Percy Weasley und das Geheimnis um Father Christmas

Percy Weasley und das Geheimnis um Father Christmas

Beitragvon chaotizitaet » 25. Dez 2017, 18:40

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Auf diesem Weihnachtsgeschenk steht ganz groß 'Für Abranka' drauf. Viel Spaß damit (und allen Fehlern, die du vielleicht noch findest...).

Ich wünsche dir schöne Weihnachten!


Percy Weasley und das Geheimnis um Father Christmas


Weihnachtszeit im Fuchsbau bedeutete, je nach Betrachtungsweise, gemütliches Gedränge oder chaotische Enge. Percy Weasley, seines Zeichens geplagtes mittleres Kind einer Schar von nicht weniger als sieben Sprösslingen, ohne die Vorteile eines Verbündeten in Form eines Zwillings, den seine nächstjüngeren Brüder Fred und George genossen, wusste noch nicht, ob er die aktuelle Situation mehr als Gemütlichkeit oder Chaos betrachtete. Beim Abendessen oder dem morgendlichen Schlangestehen vor dem Badezimmer empfand er es eher als beengt und chaotisch, beim Schachspielen oder Lesen in gemeinsamer Runde im Wohnzimmer jedoch als herrlich behaglich. Wie man es aber auch betrachtete, ein Gutes hatte die Weihnachtszeit in jedem Fall für ihn: Bill und Charlie waren für die Weihnachtsferien aus Hogwarts zurück. Und das hieß, dass Percy nicht mehr der Älteste war und somit auch nicht mehr all die Verantwortung eines Ältesten übernehmen musste. Jetzt war es an Bill und Charlie auf Ginny oder Ron aufzupassen und zu verhindern, dass die Zwillinge den Fuchsbau mit ihren Experimenten in die Luft jagten. Und er selbst würde endlich Zeit finden, den neusten Band der Drei Fragezeichen zu lesen, den er zum Geburtstag bekommen hatte. Wenn man bedachte, dass sein Geburtstag im August gewesen war, konnte man sich vorstellen, wie sehr ihn seine jüngeren Geschwister auf Trab gehalten hatten. Dabei liebte Percy Krimis über alles. Zu gerne hätte er, wie die Helden in den Büchern, zusammen mit seinen Freunden eine Detektivbande gegründet und die Geheimnisse und Kriminalfälle in Ottery St. Catchpole gelöst. Auch wenn diese meist überaus simpel waren. Ein verschwundener Apfelkuchen in etwa, war in Fred, Georges und Rons Magen zu finden. Und der entführte Gartengnom war gar nicht entführt worden, sondern seine Mutter hatte ihren Vater endlich mal wieder dazu bekommen, den Garten am Wochenende zu entgnomen.
Dann war da noch das Problem mit den Mitgliedern seiner Detektivbande. Fred und George konnte man gelegentlich rekrutieren, aber die waren lieber mit ihren Streichen und Experimenten beschäftigt. Außerdem bestand dann Ron immer darauf, dass er auch mitspielen wollte und leider intervenierte ihre Mutter nur allzu oft in Rons Sinn. Ansonsten gab es in der näheren Umgebung des Fuchsbaus nur noch zwei weitere magische Familien und nur die Diggorys hatten einen Jungen, der etwa in seinem Alter war. Denn es verstand sich von selbst, dass Percy die magischen Kriminalfälle lösen wollte. Die nichtmagischen Fälle überließ er den örtlichen Muggelkindern. Dummerweise aber war Cedric Diggory vollkommen von Quidditch besessen und so gar nicht davon zu überzeugen, dem Dasein als Detektiv eine Chance zu geben. Ein Grund mehr, warum Percy es kaum erwarten konnte, nach Hogwarts zu kommen. Denn vielleicht würde er dort Freunde finden, die seine Leidenschaft für Kriminalfälle teilten.
Und zuletzt hatten die meisten Detektivbanden auch noch ein tierisches Maskottchen. Aber seine Ratte Krätze eignete sich so überhaupt nicht für diese Rolle. Alles, was Krätze wollte, war gemütlich im Nest schlafen, gelegentlich gekrault werden und reichlich Futter bei Tisch abstauben. Und die Familieneule Errol konnte er nicht dauerhaft für diese Rolle einplanen. Sie war nun mal die Familieneule und musste täglich Briefe befördern. Das war vielleicht der Grund, weshalb Percy die Drei Fragezeichen so liebte. Die waren nur zu dritt und kamen ohne ein Haustier aus.
Percy hatte sich gerade in aufregende Jagd nach einem Taubenmörder vertieft, als sein Bruder Bill durchs Treppenhaus polterte. „Ich bin dann weg“, rief er in Richtung der Küche, wo ihre Mutter Vorbereitungen für das morgige Weihnachtsessen traf.
„Wo willst du hin?“, war auch prompt die Stimme ihrer Mutter zu hören.
„Zu Cassiopeia. Arithmantik-Hausaufgaben. Hab ich doch schon Samstag erzählt“, erwiderte Bill mit der ganzen Geduld eines Teenagers.
Auf dem Sofa im Wohnzimmer kicherte Percy leise. Wenn es um Ginny ging, war Bill die geduldigste Person, die man sich vorstellen konnte, doch wenn es um seine eigenen Wünsche ging, war er erstaunlich kurz angebunden und ungeduldig.
Molly Weasley erschien in der Küchentür. Sie maß ihren Sohn mit einem prüfenden Blick, auch wenn Percy das von seinem Platz aus nicht wirklich sehen konnte. Aber bei manchen Dingen kannte man seine Eltern einfach gut genug und musste nicht sehen, was sie taten, um zu wissen, dass sie es taten. Die Geräusche, die folgten, zeigten Percy, dass ihre Mutter offenbar mit Bills Art, sein Haar zu stylen, nicht zufrieden war, und sehr zu dessen Verdruss versuchte, sein Haar in eine ihr genehmere Form zu bändigen. Schließlich schien die Mutter aufzugeben. „Sei aber um zehn wieder zurück. Du weißt, dass dann Father Christmas das Flohnetzwerk übernimmt, um die Geschenke auszuliefern.“
Bill schnaubte. „Jeder weiß doch, dass Du-weißt-schon-wer Father Christmas umgebracht hat, und die Geschichte heute nur noch eine Ausrede des Ministeriums ist, um in aller Ruhe das Flohnetzwerk warten zu können.“ Percy riss erschrocken die Augen auf. Father Christmas sollte tot sein? Ermordet von dem, dessen Namen nicht genannt wurde? Aber wer hatte dann in den letzten Jahren die Weihnachtsgeschenke gebracht? Natürlich wusste er, dass einige der Geschenke von seinen Eltern stammten, wie etwa die selbstgestrickten Pullover, aber eben nicht alle Geschenke. Es folgte eine kurze Pause draußen im Flur, während derer ihre Mutter ihrem ältesten Spross offenbar einen strafenden Blick zugeworfen hatte. „Aber ja, ich bin um zehn Uhr wieder da“, sagte dieser noch.
Damit betrat Bill das Wohnzimmer. Da seine Frisur noch intakt war, schlussfolgerte Percy, dass sein Bruder magisches Haargel verwendet hatte. Doch für weitere Beobachtungen blieb kaum Zeit, denn schon war Bill in den magischen grünen Flammen verschwunden und Percy blieb alleine mit seinen Gedanken zurück.
Sollte sein Bruder Recht haben und Father Christmas war tot? Aber wo kamen dann die zusätzlichen Geschenke her? Oder hatte Bill nur einen Scherz machen wollen und Father Christmas lebte nach wie vor?
Je länger Percy darüber nachdachte, desto stärker wurde sein Wunsch, die Antworten auf diese Fragen zu finden. Schließlich wäre das endlich mal ein Fall, der seinen kriminalistischen Fähigkeiten würdig wäre. Doch wie sollte er es anstellen?
Sein Blick fiel auf den Kamin, in dem nun wieder das normale Winterfeuer züngelte. Dreh- und Angelpunkt war offenkundig das Flohnetzwerk. Was nur Sinn machte, schließlich wussten selbst die Muggel, dass Father Christmas durch den Kamin kam. Wie das bei Muggelkaminen allerdings funktionieren sollte, wo diese doch nicht an das Flohnetzwerk angeschlossen waren, wusste Percy nicht. Aber das wäre ein Rätsel, dem er sich widmen konnte, wenn er erst einmal herausgefunden hatte, ob Father Christmas überhaupt noch lebte. Was wäre also, wenn er den Kamin sabotierte? So, dass er nicht mehr funktionierte? Wenn Bill Recht hatte, dann würde sehr zügig ein Wartungsteam des Ministeriums zum Fuchsbau apparieren, um den Kamin zu reparieren. Und wenn Bill Unrecht hatte… dann müsste doch auch Father Christmas hierher apparieren, um die Geschenke zu überbringen, oder?
Soweit klang alles logisch. Er müsste es dann nur so einrichten, dass er noch wach wäre, wenn wer auch immer hier erschien.
Doch was, wenn nicht Father Christmas selbst kam, sondern er einfach seine Weihnachtswichtel schickte? Diese waren Verwandte der Hauselfen und konnten dank Elfenzauber jedes Haus finden. Und Father Christmas hatte ja, so es ihn gab, die Verpflichtung alle Geschenke ordnungsgemäß auszuliefern…
Im Geiste listete Percy all die Dinge auf, für die es eine Lösung zu finden galt.
1. Den Kamin sabotieren. Wie?
2. Eine Möglichkeit finden, wach zu bleiben.
3. Verhindern, dass Father Christmas stattdessen einfach Wichtel schickte.
Der erste Punkt war vermutlich der einfachste. Er wusste, wo die Flohrunen im Kamin waren…
„Du willst…“
„…, dass wir…“
„… was tun?“, fragten die Zwillinge ihn ungläubig.
„Ich möchte, dass ihr eine wunderschöne kleine Explosion im Flohkamin veranstaltet“, wiederholte Percy geduldig.
Fred und George blickten erst einander, dann ihren älteren Bruder an.
„Ihr habt doch bestimmt etwas, das ihr schon lange mal ausprobieren wolltet, wo ihr aber wisst, dass es aber hier in eurem Zimmer zu gefährlich wäre. Der Kamin ist aus Stein und sehr stabil und geräumig“, versuchte Percy seine Brüder zu überzeugen, ohne ihnen genau zu verraten, worum es ihm eigentlich ging.
„Und was,…“
„… wenn dabei der…“
„… Kamin kaputt geht?“
Das war ja genau der Plan, aber das konnte Percy schlecht verraten. „Dann sage ich, ich war’s“, schlug er vor. Schließlich stimmte das ja indirekt, war er es doch, der die Zwillinge dazu gerade anstiftete.
„Wer bist du…“
„… und was hast du mit Percy gemacht?“ Besorgt sahen ihn Fred und George an.
Percy lachte nur. „Es sind Weihnachtsferien. Das heißt, ich muss nicht mehr der Große und Vernünftige sein, weil Charlie und Bill das jetzt sind. Ich habe also auch Ferien. Und Ferien sind doch dazu da, Spaß zu haben, oder?“
George und Fred sahen einander an und zuckten dann mit den Schultern. „Okay…“
„… wir hätten da tatsächlich was…“
„Aber ihr solltet damit warten, bis Dad von der Arbeit daheim ist“, warf Percy ein. Denn andernfalls würden sie richtig Ärger kriegen und es wäre außerdem viel zu früh. „Oder ihr gebt mir euer Experiment und ich mache es, kurz bevor ich ins Bett gehe. Dann wissen alle, dass ihr es ausnahmsweise mal nicht wart.“
Wieder tauschten die Zwillinge Blicke. „Wir haben da ein Experiment…“
„…wo wir mit einem Wecker herumgespielt haben.“
„Wenn wir jetzt den Wecker…“
„…mit ein paar unserer Knallkörper verbinden…“
„… und die Weckzeit auf…“
„Kurz vor zehn Uhr?“, schlug Percy vor.
„…kurz vor zehn Uhr stellten…“
Die Zwillinge brachen in diebisches Gekicher aus und Percy wusste, dass er sie so gut wie überzeugt hatte.
„Ich verspreche auch, genau zu dokumentieren, was passiert. Soweit möglich, natürlich.“ Schließlich mussten Fred und George nicht wissen, dass er nicht vorhatte, in dieser Nacht den elterlichen Anweisungen zu Bett zu gehen zu folgen.
„Und du versprichst, die Schuld auf dich zu nehmen“, wiederholte George noch einmal.
Percy nickte ernst. Was waren schon ein paar zusätzliche Aufgaben im Haus, wenn es darum ging, zu beweisen, ob Father Christmas noch lebte oder nicht.
„Deal!“, sagte Fred.
Somit war der erste Punkt seiner Liste erledigt. Leider war ein weiterer Punkt hinzugekommen.
4. Einen Weg finden, wie er von den Eltern nicht entdeckt wurde.
Zu doof aber auch, dass er keinen Tarnumhang hatte, unter dem er sich verstecken konnte und so unsichtbar würde. Eigentlich brauchte doch jeder magische Detektiv einen solchen Tarnumhang. Er seufzte. Er hatte nun mal keinen solchen Umhang und auch wenn dieser bereits seit zwei Jahren auf seinen sämtlichen Wunschzetteln ganz oben stand, hatte er weder zum Geburtstag noch zu Weihnachten je einen solchen bekommen. Vermutlich war so ein Umhang eben doch ein zu teures Geschenk für einen Neunjährigen. Oder warum auch immer weder seine Eltern noch Father Christmas – so er noch existierte – ihm einen geschenkt hatten. Egal, musste er eben besonders aufpassen und sich gut verstecken.
Als ihr Vater, ausnahmsweise einmal pünktlich, zum Abendessen erschien, löste sich Percys Problem des Wachbleibens auf wundersame Weise von selbst. „Bitte Tee für mich zum Abendessen, Molly“, sagte Arthur Weasley und stellte seine Aktentasche neben die Küchentür. „Nichts geht über eine gute Tasse Tee. Besonders wenn du ihn zubereitest.“
Ihre Mutter schüttelte nur den Kopf. „Du könntest den ganzen Tag in den Genuss meines Tees kommen, wenn du nur endlich nicht mehr darauf beharren würdest, dass nur Kaffee in diese merkwürdige Kanne darf, die du immer mit zur Arbeit schleppst. Und jeden Tag trinkst du höchstens die Hälfte davon…“
Percy, der mit seinen Geschwistern am Abendessentisch saß, horchte auf. Jeder wusste, dass Kaffee Erwachsenen dabei half, wach zu werden und wach zu bleiben. Und wenn sein Vater nur die Hälfte des Kaffees in seiner komischen Kanne getrunken hatte, dann hieß das doch, dass da noch immer die andere Hälfte drin war. Genug Kaffee, um ihn wach zu halten… so er es schaffte, an den Kaffee zu kommen, ehe ihre Mutter die Kanne ausleerte und auswusch.
„Thermos“, sagte Arthur Weasley beinahe ehrfürchtig. „Damit schaffen die Muggel es, ihren Kaffee auch ohne Warmhaltezauber heiß zu halten. Genial! Aber eben nur für Kaffee geeignet.“
Molly grummelte etwas, von wegen sie könnte sich nicht vorstellen, dass die Muggel sich derart einschränken würden, setzte aber Teewasser auf.
Vielleicht, überlegte Percy, wenn er freiwillig anbot nach dem Abendessen mit dem Abwasch zu helfen? „Dann könnten du und Dad schon mal Ronnie und Ginny ins Bett bringen. Fred und George helfen mir bestimmt mit dem Geschirr“, versuchte er seine Eltern zu überzeugen.
Die Zwillinge sahen ihn entgeistert an, doch er zwinkerte ihnen nur zu. Schließlich wäre es auch die perfekte Gelegenheit, das Experiment im Kamin zu verstecken, während die Eltern oben im Badezimmer und mit Gutenachtgeschichten beschäftigt wären. Zur Not würde er das Geschirr auch alleine abspülen.
„Das ist wirklich lieb von dir, Percy“, sagte Arthur. „Aber schließlich ist morgen ja auch Weihnachten. Da willst du wohl nicht riskieren, auf den letzen Metern noch von der Gute-Kinder-Liste auf die Schlechte-Kinder-Liste zu rutschen.“ Er grinste die Zwillinge unverhohlen an, die plötzlich eifrig nickten und schon nach den Geschirrtüchern angelten.
„Also gut“, stimmte Molly schließlich zu. „Charlie kann sich derweil um die Hühner kümmern, dann haben wir alle noch etwas von dem Abend.“
Doch kaum waren die Eltern außer Sicht- und Hörweite und Charlie draußen bei den Hühnern, als Percy Fred das Geschirrtuch wieder abnahm. „Los, beeilt euch. Das ist die Gelegenheit, euer Experiment im Kamin zu platzieren. Ich mach derweil hier allein weiter.“
Das ließen sich die Zwillinge nicht zweimal sagen.
Doch auch Percy trödelte nicht. Eilig schlich er zu der Aktentasche seines Vaters, aus der die silberne Thermoskanne herauslugte. Rasch hatte er sie herausgezogen und sich in eine Tasse etwas von dem warmen Gebräu gegossen. Der Kaffee war trotz Milch und Zucker ziemlich bitter, aber davon ließ sich Percy nicht beirren. Schließlich wäre es ziemlich blamabel, wenn er einschlief und genau dann Father Christmas – oder die Wartungscrew – auftauchte.
„Wie lieb, du hast ja sogar daran gedacht, Arthurs Kanne zu spülen“, lobte ihn die Mutter eine dreiviertel Stunde später.
Percy nickte nur und unterdrückte mühsam ein Grinsen. Irgendwie fühlte er sich ganz kribbelig. Aber eines war gewiss: Mit diesen Ameisen im Körper konnte keiner schlafen.
Blieb noch das Problem mit den Wichteln. Vielleicht konnte Charlie ihm dabei helfen? Schließlich wusste dieser jetzt schon, dass er ab dem nächsten Jahr Pflege magischer Geschöpfe belegen wollte. Und in gewisser Weise waren Wichtel doch auch magische Geschöpfe, oder?
„Das kommt darauf an, wo man die Grenze zwischen Geschöpf und Rasse zieht“, sagte Charlie, als Percy ihn fragte, während nun die Zwillinge an der Reihe waren, im Bad Radau zu machen. Auch wenn sie sich strenggenommen bettfertig machen sollten. Percy hasste es, dass er abends das Bad nach ihnen benutzen sollte. Überall waren dann Wasserlachen und Seifenspritzer. Nicht, dass er etwas gegen eine Wasserschlacht hatte. Im Sommer liebte er sie. Aber dann fanden diese auch draußen, am Teich, statt, wo genug Platz für alle war. Das Bad im Fuchsbau aber war so eng, dass bereits zwei Erwachsene Mühe hatten, sich darin zu bewegen. Von mehr als zwei energetischen Jungen ganz zu schweigen. Und alleine eine Wasserschlacht zu veranstalten war doof.
„Die einfachste Definition wäre zu sagen, wenn ein Wesen denken und diese Gedanken zur Sprache bringen kann, ist es mehr als nur ein Geschöpf. Aber was ist dann mit Hunden oder Drachen.“ Percy hielt den Atem an und hoffte, dass Charlie jetzt nicht in einen Vortrag über Drachen abdriftete. Charlie liebte nämlich Drachen.
„Sie bellen, brüllen und fauchen. Das könnte man durchaus als Sprache bezeichnen, mit denen sie Gedanken ausdrücken. Aber wir können sie nicht verstehen und sie können nicht unsere Sprache lernen, weshalb wir sie als Geschöpfe betrachten.“
„Also wären Wesen, die denken und unsere Sprache sprechen können, mehr als nur Geschöpfe?“, hakte Percy schnell nach, ehe Charlie sich doch noch in Drachen verlor.
„Das ist eben der strittige Punkt. Es gibt eine Vielzahl Wesen, die unsere Sprache perfekt beherrschen, eindeutig intelligent sind und trotzdem vom Ministerium als Geschöpfe klassifiziert werden. Die Kobolde etwa sind so ein strittiger Punkt. Sie sind eindeutig keine bloßen Geschöpfe. Und auch wenn es im Ministerium eine Abteilung gibt, die sich ausschließlich mit den Belangen der Kobolde beschäftigt, ist es wiederum eine Unterabteilung der Abteilung für magische Geschöpfe“, mischte sich nun auch ihr Vater ein.
„Und wie ist das mit Hauselfen, Wichteln und Gnomen?“
„Gute Frage“, sagte Charlie. „Würden laut Ministerium wohl alle unter Geschöpfe fallen.“
Arthur nickte. „Wobei nur die Hauselfen und die Wichtel miteinander verwandt sind, die Gnome, wie unsere Gartengnome sind eher mit den Kobolden verwandt. Und Elfen und Kobolde mögen einander überhaupt nicht.“
Beeindruckt sahen Charlie und Percy ihren Vater an. Dieser lachte leise. „Was meint ihr, von wem Charlie seine Liebe für magische Geschöpfe geerbt hat? Oder warum eure Mutter immer bis zum Wochenende wartet, um mich den Garten entgnomen zu lassen, statt es selbst zu tun?“
Charlie grinste seinen Vater an, während sich in Percy die Gedanken überschlugen. Wenn Gnome und Elfen sich nicht mochten, konnten dann vielleicht die Gartengnome die Weihnachtswichtel fernhalten? Dann müsste Father Christmas schon selbst kommen. So es ihn noch gab. Jetzt musste er nur eine Gelegenheit finden, mit den Gartengnomen darüber zu reden. Vielleicht konnte er sich unbemerkt hinausschleichen, wenn er von den Eltern nach oben ins Bad geschickt wurde? Einen Versuch war es wert.
Tatsächlich war kurz darauf die Stimme ihrer Mutter zu hören, die die Zwillinge ermahnte, sich im Bad zu beeilen und ins Bett zu gehen, sie käme gleich Gute Nacht sagen. Türen knallten, Ermahnung folgten, dann sagte Arthur zu Percy: „Ich denke, es ist jetzt an der Zeit für dich, dass du dich auch bettfertig machst.“
Percy verzog das Gesicht. Das war schon fast wie ein Reflex.
Arthur lachte. „Ist gut, Percy. Ich hab schon verstanden. Ich werde nach oben gehen, und schauen, ob man das Bad gefahrlos betreten kann. Und wenn die Zwillinge wieder eine Sintflut hinterlassen haben, lege ich einfach das Bad trocken. Einverstanden?“
Percy nickte dankbar. „Ich komm dann gleich nach“, sagte er, stand auf und folgte seinem Vater aus dem Wohnzimmer. Doch kaum hatte dieser die Treppen in den ersten Stock erklommen und war außer Sicht, da schlüpfte Percy in seine Jacke und aus dem Haus. Draußen war es kalt und dunkel. Doch zum Glück waren es nur noch wenige Tage bis Vollmond, und so konnte er draußen noch genug erkennen. Dennoch war es gar nicht so leicht, um diese Uhrzeit die Gartengnome zu finden. Schließlich brauchten diese auch ihren Schlaf. Dann aber entdeckte er im klammen Wintergras eine Bewegung und als er auf sie zuging, hörte er auch etwas rascheln.
Ein Gnom lugte vorsichtig zwischen den Halmen hervor. Anscheinend war er so etwas wie ein Nachtwächtergnom für die übrigen Gartengnome. „Halt! Wer da?“, fiepte das kleine Wesen.
“Ähm, guten Abend”, grüßte Percy zurück. So ganz hatte er sich noch keine Gedanken darüber gemacht, wie er die Gartengnome davon überzeugen sollte, ihm zu helfen, aber er ging davon aus, dass Höflichkeit auf keinen Fall schadete. „Ich heiße Percy, Percy Weasley. Und ich wohne in dem Haus hier.“
Sofort richtete der Gnom einen angespitzten Zweig auf ihn.
„Nein, nein, ich bin nicht gekommen, um euch zu vertreiben“, sagte Percy, der natürlich sofort erkannt hatte, was der Gnom befürchtete. „Ich wollte viel mehr fragen, ob ihr mir helfen könnt.“
„Wir? Helfen? Dir?” Der Nachtwächtergnom beäugte ihn kritisch.
Percy hoffte, dass er sich damit nicht allzu viel Zeit ließ, schließlich konnte jeden Moment sein Vater auftauchen, um zu sehen, wo er blieb. Er nickte und lächelte den Gnom freundlich an. Zumindest hoffte er, dass der Gnom dies als freundlich interpretieren würde und es in der Dunkelheit auch sehen konnte. „Es ist nämlich so: Vielleicht tauchen heute Nacht hier Weihnachtswichtel auf und ich…“
„Weihnachtswichtel? Diese heimtückischen, arglistigen…“ Der Rest des Gebrummels ging in für Percy unverständlichem Gefluche unter. Ganz offenkundig hatte sein Vater Recht gehabt, was die Feindschaft zwischen den Wichteln und den Gnomen betraf.
„Die sollen es bloß nicht wagen, sich hier blicken zu lassen“, sagte da der Gnom, dem offenbar die Schimpfwörter ausgegangen waren, und hob abermals drohend seine Zweigwaffe.
„Würdet ihr sie dann vielleicht vertreiben? Also, wenn sie auftauchen?“
Erneut blickte ihn der Gnom argwöhnisch an. „Aber ihr Menschen mögt doch die Wichtel? Und ihr wärt ja auch der Grund, weshalb sie hier auftauchen. Wieso willst du auf einmal, dass wir die Wichtel da vertreiben? Moment mal…“ Die Augen des Gnoms blitzten verschlagen. „Normalerweise sind die Wichtel doch nur im Haus, nicht im Garten. Wieso sollten sie also dieses Jahr in den Garten kommen? Was hast du vor?“
Percy konnte nicht verhindern, dass der Gnom ihn mit seinem Zweig ins Bein piekte, aber durch die Jeans, die er trug, spürte er zum Glück kaum etwas. Er blickte den Gnom halb verärgert, halb verlegen an. „Nun ja, ich will sehen, ob es Father Christmas gibt. Und da ich schlecht zum Nordpol reisen kann, oder zum Ministerium heute Nacht, weil ersteres zu weit weg ist und zweiteres zu gut bewacht wird, muss ich Father Christmas hier her locken.“
„Letzteres“, murmelte der Gnom, doch Percy hörte ihn nicht wirklich.
„Aber damit mir das gelingt“, fuhr er fort, „muss ich verhindern, dass er stattdessen einfach die Wichtel schickt. Um das Haus kümmere ich mich. Beim Garten aber wäre ich auf die Hilfe von euch Gnomen angewiesen.“
„Und was kriegen wir dafür?“, wollte der Gnom wissen.
Percy überlegte, doch ihm fiel nichts ein, was er im Tausch anbieten könnte. Dabei hatte der Gnom durchaus Recht, eine Gegenleistung zu verlangen. „Was wollt ihr denn?“, fragte er schließlich.
„Weihnachtspudding!“, sagte der Gnom ohne zu Zögern. „Seit Wochen riechen wir schon die Essensdüfte und einer der ersten Düfte war der von Weihnachtspudding.“ Ein regelrecht sehnsüchtiger Blick legte sich auf das Gesicht des Gnoms, was Percy aber mehr hörte denn sah.
Percy schluckte. Ausgerechnet Weihnachtspudding wollten die Gnome haben. Wo doch der Weihnachtspudding seiner Mutter der beste Teil des ganzen Weihnachtsessens war. Andererseits, war die Chance Father Christmas zu sehen, dieses Opfer nicht wert? Er nickte. „In Ordnung. Ich werde euch meine Portion bringen, wenn ihr dafür erfolgreich die Weihnachtswichtel fernhaltet. Es wird zwar vielleicht nicht für alle von euch reichen, aber mehr als meine Portion kann ich euch nicht anbieten.“
Der Gnom nickte. „Verstehe. Aber deine Portion ist besser als gar kein Weihnachtspudding.“
„Also abgemacht?“
„Abgemacht!“, erwiderte der Gnom und stampfte zur Bekräftigung seinen Zweigspeer einmal auf dem Boden.
„Percy!“, kam es da von der Küchentür. „Junge, wo bleibst du? Und was machst du noch hier draußen.“
Percy nickte dem Gnom noch einmal kurz zum Abschied zu, dann lief er eilig zum Haus zurück. „Entschuldige, Dad, ich dachte, ich hätte draußen etwas gehört und wollte kurz nachsehen.“
„Und?“
„Ich muss mich verhört haben“, sagte Percy betreten.
Arthur Weasley warf kurz einen um Geduld flehenden Blick gen Zimmerdecke und sagte dann: „Jetzt aber rasch ins Bad und dann ins Bett.“
Während Percy die Treppen hinaufstieg, konnte er nicht umhin, sich innerlich dafür zu gratulieren, bereits drei Punkte seiner Liste abgearbeitet zu haben. Blieb nur noch der letzte, und vermutlich schwierigste Punkt: sich so zu verstecken, dass er von seinen Eltern nicht entdeckt wurde.
Er wusste genau, dass seine Mutter in spätestens einer halben Stunde nachsehen würde, ob er auch tatsächlich im Bett lag. Sie würde ihn ermahnen, das Licht auszumachen und nicht länger zu lesen und ihm eine Gute Nacht wünschen. Zu diesem Zeitpunkt musste er also im Bett sein. Erst danach konnte er wieder aus dem Zimmer schleichen. Doch er wusste auch, dass seine Eltern ein extrem gutes Gehör hatten und sofort mitbekamen, wenn sich in den oberen Stockwerken etwas tat. So wie er jetzt auch hörte, dass Charlie zu Bett geschickt wurde.
Vielleicht konnte er ja die Verwirrung nutzen, die zweifelsohne entstand, wenn das Experiment der Zwillinge losging. Oder wenn Bill heimkam. Denn er kannte seinen ältesten Bruder gut genug, um zu wissen, dass dieser so knapp wie möglich erst nach Hause kommen würde. Was hieß, dass es ziemlich wahrscheinlich war, dass er erst nach der Explosion im Kamin versuchen würde, nach Hause zu flohen. Percy machte sich keine Sorgen, dass sein Bruder in die Explosion selbst geraten würde. Schließlich war das Flohnetzwerk mit allerlei Sicherheiten ausgestattet. Entweder würde Bill zum nächsten freien Kamin umgeleitet oder zu seinem Ausgangspunkt zurückgeschickt werden. Und dann würde er eben von dort aus einen alternativen Weg nach Hause suchen. Bill war schließlich schon groß, es würde ihm mit Sicherheit etwas einfallen. Es würde aber zu Hause für einigen Tumult sorgen. Und diesen Tumult würde Percy nutzen.
Es überraschte Percy selbst, wie gut er seine Familie kannte, und mehr noch, wie fehlerfrei das Experiment der Zwillinge funktionierte. Pünktlich um zehn Minuten vor zehn hörte er von unten aus dem Wohnzimmer eine gedämpfte Explosion und gleich darauf aus dem Nebenzimmer leises Kichern. War ja klar gewesen, dass die Zwillinge ebenfalls so lange wach geblieben waren, um den Ausgang ihres Streichs mitzuerleben. Sofort war von unten auch die aufgebrachte Stimme ihrer Mutter zu hören. „Aber Arthur, was wenn Bill ausgerechnet in dem Moment versucht hat, nach Hause zu flohen?“, rief Molly Weasley und wrang besorgt die Hände. „Oh diese Zwillinge. Wenn ich sie in die Finger kriege!“, folgte nahezu nahtlos mit aller Vehemenz und bezeugte, dass ihre Mutter nicht recht wusste, was in ihr überwog: Die Sorge um ihren Ältesten oder ihr Ärger über die Zwillinge.
Percy, der inzwischen auf den Flur geschlichen war, konnte nur mit Mühe ein Kichern unterdrücken. Das war so typisch für ihre Mutter. Vermutlich würde sie morgen früh auch die Unschuldsbeteuerungen von Fred und George nicht glauben. Auch wenn Percy die Schuld auf sich nahm. Würden sie eben so verbleiben müssen, dass die Zwillinge die Strafe akzeptierten und Percy ihre Zusatzarbeiten übernahm.
„Molly, beruhig dich, Bill wird nichts passiert sein. Wie ich ihn kenne, wird er erst in ein paar Minuten nach Hause flohen wollen, feststellen, dass es nicht klappt und die Diggorys kontaktieren“, sagte Arthur tröstend. „Du weißt doch, wie vernünftig er ist.“
„Kannst du nicht nachsehen, was mit dem Kamin ist? Vielleicht können wir ihn ja selbst reparieren“, bat Molly, der es nicht gefiel, dass eines ihrer Kinder mitten in der Nacht alleine durch die Gegend lief. Selbst wenn es nur von den Diggorys bis zu ihnen war und das wahrlich keine weite Strecke war.
„Du weißt, dass das nicht geht. Selbst wenn es mir gelingt, den Schaden zu beseitigen, darf nur das Ministerium den Kamin wieder ans Netzwerk anschließen“, sagte Arthur.
Oben, auf dem Treppenabsatz grinste Percy. Genau darauf hatte er gebaut. Wenn es Father Christmas nicht mehr gab, würde bald eine Wartungscrew des Ministeriums auftauchen. Wenn aber Father Christmas noch lebte… dann würde das Ministerium erst morgen die Schadensmeldung sehen und handeln können.
„Sieht so aus, als wäre der Runenstein beschädigt“, klang die etwas gedämpfte Stimme seines Vaters aus dem Wohnzimmer. Offenbar stand er im Kamin, um den Schaden näher zu begutachten. „Was heißt, dass es dem Ministerium ein Leichtes sein müsste, den Stein zu ersetzen und unseren Kamin wieder anzuschließen. Und in der Zwischenzeit müssen wir zumindest nicht auf ein gemütliches Feuer verzichten. Der Abzug geht noch tadellos.“
„Oh Arthur“, seufzte die Mutter.
Percy verharrte an Ort und Stelle. Er wusste, dass seine Eltern nun so lange unten bleiben würden, bis Bill wohlbehalten zu Hause eingetroffen war. Immerhin hatte er sich schon bis zur Treppe vorarbeiten können. Blieb zu hoffen, dass Bill genug von seiner nächtlichen Wanderung zu erzählen hatte, dass es Percy gelang, sich unbemerkt zurück ins Erdgeschoss zu schleichen und sich in der Wäschekammer zu verstecken. Dort würde seine Mutter bestimmt nicht mehr nachsehen, ehe sie selbst zu Bett ging.
Fünf Minuten vergingen, dann zehn. Und wie das so war, wenn man wartete – noch dazu, wenn man sich ganz still verhalten musste – regte sich in Percy das Gefühl, dass er auf die Toilette musste. Dabei war er doch erst gewesen. Aber vielleicht lag das auch an dem Kaffee, den er getrunken hatte. Was wusste er schon über Kaffee?
Endlich klopfte es an Tür. Sofort stürzten die Eltern in den Flur und tatsächlich stand draußen Bill – ein wenig durchgefroren, aber wohlbehalten.
„Oh Bill. Zum Glück ist dir nichts passiert“, rief Molly, während Arthur sich bei der vermummten Gestalt in Bills Begleitung bedankte.
„Nichts zu danken“, versicherte Xenophilius Lovegood, nachdem er sein Gesicht aus dem Schal gewickelt hatte. „Wir wollten gerade zu Bett gehen, als Luna sagte, die Nargel hätten Besuch angekündigt. Und keine zehn Sekunden später flammte das Feuer im Kamin auf und Bill fragte, ob er zu uns kommen könnte, euer Kamin wäre nicht zu erreichen.“
Molly warf ihrem Ältesten einen fragenden Blick zu, war doch mit den Kindern vereinbart, dass die Diggorys die erste Notfalladresse waren und nicht die Lovegoods. Nicht, dass sie die Lovegoods nicht mochten – auch wenn sie das Gerede von Nargeln und Snorkaks nicht ganz nachvollziehen konnten –, aber Pandoras Arbeit mit Zaubersprüchen war zu gefährlich, um unangekündigt bei ihnen aufzutauchen.
„Die Diggorys waren nicht zu Hause“, erklärte Bill auch sofort. „Was ist mit dem Kamin?“
„Die Zwillinge“, sagte Arthur entschuldigend, als erkläre das alles. Was es in der Familie tatsächlich tat.
„Die Diggorys sind über die Feiertage zu Tabithas Eltern gefahren“, fügte Xenophilius noch hinzu. „Das hat sich aber erst heute Nachmittag ergeben. Etwas mit Tabithas Vater, glaube ich.“
Arthur nickte und dankte Xenophilius noch einmal, während Molly nur die Stirn runzelte und sich fragte, warum die Nachbarn es nicht für nötig gehalten hatten, sie über die plötzliche Reise zu informieren. Das klang, als wäre es etwas Ernsthaftes. Sie hoffte, dass es Tabithas Vater bald wieder besser ging.
„Ich muss jetzt aber wieder zurück, sonst macht sich Pandora noch Sorgen“, sagte Xenophilius und wandte sich zum Gehen.
„Warten Sie, Mr. Lovegood“, rief Bill da und nach rasch den Umhang ab. „Ihr Umhang.“
Nun war es an Arthur, seinen Ältesten fragend anzusehen.
Dieser ließ verlegen den Kopf hängen. „Ich hatte ja nur flohen wollen. Da dachte ich, ich brauche keine Jacke.“
Arthur schüttelte nur den Kopf. „Bill, du bist fünfzehn Jahre alt. Du solltest es besser wissen.“ Etwas leiser fügte er hinzu: „Und was, wenn du und Cassiopeia einen Spaziergang hättet machen wollen? So als Pause zwischen dem Lernen?“ Er zwinkerte seinem Ältesten zu. Er wusste sehr wohl, dass es Bill bei dem heutigen Besuch nicht nur um Arithmantik gegangen war, auch wenn Molly der Ansicht war, Bill sei noch viel zu jung für eine Freundin.
Bill grinste nur.
Xenophilius Lovegood verabschiedete sich nun wirklich und Molly schloss, erleichtert, dass nun alle Familienmitglieder wieder sicher zu Hause waren, die Tür hinter ihm.
Oben, in seinem Versteck, hätte Percy die Situation verfluchen können. Wieso hatten seine Eltern Mr. Lovegood nicht wenigstens noch eine Tasse Tee aufgenötigt? Das tat seine Mutter doch sonst bei so ziemlich jedem Besucher. Meist unter irgendeinem Vorwand – heute Nacht hätte sich aufwärmen, ehe es wieder in die Kälte ging, angeboten –, um dann den Besucher geschickt über dessen aktuelle Familiensituation auszufragen. Vor allem aber hätte das bedeutet, dass sie alle in die Küche gegangen wären und er hätte sich heimlich ins Wohnzimmer schleichen und verstecken können. Da kam ihm Bill doch noch unverhofft zur Hilfe.
„Könnte ich vielleicht noch einen heißen Kakao oder Tee bekommen? Meine Hände sind trotz des Wärmezaubers, den Mrs. Lovegood gewirkt hat, ziemlich kalt geworden.“
„Oh du Ärmster, natürlich“, sagte Molly und wuselte gleich in Richtung Küche.
Percy atmete erleichtert auf und schlich sich auf leisen Sohlen, getarnt vom Geklapper in der Küche, ins Wohnzimmer. Dort sah er sich kurz um, dann quetschte er sich in die Ecke hinter dem kleinen Zweisitzersofa, auf dem seine Mutter gerne saß und strickte. Dann hieß es wieder ruhig verharren und keinen Laut von sich geben.
Doch erneut hatte er Glück. Nachdem Bill und die Eltern in der Küche einen Becher heißen Kakao getrunken hatten, kehrte nur noch ihr Vater kurz ins Wohnzimmer zurück, um das Kaminfeuer für die Nacht zu sichern und den obligatorischen Teller mit Keksen für Father Christmas aufzustellen. Offenbar hatten sie befunden, dass es schon spät genug war, um ebenfalls ins Bett zu gehen, schließlich würde der morgige Tag früh genug beginnen. Bei sieben Kindern konnte man schon von Glück sprechen, wenn man erst geweckt wurde, wenn der Morgen dämmerte, und erst recht an so einem Tag wie Weihnachten.
Als sich die Tür zum Wohnzimmer schloss, atmete Percy in seinem Versteck erleichtert auf. Jetzt blieb nur zu hoffen, dass Charlies alte Stoffdrachen und die Kleider, die er unter seine Bettdecke gestopft hatte, ausreichen würden, um seine Mutter zu täuschen, wenn diese einen letzten Kontrollblick in sein Zimmer warf.
Bald darauf war alles im Fuchsbau still. Vorsichtig kletterte Percy wieder hinter dem Sofa hervor und machte es sich mit einer Decke auf eben diesem Sofa bequem. Er wünschte, er könnte etwas Licht anmachen und lesen, während er wartete, aber er wollte nicht riskieren, dass Father Christmas nicht kam – so es ihn noch gab –, weil er glaubte, es schliefen nicht alle Bewohner des Hauses. Und so ermahnte er sich, dass die Detektive in seinen geliebten Büchern auch oft nachts irgendwelche verdächtigen Häuser oder Leute beobachteten und dabei ja auch nicht lesen konnten, um sich die Zeit zu vertreiben.
Von draußen hörte er hin und wieder die Gartengnompatrouille, aber sonst lag alles in tiefer, weihnachtlicher Stille. Selbst die Uhr im Wohnzimmer schien leiser und langsamer zu ticken als sonst. Das war natürlich nur Einbildung, aber Nächte, insbesondere so magische wie die Weihnachtsnacht hatten so etwas an sich.
Mehrfach drohte Percy trotz des Kaffees einzuschlafen, doch jedes Mal, wenn er auf dem Sofa hochschreckte, waren zum Glück nur ein oder zwei Minuten vergangen. Das war selbst für Father Christmas zu wenig Zeit, um sich ins Haus zu schleichen, die Geschenke für neun Leute unter dem Christbaum zu platzieren, und wieder zu verschwinden.
Es war schon weit nach Mitternacht, als Percy plötzlich von draußen einen Tumult unter den Gartengnomen wahrnahm. Da es aber nicht nach Kämpfen, sondern eher angsterfüllt klang, konnten das nicht die Weihnachtswichtel sein. Ob das am Ende die Ministeriumsleute waren und die Gnome vor diesen lieber in die Deckung gingen?
Vorsichtig schlich Percy zum Fenster und lugte hinaus in die kalte Winternacht. Doch viel sah er vom Wohnzimmer aus nicht. Also schlich er leise in die Küche, von wo aus man sowohl den Weg zum Haupteingang des Hauses als auch zur Hintertür gut im Blick hatte. Als er jedoch nach draußen sah, stockte ihm der Atem und sein Herz fing an, wie wild zu schlagen. Denn dort, auf dem mondbeschienenen Pfad, der zur Küchentür führte, sah er etwas, von dem er bislang nur aus Charlies Büchern über magische Wesen wusste: Ein Yeti! Oder zumindest ein einem Yeti sehr ähnlich sehendes Schneewesen. Denn Percy erinnerte sich, dass in dem Eintrag in Charlies Buch gestanden hatte, dass Yetis nur im Himalaya lebten.
Aber egal, ob Yeti oder was auch immer, in Devon gab es bestimmt keine Schneewesen gleich welcher Art. Was machte also so ein Wesen jetzt hier, in Ottery St. Catchpole, genauer noch in ihrem Garten? Doch es war nicht zu leugnen, dass dieses Wesen auf ihr Haus zukam.
Dann aber geschah etwas Merkwürdiges. Der Schneemensch war vielleicht noch zehn Meter vom Haus entfernt, als er sich zu verwandeln begann. Mit jedem Schritt, den er dem Haus näher kam, verlor er etwas von seiner furchteinflößenden Gestalt und wurde immer menschlicher. Doch nicht nur das, sein zuvor weißes, zottiges Fell verwandelte sich in einen dunkelgrünen Samtmantel mit weißem Pelzbesatz und auf dem Kopf trug er eine grüne Stechpalmkrone. Und in seiner Hand erschien ein großer brauner Jutesack.
Staunend stand Percy in der Küche und traute seinen Augen kaum: Father Christmas! Es gab ihn tatsächlich! Selbst die Gartengnome waren vor Ehrfurcht ganz still geworden.
Dann aber fiel Percy ein, dass er Father Christmas vielleicht die Tür aufmachen sollte. Nicht, dass dieser noch klopfte und so das ganze Haus weckte. Eilig lief er zur Tür, doch da öffnete sich diese von ganz alleine. Percy musste über seine eigene Dummheit den Kopf schütteln. Natürlich musste Father Christmas nicht darauf warten, dass ihm jemand die Tür aufmachte. Schließlich bekam er ja auch normalerweise per Kamin Zugang zu jedem Haus, da war es doch wohl selbstverständlich, dass er mit einem Weihnachtszauber auch jede Tür öffnen konnte. So trat er nur beiseite, um Father Christmas Platz zu machen.
Dieser stutzte kurz, als er den Jungen in der Küche sah, dann aber grinste er breit. „Ho, ho, ho, wenn du mal nicht der Grund dafür bist, dass ich hier durch den Garten stapfen musste. Dabei störe ich die Gnome nur sehr ungerne in ihrer Nachtruhe.“
Doch er sagte es mit einem so freundlichen Funkeln in den Augen, dass Percy wusste, dass dieser ihm nicht böse war. Dennoch brachte er nur ein stummes Nicken zustande.
„Ich hoffe, du entschädigst sie wenigstens angemessen für die Störung?“, fragte Father Christmas mit einem forschenden Blick.
Wieder nickte Percy. Schließlich brachte er hervor: „Sie kriegen mein Stück vom Weihnachtspudding.“
„So, so, Weihnachtspudding also. Ist es denn ein guter Weihnachtspudding?“
„Der Beste!“, versicherte Percy eifrig. „Und es war das, was sie sich ausgesucht haben.“
„Dann ist ja gut“, sagte Father Christmas mit einem Lächeln. „Aber wieso wolltest du nicht, dass ich wie sonst durch euren Kamin komme?“
Da erzählte Percy ihm von Bills Aussage und wie er beschlossen hatte, der Wahrheit auf den Grund zu gehen.
„So, so, umgebracht haben soll er mich? Ho, ho, ho“, lachte Father Christmas. “Ich habe zwar schon viel in meinem Leben durchmachen müssen, einschließlich dem Fluch, der mich zu einem Schneemenschen werden lässt, wenn ich mich mehr als zwanzig Meter von einem Weihnachtsbaum entferne – auch wenn das gar keine schlechte Möglichkeit ist, inkognito irgendwohin zu gehen –, aber nach dem Leben hat mir noch niemand getrachtet. Auch kein dunkler Zauberer. Denn du musst wissen“, und er beugte sich verschwörerisch zu Percy hinunter, „dass selbst die bösesten Menschen Geschenke zu Weihnachten haben wollen, und niemand glaubt, dass er so böse ist, dass er keine Geschenke von mir verdient hätte.“
Percy blinzelte verblüfft. So hatte er es noch nie betrachtet. Aber Father Christmas hatte natürlich Recht. Weder die Zwillinge, noch er selbst mit seinen heutigen Taten, hatten je ernsthaft geglaubt, sie bekämen deshalb weniger oder gar keine Geschenke. Sofort begann er sich ein wenig Sorgen zu machen, beschloss dann aber, dass selbst wenn er von Father Christmas keine Geschenke bekäme, die Begegnung mit diesem das durchaus wert gewesen wäre.
„Doch nun zeige mir bitte den Weg zu eurem Wohnzimmer, damit ich die Geschenke unter den Weihnachtsbaum legen kann. Schließlich kenne ich euer Haus bislang nur vom Kamin aus“, bat Father Christmas und Percy wies ihm nur zu gerne den Weg ins Wohnzimmer.
Noch größer aber wurden seine Augen, als er sah, dass gleich das erste Päckchen, dass Father Christmas aus seinem Sack nahm und unter den Weihnachtsbaum legte, für ihn bestimmt war.
„Für mich?“, fragte er ungläubig. „Aber… aber ich habe doch den Kamin sabotiert. Und heimlich den Kaffee getrunken und mich aus dem Bett geschlichen und die Gnome…“
Wieder lachte Father Christmas. „Ach Percy, es gibt jedes Jahr ein paar neugierige Kinder, die es schaffen, den Schlafzauber der Weihnacht zu überlisten und dafür zu sorgen, dass ich mich ihnen zeigen muss. Und solange sie sich dabei nicht in Gefahr begeben und es nicht jedes Jahr wieder tun, sondern es bei dem einen Mal belassen, ist nichts Schlimmes dabei. Neugier und in deinem Fall den Drang zur Wahrheit sollte man nicht unterdrücken.“
„Danke“, sagte Percy schlicht.
Father Christmas lächelte nur, verteilte weiter Geschenke unter dem Baum, legte zuletzt die selbstgemachten Präsente der Familie dazu und verschwand schließlich mit einem letzten „Ho, ho, ho, fröhliche Weihnachten Percy“ in der Nacht.
Percy aber rollte sich auf dem Sofa zusammen und war trotz des Kaffees bald darauf eingeschlafen. Der Zauber der Weihnacht hatte ihn doch noch eingeholt.
Der nächste Morgen war so, wie immer am Weihnachtsmorgen im Fuchsbau: ein wahres Geschenkpapiergestöber. Denn egal wie sehr die Eltern versuchten, ein wenig Tradition (das erste Geschenk für das jüngste Kind und ähnliches) ins Spiel zu bringen, am Ende flogen die Papierfetzen überall durchs Wohnzimmer und drifteten hinaus in den Flur, während im Zimmer eifrig die neusten Spielsachen, Bücher und anderen Geschenke bewundert wurden. Das geregelte Frühstück fiel zu Gunsten von Mollys selbstgemachten Keksen, Lebkuchen und Fudge aus und angesichts der Tatsache, dass sie später alle ein üppiges Weihnachtsdinner haben würden, sagten die Eltern ausnahmsweise nichts, während die Kinder sich mit den Süßigkeiten vollstopften. Percy aber vergaß sein Versprechen gegenüber den Gartengnomen nicht und als es endlich Zeit für den Weihnachtspudding war, nahm er seinen Teller und stand auf, um in den Garten zu gehen.
„Was ist, Percy?“, fragte seine Mutter sofort. „Willst du denn deinen Pudding nicht?“
Und der Vater fragte: „Bist du satt?“
„Wenn du deinen Pudding nicht willst, kann ich ihn haben?“, wollte Ron sofort wissen.
Percy schüttelte nur den Kopf. „Ich will ihn den Gartengnomen bringen. Schließlich soll es doch auch für sie Weihnachten sein.“
Das entlockte seinen Eltern ein Lächeln, während Ron seinem älteren Bruder ungläubig hinterher sah, wie dieser seinen Teller nach draußen trug.
„Fröhliche Weihnachten“, wünschte er den Gartengnomen und fand doch, dass er das beste Geschenk von allen bekommen hatte. Denn schließlich kannte er jetzt die Wahrheit über Father Christmas.

ENDE
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