Einmalig, wie eine Schneeflocke; Original

Einmalig, wie eine Schneeflocke; Original

Beitragvon Sammy-chan » 29. Jan 2018, 15:20

Titel: Einmalig, wie eine Schneeflocke
Rating: 18-slash
Warnings: Fluff, bleibt aber wohl nicht aus bei den ganzen Winterprompts

Anmerkung: Soo, in meinem Beitrag für den 10-Dinge-Chall in der Winteredition habe ich mir nach einiger Zeit mal wieder Vincent und Jannes aus "Ursache und Wirkung" vorgeknöpft. Die beiden wollten nämlich mal wieder, auch wenn es mir Vince manchmal echt nicht leicht gemacht hat.
Auf jeden Fall sollte man die Vorgeschichte der beiden schon kennen um dies hier zu verstehen und die findet ihr zum Beispiel hier auf ff.de.

Ansonsten wünsche ich viel Spaß :)


Einmalig, wie eine Schneeflocke


„Hier versteckst du dich also immer noch.“
Es war, als wäre das Muster von Jannes Stimme in seinem Gehirn eingebrannt. Er erkannte sie auf der Stelle, auch wenn er Jannes nicht sah. Er mochte sie, ihre Wärme. War sie wirklich warm oder war es auf das Gefühl zurückzuführen, was sie entfachte?
Vincent drehte sich zu ihrem Besitzer um. Jannes lächelte ihn an.
„Es schneit“, sagte Vincent nur, als wäre es eine Antwort. War es nicht, zumindest nicht die Richtige.
Jannes Blick richtete sich auf das Fenster.
„Stimmt“, meinte er und trat näher heran, neben Vincent, der jetzt auch aus dem Fenster sah und die Schneeflocken beobachtete, die weiß und zierlich hinab fielen.
Er war nicht gerne draußen im Schnee, es war kalt und durch die Feuchtigkeit konnte die Kälte überall hineinkriechen und den ganzen Körper einnehmen. Aber Vincent mochte den Anblick von Schnee. Jede Schneeflocke war anders, einmalig. Ein filigranes Objekt aus geometrischen Figuren, die man nur sah, wenn man genau hinsah. Aber die Schneeflocken fielen auf den Boden und zerschmolzen, ohne dass jemals jemand ihre Einzigartigkeit auch nur zur Kenntnis genommen hätte.
Es war noch nicht kalt genug für Schnee. Die Flocken fielen zu früh hinab.
Vincent sah zu Jannes und traf auf dessen Blick. Hatte er ihn schon länger wieder angesehen? Das Gefühl, was es in ihm auslöste war merkwürdig. Einerseits unangenehm und gleichzeitig gut.
Vincent blickte wieder aus dem Fenster. Er wusste nicht, wie er sich verhalten sollte. Das wusste er sooft nicht. Aber nun? Er hatte sich immer in eine Routine der Ignoranz gerettet. Er versuchte viele Teile in seinem Umfeld auszublenden, somit musste er auch nicht mit ihnen interagieren. Jannes war anders, Vincent wollte mit ihm interagieren. Aber gleichzeitig wusste er nicht wie. Ihm fiel es noch schwerer als zuvor, seitdem sie zusammen waren. Er wusste nicht, was es bedeutete. Jannes hatte es auch nicht gewusst und so war in den letzten Wochen alles geblieben, wie es war. Und dennoch war alles anders, unsicher. Vincent fühlte sich wie auf einem Drahtseilakt.
Sein Blick fiel auf die Schüler im Innenhof. Bei diesem Wetter waren fast nur die Raucher dort und ihre Anhänger. Tobias hatte auch angefangen zu Rauchen oder vielleicht tat er es schon länger, aber erst seitdem sie in der Oberstufe waren, durften sie es auch offiziell. Es war gut so, denn er hielt sich dementsprechend fast immer im Innenhof auf.
„Beobachtest du uns?“, fragte Jannes und Vincent fühlte sich ertappt. Es war tatsächlich mittlerweile einer der Gründe geworden, warum er hier seine Pausen verbrachte. Er versuchte zu verstehen. Aber Vincent dürfte es nicht zugeben, es war creepy, nicht wahr?
Jannes setzte sich jetzt auf die Fensterbank und wartetet vergebens auf eine Antwort von Vincent. Es schien ihn aber nicht zu stören.
„Hast du mich auch beobachtet?“, fragte er jetzt und zog eine Augenbraue nach oben. Vincent nahm abrupt seinen Blick von Jannes und schaute wieder aus dem Fenster.
Auch diesmal blieb er Jannes eine Antwort auf seine Frage schuldig.
„Wenn ich weiß, dass sie im Innenhof sind, dann kann ich sichergehen, dass ich nicht mit ihnen konfrontiert werde“, sagte er stattdessen, denn das war einer der anderen Gründe, warum er hier war. Einer der ursprünglichen Gründe, weil er von seinen Klassenkameraden fern war und niemand hier gesondert Notiz von ihm nahm.
Er hörte einen ungläubigen Ton von Jannes und sah jetzt wieder auf. Anscheinend hatte er keine gute Antwortoption gewählt, denn Jannes' Blick hatte sich verfinstert. Das Lächeln, das ansonsten so dauerpräsent war, war verschwunden.
Jannes fasste ihn am Arm und zog ihn zu sich. „Vince“, sagte er und Vincent setzte sich neben ihn auf die Fensterbank. Es wirkte, als wolle Jannes ihn noch mehr berühren, hielt sich aber zurück, er blickte Vincent an. Fast ein bisschen flehentlich.
„Es tut mir Leid.“
Jannes war ihm irgendwie noch immer ein Rätsel, würde es vielleicht auch immer bleiben.
„Wofür entschuldigst du dich?“
Jannes schüttelte den Kopf und ließ Vincent los.
„Die anderen, ich hab das nie wirklich wahr genommen, dass sie dich...“ Er machte eine Pause, sprach den Satz nicht zu Ende, aber es gab nicht viele Optionen, was er meinen könnte. „Erst nachdem ich dich besser kennen gelernt habe, ist mir das so richtig aufgefallen. Ich wünschte, ich hätte es früher bemerkt. Ich hätte dir geholfen.“
Was meinte er damit, helfen? Womit hätte er ihm helfen wollen?
„Du hättest mir nicht helfen können, du hättest dich nur selbst in die Schußlinie gestellt.“
Jannes zog die Augenbrauen zusammen, war er verärgert?
„Das ist mir egal.“
Sie schwiegen einen Moment. Vincent wusste nicht, was er fühlen sollte. Es war gut, dass Jannes sich nie eingemischt hatte, er würde ihnen mehr schaden, als alles andere. Zumindest war es das, was Vincent vermutete. Es war okay so wie es war.
„Ich bin das gewohnt, es macht mir nichts aus.“ Er wollte Jannes beruhigen, tat aber anscheinend genau das Gegenteil damit.
„Und weil es dir nichts ausmacht, versteckst du dich vor ihnen?“, brauste er auf. Für seine Verhältnisse war Jannes schon beinahe aggressiv und Vincent wusste nicht, warum es sich gegen ihn richtete. Hatte er etwas getan, um Jannes zu verärgern? Wahrscheinlich.
Im nächsten Moment seufzte Jannes und schüttelte den Kopf. „Sorry.“ Er sah Vincent entschuldigend an. Dann kehrte sein Lächeln wieder zurück. Zumindest zum Teil.
„Ich wollte dich eigentlich fragen, ob du vorbei kommen willst, morgen oder so. Hausaufgaben machen.“
Vincent dachte kurz nach, eine Zeit lang hatten sie oft Hausaufgaben zusammen erledigt, jedoch hatten sie das nicht wieder aufgenommen, bisher zumindest nicht.
„Das macht keinen Sinn, wir haben kaum Kurse zusammen“, antwortete er. Im Grunde liefen sie sich in der Schule nur noch wenig über den Weg, vielleicht war auch das der Grund, warum sich nichts bei ihnen verändert hatte.
„Wir haben Physik-Hausaufgaben?“ Es war eher eine Frage statt eine Aussage, aber Vincent nickte, sie hatten Physik-Hausaufgaben. Der einzige Kurs, den sie noch gemeinsam hatten.
„Außerdem kannst du mir auch hervorragend helfen, wenn du nicht im Kurs bist.“ Jannes machte eine kleine Pause, sah Vincent dann an und schaute im nächsten Moment weg. „Und eigentlich würde ich einfach nur gern mit dir Zeit verbringen“, sagte er dann. „Du nicht?“
Er wollte Zeit mit ihm verbringen. Das war etwas, was man tat, wenn man zusammen war. Vincent war der Gedanke aber immer noch fremd, dass Jannes einfach nur Zeit mit ihm verbringen wollte.
„Doch natürlich“, antwortete er schnell. Es war auch nicht so, dass Vincent es nicht wollte. Er verbrachte gern Zeit mit Jannes, doch gleichzeitig machte ihn Jannes‘ Anwesenheit nervös und er wusste nicht, was er tun oder sagen sollte. Je öfter sie zusammen waren, desto höher war die Wahrscheinlichkeit, dass er es kaputt machte.
Jannes lächelte ihn dann erleichtert an. Die Schulklingel schellte und signalisierte, dass die Pause bald vorbei wäre.
„Also kommst du morgen?“
Vincent nickte nur. Jannes strahlte und winkte, bevor er ging.

~~~
Sie saßen seit einer Weile an Jannes' Schreibtisch. Es hatte sich kaum etwas geändert, seit dem letzten Mal, als Vincent hier gewesen war. Nur die Poster, der Basketball-Stars, die früher an der Tür gehangen hatten, waren fort.
Vincent erledigte gerade seine Mathe-Hausaufgaben, die er meist am liebsten machte.
„Vince?“
„Mmh?“ Vincent sah nicht auf, er war auf die Aufgabe konzentriert.
„Ich würde dich gerne küssen.“ Das war etwas, was Vincent durchaus von seiner Aufgabe ablenkte. Er sah jetzt doch auf. Jannes blickte zur Seite, sein Gesicht war rot angelaufen, so dass man die Sommersprossen noch deutlicher sehen konnte. Vincent mochte das. Er wollte Jannes dann die ganze Zeit angucken.
„Okay“, sagte er und Jannes lächelte, beugte sich dann vor und legte seine Lippen auf die von Vincent. Das mochte er auch sehr gerne. Jannes Lippen waren warm und angenehm Jannes' Hand legte sich in Vincents Nacken und er zog ihn noch etwas zu sich herüber. Es war ein merkwürdiges Gefühl, , wenn Jannes ihn küsste, ein bisschen als hätte nichts anderes mehr Bedeutung.
Vincent wusste nicht, wie lange sie einander geküsst hatten, als Jannes sich abrupt von ihm löste, weil es an der Zimmertür klopfte. Im nächsten Moment stand Jannes' Mutter im Türrahmen. Vincent senkte den Blick. Sein Herz klopfte schnell und unregelmäßig. Scham kroch ihm heiß hoch.
Vincent mochte Jannes' Mutter, sie war herzlich und hatte nichts dagegen, wenn Vincent hier war. Hatte ihn sogar öfters mal zum Essen eingeladen, wenn er hier gewesen war. Ob sie sich wunderte, dass er zwischenzeitlich länger nicht mehr hier gewesen war? Oder war es ihr gar nicht aufgefallen? Ob sie ahnte, was zwischen Jannes und ihm gerade gewesen war?
Jannes war ebenfalls verdächtig still neben ihm.
„Ich wollte euch nur sagen, dass es geschneit hat. Es liegt draußen mindestens ne Packe von 20 Zentimetern und es schneit noch. Falls Vincent nach Hause gehen möchte, sollte er besser so schnell wie möglich gehen.“
Vincent sah jetzt zu ihr rüber, sie lächelte ihn an, man konnte sehen, dass sie Jannes' Mutter war. Es war ähnlich, das Lächeln. Was hatte sie gemeint? Falls er nach Hause gehen wollte? Sollte er nicht nach Hause gehen?
„Was? Eben waren das doch nur ein paar Flocken“, antwortete Jannes und stand jetzt auf, um zum Fenster zu gehen und in das Dunkel hinaus zu blicken.
„Alter!“, war sein Kommentar zu dem, was er sah.
„Wir haben es auch nicht wirklich mitbekommen. Aber so dicht, wie der Schnee noch fällt, brauchte es nicht lang dafür. Könnte gefährlich sein sich da durch zu kämpfen“, sagte Jannes Mutter zu Vincent und auch Jannes wandte sich zu ihm.
„Könnte echt bisschen hart werden, da raus zu gehen.“
Vincent war verunsichert. Er zögerte. Das Telefon in der Wohnung klingelte und Jannes Mutter verließ den Raum. Jannes kam zu ihm. Er berührte ihn am Arm.
„Du kannst hier bleiben, wenn du willst. Aber du musst nicht. Könnte wirklich nur hart sein da durch zu gehen.“
Vincent schüttelte den Kopf. Zwar verunsicherte es ihn, wenn er daran dachte die Nacht hier zu verbringen, aber es war nicht so, dass er es nicht wollte. Eigentlich wollte er nämlich schon.
„Meine Mutter, ich will sie nicht alleine lassen.“
Nicht so lange. Er hatte ein ungutes Gefühl, wenn er sie alleine ließ. Es könnte immer etwas passieren, womit sie überfordert wäre.
„Oh“, sagte Jannies. „ja, ich meine, das kann ich verstehen.“
Vincent wusste nicht, ob er das wirklich verstand oder es nur sagte. Vielleicht hielt er es auch nur für eine Ausrede. Jannes kannte seine Mutter im Grunde nicht, er hatte sie nur einmal gesehen. Und Vincent wäre es lieber gewesen, wenn das nicht passiert wäre. Er war aber froh, dass Jannes zumindest nicht weiter nachfragte.
„Aber ich bringe dich heim.“
„Das macht keinen Sinn, dann musst du alleine zurück.“
Jannes lächelte triumphal. „Ne, muss ich nicht, ich nehm Cherry mit.“
Und er tat, als wäre das die Lösung des Wetterproblems.
Sie zogen sich ihre Jacken und Schuhe an, je eher sie gingen desto besser wäre es. Wahrscheinlich war Vincent nicht ausreichend gewappnet für einen Spaziergang in hohem Schnee, aber normalerweise brauchte man nur 15 Minuten zu Fuß von Jannes bis zu Vincents Wohnung. Er könnte sich ja dort direkt umziehen.
Jannes leinte Cherry an, die fröhlich um sie herum sprang, weil es unerwarterweise hinaus ging.
Als sie hinaustraten fiel der Schnee noch immer in dichten Flocken. Sie machten sich auf den Weg und als sie von der geschützten Hofeinfahrt auf die Straße traten, erfasste sie erst die volle Wucht des Wetters. Der Wind wehte ihnen den Schnee ins Gesicht und sie sanken tief in die weiße Masse ein, die sich über die ganze Welt gelegt zu haben schien.
„Wow!“, war Jannes Kommentar dazu. „Ist echt krass, ich kann mich nicht erinnern sowas schonmal erlebt zu haben.“
Daran konnte sich Vincent auch nicht erinnern, vor allem nicht bei solch einem Wetter auch mal rausgegangen zu sien.
„Und jetzt weiß ich auch, wie Schnee schmeckt. Gar nicht mal so schlecht.“ Jannes lachte und drehte den Kopf vom Wind fort, während er versuchte sein Gesicht mit der Hand zu schützen. Sie begannen sich einen Weg durch die Schneemassen zu kämpfen. Der Schnee ließ knirschend unter ihren Füßen nach und mit jedem Schritt sanken sie erneut ein und mussten den Fuß aus dem kühlen Gefängnis hervorziehen, um den nächsten Schritt zu machen. Vincent spürte schon nach ein paar Metern, wie der Schnee ihm in die Schuhe eindrang und dort schmolz, genauso wie der Schnee schmolz, der vom Wind in die Öffnungen seiner Jacke geweht wurde und als kalte Wassertropfen seinen Nacken entlang floss.
Ein paar Schritte später blieb Jannes stehen. Er sah sich um, auch Cherry war stehen geblieben, ebenfalls halb im Schnee eingesunken, den Schwanz eingeklemmt.
„Oh, Cherry, wohl doch keine so gute Idee im Schnee spazieren zu gehen, was?“
Er nahm die Hündin hoch und drückte sie an seinen Körper. „Ist es so besser? Zumindest bekomme ich dann keine kalten Hände.“
Vincent spürte eine Welle der Schuld in sich aufkeimen. Warum bestand Jannes darauf ihn nach Hause zu bringen? Sie müssten den kompletten Weg auch wieder zurück gehen.
„Sorry, du musst mich wirklich nicht begleiten.“
Aber Jannes schüttelte den Kopf. „Als würde ich dich alleine gehen lassen.“
Und es klang so, als würde er keine Widerworte gelten lassen. „Du hast nicht mal Handschuhe, ich hätte dir welche leihen sollen." Dann streckte er die freie Hand aus, während er mit der anderen den Hund trug. "Hier!“
Zögerlich sah Vincent auf die dargebotene Hand. Was erwartete Jannes von ihm? Dass er sie nahm? Schließlich waren sie zusammen. Da tat man so etwas wie Händchen halten, oder?
Vincent hob seine eigene, kalte Hand, die er bisher so tief wie möglich in die Jackentasche gesteckt hatte und fasste Jannes' Hand, die tatsächlich eine angenehme Wäme ausstrahlte, sogar durch die Handschuhe.
Aber irgendwas war nicht ganz richtig, Jannes sah ihn überrasch an und Vincent wollte die Hand wieder wegziehen, aber dann erschien ein Lächeln auf Jannes' Gesicht. Das, was Vincent am liebsten mochte. Jannes schloss seine Hand um Vincents Finger.
„Eigentlich wollte ich dir nur meine Handschuhe geben, ich hab ja Cherry als lebende Heizung, aber das finde ich noch viel besser.“
Vincent spürte, wie ihm trotz der Kälte Hitze ins Gesicht schoss und schämte sich ein bisschen für seine Schlussfolgerungen, aber gleichzeitig mochte er das Gefühl von Jannes Hand, die um seine geschlossen war und vielleicht war es manchmal doch gar nicht so schlecht, wenn man etwas missverstand.
Sie kämpften sich weiter durch das Wetter und es stellte sich heraus, dass es noch schwieriger war durch den Schnee zu stapfen, wenn man dabei Händchen hielt und seinen Arm nicht frei bewegen konnte. Vincent wollte den Kontakt aber nicht aufgeben. Er vermutete, dass es nicht nur an der Wärme lag, die sie miteinander teilten und seine Hand warm hielt.
So machten sie weiter einige Meter, während Vincent merkte, dass sein Atem vor Anstrengung immer stockender ging.
Im Windschatten einiger Bäume machten sie halt, um neuen Atem zu schöpfen. Vincent sah zu Jannes herüber, dessen Atem ebenfalls keuchend ging, als hätte er ein Basketballspiel hinter sich gebracht.
„Vince,“ sagte er zwischen zwei schweren Atemzügen. „Bist du dir sicher, dass du noch nach Hause gehen willst? Wir sind nicht mal auf der Hälfte.“
Vincent musterte ihre Umgebung und Jannes hatte recht. Sie hatten in den letzten 20 Minuten nicht mal die Hälfte des Weges geschafft. Unschlüssig sah er Jannes an, dann Cherry, die er noch immer trug. Sicherlich auch anstrengend den Hund die ganze Zeit zu tragen.
„Ich...“
Aber Jannes schüttelte den Kopf. „Schon gut, wir gehen weiter.“
Und somit setzte er den Weg fort. Aber Vincent blieb stehen. Es machte keinen Sinn. Jannes hatte schon recht. Sie würden noch mindestens 20 weitere Minuten benötigen, um Vincents Wohnung zu erreichen. Dann müsste Jannes die ganze Strecke wieder zurück. Alleine ließ Jannes ihn nicht gehen.
„Wir gehen zurück“, teilte er Jannes seine Entscheidung mit, der sich mit fragendem Ausdruck zu Vincent umgedreht hatte. Er hob die Augenbrauen.
„Wirklich?“ Dann aber legte sich ein Lächeln auf seine Lippen. Vincent nickte.
„Ich ruf meine Mutter an.“
Jannes nickte. „Ich bin sicher, dass sie einen Tag klar kommt und sie weiß ja dann, wo du bist.“
Er drückte Vincents Hand, als wolle er bestätigen, dass es die richtige Entscheidung gewesen war. Sie kehrten um. Ein wenig unwohl fühlte sich Vincent. Aber gleichzeitig fühlte er auch ein aufgeregtes Kribbeln. Es war lange her, dass er mit Jannes eine Nacht verbracht hatte. Damals waren sie gerade Teenager gewesen. Jetzt... waren sie mehr.
Er sah auf und sein Blick wurde von Jannes aufgefangen, der ihn schon angesehen haben musste.
„Ich freu mich.“
Vincent verstand es kaum über dem Heulen des Windes, aber er war sich trotzdem sicher, dass das Jannes' Worte gewesen waren. Er wirkte glücklich. Und Vincent fragte sich, ob es sein konnte, dass er der Auslöser dafür war und warum. Er wusste immer noch nicht, was Jannes in ihm fand.
15 Minuten später schloss Jannes die Tür zum Haus auf. Er ließ Cherry runter, die sich schüttelte und so versuchte die Feuchtigkeit los zu werden. Sie zogen die Jacken und Schuhe aus, aber der geschmolzene Schnee hatte sich bis zur Unterwäsche vorgearbeitet. Vincent war kalt und er spürte, wie sich eine Gänsehaut auf seiner Haut ausbreitete.
„Warte, ich hole Handtücher“, sagte Jannes und wandte sich zu dem Hund „Du bleibst bei Vince.“
Nur wenige Minuten später kehrte er wieder ein Handtuch über seine Schultern geworfen, ein weiteres gab er Vincent und eines legte er über den Hund. Er begann Cherry abzurubbeln.
Und auch Vincent begann sich notdürftig abzutrocken.
„Warum werden wir eigentlich immer nass?“ Jannes lachte und Vincent erinnerte sich an den Tag im Frühjahr, als sie vom Regen erwischt worden waren. Als sie sich geküsst hatten und dann... Es war immer noch ein bisschen surreal für Vincent. Jetzt in der Erinnerung, als ob es ein Traum gewesen wäre. Und doch konnte sich Vincent so gut an die Berührungen erinnern. Daran, wie es sich angefühlt hatte und wie sehr er hatte Jannes berühren wollen. Daran, wie sehr es ihm gefallen hatte, wie Jannes auf seine Berührungen reagiert hatte. Es war wie ein Rausch gewesen.
Vincent drehte seinen Kopf weg und versuchte die Gedanken zu verbannen. Damals waren sie alleine gewesen, jetzt waren Jannes' Eltern hier. Da würde so etwas nicht passieren. Er wusste nicht mal, ob er wollte, dass so etwas passiert.
"Bist du wieder da, Jannes?" Seine Mutter sah aus der Küche in den Flur. "Ihr seid beide wieder hier? Kein Durchkommen?"
Jannes schüttelte den Kopf. "Ne, außer man hätte vielleicht Skier."
Sie nickte. "Zieht euch besser etwas anderes an." Mit diesen Worten verschwand sie wieder.
Sie gingen ins Badezimmer und Jannes holte neue Kleidung.
"Du kannst dir etwas von mir leihen."
Damit gab er ihm einen kleinen Stapel frischer Wäsche. Einen Moment war es still und man hörte nur das Geräusch der Handtücher, während sie sich abtrockneten und aus ihrer nassen Klamotten schälten.
"Lässt du deine Mutter nie länger alleine?", fragte Jannes leise, aber Vincent spürte, wie er sich anspannte. Er sprach nicht gern darüber.
"Nicht gerne über Nacht, ich weiß nicht, ob sie... klar kommt", antwortete er eher ausweichend. Vincent fragte sich, ob Jannes noch weitere Erklärungen erwartete.
"Ist sie krank?" Jannes' Stimme hörte sich unsicher an. Aber Vincent blickte nicht auf. Er beschäftigte sich mit dem nassen Shirt, das an seiner Haut klebte.
"Vielleicht... ich denke ja, sie nimmt Tabletten, die sie nicht nehmen sollte."
Vincent wusste nur, dass mit seiner Mutter irgendwas nicht stimmte. Er konnte diese Dinge selbst nicht benennen. Seine Mutter hatte nichts Körperliches.
"War sie mal beim Arzt?"
Es war merkwürdig darüber zu reden, aber irgendwie war es auch okay. Vielleicht weil er es Jannes erzählte. Er schüttelte den Kopf. "Sie will nicht, ich kann sie nicht zwingen, oder?"
"Nein,", antwortete Jannes. "Wahrscheinlich nicht."
Vincent war das lästige Shirt losgeworden, er hob den Kopf. Jannes sah ihn an, er wirkte ertappt und schaute schnell zur Seite. "Sorry", sagte er jetzt. "Ich wollte nicht..."
Er sprach den Satz nicht zu Ende und Vincent fragte sich einen Moment, wie er weiter gegangen wäre. Die Stimmung war merkwürdig und vielleicht war das der Grund, warum Jannes das Thema wechselte.
"Ist dir kalt? Willst du duschen?", sagte er dann betont locker. "Oder Baden. Da passen wir zusammen rein." Und er deutete auf die Wanne, dabei grinste er.
"Ich hab' seit Jahren nicht mehr gebadet", sagte Vincent, mit den Gedanken noch bei seiner Mutter und die Frage, was Jannes darüber jetzt dachte. Erst nach einigen Momenten realisierte er, dass Jannes einen Scherz gemacht haben musste. Als Vincent aufsah, traf er auf Jannes überraschten Blick während seine Wangen einen deutlich roten Schimmer aufwiesen.
"Willst du? Ich mein, wir könnten, also, ich meine, nein, wir müssen nicht zu zweit. Du kannst auch so, wie du gerne möchtest."
Vincent beobachtete, wie Jannes den Blick abwandte. Jannes war bis auf seine Boxershorts entkleidet. Vincent erinnerte sich, wie es war ihn zu berühren. Es war eine schöne Erinnerung, er hatte schon eben darüber nachgedacht. Wollte er es wieder? Wenn man sooft über etwas nachdachte wahrscheinlich schon. Er wollte Jannes berühren. Er sah beschämt zu Boden. Ob es Jannes recht war? Sonst hätte er es nicht angeboten, oder?
"Was ist mit deiner Mutter?"
"Wir schließen ab", kam eine schnelle Antwort von Jannes, als ob er keine Einwände hören wollte.
Vincent nickte und Jannes ging zur Tür und drehte den Schlüssel um. Danach sah er zu Vincent.
"Wirklich jetzt?"
"Wenn du willst", sagte Vincent und hatte einen Moment Angst, dass Jannes ihm sagen würde, dass er eben nicht wollte. Aber stattdessen nickte er. "Klar."
Er ließ Wasser in die Wanne, dann gab er noch einen Badezusatz hinzu. Ein süßlicher Geruch erfüllte den Raum.
"Ich hoffe du wolltest schon immer mal Kleopatras Geheimnis erforschen", meinte er mit einem Lachen, als er auf die Flasche schaute. "Als ob man das Wasser trinken wollen würde. Aber riecht schon gut. Meine Mutter kauft da immer so fancy Zeug."
Jannes trat dann an Vincent heran und küsste ihn.
"Deine Lippen sind kalt, also los." Damit zog er ihn zur Wanne.
Jannes stieg zuerst in hinein. War es für Jannes Mutter nicht seltsam, dass sie badeten? Jetzt als Vincent hier war? Sie musste es schließlich hören.
"Weiß deine Mutter Bescheid... über uns?", fragte er deshalb und wusste nicht, welche Option die bessere war.
Jannes schüttelte den Kopf. "Ne, ich hab' ihr nichts gesagt. Aber ich denke sie ahnt etwas." Er zuckte mit den Schultern, als wäre es auch nicht weiter von Bedeutung. "Ich glaube nicht, dass sie etwas dagegen hat. Sie mag dich."
Das Wasser plätscherte, als Jannes sich darin niederließ. Er drehte an der Wärmeregelung des Wassers. Es war gut, dass Jannes es so locker sah, oder? Nicht alle Eltern würden es so locker nehmen.
"Wir sollten vielleicht nur... nicht so laut sein. Mir ist es lieber, wenn es dabei bleibt, dass sie es ahnt und nicht weiß."
Vincent nickte und zog auch seine Boxershorts aus. Ein bisschen seltsam fühlte es sich schon an. Sollte er sich Jannes gegenüber setzen? Er stieg in die Wanne. Es wäre nicht mal genug Platz. Dennoch ließ er sich so nieder.
"Andersherum würde es besser passen", meinte Jannes und er hörte die Beschämung aus seiner Stimme heraus.
Er nickte und drehte sich, setzte sich dann. Es war nahe, sehr nahe. Er konnte Jannes spüren. Seine Beine rechts und links von ihm, sowie seine Brust an seinem Rücken.
Das Wasser war warm, und dennoch spürte er die Wärme, die von Jannes ausging, beinahe schon Hitze. Jannes beugte sich vor und küsste Vincent auf die Schulter.
"Das ist nice, oder?"
Vincent nickte. Es fühlte sich gut an, Jannes so nahe zu sein. Der strich mit den Händen über Vincents Arme.
Vincent lehnte sich automatisch etwas nach hinten. Er spürte Jannes Erregung.
"Uh, sorry", sagte der und schien sein Gesicht in Vincents Nacken zu vergraben. Er konnte seinen Atem auf seiner eigenen nassen Haut spüren.
Vincent wusste aber nicht, wofür Jannes sich entschuldigte. Die Tatsache, dass Jannes wegen ihm einen Ständer hatte, erregte ihn selbst. Er fühlte das Kribbeln in seinem Magen. Er bewegte sich und Jannes stöhnte leise. Warmer Atem, der auf seine Haut traf.
Jedes Mal, wenn er sich bewegte, schien das Jannes Erregung noch zu steigern und es gefiel Vincent. Er suchte mehr Kontakt, konnte jetzt schon beinahe nicht genug davon bekommen. Er mochte es, wenn Jannes erregt war, er mochte die Geräusche, die er von sich gab. Jetzt direkt neben seinem Ohr. Jannes schlang die Arme um Vincents Brustkorb und zog ihn noch näher. Presste ihn regelrecht an ihn.
"Du fühlst dich so gut an", sagte er mit heiserer Stimme.
Vincent schloss die Augen. Er wollte nur noch Jannes spüren, ihn hören, wahrnehmen. Er wollte ihm noch näher sein. Er hob seinen Körper.
"Vince!" Der Laut war beinahe flehend, der über Jannes Lippen fiel. Dann setzte sich Vince wieder, diesmal war seine Position etwas anders und Jannes Schwanz glitt zwischen seine Beine. Der stöhnte auf und versuchte den Laut zu unterdrücken, als es längst zu spät war. Jetzt war die Reibung noch viel größer, wenn Vincent sich bewegte, Jannes rieb zwischen seine Pobacken, stieß an seinen Hoden. Jannes bemüht unterdrückte Stöhner verrieten ihm, dass es sich noch besser anfühlen musste, wie zuvor. Aber auch Vincent mochte das Gefühl. Es war eine Stelle seines Körpers, die intimer kaum sein konnte und dennoch war es ein großartiges Gefühl Jannes dort zu spüren, furchtbar erregend. Vincent bewegte sich, fand einen Rhythmus und Jannes Hände begannen fahrig über seinen Körper zu streichen. Seinen Bauch entlang und die Innenseite seiner Oberschenkel. Das Wasser plätscherte gefährlich, während sie sich bewegten.
Jannes berührte jetzt Vincents Schwanz und ein Keuchen fiel auch von seinen Lippen. Er wusste, dass sie beide nicht lange durchhalten würden. Vincent bewegte sich auf Jannes Schwanz und lehnte sich jetzt noch weiter nach hinten. Er legte seinen Kopf auf Jannes Schulter, während der seinen Schwanz berührte. Mit der Hand immer wieder daran entlang fuhr. Es war einer der wenigen Momente in denen sich Vincents Verstand ausschaltete. Er fühlte nur noch Jannes, der ihm so nahe war, wie kein Mensch zuvor, der ihn fast überall zu berühren schien.
Jannes stöhnte jetzt Vincents Namen, noch immer bemüht, leise zu bleiben. Es schien beinahe ein unmögliches Unterfangen, so wie sein Körper angestrengt zitterte.
"Ich komme gleich", sagte er und presste sich an Vincent, der sich im Gegenzug noch schneller immer wieder Jannes entgegenschob.
Er spürte als Jannes Körper sich anspannte, als seine Hand sich noch fester um Vincents Erektion schloss, sein Atem stockte und er spürte wie Jannes' Körper zuckte, als er kam. Und es war alles, was auch Vincent brauchte. Jannes' Handbewegung waren nicht mehr so gleichmäßig, ruckartiger, aber Vincent kam dennoch oder gerade deswegen. Er stieß ein letztes Mal in Jannes Hand und weiße Samenflüssigkeit verteilte sich in Schlieren im Wasser.
Jannes Körper entspannte sich wieder, während er stockend nach Atem rang. Vincent konnte jedes Heben seines Brustkorbs spüren. Er hätte gedacht, dass es unangenehm sein müsste, so nahe an jemanden gepresst zu sitzen, das war es aber nicht. Jannes strich über seine Haut, küsste seinen Nacken und Vincent fühlte, wie er sich immer weiter entspannte. Jannes Berührungen sprachen eine eigene Sprache. Eine Sprache, die Vincent verstand.
Die Kälte vom Schnee war vollkommen vergessen, stattdessen war ihm wohlig warm und das lag nicht an dem Wasser, was ihn umgab.
"Wie wäre es, wenn wir einfach hier in der Wanne bleiben für den Rest des Abends?", fragte Jannes leise neben Vincents Ohr und der nickte nur. In diesem Moment schien es ihm die großartigste Idee, die er je gehabt hatte. Den Rest des Abends in der Wärme von Jannes zu baden.

~~~
Es schien, als hätte der verschneite Abend ihre Beziehung einen Schritt voran getrieben. Zumindest wurde es enger. Jannes war in der Schule zu jeder Gelegenheit bei Vincent. Was hieß, dass er die Pause auch am Fenster verbrachte, an dem Vincent sonst immer alleine gesessen hatte. Vincent hatte gedacht, dass es ihm vielleicht zu viel werden könnte, aber das war es nicht. Vincent mochte es sogar irgendwie, dass Jannes so offensichtlich seine Nähe suchte.
Er fragte Vincent, ob er am Samstag etwas zusammen mit ihm unternehmen wollte und Vincent willigte ein. Hieß es, dass er Jannes vertraute? Wenn er nicht mehr darüber nachdachte, was sie wohl machen würden oder warum Jannes ihn überhaupt einlud und stattdessen einfach einwilligte? Er dachte nicht mehr daran, was vor Jahren passiert war. Jannes war da und zeigte ihm, dass er mit Vincent zusammen sein wollte. Auch wenn er noch immer nicht verstand, warum das bei Jannes so war. Schließlich wollte sonst niemand mit ihm zusammen sein. Aber vielleicht lag es in der einzelnen Individualität? Jannes war einzigartig, niemand sonst war wie er. Und vielleicht war etwas bei Jannes, was ihn anders handeln ließ, wie alle anderen. Was ihn zu demjenigen machte, der in Vincents Welt passte. Das Gefühl darüber zu wissen, dass Jannes jeden Tag in der Schule bei ihm sein würde, machte es einfacher, irgendwie.
Vincent packte seine Sachen zusammen. Ein Stuhl wurde zur Seite gezogen und als er aufsah, setzte sich Jannes darauf. Er strahlte, als sich ihre Blicke verketteten. Das tat er in letzter Zeit besonders oft oder sah Vincent es nur öfter, weil er mehr mit Jannes zusammen war? Er strahlte und Vincent wurde es warm.
„Morgen“, sagte er und das Strahlen wurde noch etwas intensiver. "Hier."
Er legte etwas auf Vincents Tisch. Es war ein Schokoriegel. "Hab heute zwei dabei."
Jannes hatte beinahe jeden Tag etwas Süßes dabei, eigentlich als Nachtisch. Zumindest vermutete Vincent das, aber er aß es meistens als erstes. Auch jetzt öffnete er die Packung von seinem Riegel schon jetzt und biss davon ab.
„Was sollen wir morgen machen? Irgendwas Bestimmtes, was du tun möchtest?“
Diesmal hatten sie sich nicht zum Lernen verabredet, erinnerte sich Vincent. Das verunsicherte ihn gleich ein Stück. Er hatte noch nie gewusst, was man unternahm. Vor allem nicht, wenn man als Paar unterwegs war. Er zuckte mit den Schultern und wollte Jannes sagen, dass er die Entscheidung ihm überlassen würde. Aber dazu kam er nicht.
„Morgen wirst du mit uns auf Weihnachtsmarkt gehen.“
Stefan und ein paar andere waren zu ihnen heran getreten. Sie sahen Jannes an, natürlich waren die Worte an ihn gerichtet. Das Strahlen verließ sein Gesicht, machte Verwirrung platz und er zog die Augenbrauen zusammen.
„Wir gehen alle morgen gemeinsam hin, du musst mitkommen.“
Jannes schüttelte den Kopf. „Ich bin schon mit Vince verabredet, tut mir Leid.“
Stefan warf einen Blick zu Vincent, er wirkte unzufrieden, vielleicht sogar verärgert? Ein ungutes Gefühl beschlich Vincent. Stafan war ein guter Freund von Jannes, er hatte immer beobachtet, wie die beiden während der Pausen zusammen standen. Jetzt verbrachte Jannes seine Pausen mit Vincent. Was war mit Stefan?
„Mit dem kannst du doch wann anders etwas machen. Dass wir alle Zeit haben, kommt so schnell nicht nochmal vor.“
Jannes wollte etwas antworten, aber Vincent kam ihm zuvor. „Er hat recht, du solltest mit ihnen gehen.“
„Siehst du“, folgte eine Bestätigung von Stefan, während Jannes Vincent musterte, so sehr, dass Vincent begann sich unwohl zu fühlen. Er wollte nicht, dass Jannes seine Freunde verlöre. Er würde es bereuen. Vincent war kein Ersatz. Er war Vincent, er war niemandes Freund, er konnte das alles nicht. Und es wäre seine Schuld, wenn Jannes seine Freundschaften verlieren würde.
„Als ob ich dich hängen lassen würde.“ Jannes Ton war schärfer, als Vincent es von ihm kannte und er wusste nicht, was er tun sollte. Er sollte Jannes überzeugen mit den anderen zu gehen, aber seine Stimme hatte so überzeugt geklungen, als würde er gar nichts anderes zulassen. Vincent schwieg.
„Vinni kann doch mitkommen. Dann weiß er mal, wie es sich anfühlt Freunde zu haben.“
Diese Stimme erkannte Vincent sofort, sie bedeutete niemals etwas Gutes. Tobias. Ein paar Leute lachten. Aber Jannes Kopf ruckte hoch, im nächsten Moment war er aufgestanden.
„Kannst du vielleicht mal nicht auf Vince herumhacken?“
Wie sich die Situation entwickelte gefiel Vincent nicht. Ihm wäre es lieber, wenn Jannes Tobias einfach ignorieren würde, so wie er das tat. Aber Jannes hatte da seinen eigenen Kopf. Vincent fragte sich, warum er bereit war soviel kaputt zu machen, nur um ihn zu verteidigen. Es würde nichts ändern. Er würde sich nur ins Abseits katapultieren. Dort, wo Vincent war.
„Das ist okay“, sagte er, vielleicht nur um die sich anbahnende Auseinandersetzung zu unterbrechen.
„Du hast eben gefragt, was ich machen möchte. Ich würde gerne auf den Weihnachtsmarkt gehen“, sagte er schnell. Jannes sah ihn jetzt an, mit großen Augen aus denen Verwirrung sprach.
„Du willst dahin?“
Vincent nickte zur Bestätigung.
„Okay.“ Jannes sah ihn noch immer forschend an, aber Vincent schaute jetzt weg. Jannes würde sehen, dass er es nicht wirklich wollte. Der Rest der Schüler, die sich mittlerweile versammelt hatten, tuschelten miteinander.
„Sehr gut, Vinni. Ich freu mich schon“, sagte Tobias, aber diesmal reagierte auch Jannes nicht.
Es wäre nur ein weiterer Tag. Wie ein Schultag. Sein Blick ging zu Stefan, der ihn grimmig ansah. Was hatte er? Aber dann drehte er sich weg und ging. Vincent entschied, es ihm gleich zu tun. Weniger Kontakt zu seinen Mitschülern, insbesondere zu Tobias war immer gut.
Er nahm seine Tasche und den Schokoriegel, den er von Jannes bekommen hatte, dann verließ er den Klassenraum, aber er hörte, dass jemand ihm folgte. Er wusste, dass es Jannes war. Er wünschte sich aber, dass Jannes das Thema liegen ließ. Der holte Vincent ein und ging eine Weile neben ihm ohne etwas zu sagen.
„Du willst doch gar nicht mit denen auf den Weihnachtsmarkt, wir können da auch irgendwann anders hin, wenn du möchtest.“
Vincent wollte Jannes nicht anlügen, nicht wirklich. „Du hast jetzt Sport-Unterricht, Jannes, du solltest zur Halle gehen“, sagte er also ausweichend, schließlich lag die Sporthalle auf der anderen Seite des Schulgeländes, aber es schien Jannes nicht zu beeindrucken. Stattdessen fasste er Vincent am Arm und zwang ihn so stehen zu bleiben.
„Dann komme ich halt zu spät. Warum sagst du, dass du dahin willst?“
Vincent wich seinem Blick aus. Er antwortete nicht.
„Oder willst du nichts mit mir allein machen? Ist es das? Ist es dir lieber mit den anderen zusammen zu sein, als mit mir alleine?“
Vince zuckte beinahe zusammen. Hatte er tatsächlich den Eindruck gemacht? Natürlich wollte er etwas mit Jannes machen, es war das erste Mal, dass er etwas mit jemanden zusammen machen wollte. Es wirklich wollte. Er sah jetzt doch auf, aber Jannes blickte so enttäuscht.
„Ich möchte doch nur wegen dir dort hin.“
Jannes Augenbrauen zogen sich zusammen und Vincent hatte nicht das Gefühl es besser gemacht zu haben. Eher im Gegenteil. Er wusste nie, was er sagen sollte oder musste. Die Schulglocke schellte erneut und Vincent machte sich los. Er sah Jannes noch einen Moment an, unsicher, ob er noch etwas sagen sollte oder nicht. Dann drehte er sich um und rettete sich in das Klassenzimmer, dass sie eh schon beinahe erreicht haben.
Warum konnte er solche Dinge nicht? Warum verstanden ihn andere nicht. Selbst Jannes?

~~~
Es war nur ein weiterer Tag. Wie ein Schultag, das hatte sich Vincent gesagt. Er würde die anderen einfach ignorieren, ihre Sprüche. Das würde schon gehen. Und tatsächlich funktionierte es bisher ganz gut. Jannes hatte Vincent abgeholt. Zu Vincents Erleichterung wieder ganz er selbst, hatte er Vincent angelächelt, als der die Tür geöffnet hatte.
Und später war Jannes kontinuierlich in Vincents Nähe, als sie über den Weihnachtsmarkt schlenderten. Oftmals etwas hinter der restlichen Gruppe. Es war nicht ganz das, was Vincent hatte erreichen wollen. Schließlich hatte er gewollt, dass Jannes etwas mit den anderen unternahm, aber er war trotzdem glücklich darüber, dass Jannes in seiner Nähe blieb, zumal ihn nicht nur seine Mitschüler, sondern auch die vielen anderen Menschen verunsicherten.
Im Großen und Ganzen bestand der Weihnachtsmarktbesuch darin von einem Stand zum nächsten zu gehen, an dem man entweder essen konnte oder Glühwein trank. Im Grunde konzentrierten sich seine Mitschüler aber auf zweiteres. Auch Vincent hatte eine der Tassen in der Hand, aber seine Mitschüler füllten diese nur deutlich seltener, wenn sie eine Kanne herum gaben, als bei den anderen. Es war in Ordnung, er wollte nicht mal, dass sie ihn behandelten, als wäre er ein wirklicher Teil der Gruppe. Es war gut so, wenn sie ihn einfach ignorierten.
Jannes jedoch, der ignorierte ihn nicht. Eher im Gegenteil. Sie hatten an einem der Stände Halt gemacht und standen etwas abseits der Gruppe, der Duft vom Nebenstand zog zu ihnen herüber. Der ganze Weihnachtsmarkt roch nach den unterschiedlichsten Sachen. Süße Gerüche der Bonbon-Stände, wechselten mit dem herben Geruch von Tannengrün oder den unverkennlichen Geruch der Gewürze, die für den Glühwein genutzt wurden. Vincent mochte das. Jetzt zog der Geruch von Backwaren an seiner Nase vorbei.
„Riecht wie früher“, sagte Jannes jetzt und beugte sich vor, um den Stand neben ihnen zu begutachten. „Meine Oma hat immer zu Weihnachten Plätzchen gebacken, da roch immer das ganze Haus danach.“
Er begutachtete die Auslage mit den verschiedenen Backwaren. Auch Vincent ließ seine Augen darüber schweifen. Unterschiedliche Plätzchen lagen in Reih und Glied.
„Björn hat aber immer die meisten gefuttert und mir kaum welche übrig gelassen“, sinnierte Jannes weiter, aber wurde unterbrochen, als ein Teller sich in ihr Gesichtsfeld schob, auf dem Stücke der Plätzchen lagen.
„Ihr könnt gerne probieren.“, sagte eine rundliche Frau, die ihnen den Teller entgegen streckte.
„Danke!“, sagte Jannes und nahm gleich zwei Stücke von dem Teller. Eines davon schob er sich in den Mund, das andere hielt er Vincent vor die Nase.
„Hier", sagte er „Probier' das.“ Er zwinkerte dann. Einen Moment wollte Vincent einen Schritt zurück machen. Aber dann dachte er darüber nach, dass es wahrscheinlich auffälliger wäre, als wenn er einfach machte, was Jannes wollte. Also öffnete er den Mund und Jannes schob ihm das Stück Plätzchen zwischen die Lippen. Es war eine seltsame Mischung aus Scham und Glückshormonen, die seinen Körper flutete, so dass er den Geschmack des Plätzchens kaum wahrnahm. Er hoffte nur, dass niemand aus ihrer Stufe die kleine Aktion mitbekomemn hatte. Das hoffte er vor allem für Jannes, der ihn anstrahlte und sich jetzt ein wenig zu ihm herüberbeugte.
„Selbstgemachte Plätzchen sind besser“, meinte er und schob Vincent von dem Stand weg, mehr in Richtung des Glühweinstandes bei dem sich ihre Mitschüler tummelten.
Jannes beugte sich noch weiter zu Vince rüber, sehr nahe herüber.
„Es is kalt“, wechselte er das Thema und sein Atem strich über Vincents Hals, weil er so nahe an seinem Ohr sprach. „Wenn wir allein hier wären, würde ich deine Hand nehmen. So wie letztens. Ich mag das. Ich mag es dich zu berühren.“ Er lachte und Vincent schoss Hitze ins Gesicht. Was war mit Jannes? Vincent sah ihn an. Seine Wangen waren rot, ebenso seine Nase. Von der Kälte, oder?
Irgendwer kam vorbei und füllte Jannes Becher mit Glühwein.
„Hey!“, sagte Jannes und deutete auf Vincents Becher, aber der schüttelte den Kopf.
„Ich möchte nichts.“
Jannes sah ihn an. „Das is nicht fair, wenn ich betrunken bin und du nicht.“
Er war betrunken? Das war es. Aber anscheinend schien es ihn doch nicht so wirklich zu stören, dass Vincent nicht betrunken war, denn er lehnte sich an ihn an und fasste jetzt wirklich Vincents Hand. Allerdings bezweifelte Vincent, dass das eine gute Idee war. Zwar verstand Vincent viele Dinge nicht, aber er wusste, dass eine Beziehung zwischen zwei Jungen die Aufmerksamkeit auf sich ziehen würde. Negative Aufmerksamkeit. Schon eine Freundschaft mit Vince würde Jannes ins Abseits befördern, eine Beziehung wäre höchstwahrscheinlich ein soziales Aus.
Obwohl er das Gefühl von Jannes Hand in seiner mochte, entzog er sich nach einigen Momenten der Berührung und rückte ein Stück von Jannes ab. Er hoffte, dass Jannes es nicht bemerken würde. Es schien zu funktionieren, Jannes kommentierte Vincents Rückzug nicht weiter und im nächsten Moment machte sich die Gruppe sowieso auf den Weg und schlängelte sich durch die Menge, um den nächsten Glühweinstand anzusteuern.
Der Stand, in dessen Richtung sie gingen, befand sich in der Mitte des Platzes im größten Trubel des Weihnachtsmarktes. Man befand sich dort unter einem großen, reichlich geschmückten Weihnachtsbaum. Vincent hätte das alles durchaus gemocht, wenn nicht so viele Menschen hier wären. Oftmals wurde man von vielen Seiten gequetscht. Es war beinahe ein bisschen zu viel und Vincent war dankbar darum, dass er mit Jannes zusammen hier war. Wenn Jannes bei ihm war, dann empfand er es nicht ganz so bedrohlich, obwohl so viele Menschen um ihn herum waren. Jannes wusste in solchen Situationen auch immer, was zu tun war. Er war gut in solchen Dingen.
Noch während sie unterwegs waren, gesellten sich ein paar ihrer Schulkameraden zu ihnen und verwickelten Jannes in ein Gespräch. Manchmal beneidete Vincent ihn fast ein bisschen darum, dass er so gut mit anderen umgehen konnte.
Ein paar Kinder liefen in Vincents Laufrichtung und er musste kurz halt machen, um sie vorbei zu lassen. Als er wieder aufsah waren Jannes und die anderen bereits von der Menge verschluckt worden. Er ging weiter und versuchte die Menge zu überschauen, aber er sah Jannes nicht, jedoch ein paar der anderen Mitschüler. Sollte er Jannes suchen gehen? Aber er scheute sich davor ziellos durch die Menge zu irren. Außerdem würde Jannes ihn wahrscheinlich eher dort suchen, wo sie sich verloren hatten, oder?
Er stellte sich also etwas abseits der anderen, an einer Stelle, an der die Menge nicht ganz so erdrückend war und hoffte, dass Jannes ihn hier entdecken würde. Tatsächlich wurde er entdeckt, aber nicht von Jannes, sondern von Emily, die sich zu ihm stellte und eine zweite Tasse mit Glühwein trug, die sie ihm hinhält.
„Möchtest du?“
Vincent nahm die Tasse. Emily war immer nett zu ihm gewesen, er glaubte aber immer noch, dass es vor allem Mtleid war, was sie für ihn hegte.
„Ist schön, dass du mitgekommen bist. Ich finde es gut, wenn fast alle der Stufe etwas gemeinsam unternehmen.“
Vincent sah sie nur kurz an, er wollte nichts mit der ganzen Stufe unternehmen. Das war ihm egal, er war froh, wenn er nicht mit den anderen zusammen war.
„Ich bin nur wegen Jannes mitgekommen“, sagte er wahrheitsgemäß. Aber selbst das beeindruckte Emilys Gemeinschaftssinn nicht wirklich.
„Es ist so toll, dass ihr Freunde seit, du und Jannes. Aber vielleicht bilden sich ja jetzt noch mehr Feundschaften, wenn du öfters mit dabei bist.“
Aber Vincent hatte gar nicht vor öfter mit dabei zu sein, er wollte nur, dass Jannes etwas mit seinen Freunden unternahm. Das Ziel hatte er ja gerade auch erreicht, schließlich war Jannes irgendwo mit seinen Freunden und nicht bei Vincent.
„Wow! Hat Jannes dir den Platz als Mutter Theresa mal wieder freigeräumt, Emily?“
Stefan war zwischen den Leuten aufgetaucht und betrachtete Vincent einen Moment, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder Emily widmete, die einen Schmollmund zog.
„So’n Quatsch“, sagte sie „Ich find es gut, dass Vincent mitgekommen ist.“
Aber Stefan schien sie nicht wirklich ernst zu nehmen. „Ich nicht“, meinte er. „Es geht mir schon auf die Nerven ständig von ihm zu hören. Vince hier und Vince da.“ Er wandte sich jetzt wieder Vincent zu. „Ich hab echt keine Ahnung, was du mit Jannes angestellt hast, echt ätzend.“
Vincent wusste nicht, was er dazu sagen sollte. Er hatte es ja geahnt, dass Jannes Schwierigkeiten mit seinen Freunden bekommen würde, wenn er zuviel Zeit mit ihm verbrachte. Stefan bestätigte seine Vermutung gerade hervorragend. Die Tatsache, dass Jannes anscheinend auch viel von Vincent erzählte machte es nicht besser. Zumal Vincent nicht wusste, was es überhaupt viel von ihm zu erzählen gab. Dennoch keimte ein warmes Gefühl in ihm auf, wenn er daran dachte, dass Jannes so viel von ihm redete. Das hieß, dass er an ihn dachte, oder?
„Das, mein Lieber, liegt daran, dass der gute Vinni hier hochansteckend ist.“
Vincent schloss die Augen, natürlich würde Tobias eine solche Gelegenheit nicht einfach verstreichen lassen. Die Gelegenheit Vincent außerhalb der Schule zu schikanieren. Er konnte froh sein, dass er erst jetzt auf die Idee gekommen war. Tobias baute sich neben ihm auf, in seiner vor Selbstsicherheit strotzenden Art, die Vincent noch nie gemocht hatte.
„Nicht wahr, Vinni? Vincentius Streberius heißt der Virus. Janni Bunny hat es schon voll erwischt.“
Er lachte über seinen eigenen schlechten Witz, Stefan grinste, während Emily Tobias strafend ansah. „Warum lässt du ihn nicht mal in Ruhe?“
Aber Tobias quittierte Emilys Einwurf nur mit einem Schulterzucken.
„Ich will euch nur warnen, is ja irgendwie meine Schuld, dass Janni sich angesteckt hat. Armer Kerl, ist wahrscheinlich nicht mehr zu retten.“
Vincent hatte es immer geahnt, dass Tobias seine Sticheleien auf Jannes ausweiten würde, wenn er mit Vincent zu eng befreundet wäre. Ein ungutes Gefühl machte sich in ihm breit, Jannes hatte das alles nicht verdient.
„Und warum steckst du dich nicht an?“, fragte Stefan jetzt ein bisschen herausfordernd. Vielleicht passte es auch ihm nicht, dass Jannes nun im Mittelpunkt von Tobias‘ Schikanen war. Vincent hoffte es. Er wünschte sich, dass Jannes zumindest seinen besten Freund behalten würde, egal wie das mit ihm und Vincent ausgehen würde.
Tobias regte sich jetzt neben ihm und im nächsten Moment lag ein schwerer Arm auf Vincents Schultern.
„Vinni und ich wir kennen uns schon soooo lang, anscheinend bin ich immun. Ist mal gut so.“
Es war viel zu nahe. Tobias Nähe war beinahe unerträglich für Vincent und er spürte wie sein Atem schneller ging, wie er sich automatisch anspannte und er dieser Nähe schnellst möglichst entfliehen wollte.
„Lass das!“, sagte Vincent. Er versuchte wegzurücken, aber die Menschen waren auch hier noch so dicht gedrängt, dass er keinen wirklich Raum hatte auszuweichen. Stattdessen spürte er, wie Tobias ihn beinahe noch näher zu sich zog. Er roch nach Glühwein, beinahe penetrant und Vincent wurde schlecht. „Und hör auf dich über Jannes lustig zu machen.“
Tobias sah ihn mit spöttisch hochgezogener Augenbraue an.
„Wiederworte? Is' ja nicht wahr. Da stellt sich mir die Frage, wer hier auf wen abfärbt. Nicht, dass du noch so ne kleine bitch wirst, wie Janni bunny.“
Vincent presste die Zähne zusammen, es machte ihn wütend und traurig.. Er war Schuld, dass Tobias jetzt auch Jannes ins Visier nahm. Jannes war immer gut mit allen klar gekommen, auch mit Tobias, bevor er sich mit Vincent angefreundet hatte. Es musste seine Schuld sein. Und er hatte es gewusst, nicht nur, dass er seine Freunde verlieren würde, er würde ebenso das Ziel von Sticheleien sein, wie Vincent es war.
Er schaffte es sich doch noch von Tobias loszumachen, versuchte durchzuatmen, aber es ging nicht. Es war zuviel. Tobias und Stefan, all die anderen Leute.
„Ich gehe“, sagte er nur und drehte sich um.
„Vincent, warte doch“, hörte er Emilys mitleidige Stimme. „Musste das sein Tobias?“, sagte sie dann etwas leiser.
„Vinni weiß schon, wie ich das meine“
Danach verloren sich ihre Stimmen unter all dem Trubel von Gesprächen und Weihnachtsmusik. Auch das war Vincent jetzt zu viel.

Als Vincent zu Hause war vibrierte sein Handy, es war eine Nachricht von Jannes.
„Wo bist du?“
„Nach Hause“, tippte Vincent und schickte es ab. Er erhielt keine weitere Antwort.
Benutzeravatar
Sammy-chan
Forum Admin
Forum Admin
Beiträge: 6381
Registriert: 08.2010
Geschlecht: weiblich

Re: Einmalig, wie eine Schneeflocke; Original

Beitragvon Sammy-chan » 29. Jan 2018, 15:20

~~~
Es war seltsam am Montag. Anders. Jannes war da, er hatte ihn kurz am Morgen gesehen, aber in den ersten Pausen kam er nicht zu Vincent, wie er es sonst tat. Einen Moment dachte Vincent darüber nach zu ihm zu gehen, aber dann verwarf er den Plan. Es war doch gut so, oder? Jannes sollte sich mit seinen Freunden unterhalten. Vincent wollte ihn nicht weiter isolieren, gelichzeitig wollte er aber auch nicht zu viel Kontakt mit den anderen haben. Er war ja immer zufrieden gewesen, so wie es gewesen war.
In der zweiten großen Pause holte er sein Englischbuch hervor, begann damit einige Lektionen zu wiederholen. Er erwischte sich aber dabei, wie er immer wieder hochsah und die Schülermenge absuchte. Sein Blick schweifte in den Innenhof. Auch kein Jannes.
Er versuchte sich wieder auf sein Buch zu konzentrieren.
„Hey.“ Spätestens jetzt war es vorbei mit dem Lernen, aber es war Vincent nur recht. Er war froh Jannes zu sehen. Der ihn etwas fragend ansah.
„Warum bist du am Samstag einfach gegangen?“ Es wirkte ein wenig wie ein Vorwurf. Aber Vincent wusste nicht, dass er etwas falsch gemacht hätte, aber wahrscheinlich hatte er es.
„Ich...“ Er hatte sich auch noch nie rechtfertigen müssen für so etwas. Er war gegangen weil...
„Es war mir zuviel.“ Zuviel von allem, den Leuten, Tobias. Jannes sah ihn forschend an.
„Warum bist du dann nicht zu mir gekommen, dann wären wir zusammen gegangen.“
Weil er Jannes damit schon wieder von seinen Freunden isoliert hätte.
„Ich wollte nicht mit dir.“
Jannes sah ihn an, überrascht? Geschockt? „Achso“, sagte er und dann nahm sein Gesicht einen Ausdruck an, den Vincent nicht mochte. Er tat weh. Jannes sollte nicht so schauen, nicht so... traurig. Er sollte strahlen. Und dann erkannte Vincent, dass er daran schuld war. Was hatte er gesagt? Er sollte es wieder gut machen. Er überlegte, was er sagen könnte, so wirklich fiel ihm nichts ein. Er wusste nicht, was er tun musste, um es richtig zu machen.
Und dann kam Jannes ihm zuvor. „Okay. Gut zu wissen, schätze ich. Wir sehen uns dann, Vince.“
So sollte das nicht laufen. Jannes sah ihn noch einen Moment an, dann schüttelte er den Kopf und drehte sich weg.
In Vincents Kehle bildete sich ein Klumpen.
Er hatte es gewusst. Er würde es irgendwann kaputt machen. Er machte etwas falsch, er machte es immer falsch, wenn es um andere Menschen ging. Aber noch nie hatte es so sehr weh getan, wie bei Jannes.

~~~
Die Tage vergingen. Vincent ging zur Schule, wie all die Jahre zuvor. Er verbrachte die Pausen am Fenster, wie all die Jahre zuvor, während die anderen seiner Stufe im Innenhof oder im Foyer waren. Die freie Zeit verbrachte er mit Lernen oder er las, wie er es all die Jahre zuvor auch getan hatte. Und doch war es nicht so, wie es sein sollte. Jannes war da, er sah ihn manchmal auf dem Korridor. Aber er behandelte Vincent wie all die Jahre zuvor. Als ob sie sich nicht weiter kannten. Vielleicht hatten sie das auch nicht? Vincent wusste es nicht. Er hatte versucht Jannes zu verstehen. Aber er konnte nicht. Sie waren so unterschiedlich. Vielleicht war Vincent auch nur zu anders.
Er versuchte sich einzureden, dass es gut so war. Besser jetzt als später. Es wäre irgendwann passiert. Es passierte immer. Jannes brauchte seine Freunde. Nicht Vincent.
Sie hatten Physik-Unterricht. Vincent war als erstes da. Er setzte sich auf seinen angestammten Platz. Jannes kam nur ein paar Minuten später mit ein paar anderen Leuten zur Tür herein. Er unterhielt sich, während er den Raum betrat. Er sah auf und zu Vincent herüber. Dann zögerte er. Eigentlich saßen sie nebeneinander. Vincent hätte sich woanders hinsetzen sollen.
Vincent war sich sicher, dass Jannes sich woanders hinsetzen würde. Und das Gefühl, was diese Erkenntnis in ihm auslöste, war unangenehm. Er spürte, wie sein Körper sich anspannte und er senkte den Blick. Vielleicht war es weniger schlimm, wenn er es nicht sah.
Einen Moment später klappte der Stuhl neben ihm herunter und als er aufsah, blickte er in Jannes Gesicht. Er lächelte. Und Vincent bemerkte, wie sehr er es vermisst hatte, dieses Lächeln. Schon inenrhalb von ein paar Tagen.
„Hi“, sagte Jannes und Vincent musste sich zwingen auch etwas zu sagen. Denn man antwortete, wenn man gegrüßt wurde.

Es hatte erneut geschneit. Es war ungewöhnlich. Sie hatten schon jetzt den durchschnittlichen Schneefall für den Monat Dezember überschritten, dabei waren sie noch nicht mal auf der Hälfte. Vincent hatte von seinem Buch aufgesehen, sein Blick glitt über den weißen Innenhof und blieb automatisch an bronzefarbenen Haaren hängen, die aber größtenteils unter einer Mütze verborgen waren. Was machte Jannes im Innenhof? Im Winter war er seltener dort. Er stand etwas am Rande mit ein paar Leuten, unterhielt sich mit Stefan. Er hatte einen Schal und Handschuhe an. Derselbe Schal, den er getragen hatte, als er Vincent hatte heim bringen wollen.
Es kam Bewegung in den Innenhof, plötzlich liefen die Schüler herum oder suchten Deckung, während Schnee durch die Gegend flog. Vincents Blick war so auf Jannes fokussiert gewesen, dass er nicht mitbekommen hatte, wie jemand eine Schneeballschlacht angezettelt hatte.
Der Schnee war nass und kalt, wenn er auf die Haut traf, das wusste Vincent, aber dennoch lachten die Schüler und schienen Spaß zu haben. Formten Schneebälle, mit denen sie wahllos jemanden bewarfen.
Vincents Blick suchte erneut den Innenhof ab auf der Suche nach der dunekl-türkisen Mütze. Er dachte einen Moment, dass Jannes rein gegangen sein musste, aber dann entdeckte er ihn. Er war nicht in dem Tumult. Er war zwischen den Sträuchern und ging langsam aber sicher vorwärts. Vincent folgte seiner Blickrichtung und entdeckte Tobias. Er runzelte die Stirn, was hatte Jannes vor?
Vincent beobachtete die Szenerie. Tobias war abgelenkt, er warf Schneebälle nach ein paar jüngeren Schülern, die Vincent nur vom Sehen her kannte. Er war in diesem Moment froh nicht im Innenhof zu sein. Dann entdeckte er Adrian, der nicht weit von Tobias stand. Er war nie weit weg von Tobias. Er drehte sich um und entdeckte Jannes. Egal, was der vor gehabt hatte, Adrian würde ihn verraten. Aber dann traf ihn ein Schneeball am Kopf. Stefan hatte diesen geworfen und es folgte der nächste und wieder einer. Adrian drehte sich ruckartig um. Wütend, als er Schnee vom Boden klaubte, um Stefan seine Schneeballsalve heimzuzahlen. Vergessen war Jannes, zu dem Vincents Blick wieder schweifte. Er war jetzt nur noch wenige Meter von Tobias entfernt. Als er sich aufrichtite sah Vincent auch einen Schneeball in seiner Hand. Und dann sah Jannes hoch, genau zu Vincent, zu dem Fenster, an dem er immer stand. Er hob die Hand mit dem Schneeball einen Moment und grinste. Er wusste, dass Vincent hier war und er wusste, dass er ihn sah. Dessen war sich Vincent sicher. Dann preschte Jannes vor, packte Tobias am Kragen seiner Jacke und steckte ihm den Schnee in eben diese. Er leiß los und lachte, als Tobias sich zu ihm umdrehte. Er schien zu toben, aber Jannes wich seinen Versuchen ihn zu packen einfach aus und rannte dann davon. Er grinste und floh Richtung Tür, wo er mit Stefan zusammentraf und sie sich ein High-Five gaben, bevor Jannes nochmal zu ihm hochblickte und sie in Sicherheit des Schulgebäudes flohen.
Es war sicher kein Zufall gewesen, dass Jannes ausgerechnet Tobias angegriffen hatte. Es war eine Racheaktion gewesen. Für ihn? Aber warum sollte Jannes das machen, ausgerechnet jetzt. Sie waren nichts weiter. Nicht mal Freunde.

~~~
Vincent sah Jannes in den Korridoren, wenn sie die Kursräume wechselten. Sein Blick blieb an ihm hängen und er musste den Impuls unterdrücken zu ihm zu gehen. Jannes lachte mit den anderen Mitschülern und es stimmte Vincent niedergeschlagen. Warum? Er sollte froh sein, dass es so war. Jannes hatte Spaß mit seinen Freunden.
Er sah Jannes im Physik-Unterrischt von der Seite an und sein Brustkorb zog sich merkwürdig zusammen. Also guckte er weg, aber das machte die Sache nicht besser. Eher im Gegenteil.
Er wollte Jannes etwas sagen, aber er traute sich nicht. Warum sollte Jannes überhaupt mit ihm sprechen wollen? Was war, wenn er es nur noch schlimmer machte?
Er fragte sich, was mit ihm los war. Sein Verhalten war ungewöhnlich, wenn es um Jannes ging. Dann wollte er Dinge tun, die er sonst bei niemanden wollte und die Gefühle, die bei ihm enstanden, weil sie nun getrennt waren, fühlten sich nicht gut an.
„Vince“, sagte Jannes, als die Physikstunde vorbei war. Er klang merkwürdig, unsicher. „Ich hab’s nicht verstanden. Wirst du es mir erklären?“
Vincent nickte, natürlich würde er das. Es machte ihn froh, dass Jannes ihn fragte. Er wollte ihm sagen, wie sehr er ihn vermisste. Und die Erkenntnis durchspülte seinen Körper, er vermisste Jannes. Deshalb fühlte sich alles so merkwürdig an.
Jannes lächelte ihn an. „Danke. Aber wenn du es nicht möchtest, sagst du es mir, ja? Ist in Ordnung.“
„Okay“, sagte Vincent, obwohl er mehr sagen wollte, er suchte nach Worten, aber Jannes kam ihm zuvor.
„Okay, wir schreiben. Bis dann!“ Und damit verschwand er und ließ Vincent zurück, der die Worte noch immer suchte, die ihm anscheinend immer im richtigen Moment zu fehlen schien.

~~~
Vincent war nicht gut mit Worten. Das wusste er. Er wuste nie, was er sagen sollte, was andere erwarteten, wenn sie ein Gespräch mit ihm führten. Es war bei Jannes auch nicht anders. Der Unterschied lag darin, dass Vincent ihm Dinge sagen wollte. Er wollte ihm sagen, dass er ihn mochte. Er wollte ihm noch andere Dinge sagen.
Aber er konnte es nicht mit Worten, also musste er es mit etwas anderem tun. Die Frage war womit. Er hatte im Netz nachgesehen. Jemandem, den man mochte gab man etwas. Vielleicht funktionierte das besser? Er würde Jannes etwas geben. Außerdem war bald Weihnachten, da verschenkte man Dinge an Personen, die man mochte.
Jedoch realisierte Vincent, dass ein Geschenk weitere Probleme mit sich brachte. Zum einen hatte er kein Geld, zum anderen wusste er nicht, was er Jannes geben könnte. Er dachte daran ihm etwas zu bauen, verwarf den Gedanken aber wieder. Es würde zu lange dauern. Außerdem wusste er nicht mal, ob Jannes seine Roboter tatsächlich mochte. Damals, als er gesagt hatte, dass er sie gut fand, da hatte er noch die Wette erfüllen müssen. Den Roboter, den er sich geliehen hatte, den hatte er Tobias gegeben, als Beweisstück.
Sonst gab es nicht viele Dinge, die Vincent machen konnte. Er dachte darüber nach, was Jannes mochte. Er mochte Basketball, sowieso war er ein sportlicher Typ. Aber das war nichts, womit Vincent ihm helfen konnte. Er dachte weiter nach, daran was er beobachtet hatte. Er dachte daran, dass Jannes jeden Tag in der Schule etwas Süßes dabei hatte, meist einen Schokoriegel. Manchmal auch Kuchen. Irgendetwas. Er mochte süße Dinge. Vincent dachte an die Erdbeeren mit Schokolade, die Jannes im Mai für sie vorbereitet hatte und er dachte an den Weihnachtsmarkt. Dort hatte Jannes gesagt, dass er selbstgemachte Plätzchen mochte. Es passte doch, oder? Zu Weihnachten backte man Plätzchen.
Vincent suchte sich ein paar Rezepte aus dem Internet. Es schien nicht so schwierig zu sein. Am Anfang gab es eine Zutatenliste, danach eine Anleitung, was man wie vermischen musste. Es war wie ein Versuch im Chemieunterricht. Zu guter Letzt fügte man Hitze hinzu und erzielte eine chemische Reaktion, die den Teig zu dem gewollten Ergebnis umwandelte.
Vincent besorgte die Zutaten, die er sich von seinem Taschengeld leisten konnte. Auch der Vorgang verlief problemlos. Es machte Vincent sogar Spaß. Seines Erachtens schmeckte auch der unfertige Teig soweit gut, aber er wollte abwarten, wie das Endergebnis war.
Erst als er den Teig ausrollte stieß er auf ein Problem. Im Rezept stand, dass man Figuren mit Hilfe von Ausstechförmchen aus dem Teig stechen sollte. Soweit Vincent wusste, besassen sie keine solcher Formen. Er konnte sich zwar schwach daran erinnern, dass seine Mutter ebenfalls Plätzchen gebacken hatte, als er klein gewesen war, aber er wusste nicht, ob sie damals Förmchen gehabt hatte und wenn ja, ob diese noch existierten.
Er sah sich den Teig an. Sollte er sich Formen kaufen? Aber es wäre eine unnütze Ausgabe, wenn er sie dann nie wieder gebrauchen würde. Außerdem sollten sie nicht alle gleich aussehen. Schließlich nahm er ein Messer und begann den Teig damit einzuritzen. Ob man nun Formen ausstach oder sie ausschnitt, das sollte keinen Unterschied machen. Welche Formen hatten Plätzchen? Sterne fielen ihm ein. Er begann mit einem Stern, aber dann fügte er geometrische Figuren aneinander. Er besah sich sein Werk und erkannte, dass die Form entfernt Ähnlichkeiten mit einer Schneeflocke, die man unter einem Mikroskop betrachtete, hatte. Der Gedanke gefiel ihm. Schnee war diesen Winter beinahe allgegenwärtig. Er dachte an den Abend als der Schnee Vincent gezwungen hatte bei Jannes zu übernachten. Vincent dachte gern daran zurück. Es war schön gewesen mit Jannes Zeit zu verbringen. Er begann weitere Schneeflocken auszuschneiden. Jede sah anders aus, jede einmalig.
Es dauerte lange bis er den ganzen Teig verarbeitet hatte. Er schob die Bleche eines nach dem anderen in den Backofen und innerhalb von wenigen Minuten erhielten die Schneeflocken einen bräunlichen Schimmer und er konnte sie wieder herausholen. Er betrachtete das erste Blech. Die Farbe passte nicht. Es war ein heller Teig gewesen, der beinahe als weiß durchgegangen wäre, aber nach dem Backen hatte sich die Färbung verändert. Vincent erinnert sich an eines der anderen Rezepte, in dem die Plätzchen mit weißer Creme verziert worden war. Sie hatte wie Schnee ausgesehen. Er suchte das Rezept heraus. Es war Zuckerguss. Zu seinem Glück hatte Vincent noch etwas von dem Puderzucker übrig, er bereitete den Zuckerguss zu und bestrich die Flocken damit, eine nach der anderen.
Zum Schluss betrachtete er sein Werk, er war zufrieden. Er hoffte, dass Jannes sie mögen würde.

~~~
Sie saßen im Foyer, das war ungewöhnlich. Sonst hatte Jannes Vince meist zu sich nach Hause eingeladen, damit er ihm etwas erklären konnte. Warum hatte sich Jannes Verhalten verändert? Was war der Grund? Das Foyer war nicht Vincents liebste Aufenthaltsmöglichkeit. Zum Glück aber waren die meisten der anderen schon gegangen nach dem Unterricht, so dass sie fast alleine waren.
In seiner Tasche hatte er eine Tüte mit den Plätzchen, die er gebacken hatte. Er hatte gehofft sie Jannes geben zu können, wenn sie gemeinsam lernten. Aber er war unsicher geworden. War es nicht merkwürdig einem anderen Jungen selbstgemachte Plätzchen zu schenken? Wäre es Jannes vielleicht einfach nur peinlich? Würde er überhaupt verstehen, was Vincent ihm damit sagen wollte?
So lagen die Kekse immer noch in seiner Tasche, während er Jannes versuchte die Thomson’sche Schwingungsgleichung zu erklären.
Jannes stöhnte. „Ich glaube, dass ich das verstanden hab'... irgendwie.“
Er runzelte die Stirn. Vincent fragte sich, warum Jannes Physik überhaupt weiter gewählt hatte, wenn man bedachte, wie schweres ihm fiel. Den naturwissenschaftlichen Bereich hatte er doch mit Mathe auch abgedeckt.
„Aber wahrscheinlich hab' ich das alles schon wieder bis morgen vergessen. Können wir noch ein paar Aufgaben machen, nur so zur Sicherheit?“
Vincent nickte und zog das Buch heran, er blätterte ein paar Seiten weiter, bis er zu den Aufgaben kam und scannte schnell, welche Aufgabe sich gut eignete, um die Thematik zu festigen, Jannes aber auch nicht überfordern würde.
„Danke, Vince, wirklich“, sagte Jannes jetzt und Vincent sah vom Buch auf. Jannes sah ihn auf diese Weise an, die ein warmes Gefühl in ihm entfachte.
Er nickte. „Wir sollten die Aufgabe drei machen.“
Jannes lächelte und nahm das Buch und Vincent war enttäuscht, als er ihren Blickkontak abbrach. Er schluckte. Jannes begann die Aufgabe zu bearbeiten. Vielleicht wäre das der Moment gewesen in dem er etwas hätte sagen sollen. Oder in dem er Jannes die Tüte hätte geben sollen. Irgendwas. Aber er hatte sie verpasst, weil er viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen war.

Sie gingen gemeinsam heim. Auch das hatten sie in letzter Zeit selten getan. Sie hatten auch nur noch selten zur selben Zeit Schluss.
Jannes sagte für seine Verhältnisse wenig. Die Stille fühlte sich schwer an. Auch das war anders wie sonst. Vielleicht empfand Vincent es aber auch nur so.
Sie erreichten die Gabelung bei der Jannes abbiegen musste. Sie hielten an und Jannes wechselte von einem Fuß auf den anderen. Als wäre er nervös oder angespannt.
„Danke nochmal, ich bin froh, dass du mir noch hilfst.“
Und Vincent fragte sich, warum er Jannes nicht mehr helfen sollte.
„Natürlich“, sagte er und das Gespräch brach wieder ab.
„Also gut, wir sehen uns dann morgen“, meinte Jannes nach einer Pause dann und drehte sich um.
Und plötzlich stieg Panik in Vincent auf. Er sollte Jannes nicht einfach so gehen lassen. Nein, er wollte Jannes nicht einfach so gehen lassen.
„Warte!“ Und er erschrak sich selbst vor seiner Reaktion. Sein Herz schlug schneller. Jetzt musste er etwas tun, Jannes erwartete jetzt etwas von ihm, schließlich hatte er ihn zurück gerufen.
Jannes drehte sich wieder zu ihm.
Vincent nahm seine Tasche, klammerte sich daran fest.
„Ich hab was für dich.“
Jannes sah ihn fragend an. „Du hast was für mich?“ Wiederholte er Vincents Worte, ein bisschen ungläubig.
„Ich...“ Vincent zwang sich die Tasche zu öffnen. Was sollte denn schon passieren, außer eine merkwürdig peinliche Situation, und davon hatten sie heute schon genug angesammelt.
Er zog die Tüte hervor. Er hatte die Plätzchen in etwas Geschenkpapier eingeschlagen. Es waren Blumen darauf, weil er nichts anderes gefunden hatte, es war unpassender, wie es anders nicht sein konnte. Aber er versuchte nicht über solche Dinge nachzudenken. Er gab Jannes das Geschenk, der ihn mit großen Augen ansah.
„Danke...“ er wirkte perplex und nahm das Paket an. Vielleicht sollte Vincent jetzt einfach gehen. Oder sollte er noch etwas sagen?
„Wofür?“, fragte Jannes jetzt.
Und die Frage überrumpelte Vincent, was sollte er darauf antworten? Kein Geburtstag. Weihnachten war auch noch ein bisschen hin. Er konnte ja schlecht sagen, dass er einfach zu unfähig war einen ordentlichen Satz heraus zu bringen.
Aber Jannes schien tatsächlich keine richtige Antwort zu erwarten.
„Ich kann das gleich aufmachen, oder?“ Zu Vincents Erleichterung änderte sich die Stimmung jetzt.
„Ja“, sagte er und Jannes wirkte als könne er es nicht abwarten. Er fing an den Tesastreifen an einer Seite fahrig aufzuknibbeln, öffnete dann das Papier und lugte hinein.
„Ooh!“ Er griff hinein und zog eine der Schneeflocken hervor. Sein Gesicht erhellte ein Strahlen und Vincents Körper reagierte mit einem warmen Kribbeln, weil er es so sehr vermisst hatte.
„Hast du sie gemacht?“, fragte Jannes ihn. „Sie riechen großartig.“
Vincent nickte erleichtert, zumindest schien sich Jannes zu freuen. Das war gut. Und er biss von der Schneeflocke ab.
„Sie schmecken auch großartig. Und sie sehen großartig aus.“
Er nahm eine weitere Flocke aus dem Papier.
„Sehen sie alle anders aus?“ Er stockte, legte das Plätzchen zurück und nahm ein weiteres heraus.
„Schneeflocken sind alle unterschiedlich.“
Jannes sah jetzt mit großen Augen zu ihm. „Sie sind alle anders?“
Vincent nickte, war das falsch? Hätten sie gleich aussehen müssen?
„Wow“, sagte Jannes. „Wieviel Arbeit das gewesen sein muss, ich...“
Er legte die Plätzchen wieder in das Papier, vorsichtiger so schien es.
„Danke, Vince.“
Er hatte das schon öfter an diesem Tag gesagt. Er sah Vincent an, dann senkte er den Blick.
„Ich... morgen bin ich Schlittschuh laufen, willst du nicht mitkommen? Da ist nen Teich, da beim Wäldchen. Mein Vater meinte, dass die Eisschicht dick genug sein müsste. Da ist sonst niemand. Außer du würdest lieber zur Eisbahn fahren wollen. Wie du möchtest, Vince. Ich mein...“
Vincent Gedanken gingen viel zu schnell. Schlittschuh laufen? Er hatte noch nie in seinem Leben auf Schlittschuhen gestanden.
„Ich kann nicht Schlittschuh laufen“, sagte er und stoppte Jannes' Redefluss damit, dessen Strahlen auf der Stelle verblasste. Vincent fühlte das beklemmende Gefühl, was er nicht mochte.
„Achso, okay, ich würde es dir beibringen, aber wenn du nicht willst...“
„Okay, ich komme“, schob er schnell hinterher. Er wollte doch mit Jannes zusammen sein, oder etwa nicht? Er hatte doch gewollt, dass sie wieder miteinander redeten. Warum sagte er also gleich wieder das Falsche?
Jannes sah ihn jetzt mit großen Augen an. „Wirklich?“, fragte er als würde er es nicht glauben können.
Vincent nickte. „Lieber am Teich, aber ich hab keine Schuhe.“
Er hoffte, dass tatsächlcih niemand da sein würde. Er konnte sich nicht vorstellen, dass er gut war. Er wollte niemandem Angriffsfläche bieten.
„Ich kann dir welche leihen“, sagte der jetzt. „Ich freu mich... sehr.“
Und Vincent glaubte ihm, weil er glücklich wirkte. Und er konnte kaum glauben, dass er derjenige war, der dafür verantwortlich war.

~~~

Vincent bezweifelte, dass das alles eine gute Idee gewesen war. Wahrscheinlich nicht. Er stand am Rand des Teiches und schon auf festen Boden fühlte er sich wackelig auf den Kufen.
Jannes schien keinerlei solche Probleme zu haben. Vincent sah dabei zu, wie er erst einen Fuß, dann den zweiten auf die Eisfläche stellte. Er holte ein bisschen Schwung und glitt über das Eis.
„Hab das auch schon länger nicht mehr gemacht“, teilte er Vincent mit und fuhr auf dem Eis, als hätte er erst gestern die Eisfläche verlassen. Am Anfang war er vorsichtiger, aber mit jedem Schritt, den er tat wurde er sicherer. Vincent folgte ihm mit den Blicken. Es hatte eine gewisse Ästethik, die Vincent gefiel. Geschmeidige Bewegungen, die erkennen ließen, dass Jannes ein Sportler war. Vincent beneidete ihn auf gewisse Weise, wie er wusste seinen Körper zu bewegen. Er bewunderte es und fand es anziehend. Er schluckte und fühlte sich plötzlich sehr fehl am Platz. Er war das absolute Gegenteil in dieser Hinsicht. Er konnte diese Dinge nicht, sein Körper schien nie das ausführen zu können, was er gerne wollte.
Jannes kam auf ihn zu und hielt am Rand an.
„Willst du es nicht auch versuchen? Du wirst sonst kalt, wenn du dich nicht bewegst.“
Vincent nickte, wusste aber nicht, ob er nicht lieber umdrehen und Heim gehen wollte. Er traute der glatten Eisfläche nicht. Vielleicht wäre eine Eisbahn doch besser gewesen, dort war ein Geländer, an dem er sich festhalten konnte. Hier war nichts dergleichen. Aber als hätte es Jannes geahnt, was Vincent dachte, hielt er ihm die Hand hin.
„Ich helfe dir.“
Vincent nahm Jannes' dargebotene Hand und setzte einen Fuß auf das Eis. Das war noch in Ordnung. Es schien gar nicht so glatt wie er gedacht hatte. Er setzte auch den zweiten Fuß auf das Eis und dann stand er da. Auch das war noch in Ordnung, vielleicht. Aber wie sollte er je einen Fuß hochheben, um zu fahren?
Jannes glitt jetzt ein bisschen weiter, so dass er vor Vincent zum Stehen kam. Er nahm auch seine andere Hand.
„Ich zieh dich einfach ein bisschen, okay?“
Vincent nickte und im nächsten Moment spürte er wie Jannes ihn nach vorne zog. Er lehnte sich nach hinten, um das Gleichgewicht zu halten und dann fuhren sie, langsam aber sie bewegten sich. Auch das war noch okay, dachte sich Vincent. Jannes lächelte ihn an. Vincent bewunderte seine Geduld. Wahrscheinlich hätte jeder andere schon jetzt keine Lust mehr gehabt.
Jannes beschleunigte das Tempo etwas und Vincent begann sich etwas sicherer zu fühlen. Langsam gewöhnte er sich daran, wie er den Körper halten musste, damit er sicherer auf den Schlittschuhen stand. Ob das Ganze aber auch funktionierte, wenn er sich selbst bewegen wollte, wagte er zu bezweifeln. Bei Jannes sah alles so einfach aus. Sie fuhren eine kleine Kurve.
„Läuft doch", meinte Jannes und vielleicht hätte er das nicht sagen dürfen. Vincent sah ihn an, vielleicht verlor er auch etwas an Konzentration. Die Kufe seines Schlittschuhes blieb an irgendwas hängen. War etwas auf dem Eis gewesen? Oder war es das Eis selbst? Vielleicht hatte er den Schuh nur ungünstig verkantet. Als ihm die Sicherheit des zweiten Standbeines genommen wurde, verlor er das Gleichgewicht. Seine Finger krallten sich reflexartig an Jannes fest, während der ihn noch immer nach vorne zog. Im nächsten Moment fielen sie. Vincent spürte Jannes Körper unter sich, und hörte ein Ächzen, als er auf ihn fiel. Vincent brauchte einen Moment, um die Orientierung wieder zu finden und rappelte sich dann schnellstmöglich in eine aufrecht sitzende Position. Auch Jannes versuchte sich aufzurichten und stöhnte.
„Autsch“, sagte er und rieb sich die Seite.
„Tut mir Leid.“ Es war Vincents schuld, er war zu unfähig. Warum war er hier her gekommen? Er wusste ja, dass er nicht sportlich war.
„Ich sollte nach Hause gehen“, sagte er nun und wollte sich schnellstmöglich von Jannes losmachen, aber Jannes hielt hn fest.
„Warte, Vince. Ist doch nicht schlimm, es ist normal, dass man hinfällt, wenn man das Schlittschuhlaufen lernt.“
Ja, vielleicht war es normal, aber wahrscheinlich würde Vincent es sowieso nie so wirklich lernen.
„Ich weiß nicht“, sagte er ausweichend, war aber gezwungen zu bleiben, weil Jannes ihn noch immer nicht los ließ.
„Vielleicht solltest du nicht so schnell aufgeben“, meinte Jannes dann. „Ich mein, ist wie bei mir mit Mathe, darin hab ich kein Talent, aber wenn ich es trotzdem mache, dann kann ich es auch irgendwann.“
„Das ist nicht dasselbe, du musst Mathe weitermachen, es ist ein Pflichtfach. Wenn du es nicht müsstets, dann würdest du es schon längst nicht mehr machen.“
Man konnte es nicht vergleichen und Jannes Gesichtsausdruck zeigte ihm, dass es stimmte.
„Naja,“, meinte er dann. „Aber wenn ich es dann verstehe, macht es trotzdem Spaß, weißt du. Irgendwie“ Es schien beinahe, als wäre es ihm unangenehm das zuzugeben. „Vielleicht macht dir das Schlittschuhe laufen auch Spaß, wenn du es dann kannst.“
Vincent bezweifelte das, aber Unrecht hatte Jannes auch nicht. Wissen konnte er es erst, wenn er es wirklich ausprobiert hatte. Und eigentlich war die Sache ja auch gar nicht so schlimm. Schließlich war Jannes ja mit hier, das hatte er doch gewollt. Er wollte etwas mit Jannes machen.
Also stand Vincent auf, was gar nicht so einfach auf dem Eis war.
„Okay“, sagte er und Jannes lächelte ihn an.
Vincent beobachtete wie Jannes sich bewegte. Er musste es ja nur genauso machen. Er versuchte seine Bewegungen nachzuahmen. Es schien ihm nicht so, als hätte er er Erfolg, aber es wurde besser. Er fühlte sich nach einiger Zeit nicht mehr so wackelig und konnte eine gewisse Strecke fahren. Jannes bleib neben ihm stehen. „Es schneit“, sagte er mit einem Lächeln. "Momentan schneit es fast immer, wenn wir zusammen sind.“ Er sah nach oben. „Früher habe ich immer die Schneeflocken versucht aufzufangen.“
Jannes öffnet den Mund und versuchte Schneeflocken mit der Zunge zu fangen. Sie schmolzen auf der Stelle und Vincent dachte sich, dass er ebenso schmelzen würde. Dass es das wunderbarste Schicksal einer Schneeflocke war auf Jannes' Zunge zu zerschmelzen.
„Deine Schneeflocken haben besser geschmeckt“, meinte Jannes dann, nachdem er es aufgegeben hatte die Flocken zu fangen. Er fasste Vincents Hand und presste einen kleinen Kuss auf Vincents Mund, nur kurz, aber es ließ Vincents Lippen kribbelnd zurück.
„Wollen wir heim? Nicht, dass wir wieder eingeschneit werden.“

Eine halbe Stunde später waren sie bei Jannes zu Hause. Zum Glück hatte es nicht so sehr geschneit, als beim letzten Mal und sie waren nicht vom Schnee durchgeweicht. Cherry kam zu ihnen und begrüßte sie freudig, als sie das Haus betraten. Vincent beugte sich hinab und streichelte den Hund. Wenn er etwas von ihr gelernt hatte, dann die Tatsache, dass Hunde einen nicht anlogen. Sie taten nicht, als würden sie einen mögen, obwohl sie es nicht taten. Er streichelte das weiche Fell.
„Vince, du bleibst doch noch, oder?“
Vincent sah auf, zu Jannes, der unsicher wirkte. Warum? Weil er dachte, dass Vincent gehen würde. Er wollte nicht gehen. Oder fühlte sich Jannes gezwungen ihn einzuladen?
Vincent nickte und Jannes wirkte erleichtert.

Vincent hatte sich auf Jannes Sofa gesetzt, während Cherry ihn belagerte.
„Sie liebt dich“, meinte Jannes, als er wieder herein kam. Er hatte zwei Tassen in der Hand, die er auf dem Tisch abstellte.
„Heiße Schokolade zum aufwärmen“, gab er als Erklärung hinzu und setzte sich neben Vincent auf das Sofa.
„Ich hab ja gesagt, dass sie den gleichen Geschmack hat, wie ich.“
Vincent hatte sich vorgebeugt, um eine der Tassen zu nehmen und stutze dann. Was meinte Jannes damit? Er sah auf und Jannes wich seinem Blick aus. Er deutete es falsch. Er musste es falsch deuten.
„Ist dir kalt?“
Jannes wartete keine Antwort ab und griff nach einer Decke. „Du frierst schnell, oder?“
„Ja, schon“, sagte Vincent, sonst war er im Winter nicht so viel draußen, wie es zur Zeit der Fall war.
„Wenn ich dich schon rausschleppe, dann muss ich auch dafür sorgen, dass dir wieder warm wird., meinte Jannes mit einem Zwinkern und breitete die Decke über sie beide aus.
„Wir könnten einen Film zusammen gucken, wenn du magst.“
Vincent nickte. Das hörte sich gut an. Er konnte mit Jannes zusammen sein, aber er musste keine Gespräche führen. Es war nicht so, dass er nicht gerne mit Jannes redete. Er wusste nur oftmals nicht, worüber man sich unterhalten sollte. Auch, wenn es ihm bei Jannes einfacher fiel, der ja sowieso die meisten ihrer Gespräche füllte.
Jannes schaltete den Fernseher ein und öffnete die App einer dieser Streaming-Dienste. Er schaltete durch die Filme.
„Ich weiß nicht mal, welche Filme du magst“, meinte er dann nachdenklich. „Hast du einen Lieblingsfilm?“
Vincent schüttelte den Kopf. Er kannte nicht viele Filme und von denjenigen, die er gesehen hatte, hatte ihn keiner so recht begeistern können.
„Nicht mal nen Genre, was du mir geben kannst?“
Er dachte nach, aber ihm fiel nichts ein. Man sollte wissen, was man mochte, oder etwa nicht? Zumindest schien Jannes es zu erwarten. Er schaltete durch die Filme und sagte nichts, weshalb Vincent nur erneut den Kopf schütteln konnte.
„Ich wette du magst Science-Fiction, is' ja zumindest irgendwie naturwissenschaftlich.“
Er machte bei einem Film halt. Vincent sagte der Titel nichts. Anscheinend handelte es sich um eine Geschichte, die auf einer Raumstation spielte.
„Warum nicht der?“
Vincent war es nur recht, wenn Jannes entschied, er wollte nichts falsch machen. Jannes lehnte sich zurück, dann sah er zu Vincent.
„Sag mal, Vince, sind wir eigentlich noch zusammen?“
Vincent spürte, wie er sich bei der Frage anspannte. Warum fragte Jannes ihn das? Wollte Jannes noch mit ihm zusammen sein? Die ganze Sache verwirrte ihn.
„Ich weiß nicht.“
Er konnte Jannes nicht anblicken. Warum waren solche Sachen so schwierig? Was sollte er sagen? Sollte er sagen, dass er noch mit Jannes zusammen sein wollte? Aber was war, wenn der nicht mehr mit ihm zusammen sein wollte.
„Sind wir noch zusammen?“
Jannes hatte ihn doch gemieden, aber das stimmte wiederum auch nicht. Jannes hatte sich nur verhalten wie immer, bevor sie zusammen gewesen waren. Wenn er sich verhielt, wie es davor der Fall war, dann waren sie nicht zusammen, oder?
„Du hast mich behandelt, als wären wir nicht zusammen.“
Er sah Jannes jetzt doch an, er musste ihn ansehen um seine Reaktionen sehen zu können. Er hoffte nur nichts misszudeuten. Jannes runzelte die Stirn. „Weil du gesagt hast, du wolltest nichts mit mir machen.“
Hatte er das gesagt? Er konnte sich nicht daran erinnern.
„Wann habe ich das gesagt?“
„Nach dem Weihnachtsmarkt, als du ohne mich gegangen bist.“
Und dann erinnerte er sich an den Moment, als Jannes so verletzt ausgesehen hatte, das Gespräch nach dem Weihnachtsmarkt. Und er erkannte, was er falsch gemacht hatte. Jannes hatte ihn missverstanden.
„Nein! Ich meinte das nicht so. Ich wollte nur, dass du etwas mit deinen Freunden machst. Ich will nicht, dass du sie wegen mir verlierst.“
„Oh!“, sagte Jannes und sah ihn groß an. „Wolltest du deshalb überhaupt mit den anderen auf den Weihnachtsmarkt?“
Vincent nickte. „Es liegt doch an mir, dass sie sich über dich lustig machen“
Vincent schämte sich, es auszusprechen machte die Sache noch realer. Jannes sollte nicht so viel mit ihm zusammen machen und irgendwann würde er das auch selbst erkennen. Vielleicht jetzt, nachdem Vincent es ihm vor Augen geführt hatte. Er wollte das nicht, dass Jannes erkannte, wie sehr ihm Vincent schadete.
„Vince...“ Jannes beugte sich vor und blcikte Vincent an, als wolle er Vincents Blick mit seinem eigenen festhalten. „Diejenigen, die jetzt meinen auf uns beiden rumhacken zu müssen, das sind nicht meine Freunde. Ich will solche Leute auch gar nicht als Freunde. Es ist nicht deine Schuld, okay?“
Vincent sagte nichts, es beruhigte ihn ein wenig, dass Jannes ihm die Schuld nicht gab. Er selbst glaubte aber immer noch daran, dass er sehr wohl Schuld hatte. Weil er so egoistisch war und Jannes nicht loslassen konnte.
„Selbst Stefan hat gesagt, dass es ihn stört, wenn du über mich redest.“
Jannes lachte kurz. „Stefan? Der soll sich mal nicht so anstellen, der redet selbst ständig von irgendsoeiner Truller aus seinem Karate-Verein auf die er total abfährt. Das kann auch ganz schön nerven. Den werd' ich auch nicht so schnell los, glaub mir.“
Jannes rückte näher an ihn ran, dann legte er einen Arm um Vincent und zog ihn zu sich.
„Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Ich hab nicht gewusst, dass du dir so viele Gedanken darum machst. Die anderen sind mir egal, zumindest diejenigen, die mir die Freundschaft kündigen, weil ich mit dir zusammen bin. Du bist mir wichtig.“
Vincent schluckte schwer, warum konnte Jannes so etwas einfach so sagen? Es löste so viele Sachen in ihm aus, so viele Emotionen, die er nicht so recht einzuordnen wusste. Es war warm und er wollte Jannes etwas zurückgeben.
„Du mir auch“, sagte er und hatte gleich wieder das Gefühl, dass es nicht genug war. Aber Jannes lächelte ihn an.
„Du bist so süß“, murmelte er und dann küsste er Vincent und wischte alle Gedanken, die Vincent hatte sagen wollen, beiseite.
„Also“, sagte er dann, nachdem er sich wieder von Vincent gelöst hatte. „Wir sind einfach so lange zusammen bis einer von uns wirklich sagt, dass wir nicht mehr zusammen sind, okay? Wie viel Zeit wir mit so einem unsinnigen Missverständnis vergeudet haben. Das darf uns nicht wieder passieren. Und jetzt“, er setzte sich um, lehnte sich zurück und zog Vincent noch näher. „Lass uns den Film gucken. Reicht auch mit den tiefgründigen Gesprächen.“
Einen Moment lang wusste Vincent nicht, was er tun sollte, aber dann entspannte er sich und lehnte sich bei Jannes an, der die Decke hochzog und dann den Arm um Vincent schlang.
Vincent hatte so etwas noch nie mit jemandem gemacht, so lange so eng beieinander gesessen, aber es war nicht schlecht. Ihm war warm, er konnte Jannes fühlen, wie er atmete, das Leben, was von ihm ausging, seinen Geruch, nach Sonne, obwohl es Winter war und nach Jannes. Er hatte beinahe Schwierigkeiten sich auf den Film zu konzentrieren, als Jannes diesen anschaltete, weil er von Jannes Nähe so eingenommen war.

~~~

Vincents Herz klopfte aufgeregt in seiner Brust. Im Laufe der letzten Woche hatte Jannes ihn gefragt, ob er mitkommen wollte auf ein Doppeldate. Jannes und er, sowie Stefan und das Mädchen aus seinem Karate-Kurs. Jannes hatte furchtbar aufgeregt gewirkt, als er Vincent gefragt hatte. Und Vincent hatte nur ja sagen können. Er wäre mit Jannes zusammen und gleichzeitig unternahm Jannes etwas mit seinem besten Freund. Stefans Großvater hatte einen großen Garten inklusive einer Hütte an einem Teich. Sie wären nur zu viert dort, ohne jemand anderes aus der Stufe. Natürlich machte es Vincent ein wenig Angst jemand Neues kennen zu lernen, aber Mädchen waren in ihrem Urteil meist weniger hart ihm gegenüber. Und Stefan? Da es ein Doppeldate war, musste Jannes ihm gesagt haben, dass er Vincent mitbrachte. Er musste ihm gesagt haben, was zwischen ihnen war und anscheinend hatte er es akzeptiert, sonst würde dieses Doppeldate wohl kaum stattfinden. Das erleichterte Vincent, er wollte nicht, dass Jannes diese Freundschaft im Speziellen verlieren würde. Schließlich war sie wichtig. Und eine Freundschaft zu Vincent war eine Sache, eine Beziehung noch eine ganz andere.
Sie waren gerade aus dem Bus gestiegen. Jannes wechselte von einem Fuß auf den anderen. Er sah sich um.
„Ich denke es ist in dieser Richtung.“ Er deutete die Straße entlang. Dann nahm er Vincents Hand und ging los. Vincent wurde mit jedem Schritt nervöser. Es wäre schon in Ordnung, dachte er sich. Aber ein ungutes Gefühl blieb. Er wusste schließlich nicht, wie Stefan im speziellen auf ihre Beziehung reagiert hatte. Dass Jannes ebenfalls nervös war, schien ihm kein gutes Zeichen. Wenn Stefan die Sache so locker weggesteckt hätte, warum sollte Jannes dann nervös sein? Kam es Vincent nur so vor oder verlangsamte Jannes sogar seine Schritte je näher sie ihrem Ziel kamen.
„Wie hat Stefan das mit uns eigentlich aufgenommen?“, fragte er in den Wind hinein, der ihnen entgegenbließ. Jannes Hand schloss sich einen Moment fester um die von Vincent, als wolle er ihn festhalten. Oder vielleicht wollte er sich festhalten?
„Naja...“, sagte er und blieb stehen, zwang Vincent somit auch stehen zu bleiben „ich habe es ihm nicht gesagt.“
Jannes betonte es beinahe als wäre es eine Frage. Vincent wusste nicht, was er sagen sollte. Stefan wusste es nicht. Es war noch gar nicht gesagt, dass er es akzeptieren würde.
„Ich mein, ich hätte es ihm sagen sollen, ich weiß, ich wollte es auch, aber...“ Jannes brach ab, er schaute Vincent nicht an.
„Tut mir Leid, ich wusste irgendwie nicht, wie ich es ihm sagen sollte und es hat sich auch gar nicht richtig die Gelegenheit ergeben.“
Sie schwiegen einen Moment, Vincent fühlte sich etwas verloren. Er würde direkt mitbekommen, was Stefan davon halten würde. Er schätzte, dass es nicht viel sein würde.
„Hat er gar nicht gefragt mit wem du kommst?“
Jannes schüttelte den Kopf. „Ich denke er erwartet irgendein Mädchen, was er nicht kennt? Ich weiß es nicht.“
Er machte einen Schritt auf Vincent zu.
„Tut mir Leid, ich weiß dass die Situation blöd ist. Aber vielleicht ist es auch ganz gut so, ich denke nicht, dass er als homophobes Arschloch vor seiner Flamme dastehen will.“
Ja, vielleicht, vielleicht würde das klappen, zumindest für diesen Abend. Aber auf die Dauer würde es ihnen oder im Speziellen Jannes nicht helfen. Ging er nicht sogar selbst davon aus, dass es schief gehen würde? Sonst hätte er nicht solche Probleme damit es Stefan zu sagen. Trotzdem nickte Vincent. Jetzt war es eh zu spät einen Rückzieher zu machen.
„Es wird sicher schön“, sagte Jannes und hörte sich so an, als müsse er viel eher sich überzeugen, anstatt Vincent. Dann gab er ihm einen Kuss, seine Lippen waren kühl.
Sie gingen weiter und standen kurze Zeit später vor einer Haustür, die eine ältere Frau öffnete, die sie schon erwartete. Das Grundstück schien riesig zu sein. Die Frau hatte sie ein Stückchen weiter geschickt bis sie zuerst ein paar Bäume erreichten hinter denen sich ein großer Teich verbarg. An einer Seite war ein Steg und dort stand eine Holzhütte.
„Wow“, meinte Jannes, als er den Blick schweifen ließ. „Das nenn ich mal romantisch.“
War es wahrscheinlich auch. Vincent kannte sich mit Romantik nicht wirklich aus. Außerdem waren seine Gedanken gerade ganz woanders.
Wenige Sekunden später klopften sie an die Holztür der Hütte und ein breit lächelnder Stefan öffnete ihnen die Tür. Aber sein Lächeln hielt nur solange bis sich sein Blick auf Vincent legte. Seine Stirn runzelte sich, aber er trat dennoch einen Schritt zur Seite, um sie hinein zulassen.
Ein Mädchen mit brünetten langen Haaren sah ihnen lächelnd entgegen, als sie eintraten. Aber Stefan stellte sie nicht vor, er sah jetzt beinahe wütend aus.
„Was soll das?“, fragte er und sah Jannes dabei an, als wolle er keine unnötigen Blicke auf Vincent verschwenden. „Hat dein Mädchen abgesagt und da hast du dir gedacht: Ach, nehme ich doch meinen neuen besten Kumpel Vinni mit?“
„Du sollst ihn nicht so nennen!“, sagte Jannes jetzt mit deutlicher Verärgerung in der Stimme. Es schien nicht so, als liefe es, wie er sich das vorgestellt hatte. Vincent senkte den Blick, er hatte es ja gewusst.
„Dies hier ist ein Doppeldate“, sagte Stefan jetzt, als müsse er es Jannes in Erinnerung rufen.
„Ja“, sagte Jannes und Stefans Blick wurde noch finsterer
„Warum...“ setzte er erneut an, aber dann wurde er unterbrochen, weil das Mädchen ihn am Arm fasste.
„Stefan, er ist sein Date.“ Sie deutete mit einem Kopfnicken hinab, dorthin, wo Jannes' und Vincents Hände noch immer mit einander verlinkt waren. Stefans Augen wurden groß, dann wechselte sein Gesichtsausdruck zu Verwirrung. Er sah Jannes erneut an.
„Du bist... schwul?“
Jannes wurde rot, nickte dann und ein nervöses Lächeln umspielte seine Lippen. „Is wohl so, oder?“
Dann war es einen Moment still.
Und dann passierte etwas, womit Vincent nicht gerechnet hatte. Stefan brach in Gelächter aus.
„Okay, Jannes, du hast mich dran bekommen.“ Er klopfte ihm dann auf die Schulter. „Ich hab' das wirklich einen Augenblick geglaubt. Du kannst ihn jetzt loslassen.“
Er deutete auf ihre Hände. „Echt mal, als ob ich nicht mitbekommen hätte, wenn du schwul wärst.“
Aber Jannes ließ Vincent noch immer nicht los.
„Es stimmt aber.“
Stefan grinste. „Ja, genau und ich bin mit der Kanzlerin verheiratet. Kommt schon, dann wirds halt kein Doppeldate.“
Aber Jannes blieb stehen, seine Stirn war gerunzelt, als überlege er, wie er Stefan klar machen konnte, dass es Realität war, kein Scherz.
„Das ist echt kein Witz.“
Er drehte sich zu Vincent und zog ihn an der Hand zu sich. Er sah ihm in die Augen. Er war noch immer nervös, natürlich war er das. Im Grunde hatte sich noch nichts geändert. Aber Jannes lächelte ihn an und dann beugte er sich vor und ihre Lippen berührten sich.
Es war merkwürdig zu wissen, dass jemand ihnen zusah, als sie sich küssten. Aber es dauerte nur Sekundenbruchteile bis Vincent es vergass. Immer wenn sie sich küssten, schien für einige Augenblicke alles perfekt zu sein. Weil es passte, weil sich Jannes Lippen warm anfühlten und Vincent es selbst glauben konnte, dass Jannes bei ihm bleiben würde.
Als Jannes einen Schritt von ihm wegtrat, hatte Vincent längst vergessen, dass sie nur einen Beweis geliefert hatten. Jannes Blick aber löste sich von Vincent und nach einem Moment schwang er rüber zu Stefan. Scham kroch in Vincent hoch, jetzt war es ihm beinahe unangenehm in Richtung der anderen zu sehen, aber er tat es trotzdem. Stefan starrte sie an. Oder er starrte viel mehr Jannes an. Das schien ihm wohl Beweis genug gewesen zu sein. Und Vincent wurde klar, dass dies jetzt der Moment der Entscheidung über die Freundschaft zwischen Jannes und ihm war.
Aber Stefan sagte nichts. Stattdessen trat jetzt das Mädchen einen Schritt vor, es streckte seine Hand Jannes entgegen. „Ich bin nicht sicher, ob Stefan das heute noch macht. Also ich bin Elena.“
Nach einem kurzen Augenblick nahm Jannes Ihre Hand. „Ich bin Jannes und das...“ er deutete in Vincents Richtung „.. ist Vince.“
Sie gab auch Vincent die Hand und er war froh darüber, dass sie sich verhielt als wäre nichts gewesen. Und auch Vincent behandelte sie normal, während Stefan im Folgenden sehr still war. Jannes und Vincent zogen die Jacken aus und gingen in den Raum hinein, der direkt an den Türbereich anschloss. Im Grunde bestand die Hütte nur aus einem Raum. Es gab eine Theke, davor ein paar Barhocker. Einen Kamin und eine Sofagarnitur, außerdem noch einen großen Fernseher. Der war eigentlich dazu da, um Fußball zu gucken, denn Stefans Großvater war Fußballfan, davon zeugten die Wimpel und Schals, die an den Wänden angebracht waren. Der Plan ihres Abends war allerdings Pizza zu bestellen und einen Film zu gucken.
„Wenn ihr wollt könnt ihr den Kamin anmachen, ich hole Getränke.“ Stefan verschwand mit diesen Worten hinter der Theke, wohin Elena ihn folgte und Vincent war froh etwas zu tun zu haben. Das Feuerholz befand sich noch in einem Korb neben dem Kamin. Jannes begann etwas davon in den Kamin zu stapeln. Aber sein Blick ging immer wieder Richtung Theke, hinter der sich irgendwo Stefan befand.
„Wir sollten zuerst Papier und kleinere Holzscheite hineinlegen und darauf das Holz stapeln, dann brennt es besser“, sagte Vincent und Jannes sah ihn zunächst verwirrt an, lächelte aber dann und nickte.
„Du hast recht, natürlich hast du das.“
Sie schichteten das Holz um.
„Denkst du es ist alles in Ordnung?“, fragte Vincent dann leise und deutete Richtung Theke. Aber Jannes zuckte mit den Schultern.
„Stefans Verhalten war etwas merkwürdig, keine Ahnung, kenne ich so von ihm nicht. War vielleicht doch nicht so gut ihn damit zu überfallen.“ Aber er schüttelte dann den Kopf. „Wahrscheinlich muss er sich nur erst an den Gedanken gewöhnen. Das wird schon.“
Er lächelte, aber es war nicht das Strahlen, was er sonst hatte. Er machte sich dennoch Gedanken.
Sie zündeten das Papier an und nach kurzem hatten sie ein kleines Feuer entfacht, was an dem Holz leckte.Auch Stefan kam mit den Getränken zu dem kleinen Tisch, der bei der Sofagarnitur stand und stellte verschieden Flaschen darauf ab, ebenso die Flyer des Pizza-Restaurants.

Jannes und Vincent hatten sich auf das Zweier-Sofa gesetzt, während Elena und Stefan es sich auf dem Dreier gemütlich gemacht hatten. Sie warteten auf den Pizza-Dienst und das Kaminfeuer strahlte eine Wärme aus, die Vincent jetzt begrüßte. Er hatte zuvor nicht gemerkt, dass es eigentlich kühl in der Hütte gewesen war.
Vincent empfand die Stimmung als merkwürdig. Kaum jemand sagte etwas. Es wäre wahrscheinlich besser gewesen, Jannes hätte jemand anderes mitgebracht, natürlich wäre es das gewesen. Und als hätte er Vincents Gedankengänge erraten, legte Jannes seine Hand auf die von Vincent, drückte sacht zu. Es beruhigte Vincent tatsächlich etwas. Er war es, der gewollt hatte, dass Vincent mitkam. Er hatte gewollt, dass Stefan von ihnen wusste.
„Und das alles wegen einer Wette.“ Beide sahen sie zu Stafan, der sie fixierte. „Ehrlich, an den Gedanken muss ich mich echt erstmal gewöhnen. Aber zumindest bin ich dann wohl nicht als bester Freund ersetzt worden.“
„Ne, warum auch?“, fragte jetzt Jannes. Das hieß, dass sie noch befreundet waren, oder? Zumindest schloss Vincent das, aus Stefans Bemerkung. Anscheinend war er wirklich davon ausgegangen, dass Vincent ihm Konkurrenz machen könnte.
„Eine Wette?“, fragte Elena jetzt. „Was für eine Wette?“
Jannes stöhnte. „Ich würde lieber nicht darüber reden, war nicht gerade eine meiner Sternstunden.“
Aber anscheinend hatte Stefan kein Mitleid, vielleicht wollte er auch nur Rache üben.
„Ne, Jannes erzähl mal, wie ihr zusammen gekommen seid. Interessiert mich nämlich jetzt auch.“
Vincent gefiel es nicht, dass er so im Mittelpunkt stand, aber zumindest übernahm Jannes das Reden. Er erklärte Elena, dass sie seit Jahren in einer Klasse gewesen waren.
„Ich habe Vince ehrlich gesagt nie so richtig wahr genommen, weil er so abgeschirmt war“, erklärte er dann. „Bis Tobias mir den Vorschlag mit der Wette gemacht hat. Er hatte gemeint, dass ich mich mit Vince anfreunden soll, oder so tun soll als ob. Wenn ich das schaffe, dann hat er mir Geld geboten."
"Ich erinner' mich, du hast das gemacht, weil du das Trikot wolltest", warf Stefan ein.
Jannes senkte den Blick, es schien ihn unangenehm zu sein über die Sache zu reden. Vincent wollte das Gespräch nicht weiterführen, aber auf der anderen Seite hatte er niemals mit Jannes über die Wette geredet. Er hatte nie hinterfragt, welche Motive Jannes wirklich gehabt hatte.
"Welches Trikot?", hakte er nach. Und Jannes sah ihn jetzt doch wieder an. "Du weißt schon, der Spieler von dem ich die Poster in meinem Zimmer hängen hatte."
Vincent erinnerte sich an die Poster in Jannes Zimmer, die jetzt nicht mehr dort waren.
"Ich wollte mir unbedingt das Trikot der Mannschaft kaufen und es beschriften lassen. Die Dinger sind aber ziemlich teuer und ich dachte einfach, dass ich durch die Wette schnell an Geld kommen könnte. Ich hab' aber ehrlich gesagt nicht daran geglaubt, dass das wirklich klappen könnte."
Natürlich hatte Jannes es wegen des Geldes getan, das hatte Vincent ja gewusst, aber er hatte nicht gewusst, dass er sich etwas Bestimmtes hatte kaufen wollte. Etwas, was er sich sicher sehr gewünscht hatte zu dem Zeitpunkt. Es rückte die ganze Sache in ein etwas anderes Licht.
"Hast du es dir gekauft?"
Jannes schüttelte den Kopf, beinahe schon energisch. "Es hätte mich nur immer daran erinnert, was für nen Mist ich gebaut habe."
Er schilderte Elena knapp, wie er versucht hatte mit Vincent zu reden, dass er zunächst dachte, er würde nie zu ihm durchkommen. Aber dann war es doch einfacher, als er es sich vorgetellt hatte.
"Je mehr ich Vince kennen gelernt habe, desto mehr wollte ich über ihn wissen und desto... mehr mochte ich ihn."
Er wurde rot bei den Worten. "Aber da war ja noch Tobias. Ich wollte eigentlich nur, dass er Ruhe gibt, also dachte ich, dass ich die Wette einfach abschließe. Er hatte ja nicht genau gesagt, was er haben wollte. Vincent hat da diese Roboter, die er selbst baut, ihr solltet sie sehen. Die sind wirklich großartig. Er baut sie zusammen und dann programmiert er sie und jeder von ihnen kann etwas anderes."
"Jannes!", meinte Stefan jetzt und verdrehte dabei die Augen.
"Sorry, also ich habe mir einen von den Robotern ausgeliehen und ihn Tobias gegeben."
Es war also würde er zusammen sinken, als er davon erzählte.
"Ich dachte persönlicher kann es kaum sein, es war schließlich selbst gebaut. Hat aber Tobias nicht gereicht."
Er machte eine Pause.
"Und ich habe gehört, als du ihn Tobias gegeben hast."
"Ja," Jannes sah ihn jetzt wieder an. "Die Wette war mir zu dem Zeitpunkt doch total egal. Oder das Geld. Ich wollte nur mit dir befreundet sein. Ich hab' es so sehr bereut diese Wette angenommen zu haben, aber wenn ich es nicht getan hätte, dann hätte ich dich doch nie wirklich kennen gelernt."
Vincent schluckte, er wusste nicht, was er sagen sollte. Er erinnerte sich daran, wie es sich angefühlt hatte, als er herausgefunden hatte, dass Jannes nur mit ihm gesprochen hatte, dass er nur nett zu ihm gewesen war, weil er diese Wette hatte erfüllen wollen. Wie sehr es geschmerzt hatte und wie viel Angst er davor gehabt hatte, wieder diesen Schmerz zu fühlen, wenn er sich erneut auf Jannes einlassen würde.
Er hob die Hand und sah erst dann, dass sie zitterte. Er wollte sie im ersten Moment wieder zurück ziehen, aber dann tat er etwas anderes. Er legte seine Hand auf die von Jannes.
"Ist okay", sagte er, nicht mehr und wahrscheinlich war es zu wenig und doch schien es zu reichen. Jannes lächelte, er nickte. Er hatte ihn verstanden. Vincent wusste nicht, ob er die Sache mit der Wette jemals wirklich vergessen können würde, aber es war, wie er gesagt hatte. Er hatte es verstanden. Am Anfang war es das gewesen, der Grund, warum Jannes mit ihm gesprochen hatte. Aber später hatte sich das geändert.
Jannes schreckte auf, als ein Geräusch den ansonsten stillen Raum erfüllte. Es war Stefan gewesen, der sich geräuspert hatte, laut und auffällig. Jannes blinzelte einige Male und schien beinahe, als hätte er vergessen, dass sie nicht allein waren.
"Sorry", murmelte er, ließ aber Vincents Hand nicht los.
"Wie lange ist das her?", fragte jetzt Elena.
Jannes zuckte mit der Schulter. "Drei Jahre? Oder vier?"
"Drei Jahre sieben Monate und sechzehn Tage", beantwortete Vincent die Frage und es legte sich ein Schatten über Jannes Gesichtszüge. Weil er es so genau wusste? Wahrscheinlich, Vincent hatte Jannes keine Schuld geben wollen. Er wusste solche Sachen einfach.
"Und ihr seid zusammen seid...?", fragte sie nun weiter.
"Zwei Monate und vier Tagen." Zumindest wenn man von dem Tag auf der Kirmes ausging, auf der Jannes ihn gefragt hatte, ob sie zusammen sein wollten.
Und Jannes Gesicht erhellte sich, er nickte jetzt. "Ja, seit der Kirmes."
"Wow, da sind ja Jahre zwischen", sagte Elena jetzt. "Ich mein, das ist total romantisch. Würdest du solange auf mich warten?", fragte sie jetzt mit einer hochgezogenen Augenbraue in Stefans Richtung.
"Natürlich", antwortete er und Vincent dachte darüber nach. Was meinte sie, dass es romantisch sei? Hatte Jannes auf ihn gewartet? Vincent hatte nicht das Gefühl gehabt. Aber dann dachte er daran, wie Jannes immer wieder versucht hatte ihn anzusprechen oder zu schreiben. Nie wirklich aufdringlich, so dass es Vincent nicht wirklich aufgefallen war, aber doch immer wieder. Und Vincent hatte meistens abgesagt, hatte befürchtet, dass es wieder weh tun würde. Vielleicht hatte Jannes tatsächlich gewartet. Er wusste nicht, ob es romantisch war. Er verstand nicht, was andere als romantisch empfanden, aber es war etwas, was ihn berührte. Jemand, der so lange wartete, der würde denjenigen nicht wieder so schnell verlassen, oder?
Stefan und Elena waren beschäftigt, plänkelten noch immer herum. Vincent sah Jannes an, dann beugte er sich vor und küsste ihn. Und es war das erste Mal, dass er Jannes küsste, das wusste er. Das erste Mal, dass er die Initiative ergriff. Im ersten Moment reagierte Jannes nicht und Vincent fragte sich, ob es der falsche Augenblick gewesen war. Er wollte sich zurückziehen, aber dann erwiderte Jannes den Kuss.
Sie lösten sich voneinander und Jannes strahlte. Es war warm, wie Sonnenstrahlen und so eindeutig Jannes, so einmalig. Und Vincent versuchte den Gedanken zu fassen, dass er dies hier wirklich haben konnte. Vielleicht sogar für länger.
Benutzeravatar
Sammy-chan
Forum Admin
Forum Admin
Beiträge: 6381
Registriert: 08.2010
Geschlecht: weiblich


Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 0 Gäste

cron