und umso dringender wollte er einfach nur wieder davon laufen.
„Thomas“, hörte er sich selbst sagen, während er versuchte das Bild aus seinem Kopf zu verdrängen, wie Jakob anstatt allein oder mit ihm plötzlich mit einer Frau auf der Couch lag. Halb nackt, fummelnd und Pizza essend. Verdammt, warum zum Teufel war er so lange feige gewesen und hatte sich Jakob nicht zurück geholt? Jetzt musste er eventuell die bittere Nachricht schlucken, dass Jakob jetzt zu jemand anderem gehörte. Und dabei wollte er von Jakob doch eigentlich ganz andere Dinge schlucken.
„Thomas“, wiederholte die Stimme am anderen Ende, klang plötzlich ganz kalt und riss ihn aus seinen warmen Gedanken.
Dann raschelte es, er glaubte Jakob im Hintergrund zu hören und dann wurde ihm noch ein „Komm hoch“ entgegen gespuckt, ehe die Verbindung abbrach und der Türsummer gedrückt wurde.
Schnell schob er sich in den Hausflur und entschied sich heute für die Treppen. Normalerweise bevorzugte seine Raucherlunge den Aufzug, aber heute brauchte er diesen kleinen Weg.
Weil er so verdammt nervös war! Seit Wochen hatte er Jakob schon nicht mehr alleine und privat getroffen, geschweige denn mit ihm allein gesprochen. Apropos allein… wer war überhaupt diese Frau? Das Blut in seinen Adern kochte vor Eifersucht und er beschleunigte seine Schritte ein wenig. Wollte jetzt doch so schnell wie möglich bei Jakob sein und die vertrauliche Situation mit dieser Frau einfach nur… zerstören, ja genau. Zerstören klang gut. Gut und gewalttätig.
Das einzige, das an ihm dann allerdings noch rot war, als er endlich im fünften Stock bei Jakob ankam waren seine eigenen Wangen. Nicht nur vor Anstrengung. Und auch nicht mehr vor brodelnder Eifersucht, denn die machte einem ziemlich dominanten Schamgefühl Platz, als ihm Jakobs Schwester die Tür öffnete.
Jakobs Schwester… und er stapfte hier die Treppen nach oben wie ein wild gewordener Eber, fest dazu entschlossen diese Frau auch nackt oder nur in die Unterwäsche vor die Tür zu setzen und sich dann selbst zu Jakob unter die Decke zu verkriechen.
Doch die Frau, die ihn herein gelassen hatte, war einfach nur Jakobs Schwester und ihr durchdringender Blick aus grünen Augen tat fast schon weh. Denn er entfachte ein unfassbar großes schlechtes Gewissen und er wollte ihr einfach nur sagen, wie leid es ihm tat, dass er ihrem Bruder weh getan hatte und dass er schließlich hier war, um genau das wieder gut zu machen.
Doch als sie ihn so durchdringend musterte und erst noch keine Anstalten machte, ihn rein zu lassen, sagte er plötzlich einfach:
„Ich hab Pizza mitgebracht“ und drängte sich an ihr vorbei in die Wohnung. Ja, diese Sache mit den Manieren… eigentlich hatte er sie wirklich. Irgendwo. Aber gerade hatte er einfach nur Angst gehabt, sie würde ihm doch die Tür wieder vor der Nase zu knallen.
Er hörte hinter sich ein Seufzen, dann würde die Tür geschlossen und Bettina ging an ihm vorbei.
„Welche Pizza?“, fragte sie ihn und besah sich etwas misstrauisch seine Jackentaschen. Als würde er tatsächlich Pizza in der Jackentasche servieren…
Die Wahrheit musste er jetzt wohl trotzdem sagen:
„Hab ich vergessen“, brummte er nur und bereute es, nicht noch eine geraucht zu haben, bevor er geklingelt hatte. Ein wenig ruhigere Nerven könnte er jetzt wirklich brauchen.
Bettina grunzte etwas belustigt auf und er meinte etwas zu hören wie „Beide gleich“, bevor sie dann lauter und an ihn gewandt meinte:
„Komm rein. - Aber zieh die Schuhe aus!“
Schnell kickte er sich die Schuhe von den Füßen, ließ die Jacke allerdings an und lief hinter Bettina her in die Küche. Dort stand Jakob und war tatsächlich gerade dabei Plätzchen zu backen.
Gut sah er aus. Sein schwarzes Shirt war ganz voller Mehl und sein Gesicht gerötet, weil es in der Küche so verdammt warm geworden war. Und seine Haare standen in alle Richtungen ab. Genau so wie immer am Morgen danach, wenn Thomas ihn deswegen aufgezogen und ihm die Haare doch jedes Mal zurecht gezupft hatte.
„Thomas ist da und hat Pizza mitgebracht, die er allerdings vergessen hat“, erklärte Bettina trocken, Jakob krauste verwirrt die Stirn und Thomas zuckte nur etwas hilflos mit den Schultern. Zugegeben, eine imaginäre Pizza zu erfinden war ein blöder Plan gewesen. Aber Jakob kannte ihn und seine schwachsinnigen Ideen schon und Thomas erkannte genau, dass sich in Jakobs angespanntem Gesicht dennoch leicht die Mundwinkel zu einem belustigten Grinsen hoben.
„Überraschung“, rief Thomas jetzt noch tonlos aus, machte sich noch etwas lächerlicher und Jakobs leichtes Grinsen wurde noch etwas offensichtlicher.
Dann mischte sich jedoch wieder Bettina ein, die nur den Kopf schüttelte und „Oh Jungs“ murmelte.
Danach hörte Thomas noch, wie sie sich verabschiedete mit den Worten „Ich lass euch lieber Mal allein“ und schon war sie verschwunden.
Wie wenig später die Haustür hinter ihr zu schlug hörte Thomas schon gar nicht mehr. Viel zu versunken war er in seinen eigenen Gedanken. Wie Jakob da so stand… mit seinem voll gekleckerten Shirt und dem geröteten Gesicht… der Streifen Haut, der zwischen Shirt und Hose hervor blitzte… Für viele mochte das nicht die Erfüllung all ihrer Träume sein. Für Thomas hingegen schon und er sah sich selbst, wie er Jakob vor sich her drängte und ihn zwischen all dem Mehl und den Plätzchenausstechern mitten auf dem Tisch liebte.
Zumindest so lange, bis Jakob sich räusperte und scheinbar doch irgendwie eine Erklärung dafür haben wollte, was er hier eigentlich tat. Fragend hob er beide Hände und verteile dabei etwas Plätzchenteig auf dem Boden.
„Ich hab keine Pizza dabei.“
Was redete Thomas heute eigentlich für einen Mist? Und wieso hatte er ständig diese dämliche Pizza im Kopf? Die gab es doch gar nicht, verdammt noch Mal!
„Das sehe ich. Und weswegen bist du dann hier? Hab ich vergessen, auf der Arbeit was zu erledigen?“, fragte Jakob jetzt ziemlich kühl und wandte sich wieder dem Küchentisch zu, um den Teig auszurollen.
Dass Jakob jetzt von der Arbeit sprach versetzte Thomas' Herzen wirklich einen Stich. Aber gut, womit hatte er auch gerechnet? Dass Jakob ihn mit offenen Armen empfangen würde, nachdem er so einen Mist gemacht hatte? Ganz sicher nicht…
Etwas unschlüssig schob er jetzt die Hände in die Jackentaschen. Und als seine kalten Finger sich plötzlich um etwas Weiches schlossen, verkündete er:
„Ja, ne. Das ist ja… also eigentlich wollte ich dir ja nur deinen Handschuh wieder bringen.“
Mit diesen Worten zog er den Handschuh, den er auf der Couch in seinem Büro gefunden hatte, aus der Tasche und hielt ihn Jakob hin.
Jakob besah sich kurz Thomas' momentan aktuelle Ausrede, schüttelte dann den Kopf und wandte sich wieder ab, während er meinte:
„Das ist nicht meiner!“
„Oh...“
Thomas warf noch einen Blick auf den Handschuh, fragte sich kurz, wen er dann wohl über die Feiertage um warme Finger gebracht hatte und steckte ihn etwas peinlich berührt wieder in die Jackentasche.
Einen Moment lang wartete Thomas ab, doch als Jakob keine Anstalten machte, noch etwas zu sagen, sondern schon beinahe stoisch kleine Tannenbäume aus dem ausgerollten Plätzchenteig ausstach, lehnte er sich leicht gegen den Türstock und beobachtete ihn einen Moment.
Er mochte es, mit welcher Hingabe Jakob manchmal an Dinge herangehen konnte. Wie seine Augen dann glänzten und wie er sich so sehr konzentrierte, dass er sich nicht einmal von seinem Lieblingssong im Radio ablenken ließ.
Genau so hatte er auch ausgesehen, als sie das erste Mal miteinander geschlafen hatten. Er war so konzentriert gewesen und hatte ja nichts falsch machen wollen, dass er beinahe seine eigene Erregung vergessen hatte. Da war Thomas gar nichts anderes übrig geblieben, als dafür zu sorgen, dass er sich entspannen konnte, indem er ihm einfach ei….
„Thomas, was willst du hier?“
Oh… ja, richtig. Jetzt war eigentlich nicht der Zeitpunkt, um über den ersten Sex mit seinem Exfreund nachzudenken, der gerade vor ihm stand und ihn aus großen Augen abwartend ansah.
Thomas schob sich die Brille auf die Nase, obwohl sie gar nicht gerutscht war – nur um etwas zu tun zu haben, während er überlegte, was er jetzt am besten sagen konnte. Bloß nicht wieder von Pizzen reden. Das musste doch irgendwie zu schaffen sein.
„Ähm...“, setzte er an, brach jedoch wieder ab.
„Das mit der Pizza war ja doch eh Quatsch und das mit dem Handschuh auch. Also?“
Verdammt… Thomas musste sich wirklich bemühen, nicht rot anzulaufen, wo Jakob ihn jetzt auf seine so offensichtlichen vorgeschobenen Ausreden ansprach.
„Naja, ich...ich wollte zu dir. Wir hatten die Weihnachtstage doch miteinander verplant“, redete er jetzt wieder einfach drauf los und musste sich dann wirklich davon abhalten, nicht einfach seinen Kopf gegen den Türstock zu knallen. Er redete heute wirklich nur Müll. Nur Müll. Auf der Arbeit hatte es noch geklappt, da hatte er noch Anweisungen geben und wichtige geschäftliche Telefonate führen können. Hatte Ablaufpläne entwickeln und mit Joko absprechen können. Aber jetzt, jetzt wo er hier vor Jakob stand, war von seinem mickrigen Verstand nur noch Matschepampe übrig und er hatte das Gefühl, es mit jedem einzelnen Satz nur noch schlimmer zu machen. Als hätte Jakob jetzt plötzlich, nachdem Thomas ihn so schmerzhaft abserviert hatte, Lust mit ihm die Weihnachtstage zu verbringen.
Um Jakobs Mundwinkel schlich sich jetzt tatsächlich ein kleines Lächeln und Thomas wollte sich gerade freuen, als das Lächeln wieder verschwand und Jakob ihn anklagend ansah.
„Thomas, du hast Schluss gemacht!“, erinnerte er ihn. Als hätte er das vergessen. Ja gut, er würde es gerne vergessen und einfach so tun, als wäre es nie passiert. Aber leider war es ja doch eine unausweichliche Tatsache, die sich nicht einfach so vertreiben ließ.
„Ja, aber ich wollte das nicht!“
Jakob grunzte und Thomas konnte nicht erkennen, ob es nun verärgert oder belustigt klang. Vermutlich ein bisschen von beidem.
Wieder schüttelte Jakob nur den Kopf, sagte nichts mehr und wandte sich wieder seinen Plätzchen zu. Aber er schmiss ihn nicht raus! Das war die einzige Erkenntnis, die gerade in Thomas' Kopf ihre Runden drehte. Jakob schmiss ihn nicht raus, er hatte ihn sogar rein gelassen, wenn er vorhin über die Türsprechanlange richtig gehört hatte. Das war gut. Sehr gut. Und besser, als er es verdient hatte.
Nur den Satz brachte er nicht über die Lippen. Den Satz, wie leid es ihm tat und dass Jakob ihn doch bitte wieder zurück nehmen sollte. Stattdessen fragte er:
„Warum bäckst du eigentlich?“, weil ihm erst jetzt klar wurde, dass Jakob ansonsten vielleicht mal ab und zu kochte, aber Backen gehörte eigentlich nicht zu seinen Lieblingsaufgaben.
„Backst“, verbesserte ihn Jakob und warf ihm über die Schulter einen Blick zu, der Thomas schmunzeln ließ. Weil Jakob ihn schon immer verbessert hatte. Zumindest, wenn sie allein gewesen waren.
„Backst“, wiederholte Thomas also leise und spürte immer mehr, dass doch nicht Hopfen und Malz verloren war. Eine kleine Chance hatte er wohl noch, die musste er jetzt nur gut nutzen.
Einen Moment lang war es still und Jakob klatschte den Plätzchenteig vielleicht etwas zu heftig auf den Tisch, bevor er antwortete:
„Weißt du, eigentlich wollte ich ja meinen Freund an Weihnachten mit nach Hause bringen. Aber da das ja nicht mehr geht, backe ich jetzt eben. Mit irgendwas muss ich meine Mutter ja zufrieden stellen.“
Er hatte bitter geklungen und Thomas musste sich eingestehen, dass er fast schon gehört hatte, wie sehr er ihm das Herz gebrochen hatte. Aber er wäre schließlich nicht Thomas, wenn er nicht auch dafür eine Lösung hätte.
„Kann ich dir da vielleicht helfen?“, fragte er jetzt also hoffnungsvoll und sein Herz rannte einen kleinen Marathon, als Jakob antwortete:
„Klar.“
Doch dann stolperte es etwas unangenehm, als Jakob fortfuhr:
„Im Kühlschrank ist noch n bisschen Teig und da hinten liegen noch so Nikolaus-Ausstecher. - Aber zieh erst die Jacke aus und wasch dir vorher die Hände.“
Ganz verdattert tat Thomas wie ihm geheißen und lief schnell ins Wohnzimmer, wo er seine Jacke über die Couch warf. Dann eilte er ins Bad um sich die Hände zu waschen und ärgerte sich nur ein kleines bisschen, dass Jakob nicht ganz verstanden hatte, wobei er ihm helfen wollte. Aber dann wiederum freute er sich auch, dass Jakob ihn wieder nicht rausgeworfen hatte, sondern er ihm sogar helfen durfte. Beim Backen hatte er zwar zwei linke Hände, aber Jakob wusste das. Und das machte es gut. Weil Thomas sich dann einreden konnte, dass Jakob ihn vielleicht auch einfach nur bei sich haben wollte, obwohl er ihm keine wirkliche Hilfe sein würde.
Als er wenig später ebenfalls am Küchentisch stand und mit einem Teigroller den Plätzchenteig ausrollte, sah er kurz zu Jakob rüber. Sein Gesicht war immer noch ganz rot und auch Thomas merkte, wie er langsam anfing zu schwitzen. Und das nicht nur, weil der Ofen auf Hochtouren lief. Jakob heizte ihm da viel mehr ein.
„Jakob...“, setzte er an und wartete, bis der kurz von seinen Rentier-Ausstechern aufsah.
„Mh?“
„Ich meinte vorhin eigentlich, ob ich dir vielleicht bei der Sache mit dem fehlenden Freund helfen kann“, sprach er dann einfach aus, was er sich gedacht hatte und wartete mit wild klopfendem Herzen, was Jakob jetzt wohl dazu sagen würde.
Doch der sagte erstmal gar nichts, sondern grinste ihn nur an. Und verdammt… Thomas müsste total bekloppt sein, wenn das kein verliebtes Grinsen war. Jakob grinste ihn verliebt an! Er tat es tatsächlich. Und Thomas konnte sein Glück noch nicht ganz fassen, zerdrückte das ausgestochene Plätzchen in seiner Hand und grinste einfach nur verliebt zurück.
Dann gerade als Jakob seinen Mund öffnete und scheinbar etwas sagen wollte, roch Thomas es. Es roch sehr ekelhaft und sehr verbrannt und anstatt etwas Verliebtes – zumindest hatte Thomas auf etwas Verliebtes gehofft – zu sagen, wandte Jakob sein Gesicht dem Ofen zu, fluchte laut und lief dann sofort zum Ofen.
Scheinbar waren die Plätzchen verbrannt. Und Thomas war es ehrlicherweise verdammt egal. Die ganzen Plätzchen interessierten ihn nicht; sollten sie doch verbrennen. Ihn interessierte nur Jakob. Und dass er ihn reingelassen hatte, ihn mit sich backen ließ und ihn gerade so verliebt angegrinst hatte.
Also trat er dicht hinter Jakob, als der das Blech aus dem Ofen angelte und sah ihm über die Schulter. Gut, die Plätzchen waren wirklich schon sehr schwarz. Aber verdammt, das war doch egal. Jakob war nicht sauer auf ihn. Scheinbar. Zumindest hatte er bisher noch keine wirklichen Anzeichen gemacht. Dennoch wollte Thomas kein Risiko eingehen, ignorierte die verbrannten Plätzchen immer noch und er trat noch ein wenig dichter an Jakob heran, kam seinem Ohr ganz nahe und meinte leise:
„Es tut mir echt leid.“
Und weil es irgendwie so aussah, als wüsste Jakob nicht ganz, wie er das heiße Blech balancieren sollte, griff Thomas dabei ganz reflexartig über Jakobs Schulter um… ja, vermutlich um ganz verblödet mit bloßen Händen nach dem Blech zu greifen, sollte es Jakob aus den mit Topflappen bestückten Händen rutschen.
Doch scheinbar hatte Jakob nicht mit so einer plötzlichen Annäherung gerechnet oder er hatte ihn mit seinem Bart am Ohr gekitzelt oder sonst etwas. Auf jeden Fall zuckte er plötzlich erschrocken zusammen, als er gerade das Blech kippen wollte, um die Plätzchen auf die Arbeitsplatte zu schütten. Und dabei stieß er mit der Ecke des heißen Blechs direkt gegen Thomas' nackten Oberarm, den der ja klugerweise über Jakobs Schulter gestreckt hatte.
„Fuck“, stieß Thomas aus, als das heiße Backblech ihm die sensible Haut an der Oberarminnenseite verbrannte und er zog reflexartig seinen Arm zurück.
Mit vor Schmerz verzogenem Mund betrachtete er die leicht rosane Stelle und fluchte weiterhin leise vor sich hin.
„Scheiße… sorry. Was machst du denn auch?“, hörte er Jakob neben sich, der das Blech scheinbar abgestellt hatte und sich mit besorgtem Blick zu ihm beugte und sich seinen Oberarm ansah.
„Ja, nicht so tragisch“, versuchte Thomas abzuwiegeln. Doch Jakob kannte ihn und wusste genau, dass er bei Schmerzen doch recht empfindlich war. Und ja verdammt, die Stelle verbrannter Haut tat wirklich gerade weh.
„Warte“, meinte Jakob, dirigierte Thomas zu einem Stuhl und wandte sich kurz ab, kam kurz darauf wieder zu ihm mit einem nass-kalten Küchenpapier, das er vorsichtig auf die brennende Haut legte.
Dann ging er vor ihm in die Hocke und drehte das Tuch immer wieder, damit es auch weiterhin kühlte.
„Jakob… sorry, echt. Ich komm hierher und benehm mich wie die Axt im Wald.“
Er klang zerknirscht und war verdammt froh drum. Weil es ihm wirklich leid tat. Alles. Aber vor allem auch, dass er nicht Mal zu einer vernünftigen Erklärung fähig war, sondern hierher kam und wirklich nur Quatsch machte.
„Ach Thomas...“
Jakobs Stimme klang ganz sanft und er streichelte kurz über seinen Oberarm, bevor er das Küchenpapier wieder schüttelte, damit es kalt wurde und dann wieder auf die brennende Stelle legte. Thomas hätte es selbst halten können, aber er wollte nicht. Er wollte, dass Jakob das machte. Weil er ihm dabei so schön nah kam und ihn ganz besorgt und liebevoll ansah und Thomas keinen einzigen Augenblick davon missen wollte.
Auch, wenn es ihn wirklich immer noch wunderte, warum Jakob kein bisschen sauer zu sein schien. Das verstand er nicht, er verstand es wirklich nicht. Wenn Jakob ihn einfach so sitzen gelassen hätte, wäre er auf jeden Fall sehr angefressen gewesen.
„Warum bist du nicht sauer?“, fragte er ihn also jetzt einfach so verständnislos wie er war und schaute Jakobs Fingern dabei zu, wie sie vorsichtig über seine noch immer schmerzende Haut strichen, bevor er sie wieder kühlte.
Und Jakob antwortete nicht sofort. Er sah ihn an, sah ihm in die Augen und verlagerte das Gewicht auf sein anderes Bein, während er noch immer vor Thomas' Stuhl hockte.
„Weil ich auch verdammt Schiss gekriegt habe, als das mit dem Foto plötzlich Thema wurde. Also, als unsere Beziehung plötzlich Thema wurde meine ich.“
Thomas sah ihn und ja…verstand es. Natürlich verstand er es. Schließlich war er es, der Panik geschoben hatte. Aber für Jakob bedeutete das nochmal etwas ganz Anderes. Thomas wusste schon so viele Jahre, dass er auf Männer stand. Für Jakob war das eine komplett neue Erfahrung. Thomas war der erste Mann, in den er sich verliebt hatte und mit dem er eine Beziehung geführt hatte. Und genau diese Beziehung war plötzlich irgendwie öffentlich geworden – mehr oder weniger.
„Aber ich hab mir gedacht, Schiss hin oder her, ich hab nicht mein ganzes Leben für dich auf den Kopf gestellt, damit ich mich dann von so ein paar Fragen abschrecken lasse. Ich hab mich schließlich nicht umsonst vor allen Leuten geoutet nur um dann einfach abzuhauen, weißt du?“
Thomas musste schlucken als ihm bewusst wurde, was er wirklich angerichtet hatte. Denn ja, Jakob hatte wirklich irgendwie sein ganzes Leben für ihn auf den Kopf gestellt. Aber er war nicht derjenige gewesen, der weggelaufen war. Das war Thomas gewesen, für den das eigentlich alles nichts Neues war.
„Naja… egal jetzt, ne?“, machte Jakob plötzlich dicht und er legte das nasse Küchenpapier auf Thomas' Knie ab und machte wirklich Anstalten einfach aufzustehen.
„Nein!“
Thomas griff nach Jakobs Handgelenk und hielt ihn zurück, zog ihn unbewusst ein Stück zu sich, so dass Jakob fast umgekippt wäre und sich an Thomas' Knien abfangen musste.
„Nicht egal“, grummelte Thomas und genoss Jakobs Nähe, auch wenn die eher ein wenig unfreiwillig zu Stande gekommen war.
„Ich bin ein Arschloch. Ein feiges Arschloch.“
„Hast halt Panik gekriegt.“
Jakob zuckte nur mit den Schultern und entschuldigte tatsächlich Thomas' Verhalten. Ungläubig schüttelte der den Kopf.
„Ich wollte das echt nicht. Wirklich“, wiederholte Thomas schon wieder und fragte sich, wie lange Jakob sich seinen Mist wohl noch anhören würde.
„Und damit ist jetzt alles wieder gut, oder was?“, fragte Jakob angriffslustig, aber sein Gesicht verriet etwas ganz Anderes. Er sah hoffnungsvoll aus – irgendwie. Aber vielleicht sollte Thomas auch einfach nur aufhören, seine Wunschvorstellung auf die Realität zu übertragen.
„Wir könnten's versuchen?“, schlug Thomas betont leichthin vor. Doch dabei war er ganz furchtbar aufgeregt und seine Hand zitterte leicht vor Nervosität, obwohl er sie noch immer um Jakobs Handgelenk geschlossen hatte.
„Vergiss es. So leicht wird das nicht für dich.“
Jakob stand auf und brachte wieder Abstand zwischen sie. Doch er grinste. Und wie er grinste. So, dass Thomas' Herz gleich ein wenig stolperte und die Schmerzen an seinem Arm gleich vergessen waren.
„Jetzt werden erstmal Plätzchen gebacken, verstanden?“, fragte Jakob und Thomas meinte ein leichtes Zwinkern zu sehen.
So schnell war er noch nie von einem Stuhl aufgesprungen, um zum Küchentisch zu hetzen und Plätzchen zu backen. Denn er wusste ganz genau, was das zu bedeuten hatte. Dass Jakob ihm noch eine Chance gab. Dass er ihn vielleicht auch wieder zurück wollte und nur noch darauf wartete, dass Thomas ihm bewies, dass er es ernst meinte. Und verdammt, er hatte vermutlich noch nie etwas so ernst gemeint. Also backte er Plätzchen. Er backte Plätzchen wie ein Weltmeister und stach Tannenbäume, Nikoläuse, Engel, Sterne und Schneemänner aus. Hetzte zum Ofen um die Bleche mit den Plätzchen auszutauschen und streute auf die Ungebackenen sogar etwas von den Zuckerperlen, die Jakob ihm hinhielt. Oh ja, er backte. Und wie.
Und Jakob schien ganz zufrieden zu sein und beobachtete ihn immer wieder grinsend, das bekam Thomas genau mit.
„Hör auf damit“, beschwerte er sich dennoch gespielt grummelig und piekte Jakob in die Seite, als der gar nicht mehr damit aufhörte, ihn anzustarrten… Wobei, nein. Eigentlich schmachtete er, da war sich Thomas sicher. Außer die Hitze in der Küche war ihm mittlerweile zu Kopfe gestiegen. Aber so oder so fühlte er sich gerade verdammt wohl und wohlig warm unter Jakobs Blick. Und unter seinen Händen, die ihm das Backblech abnahmen oder die Ausstecher gegen den Teigroller tauschten.
„Womit denn?“, fragte Jakob wieder ganz unschuldig und kam um den Tisch herum. Noch immer grinste er ihn ganz verliebt an und Thomas fragte sich mittlerweile, ob Jakob das überhaupt bewusst war.
Dennoch schüttelte er jetzt nur den Kopf, sagte nichts und sah Jakob einfach nur in die Augen. Wenn der jetzt noch ein wenig näher kam, nur ein kleines bisschen, dann müsste Thomas sich nur noch vorbeugen um ihn zu küssen. Und vielleicht sollte er daran jetzt noch nicht denken. Das mochte sein. Aber verhindern konnte er es wirklich nicht, wenn Jakob immer noch genau vor ihm stand und so verdammt verführerisch aussah. Das war alles nicht ganz fair, fand Thomas, der dennoch Angst hatte, Jakob zu verscheuchen, sollte er ihn jetzt gleich küssen. So, wie er das rausgehört hatte, wollte Jakob schon, dass er ihm bewies, wie leid es ihm tat und vielleicht auch, dass er nicht mehr weglaufen würde. Aber wenn es nach Thomas ginge, könnten sie das auch später noch tun. Nach ein bisschen knutschen und vielleicht ein bisschen Sex. Im Bett hatten sie doch sowieso immer die besten Ideen. Und vielleicht hatte er jetzt tatsächlich ein bisschen zu sehr darüber nachgedacht, sich endlich wieder mit Jakob in den Laken zu wälzen, denn der lachte jetzt, wedelte mit einem mahnenden Finger vor Thomas' Gesicht herum und schien ganz genau zu erahnen, wovon der gerade geträumt hatte. Verdammt.
Um nicht zugeben zu müssen, dass es ihm peinlich war, schob er sich die Brille wieder auf die Nase, zuckte unbeteiligt die Schultern und fragte:
„Was'n?“
„Sobald das Blech mit Plätzchen, das gerade im Ofen ist, fertig ist, gehen wir raus. Was hältst du von Weihnachtsmarkt? Mir wird das hier drin zu warm“, erklärte Jakob und Thomas erkannte ganz genau, was er ihm damit sagen wollte. Dass er aufhören sollte, ihm auf die Pelle zu rücken. Dass er aufhören sollte, davon zu träumen ihn zu küssen.
Und auch, dass Jakob ganz genau das eigentlich wollte.
„Ernsthaft jetzt?“, fragte Thomas. Wo er doch so nah dran gewesen war. Ein paar Zentimeter nur. Und Jakob grinste ihn schelmisch an, wackelte nochmal mit seinem mahnenden Zeigefinger vor Thomas' Gesicht, ehe er mit den Worten:
„Ich zieh mir Mal schnell was Anderes an. Passt du auf die Plätzchen auf?“ die Küche verließ.
Thomas schüttelte den Kopf und spürte, wie ihn Erleichterung durchflutete. Jakob wies ihn nicht ab. Er rächte sich jetzt vielleicht ein bisschen für Thomas' beschissene Aktion, aber das geschah ihm wirklich nur Recht.
Ungeduldig wartete er die letzte Minute der kleinen Eieruhr ab, die Jakob nach dem ersten verbrannten Unglück aufgestellt hatte und wartete noch viel ungeduldiger, bis Jakob endlich wieder in die Küche kam.

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Re: Ich kann dir die Welt nicht erklären...(Thomas/Jakob)

Beitragvon kuyami » 15. Dez 2015, 01:00

„Hast du den Schlüssel?“, fragte Jakob und zog gleichzeitig die Haustür hinter sich zu.
„Is doch deine Wohnung“, kommentierte Thomas etwas verständnislos und sah Jakob dabei zu, wie er mit angespanntem Gesicht seine Jackentaschen abklopfte, auf der Suche nach dem Schlüssel. Als er ihn gefunden hatte zog er ihn hervor und sein Gesicht glättete sich gleich wieder ganz beruhigt. Und Thomas musste lächeln. Ganz heillos verliebt und so, dass er es nicht abstellen konnte.
Wie oft hatten sie genau dieses Szenario schon durchlebt? Immer, wenn sie bei Jakob gewesen waren und dann gemeinsam die Wohnung verlassen hatten. Oder auch wenn sie zusammen spät abends das Büro verlassen hatten. Immer steckte Jakob den Schlüssel in seine Jackentasche, immer vergaß er es und hatte kurz Panik, sich ausgeschlossen zu haben, während Thomas nur ganz ruhig daneben stand und ein paar blöde Kommentare machte. Weil Jakob so gewissenhaft war, er hatte noch nie seinen Schlüssel vergessen. Er ließ ihn ja nicht Mal auf seinem Schreibtisch liegen, wenn er kurz aufs Klo ging.
Aber Thomas fand es einfach nur liebenswert, weil es einfach so sehr Jakob war, dass sich sein Herz schnurrend zusammen zog. Dankbar, weil er jetzt genau solche Momente wieder mit ihm erleben durfte und sich ihr Kontakt nicht mehr nur auf das rein Berufliche beschränkte. Das hätte er vermutlich keinen Tag länger ausgehalten. Auch, wenn jetzt noch nicht wieder alles in Ordnung war – auch wenn es sich schon fast so anfühlte – war es einfach nur gut.
Denn er hatte Jakob vermisst. Verdammt, er hatte ihn so sehr vermisst. Alles an ihm.
Wie korrekt er sich immer kleidete, während Thomas dagegen ganz leger daher kam. Wie Jakob bei der täglichen gemeinsamen Mittagspause mit der Gabel voller Essen vor seinem Gesicht gestikulierte während er redete und ihm dabei fast das Auge ausstach wenn er sich aufregte. Wie er ihm manchmal schon bevor sie einen Film schauten fast alles an Handlung verriet, weil er sich nicht entscheiden konnte, welche wichtigen Informationen er weg lassen sollte. Wie er es eigentlich nicht mochte, wenn Thomas rauchte und doch nie etwas dagegen sagte. Weil er wusste, dass Thomas sich wirklich bemühte sich einzuschränken, wenn sie zusammen waren. Wie Jakob immer schon morgens ganz fit war und ihm begeistert seine Brille auf die Nase drückte, während er versuchte, ihn aus dem Bett zu schieben. Und wie er sich dann doch ganz schnell überreden ließ, doch noch ein wenig liegen zu bleiben, sobald Thomas ihm einmal in den Nacken gegriffen und ihn für einen langen Kuss an sich gezogen hatte. Wie anhänglich Jakob immer wurde, wenn er betrunken war. Wie Jakobs kleines Bäuchlein sich an ihn presste, wenn der auf der Suche nach Nähe weiter zu ihm rückte. Wie sich sein Bart anfühlte, wenn er über Thomas' Schenkel kratzte. Wie seine Hand sich anfühlte, die seinen Bauch streichelte oder nach seiner eigenen Hand tastete, wenn sie sich ganz nahe waren.
All diese intimen Momente, die niemand anderem gehörten. Die es nur zwischen ihnen beiden gab und die Thomas nie wieder jemand anderen sehen lassen wollte. Er wollte nicht, dass jemand anderes mit Jakob die Mittagspause verbringen, sich von ihm ellenlange Vorträge über eher semiinteressante Themen anhören oder überhaupt neben ihm aufwachen durfte. Er wollte dieses verdammte Exklusivrecht wieder zurück, das er die ganze Zeit gehabt hatte und wo er jetzt wirklich nicht mehr verstehen konnte, wie er das überhaupt nur hatte riskieren, geschweige denn freiwillig aufgeben können. Er wollte es zurück. Nein, er wollte Jakob zurück. Seinen Jakob. Und verdammt, er konnte nicht mehr warten. Er musste Jakob jetzt einfach an seiner Jacke packen und ihn an sich ziehen, musste ihn einfach küssen und ihm seine Lippen aufdrücken.
Jakobs überraschtes Keuchen ließ ihn in ihren Kuss hinein grinsen. Denn Jakob löste sich nicht von ihm, ganz im Gegenteil. Er suchte Halt mit seiner Hand. Griff nach Thomas' Schal, nach seinem Kragen und schließlich in seinen Nacken, um ihn ungestüm näher zu ziehen. Immer näher, so nah es ihre dicken Winterjacken zuließen, in die sie sich eingepackt hatten. Ihr Kuss war ungestüm und hitzig und sie bekamen sich nicht so richtig zu greifen, weil sie beide schon Handschuhe an hatten und in ihre Schals gewickelt waren und immer wieder abrutschten, sich nicht so fest halten konnten, wie sie es wollten. Doch das war egal. Das war jetzt so verdammt egal, weil Jakob ihn genauso verzweifelt und sehnsüchtig küsste wie er ihn. Weil er es nicht aufgab nach Halt und Nähe zu suchen und ihn immer wieder an sich zog. Weil er ebenso grinsen musste, als ihnen vermutlich beiden bewusst wurde, wie verdammt dämlich sie bestimmt gerade für Außenstehende aussahen. Wie sie sich aneinander pressten und doch nicht so nah zueinander kamen wie sie wollten, weil zu viele Klamottenschichten zwischen ihnen lagen. Und wie sie immer wieder versuchten, nacheinander zu greifen und sich doch nicht richtig zu fassen bekamen.
Zumindest bis Thomas ihren Kuss kurz unterbrach, sich mit den Zähnen und einem gefluchten „Ah, fuck“ einen Handschuh von den Fingern zog, ihn achtlos auf den Boden fallen ließ und dann endlich seine Hand in Jakobs Haaren vergraben konnte, um ihn ganz nah bei sich zu behalten. Jakob grinste in ihren Kuss hinein, packte Thomas vorne an der Jacke und küsste ihn nur noch ein wenig verzweifelter.
Und Thomas hatte das Gefühl, dass er Jakob schon viel früher hätte küssen sollen. Im Küssen war er wirklich um Längen besser als im Reden. Vor allem heute. Hier musste er keine Ausrede von imaginären Pizzen oder fremden Handschuhen erfinden. Hier bot er sich an, gab Jakob alles was er hatte und war einfach nur unfassbar erleichtert, als Jakob genau das nahm. Alles von ihm nahm und nicht die kleinste Anstalt machte, es jemals wieder los zu lassen.
Sie schreckten erst auseinander, als neben ihnen ein Auto vorbei fuhr und laut hupte.
Beide grinsten sie sich an bis über beide Ohren und räusperten sich dann unabsichtlich gleichzeitig. Thomas richtete Jakobs Schal wieder hin, den er tatsächlich sehr ungestüm irgendwo hin gezerrt hatte, wo er definitiv nichts zu suchen hatte. Jakob ließ ihn machen, bekam das Grinsen immer noch nicht aus dem Gesicht und zog fragend die Augenbrauen nach oben.
Ja gut, das war vielleicht spontan gewesen, aber verdammt… es hatte einfach sein müssen. Das tat ihnen doch beiden nicht gut, wenn sie nicht zusammen waren. Zumindest redete Thomas sich das ein, weil er genau wusste, dass es ihm nicht gut tat, wenn Jakob nicht da war.
„Ja gut… dann hätten wir das ja auch geklärt. - Ähm, Weihnachtsmarkt jetzt?“, fragte Thomas wieder gewohnt trocken, während er sich beiläufig seinen Handschuh vom Boden klaubte, ihn über zog und Jakob grunzte belustigt.
Und dann marschierten sie los.
Schweigend machten sie sich auf den Weg und weil Thomas das Gefühl hatte, es wäre tatsächlich etwas dunkler als noch vorhin, als er gekommen war, warf er einen Blick nach oben und erkannte, dass der ganze Himmel mittlerweile verhangen war. Kein einziger Stern war mehr sichtbar und ihnen pfiff ein kalter Wind um die Ohren. Vielleicht nicht die beste Voraussetzung für den Weihnachtsmarkt, vielleicht aber auch genau das, was Thomas jetzt brauchen konnte, um Jakob doch einfach wieder zurück zu bekommen. Ein bisschen schlechtes Wetter und Kälte brachte in der Regel die Menschen ja doch näher zusammen, oder nicht?
Glücklicherweise war es Jakob, der ihr Schweigen unterbrach, indem er ihm einfach von einem Dreh erzählte, den er vor zwei Tagen noch mit Joko erledigt hatte und bei dem Thomas nicht dabei gewesen war. Erst war es ein wenig holprig zwischen ihnen, als wüssten sie beide nicht so recht, wie weit sie jetzt schon gehen durften und müssten sich erstmal langsam heran tasten. Doch dann erzählte Jakob ihm, wie er wieder fies zu Joko gewesen war und ihn mehr oder weniger dazu gezwungen hatte, Dinge zu tun und zu sagen, die er nicht hatte tun und sagen wollen. Und auf eine seltsame Art und Weise war Thomas verdammt stolz auf ihn. Denn ja, die meisten Gemeinheiten für Joko und Klaas hatten sie sich tatsächlich immer noch gemeinsam im Bett ausgedacht. Danach, nach dem Sex natürlich. Wenn sie geschafft und immer noch leicht verschwitzt waren und sich einfach nur aneinander schmiegten, weil sie es nicht schafften, auch nur ein Stück vom anderen weg zu rücken. In diesen Situationen hatten sie immer am besten miteinander reden können. Über alles Mögliche. Allerdings nicht stundenlang, denn da waren sie sich dann doch immer selbst in den Weg gekommen. Noch ein bisschen mehr Sex und noch ein bisschen weniger Schlaf hatten schließlich nie geschadet. Und ob sie nun am nächsten Tag mit dicken Augenringen im Büro saßen oder nicht war doch egal gewesen. Weil sie sich gehabt hatten und glücklich gewesen waren.
Und irgendwie würden sie das auch jetzt wieder hinkriegen. Ganz bestimmt.

Recht lang war der Weg zum Weihnachtsmarkt Gott sei Dank nicht gewesen, aber es hatte ausgereicht um sie beide jetzt wieder auf den Stand zu bringen, dass es ihnen wieder leicht fiel, einfach ganz normal miteinander zu reden. Wie sie schon immer miteinander geredet hatten.
Bevor sie sich jedoch in das große Menschengetümmel auf dem Markt wagten, blieben sie beide etwas unschlüssig stehen und sahen sich das Ganze erstmal mit einem Abstand an. Als sich jemand grob an Thomas vorbei schob, trat er einen Schritt zur Seite und stand Jakob jetzt genau gegenüber. Das war gut… und gleichzeitig nicht so gut. Denn jetzt wollte er ihn wieder küssen. Ganz dringend und sehr lange.
„Und, wat willste machen?“, fragte er jetzt jedoch stattdessen und ruckte mit seinem Kopf zu den beleuchteten Häuschen hinüber.
„Ich hab Hunger“, grinste Jakob etwas beschämt und Thomas konnte nicht anders, als sich noch ein Stückchen näher zu ihm zu beugen und seinen Bauch zu streicheln. So, wie er das sonst auch immer getan hatte.
„Ja, is gut jetzt“, ging Jakob eher unbegeistert dazwischen und wollte seine Hand zur Seite schieben. Das kannte Thomas jedoch schon und er legte seine Hand einfach wieder auf Jakobs Bauch und kraulte ihn. Er liebte ihn genauso wie er war, da musste ihm nichts peinlich oder unangenehm sein. War es aber schon immer gewesen und ja, Thomas liebte ihn auch dafür. Weil es einfach zu ihm dazu gehörte. Solange er sich nicht vor Thomas schämte, wenn sie zusammen im Bett waren und miteinander schliefen war das schon in Ordnung. Und solange Jakob sich danach trotzdem an ihn kuschelte und seinen Bauch an ihn presste war es perfekt.
Also sah Thomas gar nicht ein, wieso er aufhören sollte, Jakobs Bauch zu streicheln. Er ärgerte sich lediglich darüber, dass der dicke Stoff seiner Winterjacke dazwischen lag. Aber man konnte eben nicht alles haben.
„Willste ne Bratwurst?“, fragte Thomas grinsend und wusste genau, dass er damit punkten würde.
„Mhm“, brummte Jakob zustimmend und wirkte jetzt schon wieder etwas zufriedener.
„Ja dann.“
Thomas grinste ihn nochmal kurz an, ruckte dann auffordernd mit dem Kopf um ihm anzuzeigen ihm zu folgen. Thomas stürzte sich als erster in das Gedrängel, Jakob hinterher.
Doch er kam gerade Mal ein paar Meter weit, bis ihn jemand am Ärmel und danach an seinem Handschuh zupfte.
„Was zum…“, fluchte er und drehte sich um, bereit jedwedes Kind, das ihn da einfach angefasst hatte, Mal über so etwas wie ‚persönliche Distanz‘ aufzuklären, als er hinter sich jedoch nur Jakob sah, der ihn angrinste.
Gerade wollte er den Mund öffnen um zu fragen, was denn los sei, als er sehen konnte, wie Jakob sich einen Handschuh von den Fingern zog und ihn in seine Jackentasche steckte. Und Thomas verstand und musste sehr sehr breit und noch ein wenig verliebter grinsen, während er sich auch wortlos einen Handschuh auszog, ihn in seiner Jacke verstaute und dann nach Jakobs Hand griff. Jakob nickte ihm kurz zu und schob ihn dann vor sich her.
Thomas schüttelte kurz grinsend den Kopf und lief weiter – Jakob jetzt an der Hand hinter sich her ziehend. Das war neu, wirklich neu, aber es gefiel ihm ausgesprochen gut.
Vorher hatten Jakob und er nicht sonderlich viel Händchen gehalten – außer sie hatten allein zu Hause auf der Couch gelegen oder waren Sonntagmorgen noch ganz verliebt nach dem Sex schnell zum Bäcker um die Ecke gestolpert. Aber bisher noch nie so großartig in der Öffentlichkeit.
Denn sie standen zwar eigentlich beide hinter der Kamera, aber sie konnten sich da wirklich nichts mehr vormachen: sie wurden auf der Straße erkannt und tatsächlich auch teilweise angesprochen. Das war bisher wirklich kaum vorgekommen und wenn, dann war das eher nach der Halligalli-Aufzeichnung gewesen oder so. Aber irgendwie war ihnen klar gewesen, sobald sie in aller Öffentlichkeit Hand in Hand laufen würden, wäre ihre Beziehung definitiv offiziell. Und mehr als ihren engsten Freunden hatten sie nicht davon erzählt; auch in der Redaktion wusste niemand davon.
Aber ausgerechnet jetzt und hier, wo Jakob genau das einforderte, da merkte Thomas plötzlich, als er sich zwischen zwei Männern mit großen Tassen in der Hand hindurch quetschte, dass das von Jakob vielleicht ein Test gewesen war. Ein Test, bei dem Thomas zu verliebt gewesen war, um ihn überhaupt als solchen zu erkennen. Aber Jakob hatte wissen wollen, ob Thomas wieder zurückschrecken würde, wenn es um ein öffentliches Bekenntnis zu ihm ging. Er hatte testen wollen, ob Thomas davon lief oder sich zierte.
„Das war Absicht, ne?“, fragte Thomas jetzt über die Schulter hinweg und wandte kurz den Kopf um. Nur um zu sehen, wie Jakob ihn ganz scheinheilig wie ein kleiner Junge angrinste und meinte:
„Ich habe absolut keine Ahnung wovon du sprichst. – Geh doch Mal weiter jetzt.“
Und wieder übte er dabei eine so große Anziehungskraft auf Thomas aus, dass der sich gerade wirklich beherrschen musste, Jakob nicht einfach anzudrohen, ihn jetzt und hier zu küssen. Aber nein, das war nun wirklich zu kitschig. Er kam sich gerade eh schon vor, als würde er mit zwei Herzchen herumlaufen, die seine normalen Augen ersetzt hatten, oder als würden sie ihm auch wahlweise aus dem Hintern schießen – zumindest wenn er Jakob ansah.
Also sagte er jetzt lieber nichts, sondern lief weiter und stellte sich dann an die doch relativ kurze Schlange vor der kleinen Hütte, bei der Bratwurst im Brötchen verkauft wurde.
Jakob hatte jetzt scheinbar genug getestet, denn er ließ seine Hand wieder los. Etwas enttäuscht steckte Thomas seine Hand in die Jackentasche und wartete darauf, dass er an der Reihe war.
Wie immer verhielten sich die Menschen hier jedoch ganz fürchterlich und es wurde geschoben und gedrängt und schon wenig später hatte er Angst, dass Jakob ihm abhandenkommen würde. Also tastete er einfach hinter sich, auf der Suche nach seinem Freund. Ex-Freund. Aber das war ja nebensächlich.
„Hör auf zu fummeln, Schmitt“, tadelte Jakob ihn und verschränkte Thomas‘ suchende Finger trotzdem mit seinen eigenen. Und Thomas… der grinste wieder nur ganz stupide vor sich hin, hielt Jakobs Hand und rückte jetzt endlich an die Spitze der Schlange, so dass er für sie beide eine Bratwurst im Brötchen bestellen konnte.
Und wenn er nicht langsam total durchdrehte, weil Jakob ihm so viele Herzchen ins Hirn schoss, dass gar nichts mehr ging, dann fummelte eben der an seinem Hintern rum, als Thomas seine Hand hatte loslassen müssen, um seinen Geldbeutel hervor zu ziehen und zu bezahlen.
Doch im Gegensatz zu Jakob beschwerte Thomas sich nicht – er tat auch nicht so als ob – sondern gab Jakob dann einfach seine Bratwurst und drängte ihn vor sich her, bis sie sich ein wenig abseits der Hütte ein wenig entspannter hinstellen konnten, um in Ruhe zu essen.
Und Thomas bemühte sich… ja, er bemühte sich wirklich sich zusammen zu reißen. Aber er konnte nicht anders und musste Jakob einfach immer wieder anstarren. Vielleicht auch ein wenig anschmachten. Und ihm vielleicht wieder ein wenig unanständig den Bauch kraulen, als der jammerte, dass Thomas ruhig noch eine zweite Portion für ihn hätte mitbringen können. Aber Thomas ging natürlich und holte Jakob eine zweite Bratwurst. Nichts anderes machte in seinem Kopf überhaupt Sinn. Außerdem konnte er ihn dann noch ein wenig länger beobachten, ohne dass Jakob sich beschweren konnte, weil der nämlich gerade mit kauen beschäftigt war.
Als er fertig war, leckte Jakob sich grinsend und scheinbar zufrieden die Finger ab und zog dann seine Handschuhe wieder an.
„Also so schlecht machst du dich bisher nicht“, ließ er Thomas dann wissen, zwinkerte ihm zu und Thomas gab sich einfach nur Mühe, nicht allzu breit und offensichtlich zu grinsen. Mit dieser dämlichen erfundenen Pizza heute bei Jakob aufzukreuzen war wirklich die beste Idee überhaupt gewesen. Denn Jakob war nicht abgeneigt und mit ein bisschen Glück konnte Thomas heute so einiges wieder gut machen.
Da es langsam kalt wurde, beschlossen sie noch eine Runde über den Weihnachtsmarkt zu drehen. Der Wind pfiff jedoch immer stärker zwischen den einzelnen Hütten hindurch und bald schon mischten sich auch die ersten Schneeflocken darunter.
Thomas war froh um seine Brille, so dass wenigstens seine Augen geschützt waren und bahnte sich, mit Jakob im Schlepptau, weiter einen Weg durch die Menschen.
Doch irgendwann griff Jakob ihn am Arm um ihn aufzuhalten und Thomas musste sich schon wieder beherrschen, sich auch auf dessen Worte zu konzentrieren und sich nicht nur darüber zu freuen, dass er ihn angefasst hatte – oder ihn wahlweise zu küssen.
„Wollen wir uns nicht nen Glühwein holen? Wird langsam n bisschen kalt“, schlug Jakob vor und nickte zu einer Bude rechts von ihnen.
„Immer nur am Saufen“, grinste Thomas und natürlich gingen sie zu der Bude, quetschten sich irgendwie nach vorne und bestellten nach einer halben Ewigkeit endlich ihren Glühwein.
Während sie so anstanden wurde das Wetter immer schlechter und entwickelte sich langsam zu einem waschechten kleinen Schneesturm, so dass Thomas heilfroh war, als Jakob unter einem überdachten Tischchen einen kleinen Platz für sie beide ergatterte. So klein, dass er eigentlich nur für eine Person ausreichte. Das war jedoch wirklich nicht ihr Problem. So konnten sie schließlich fast schon ein wenig kuscheln, ohne dass es groß auffiel. Zumindest hielt Thomas es so, der sich auffällig-unauffällig an Jakob lehnte und mit ihm anstieß, bevor er sich die Zunge am viel zu heißen Glühwein verbrannte.
Jakob grinste ihn frech an und erzählte und erzählte so viel – schließlich hatte er die letzten Wochen so viele Filme ohne Thomas gesehen, da musste er ihn jetzt erstmal auf den neusten Stand bringen – dass Thomas erst viel zu spät auffiel, dass er währenddessen auch noch den Reißverschluss von Thomas‘ Jacke auf zog. Er bemerkte es erst, als ihm ein eiskalter Windstoß unter eben diese fuhr.
„Alter“, beschwerte er sich gerade dann, als Jakob ihm auch eine Hand unter die Jacke schob und sie auf seiner Seite ruhen ließ. Und irgendwie blieb ihm da der Rest seines Protestes tatsächlich im Halse stecken.
„Was denn?“, fragte Jakob wieder nach, mimte dabei den zuckersüßen kleinen Jungen und strich ihm provozierend über die Seite.
Thomas hatte seine Sweat-Jacke bei Jakob liegen lassen, trug jetzt nur ein T-Shirt drunter und Jakobs warme Finger brannten auf seiner Haut. Und sie brannten so verdammt angenehm, dass es ihn gerade tatsächlich herzlich wenig interessierte, wie kalt ihm jetzt doch langsam wurde.
„Denk dran: Du hast Schluss gemacht“, erinnerte Jakob ihn, drängte sich noch ein wenig näher an ihn, falls das überhaupt möglich war und Thomas musste schlucken. Er nickte nur, leckte sich über die Lippen, schmeckte den Glühwein und dann sprach Jakob weiter, während er ihn auch weiterhin streichelte:
„Warum genau hast du eigentlich nochmal gedacht das wäre eine gute Idee?“
Wieder schluckte Thomas und musste ein unmännliches und erschrockenes Quieken hinter seiner Tasse verstecken, als Jakob jetzt provozierend eine Hand zu Thomas‘ Hintern gleiten ließ.
„War ne scheiß Idee“, antwortete Thomas und nahm schnell einen Schluck Glühwein, der bei dieser Kälte auch langsam abkühlte.
Jakob ließ seine Hand tiefer gleiten, streichelte jetzt ganz ungeniert und bestimmt sehr offensichtlich und sichtbar Thomas‘ Hintern. Und der konnte einfach nicht anders, als sich einmal kurz panisch umzusehen. Weil er das irgendwie schon immer getan hatte und es nicht loswurde. Und weil Jakob nun mal sein Arbeitskollege war und er selbst ein verdammter Idiot. Denn jetzt klang Jakob leiser und ein wenig enttäuscht, als er meinte:
„Überleg’s dir einfach“ und dann tatsächlich Anstalten machte, seine Hand einfach zurück zu ziehen.
Doch das gefiel Thomas nicht. Nein, das gefiel ihm wirklich nicht. Er wollte nicht, dass Jakob enttäuscht war. Er wollte schon gar nicht, dass er wegen ihm enttäuscht war und er wollte verdammt nochmal nicht, dass er seine vielleicht einzige und letzte Chance ihn wieder zurück zu gewinnen einfach so verstreichen ließ oder sie auch wahlweise mit Füßen trat, weil da wieder die altbekannte Panik in ihm aufloderte und heiß an seinen Nervenenden knabberte. Diese verdammte Panik hatte alles kaputt gemacht und das hatte er einmal zugelassen, aber das würde er kein zweites Mal mehr zulassen. Dafür war er einfach viel zu sehr in Jakob verliebt.
Also schnappte er sich jetzt dessen Hand und brachte sie wieder genau dorthin, wo sie hin gehörte: auf seinen Hintern.
„Muss ich nicht.“
Einen langen Augenblick sah er Jakob in die Augen, der ihn aufmerksam musterte und scheinbar erst nicht so genau wusste, was er jetzt davon halten sollte. Zumindest nicht, bis Thomas sich dann doch einfach endlich nicht mehr zusammenriss und ihn küsste. Einfach so und vielleicht ein bisschen zu stürmisch. Doch dieses Mal zögerte Jakob keinen einzigen Augenblick, dieses Mal stockte er auch nicht und versteifte sich nicht, sondern hatte sofort eine Hand in seinem Nacken und hielt ihn fest bei sich. Fast schon unangenehm, verzweifelt nahe. Doch Thomas war es nur Recht. Denn ihm selbst ging es überhaupt nicht besser. Er war einfach nur froh, dass er keine Handschuhe mehr trug, sondern die fürs Glühwein trinken ausgezogen hatte. Denn so hinderte ihn nichts daran, Jakob eine Hand an seine Wange zu legen und ihn ein wenig zu streicheln und einfach nur festzuhalten. Und verdammt, dieser Kuss… er war so gut. So verdammt gut, dass Thomas alles vergaß. Es war nicht mehr kalt und ihn fror es nicht mehr. Es war egal, dass seine Zunge eigentlich ganz pelzig war, weil er sie verbrannt hatte. Es war egal, dass er sich vorhin so lächerlich gemacht hatte und es war vor allem egal, ob oder wer sie hier, genau hier und gerade jetzt sehen konnte.
Denn ja, er küsste Jakob. Und es war ihm verdammt noch Mal nicht peinlich, denn Kollegen waren sie doch sowieso schon lange nicht mehr. Und selbst wenn… waren Arbeitskollegen nicht dafür da, dass man sie küsste? Also Jakob zumindest schon. Der war genau dafür da: damit Thomas ihn küssen konnte. Küssen und noch so viele andere wunderbare Dinge mit ihm anstellen.
„Du Idiot“, murmelte Jakob zwischen zwei Küssen und verschloss Thomas‘ Lippen dann so gierig wieder mit einem Kuss, dass der gar nicht dazu kam, ihm zu antworten.
Er musste, nein er wollte, wollte ihn so sehr noch mehr küssen. Noch länger und noch intensiver. Doch irgendwann drängte sich ihm doch eine Antwort auf und er musste sie beide ganz kurz trennen, um zurück zu flüstern:
„Ich weiß, es tut mir leid.“
Mehr konnte und musste er vielleicht auch gar nicht sagen, da Jakob ihn schon wieder an sich gezogen hatte und ihn küsste. Und es tat so gut, dass Jakob ebenso gar nicht genug von ihm bekommen konnte.
Sie waren noch lange in ihrem Kuss versunken, bis sie es doch irgendwann schafften, sich zu trennen. Doch Jakob ließ eine Hand in Thomas‘ Nacken liegen und das war immer noch viel zu gut und machte es ihm tatsächlich ein wenig schwer, wieder zu Atem zu kommen.
Also konzentrierte er sich auf Jakobs Lippen, die vom Küssen und vielleicht auch ein wenig von der Kälte oder dem Glühwein, am meisten jedoch vom Küssen, gerötet waren. Und er sah damit einfach nur so verdammt gut aus. So, als müsste Thomas ihn gleich packen und wieder küssen und ihn dann immer weiter küssen, bis sie in Jakobs Wohnung, in sein Bett stolperten und er dort endlich wieder all diese wundervollen Dinge mit ihm anstellen konnte.
„Reiß dich zusammen, Schmitt. Du bist hier immer noch der Idiot“, erinnerte ihn Jakob und hob jetzt einen mahnenden Zeigefinger, dessen Effekt jedoch von seinem verliebten Grinsen deutlich abgemindert wurde. Vor allem, weil Thomas genau wusste, dass dieses Grinsen ihm galt. Nur ihm.
„Tut mir auch immer noch leid“, nuschelte Thomas zerknirscht zurück und sah noch kurz, wie Jakob tatsächlich einfach mit den Schultern zuckte, offensichtlich ganz gleichgültig, ehe er neben ihnen hörte:
„Thomas? Jakob?“
Normalerweise wäre er jetzt vielleicht erschrocken, weil sie irgendjemand erkannt hatte, nachdem sie hier gerade mitten auf dem Weihnachtsmarkt ganz hemmungslos rumgemacht hatten. Doch das tat er jetzt nicht. Jetzt war er einfach nur genervt, weil er verdammt nochmal mit Jakob reden wollte. Er wollte es mit Worten von ihm hören, dass zwischen ihnen wieder alles gut war, dass sie wieder zusammen sein konnten, dass er ihm noch eine Chance gab. Er wollte das nicht mit einem einfachen Schulterzucken so stehen lassen. Dazu war es doch viel zu wichtig.
Seufzend wandte er sich dann also um und sah eine Gruppe von drei jungen Frauen vor ihnen stehen, die sie erwartungsvoll und etwas entschuldigend anblickten.
„Dürfen wir euch ganz kurz stören? Wir wollten euch eigentlich nur nach einem Foto fragen“, ergriff eine etwas Kleinere das Wort. Irgendwo her kannte Thomas ihr Gesicht. Twitter? Instagram? Aus der Sendung? Er wusste sie nicht mehr genau zuzuordnen und das war in diesem Moment auch wirklich nebensächlich, weil er jetzt plötzlich spürte, wie sich Jakobs Hand unter Thomas‘ Jacke wieder zu seinem Hintern schlich. Dieser verdammte…
Doch Thomas fluchte nicht, schlug seine Hand nicht bei Seite und wurde tatsächlich auch nicht panisch. Er wusste, dass Jakob ihn wieder testete – ein weiteres Mal. Und er würde einen Teufel tun und das Risiko eingehen, diesen Test irgendwie nicht zu bestehen. Egal, ob das jetzt bedeutete, dass irgendwelche Zuschauer, die sie erkannt hatten, gerade eben bestimmt auch gesehen hatten, wie sie hemmungslos geknutscht hatten. Da war das jetzt auch schon egal. Die Gerüchte würden sich in spätestens zehn Minuten eh wie ein Lauffeuer oder die altbekannte Buschtrommel, die für gewöhnlich auch in der Redaktion sehr schnell schlug, verbreiten. Ihm sollte es Recht sein. Sollten sie es doch alle wissen. Sollten doch alle wissen, dass er sich verdammt nochmal in Jakob Lundt, seinen Arbeitskollegen, verliebt hatte und dass das vielleicht das Beste war, das ihm jemals passiert war.
„Hi. Klar, ist doch kein Problem“, war Jakob nett wie immer und ließ es sich scheinbar nicht nehmen, Thomas noch einen winzigen Klaps auf den Hintern zu geben, ehe er sich von ihm zurück zog und einen Schritt auf die drei zu machte.
Thomas seufzte kurz, ärgerte sich schon fast, weil Jakob immer so ein netter Kerl sein musste, und posierte dann doch ganz bereitwillig für ein Foto. Danach stand noch das übliche kurze Gequatsche an, das ihm immer etwas unangenehm war, weil er gar nicht wusste, was Leute an seiner Person, die nun wirklich nicht dafür gedacht gewesen war, irgendwie bekannt zu werden, denn so interessant fanden. Doch erstaunlich schnell wurden sie die drei wieder los.
Normalerweise laberten die Leute sie immer viel länger voll. Da war er wirklich anderes gewohnt. Dass sie sich so schnell wieder verabschiedet hatten könnte allerdings auch an Jakob liegen, der tatsächlich wieder ganz ungeniert angefangen hatte, an ihm herum zu fummeln. Unter seiner Jacke… er streichelte seinen Rücken und Thomas störte es nicht im Geringsten.
Ein wenig seltsam war es schon. Noch vor wenigen Wochen hätte er unfassbare Panik bekommen, wenn es um solch offensichtliche Liebebekundungen ging. Ach was, sogar vor ein paar Minuten noch. Doch jetzt gerade eben genoss er es einfach nur, war dankbar dafür und merkte auch langsam, dass all seine Angst und Panik wirklich unbegründet gewesen war.
Wovor hatte er überhaupt Angst gehabt? Im Grunde war das alles ziemlicher Quatsch gewesen. Wirklicher Quatsch. Alle Leute, die ihm wichtig waren, wussten doch bereits seit Jahren dass er auf Männer stand. Jakob war nicht sein erster Freund gewesen und er hatte auch seine früheren Beziehungen öffentlich gemacht und sich dabei nichts gedacht. Lange Zeit, oder eigentlich die ganze Zeit hatte er sich eingeredet, dass es einfach war, weil Jakob sein Kollege war. Und Beziehungen mit Arbeitskollegen machten sich ja nie gut. Dann hatte er sich eingeredet, dass es vielleicht gewesen war, weil das Wort „Öffentlichkeit“ mittlerweile eine ganz andere Bedeutung bekommen hatte. Dadurch, dass Jakob und er mittlerweile schon so oft in diversen Sendungen mit Joko und Klaas irgendwie aufgetaucht waren, kannte man sie. Eine Beziehung auch in der Öffentlichkeit auszuleben hieß jetzt nicht mehr, irgendwelchen Fremden und anonymen Gesichtern mit seinem Freund Händchen haltend entgegen zu laufen. Es ging mittlerweile um Leute, die ihm zwar trotzdem fremd waren, aber die ihn im Gegenzug kannten. Und die somit von Dingern erfuhren, die sie eigentlich gar nichts angingen.
Doch wenn er ehrlich zu sich war, dann war es auch das nicht gewesen. Vermutlich war all das wirklich nicht sein Problem gewesen.
Der Wind wurde stärker, kälter und trieb immer mehr unangenehm nasse Schneeflocken in ihre Gesichter. Doch Thomas drängte sich nur ein wenig näher zu Jakob, der ihn unterhalb seiner Jacke immer noch streichelte und Thomas wusste, dass er eben doch genau hierhin gehörte. Zu Jakob. Weil er diesen Mann so sehr liebte.
Das war es nämlich gewesen, sein eigentliches Problem. Nicht die Öffentlichkeit, nicht seine Freunde oder sonst irgendetwas. Vor allem natürlich nicht Jakob. Nur er selbst war sein Problem gewesen.
Weil er Angst gehabt hatte. Vor sich selbst und vor seinen Gefühlen, die plötzlich so stark gewesen waren wie noch nie zuvor. Gefühle für Jakob. So stark, dass er ein wenig Angst davor bekommen hatte.
Und genau nach Jakobs Hand griff er jetzt, dieses Mal ganz von sich aus und Jakobs glückliches Grinsen ließ sein Herz sofort noch ein wenig höher schlagen.
„Du wirst nass“, murmelte Thomas und wischte Jakob den nassen Schnee von den Haaren, der sich dort schon leicht auftürmte. Jakob reagierte nicht weiter darauf, sondern sah ihn nur noch einen langen Moment an, bis er dann meinte:
„Vielleicht sollten wir nach Hause.“
Und selbst wenn es jetzt im Moment nicht eiskalt gewesen wäre, sondern die Sonne geschienen und die klischeehaften Vögelchen gezwitschert hätten, wäre Thomas jetzt mit Jakob nach Hause gegangen. Weil er wir gesagt hatte und weil Thomas genau wusste, was das bedeutete: Jakob wollte, dass er mit zu ihm nach Hause ging.
Mit trockenem Mund schluckte Thomas, schluckte jeglichen blöden Spruch herunter, der jetzt absolut unpassend gewesen wäre und nickte einfach nur. Und dann wischte er nochmal Schnee von Jakobs Haar, weil er nicht genau wusste, was er tun sollte.
„Hör doch jetzt Mal auf damit“, ermahnte ihn Jakob wieder grinsend, wischte seine Hand zur Seite aber hielt sie auch gleich fest umklammert, bevor er sich dann einfach umdrehte und wortlos los lief.
Ihre Glühweintassen waren vergessen und blieben unter dem kleinen Dach stehen. Und erst jetzt, als sie dem Wetter komplett ausgesetzt waren, merkte Thomas wie verdammt kalt es geworden war. Wie schneidend der bitterkalte Wind über ihre Gesichter fuhr und die ganzen Schneeflocken die Sicht eh schon erschwerten und dann auch noch gegen ihre Brillengläser klatschten.
Kurz musste er stehen bleiben und den Reißverschluss seiner Jacke, den Jakob vorhin so schön aufgezogen hatte, wieder schließen, weil er das dezente Gefühl hatte, mit seinem dünnen Shirt, das er darunter trug, zu erfrieren. Jakob wartete ungeduldig neben ihm, griff dann sofort wieder nach seiner Hand, als Thomas den Reißverschluss erfolgreich wieder zu gezerrt hatte, wobei er kaum etwas gesehen hatte. Aber Jakob war nicht ganz so blind wie er und so verließ er sich komplett auf ihn und ließ sich von ihm durch die Straßen führen, während er immer wieder versuchte durch die einzelnen Wassertropfen auf seiner Brille ein klares Bild zu erhaschen. Nachdem sie abgebogen waren hatten sie jetzt den Wind im Rücken und Thomas konnte endlich kurz über seine Brille wischen und die Welt um sich herum wieder wahrnehmen. Wobei ihm von der ganzen Welt eigentlich auch Jakobs Hand gereicht hätte, wenn er ehrlich war.
Genau die hielt die seine nämlich immer noch umklammerte, führte ihn durch Berlins Straßen und machte gar keine Anstalten, ihn wieder loszulassen. Auch wenn Thomas den Eindruck hatte, dass es gut sein konnte, dass ihre Hände aneinander froren. Wäre eigentlich gar nicht so schlecht wenn er darüber nachdachte.
Wieder bogen sie ab, jetzt peitschte ihnen der Wind wieder seitlich die eiskalten Schneemassen ins Gesicht und Thomas erkannte die Straße nur zu gut. Sie waren fast bei Jakobs Wohnung angekommen und Thomas erinnerte sich an eine Situation vor einigen Wochen, als es total unpassend schon Anfang November geschneit hatte. Jakob war kurz aus dem Bett aufgestanden, um sich etwas zu essen zu holen – angeblich machte ihn der Sex mit Thomas ja immer so hungrig. Und dabei hatte er dann die ersten Schneeflocken entdeckt. Vergessen gewesen war das Essen und aufgeschoben die nächste Runde Sex. Erstmal waren sie nach draußen gestartet und hatten sich tatsächlich eingeredet, die paar geschmolzenen Flocken am Boden und die sehr sehr nassen Flocken, die vom Himmel fielen, wären ein toller Schneespaziergang. Aber es hatte Spaß gemacht, weil Jakob wieder erzählt hatte und weil Thomas zugehört hatte und blöde Kommentare gemacht hatte. So lange, oder eher so kurz, bis sie es nicht mehr ausgehalten hatte und doch wieder zu Jakob verschwunden waren und sich in seinem Bett verkrochen hatten. Aufgeschoben war schließlich nicht aufgehoben.
Die paar lächerlichen Flocken damals waren wirklich kein Vergleich zu dem, womit sie heute zu kämpfen hatten. Und doch erinnerte es Thomas an eben genau diese Situation. Weil es schön gewesen war, verdammt schön. Und weil Jakob bei ihm gewesen war.
„Jakob?“, fragte er jetzt laut, damit der Sturm seine Stimme nicht schon davon trug, bevor sie an Jakobs Ohr gedrungen war.
„Was?“
Jakob klang ein wenig ruppig, vermutlich weil er gegen den Wind ankämpfte, und versuchte jetzt doch, die Kapuze, die er sich über den Kopf gezogen hatte, festzuhalten.
„Nimmst du mich wieder zurück?“, brüllte Thomas total unpassend und kam sich im nächsten Moment wieder genauso bescheuert vor, als er eine Pizza vorgetäuscht hatte. Denn das Wetter erforderte es wirklich nicht, dass er das halbe Viertel informierte und die Frage, die er gestellt hatte, hätte man… nun, ein wenig eleganter formulieren anstatt seinem Exfreund mitten im Sturm entgegen plärren können. Zumindest, wenn man sich wirklich erhoffte, dass er „ja“ sagte.
Jakobs Schritte wurden langsamer, aber er blieb nicht stehen. Und er ließ ihn vor allem immer noch nicht los, obwohl Thomas wieder Mal nur Müll geredet hatte. Wäre es eine andere Situation gewesen, eine schönere, hätte Thomas sie komplett zerstört. Doch so war er im unpassendsten Moment mit der unpassendsten Frage auf die unpassendste Art und Weise heraus geplatzt. Immerhin einheitlich.
Jakob wischte sich kurz mit seiner freien Hand über seine Brillengläser und sah ihn dann an bevor er grinste.
„Wie immer auf den Punkt, Schmitt. – Und zu deiner Frage: das überleg ich mir noch.“
Doch dabei hatte er ihn so liebevoll angesehen, so… verlangend, dass Thomas ganz warm wurde.

Und dann wurde ihm ganz heiß, als sie endlich bei Jakob angekommen waren, die Tür hinter sich hatten zufallen lassen und Jakob ihn sofort an sich gezogen hatte für einen stürmischen Kuss.
Ineinander und miteinander verschlungen waren sie im Flur umher gestolpert und hatten es wundersamerweise trotzdem irgendwie geschafft, ihre Schuhe mitsamt den durchweichten Socken loszuwerden. Die nassen Jacken blieben ebenfalls irgendwo liegen, wo sie nicht hin gehörten. Aber das alles interessierte sie jetzt nicht. Mit brennenden Händen zerrte Thomas Jakob seinen Pullover über den Kopf und verfluchte ihn nur ein klein wenig dafür, dass der sich wieder so schick hatte anziehen müssen und noch ein Hemd darunter trug. Denn er wollte Jakob und er wollte ihn jetzt. Wollte seine nackte Haut unter seinen heißen Hängen spüren und merken, wie sich eine feine Gänsehaut über seinen Körper zog. Wollte, wie Jakob leicht unter ihm zitterte und seine Hand dann nur noch ein wenig fordernder in Thomas‘ Haar vergrub, wenn der sich über seinen Bauch nach unten küsste.
Doch vorerst kam er nicht dazu, denn Jakob schob ihm zwar schon eine Hand in die Haare, doch dann löste er tatsächlich ihren Kuss und Thomas konnte es nicht fassen.
„Du bist echt klitschnass“, stellte Jakob fest und zupfte leicht an Thomas‘ Haarspitzen. Ja gut, seine Haare waren vielleicht nass. Mochte sein. Interessierte ihn jetzt aber nicht.
„Alter! Ist doch scheißegal jetzt“, fluchte er und wollte Jakob schon wieder für einen Kuss an sich ziehen, als der ihn jedoch auf Abstand hielt.
Doch wenn Jakob ihn so ansah musste er wirklich aufpassen, nicht jetzt schon ganz unanständig und kaum berührt in seiner nassen Hose abzuspritzen. Würde doch gar nicht auffallen.
Seine Lippen waren jetzt schon ganz gerötet von all ihren heftigen Küssen und vielleicht auch von Thomas‘ Bart, der bestimmt auch ein paar Mal darüber gekratzt hatte. Seine Augen glänzten und seine Wangen waren so herrlich rosa, dass er gerade tatsächlich so aussah, als wäre Thomas schon mit ihm fertig. War er aber nicht. Noch lange nicht.
„Ich hol dir n Handtuch“, erklärte Jakob und lief dann irgendwie ferngesteuert ins Bad. Musste das jetzt wirklich sein? Leise vor sich hin fluchend nutzte Thomas die Zeit schonmal und zog sich sein Shirt über den Kopf.
Gerade als er sich an seinem Hosenknopf zu schaffen machte, kam Jakob wieder zurück und grinste breit, als er ihn halbnackt mitten im Hausflur stehen sah. Aber er grinste nicht irgendwie. Er grinste dieses eine spezielle Grinsen, das Thomas ganz deutlich verriet, dass Jakob ihn wollte. Dass er ihn mindestens genauso sehr wollte wie Thomas ihn. Vielleicht sogar noch ein wenig mehr. Denn auch wenn es schwer vorstellbar war, war Jakob doch immer der Hungrigere von ihnen beiden gewesen, der immer mehr und mehr gewollt hatte. Zumindest sobald Thomas ihm gezeigt hatte, dass er vor Sex mit einem Mann keine Angst haben musste und wie schön es sein konnte.
Immer noch mit diesem ganz speziellen Grinsen im Gesicht kam Jakob jetzt auf ihn zu und fing kommentarlos an, sein Haar trocken zu rubbeln.
Thomas grinste und schüttelte ein wenig fassungslos den Kopf, weil er wirklich nicht ganz begreifen konnte, wie Jakob jetzt ausgerechnet an seine nassen Haare denken konnte. Doch auch diese Zeit ließ er nicht ungenutzt, sondern ließ Jakob machen und öffnete währenddessen langsam und gemächlich dessen Hemdknöpfe.
Jakob seufzte kurz leise auf, als Thomas seine heiß glühenden Hände auf Jakobs kalte Brust legte und dann langsam nach unten wanderte zu seinem Bauch.
„Hast mich wohl vermisst, ne?“
Jakob grinste immer breiter und Thomas hatte gerade keine Lust, seine Aussage Lüge zu Strafen. War sie schließlich nicht. Es war die Wahrheit, die bittersüße Wahrheit. Denn er hatte Jakob einfach nur viel zu sehr vermisst. Und ihn jetzt wieder berühren zu dürfen war das Beste, das er sich vorstellen konnte.
„Fertig jetzt? Wir wollten doch vögeln“, unterbrach Thomas irgendwann trocken und Jakob lachte leise auf, ehe er dann ganz ohne Protest das Handtuch in die nächstbeste Ecke schmiss und sich sein Hemd von den Armen zerrte, während er Thomas vor sich her drängte Richtung Schlafzimmer.
So gefiel ihm das ganze schon besser. Und es wurde nur noch besser.
Seinen Höhepunkt erreichte das Ganze allerdings nicht mit seinem eigenen Höhepunkt. Der war nicht so wichtig, denn darum ging es hier nicht.
Das Schönste war einfach nur, endlich wieder in Jakob zu sein. Ihn endlich wieder spüren zu können. So wunderbar nah. Ihn endlich wieder mit halb geschlossenen Augen und flatternden Lidern unter sich liegen zu haben, wie er sich vor Lust seufzend auf die Lippe biss und sich mit unerwartet festem Griff an Thomas klammerte. In diesen Momenten war Jakob einfach am Schönsten, weil er nur ihm gehörte. Dieser Moment gehörte nur ihnen und auch Jakob gehörte in diesen Momenten nur ihm. Thomas wollte es auskosten, wollte jede Sekunde und jede Bewegung Jakobs auskosten. Wollte nicht, dass er sich selbst anfasste weil er nicht wollte, dass es vorbei war. Lieber wollte er seinen bebenden Körper mit Küssen bedecken, ihn festhalten und ihn so lange küssen, bis ihm ganz schwindelig war, während er sich langsam in ihm bewegte. Vorsichtig natürlich, wie immer anfangs. Jakob irgendwie weh zu tun wäre das Schlimmste. Doch Jakob schien ganz zufrieden als er ungeduldig aufstöhnte, seine Hände in Thomas‘ Hintern krallte und ihn zu einem schnelleren Rhythmus antrieb. Und Thomas lachte und küsste ihn und konnte doch nicht anders, als sich ein wenig schneller zu bewegen. Weil es gut war und immer besser wurde und weil Jakob immer erregter wurde, immer lauter stöhnte und sich immer fester an ihn klammerte. Seine Finger, die sich grob in Thomas‘ Haut gruben waren alles, das ihn irgendwie davon abhielt, sich selbst ganz zu verlieren als er dann irgendwann kam; nach langer Zeit und doch viel zu früh. Weil der Moment hätte ewig dauernd können, weil er gerne für immer so mit Jakob hier liegen wollte.
Auch wenn es durchaus seinen Reiz hatte, wenn der, nachdem er auch gekommen war, schwer atmend neben ihm lag und überglücklich vor sich hin strahlte, während er einfach nur an die Decke starrte und etwas geistesabwesend nach Thomas Hand tastete.
Thomas griff nach Jakobs dicker Bettdecke und deckte sie beide so gut es ging zu. Und als Jakob sich immer noch nicht rührte, kam er sich vor wie nach ihrem ersten Mal. Nur war es Jakob da unangenehm gewesen, es war ihm peinlich gewesen und er hatte einfach nicht gewusst, was er hatte machen sollen. Zumindest hatte er ihm das im Nachhinein so erzählt. Doch jetzt schien er glücklich und zufrieden.
Thomas drehte sich auf die Seite und streckte unter der Decke eine Hand aus, streichelte über Jakobs Bauch.
„Jakob?“, fragte er leise und mit kratziger Stimme. Weil es gut war, wenn Jakob so glücklich war. Aber es war noch besser, wenn er sich, wie jetzt, ebenfalls auf die Seite drehte, sich ihm zu wandte und sich für einen Kuss zu ihm lehnte. Ein träger, schwerer Kuss, der dennoch so viel versprach. Dass es schön gewesen war und dass es nicht das letzte Mal gewesen war und dass sich vielleicht, mit einem Stück vom großen Glück, doch nichts zwischen ihnen geändert hatte. Dass Jakob ihn noch immer wollte.
Zumindest küsste er jetzt Thomas‘ Handrücken, dann seine Finger und Thomas verstand die wortlose Aufforderung und hob lächelnd den Arm, damit Jakob sich noch näher an ihn drängen konnte. Sorgfältig deckte er Jakob zu, sorgte dafür, dass die Decke keine freien Stellen gelassen hatte und zog Jakob dann noch ein wenig näher an sich und küsste ihn auf sein nasses Haar.
Einige Zeit lagen sie so da, kamen wieder zu Atem und sprachen nicht. Jakob küsste ihn nur manchmal auf die Brust und kicherte dann ganz heimlich still und leise sehr unmännlich vor sich hin, wenn Thomas Gänsehaut bekam. Thomas wiederum konnte sein Glück immer noch nicht ganz fassen und kostete jede einzelne Sekunde voll aus. Er war einfach nur unfassbar froh, dass er Jakob wieder so nah sein durfte, ihn halten und streicheln durfte und er ließ es sich nicht nehmen, ihm seinen anderen Arm unter dem Kopf hindurch zu schieben, damit er Jakob jetzt mit beiden Armen umschlingen und ihn immer wieder streicheln konnte.
Ihre Erregung war schon längst abgeflaut, doch die Sehnsucht nach Nähe war geblieben. Zumindest Thomas ging es so. Und auch Jakob machte noch keine Anstalten, irgendwie von ihm weg zu rücken.
„Bleibst du eigentlich?“, fragte Jakob irgendwann leise gegen seine Brust und Thomas war sich nicht sicher, ob Jakob dabei wirklich hoffnungsvoll klang, ob er sich das nur einbildete.
Was für eine Frage das wieder war… als würde er nicht bleiben wollen. Doch er bemühte sich jetzt, das vielleicht erste und einzige Mal an diesem Abend eine vernünftige, angemessene und angebrachte Antwort zu geben. Ganz ohne Quatsch zu erzählen und ohne Jakob anzubrüllen fragte er also leise zurück:
„Darf ich bleiben?“ und fuhr durch Jakobs inzwischen wieder trockenes Haar.
Jakob brummte gegen seine Brust und grummelte dann:
„Aber nur unter einer Bedingung.“
Thomas seufzte leise, weil er von sich selbst so genervt war, natürlich nicht von Jakob.
„Ich lauf nicht mehr weg. Versprochen.“
„Ja… ähm. Das ist schön zu wissen, ehrlich. Aber ich wollte eigentlich nur, dass du morgen Frühstück holst. Du bist nämlich dran.“
Jakobs Grinsen hatte er deutlich hören können. Jetzt küsste er ihn wieder auf die Brust.
„Achso“, erwiderte Thomas irgendwie erleichtert. Weil er Jakob noch so einiges mehr versprochen hätte, wenn es darum ging, ob er ihn wieder zurück nahm. Und Thomas würde seine Hand dafür ins Feuer legen, dass sie gerade nicht nur von ein paar Brötchen und Croissants sprachen.
„Kriegst du“, versprach er ihm und wollte Jakob gerade glücklich ein wenig auf sich ziehen, als der sich jedoch plötzlich aus seinen Armen wandte und sich aufsetzte.
„Gut, dann können wir ja jetzt auch nen Film gucken. Ich hab da nämlich nen Neuen bestellt, den wir noch nicht kennen“, erklärte er und setzte sich auf.
Verdattert griff Thomas nach ihm, wollte ihn wieder an sich ziehen, doch schon hatte Jakob die Beine aus dem Bett geschwungen, war aufgestanden und nackt aus dem Zimmer gelaufen. Und Thomas schaute ihm hinterher und blinzelte ein wenig ungläubig, weil Jakob gerade so selbstverständlich mit dieser Situation umging.
Er benahm sich nicht so, als hätte Thomas ihm das Herz gebrochen. Er benahm sich ja nicht mal so, als wäre sie jemals getrennt gewesen. Stattdessen redete er so wie immer und stand auf um einen Film zu holen, wie er es schon so oft getan hatte. Jakob liebte es, nach dem Sex Filme anzuschauen. Den ganzen Film dann am Stück zu schauen schafften sie jedoch selten, weil sie doch irgendwann die Finger nicht mehr voneinander lassen konnten.
Doch Thomas war nicht nur verdattert, ihm wurde auch ganz wunderbar warm und er kuschelte sich ein wenig mehr in Jakobs dicke Decke, als ihm bewusst wurde, dass Jakob ganz selbstverständlich „wir“ gesagt hatte. So, wie immer.
„Ist das jetzt dein Ernst?“, fragte Thomas und deutete auf den Teller in Jakobs Hand, auf dem er ein paar der Plätzchen balancierte, die sie vorhin gebacken hatten. Die hatte er noch zusätzlich zur DVD mit ins Schlafzimmer gebracht.
„Du weißt doch, dass ich bei dir danach immer Hunger kriege“, erklärte Jakob schulterzuckend, stellte den Teller neben dem Bett ab und machte sich dann am DVD-Player zu schaffen.
„Ja, ich würde danach ja auch gerne eine rauchen, aber ich darf ja nicht.“
Wie oft hatten sie diese Diskussion schon geführt? Definitiv noch nicht oft genug, dessen war Thomas sich sicher. Davon würde er nie genug haben.
„Das ist doch was ganz anderes!“, schimpfte Jakob, hatte die DVD zum Laufen gebracht, die Fernbedienung auf die Decke geschmissen und kletterte jetzt wieder ins Bett und unter die Decke, die Thomas für ihn angehoben hatte.
„Schließlich will ich nicht, dass du da draußen in der Kälte rumstehst. Ich will dich hier im Bett haben.“
Und wie sollte Thomas bei dieser Erklärung und dem langen Kuss, den Jakob ihm gab, denn überhaupt noch diskutieren? Und wieso sollte er? Lieber wollte er Jakob küssen und ihn festhalten und streicheln, damit Jakob ihn dann ermahnen konnte, dass er sich endlich auf den Film konzentrieren sollte – auch wenn Jakob selbst ganz eifrig dabei war, ihn überall zu berühren und sich an ihn zu schmiegen.
Noch einige hitzige Küsse tauschten sie aus, bis sie dann beide ruhiger wurden. Dann schmiegten sie sich einfach nur aneinander und schauten den Film. Und Jakob futterte die Plätzchen im Bett und verteilte Krümel überall. Doch Thomas störte das nicht im Geringsten, denn er konnte gerade einfach nicht glücklicher sein.

Als Thomas nachts irgendwann aufwachte, wurde er unruhig, weil er plötzlich Jakobs Haut nicht mehr unter seinen Fingern spürte. Suchend tastete er auf dem Laken vor sich umher, bis Jakob sich plötzlich von hinten an ihn schmiegte. Er schlang einen Arm um seine Seite und rieb seinen Bauch gegen Thomas Rücken. Thomas grinste erleichtert und fragte sich, was er denn bitte eben gedacht hatte. Jakob war schließlich nicht so feige und lief einfach weg. Aber das würde er jetzt auch nicht mehr. Zufrieden ließ Thomas eine Hand nach hinten gleiten und legte sie auf Jakobs Hintern ab, wo sie hin gehörte. Der grummelte im Schlaf etwas gegen seinen Nacken und schlief dann ganz ruhig weiter.

Das nächste Mal wurde Thomas von Jakob geweckt, der wie immer an ihm herum zupfte. Der leicht an seinen Haaren zog, mit ihnen spielte oder ihn in die Seite piekte. Wie immer, wenn er schon wach war und Thomas noch schlief. Doch heute störte es ihn nicht. Gut, hatte es noch nie wirklich getan, aber heute noch weniger.
„Thomas, du bist immer noch da!“, hörte er Jakobs anklagende Stimme und sofort war er hellwach. Hatte er irgendwas verpasst? Hätte er gehen sollen? Wollte Jakob, dass er ging? Aber er hatte doch nichts gesagt. Oder?
„Thomas!“
Das klang nicht wirklich gut. Thomas schlug die Augen auf, tastete auf dem Nachtkästchen nach seiner Brille und schob sie sich auf die Nase, sobald er sie gefunden hatte. Sofort wurde die Welt vor seinen Augen wieder klar und er wandte seinen Kopf zu Jakob um.
„Endlich. Du wolltest Frühstück holen“, gähnte Jakob und ließ sich dann ganz entspannt wieder in die Kissen zurück fallen.
„Du hast mich jetzt extra geweckt, damit ich Frühstück holen gehe?“, fragte Thomas ein wenig ungläubig und rieb sich unter der Brille über seine Augen, schob sie sich dann wieder richtig auf die Nase.
„Ich hab doch gesagt du bist dran“, erinnerte Jakob ihn und grinste ganz selbstzufrieden vor sich hin.
Thomas grummelte ein wenig in sein Kissen, so wirklich ernst meinte er es jedoch nicht.
„Willste Kuchen?“, fragte er dann, nachdem er sich aufgesetzt hatte und auf dem Boden seine Boxershorts zusammen gesammelt hatte.
Jakob brummte nur zustimmend, streichelte währenddessen seinen Rücken und zog Thomas dann, als er fertig angezogen war, nochmal ins Bett um ihm einen langen Kuss zu geben.
Ohne den wäre er auch gar nicht gegangen, wenn Thomas ehrlich war. Aber wenn Jakob den schon freiwillig einforderte, machte das alles noch ein bisschen besser.
So war ihm auch noch ganz warm, als er sich draußen durch das immer noch sehr ungemütliche Wetter kämpfte und sich Schneeflocken von der Brille wischte, als er ein wenig später die Bäckerei betrat. Später würde er Jakob vorschlagen, lieber den ganzen Tag im Bett zu bleiben.
Das war eine gute Idee.

Als er dann mit Brötchen und Kuchen ausgestattet Jakobs Wohnung betrat, war er doch halb durchgefroren und er beeilte sich, seine Schuhe und seine Jacke im Flur loszuwerden. Auf dem Weg in die Küche entdeckte er Jakob, der auf dem Couchtisch schon alles fürs Frühstück hergerichtet hatte. Außerdem hatte er die Playstation bereits angeschlossen und der Startbildschirm von FIFA war auf dem Fernseher zu sehen.
Thomas war sich bewusst, dass er ziemlich übertrieben und vielleicht auch ein wenig irre grinste, als er die Bäckereitüten auf dem Tisch ablegte. Aber Jakob hätte ihn gerade nicht glücklicher machen können. Denn er verhielt sich wirklich wie immer, wie vor ihrer Trennung; nichts war anders. Nichts. Jakob saß mit Decke auf dem Sofa und wartete auf ihn.
Manchmal spielten sie auch Need For Speed, aber das machte keinen Unterschied.
Jakob suchte seinen Blick, grinste ebenso breit und forderte ihn dann auf:
„Lass die Hosen runter, Schmitt. Dann zeig ich dir Mal, wie das hier alles funktioniert“, während er mit dem Kopf zur Playstation ruckte.
Und Thomas zögerte keine einzige Sekunde, sondern zog seine Jeans aus und ließ sie achtlos auf dem Boden liegen, bevor er zu Jakob unter die Decke krabbelte, die der schon für ihn angehoben hatte.
Genau dieser Satz, genau jetzt… das machte ihn ein bisschen fertig und er konnte sich das Grinsen immer noch nicht aus dem Gesicht wischen, als er sich zu Jakob lehnte und ihm einen Kuss gab.

Bei ihrem ersten Mal, damals, als Jakob noch keinerlei Erfahrung gehabt und Thomas ihn trotzdem mit nach Hause genommen hatte, da hatten sie auch einfach so miteinander gescherzt und Thomas hatte versucht, mit ein paar blöden Sprüchen die angespannte Stimmung ein wenig aufzulockern. Bis er Jakob dann aufgefordert hatte, die Hosen runter zu lassen, damit er ihm zeigen konnte, wie schwuler Sex eigentlich funktionierte. Und dann war Jakob nicht mehr ganz so nervös gewesen und seine Hände hatten nicht mehr ganz so sehr gezittert, so dass er es tatsächlich geschafft hatte, seine Hose selbst zu öffnen.

Dass Jakob genau jetzt diesen Spruch wieder auspackte, sagte Thomas alles, was er wissen musste.

Dass Jakob sich wieder auf ihn einließ, ein weiteres Mal. Und dass er erwartete, dass Thomas dasselbe tat. Ohne wegzulaufen.
Den ersten Schritt hatten sie gemacht. Und Thomas war sich sicher, dass er noch sehr sehr viel Zeit haben würde, in der er Jakob beweisen konnte, dass er wirklich nicht mehr weglaufen würde. Nie mehr.
Aber erstmal musste er sich von Jakob mehrmals hintereinander bei FIFA schlagen lassen, obwohl der nur so halb bei der Sache war, weil er währenddessen ein Stück Kuchen futterte.
Alles wie immer.
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Re: Ich kann dir die Welt nicht erklären...(Thomas/Jakob)

Beitragvon Ria » 15. Dez 2015, 21:07

So, dann wollen wir doch mal ein kleines Review zu den beiden schreiben... haste schon Angst? XD

Musst du nicht haben. Erstens bin ich ja nicht die strenge Beta hier und zweitens haste mich schon mit dem Satz gehabt:

Nicht so wie sein Leben. Das verlief nämlich so überhaupt nicht nach Plan. Zumindest nicht mehr, seit Jakob weg war.

Das kann ich mir nämlich richtig gut vorstellen! Dass Thomas alles im Griff hat und das er es gerne im Griff hat und total am Arsch ist, weil er diese Sache mit Jakob verbockt hat und nicht weiß, wie er es wieder gerade biegen soll. Im Job nämlich, da kann er sich gut hinter der Professionalität verstecken, selbst, wenn er mal unsicher ist, aber bei Jakob muss er ja blank ziehen und ich kann das schon verstehen, dass er das gerade nicht so hinkriegt. Das kenn ich von mir auch, deswegen kauf ich dir das bei Thomas auch so ab.

Das mit dem Bild find ich übrigens witzig XD Also dass da damals noch gar nix gelaufen ist und das eigentlich nur ein Joke war und jetzt läuft, bzw lief doch was und keiner ahnt es XD Ich mag sowas!

Und ich mag die kurze Zusammenfassung, wie sie zusammen gekommen sind und dass Jakob und Thomas viel zusammen lachen, auch im Bett, beim ersten Mal. Das kann ich mir gut vorstellen <3 Und ich muss dir nicht sagen, was ich unbedingt lesen will und womit ich dir so fürchterlich auf den Keks gehen werde, bis du es schreibst, nicht wahr? XD

Awww! Un dass sie unter dem Schreibtisch füßeln ist Liebe <3 Das kann ich mir auch richtig gut vorstellen. Ich steh ja auf so heimliche Fummelein XD

Und ich find das richtig gut, dass Jakob so souverän mit der Situation umgeht! Auch, dass du erwähnst, wie unsicher er ganz am Anfang war und wie er nach und nach an Selbstbewusstsein gewinnt und wie stolz Thomas deswegen ist :)

Auch schön, wie Thomas da alleine in seiner Wohnung rumeiert und doch genau weiß, dass er gefälligst zu Jakob zu gehen hat. Und dann geht er wirklich und labert echt nur Stuss xD Ich hab so gelacht über die imaginäre Pizza und über die Dinge, die er gerne von Jakob schlucken würde ;) Und schön auch die Eifersucht. Selbst wenn die mal völlig unbegründet war. Ich steh auf Eifersucht in Storys XD
Und ich mag es, wie die beiden miteinander umgehen. Wie Jakob eben so gar nicht zetert und zickt, sondern sich einfach wie ein erwachsener Mann benimmt und Thomas ebenso zurück haben will wie der ihn. Diese kleinen Tests sind da vollkommen okay, weil die auch so nebenher passieren. Hier mal Händchen halten, da mal grabschen, dort mal ne Runde knutschen <3 Und Thomas macht alles brav mit und kommt endlich komplett aus dem Schrank. Weniger hat Jakob auch nicht verdient. Ich kann mir nämlich vorstellen, dass diese Trennung scheiß-weh getan hat.

Aber wie gesagt, Verliebte sind eben verliebt und was soll Jakob sich selbst quälen, wenn Thomas da schon bei ihm vor der Tür steht und zu Kreuze kriecht? Ich find's gut, dass die da kein Drama draus machen, sondern einfach wieder funktionieren ;) Aber gleichzeitig schweigen die das Thema eben auch nicht tot, sondern reden drüber. Indem sie hier und da einfach mal nen Spruch ablassen, wenn Jakob stichelt. Was sein gutes Recht ist, finde ich.

Und so süß und kuschelig zusammen sind, als sie da auf dem Weihnachtsmarkt sind <3 Ich bin ganz hin und weg von der Knutscherei XD Und ich liebe es, dass Jakob die Quasselstrippe ist und Thomas nur ab und zu nen trockenen Spruch reißt, weil ihm das viel leichter fällt :) Das kann ich mir auch so gut vorstellen. Und vermutlich hilft Jakob ihm da aus mancher blöden Situation ganz gut heraus mit.

Schön auch die Szene mit den Fans, die Jakob dadurch vertreibt, dass er an Thomas hrum tatscht XD

Und dann gibt’s endlich Sex! Ich mein, darauf hab ich ja gewartet, als die noch Plätzchen gebacken haben, da war ja auch schon alles voller Testosteron da XD Ok, ich wusste ja, da passietr noch nix, aber trotzdem XD Und man kann es sich trotz allem gut vorstellen und es ist trotz allem ziemlich heiß, muss ich sagen, wie du das so umschreibst und wie froh und zufrieden und glücklich Thomas ist seinen Jakob endlich wieder da zu haben, wo er hingehört.
Und siw sind so süß wie sie kuscheln und schmusen und verliebt miteinander sind. Und wie nervig Jakob sein kann, weil er Thomas wecken will XD Das kann ich mir auch gut vorstellen, dass der das genau so macht XD Und dann wird gefrühstückt und gezockt und alles ist super, ohne zu kitschig zu sein <3 I like und ich will jetzt diese andere Story über die beiden von dir lesen. Am besten jetzt sofort XD
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Ria
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