Das Leben ist... - für Alraune

Das Leben ist... - für Alraune

Beitragvon chaotizitaet » 25. Dez 2014, 16:27

Liebe Alraune,
ich wünsche dir schöne Weihnachten und hoffe, dass dir die Geschichte gefällt. Denn tatsächlich hat mich einer deiner Wünsche nicht losgelassen, so dass ich gar nicht anders konnte, als Sammy und Ria zu bitten, dass ich für dich wichteln durfte. :D

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Das Leben ist...

I – Das Leben ist nicht fair

Ob zwischen Harry und mir etwas gelaufen ist? Nein. Nicht wirklich. Auch dann nicht, als Ron uns im Stich gelassen hatte und Harry und ich alleine gecampt haben.
Gut, wir haben beim Schlafen miteinander gekuschelt, aber das war nur, weil wir herausgefunden hatten, dass sich so der negative Einfluss des Horcruxes besser eindämmen ließ. Und rückblickend habe ich dazu natürlich auch eine Theorie, aber das tut jetzt nichts zur Sache, denn wie schon gesagt, zwischen Harry und mir ist nichts gelaufen.
Selbst wenn wir uns einmal geküsst haben.
Doch auch daraus wurde nichts. Leider. Denn nichts sendet so eindeutige Signale aus, wie sich nach einem Kuss die Zähne zu putzen. Es sei denn, man heißt Hermione Granger, hat Zahnärzte als Eltern und es ist Schlafenszeit. Dann hat nämlich das Zähneputzen nichts zu bedeuten, sondern ist lediglich ein anerzogener Instinkt. Aber da das Leben nun mal nicht fair ist, wurde ich mir die Signalwirkung meiner Handlung erst dann bewusst, als sich Harry im Bett demonstrativ zur Wand gedreht hatte und auch nicht reagierte, als ich mich zu ihm legte. Und bis ich die Situation fertig analysiert hatte, war natürlich jener Moment längst verstrichen, wo ich das Missverständnis noch ohne Peinlichkeiten hätte aufklären können. Weshalb also nichts aus dem Kuss wurde.
Aus dem nächsten Kuss wurde übrigens auch nichts. Also dem mit Ron. Leider fehlte mir aber in jenem Moment die signalträchtige Zahnbürste. Und mit Basiliskengift zu gurgeln erschien mir dann doch ein wenig zu… fatal. Doch natürlich gab es auch hier wieder haufenweise fehlinterpretierte Signale. Allen voran mein Lächeln. Und natürlich der Mangel an Zahnbürsten… Denn die Tatsache, dass ich lächelte, hieß für Ron, dass mir der Kuss gefallen hatte. Was nicht der Fall war, aber er konnte schließlich nicht wissen, dass mein Lächeln daher stammte, dass ich durch diesen Kuss nun endgültig die Gewissheit hatte, dass ich mein Herz unwiderruflich an Harry verloren hatte. Und da das Leben nicht fair ist, hatten wir mit Horcruxen und einer finalen Schlacht so viel um die Ohren, dass ich wieder einmal nicht rechtzeitig dazu kam, das Missverständnis aufzuklären. Auch Harry gegenüber nicht, der die Tatsache, dass Ron und ich gleichermaßen breit grinsten mehr in Rons Sinne denn in meinem interpretierte.
Weshalb also Gott und die Welt nach der Schlacht um Hogwarts davon ausging, dass Ron und ich ein Paar waren. Aber mal ehrlich, selbst ein Blinder mit Krückstock musste doch sehen, dass Ron und ich nicht zusammenpassten. In keinster Weise. Denn schließlich heißt es ‚was sich liebt, das neckt sich‘ und nicht ‚was sich liebt, das streitet sich‘. Und streiten war so ziemlich das einzige, was Ron und mich, abgesehen von Harry, sechs Jahren Hogwarts und diverser Voldemort-bezogener Abenteuer, verband.
Und da, wie bereits gesagt, das Leben nicht fair ist, waren unsere Tage und Wochen nach dem endgültigen Sieg über Voldemort so mit Beerdigungen, Siegesfeiern, Ehrungen, Gerichtsverhandlungen und allgemeinen Aufräumarbeiten angefüllt, dass sich immer noch keine Gelegenheit ergab, wenigstens mit Ron reinen Tisch zu machen. Okay, vielleicht war es auch ein klein wenig so, dass ich Bammel vor dem Gespräch hatte. Ich weiß, das klingt jetzt nicht gerade nach dem vielbeschrienen Gryffindor-Mut, aber es stand nun mal zu befürchten, dass ich mit jenem Gespräch nicht nur Ron sondern auch Harry verlieren würde. Denn schließlich war Ron Harrys bester Freund. Und er war Ginnys Bruder. Und da aus dem Kuss zwischen Harry und mir, was auch immer Harrys Gefühle zu dem Zeitpunkt gewesen sein mögen, nichts geworden ist, gab es für ihn nach dem Sieg über Voldemort ja keine Veranlassung mehr, nicht wieder mit Ginny etwas anzufangen. Und Ginny würde natürlich in dieser Situation Partei für ihren Bruder ergreifen und Harry wiederum Partei für Ginny… Erwähnte ich schon, dass Ron zudem sein erster echter Freund war? Ich konnte also nur verlieren. Oder hoffen, dass Ron meiner überdrüssig wurde – ich hatte mich schließlich erfolgreich um einen zweiten Kuss mit ihm gedrückt – und von sich aus die Sache für beendet erklärte. Auch, wenn ich dann immer noch gezwungen wäre, mitzuerleben, wie Ginny den Zauberer bekam, den ich gerne wollte. Das Leben ist einfach nicht fair.
Und so tat ich vermutlich das einzige, was mir noch übrig blieb und nicht einer vollkommenen, offiziellen Kapitulation gleichkam: Ich ging nach Australien, um meine Eltern zu suchen.


II – Das Leben ist voller Überraschungen

Ich hatte meine Suche in Brisbane begonnen und mich dann über Sydney südwärts gearbeitet. Schließlich wusste ich nicht, wo genau auf diesem Kontinent meine Eltern jetzt lebten. Und oft genug stellte ich mir die Frage, weshalb ich ausgerechnet Australien für sie ausgewählt hatte. Gut, eigentlich wusste ich es genau: Es war verdammt groß! Und die Wahrscheinlichkeit, dass irgendwelche Todesser sich die Mühe machten, sie dort aufzustöbern war ziemlich gering. Aber dennoch wünschte ich nun, ich hätte ihnen stattdessen eingeflüstert, dass sie doch schon immer in Bhutan leben wollten. Das war aufgrund des Himalayas recht unzugänglich und somit auch ziemlich sicher, aber ungleich kleiner.
Da ich mich aber nun mal für Australien und nicht für Bhutan entschieden hatte, blieb mir jetzt nur zu hoffen, dass es meine Eltern in eine der größeren Städte gezogen hatte und sie nicht plötzlich ihre Liebe für das Outback entdeckt hatten.
Doch ich hatte Glück. Anfang Oktober erreichte ich Melbourne und als ich die Branchenbücher in der Bibliothek auf die ortsansässigen Zahnärzte durchblätterte fand ich tatsächlich eine Praxis, die auf Wendell und Monica Wilkes eingetragen war. Und ein Blick in das Telefonbuch verriet mir dann auch noch die Adresse der beiden.
So stand ich also nun auf der gegenüberliegenden Straßenseite und beobachtete das Haus meiner Eltern. Es war nicht so groß wie jenes, welches wir in England bewohnt hatten, aber schließlich hatten sie als Startkapital ja auch nur das Geld zur Verfügung gehabt, das ich bei Gringotts als Hypothek auf unser altes Haus hatte bekommen können. Aber immerhin hatte das Geld für ein Haus gereicht. Und die Gegend – nun ja, wiederum war es nicht mit dem Viertel in England zu vergleichen, in dem wir gewohnt hatten, aber genau wie vermutlich meine Eltern konnte ich das Potenzial von Northcote erkennen.
Als ein Auto die Straße entlang kam, belegte ich mich rasch mit einem Desillusionierungszauber. Ich weiß auch nicht genau weshalb, aber vielleicht war ich mir ja trotz aller Indizien nicht sicher, die richtigen Wilkes gefunden zu haben, und wollte nicht von den Nachbarn als Verrückte der Polizei gemeldet werden. Vielleicht hatte ich auch einfach Angst vor einer zufälligen Begegnung mit meinen Eltern. Ich war nun mal ein Mensch, der lieber auf alles vorbereitet war. Und immerhin waren es meine Eltern. Ganz tief in meinem Innersten wusste ich, dass ich als Tochter eigentlich nicht das Recht gehabt hatte, ihnen die Entscheidung, ob sie England verlassen sollten oder nicht, durch etwas aus der Hand zu nehmen, gegen das sie sich nicht wehren konnten – Magie. Aber was hätte ich sonst tun sollen? Sie hatten sich ähnlich stur gezeigt, wie Ron wenn es um die Chudley Cannons geht. Ganz sicher bereute ich meine Entscheidung nicht, denn immerhin waren meine Eltern noch am Leben. Aber auf die Standpauke des Jahrhunderts, die mir blühte – und wir sprechen hier noch vom besten Fall –, freute ich mich nicht gerade. Und doch würde ich sie auf mich nehmen müssen, vermisste ich doch meine Eltern.
Die Tür des Hauses ging auf und mir stockte der Atem. Es war tatsächlich mein Vater, der aus dem Haus trat.
„Ich hol schon mal den Wagen“, rief er meiner Mutter zu.
Bei dem Gedanken, auch sie gleich wieder zu sehen, wäre ich beinahe über die Straße gerannt und hätte all die Worte, die ich als Schlüssel zu dem Gedankensafe, in den ich ihre Erinnerungen gelegt hatte, hinausgeschrien. Denn da ich stets vorgehabt hatte, meinen Eltern ihre Erinnerungen wieder zurückzugeben, hatte ich es nicht wie Lockhart gemacht und einfach mit einem Obliviate alles ausgelöscht. Vielmehr hatte ich die Erinnerungen verdrängt und hinter Codewörtern versiegelt. Zehn an der Zahl, die so zufällig waren, dass man sie wohl kaum versehentlich in der richtigen Reihenfolge aufsagte.
Zum Glück hatte ich mich noch im letzten Moment zurückhalten können und war nicht auf die Straße geeilt. Denn sonst wäre ich wohl von dem Lieferwagen, der gerade um die Ecke bog, erfasst worden. Einer der Nachteile des Desillusionierungszaubers.
Als ich wieder hinüber zu dem Haus blickte, stockte mir der Atem. Nicht so sehr, weil ich nach über einem Jahr das erste Mal meine Mutter sah – diesen Anblick hatte ich schließlich erwartet – nein, es lag viel mehr an dem Baby auf ihrem Arm. Zuerst dachte ich, meine Eltern hätten sich erboten, auf das Kind eines Nachbarn aufzupassen, doch die nächsten Worte meines Vaters zerstörten diese Illusion.
„Da sind ja meine beiden Frauen“, sagte er mit einem stolzen Lächeln und küsste erst meine Mutter auf die Wange und dann den Säugling auf den Kopf.
Ich konnte nicht verhindern, dass bei diesem Anblick sich alles in mir zusammenkrampfte und das kalte Gefühl von Verrat sich um mein Herz legte. Das waren meine Eltern. Meine! Und nicht die eines anderen Kindes. Sie hatten doch bloß in Australien warten sollen bis ich sie wieder zurückholen konnte. Und nicht mich bei erster Gelegenheit ersetzen! Mit Tränen in den Augen disapparierte ich, noch ehe sich die Türen des Wagens geschlossen hatten.
Ich befand mich in einem fremden Land und war gerade am Boden zerstört, aber nach einem Jahr des Katz- und Mausspiels in Großbritannien war es mir zu einer zweiten Natur geworden, meine Umgebung stets so wahrzunehmen, dass ich unterbewusst jede Stelle registrierte, wo man hin apparieren konnte, ohne Aufmerksamkeit zu erregen. So fand ich mich jetzt hinter einer großen Werbetafel nahe der Hauptverkehrsader, die von Sydney nach Melbourne führte, wieder. Auf Sicht apparierend, dauerte es nicht lange und ich hatte die Küste erreicht, wo das Meeresrausche seine Magie zu wirken begann.
Vielleicht liegt es daran, dass ich auf einer Insel geboren wurde, aber das Meer hatte seit meiner frühsten Kindheit immer eine beruhigende Wirkung auf mich gehabt. Das mag auch der Grund sein, weshalb die Sommerurlaube ein so wichtiger Bestandteil in unserem Familienleben gewesen waren, denn im Urlaub passierten mir nie magische Unfälle – anders als zu Hause. Meine Eltern hatten mir zwar stets versichert, dass sie mich von ganzem Herzen liebten und für nichts auf der Welt gegen ein Kind ohne magische Fähigkeiten würden eintauschen wollen, aber rückblickend kann ich sehen, wie verstörend es für meine Eltern gewesen sein musste, wenn mein Temperament mal wieder mit mir durchging. Schließlich wussten sie ja nicht, was es bedeutete, wenn ich die Rosen meiner Mutter explodieren ließ, weil sich mein geliebter Teddybär in den Dornen verfangen hatte, oder meiner Cousine, die mich über Gebühr getriezt hatte, plötzlich das Haar in Strähnen ausfiel. Heute weiß ich auch, dass meine magischen Unfälle der Grund dafür sind, dass ich kein Brüderchen oder Schwesterchen hatte. Bis jetzt.
Je ruhiger ich wurde, desto klarer wurde mein Blick auf die Situation und ich erkannte, dass ich letztlich selbst schuld an meiner augenblicklichen Lage war. Indem ich meinen Eltern die Erinnerungen an ihr früheres Leben genommen hatte, hatte ich ihren Kinderwunsch wieder in voller Stärke erwachen lassen. Schließlich hatte ich nur ihre Erinnerungen manipuliert, nicht aber ihre Charakterzüge. Und so wussten Monica und Wendell Wilkes nichts von alledem, was sie als Eltern von Hermione Granger durchgemacht hatten. Vermutlich war es ihnen da wie ein Wunder vorgekommen, als Monica nach all den Jahren vermeintlicher Kinderlosigkeit kurz nach ihrer Ankunft in Australien schwanger geworden war.
Doch was bedeutete das nun für mich? Sicher, ich wollte meine Eltern zurück haben, doch was, wenn ich ihnen ihre Erinnerungen zurückgab und sie daraufhin meine kleine Schwester ablehnten? Dieses kleine Wesen, das sich so vertrauensvoll an meine Mutter geschmiegt und von meinem Vater hatte küssen lassen, konnte doch nichts dafür.
Auch ging mir das Lächeln meines Vaters und der glückliche Gesichtsausdruck meiner Mutter nicht aus dem Kopf. Wann hatte ich sie zuletzt so gelöst, zufrieden und mit sich im Reinen gesehen? Hatte ich da überhaupt das Recht, ihnen dieses Glück zu nehmen? Und doch wusste ich, wie fragil diese perfekte Welt der Wilkes war. Schließlich konnte ich mit recht hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass meine Schwester ebenfalls eine Hexe war. Der erste magische Unfall war förmlich vorprogrammiert. Konnte ich es da mit meinem Gewissen vereinbaren, meinen Eltern nichts zu sagen? Sie wieder der quälenden Ungewissheit zu überlassen, bis meine Schwester alt genug für die magische Schule wäre, um dann von einem sie besuchenden Lehrer aufgeklärt zu werden?
Ich brauchte die ganze Nacht, ehe ich eine Lösung für dieses Dilemma fand.


III – Das Leben ist wie ein Buch – um ein neues Kapitel zu beginnen, muss man das vorhergehende abschließen

„Du willst was?“, fragten Harry und Ron ungläubig.
„Ich will nicht nur, ich werde nach Australien ziehen“, erklärte ich ruhig aber entschlossen. Wieso stellte mir derzeit eigentlich jeder die gleichen Fragen? Kingsley Shacklebolt hatte zudem fast ebenso ungläubig geklungen, wie meine beiden besten Freunde, als ich am Vormittag bei ihm war. Am Ende jedoch hatte er sich bereit erklärt, mir in seiner Funktion als Interimsminister zu helfen. Natürlich nicht, ohne mich nicht noch vorher zu warnen, dass eines Tages all das wie ein Bumerang auf mich zurückfallen würde. Doch das war ein Risiko, das ich einfach eingehen musste.
„Aber… wieso?“
Also erzählte ich, was ich in Australien vorgefunden und welche Konsequenzen ich daraus gezogen hatte. Zum wiederholten Mal an diesem Tag. „Ich will einfach für meine Eltern da sein“, sagte ich. „Und das kann ich nicht von England aus.“
„Du könntest doch jederzeit mit einem Portschlüssel nach Australien reisen“, schlug Ron vor, dem der Gedanke, ich könnte ans andere Ende der Welt ziehen, offenkundig nicht gefiel.
Ich schüttelte den Kopf. „Es wäre nicht das selbe. Außerdem ist es schließlich meine Schuld, dass sie sich nicht mehr an Magie erinnern, während meine Schwester höchstwahrscheinlich eine Hexe ist. Da ist das Geringste, was ich tun kann, in ihrer Nähe zu sein, und ihnen zu helfen, wenn meine Schwester den ersten magischen Unfall hat.“
„Aber würdest du dann nicht gegen die Statuten zur Geheimhaltung verstoßen?“, fragte Harry vorsichtig.
Ich schüttelte den Kopf. „Biologisch betrachtet sind sie immer noch meine Eltern und als solche haben sie schon einmal bewiesen, dass sie mit dem Wissen um Magie umgehen können. Und Familienmitglieder über Magie aufzuklären ist ausdrücklich erlaubt. Schließlich wusste selbst dein Onkel von Magie, noch ehe du nach dem Tod deiner Eltern bei ihnen auftauchtest, Harry.“
Er nickte. Dann stand er auf, kam zu mir herüber und umarmte mich. Es fühlte sich so richtig und zugleich so falsch an. Richtig, weil es Harry, mein Harry, war, der mich da umarmte. Falsch, weil in diesem Moment Ginny in die Drei Besen kam und sich suchend nach uns umblickte. „Ich verstehe. Ich werde dich vermissen, aber ich verstehe dich.“ Und ich wusste, dass er mich tatsächlich verstand. Er mochte zwar mit einem gleichaltrigen Cousin aufgewachsen sein, aber Geschwister waren doch noch etwas anderes.
„Hey, Australien ist zwar am anderen Ende der Welt, aber das heißt nicht, dass wir uns nicht schreiben oder miteinander telefonieren können. Und wie Ron gesagt hat: Es gibt ja auch noch Portschlüssel“, sagte ich jetzt, erwiderte kurz die Umarmung, ließ meinen besten Freund dann aber wieder los, wartete doch schließlich dessen Freundin auf ihn. Und die nun folgende Begrüßung zwischen den beiden zeigte mir, dass es immerhin eine Sache gab, die ich in Australien nicht vermissen würde. Es tat nun mal verdammt weh, eine andere mit Harry glücklich zu sehen. Aber so waren die Dinge eben. Besser also, ich blickte nach vorne.
„Und was wird aus uns?“, riss mich Rons anklagende Stimme aus meinen Gedanken.
Das war so typisch Ron. Für ihn war es in Ordnung, wenn ich mich den ständigen Strapazen von Portschlüsseln aussetzte, um für meine Eltern da zu sein, aber dass er das gleiche Transportmittel nutzen könnte, um eine Fernbeziehung mit mir aufrecht zu erhalten, kam ihm nicht in den Sinn. Ich spürte, wie jene ungeduldige Frustration, die Ursache so manchen Streits zwischen Ron und mir war, in mir aufstieg. Doch ich riss mich zusammen. Ich würde nach Australien gehen und was Ron tat, war letztlich seine Entscheidung. Und so zuckte ich unwillkürlich mit den Schultern. Nicht, weil es mir egal war, sondern einfach, weil ich es nicht wusste. Und das sagte ich ihm auch. Dann aber kam mir ein, wie ich fand, ziemlich genialer Gedanke. „Du könntest ja mit mir kommen.“
„Nach Australien?“
Ich nickte. Ich glaubte keine Sekunde daran, dass Ron dieses Angebot annehmen würde, aber wenn er es war, der das Angebot ausschlug statt dass ich erst gar nicht den Vorschlag machte, käme ich um jenes alles zerstörende, klärende Gespräch herum. „Du könntest genau wie ich in Tayaritja das letzte Schuljahr nachholen und dann beim australischen Ministerium als Auror-Kadett anheuern. Oder Quidditch spielen. Oder wonach dir der Sinn steht. In Australien stehen dir mindestens genauso viele Karrieremöglichkeiten offen, wie hier in Großbritannien.“
„Australien?“ Ron schüttelte den Kopf. „Nein, nein, ohne mich. Da ist Tag, wenn Nacht sein müsste und Sommer im Winter und Weihnachten im Sommer… Sorry, aber das ist mir dann doch zu verquer. Das ist schlimmer als Luna und all ihre merkwürdigen magischen Geschöpfe. Außerdem wohnen deine Eltern in einer Muggelnachbarschaft…“
Ich musste an mich halten, bei diesen Worten nicht breit zu grinsen. Weniger wegen Luna, oder der Panik in seinen Augen bei dem Gedanken, in einer Muggelnachbarschaft nicht auffallen zu dürfen, sondern mehr weil es sich einmal mehr auszahlte, seine Freunde genau zu kennen. „Schade“, sagte ich. „Aber ich hoffe du verstehst, dass meine Eltern im Moment für mich vorgehen.“
Widerstrebend nickte Ron und das war das Ende unserer Nicht-Beziehung.

Am Tag darauf übergab mir Kingsley die Sterbeurkunden für Emma und Daniel Granger, die es mir ermöglichen würden, Haus und Praxis meiner Eltern offiziell zu verkaufen und die Hypothek bei Gringotts abzubezahlen. Natürlich brauchte das seine Zeit, aber alles in allem ging es am Ende schneller, als ich erwartet hatte. Kingsley hatte mir auch ein paar Kontaktpersonen beim australischen Ministerium für Magie genannt, die mir helfen würden, für mein letztes Jahr in der Tayaritja-Schule für Magie angenommen zu werden.
Mitte Dezember war es dann soweit. Die Formalitäten waren alle erledigt, alle Schulden beglichen und am Ende war sogar genug Geld übrig geblieben, um mich über Wasser zu halten, bis ich meine Ausbildung als Heilerin abgeschlossen hatte. Das war nämlich die Karriere, für die ich mich entschieden hatte. Nach all den Verwundeten nach dem letzten Krieg war das vielleicht nicht wirklich verwunderlich. Aber ich hatte auch erkannt, dass ich selbst mit allem Engagement die Ansichten der meisten Mitglieder der magischen Welt hinsichtlich der Behandlung magischer Geschöpfe wie Hauselfen nicht würde ändern können. Was ich aber tun konnte, war die Symptome zu bekämpfen. Wenn also ein Besitzer seinem Hauselfen befahl, sich die Ohren in der Ofentür einzuklemmen, dann war es für den Elf bestimmt erträglicher, wenn er wusste, dass es eine geheime magische Klinik gab, die sich auf solche Verletzungen spezialisierte.
Mit einem letzten inneren Blick zurück auf mein altes Leben ergriff ich den Portschlüssel, der mich über Athen, Dubai, Mumbai, Singapur und Darwin nach Melbourne und zu meinem neuen Leben bringen würde.


IV – Das Leben ist wie ein Maskenball – keiner zeigt sein wahres Gesicht

Das nächste Jahr war anstrengend. Aber das war auch vielleicht gut so, denn es hielt mich davon ab, mich allzu einsam zu fühlen. Denn seien wir ehrlich: Es liegt nicht in meiner Natur schnell und überall Freunde zu gewinnen. Und selbst die offensten Menschen sind schnell meiner Art, die Dinge durchzuplanen, oder meiner Obsession was Lernen betrifft, oder meiner Angewohnheit, das Heft in die Hand zu nehmen und andere herumzukommandieren, überdrüssig. Es hat sich zwar im Laufe der Jahre in Hogwarts etwas gebessert, aber ich bin nun mal wer ich bin und diese Eigenschaften gehören zu mir. Ich bin eben nicht dazu geschaffen, die Dinge sich selbst zu überlassen, und es fällt mir schwer wegzusehen, wenn andere darauf bestehen, untätig zu bleiben, wenn man mit ein wenig Initiative so viel mehr erreichen kann.
Abgesehen von meinem Charakter, fiel es mir auch deshalb schwer, Anschluss zu finden, weil ich ständig zwischen den Welten pendelte. Auch hatte ich das Gefühl, in keiner der Welten wirklich ich sein zu können. Immer musste ich der einen Hälfte die andere Hälfte vorenthalten. Hinzu kam, dass mir zumindest in der Schule zudem eine gewisse Berühmtheit vorauseilte. Zum ersten Mal ahnte ich, wie es für Harry in Hogwarts gewesen sein musste.
„Ja, aber immerhin bewundern dich die Schüler in Tayaritja für etwas, das du tatsächlich getan hast. Und nicht bloß, weil du überlebt hast“, meinte Harry, als ich ihm am Telefon von dieser Erkenntnis erzählte. „Außerdem konntest du dich auf eine solche Reaktion vorbereiten. Ich kam nach Hogwarts, ohne etwas von meiner Berühmtheit zu ahnen.“
Dem konnte ich nur zustimmen. „Dennoch wünschte ich, meine Mitschüler würden akzeptieren, dass ich einfach nur lernen will. Es ist schon merkwürdig genug, die älteste Schülerin zu sein…“
„Wobei bei dir auch noch hinzu kommt, dass du die Schule als externe Schülerin besuchst“, wandte Harry ein.
„Ich glaube nicht, dass ich es aushalten würde, noch einmal ein Jahr einen Schlafsaal mit Menschen zu teilen, deren größten Sorgen sich um Make-up und Frisuren drehen.“
Harry lachte und es tat gut, sein Lachen zu hören. „Ich denke, dass selbst Lavender im letzten Jahr andere Sorgen hatte.“
„Das ist es ja eben. Die Mädchen hier – sie haben keine Ahnung, was wir durchgemacht haben. Ich gönne ihnen diese Unwissenheit von Herzen, aber für mich würde es sich so anfühlen, als müsste ich den Schlafsaal mit Erstklässlern teilen. Außerdem kann ich nur als Externe in der Nähe meiner Eltern sein.“
„Wie läuft es denn an der Front?“, fragte Harry nun.
„Langsam, aber es wird allmählich“, erwiderte ich und musste unwillkürlich lächeln. „Deine Idee mit dem Joggen war brillant. Ich schaffe es zwar nicht, früh am Morgen aufzustehen, um noch vor der Schule zu laufen, aber der frühe Abend funktioniert genauso gut. Vielleicht sogar besser, weil dann mehr Nachbarn zu Hause und auch wach sind. Und wie du vorausgesagt hast: Die Nachbarschaft gewöhnt sich an meinen Anblick. Es werden Grüße ausgetauscht und inzwischen gibt es auch den ein oder anderen nachbarschaftlichen Schwatz.“
„Super… Hey, und wenn du am frühen Abend joggst und ich am Morgen, dann ist es fast so als würden wir zusammen joggen“, sagte Harry und ich konnte seiner Stimme das Grinsen anhören. „Weißt du, dass du die einzige bist, die meinen Vorschlag mit dem Joggen angenommen hat? Ron stöhnt allein schon bei dem Gedanken an das Sportprogramm in der Ausbildung und meint dies sei schon mehr als genug für ihn, ohne dabei zu sehen, dass ihm das Sportprogramm deutlich leichter fallen würde, wenn er eben wie ich joggen gehen würde. Und Ginny hat mir jetzt schon zu verstehen gegeben, dass sie mich ab kommendem Sommer allenfalls auf dem Besen begleiten wird. Schließlich – so ihre Argumentation – muss sie als künftige Profiquidditchspielerin vor allem fliegen trainieren, nicht laufen.“
Irgendwie wurde mir bei der Vorstellung, dass Harry und ich gemeinsam joggten – auch wenn uns dabei die halbe Welt trennte – und es etwas war, dass nur wir beide miteinander teilten, richtig warm ums Herz. Ich hatte eben meine Gefühle für Harry immer noch nicht überwunden. Und ich war mir nicht sicher, ob ich das je tun würde. Vielleicht, wenn er durch eine Heirat mit Ginny endgültig unerreichbar für mich wäre… aber noch war dieser Zeitpunkt nicht gekommen.
Wir redeten noch eine Weile über die Dinge, die wir gelernt hatten – er im Aurorentrainingsprogramm und ich in Sachen Aborigine-Magie in Tayaritja. Uns beiden war jeweils die Begeisterung für das Thema anzumerken und beide fragten wir, warum diese Punkte nicht in Hogwarts behandelt wurden. Also Verteidigung, die nichts mit nutzlosen Zaubern wie einem Wackelbeinfluch zu tun hatten, oder die alte Naturmagie der ursprünglichen Bewohner eines Landes.
Doch da Ferngespräche nicht gerade billig waren, blieben solche Telefonate ein verhältnismäßig seltenes Vergnügen. Und jedes Mal nach so einem Gespräch, vermisste ich meine Freunde. Wobei ich eigentlich immer nur mit Harry telefonierte, nie mit Ron. Ron waren seit dem einen missglückten Versuch, Harry damals im Sommer anzurufen, Telefone nicht geheuer. Aber er schaffte es auch nicht, mir eine internationale Eule zu schicken. Irgendwie schien es, als habe er mich mit meiner Entscheidung nach Australien zu gehen, aus seinem Leben gestrichen. Das machte mich irgendwie traurig. Denn auch wenn wir nie ein glückliches Paar geworden wären, so waren wir doch über sieben Jahre befreundet gewesen und so vermisste ich auch ihn. Aber immer, wenn mich die Sehnsucht nach meinen Freunden zu übermannen drohte, dachte ich an meine kleine Schwester, von der ich inzwischen ihren Namen wusste: Meredith.
Als ich diesen Namen das erste Mal hörte, musste ich unwillkürlich lächeln. Er passte so zu meinen Eltern, die ja bereits ihrer ersten Tochter einen eher altmodischen Namen gegeben hatten.
Auch meine Eltern gehörten zu jenen Nachbarn, die sich langsam an meine Gegenwart gewöhnten. Schließlich joggte ich jeden Tag an ihrem Haus vorbei. Und wir begegneten einander im Supermarkt. Denn selbstredend hatte ich mir eine Bleibe in ihrer Nachbarschaft gesucht. Es machte schließlich wenig Sinn, am anderen Ende der Stadt zu wohnen. So klein war Melbourne nun eben auch wieder nicht, dass das funktioniert hätte.
Als ich zum ersten Grillabend der Nachbarschaft eingeladen wurde, wäre ich am liebsten vor Freude um den ganzen Block getanzt. Endlich würde ich ganz harmlos mit meinen Eltern ins Gespräch kommen können.
„Wir sind auch aus England“, erzählten meine Eltern, während wir über Steaks und Folienkartoffeln über Akzente sprachen. „Aber allein schon diese kleine Maus hier ist der Grund, dass wir den Umzug hierher nie bereuen würden.“ Und beide lächelten Meredith, die in ihrer Babyschale lag und schlief, glücklich an. „Was genau hat dich hierher geführt? Schließlich sind die meisten in deinem Alter hier allenfalls als Rucksacktouristen mit einem Studentenvisum hier, aber kaum einer zieht ernsthaft in Erwägung ans andere Ende der Welt auszuwandern.“
Ich trank einen Schluck Limonade, ehe ich sorgfältig meine Worte wählte. Ich wollte so nahe wie möglich an der Wahrheit bleiben, um mir hinterher nicht selbst zu widersprechen. „Das letzte Jahr… nun ja, eigentlich das vorletzte Jahr… es war nicht einfach, um es so auszudrücken. Ich habe meine Familie verloren und als dann auch noch die Beziehung zu meinem damaligen Freund in die Brüche ging, brauchte ich einfach Abstand. Und viel mehr Abstand als Australien geht wohl kaum. Aber immerhin ist mir hier dann auch klar geworden, was ich mit meinem Leben anfangen möchte, so dass ich jetzt ein Aufbaujahr mache, ehe ich mit dem Medizinstudium anfange.“
„Oh je, das klingt wirklich nach einer harten Zeit“, sagte meine Mutter mitfühlend und ich kam mir so falsch vor, ihnen nicht die ganze Wahrheit sagen zu können. Ja, ich hatte in gewisser Weise meine Eltern verloren und weder aus Harry und mir noch aus Ron und mir war etwas geworden. Aber ich hatte ihr Mitgefühl nicht verdient.
„Wenn du Medizin studieren willst, können wir dir vielleicht helfen. Zumindest was die Grundlagen in Biologie und Chemie betrifft, so mussten wir die bei unserem Zahnmedizinstudium auch meistern. Ist zwar bei uns beiden schon eine Weile her, aber man vergisst schließlich nicht alles“, schlug mein Vater vor.
„Vielen Dank“, sagte ich aufrichtig, auch wenn ich jetzt schon wusste, dass ich das Angebot nicht würde annehmen können. Schließlich hatten Biologie und Chemie wenig mit Kräuterkunde, Zaubertränke und Heilmagie zu tun. Aber das konnte ich ihnen ja kaum sagen.
„Keine Ursache. Komm einfach vorbei, wenn du Fragen hast. Wir sind eigentlich jeden Abend zu Hause. Nicht zuletzt wegen der Prinzessin hier“, schloss sich meine Mutter dem Angebot an.
„Auch, wenn ich dich gerne mal abends schick ausführen würde“, sagte mein Vater nun zu ihr.
„Ich könnte auf Meredith aufpassen“, schlug ich vor, ehe ich mir meiner Worte wirklich bewusst wurde. Doch je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr kam ich zu der Überzeugung, dass es etwas war, womit ich meinen Eltern wirklich helfen konnte. Nicht nur, weil es ihnen die Möglichkeit geben würde, mal abends auszugehen, sondern weil ich in einem der Ratgeber für magische Eltern gelesen hatte, dass sich die Magie eines Kindes schneller stabilisierte, wenn es von aktiver Magie umgeben war, als etwa von der Magie von Hauselfen. Sprich, wenn meine Schwester bei mir zu Hause war und ich dort zauberte, bestand die Chance, dass sie vielleicht nicht die Rosen meiner Mutter explodieren ließ, sondern vielleicht nur so harmlose Dinge anstellte, wie ihr Lieblingsspielzeug zu sich ins Bett schweben zu lassen. „Natürlich nur, wenn ihr es möchtet“, fügte ich rasch hinzu, als ich auch nach ein paar Sekunden noch keine Antwort von meinen Eltern erhalten hatte.
„Aber, möchtest du denn nicht selbst ausgehen?“, fragte meine Mutter ein wenig zurückhaltend. Auch andere Nachbarn hatten sich mittlerweile in die Unterhaltung eingemischt und ihre Babysitterdienste angeboten.
Ich schüttelte den Kopf. „Vorerst nicht. Vielleicht in ein oder zwei Jahren…“
Mein Vater nickte verständnisvoll. „Okay, wie wäre es, wenn du am nächsten Wochenende auf einen Nachmittag zu uns kommst und wir alle sehen können, ob Meredith und du miteinander klarkommt? Manchmal kann unsere Tochter nämlich ganz schön eigensinnig sein.“
„Gerne!“ Und ich strahlte so aufrichtig, dass allen anderen klar wurde, dass meine Eltern ihre Angebote nicht deswegen ablehnten, weil sie gerne eine Engländerin als Babysitter haben wollten oder dergleichen oberflächliche Gründe mehr, sondern weil sie mir dadurch einen Anschluss an die Gemeinschaft bieten wollten, damit ich nicht abends alleine in meinem kleinen Haus sitzen musste.


V – Das Leben ist wie eine Busfahrt – manchmal muss man auf dem Weg zum Ziel anhalten und Leute aussteigen lassen

Es war wieder Dezember, das akademische Jahr 1999 ging zu Ende und wurde in Tayaritja mit allem zugehörigen Pomp gefeiert. Das Auditorium war mit den Absolventen und ihren Angehörigen angefüllt, während auf der Bühne die jüngeren Jahrgänge vorführten, was die Absolventen in den vergangenen Jahren gelernt hatten – oder zumindest hätten lernen sollen. Einmal mehr wurde mir der starke Kontrast zu Hogwarts bewusst. Hier kam die ganze Schule zusammen, um die Abschlussklasse zu verabschieden, sie waren Teil der Gemeinschaft und die Gemeinschaft versammelte sich. In Hogwarts… nun ja, ehrlich gesagt hatte ich keine Ahnung, wie dort die Abschlussfeier gestaltet wurde, oder ob es überhaupt eine gab, denn auf jeden Fall hatten die jüngeren Jahrgänge keinen Anteil daran.
Wenig überraschend hatte ich meine persönlichen Ziele von durchweg sehr guten Noten erreicht. Tatsächlich war ich, trotz des Jahrs Pause Jahrgangsbeste und als solcher war mir die Abschlussrede angetragen worden. Ich hatte jedoch abgelehnt. Ich fand, dass da ich lediglich eine Transferschülerin und zudem noch eine Externe war, diese Ehre jemandem gebühren sollte, der an der Schule tatsächlich alle Jahre absolviert und so einen bleibenden Eindruck und einen nachhaltigen Beitrag geleistet hatte. Es war fast schon amüsant gewesen, die Erleichterung auf dem Gesicht des stellvertretenden Schulleiters bei meinen Worten zu sehen. Vermutlich hatte ihm schon davor gegraut, der bis zu meiner Ankunft besten Schülerin mitteilen zu müssen, dass sie auf den letzten Metern ausgestochen worden war. Vielleicht wäre es anders gewesen, hätte ich wie all die anderen Angehörige im Publikum gehabt, aber so beschränkte sich mein Beitrag zu den Feierlichkeiten darauf, zum richtigen Zeitpunkt auf die Bühne zu gehen und mein Abschlusszeugnis in Empfang zu nehmen.
„Hermione Granger – Ohne Gleichen. Hermione Granger wird ab Januar eine Ausbildung zur Heilerin am Francis-Miller-Hospital für magische Krankheiten beginnen“, verkündete der Direktor und schenkte mir ein ehrliches Lächeln. Er war stolz auf mich und darauf, dass ich seine Erwartungen nicht enttäuscht hatte.
„Wohooo! Hermione!!“, klang es plötzlich laut aus dem Publikum und als ich mich überrascht umwandte, entdeckte ich eine einzelne Figur, die von ihrem Sitz aufgesprungen war und wie wild applaudierte. Es war Harry! Mir stockte der Atem und Tränen stiegen mir in die Augen, während ich mit einem Grinsen die Bühne wieder verließ.
Harry war hier! Ich war an diesem Tag doch nicht allein. Harry war hier! Doch so sehr alles in mir drängte, sofort zu ihm zu laufen und ihm um den Hals zu fallen, so war die Feier noch nicht zu Ende, die nächsten Schüler hatten noch ihre Zeugnisse entgegenzunehmen und so kehrte ich vorerst auf meinen Platz in den vorderen Reihen zurück. Dennoch drehte ich mich für den Rest der Feier immer wieder um, um im Publikum einen Blick auf Harry zu erhaschen. Wie hätte ich auch anders handeln können? Und kaum hatte der Direktor die letzten Worte gesprochen, da war ich schon aus meinem Sitz gesprungen und bahnte mir den Weg durch die Menge. Endlich… endlich…
„Harry!“, jubelte ich und er grinste mich breit an. „Was machst du hier?“, fragte ich, nicht minder breit grinsend.
„Na, was wohl? Zusehen, wie die intelligenteste Hexe ihrer Generation ihren Abschluss macht.“
„Aber…“ Irgendwie fehlten mir in diesem Moment die Worte.
„Überraschung?“, meine er nun halb fragend, halb scherzend.
Ich konnte nicht anders als zu lachen. „Wie lange bleibst du? Wann geht dein Portschlüssel zurück? Du bist doch mit dem Portschlüssel gekommen, oder?“, schossen meine Fragen aus mir heraus, war ich doch fest entschlossen, die kostbaren Minuten zu gut es ging zu nutzen.
Jetzt war es an Harry zu lachen und er umarmte mich spontan noch einmal. „Oh Hermione, es tut gut zu sehen, dass du in mancher Hinsicht noch ganz die alte bist. Aber immer mit der Ruhe, wir haben genug Zeit. Kein Grund also, für mich eine Melbourne-in-10-Minuten-Tour zu planen oder ähnliches.“
Ich lächelte, doch gleichzeitig blickte ich ein wenig schuldbewusst drein, hatte ich doch tatsächlich schon überlegt, wie ich Harry möglichst viel von der Stadt zeigen konnte, die ich nun mein Zuhause nannte.
„Komm, wie wäre es, wenn du mir dein Lieblingslokal zeigst? Es sei denn natürlich du bist der Ansicht, ich müsste erst noch die obligatorische Tour durch die Schule über mich ergehen lassen“, sagte Harry und sah mich fragend an.
„Nun ja…“, meinte ich, scheinbar zögernd, „wir könnten die Gehege mit den Walzerflöhen besichtigen. Doppelt so groß wie knallrümpfige Kröter und mindestens so bissig, hat sie jemand, der geistig mit Hagrid verwandt sein muss, zu Ehren der inoffiziellen Nationalhymne des Landes gezüchtet. Tatsächlich ist die einzige Art, sie ruhig zu stellen, unentwegt ‚Waltzing Matilda‘ zu pfeifen. Oh, und dann wäre da noch die Schlangengrube, in der die Schüler statt Strafarbeit oder Nachsitzen eingesperrt werden. Und je nach Vergehen, sind die Schlangen mehr oder weniger giftig.“
Harry sah mich ungläubig an. Da brach es aus mir heraus und ich lachte laut auf.
„Oh du… wer bist du und was hast du mit Hermione Granger gemacht? Meine beste Freundin würde nie solche Scherze machen.“
„Oh“, erwiderte ich, „ich bin durchaus noch ich. Aber nach Hogwarts… ehrlich, das Schulgelände und die Gebäude sind eher langweilig im Vergleich. Dafür ungleich sicherer. Zumindest in Hinblick auf magische Gefährdungen. Was die hiesige endemische Fauna betrifft… Du weißt, dass dieser Kontinent ein paar der giftigsten Tiere beherbergt?“
Harry nickte.
„Die Schlangengrube gibt es tatsächlich, aber sie dient nicht zur Bestrafung von Schülern. Sie dient vielmehr dazu, all die giftigen Tiere, die sich auf das Schulgelände verirren, anzulocken, damit sie niemandem schaden können. Und der zuständige Zaubertrankmeister hat dann die glorreiche Aufgabe zu entscheiden, ob manche der so gefangenen Tiere für Zaubertränke verwendet werden können. Die Schüler der Abschlussklasse helfen gewöhnlich dabei, wenn es darum geht, Schlangen zu melken oder die Giftstacheln der Spinnen magisch zu extrahieren.“
„Und ich dachte, ich hätte den gefährlichen Job gehabt.“ Harry konnte nur den Kopf schütteln.
„Lass uns zum Apparierpunkt gehen und dann zeige ich dir ein wenig von Melbourne. Wobei du mir immer noch nicht gesagt hast, wie lange du bleibst.“
„Och, so ein paar Tage“, meinte Harry vage.
„Dann sei dir hiermit mein Gästezimmer angeboten“, sagte ich und zog meinen besten Freund mit mir in Richtung des Ausgangs.

Wenig später saßen wir in einer gemütlichen Bar in Melbourne, die ich zusammen mit meiner Mutter entdeckt hatte. Denn, so Monica Wilkes, wenn ich schon auf ihre Tochter aufpasste, damit sie mit ihrem Mann ausging, war es nur fair, dass ihr Mann gelegentlich auch mal auf die Tochter aufpasste, damit sie einen Frauenabend mit mir haben konnte. Und wer war ich, dass ich nein sagen würde?
„Und jetzt erzähl!“, verlangte ich. „Hast du Urlaub? Wenn ja, wie lange? Und wird Ginny dich nicht vermissen?“
Harry blickte sich um, dann sorgte er unauffällig für einen Privatsphärenzauber, ehe er tief Luft holte und sich all das von der Seele redete, was ihn wohl schon eine ganze Weile beschäftigte. Und offen gestanden, wunderte ich mich, dass er es geschafft hatte, all das so lange vor mir geheim zu halten.
„Ich habe keinen Urlaub, aber mein neuer Job gewährt mir immer mal wieder ein paar freie Tage. Ich habe bei den Auroren aufgehört. Und als Konsequenz meiner Entscheidungen haben Ginny und ich beschlossen, getrennte Wege zu gehen.“
„Wow!“, sagte ich und wusste nicht recht, was ich davon halten sollte. „Aber… war es nicht immer den Traum, Auror zu werden?“
„Immer, Hermione? Den Großteil meines Lebens wusste ich ja nicht einmal, dass es Menschen mit dieser Berufsbezeichnung gibt.“ Doch Harry grinste mich an, um mir zu zeigen, dass er mir die Frage nicht übel nahm. Dennoch konnte ich nicht abstreiten, dass er mit seiner Aussage Recht hatte. Es war nur so, dass wir in den letzten Jahren so viel erlebt hatten, dass mir diese Zeit so viel länger vorkam, als sie tatsächlich war.
„Aber wusstest du, dass Auror zu sein in Friedenszeiten furchtbar langweilig ist?“, fuhr er nun fort. „Das Höchste der Gefühle ist da offenbar Leute vom Kaliber Mundungus Flechters festzunehmen. Und irgendwie… irgendwie war mir das nicht genug“, gestand er. „Sicher, die ersten Monate war es toll, dass alles so ruhig und friedlich war. Aber irgendwann… habe ich begonnen, mit dem Gedanken zu spielen, Hagrid nur deshalb zu besuchen, um zu sehen, ob er Fluffy noch hat. Ich weiß nicht, ob das Sinn macht, aber…“
„Dir fehlte der gewisse Nervenkitzel in deinem Leben, der dafür sorgte, dass du die Ruhephasen umso mehr schätzen konntest?“, schlug ich vor.
„So in etwa. Ich fühlte mich einfach nicht lebendig… und irgendwie fühlte ich mich in dieser friedlichen Zauberwelt fast schon eingesperrt. Aber weil ich zum ersten Mal in meinem Leben frei war, es niemanden gab, der mir zu meiner eigenen Sicherheit vorschrieb, wo ich mich aufzuhalten hatte und wo nicht…“
„Wurdest du zum Stammkunden der Knockturn-Gasse?“ Irgendwie würde das passen, wenn Harry tatsächlich so ein Adrenalin-Junkie war, wie er sich gerade selbst beschrieb.
Harry schüttelte den Kopf. „So lebensmüde bin ich nun auch wieder nicht. Aber ich habe herausgefunden, dass die Welt weitaus größer ist als die Winkelgasse und ihre Nebenstraßen. Und das Muggellondon ziemlich aufregend sein kann. Da muss man noch nicht mal irgendwelche zwielichtigen Gassen für aufsuchen.“
Ich grinste. Für mich war London nichts so außergewöhnliches, war ich mit meinen Eltern als Kind doch oft genug zum Einkaufen dort gewesen. Für jemanden wie Harry aber, der eher abgeschottet aufgewachsen war…
„Leider gefiel das Ginny überhaupt nicht. Sie war der Ansicht, dass ein Leben als Auror doch schon aufregend genug sei.“
Ich sah Harry abwartend an, denn ich konnte mir nicht vorstellen, dass Ginny etwas gegen ein paar harmlose Ausflüge in die Muggelwelt haben konnte und schon gar nicht, dass das zu einer Trennung von ihr und Harry führte. Schließlich war jedes Quidditch-Spiel gefährlicher als ein Einkaufsbummel durch Harrods.
„Weißt du, Ginny war immer so lebensbejahend, trotz allem, was ihr in ihrem ersten Schuljahr wiederfahren ist. Das war mit ein wesentlicher Teil, weshalb ich mich so zu ihr hingezogen fühlte. Ich dachte, mit ihr zusammen könnte ich lernen, all die Begegnungen mit Tom hinter mir zu lassen und ein normales Leben zu leben. Aber, nun ja, ihre Art mit den Dingen fertig zu werden, funktioniert für mich nicht. Damals, nach der Sache mit dem Tagebuch, hat die ganze Familie zusammen gehalten und Ginny durch unendlich viel Nähe und Geborgenheit die Sicherheit gegeben, die sie brauchte, um die Geschehnisse hinter sich zu lassen“, erzählte er nun. „Ich habe mich all die Jahre gefragt, wieso sie fast den gesamten Gewinn aus der Lotterie für eine Reise nach Ägypten verwendet haben. Jetzt weiß ich, dass es dazu diente, dass Ginny ihren Lieblingsbruder wiedersehen konnte. Sie und Bill stehen sich unglaublich nahe. Das war wohl auch der Grund, weshalb sie zuerst Fleur so ablehnend gegenüber war – weil sie befürchtete, dadurch Bill zu verlieren.“
„Aber wenn Bill noch nicht mal Ron vor die Tür gesetzt hat, als er des Campens überdrüssig war, dann wird er doch nie seine kleine Schwester im Stich lassen“, wandte ich ein.
„Natürlich nicht. Und inzwischen weiß Ginny das auch. Aber wie du auch weißt, war auch für sie das letzte Jahr des Krieges nicht einfach und hat seine Spuren hinterlassen.“
Ich ahnte, worauf er hinaus wollte. „Und so hat sie sich in die patentierte Weasley-Familien-Umarmung begeben, um diese Wunden heilen zu lassen?“
Harry nickte. „Die ganze Familie ist zusammengerückt. Charlie ist sogar für eine Weile aus Rumänien zurückgekehrt. Zumal die Familie ja auch den Verlust von Fred zu verkraften hatte. Und da konnte sie einfach nicht verstehen, wieso ich aus diesem Kokon ausbrechen wollte. Am Ende hat es einfach nicht mehr funktioniert. Wobei meine Entscheidung, den Job zu wechseln, sein Übriges dazu beigetragen hat.“
„Was ist es denn für ein Job, den Ginny nicht akzeptieren konnte?“, fragte ich neugierig und konzentrierte mich lieber auf diesen Aspekt als auf die Tatsache, dass Harry und Ginny nicht länger ein Paar waren. Denn irgendwie schaffte ich es aufgrund der Umstände, die zu der Trennung geführt hatten, mich nicht wirklich darüber zu freuen, dass Harry nun wieder Single war und für mich somit die Möglichkeit einer zweiten Chance bestand. Denn letztlich war ihre Beziehung ein Opfer des Krieges gewesen, und das war kein Grund, sich zu freuen. Was jetzt nicht hieß, dass ich nicht dennoch versuchen würde, meine Chance zu nutzen, wenn sie sich mir bot.
Harry grinste breit. „Auf einem meiner Streifzüge durch London bin ich einem sehr interessanten Mann begegnet. Er heißt Jack Peterson und ist ein Squib. Er lebt in der Muggelwelt und ist dort unter einem Pseudonym Filmregisseur. Er ist gerade dabei ein recht bekanntes Fantasywerk zu verfilmen und, nun ja, er saß da in diesem Café und kritzelte auf einen Blatt Papier herum, während er vor sich hinmurmelte, dass es viel einfacher wäre, wenn er zaubern könnte. Nun ja, das machte mich neugierig und nachdem wir beide etwa fünf Minuten versucht hatten, um den heißen Brei herumzureden, um dem anderen ja nicht zu verraten, dass es Magie tatsächlich gab, lachten wir beide herzlich und er bot mir den Job als Berater für Spezialeffekte bei seinem Filmprojekt an. Allein schon der Job an sich klang für mich mehr als interessant. Als er dann auch noch erwähnte, dass der Dreh in Neuseeland stattfinden würde… Das war meine Chance, etwas von der Welt zu sehen und bei etwas wirklich Spannendem und zugleich Ungefährlichem mitzumachen.“
„Klingt wirklich nach einem tollen Job“, meinte ich.
Harry nickte aufgeregt. „Im Oktober ging es los. War ganz schön schwer, vor dir geheim zu halten, dass ich ganz in der Nähe bin. Denn weißt du, was vielleicht das Beste an dem Job ist?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Neuseeland und Australien haben ein gemeinsames Flohnetzwerk. Das heißt, wir können uns jetzt häufiger sehen. Natürlich nur wenn du willst.“
„Ob ich will? Harry, das ist doch keine Frage!“ Und so kehrte mein bester Freund in mein Leben zurück.
Zuletzt geändert von chaotizitaet am 25. Dez 2014, 16:32, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Das Leben ist... - für Alraune

Beitragvon chaotizitaet » 25. Dez 2014, 16:29

VI – Das Leben ist wie Lego – man kann aus lauter kleinen Steinen seine eigene Welt erschaffen

Das nächste Jahr verging wie im Flug. Es schien kaum eine ruhige Minute zu geben, und doch genoss ich es aus vollen Zügen. Wann immer ich frei hatte und nicht auf meine Schwester aufpasste, verbrachte ich meine Zeit in Neuseeland und umgekehrt kam Harry nach Melbourne, wenn für ihn Drehpause war und alle Fragen zu den nächsten Spezialeffekten geklärt waren. Natürlich ließen es sich unsere Kollegen und meine Nachbar nicht nehmen, uns ein wenig zu necken, insbesondere, da wir uns in vielerlei Hinsicht mehr wie ein altes Ehepaar denn wie einfach nur beste Freunde verhielten. Doch das störte weder Harry noch mich. Wir genossen einfach die gemeinsam verbrachte Zeit.
Ich fand die Dreharbeiten zu dem dreiteiligen Epos furchtbar faszinierend. Natürlich musste ich eine Geheimhaltungsvereinbarung unterschreiben, um das Set überhaupt betreten zu dürfen, aber das war es allemal wert. Allein die vielen verschiedenen Kameraeinstellungen, die hinterher zu einem Ganzen zusammengeschnitten werden würden… Und obgleich ich mir früher nicht viel aus Filmen gemacht hatte, konnte ich es bei diesem Projekt kaum abwarten, bis ich das fertige Werk im Kino bestaunen konnte.
Aber das wandernde Set war natürlich nicht das einzige, was Harry und ich von Neuseeland sahen. So verbrachten wir einen Tag an einem einzigartigen Strand, der sich Hot Water Beach nannte, und wo man tatsächlich bei Ebbe erleben konnte, wie in selbstgebuddelten Löchern sich heißes Wasser sammelte. Wir waren wie kleine Kinder, versuchten das größte Loch zu graben – ohne Magie versteht sich, denn das machte mehr Spaß –, um aus dem übrig gebliebenen Sand eine beeindruckende Schutzmauer von etwa zehn Zentimetern Höhe zu bauen. Wir hatten einen Heidenspaß.
Ein andermal beschloss Harry, unbedingt Helikopter-Skifahren am Mount Cook auszuprobieren. Ich konnte zwar Ski fahren, aber die Vorstellung statt aus einem gemütlichen Sessellift zu steigen aus einem Helikopter zu springen, behagte mir so gar nicht, und so lehnte ich ab, wünschte Harry aber viel Spaß. „Ich warte dann im Tal auf dich“, rief ich ihm noch nach, als der Hubschrauber knatternd abhob.
Ich machte es mir in der Talstation mit einem heißen Kakao und einem Lehrbuch über magische Heiltränke – jeder andere glaubte, ich lese gerade einen Clive Cussler-Roman – im dortigen Café gemütlich.
Fast zwei Stunden später kam Harry zurück und auch wenn er grinste, merkte ich sofort, dass etwas nicht stimmte. Dazu erinnerte mich sein Gesichtsausdruck zu sehr an all die Male, wo er beim Quidditch den Schnatz gefangen hatte, dabei aber nicht ohne Blessuren davon gekommen war.
„Hab einen Stein unter dem Schnee übersehen. Oder übersehen, dass die Schneeschicht dort dünner war…“
„Du bist gestürzt“, schlussfolgerte ich.
Er nickte und ließ sich vorsichtig auf den Stuhl mir gegenüber sinken.
Jetzt da ich wusste, dass er gestürzt war, beobachtete ich ihn genauer und bemerkte sofort, dass er den rechten Fuß nicht belastete. Viel mehr schien er wenige Millimeter über dem Boden zu schweben…
„Du hast dir das Bein gebrochen?“, fragte ich ein wenig ungläubig. „Und bist dann noch den Hang hinunter gefahren? Oder vielmehr geschwebt?“, fügte ich im Flüsterton hinzu.
„Ich konnte ja schlecht auf dem Hang bleiben, oder?“, verteidigte sich Harry.
Ich schob ihm wortlos meine zweiten Kakao hinüber, nicht aber ohne nicht erst noch eine gehörige Portion Zucker untergerührt zu haben. „Hier, trink das. Ist zwar kein Aufpäppeltrank, sollte aber helfen zu verhindern, dass du mir hier wegen magischer Erschöpfung zusammenklappst.“ Denn wie ich Harry kannte, war der Stein auf der oberen Hälfte des Berges und nicht kurz vor dem Tal gewesen, und er somit mindestens den halben Berg hinuntergeschwebt, dabei stets darauf bedacht, die Illusion aufrecht zu erhalten, er würde noch Ski fahren.
Harry verzog zwar das Gesicht, als er das sehr süße Gebräu probierte, trank aber ohne Widerspruch die Tasse aus. Schließlich hatte er bei Madame Pomfrey schon weit widerlichere Tränke schlucken müssen.
Ich rückte meinen Stuhl ganz nah zu ihm heran, dann murmelte ich: „Zähne zusammenbeißen und so tun, als wärst du hellauf begeistert, dass ich dich unter dem Tisch ein wenig befummele.“
„Befummeln?“, fragte Harry und konnte sich trotz der Schmerzen ein Grinsen nicht verkneifen.
„Die natürlichste Tarnung, um dein Bein hier und jetzt zu heilen. Oder hattest du vor, den Rest des Tages herumzuschweben?“
Er schüttelte den Kopf. „Danke“, murmelte er und spielte dann brav den verliebten Trottel, dessen Freundin ihre Finger nicht bei sich behalten konnte.
Drei Minuten später war sein Bein wieder geheilt. Denn ehrlich, solange man nicht gerade von einem inkompetenten Idioten wie Lockhart behandelt wurde, waren Knochenbrüche in der Zauberwelt wirklich keine große Sache.
Als Harry am Set denjenigen, die um Magie wussten – und das waren erstaunlich viele, offenbar war die Filmbranche eine der besseren Verdienstmöglichkeiten für Squibs –, von dieser Eskapade erzählte, war das Gegröle natürlich groß und besonders die Sache mit der Tarnung sorgte immer wieder für gutmütigen Spott.
Zum Glück verlief das Hai-Tauchen vor der australischen Küste ohne einen derartigen oder ähnlichen Zwischenfall. Dafür fand Harry heraus, dass auch Schlangenhaie Parsel verstanden. Er fand das einfach nur faszinierend. Jetzt konnte er sogar schon mit Fischen reden. Und zum Glück hatten die anderen Taucher der Gruppe in all den aufsteigenden Luftblasen Harrys Zischgeräusche nicht gehört, als er sich mit dem Schlangenhai unterhielt.
Harry überredete mich sogar, mich mit ihm auf einen nächtlichen Besenflug zum Uluru einzulassen.
„Komm schon, du lebst jetzt schon seit bald zwei Jahren auf diesem Kontinent und hast den Monolithen noch nicht gesehen?“, fragte er ungläubig.
„Wir können ja für das nächste Mal, wo wir beide ein paar Tage am Stück frei haben, einen Ausflug dorthin unternehmen. Wir könnten uns einen Wagen mieten…“
„Oder aber“, fiel mir Harry ins Wort, „wir könnten zur Flohstation im Aborigine-Dorf auf der Rückseite des Felsen flohen und dann mit dem Besen das letzte Stück fliegen.“
„Harry, du weißt doch, dass ich und Besen nicht zusammen passen…“, sagte ich zweifelnd. Fliegen war schließlich das einzige Fach, in dem ich nicht mit einer guten Note abgeschlossen hatte.
„Hermione, du bist schon auf einem Hippogreif, einem Thestral und sogar einem Drachen geflogen, aber bei einem Besen schreckst du zurück, als sei er das schlimmste Monster, das du je gesehen hast…“ Fragend sah er mich an.
„Ein Hippogreif hat einen schön breiten Rücken, ähnlich wie ein Pferd. Darauf kann man gut und sicher sitzen. Das Gleiche gilt für ein Thestral und über den Rücken eines Drachen brauche ich dir ja wohl kaum etwas zu sagen.“ Schließlich hatte Harry all diese Tiere ebenfalls geritten. Drachen- und Hippogreifrücken hatten wir uns sogar geteilt. „Ein Besen dagegen… Genauso gut könnten wir auch versuchen, auf einem Mikado-Stäbchen zu reiten. Oder einem Zahnstocher. Also etwas, das ich nur besteige, wenn es unbedingt sein muss.“ Wie etwa, wenn es darum ging, meinen besten Freund vom Ligusterweg abzuholen, ehe die Schutzzauber mit seinem Geburtstag kollabierten.
„Mini-Besen… könnte Potenzial haben“, meinte Harry nur mit einem neckenden Grinsen. „Ach komm schon, Hermione, du wirst einen viel besseren Blick auf dieses australische Naturwunder haben, wenn du es von einem Besen aus siehst. Und ehe du fragst, wir können leider keinen Thestral im Aborigine-Dorf mieten. Der Felsen hat etwas an sich, dass magische Flugtiere dort nicht hinfliegen wollen. Aber wir könnten uns einen stabilen Tandem-Besen leihen. Und ich verspreche auch keine waghalsigen Flugmanöver zu machen.“
Ich schaffte es am Ende nicht, Harrys Bitten zu widerstehen. Und er hatte Recht, der Anblick des magischen Felsen bei Nacht war wirklich etwas Besonderes. Ich würde sogar fast soweit gehen und es als romantisch bezeichnen. Aber leider nur fast. Denn irgendwie ergab sich nie die Gelegenheit die Sprache noch mal auf jenen Abend beim Zelten zu bringen. Und auch sonst machte Harry nie den Eindruck, als wäre ihm daran gelegen, zu sehen, ob zwischen uns mehr als Freundschaft sein könnte. Dennoch genoss ich die Zeit, die Ausflüge und all die Begleiterscheinungen.


VII – Das Leben ist voller zweiter Chancen

Die Dreharbeiten gingen zu Ende und die ganze Crew feierte den Abschluss eines grandiosen Projekts. Und wie das so bei Menschen ist, die ein Jahr sehr intensiv miteinander gearbeitet haben, hieß ‚feiern‘ nicht bloß, sich schnöde an einem Buffet vollzustopfen. Da wurde gelacht, gesungen, getanzt, wurden Scherze gemacht, Anekdoten ausgetauscht und Spiele gespielt. Vor allem Spiele. Und vor allem: Je später der Abend, je gelöster die Stimmung, desto dämlicher die Spiele. Und doch machten alle mit. Harry und mich eingeschlossen. Da mag es wenig überraschen, dass wir uns zu später Stunde bereiterklärten, sogar bei so etwas intellektuell ansprechendem wie Flaschendrehen mitzumachen. Wobei das Studium der sich drehenden Flasche durchaus faszinierend ist. Auch die Auswirkung von Flüssigkeit in der Flasche auf das Drehverhalten. Oder die Form der Flasche…
Ja, gut, die Flasche zeigte irgendwann auf Harry und die anderen hatten natürlich nichts besseres zu tun, als von ihm zu verlangen, mich zu küssen. Und ja, ich habe in den vergangenen Jahren gelernt, die Chancen zu ergreifen, die sich mir bieten. Denn wer weiß schon, wann oder ob sich noch mal so eine Gelegenheit bietet? Aber schließlich war ich auch auf einer Party, und da nehme ich gewöhnlich weder eine Zahnbürste noch Basiliskengift mit.
Was soll ich sagen… Der Kuss war fantastisch!
Wozu die Tatsache, dass Harry den Kuss aus ganzem Herzen erwiderte, nicht unwesentlich beigetragen haben dürfte.
Tatsächlich war der Kuss so toll, dass uns erst das Gejohle und Gepfeife der anderen wieder in die Wirklichkeit zurückholte. Eine Wirklichkeit, die aber auch bedeutete, dass wir uns endlich aussprechen mussten, und so nickte ich den anderen nur stumm zu und zog unter weiterem Gejohle Harry mit mir fort, damit wir uns eine abgeschiedene Ecke suchen konnten. Denn auch wenn wir einfach irgendwohin hätten apparieren können, wollte ich uns beiden doch die Möglichkeit geben, für eine Auszeit auf die Party zurückzukehren, sollte das Gespräch nicht ganz so verlaufen, wie ich es mir erhoffte.
Harry sah mich schweigend, fast abwartend an.
„Was?“, platzte es aus mir heraus.
„Ich will nur sicher gehen, dass ich dieses Mal die Situation nicht falsch interpretiere…“
Ich wusste sofort, worauf er anspielte und trotz allem gefiel es mir irgendwie, dass er unseren ersten Kuss noch ebenso lebhaft in Erinnerung hatte wie ich. „Keine Zahnbürste“, sagte ich und lächelte. „Und offen gestanden, hatte die Zahnbürste damals auch nicht das zu bedeuten, was du geglaubt hast.“ Und ich erzählte ihm die Fakten von Eltern, Erziehung und Uhrzeit.
Ich konnte Harry ansehen, wie tausend und eine Frage in seinem Kopf durcheinanderpurzelten.
„Ich weiß, ich hab es damals verbockt und es ist mir erst hinterher klargeworden… Und irgendwie hab ich es nicht geschafft, die Sache aufzuklären. Aber nun ja… Ich war mir halt auch so unsicher. Also nicht, was dich betrifft. Oder vielleicht doch“, stammelte ich.
„Hermione?“, fragte mich Harry mit jenem Tonfall, den ich schon aus Hogwarts kannte, wenn ich irgendwas erzählte und er mir nicht folgen konnte. „Ich mag zwar ein Zauberer sein, aber das heißt noch immer nicht, dass ich deswegen zwischen den Zeilen lesen kann.“
Ich atmete tief durch und fing dann noch einmal von vorne an. „Damals, in unserem sechsten Jahr, du weißt schon, wo Ron ständig mit Lavender herumgemacht hat…“
„Wo du so eifersüchtig auf sie warst?“
Ich nickte. „Ich war aber nicht eifersüchtig in dem Sinne, wie du vielleicht glaubst. Denn auch wenn ich damals sofort Ja gesagt hätte, wenn Ron mich gefragt hätte, ob ich seine Freundin sein will, hätte ich das nur getan, um dir näher zu sein.“ Wissend, dass mein bester Freund nun mal Klartext bevorzugte, fuhr ich gleich fort: „Weißt du, im Grunde war ich schon damals in dich verliebt. Nur glaubte ich nicht, eine Chance zu haben. Schließlich hast du dich eigentlich immer nur zu den sportlichen Mädchen hingezogen gefühlt. Also Mädchen wie Cho oder Ginny. Mädchen, mit denen ich unmöglich mithalten konnte. Andererseits war ich mir sicher, dass du und Ron auf immer und ewig beste Freunde sein würdet. Weshalb ich also als Rons Freundin immer einen Platz in deinem Leben haben würde. Und Ron selbst… er hat auch seine guten Seiten. Ich war mir sicher, dass das zwischen uns funktionieren würde. Aber dann waren wir campen…“
„Und haben uns geküsst… Aber dann hast du Ron geküsst“, sagte Harry und aus seine Stimme klang ein wenig anklagend.
„Korrektur: Ron hat mich geküsst. Das ist ein kleiner, entscheidender Unterschied“, erwiderte ich. „Und durch den Kuss wurde mir auch klar, dass das mit Ron und mir nie funktioniert hätte. Leider aber hatte ich keine Zahnbürste dabei, weshalb Ron also genauso falsche Schlüsse zog, wie du…“
„Oh Mann, wir sind schon zwei…“, meinte Harry kopfschüttelnd. „Aber, wieso hast du nie versucht, die Sache zwischen uns aufzuklären?“
„Wie schon gesagt, ich dachte ja, ich hätte eh keine Chancen bei dir. Zumindest im Vergleich zur Konkurrenz. Und in der Zwischenzeit waren mir halt auch Zweifel gekommen, ob der Kuss beim Campen vielleicht nur aus der Situation heraus entstanden war.“
„Hermione, die Situation hat zwar mit Sicherheit geholfen, dass ich meine eigenen Zweifel beiseite geschoben und die Initiative ergriffen habe, aber ich küsse niemanden nur so, weil mir grad danach ist oder der andere grad verfügbar ist. Was meine Schwärmerei für Cho und Ginny betrifft“, versuchte nun Harry seinerseits sein Verhalten zu erklären, „so standen sie mit dem einzigen in Verbindung, war mir in Hogwarts einen gewissen Grad an Freiheit gewährt hat: Quidditch. Du weißt, dass ich mich nie so frei gefühlt habe, wie wenn ich auf einem Besen saß. Wenn ich in der Luft war, dann gab es keine Durselys, keine Gerüchte, keine Anschuldigungen und Erwartungen eine ganze Gesellschaft zu retten. Was lag also näher, als sich da eine Freundin zu suchen, die diese Freiheit verstehen, mit der ich diese Freiheit teilen konnte?“ Er seufzte. „Es hat eine Weile gebraucht, um zu erkennen, dass weder Ginny noch Cho dieses Freiheitsgefühl nachvollziehen konnten. Dass es da aber eine Hexe gab, mit der ich allerlei andere Freiheiten teilte. Und die mir noch so viel mehr Freiheiten gewährte. Dich! Das ist mir zum ersten Mal beim Campen bewusst geworden. Trotzdem wir verfolgt wurden, habe ich mich frei gefühlt. Und du warst dabei und hast diese Freiheit mit mir geteilt. Und später… nachdem du nach Australien ausgewandert warst, ist mir erst aufgefallen, wie viele Freiheiten das waren, die wir geteilt haben. Auch hast du nie versucht, mir eine Freiheit zu untersagen, nur weil du sie nicht mit mir teilen konntest. Nimm nur mal das Heli-Skifahren. Ähnlich wie Quidditch war es nichts, was dich gereizt hat. Aber du warst da, um mich hinterher wieder zusammen zu flicken. Genauso, wie du immer da warst, wenn Madame Pomfrey mich nach einem Quidditchmatch behandeln musste.“
„Wobei ich es natürlich vorziehe, wenn du dir erst gar keine Verletzungen zuziehst“, meinte ich nur mit einem Lächeln.
„Hey, ich habe gewiss nicht vor, dir diesbezüglich zu widersprechen. Auch wenn ich befürchte, dass ich auch in Zukunft nicht um die ein oder andere Verletzung herumkomme.“ Harry spielte natürlich darauf an, dass er sich bei den Karamea Kiwis für die nächsten zwei Jahre als Sucher verpflichtet hatte. Allein schon, dass er sich für die Australisch-Ozeanische Quidditchliga entschieden hatte, hatte mir viel bedeutet, nun aber schien mein Leben nahezu perfekt.


VIII – Das Leben ist ein Bumerang

Zum Glück war die Tatsache, dass Harry bei mir einzog und wir nun offiziell ein Paar waren, weder für meine Nachbarn noch für meine Kollegen mehr als ein Kopfnicken wert. Das Leben schien endlich in geordneten Bahnen zu verlaufen. Harry begleitete mich fast jeden Tag zum Krankenhaus oder tauchte während einer meiner Pausen auf – Schichtplan eben – um ein wenig Zeit mit mir zu verbringen, ehe er einen der Flohkamine des Hospitals nutzte, um nach Neuseeland zum Training zu flohen.
Auch mit meinen Eltern lief alles gut. Zumindest, soweit es die Situation zuließ. Dafür liebte es Meredith, wenn ich bei mir zu Hause auf die aufpasste. Dann ließ ich ihr Spielzeug durch die Luft tanzen, verwandelte ihren Plüschbären in jedes Tier, dass sie sich gerade wünschte und überhaupt setzte ich sie so viel Magie wie möglich aus, damit ihre Magie einmal weniger heftige Unfälle provozierte.
Ja, man könnte sagen, dass ich glücklich war. Zwar nicht vollkommen glücklich, aber das Leben ist nun mal nicht für vollkommenes Glück bekannt. Vielleicht war es so ja auch besser. Denn vielleicht hielt dieser Mangel an vollkommenem Glück das Leben ja davon ab, mir weitere Wackersteine in den Weg zu legen.
Leider hielt das Leben genauso wenig von Wunschdenken.
Es war an einem sonnigen Frühjahrstag, als ich vom Einkaufen zurückkam und meine Nachbarn aufgeregt auf der Straße stehen und reden sah. Und da ich wie jeder Mensch neugierig war, gesellte ich mich zu ihnen, um zu erfahren, was sie so in Aufregung versetzt hatte.
„Oh, es ist die kleine Meredith“, erfuhr ich und mein Magen krampfte sich zusammen. Etwas war mit meiner kleinen Schwester passiert.
„Was ist passiert? Geht es ihr gut?“
Die anderen schüttelten den Kopf. „Sie ist beim Spielen auf die Straße gelaufen und ein Lieferwagen hat sie nicht rechtzeitig gesehen.“
Tränen traten mir in die Augen.
„Sie lebt, aber sie ist schwer verletzt“, versuchten mich die anderen zu beruhigen, aber wie beruhigte man jemanden in dieser Situation? Schwer verletzt… Da hatten Zauberer und Muggel unterschiedliche Definitionen. Aber Meredith war ein kleines Kind und würde in ein Muggelkrankenhaus gebracht werden. Was, wenn ich sie ganz schnell heilen konnte, es aber nicht durfte, weil ihre Eltern noch nicht wussten, dass Meredith magisch war? Erst letzte Woche hatte sie zum ersten Mal ihre Jacke zu sich schweben lassen, als sie unbedingt nach draußen wollte, obwohl es draußen so stark regnete, dass ich es nicht verantworten konnte, mit ihr hinaus zu gehen. Ich war so glücklich und stolz auf sie gewesen. Glücklich, weil ich Zeuge ihres magischen Unfalls gewesen war und es nicht bei ihren Eltern geschehen war, die darüber vielleicht beunruhigt gewesen wären. Und stolz, weil es etwas so harmloses und zugleich so kontrolliertes gewesen war. Oh Meredith!
Dann erinnerte ich mich, dass wir im Sanitätskurs gelernt hatten, dass wir Muggeln helfen durften, solange es uns nicht verriet. Und dass wiederum alle Muggelkliniken der Stadt wussten, dass sie das Francis-Miller-Hospital anrufen konnten, wenn ein Bluttest ein bestimmtes Charakteristikum aufwies, was darauf hindeutete, dass bestimmte Medikamente bei dem betreffenden Patienten nicht ansprechen würden. Man wusste schon seit langem, dass das Blut von Hexen und Zauberern, aber auch Squibs einen magischen Aspekt enthielt, der sich mit verschiedenen Therapien nicht vertrug. Das konnte bis hin zu Vergiftungserscheinungen reichen. Aber erst vor etwa drei Jahren war es gelungen, einen verhältnismäßig simplen Test zu entwickeln, der auch in Muggelkrankenhäusern angewendet werden konnte, um solche Komplikationen auszuschließen. Wenn Meredith also schwer verletzt war, dann würde das zuständige Krankenhaus höchstwahrscheinlich das Francis-Miller-Hospital kontaktieren. Weshalb ich also jetzt dringend dorthin musste, wollte ich meiner Schwester helfen.
Ich verabschiedete mich hastig von meinen Nachbarn und eilte in mein Haus. Ich verschwendete erst gar keine Zeit damit, die Einkäufe wegzuräumen, ich schloss nur die Tür, konzentrierte mich, und apparierte direkt zum Krankenhaus. Keine Minute zu früh, wie sich herausstellte. Ein allgemeiner Aufruf hallte durch die Gänge, der alle Anwesenden bat, sich für Blutspendetauglichkeit testen zu lassen, da für ein dreijähriges Kind ein passender Spender gesucht wurde. Ich hastete augenblicklich zu der entsprechenden Station.
„Bitte, wo kann ich Blut spenden?“, fragte ich eine der Heilerinnen, die mich aber in meiner Zivilkleidung nicht als Kollegin erkannte.
„Sie müssen erst ihr Blut testen lassen“, sagte diese mit stoischem Blick. Blut ist für magische Menschen etwas überaus Wertvolles. Man kann damit Wunder geschehen lassen – aber auch Katastrophen. Voldemort und das Ritual? Jep. Blut des Feindes. Schutz vor Todessern bei den Dursleys solange Harry minderjährig war. Jep. Blut der Mutter. Deshalb werden in magischen Krankenhäusern keine Blutkonserven aufbewahrt. Ist zwar ziemlich unpraktisch, jedes Mal getestet zu werden, aber selbst die Analysenergebnisse müssen nach dem Vorfall sorgfältig vernichtet werden.
„Hören Sie, ich weiß, dass mein Blut passt. Wir sprechen hier immerhin von meiner Schwester!“, beharrte ich, denn die Schlange der freiwilligen Testspender draußen im Treppenhaus war in meinen Augen schier endlos.
Ein vorbeikommender Heiler, den ich aus dem theoretischen Unterricht kannte, blieb abrupt stehen und sah mich überrascht an. „Ihre Schwester, Miss Granger? Da muss ein Irrtum vorliegen. Wir überprüfen all unsere neuen Lernheiler und bei Ihnen steht in den Akten, dass Sie Waise sind und keine Geschwister haben.“
Ich musste an mich halten, um nicht mit den Augen zu rollen. „Meredith Wilkes ist meine Schwester. Monica und Wendell Wilkes sind meine Eltern, ehedem Emma und Daniel Granger. Komplizierte Geschichte, aber ja… Immerhin sind alle am Leben. Noch.“ Drängend sah ich ihn an.
„Also schön, ich werde Sie persönlich testen. Und dann reden wir über die Wahrheit“, sagte der Heiler und nahm mich in sein Büro mit.
Natürlich passte mein Blut. Und natürlich war der Heiler nicht gerade begeistert, als er die ganze Geschichte hörte. Aber er konnte verstehen, dass ich nur getan hatte, was ich zu dem Zeitpunkt für das Beste hielt. Was ihn wiederum dazu brachte, einige Male recht farbenfroh über die Unfähigkeit gewisser Generationen der englischen magischen Gesellschaft zu schimpfen. Eine Empfindung, die ich sehr gut nachvollziehen konnte. Ich habe schließlich selbst oft genug Leute wie Fudge, aber auch Dumbledore verflucht. Denn welcher vernünftige Mensch ist der Ansicht, dass die Bevölkerung nicht mit der Wahrheit umgehen kann? Andererseits scheint die magische Welt Englands noch nie etwas von Kant und dessen Glauben an die Vernunft gehört zu haben.
Immerhin hielt mich die Beichte bei dem Heiler davon ab, in den Linoleumfußboden des Krankenhauses Furchen zu laufen, während ich darauf wartete, dass die Nachricht kam, dass Meredith durchkommen würde. Denn trotz der Offenbarung, dass Meredith meine Schwester war, durfte ich sie nicht in das Francis-Miller-Hospital transferieren lassen. Denn, so der Heiler, das würde bedingen, dass ich meinen Eltern ihre Erinnerungen wieder zurückgab und das wiederum könnte negative Reaktionen zur Folge haben, was sich wiederum nachträglich auf die Genesung meiner Schwester auswirken konnte. Dementsprechend war alles, was die Wilkes wussten, dass ihre Tochte einen seltenen Bluttyp hatte, der vermutlich rezessiv über ein paar Generationen vererbt worden und nun wieder zum Vorschein getreten war, dass es aber dem behandelnden Krankenhaus gelungen war, rechtzeitig einen geeigneten Spender ausfindig zu machen. Ende der Geschichte.

Oder auch nicht.
Denn leider beharrten meine Eltern darauf, dem Retter ihrer Tochter persönlich danken zu wollen. Und wenn meine Eltern eines können, dann stur sein. Diese Charaktereigenschaft hatte schließlich dazu geführt, dass ich keinen anderen Ausweg gesehen hatte, als ihnen die Erinnerungen zu nehmen und sie nach Australien zu schicken.
Schließlich kam der Heiler zu mir. „Hören Sie, Miss Granger, es geht nur um ein Treffen. Und es ist ja nicht so, als würden die Wilkes Sie nicht schon kennen.“
Ich schluckte. Konnte ich meinen Eltern unter diesen Umständen gegenübertreten? In einem Krankenhaus, wo wenige Meter entfernt meine kleine Schwester in dicke Verbände eingewickelt in einem Bett liegen würde? Und das alles, ohne ihnen die Wahrheit zu sagen?
„Dann sag ihnen die Wahrheit“, meinte Harry, als ich seine Meinung dazu hören wollte. „Schließlich hast du ihnen und jetzt auch Meredith das Leben gerettet. Da werden sie dich wohl kaum hassen können“, sprach er meine finstersten Befürchtungen aus.
„Und was wenn doch?“
„Hermione“, und seine Finger strichen mir liebevoll über die Wange, „du merkst doch selbst, dass du so eigentlich nicht weitermachen willst. Dass du nicht länger mit dieser Lüge leben willst.“
Ich seufzte.
Er küsste mich sanft. „Hey, du weißt doch, wie das funktioniert. Es geht nie um das, was einfach ist. Wir haben uns schon immer für das entschieden, was richtig ist.“
Ich nickte, zögerte aber dennoch. Dann schüttelte ich den Kopf, um meine Unlust zu vertreiben. „Also schön, ich werde morgen ins Krankenhaus gehen.“
Wie erwartet, waren meine Eltern mehr als überrascht, als sich ihre Nachbarin und Babysitterin ihrer Tochter als deren Retterin herausstellte. Tatsächlich war der darauf folgende überschwängliche Dank zu viel für mich. Meine Eltern dankten mir mit Tränen der Rührung in den Augen für die Rettung ihrer Tochter, die sie nur hatten, weil sie sich nicht an mich erinnerten und die nur deshalb nicht in einem magischen Krankenhaus behandelt werden konnte, weil ich ihnen immer noch nicht die Wahrheit gesagt hatte. Harry hatte Recht gehabt, das war eine Lüge, mit der ich nicht länger leben konnte.
„Ehe wir weiterreden: Paracelsus, Hogwarts, Voldemort, Radieschen, Kumquat, Paddington, Manchester United, Krummbein, Ameise, Weihnachtsmärchen.“
Kaum hatte ich das letzte Wort gesagt, da konnte ich sehen, wie sich der Schleier in ihren Gedanken lüftete. Ungläubig starrten sie mich an. Dann blickten sie zu der Tür hinter der Meredith lag. Dann wieder mich. Schließlich wandte sich meine Mutter stumm ab und ging in das Krankenzimmer. Mein Vater folgte ihr.
Was auch immer ich erwartet hatte, Schweigen war es nicht.


IX – Das Leben ist kein Ponyhof

Ich war nicht am Boden zerstört. Ich war auch nicht so zerstört, dass der Boden deshalb keine Rolle spielte, weil ich mich darunter heimisch eingerichtet hatte. Aber es war für jeden in meiner Umgebung offenkundig, dass mich das Schweigen meiner Eltern mehr als nur ein wenig mitnahm, beschäftigte, fertig machte. Sie hatten der Schwester im Krankenhaus mitgeteilt, dass sie mich nicht sehen wollten. Die Schwester hatte mir geraten, auch sonst keinen Kontakt zu ihnen zu suchen. Zumindest nicht, solange das kleine Mädchen nicht wieder gesund war. Ich respektierte es. Auch wenn es mir nicht leicht fiel.
Ich ließ mich von der Routine des Alltags gefangen nehmen, ließ mich davon betäuben. Es war fast so, als würde ich innerlich immer mehr absterben.
Eines Tages reichte es Harry. Er litt natürlich am meisten mit mir. Aber still zu warten ist nicht Harrys Art. Und so nahm er mich eines Abends, als ich von der Arbeit heimkam, beiseite und zog mich auf das Sofa neben sich.
„Hermione, ich weiß, dass du nicht glücklich bist. Wie könntest du es auch sein. Und ja, ich weiß auch, dass das nichts mit mir zu tun hat und ich habe auch nicht vor, darüber mit dir Schluss zu machen“, schob Harry auch gleich alle meine Einwände beiseite. Er kannte mich nun mal mindestens ebenso gut, wie ich ihn kannte.
„Ob du allerdings nicht vielleicht beschließt mit mir Schluss zu machen, wenn du erfährst, was ich getan habe, kann ich nicht beurteilen“, fuhr er fort und mir wurde heiß und kalt Die erste Idee entsprang einem eindeutig ungesund hohen Konsum an kitschlastiger Literatur. Denn wie sonst wäre ich wohl auf den Gedanken gekommen, Harry hätte mich vielleicht mit einer seiner Quidditch-Kolleginnen betrügen können? So etwas tat Harry nicht. Also zwang ich mich, ruhig zu bleiben, und ihm zuzuhören.
„Ich habe heute deine Eltern besucht.“
Das war so ziemlich das Letzte, was zu hören ich erwartet hatte. „Oh Harry…“ Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte. Einerseits war es mein Problem, etwas, das ich alleine wieder grade rücken wollte. Andererseits wusste ich nicht, wie ich das tun sollte. Respektierte ich die Wünsche meiner Eltern, bestand die Möglichkeit, dass sie wegzogen, den Kontakt gänzlich zu mir abbrachen und ich sie für immer verlor. Missachtete ich ihre Wünsche, lief ich Gefahr, dass sie am Ende eine einstweilige Verfügung erwirkten, die mir jeglichen Kontakt zu ihnen untersagte. War es da so verkehrt, zuzulassen, dass mein Freund versuchte, mir zu helfen?
„Sieh es dir einfach an“, meinte Harry nun und wies auf die Keramikschale auf dem Sofatisch. Es war ein Denkarium und nachdem er bestimmte Runen an der Außenwand der Schale mit seinem Zauberstab aktiviert hatte, erschien darüber die Projektion des Inhalts der Schale. Ein solches Denkarium hatte ich noch nie gesehen. Doch ehe ich Fragen dazu stellen konnte – Harry erzählte mir hinterher, dass es eine Version war, die im asiatischen Raum für Gerichtsverhandlungen verwendet wurde, wo Zeugen wegen der eigenen Sicherheit nicht persönlich aussagen konnten – nahm mich das Geschehen der Erinnerungssequenz gefangen.
Aufgrund der Natur des Denkariums sah ich alles aus Harrys Perspektive. Gerade ging er einen Korridor entlang, wie er nur in einem Krankenhaus zu finden ist. Vor einer Tür blieb er stehen, klopfte und trat ein. Durch die Scheibe hatte ich bereits erkennen können, dass sich meine Eltern in dem Krankenzimmer aufhielten.
„Mr. und Mrs. Granger?“, grüßte Harry sie mit leicht fragendem Ton. „Oder ziehen Sie den Namen Wilkes vor?“
Mein Vater lachte hohl. „Wissen wir überhaupt, wer wir sind? Und wer sagt uns, dass Sie, junger Mann, nicht gleich ein paar Worte rezitieren wonach wir zu glauben wissen, dass wir eigentlich Maggie und Harvey Smith heißen?“
„Meines Wissens nach hießen Sie nie Smith. Sie hießen immer nur Granger“, erwiderte Harry ruhig.
„Solange bis unsere Tochter beschloss, uns unseres Lebens zu berauben!“, gab meine Mutter eisig zurück.
„Und ich sage: Sie hat es getan, um Ihr Leben zu retten!“, konterte Harry.
„Das glauben Sie doch nicht im Ernst!“ Und mein Vater trat auf Harry zu als wollte er ihn notfalls mit Gewalt aus dem Zimmer befördern, hielt aber abrupt inne, als er den Zauberstab in Harrys Händen sah.
„Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Sie hören mir zu und sehen sich an, wovor Hermione Sie beschützt hat und dann entscheiden Sie, ob Sie mir glauben wollen oder nicht, ob Sie Ihrer Tochter verzeihen können, oder ob Sie wünschen, dass Hermione und auch ich für immer aus Ihrem Leben verschwinden.“
„Und wieso sollten wir Ihnen zuhören?“ Ich glaube, ich hatte schon erwähnt, dass meine Eltern überaus stur sein konnten und meine Mutter bewies gerade einmal mehr, wie stur sie sein konnte.
„Weil ich denke, dass Sie bislang nicht im Besitz aller Fakten sind. Und ich glaube nicht, dass Sie zu den Menschen gehören, die vorschnell ein Urteil fällen und daran festhalten, wenn es neue Informationen gibt, die möglicherweise ein anderes Licht auf die Sache werfen.“ Ich bewunderte Harry, wie er in dieser Situation so ruhig hatte bleiben können. Instinktiv griff ich nach seiner Hand und drückte sie dankbar.
„Also schön, und wie wollen Sie uns zeigen, was wir Ihrer Meinung nach nicht wissen?“, fragte mein Vater nun.
„Ich denke, es wäre am besten, wenn wir dazu in den Aufenthaltsraum gingen. Ich möchte nicht, dass Ihre Tochter versehentlich etwas davon erfährt, denn die Wahrheit ist in diesem Fall höchst unschön“, erwiderte Harry mit einem Blick auf Meredith.
Zögerlich folgten meine Eltern Harry in den leeren Raum. Beide zuckten zusammen, als er seinen Zauberstab erhob, doch wirkte er nur ein paar Privatsphärenzauber, damit sie nicht gestört würden. Dann holte er aus seiner Umhängetasche das Denkarium heraus und erklärte meinen Eltern, was es damit auf sich hatte. „Ich werde Ihnen nun ein paar Erinnerungen zeigen. Ich denke, Hermione hat Ihnen von Voldemort erzählt?“
Beide nickten.
„Die erste Szene ist von dem Abend, als Voldemort wieder auferstanden ist. Nur, damit Sie verstehen, was für ein Ungeheuer Voldemort ist.“ Und er zeigte ihnen tatsächlich die Friedhofsszene am Abend der dritten Aufgabe des Trimagischen Turniers. Ich weiß nicht, ob ich den Mut gehabt hätte, meinen Eltern diese pechschwarze Seite der magischen Welt zu zeigen.
„Der Fluch, Crucio, ist ein unverzeihlicher Fluch. Es ist ein Folterfluch, bei dem augenblicklich alle Nervenenden Schmerzsignale an das Gehirn senden.“
Meine Eltern mussten beide bei dieser Information schlucken.
„Aber nicht nur Voldemort nutzt diesen Fluch, auch seine Untergebenen, die Todesser, nutzen ihn. Eine Gruppe von ihnen hat kurz nachdem Voldemorts erster Mordanschlag auf mich als Baby fehlgeschlagen war, diesen Fluch eingesetzt und damit die Eltern unseres Klassenkameraden Neville in den Wahnsinn getrieben, bis ihr Körper in einen katatonischen Schockzustand verfallen ist. Bis heute sind sie in diesem Zustand.“
„Wieso erzählen Sie uns das alles?“, wollte mein Vater nun wissen.
„Damit Sie die nächste Szene verstehen.“ Und Harry zeigte ihnen die Vorfälle in Malfoy Manor. Es war überaus merkwürdig, nur zu hören, wie Bellatrix mich mit dem Fluch quälte, gleichzeitig aber zu spüren, wie sich mein Körper sehr wohl daran erinnerte. Ich konnte ein Zittern nicht unterdrücken.
„Unsere Hermione wurde mit diesem Fluch gequält?“, fragte mein Vater tonlos.
Harry bejahte das. „Ich konnte nur hilflos zuhören.“ Seine Stimme klang noch immer vom Schmerz gequält. „Ebenso wie Hermione nur hätte hilflos zuhören können, wenn Todesser Sie beide gefangen genommen und gequält hätten. Und glauben Sie mir, das hätten sie getan. Wenn nicht noch Schlimmeres.“
„Schlimmeres?“, echote meine Mutter.
„Es gibt noch einen anderen unverzeihlichen Fluch, den Imperius-Fluch. Ein Mensch mit einem starken Willen vermag ihn abzuwerfen, aber die wenigsten schaffen es. Und ich weiß nicht, ob Muggel dazu in der Lage sind“, erklärte Harry. „Wenn Sie mit einem solchen Fluch belegt worden wären, hätte der entsprechende Zauberer Ihnen Befehle erteilen können und der Fluch hätte Sie dazu gezwungen, sie auszuführen. Ich denke, ich muss Ihnen nicht beschreiben, was Todesser Ihnen alles hätten befehlen können.“
Meine Eltern waren bei der jeweils eigenen Vorstellung leichenblass geworden, doch es war meine Mutter, die das Wort ergriff. „Aber wieso hätten sie das mit uns machen sollen? Wir sind doch nur Muggel…“
„Aber Sie haben magische Kinder. Und magische Kinder nichtmagischer Eltern waren Voldemort und den Todessern ein Dorn im Auge. Sie haben sie sogar in Gefängnisse gesteckt.“ Und er zeigte ihnen Artikel des Tagespropheten die von der Arbeit der Registrierungskommission für Muggelstämmige berichteten.
„Oh mein Gott.“ Ich wusste sofort, dass meine Eltern die Artikel mit den Propagandanachrichten während Hitlers Regierung in Nazideutschland in Verbindung brachten.
Harry nickte. „Wenn Sie jetzt noch berücksichtigen, dass Hermione vielleicht die berühmteste muggelstämmige Hexe Englands ist… nicht nur, weil sie mit mir befreundet ist und ich der Staatsfeind Nummer Eins für Voldemort und seine Häscher war, sondern auch, weil sie in der Schule mit ihren Leistungen ständig die Kinder der Todesser ausgestochen hat, können Sie vielleicht verstehen, dass Hermione, und damit auch ihre Familie, in großer Gefahr war. Hermione wollte Sie nur in Sicherheit wissen. Und da Sie ihren Argumenten nicht glauben wollten…“
Harry stand auf und löste die Privatsphärenzauber wieder auf. „Ich weiß nicht, ob es vielleicht einen anderen Weg gegeben hätte, Sie davon zu überzeugen, sich in Sicherheit zu begeben. Hermione hat keinen gesehen. Es war vielleicht nicht richtig von ihr, aber sie hat nie böswillig gehandelt.“
Die Erinnerung im Denkarium verblasste. Harry sah mich an. „Jetzt liegt es bei deinen Eltern.“
Ich nickte und kuschelte mich an ihn. Obwohl ich es nur als Erinnerung gesehen hatte, hatte mich die ganze Szene ziemlich mitgenommen und ich fühlte mich erschöpft. Wer mochte da schon zu sagen, wie sich meine Eltern in diesem Moment fühlten?


X – Das Leben ist schön

Es war für mich auch nach drei Jahren noch merkwürdig, mein Haus im Hochsommer weihnachtlich geschmückt zu sehen. Mir war zwar eigentlich nicht danach zumute gewesen, aber Harry hatte darauf bestanden. Er war sogar losgezogen und hatte einen echten Weihnachtsbaum besorgt. In mancherlei Hinsicht hatte er Recht gehabt, es fühlte sich gleich ganz anders an, wenn man nach Hause kam, Lichter funkelten und es im Wohnzimmer nach Tanne duftete. Gleichzeitig aber weckte es auch Erinnerungen an all die Weihnachtsfeste meiner Kindheit. Wo mein Vater damit kämpfte den zimmerhohen Baum in den Ständer zu bringen oder meine Mutter vom Telefon abgelenkt wurde und darüber das Blech mit den Plätzchen im Ofen aus den Augen verlor. An das glückliche Singen von Weihnachtsliedern, wenn dann doch alles rechtzeitig fertig geworden war. Die Qual der Wahl, wenn meine Eltern ein ums andere Jahr beschieden, dass wir am Heiligabend je nur ein Geschenk öffneten – wobei es meinen Eltern mindestens genauso schwer fiel wie mir, sich für ein Geschenk zu entscheiden.
„Wir werden neue Erinnerungen schaffen“, sagte Harry zu mir, als ich am Heiligabend gedankenversunken auf dem Sofa saß und in die Lichter des Weihnachtsbaums blickte. Er kannte mich so gut.
Ich nickte stumm und schmiegte mich an ihn.
Ein Klingeln an der Haustür schreckte uns auf. Ich konnte mich nicht daran erinnern, dass letztes Jahr Nachbarn um diese Uhrzeit vorbeigekommen wären, um uns fröhliche Weihnachten zu wünschen, aber vielleicht hatte ich an dem Tag auch Dienst gehabt, ich wusste es nicht mehr.
„Ich geh schon“, sagte Harry und stand auf. Nur widerstrebend erhob ich mich ebenfalls vom Sofa. Dort war es gerade so gemütlich gewesen. Dann hörte ich Schritte im Flur. Wer auch immer es war, Harry hatte ihn wohl eingelassen.
Meine Augen weiteten sich, als ich schließlich sah, wer da ins Wohnzimmer kam. Die Worte blieben mir im Hals stecken. Am liebsten hätte ich sie bei den Namen genannt, die ich mein Leben lang für sie verwendet hatte, doch wusste ich nicht, ob ich dieses Privileg schon wieder verdient hatte.
Es war meine Mutter, die die Initiative ergriff. Mit einem kleinen Lächeln, drehte sie Meredith auf ihrem Arm so, dass meine Schwester mich ansehen konnte. Und bei ihr gab es keine Zurückhaltung. „Hermi!“, krähte sie fröhlich und streckte mir die Arme entgegen.
Zögerlich trat ich einen Schritt näher. Und noch einen. Ich sah meine Mutter fragend an und auf ihr kaum merkliches Nicken hin, nahm ich ihr Meredith aus den Armen. „Na du meine Kleine. Bist du wieder ganz gesund?“
Sie nickte. Aus dem Hintergrund erklärte mein Vater, dass sie nach längerer Überlegung beschlossen hatten, sich zu erkundigen, ob es möglich war, Meredith magisch heilen zu lassen. Letztlich hatte die Sorge um das Wohl ihrer Tochter den Ausschlag gegeben. Denn schließlich gab es keinen guten Grund, ihre kleine Prinzessin leiden zu lassen, wenn es andere Möglichkeiten gab.
„Hermi zaubern!“, forderte meine Schwester prompt, als sie von ihrem Vater das Wort ‚Magie‘ hörte.
Ich grinste und zückte meinen Zauberstab, um alsbald verschiedene Gegenstände um Meredith herumtanzen zu lassen. Harry hatte derweil eine Papierserviette genommen und sie in einen kleinen Engel verwandelt. Er warf ihn mir zu und ich ließ ihn mit den anderen Dingen tanzen. Solange, bis Meredith beschloss, den Engel haben zu wollen und ihn zu sich schweben ließ. Stolz lächelten wir einander an, große Hexe und kleine Hexe.
„Ich denke nicht, dass ich auf diesen Anblick in Zukunft verzichten könnte“, sagte meine Mutter leise zu meinem Vater. Ich hörte sie dennoch.
Und auch wenn ich wusste, dass es noch ein langer Weg sein würde, bis wir wieder eine Familie sein würden, hatte ich an diesem Weihnachtsabend das erste Mal das Gefühl, dass alles wieder gut würde. Schließlich hatte ich hier all die Menschen um mich, die ich liebte – meine Eltern, Meredith und natürlich Harry.

ENDE
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Re: Das Leben ist... - für Alraune

Beitragvon AlrauneohneInternet » 25. Dez 2014, 19:16

Oh diese Story ist so wunderschön, ich bin wirklich hin und weg. Dein Schreibstil ist fantastisch und die Idee ist wirklich hervorragend! Ich kann kaum glauben, dass du aus meinem kleinen Prompt so etwas Tolles gemacht hast! Der Aufbau mit den Kapiteltiteln ist toll und die Idee mit Herr der Ringe ist der Knüller!! :D
Also vielen lieben Dank für diese wundervolle Story!
AlrauneohneInternet

Re: Das Leben ist... - für Alraune

Beitragvon chaotizitaet » 26. Dez 2014, 01:04

Freut mich, dass sie dir gefällt. Als ich den Prompt gelesen habe, hat Hermione spontan mir das erste Kapitel im Kopf erzählt und nicht locker gelassen, bis ich eine ungefähre Vorstellung vom Rest der Geschichte hatte um mich dann an Ria und Sammy zu wenden :D Von daher war der 'kleine' Prompt ein sehr großer, denn sehr beharrlicher Prompt. ^^
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