Weihnachtsüberraschungen im Tannenbaum - für chaotizitaet

Weihnachtsüberraschungen im Tannenbaum - für chaotizitaet

Beitragvon Irvis » 25. Dez 2014, 17:10

Leider erst heute kommt nun auch meine kleine Wichtelgeschichte, nachdem der Stress vorbei ist. Ich hoffe, sie gefällt dir :)


Am Heiligabend mittags auf den Weihnachtsmarkt zu gehen, um sich vom Vorweihnachtsstress zu erholen ist in etwa so sinnvoll, wie ein Feuer mit Benzin löschen zu wollen. Leider fiel einem das immer erst ein, wenn man sich zwischen einem brüllenden Kleinkind, das seine Maroni fallen gelassen hatte und einem torkelnden Mittvierziger nach dem dritten Glühwein wiederfand. Kathrin packte ihren Freund entschlossen an der Hand und rief ihm durch den Lärm der sich vermischenden Weihnachtslieder jeder Bude zu: „Lass uns nachhause gehen! Das ist hier ja nicht zum Aushalten.“ Nils warf ihr einen deutlichen Blick zu. „Du wolltest doch unbedingt noch auf den Weihnachtsmarkt. Ich habe so ewig nach einem Parkplatz gesucht, jetzt lass uns doch wenigstens einen Glühwein trinken, damit sich die Mühe gelohnt hat. Ich hole uns welchen, bin gleich wieder da.“ Damit drängte er ohne eine Antwort abzuwarten durch die Menge zu einem nahen Stand davon. Kathrin seufzte vernehmlich. Nils wusste genau, was sie davon hielt, wenn er vor dem Autofahren trank, auch wenn es nur ein Glühwein war. Andererseits hatte er ihn sich wirklich verdient. Sie beide hatten in letzter Zeit so viel um die Ohren gehabt und sie war wohl auch ab und zu ein wenig dünnhäutig gewesen. Irgendwie tat es ihr jetzt, wo sie so alleingelassen inmitten des Menschengedränges stand, ziemlich leid. Kurzerhand fasste sie den Entschluss, sich bei ihm mit einem vorzeitigen Geschenk zu entschuldigen und so ließ sie ihren Blick streifen, um etwas Geeignetes zu finden.

Kathrin musste nicht lange suchen: Zwei Stände vom Glühwein entfernt entdeckte sie verschiedenste handgestrickte Waren, die herrlich weihnachtlich aussahen. Ein Pullover tat es ihr auf Anhieb an: Die Ärmel des weinroten Pullis waren mit Tannenbäumen verziert und über Bauch und Brust hüpften schwarze und weiße Rentiere. Das würde Nils doch sicherlich in Weihnachtsstimmung bringen! Rasch trat sie an den Stand heran und versuchte die Aufmerksamkeit der rotgesichtigen, gestresst wirkenden Frau zu erregen, die hinter dem Tresen stand.
„Hallo…Entschuldigung… Dürfte ich…“ Keine Reaktion. Etwas lauter wiederholte Kathrin: „Entschuldigung!“ Die füllige Frau drehte sich zu ihr, einen genervten Ausdruck auf dem Gesicht. „Ja bitte?“, knurrte sie nicht einmal versuchsweise freundlich. „Ich hätte gerne diesen Pulli da!“, antwortete Kathrin und deutete auf den Strickpullover. Wortlos drehte sich die Frau um, zog den Pulli unsanft vom Bügel, stopfte ihn in eine weiße Plastiktüte und streckte fordernd die Hand aus. „30 Euro macht das“, erklärte sie knapp und Kathrin zahlte trotz des überhöhten Preises ohne Murren, um der Wolke aus schlechter Laune zu entkommen.
Kaum hatte sie sich umgedreht, sah sie auch schon Nils auf sich zueilen, zumindest soweit das im allgemeinen Gedränge möglich war. In den Händen hielt er zwei dampfende Becher Glühwein, der gefährlich hin- und herschwappte, während er um die Menge Slalom lief. Ohne Vorwarnung sprang ihm ein kleines Kind von der Hand seiner Mutter vor die Füße. Nils stolperte, die Becher kippten. Er unternahm einen verzweifelten Versuch, sie nicht über das Kind zu gießen, das prompt zu schreien angefangen hatte und kippte sich die brühend heiße Flüssigkeit stattdessen über die eigenen Beine. Im nachfolgenden Tumult aus einem brüllenden Kind, klirrenden Tassen, einer mit Nils schimpfenden Mutter und dem fluchenden Nils selber drängte sich Kathrin zu ihrem Freund durch und zog ihn aus der Menge zum Rande des Weihnachtsmarktes. „Jetzt lass uns endlich diesem Chaos entkommen“, rief sie gegen den allgemeinen Lärm an. Nils nickte nur und unterdrückte einen weiteren Fluch.

Die Fahrt nachhause war zum Glück nicht allzu weit und Kathrins Laune verbesserte sich so sehr, dass sie die Weihnachtslieder im Radio mitsummte, zuverlässig immer in der falschen Tonart. Als Nils den Wagen in ihre Einfahrt lenkte und unter dem Carport abstellte, grinste sie ihn an und drückte ihm einen Kuss auf den Mund. „Guck mal, was ich dir eben gekauft habe“, sagte sie und öffnete die Plastiktüte. Erwartungsvoll beobachtete sie Nils‘ Gesichtsausdruck. Der verwandelte sich von erstaunt über erfreut zu leicht angewidert, als er den Pulli betrachtete. „Was soll das denn sein?“, fragte er mit abschätzigem Ton. „Glaubst du wirklich, dass ich so etwas tragen würde? Noch nicht einmal deine Mutter hätte so einen schlechten Geschmack!“
Kathrins Freude verwandelte sich in Sekundenbruchteilen in Wut. Was fiel ihm ein, ein Geschenk von ihr so zu behandeln? Wofür hielt Nils sich eigentlich in letzter Zeit? Ständig meckerte er und beklagte sich pausenlos über sein Leben. Prompt sprach sie ihre Gedanken laut aus. „Was soll das denn werden? Musst du immer etwas zu meckern haben? Es ist Heiligabend verdammt nochmal!“ Nils lief puterrot an, seine typische Gesichtsfarbe, wenn er wütend wurde. „Meine Güte, das Teil ist nun mal hässlich! Und ich meckere nicht immer, aber versuch du doch mal, dich um deine sterbende Mutter zu kümmern und gleichzeitig deine Frau zu ertragen, die zu feige ist, ihren Job zu kündigen, wenn er ihr nicht gefällt!“ „Es ist verdammt nochmal nicht einfach, eine neue Stelle zu finden! Du könntest ruhig mal etwas Mitgefühl zeigen und helfen, immerhin bin ich diejenige, die Geld verdient! Aber nein, du rührst ja noch nicht einmal im Haushalt einen Finger!“ All ihre über Monate angesammelte Wut gegenüber ihrem verdammten Chef, ihr Gefühl der Vernachlässigung, wenn Nils wieder einmal den ganzen Tag bei seiner krebskranken Mutter verbrachte und ihr Stress platzten aus ihr heraus. Nils starrte sie nur an, lodernde Wut in den Augen. „Es tut mir leid, dass ich mich um meine Mutter gekümmert habe“, antwortete er betont ruhig und jedes Wort troff von Sarkasmus, „dann bist du ja sicher glücklich, dass sie endlich tot ist.“ Ohne eine Reaktion abzuwarten, stieg er aus dem Wagen, knallte die Fahrertür zu und verschwand im Haus.

Kathrin atmete noch zweimal tief durch, ehe sie ihm folgte. Sie hörte es im Schlafzimmer rumoren, als sie die Tür hinter sich zuzog, aber sie wollte Nils jetzt nicht sehen, um nicht erneut zu platzen. Stattdessen betrat sie das Wohnzimmer und ließ sich auf das Sofa fallen. So hatte sie sich das erste Weihnachten, das sie beide ganz allein in ihrem neuen Haus verbrachten, nicht vorgestellt. Schön und romantisch sollte es werden, stattdessen artete es, wie so vieles in letzter Zeit, in Streit und Unmut aus. Zu viel lief schief: Nils‘ Mutter, ihr verkorkster Job, die Sorgen, ob sie das Haus abbezahlen konnten und vor allem der unerfüllte Kinderwunsch von Nils, den sie einfach nicht teilen konnte. Sie wollte Karriere machen und nicht als Hausfrau versauern.

Eine Bewegung zwischen den Faltsternen am Tannenbaum schreckte sie aus ihren Gedanken auf. Was war das? Siedend heiß bemerkte sie, dass das Fenster, dass sie vor dem Weihnachtsmarkt hatte schließen wollen, sperrangelweit offen stand. Sie hatte es einfach vergessen. Was war da in ihr Haus gekommen? Zögerlich erhob sie sich und machte einen Schritt auf den Weihnachtsbaum zu. Urplötzlich sprang ihr etwas graues Pelziges entgegen. „Nils!“, brüllte sie erschrocken und verschränkte die Arme schützend vor dem Gesicht. „Niiils!“ Panik erfasste sie und schon kam ihr Freund durch die Tür gestürzt, die Hand erhoben. „Was…?“, begann er, verstummte und brach dann zu Kathrins Erstaunen in herzhaftes Lachen aus. Sie senkte die Arme und sah, was vor ihr gelandet war: Eine grau getigerte, kleine Katze betrachtete sie mit einem neugierigen Blick, um dann schnurrend um ihre Beine zu streichen. Kurz verdaute sie noch den Schock, dann stimmte sie in Nils‘ Lachen ein, bis ihr die Tränen kamen. „Was…was tut eine Katze in unserem Weihnachtsbaum?“, brachte er hervor und fing wieder an zu kichern. Die Spannung, die zwischen ihnen geherrscht hatte, löste sich einfach in Luft auf. Jedes Mal, wenn sie sich beruhigt hatten, fing einer von ihnen erneut an zu kichern wie ein Teenager. Schließlich keuchte Kathrin völlig erschöpft: „Wo kommt die Katze überhaupt her? Macht sich nicht irgendwer Sorgen um sie?“ Nils zuckte die Achseln. „Wir können nicht an Heiligabend eine Besitzersuchaktion starten. Sie hat unser Weihnachten gerettet, also darf sie ihn auch mit uns verbringen. Danach suchen wir nach ihren Besitzern.“

Sie gossen dem Kätzchen Wasser in eine Schüssel und legten ein Stück Wurst auf eine Untertasse. Dann holte Kathrin die Geschenke aus dem Keller, während Nils in ihr Schlafzimmer verschwand. Als er wieder auftauchte, hatte er seine Geschenke in der Hand und er trug den Strickpulli mit den Rentieren. Die nächste halbe Stunde war angefüllt mit Freude. Kathrin betrachtete lächelnd ihre neue Kette – Nils hatte doch einen hervorragenden Sinn für schöne Dinge. Nils hingegen blätterte vollkommen versunken in dem Buch über Ozeandampfer, seine große Leidenschaft. Weitere Geschenke häuften sich unter dem Tannenbaum und wurden von Nadeln zugedeckt. Die Katze spielte mit einem Geschenkband, dem sie quer durch das Zimmer hinterherjagte.

Schließlich ließ sich Nils auf ihr Sofa vor dem flackernden Kamin fallen und Kathrin gesellte sich zu ihm. Rasch sprang die Katze auf Nils‘ Schoß und ließ sich von ihm streicheln, während sie genussvoll schnurrte. Auch Kathrin begann, das weiche graue Fell zu kraulen und wie von selbst fanden sich ihre Hände und hielten sich fest. Als Kathrin ihren Kopf gegen Nils‘ Schulter lehnte und ihm gedankenverloren mit der freien Hand einen Fussel vom neuen Strickpullover zupfte, lächelte er versonnen. „Eigentlich ist er gar nicht so hässlich“, bemerkte er und nahm sie in den Arm. Zwischen ihnen lag die Katze und schnurrte, zufrieden mit sich und der Welt. Der Kamin knisterte, die Kerzen am Tannenbaum warfen flackernde Lichter an die Wand und als seine Hand ihre noch fester umschloss, begriff sie: Trotz allem war es das schönste Weihnachten ihres Lebens.
Irvis

Re: Weihnachtsüberraschungen im Tannenbaum - für chaotizitaet

Beitragvon chaotizitaet » 25. Dez 2014, 18:18

Wieso kommt es mir nur so bekannt vor, dass erst Weihnachten werden kann, wenn es einmal gekracht hat?
Aber die Katze als Weihnachtsretter ist süß. Ich hoffe, kein Nachbar vermisst sie :D

Ich danke dir für diese süße Geschichte.
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