Zauberhafte Erinnerungen - für Abranka

Zauberhafte Erinnerungen - für Abranka

Beitragvon Ria » 24. Dez 2014, 12:53

Liebe Abranka,
dieses Jahr darf ich dich bewichteln und – wie kann es auch anders sein – habe ich mir dafür Neville und Blaise ausgesucht ;)
Post-War ist es (das meiste davon) und ich hoffe, dir gefällt die kleine Geschichte und du hast ein schönes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins neue Jahr!



ooOoo



Zauberhafte Erinnerungen



Neville stand fest wie ein Felsen inmitten des Sturms, der um ihn herum tobte; Blaise direkt neben sich und nur die reine Willenskraft hielt ihn davon ab, nach dessen Hand zu greifen und die Gerüchteküche ordentlich anzuheizen.

Oder diese kreischende, chaotische Bande Schüler allesamt mit einem klitzekleinen Stupor zu belegen.

Neville blinzelte; überrascht über die eigenen Gedanken, die gar nicht zu ihm passten. Und natürlich verhexte er niemanden, sondern lächelte nur geduldig und zog sich den Schal enger um die kalten Ohren. Er lächelte selbst noch, als eine Ravenclaw direkt neben ihm einer gewissen Hanna schrill befahl, ihr in den Weihnachtsferien mindestens eine Eule zu schicken, während sie schlitternd auf die Kutschen zu rannte, die auf die Schüler warteten.

Blaise dagegen zuckte zusammen und verzog das Gesicht, als hätte er Zahnschmerzen. Schnee knirschte unter seinen Schuhen, als er sich unbehaglich auf der Stelle bewegte.

„Ich wünschte, McGonagall würde doch wieder die harten Strafen von früher einführen. Obwohl mir und meinen Nerven ein simpler Silencio jetzt schon reichen würde.

„Sie freuen sich eben auf die Ferien.“

Neville, der ganz vergaß, dass er sich gerade eben nicht mit etwas so harmlosen wie Silencio begnügt hätte, stieß Blaise freundschaftlich an.

„Außerdem ist es gleich geschafft. Die ersten Kutschen fahren schon ab.“

„Merlin sei dank. Dann muss ich nur noch denen aus dem Weg gehen, die über die Ferien hier bleiben.“

Neville schüttelte noch immer lächelnd den Kopf und betrachtete Blaises Profil und den bemüht mürrischen Zug um dessen Mund. Wenn er es nicht besser wüsste (und wenn er Blaise nicht viel zu gut gekannt hätte) hätte er ihm den kinderhassenden Lehrer glatt abgekauft.

Doch Blaise war mit Leib und Seele Lehrer. Mehr noch als Neville, der zwar gern unterrichtete und sein Wissen über Pflanzen mit Vergnügen teilte, der sich aber öfter den Kopf über eine kümmerliche Pflanze zerbrach, als über einen heimwehkranken Schüler. Er selbst kam sich auch nach zehn Jahren als Lehrer noch ungeschickt vor, wenn es um die zwischenmenschlichen Bereiche seines Berufes ging. Im Gegensatz zu Blaise, der immer die richtigen Worte und Lösungen fand.

Und auch wenn Neville nicht kreischend durch die Gegend sprang und nach verlorenen Socken und Geschenken unter seinem Bett kramte (so wie früher immer), freute er sich sehr auf die Ferien. Auf lange Abende auf dem kuscheligen Sofa vor dem Kamin mit Tee und Keksen und Blaise.

Sie sahen den davonfahrenden Kutschen nach, bis sie nur noch winzige Punkte waren und kehrten dann Seite an Seite zur Schule zurück. Kollegen, gute Freunde – für die meisten.

Geliebte für wenige Eingeweihte.

Natürlich wusste McGonagall als Schulleiterin (die zurzeit in Aspen ihrer Skileidenschaft frönte), dass sie wesentlich mehr als nur Arbeitskollegen oder Freunde waren. Es war zwar nie laut ausgesprochen worden, aber sie hatte ihnen sicherlich nicht rein zufällig die kleinen Wohnungen im Südturm angeboten, die ebenso zufällig direkt nebeneinander lagen.
Sie hatte nur gelächelt als Nevilles Gesicht explodiert war und ihren Wunsch, sie würden sich hier recht wohl fühlen, ausgesprochen.

Vielleicht ahnten ein paar Schüler etwas, Neville waren hier und da kichernde Mädchen aufgefallen, die Blaise und ihn beobachtet hatten. Aber das hätten auch Schwärmereien für Blaise gewesen sein können. Oder eben… Dinge, über die Mädchen so kicherten.

Verfänglicher war da schon die Pergamentrolle, die Blaise einmal zwischen den Bänken seines Unterrichtsraums gefunden hatte (ob zufällig verloren oder absichtlich, war nicht ganz klar), auf der ziemlich detailliert beschrieben war, wie sie denn zusammen gekommen waren. Damals im Krieg, was stimmte. Unter äußerst dramatischen Umständen, was nicht stimmte.

Es war eindeutig eine weibliche Handschrift gewesen und Neville fragte sich noch immer, welche der Schülerin über eine so blühende Phantasie verfügte. Gegipfelt hatte dieses kleine Machtwerk in ebenso detailliert beschrieben Sex, der Neville die Schamesröte ins Gesicht getrieben hatte – während Blaise sich nur halb tot darüber gelacht hatte und einige der Praktiken gerne ausprobieren wollte.

Und natürlich hatte er Neville dazu überreden können, der verdammte Slytherin.

Die Schule wirkte leer und verlassen, obwohl einige Schüler die Feiertage ebenfalls hier verbrachten, aber es waren nur wenige und irgendwie vermisste Neville jetzt schon das Rufen und Lachen und die Stimmen, die diese alten Mauern manchmal zum Beben brachten.

„Kommst du zu mir, später?“ Blaises ruhige Stimme riss Neville aus den Gedanken. Es lag keine wirkliche Frage in den dunklen Augen. Natürlich würde Neville zu Blaise gehen. Er nickte lächelnd.

„Ja, ich muss nur ganz kurz nach den Trieben des gelbkrautigen Knöterichs sehen.“

Blaise grinste und zeigte perlenweiße Zähne und kleine Fältchen um die Augen.

„Klar. Ganz kurz“, spottete er, griff nach Nevilles Hand und drückte sie, als er an ihm vorbeiging; eine flüchtige Berührung und so elektrisierend wie Strom. „Bis später. Du bringst den Tee mit, ich besorge das Gebäck.“

ooOoo

Natürlich war der Nachmittag schon weit fortgeschritten, als Neville durch die Dunkelheit zum Schloss hastete. Es war noch kälter geworden und sein Atem gefror zu kleinen Wölkchen in der klirrend kalten Luft. Er blickte zum Südturm hoch und lächelte, als er durch den Schnee stapfte. Blaise wartete sicher schon und würde ihn necken, weil er so spät dran war. So wie es immer war. Im Gewächshaus vergas er die Zeit einfach und er war Blaise für dessen Langmut, mehr als nur dankbar.

Einen neuen Rekord aufstellend, raste er hinauf in den Südturm, brachte mit einem geübten Schlenker seines Zauberstabes das Wasser im Kessel zu kochen, ohne ihn gleich (wie früher) in die Luft zu jagen und suchte Blaises Lieblingskräuter und Gewürze, um sie richtig dosiert zu einem Tee aufzubrühen.

Mit der dampfenden Kanne und zwei Bechern bewaffnet, hastete er zur benachbarten Wohnung und lehnte sich erschöpft gegen die Tür, um sie zu schließen.

„Ich weiß, ich bin spät, aber die rotblättrige…“, begann Neville, um dann festzustellen, dass kein feixender Blaise auf der Couch saß und ihn damit aufzog, dass er Pflanzen viel lieber mögen würde als ihn. Da stand auch kein Gebäck auf dem Tisch. Und das war… seltsam.

Blaise war zuverlässig wie ein Uhrwerk. Er kam nie zu spät, er vergaß keine Verabredung und er saß grinsend auf der verdammten Couch, wenn Neville ihm erklärte, warum er selbst mal wieder zu spät kam.

„Blaise?“, fragte Neville in den stillen Raum hinein, der ziemlich dunkel war. Er stellte die Kanne leise auf dem Tisch ab und lauschte. Alles blieb stumm. Nur das Feuer im Kamin knisterte leise. Die Tür zu Blaises Arbeitszimmer stand einen Spalt offen und schwacher Kerzenschein war zu sehen. Blaise hätte ihn hören müssen. Vielleicht war er aber auch eingeschlafen und antwortete deswegen nicht…

Neville glaubte daran zwar keine Sekunde lang, aber welche andere Möglichkeit gab es? Nach dem Krieg war die Welt so ruhig und friedlich wie sie nur sein konnte. Von ein paar Muggelkriegen und Katastrophen jetzt mal abgesehen. Aber trotz all der Jahre Frieden, war Neville so wachsam, als hätten die Todesser erst gestern Hogwarts Mauern gestürmt. Den Zauberstab im Anschlag öffnete er die Tür ganz und betrat das kleine Zimmer, das Blaises Schreibtisch, deckenhohe Bücherregale und sonst nichts beinhaltete.

Nichts, außer Blaise, der auf dem handgewebten Teppich vor dem Kamin lag, einen langen Schwanz, Tatzen und einen Katzenkopf hatte, der stark an einen Panther erinnerte und der ein freudiges Grollen von sich gab. Der Rest seines Körpers war menschlich und wohl vertraut und sah schrecklich abstrakt aus.

Neville ließ den Zauberstab sinken und starrte seinen Freund an, dessen gelbe Augen schuldbewusst blickten. Das Grollen wurde lauter und sollte wohl eine Art Schnurren darstellen. Ganz klar eine Beschwichtigungstaktik, die nicht funktionierte.

„Nicht schon wieder, Blaise!“, stöhnte Neville und der halbtransformierte Panther ließ beschämt die Ohren hängen. Das Schnurren, das mehr ein Knurren war, verstummte.

ooOoo


„… außerdem ist ein schwarzer Panther das schlimmste aller Klischees!“, beendete Neville seine zehnminütige Predigt, bei der er vor Blaise auf und ab gegangen war und wild gestikuliert hatte, um zu verdeutlichen, wie ernst die Lage war. „Und erst recht ein halber!“

Wenn das Ministerium herausfand, dass Blaise hier mit Animagusformen herumexperimentierte, diese Verwandlungen in Stresssituationen nicht kontrollieren konnte und sich nicht registrieren ließ, konnte das böse ins Auge gehen. Immerhin war Blaise mehr oder minder vorbestraft und als Todesser verdächtig gewesen. Zwar hatten alle Vorwürfe entkräftigt werden können, aber wer wusste schon, ob Blaise nicht noch immer auf der schwarzen Liste des Ministeriums stand. Neville ging da lieber auf Nummer sicher.

McGonagall wäre sicher auch nicht sonderlich erbaut darüber, dass ihr Lehrer für Verwandlungen ein Animagus war, der die Rückverwandlung nicht hinbekam. Und das nicht zum ersten Mal. Dazu kam, dass das Tier, in das Blaise sich verwandelte, nicht gerade handlich war.

Er nahm schließlich die gesamte Couch ein, als er sich darauf lang ausstreckte. Ein Grund mehr, warum Neville auf und abging.

Blaise hatte zu all dem natürlich nichts gesagt, sondern nur geduldig zugehört und ab und an schuldbewusst geblinzelt. Erst als Neville die Sache mit dem Klischee erwähnte, ging ein Zucken durch den schlanken Körper und auf dem Katzengesicht zeichnete sich eindeutig Missmut ab.

Blaise war tödlich beleidigt.

Und Neville hatte direkt ein schlechtes Gewissen. Er hob beschwichtigend die Hände.

„Ok, ok, ich hab’s nicht so gemeint. Immerhin bist du diesmal keine komplette Raubkatze.“

Neville erinnerte sich nämlich noch gut an die unbequemen Nächte, als Blaise ihn in Panthergestalt fast zerquetscht hatte. Und nein, er hatte nicht daran gedacht, Blaise des Bettes zu verweisen. Blaise konnte nämlich ziemlich nachtragend sein…

Neville seufzte geschlagen und quetschte sich zu Blaise auf das Sofa. Müde schoss er die Augen und kraulte unbewusst seidenweiches Fell zwischen felligen, runden Ohren. „Wie verwandelst du dich jetzt komplett zurück? Beim letzten Mal hat es einen Monat gedauert, das ging nur deshalb, weil es in den Sommerferien passiert ist. Dieses Mal haben wir nicht soviel Zeit, Blaise.“

Neville ächzte, als Blaise sich laut schnurrend auf seinen Schoß schlängelte und sich auf den Rücken drehte, um sich den Bauch kraulen zu lassen. Keine große Hilfe. Und ziemlich lustig anzusehen, wie sein sonst so beherrschter Freund sich von Katzenhaften Instinkten leiten ließ.

„Vielleicht kann Harry uns helfen“, überlegte Neville. Blaise hörte sofort auf zu schnurren und begann stattdessen zu knurren. „Warum nicht?“, fragte Neville, der dessen Gedanken erriet. „Harry hat die Welt gerettet und soweit ich weiß kennt er sich mit Animagieformen aus, er könnte wissen, was zu tun ist.“

Blaises Augen sagten alles, was Neville wissen musste. Harry und Blaise kamen miteinander aus, wenn es sein musste. Auf Distanz. Kurz.

„Ja, gut, du kannst ihn nicht leiden, aber deinen guten Kumpel Malfoy kann ich nicht fragen, weil der es für unter seiner Würde hält, mit mir zu reden.“

Blaise schaffte es irgendwie, einen Laut hervorzubringen, der verdächtig nach einem Lachen klang.

„Mir fällt sonst niemand ein, der uns helfen könnte“, gab Neville gereizt zu. Blaises langer, geschmeidiger Schwanz zuckte.
Mit den Fingern weiche Haut, statt Fell streichelnd, versuchte Neville sich an die missglückte Verwandlung vom letzten Mal zu erinnern. Er wusste noch, dass Blaise und er sich gestritten hatten – über einen dermaßen nichtigen Grund, dass Neville ihn vollkommen vergessen hatte. Blaise war wütend in seinem Arbeitszimmer verschwunden und als Neville ihm irgendwann gefolgt war, um nachzugeben, hatte er einen völlig veränderten Blaise vorgefunden.

Und ihm gleich noch einen Streit geliefert (einen recht einseitigen), weil Blaise es nicht für nötig befunden hatte, Neville auch nur ein Sterbenswort darüber zu erzählen, dass er ein Animagus war, der ziemlich empfindlich auf Stress und Streit reagierte.

Doch dieses Mal hatte es keinen Streit gegeben, nicht einmal eine Meinungsverschiedenheit oder einen Disput. Warum also hatte Blaise sich verwandelt?

„Ich schicke Harry und Draco eine Eule, was sagst du dazu?“, schlug Neville vor. „Möge der bessere, äh, gewinnen. Und um ganz sicher zu gehen, schreibe ich Hermine ebenfalls.“

Blaise schnurrte, oder grollte vielmehr, als würde ein Gewitter in seiner Kehle toben, aber Neville interpretierte großzügig, seit er mit Blaise zusammen war. Seufzend betrachtete er den inzwischen kalten Tee, das Kaminfeuer und die Mistelzweige über jeder Tür. Eigentlich hatte er sich die Feiertage ganz anders vorgestellt.

ooOoo

Hermines Antwort hielt Neville schon am nächsten Tag in Händen. Nach drei Absätzen Vorwürfen, wie unverantwortlich Blaise gehandelt hatte, indem er sich überhaupt erst auf diese Animagussache eingelassen hatte und dass er sich doch bitte schön an Neville ein Beispiel nehmen sollte – was Neville, der die ein oder andere sehr verbotene Pflanze in den Tiefen seiner Gewächshäuser züchtete, die Schamesröte ins Gesicht trieb – gab sie zu, nicht genau zu wissen, wie man Blaise helfen konnte, aber sie wollte sich in der Ministeriumsbibliothek umschauen.

Dracos Antwort kam nicht viel langsamer, war aber noch weniger hilfreich. In knappen Worten klärte er Neville darüber auf, dass Blaise aus reinem Selbstschutz gehandelt hatte und sich vermutlich erst zurückverwandeln würde, wenn Neville endlich einsehen würde, dass er seiner unwürdig war und ihn endlich in Ruhe lassen würde.

Verdammter Malfoy!

Blaise rollte sich amüsiert auf dem Teppich vor dem Kamin herum, als Neville ihm den Brief vorlas und vor Empörung kaum Luft bekam.

Und nur für’s Protokoll: Es war Blaise gewesen, der Neville damals regelrecht genötigt hatte, mit ihm auszugehen. Mitten im Krieg!

Harry hatte einige gekritzelte Zeilen geschickt, dass Blaise vermutlich nur Zeit und Verständnis brauchte und sich von ganz allein zurückverwandeln würde, wenn er ein wenig Abstand vom Stress hatte.

Stress? Welcher Stress denn? Den Stress hatte momentan ja wohl eindeutig Neville. Und er vermutete, dass Harry mehr von sich selbst ausging und selbst eine kleine Auszeit von Job, Frau und Kindern brauchte.

„Das wird so nichts!“

Neville ließ sich stöhnend auf die Couch fallen und schloss die Augen. Es war nicht einmal Mittag und der Tag war schon mies.

„Verwandle dich einfach zurück, Blaise, bitte!“

Stille antwortete Neville. Nicht einmal das Schnurren, das mehr Donner war, erklang. Neville hob den Kopf und öffnete langsam die Augen. Blaise sah ihn an und es lag etwas in seinem Blick, dass Neville das Herz zerriss, ohne, dass er es genau benennen konnte.

Wortlos glitt er von der Couch auf die Knie und rutschte auf Blaise zu, um sich an den warmen, schlanken Körper zu schmiegen. Eine schweigende Entschuldigung für seine Ungeduld. Blaises Körper vibrierte und dann setzte das Grollen wieder ein, als er seinen Kopf gegen Nevilles Brust drückte.

Neville schloss die Augen und atmete Blaises Geruch ein, der scharf und wild und fremd war. Seine Gedanken schweiften ab, zu den Briefen ihrer Freunde und den letzten Tagen, nein Wochen, in denen Blaise und er wenig Zeit füreinander gehabt hatten. Nevilles Pflanzen nahmen einen guten Teil seines Tages in Anspruch, der Unterricht bekam den Rest und für Blaise blieben die Abende.

An denen sie beide müde und abgespannt waren und teilweise mehr Aufsätze der Schüler korrigierten, als miteinander zu reden. Natürlich hatte Neville sich auf diese Ferien gefreut, darauf, Zeit mit Blaise zu verbringen… aber wie hatte er sie begonnen? In dem er Stecklinge umgepflanzt hatte, anstatt direkt mit Blaise zu gehen.

Jetzt, da er die Quittung für seinen Egoismus bekommen hatte, verstand er.

„Es tut mir leid“, gab Neville zu. „Ich war ein Idiot.“ Das Schnurren verklang und Neville spürte Blaises Blick auf sich. „Der blöde Knöterich hätte ruhig warten können. Stattdessen habe ich dich warten lassen…“

Neville zuckte schuldbewusst zusammen, als er eine Zunge wie Schleifpapier spürte, die über seine Hand leckte.

„Und beim letzten Mal war es auch meine Schuld. Ich war die ganze Zeit im Garten und…“

Eine schmale Hand landete auf Nevilles Brust und brachte ihn zum Schweigen. Anscheinend war Blaise der Meinung, dass Neville jetzt genug Asche auf sein Haupt geschüttet hatte. Und anscheinend hatten sich die großen, krallenbewehrten Tatzen in die schlanken Hände zurückverwandelt, die Neville so gut kannte.

„Das ist es, oder?“ Neville lächelte und kraulte Blaise hinter den Ohren. „Du bist also doch sauer auf mich und verwandelst dich deswegen nicht zurück. Hatte Malfoy doch irgendwie recht, dieser kleine Bastard… Ich verspreche dir, mich zu bessern.“ Blaise blinzelte und rollte sich dann genussvoll auf den Rücken, um Neville seinen weichen, empfindlichen Bauch zu präsentieren, den Neville ebenfalls kraulte.

„Vielleicht sollten wir Urlaub machen“, schlug Neville nachdenklich vor. „So richtig, weit weg von hier.“

Neville hätte schwören können, dass Blaise die Brauen hochgezogen hätte, wenn er den welche gehabt hätte und zuckte nur die Schultern. Er ahnte, woran Blaise dachte. Und er hätte ebenso schwören können, dass da weniger Fell in Blaises Gesicht war.

„Hagrid kann nach den Gewächshäusern sehen und es gibt Bewässerungszauber… wir könnten wegfahren und ausgehen, so wie wir es früher gemacht haben. Weißt du noch unser erstes Date in Hogsmeade…“

Blaise gab ein leises Geräusch von sich, das einem Maunzen wirklich nahe kam und auch Neville grinste.

„Wenn die Carrows uns erwischt hätten, wären wir ganz schön im Eimer gewesen“, überlegte Neville und wusste, dass Blaise genau diese Gefahr gereizt hatte. Er selbst hätte auf den Nervenkitzel zwar verzichten können – Blaise Zabini zu daten war schließlich aufregend genug gewesen – aber es hatte ihn nicht davon abhalten können, mit Blaise in die Drei Besen zu gehen.

„Es war kurz vor Weihnachten“, erinnerte Neville sich. „Und du hast mir aufgelauert wie die Katze der Maus.“

Neville grinste über den schiefen Blick aus Augen, die jetzt viel mehr braun als gelb waren und zupfte an einem runden, plüschigen Ohr.

„Das kannst du nicht leugnen, Blaise Zabini! Egal wo ich ging und stand, da warst du ebenfalls. Ich habe dich allerdings für einen Spion der Carrows gehalten und nicht für einen verknallten Slytherin.“

Neville lachte lauthals, als Blaise einfach so tat, als schliefe er und würde gar nichts hören. Dabei zuckte das runde Ohr mit dem schwarzen Schwanz um die Wette. Neville streichelte grinsend den großen Kopf seines Freundes, genoss das vertraute Gefühl von krausen Haaren unter seinen Fingern und schloss halb die Augen, während er in das Kaminfeuer blickte.

„Ich weiß es noch genau, als du mich auf dem Weg in die Kerker abgefangen hast…“

ooOoo

Neville umklammerte seinen Zauberstab mit schwitzenden Fingern und hastete den schwach beleuchteten Korridor entlang. Sein Blick scannte den Weg vor ihm und er war auf alles gefasst – als Gryffindor, Ravenclaw oder Hufflepuff war es dieser Tage zumindest gesünder, auf alles gefasst zu sein.

Niemals hätte Neville gedacht, sich in Hogwarts irgendwann nicht sicher zu fühlen.

Bis die Carrows gekommen waren und der Crutiatus neuerdings auf dem Tagesplan stand. Wer sich weigerte, ihn bei einem Mitschüler anzuwenden, wurde selbst Opfer. Und Neville hatte sich schon mehr als einmal geweigert.

Die Lippen grimmig zusammengepresst, die schwere Büchertasche an den Körper gedrückt, spähte Neville erst um die Ecke, bevor er abbog. Früher war die Rivalität zwischen Slytherin und Gryffindor ein reines Spiel gewesen; jetzt war sie bitterer Ernst. Zumindest für manche Schüler, die den Carrows und Snape und damit den Todessern, blind ergeben waren.

Dass Neville jetzt allein in den Kerkern unterwegs war, hatte er so auch nicht geplant. Alecto Carrow hatte ihn nach dem Unterricht aufgehalten und von seiner Klasse getrennt. Wie ein Raubtier die Beute von der Herde trennen würde. Das war auch der Grund für Nevilles Vorsicht. Ein Blick in Alectos Augen und Neville ahnte, dass sie etwas im Schilde führte.

Noch zwei lange Flure lagen vor ihm, dann würde er den Unterrichtsraum erreichen. Zu spät, was wieder einmal zu einer Bestrafung führen würde. Dabei vibrierte sein Körper noch im schmerzhaften Echo von der letzten Strafe, als-

Neville keuchte, als sich eine Hand über seinen Mund legte und die andere einen Schraubstock um seinen Zauberstabarm bildete. Er hatte es GEWUSST!

„Klappe halten und hör auf zu zappeln, um Merlins Willen. Sie warten an der nächsten Biegung auf dich.“

Die Stimme war dicht an seinem Ohr, ein heiseres Flüstern, das Neville fremd und bekannt zugleich war. Er wurde in eine dunkle Ecke gezerrt, hinter einen schweren Wandvorhang und neben dem muffig riechenden Stoff, nahm er noch einen anderen Geruch wahr: holzig irgendwie und gleichzeitig grün und frisch und auch warm. Ein Geruch, der Neville effektiver als alle Worte dazu brachte, mit seinem Entführer zu kooperieren.

Er wurde losgelassen und taumelte überrascht, als er sich umdrehte. Hinter dem Vorhang war es dunkel, die Fackeln auf dem Gang spendeten so schon kaum genug Licht. Aber es reichte, um Neville erkennen zu lassen, wer ihn in die Ecke gedrängt hatte.

„Du!“

„Klappe, Longbottom!“

Nur ein Zischen und ein tadelnder Blick, den Neville mehr erahnte. Aber er war viel mehr damit beschäftigt, dass ausgerechnet der Spion der Carrows ihn vor anderen Slytherins gerettet hatte. Wenn das hier nicht die eigentliche Falle war, natürlich.

Doch Blaise Zabini wirkte nicht wie sonst unterkühlt und beherrscht. Er hielt seinen eigenen Zauberstab im Anschlag und legte lauschend den Kopf schief, einen Finger warnend an Nevilles Lippen gelegt, die wie verrückt kribbelten.

Jetzt hätte er nicht einmal ein Wort herausgebracht, wenn sein Leben davon abgehangen hätte. Und das war auch besser so, denn er konnte sie hören, wie sie um die Ecke bogen. Sie flüsterten miteinander. Er konnte nicht verstehen, was sie sagten, aber es klang nicht so, als wäre es gut für ihn ausgegangen, wenn sie ihn erwischt hätten.

Und Hekate sollte ihn holen, aber er hatte anscheinend Blaise Zabini zu danken, dass er den heutigen Tag nicht auf der Krankenstation beendete.

Noch immer schweigend, betrachtete Neville den Jungen vor sich. Er hatte bemerkt, dass der Slytherin ihn beschattete. Selbst ein Trottel wie er bemerkte irgendwann, dass einem ein Typ wie Zabini auf Schritt und Tritt folgte; aber nie hätte er gedacht, dass er so was wie… Nevilles Beschützer war. Der auch noch dazu ziemlich gut roch, nebenbei bemerkt.

Als es still wurde um sie herum und die Schultern Zabinis sich entspannten, trat Neville einen Schritt zurück.

„Warum hast du das gemacht?“

Zabini sah ihn an und auch wenn Neville in der Dunkelheit sein Gesicht nicht sehen konnte, wusste er einfach, dass der andere Junge grinste.

„Damit du mir was schuldest.“

Jetzt war es an Neville, sich anzuspannen wie eine Stahlfeder. Er konnte sich nur einen Grund vorstellen, warum Zabini wollte, dass er in seiner Schuld stand: Informationen über DA.
Neville plusterte sich vorsorglich auf, wollte Zabini schon einen gepfefferten Fluch auf den Hals hetzten, als dessen nächste Worte, seinen Verstand effektiver lähmten, als ein gut gezielter Stupor:

„Du schuldest mir ein Date, Neville.“

ooOoo

„Ich habe dich erpresst, wie es sich für einen Slytherin gehört.“

Neville lächelte nur und wollte sich die unendliche Erleichterung nicht anmerken lassen, weil er seinen Blaise wieder hatte. Nun ja, fast…

Der schwarze Schwanz war noch da und Blaises Zähne waren noch immer erstaunlich scharf und auch seine Ohren wiesen noch eine gewisse Rundlichkeit auf. Aber abgesehen davon, war Blaise wieder so, wie Neville ihn liebte. Einschließlich der beleidigten Schnute, die er immer zog, wenn Neville ihn daran erinnerte, wie es damals angefangen hatte, zwischen ihnen und dass Blaise ihn ausgeführt hatte in die Drei Besen und ebenso nervös und aufgeregt gewesen war wie Neville. Er hatte es nur ein wenig besser versteckt.

„Du warst ein echter Gentleman“, neckte Neville und rieb seine Nase an einer glatten Wange. „Okay, bis wie die Drei Besen verlassen hatten und du mich in den Hinterhof gezerrt hast.“

Blaise grinste nur breit und schien sehr zufrieden mit sich zu sein. Kein Wunder. Er hatte Nevilles Verstand in diesem dunklen Hinterhof in Mus verwandelt, als er ihn geküsst hatte.
Das schaffte er heute auch noch regelmäßig.

So wie jetzt, als er die Arme um Neville schlang und ihn an sich zog. Und die spitzen Zähne und der Schwanz störten Neville nicht so sehr, als dass er sich dagegen gewehrt hätte.
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Re: Zauberhafte Erinnerungen - für Abranka

Beitragvon abranka » 24. Dez 2014, 14:18

Ui, das ist eine interessante Geschichte. Vollkommen anders als ich sie erwartet hätte, anders als ich gedacht hätte - und gerade deswegen klasse.
Der Seitenhieb als das Panther-Klischee ist großartig :D (Ich denke gerade an all die Harry-Panther und Draco-Weiße-Tiger...)
Ich mag den Rückblick auf die Hogwarts-Zeit im 7. Buch - das wäre sogar glatt eine eigene Geschichte wert. ^^
Neville und Blaise sind prima getroffen. Und den Grund für die spontane schiefgelaufene Animagus-Verwandluch finde ich auch sehr passend.

Mir hat die Geschichte sehr gefallen. Vielen Dank dafür und auch dir ein schönes Weihnachtsfest. =^_^=
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Re: Zauberhafte Erinnerungen - für Abranka

Beitragvon Alraune » 24. Dez 2014, 16:08

Eine sehr süße Story :) Ich mag Neville und Blaise zusammen, die zwei passen wirklich gut zusammen :) Ich fand es auch süß, wie Blaise sein erstes Date mit Neville erpresst hat... sehr Slytherin :)

Blaise als Lehrer ist eine super Idee und mir gefallen auch die vielen Details, die du in der Story untergebracht hast... wie McGonagall, die in Aspen Ski fährt :D
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Re: Zauberhafte Erinnerungen - für Abranka

Beitragvon Ria » 25. Dez 2014, 12:57

@abranka: Das freut mich, dass dir die Geschichte gefallen hat^^ Ich hatte tatsächlich auch ursprünglich eine ganz andere Idee im Kopf, aber irgendwie machen meine Figuren ja eh immer, was sie wollen und plötzlich war alles ganz anders ;)
Und ja, dieser kleine Trip in die Vergangenheit hat mir auch gut gefallen. Vielleicht schreib ich dazu auch noch mal was, wenn eine unserer anderen Challenges anstehen :D
Dir auch frohe Weihnachten und einen guten Rutsch^^

@Alraune: Danke! Und schön, dass es dir gefallen hat :D Neville und Blaise sind und bleiben dann ja doch eines meiner ewigen OTPs XD Die beiden passen einfach wirklich, irgendwie ^^
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Re: Zauberhafte Erinnerungen - für Abranka

Beitragvon chaotizitaet » 25. Dez 2014, 22:58

Sehr süß. Anders kann man es nicht bezeichnen. Und die Charaktere, egal ob sie nur kurz oder als Protagonisten vorkamen, fand ich wirklich sehr gut getroffen. :D
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Re: Zauberhafte Erinnerungen - für Abranka

Beitragvon Ria » 28. Dez 2014, 18:34

Vielen Dank! Freut mich sehr, dass es dir gefallen hat :D
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