Weise sein und lieben vermag kein Mensch (P-16)

Weise sein und lieben vermag kein Mensch (P-16)

Beitragvon Ria » 29. Aug 2010, 21:09

Disclaimer: Kein Plan, wer die Saga um Arthur letztendlich wirklich erfunden hat, aber ich bin sicher, er wird mich für meine Interpretation nicht mehr verklagen können und deklariere mein Machtwerk einfach mal als „Original“ *g*

Rating: R, würde ich mal sagen

Beta: Sammy-Chan :-*

Widmung: Für Alraune :herz:

ooOoo


Weise sein und lieben vermag kein Mensch

~ (Cressida) Shakespeare ~




Ich hätte es sein sollen, der ihm zu dieser Ehe rät, die das Beste für sein Land und Königreich ist. Ich hätte es sein sollen, der ihm als erster zu diesem Schachzug gratuliert.

Zu meiner Schande muss ich zugeben, dass ich es nicht konnte, dass mir mein Herz die giftigen Lügen auf die Zunge gelegt hat, um diesen Tag mit allen Mitteln zu verhindern.

Dank Galahad sitze ich jetzt dennoch hier, kochend vor Zorn und kaum gezähmter Eifersucht, tue ich so, als würde ich mich für unseren König freuen. Ich würge an zartem Fleisch, am süßen Wein und lausche dem Spiel des Minnesängers, der die Schönheit der Braut besingt. Schön ist sie, die Tochter des fremden Königs. Noch. Denn wenn erst die Jahre und (ich mag es mir kaum vorstellen) die Schwangerschaften an ihr gezehrt haben, wird ihre Schönheit so verwelkt sein, wie eine Rose im November.

Doch jetzt ist sie noch jung und stolz. Sie sitzt neben Arthur, den schmalen Rücken grade gehalten, das runde Kinn stur gereckt – und das ungeübte Auge übersieht leicht das sachte Beben der schlanken Finger, wenn sie den Kelch greifen, sich an ihn klammern, wie an einen Anker.

Ich sehe es. Wie ich die Blicke sehe, die sie mit dem Ritter ihres Vaters tauscht, der nun Arthur die Treue geschworen hat. Ich sehe auch den Verrat, den beide begehen werden, kaum, dass der Mond ein weiteres Mal aufgehen wird. Einen Verrat, den ich Arthur schon am ersten Tag ihrer Ankunft prophezeit habe.

Und dazu muss man weder Zauberer noch Seher sein.

Man muss nur um die unwiderstehliche Süße der Liebe wissen.

Jenem Sog, der an einem zerrt, der einen in die Tiefe reißt, gegen den man sich nicht zu wehren vermag – ja, es gar nicht will. Der Verstand und Ehre einfach auslöschen kann.

Und natürlich muss man die Augen aufmachen und beobachten.

Und genau das tue ich. Um diese neuen Schachfiguren besser einschätzen zu können, die auf dem Feld erschienen sind.

Nun, und um den eigenen Schmerz ein wenig zu vergessen, während ich mich an dem anderer ergötze.

Lancelot kämpft sichtlich mit sich und seinem Gewissen. Vermutlich wurde ihm schon Loyalität eingetrichtert, als er noch nicht einmal laufen konnte. Die Prinzessin dagegen sieht aus, als würde sie zwar die Zweckmäßigkeit dieser Verbindung akzeptieren und hoch erhobenen Hauptes auf den Opferaltar namens Ehebett steigen – aber das mildert den Schuldspruch des Treuebruchs nicht.

Beinahe habe ich Mitleid. Doch, um ehrlich zu sein, amüsiert es mich zu sehr. Da sitzen sie, blicken sich an, stumme Versprechen in den Augen und wissen doch gar nichts. Sie denken, sie begehen Verrat. Sie denken, dass Arthur zu bemitleiden ist…

Ich muss mir auf die Lippen beißen, um nicht zu lachen, trinke schnell von dem Wein, verstecke mich hinter dem silbernen Becher.

Und verschlucke mich fast, als ein Zischeln von rechts erklingt, so giftig wie das einer Schlange:

„Du bist so still, verehrter Merlin. Hat es dir die Sprache verschlagen, angesichts der Tatsache, dass du nun nicht mehr die erste Geige spielst?“

Ich blinzle und rümpfe die Nase, als mir weinsaurer Atem ins Gesicht weht. Morgan le Fays Augen sind schmal und dunkel vor Eifersucht, wie immer, wenn sie mich ansieht. Ich lächle gezwungen, um die nötige Höflichkeit bemüht, die einer Prinzessin gebührt. Es gelingt mir nicht sonderlich gut, ich bin mir zu bewusst, dass das Weib in Arthurs Gunst weit unter mir steht, Schwester hin oder her.

Ganz abgesehen davon, ist sie mir zuwider. Nicht, weil sie falsch und nur auf ihren Vorteil bedacht ist.

Sondern, weil sie die Intelligenz eines Kuhfladens ihr Eigen nennt.

„Ich muss meine Position nicht in Frage stellen, holde Morgan. Ich bin Arthurs Freund, daran wird eine Ehefrau nichts ändern.“

Vor allem keine, die es kaum erwarten kann, die Beine für einen anderen breit zu machen.

Ich gönne mir ein Lächeln, als Morgans volle Lippen sich mürrisch verziehen und (Bescheidenheit war noch nie einer meiner Stärken) setze hinzu:

„Außerdem bin ich der mächtigste Magier Britanniens, diese Stellung wird sie mir wohl ebenfalls nicht abgraben können.“

Ich sehe interessiert zu, wie Morgan auf ihrer Antwort herumkaut wie auf einem Stück Knorpel. Normalerweise gebietet es die Etikette, solche Zurechtweisungen stillschweigend hinunterzuschlucken und dabei noch zu lächeln.

Höflichkeit liegt Morgan jedoch ebenso wenig wie logisches Denken.

„Oh doch, sie wird dich vertreiben, Merlin. Mit den Waffen einer Frau, gegen die du keinen Zauberspruch kennst!“

Die pure Wut verzieht ihr Gesicht, lässt es hässlich und alt scheinen und ringt mir ein Kopfschütteln ab. Eigentlich ist es Zeit, dass sie verheiratet wird. Jedoch tut mir das arme Schwein, das sie nehmen muss, jetzt schon leid.

Ich schätze, ich werde Galahad vorschlagen. Als Dank für den Rat, dass Arthur Guinevere heiraten soll.

„Ha! Darauf weißt du nichts zu antworten.“ Sie lehnt sich zufrieden lächelnd zurück und schüttet den Wein in sich hinein, als wäre er Wasser. Ein dünnes Rinnsal läuft an ihrem Mundwinkel herab, das sie fahrig mit einem silberbestickten Ärmel abwischt.

Lohnt es sich überhaupt, den Streit fortzuführen? Soll man mit jemanden kämpfen, der so wehrlos wie ein Neugeborenes ist? Das ist wohl nicht sehr ritterlich…

Wie überaus praktisch, dass ich kein Ritter bin.

„Morgana“, ich lege ein bedauerndes Timbre in meine Stimme und beuge mich vor, um mitleidig ihre Hand zu tätscheln, „ich verstehe ja deine Frustration. Als alternde Halbschwester des Königs hast du es wahrlich nicht leicht, doch wenn du weiter so zänkisch bist, wird Arthur einen armen Tropf in Ketten zu dir an den Altar schleppen müssen, damit du endlich heiraten kannst.“ Ich zeige ihr lächelnd meine Zähne (von denen ich im Gegensatz zu ihr noch alle besitze) und genieße es, wie ihr Mund fassungslos aufklappt. „Doch bedenke, dass dir immer noch das Kloster bleibt, wenn alle Stricke reißen…“

„Du…“ Sie schnappt nach Luft und umklammert ihren Kelch, als wolle sie ihn mir über den Kopf ziehen. Dabei war es noch nicht einmal gelogen. Arthur hat ihr viele Kandidaten angeschleppt, die sie bedauerlicherweise alle vergrault hat. Jetzt ist sie beinahe zwanzig und der Unmut hat hässliche Zeichen in ihrem Gesicht hinterlassen. Sie wollte immer nur den einen, der für sie verboten ist.

Und den ich Geliebten nennen darf.

Morgan ist ausnahmsweise klug genug, zu wissen, wann sie verloren hat, knallt den Kelch auf den Tisch und steht so abrupt auf, dass ihr Stuhl fast kippt. Ich heuchle Bestürzung, weil es so spaßig ist, wie sie mit den Zähnen knirscht.

„Ich hoffe, dich nicht beleidigt zu haben, mit meinen Worten, Prinzessin…“

„Sir Galahad, würdet Ihr mir die Ehre erweisen, mich nach draußen zu begleiten? Mir ist nicht wohl!“

Morgan zerrt einen überrumpelten Galahad von seinem Stuhl, der zu sehr Ritter ist, um sich gegen diesen Angriff zu wehren.

Und ich kann es natürlich nicht lassen:

„Du siehst tatsächlich etwas blass aus, wehrte Morgana. Vielleicht solltest du eine meiner Tinkturen einnehmen?“

Sie schnaubt nur wie ein gereiztes Pferd und schleift ihren Begleiter durch die Halle. Ich bedaure es tatsächlich ein wenig, als sie geht. Sie war eine willkommene Ablenkung von diesem Desaster, das sich Hochzeit nennt. Jetzt bleibt mir wieder nur lächeln und den Schaustellern zuzusehen, die vor der Tafel ihre Possen reißen.

„Musste das sein, Merlin? Sie hat es schwer genug.“

Die dunkle Stimme durchdringt mich wie ein warmes Feuer. Und als sich schlanke Finger auf meine Hand legen (unter dem Tisch, natürlich), bin ich sogar bereit, mich bei Morgan zu entschuldigen.

Zum Glück ist sie schon fort.

Ich wage es, den Blick zu heben und in blaue Augen zu sehen, umkränzt von dichten Wimpern, nur eine Nuance dunkler, als das helle Haar, das Arthur in die gerunzelte Stirn fällt.

Verdammt sei die Liebe, die mich zu einem eifersüchtigen Trottel degradiert, der am liebsten plärren würde wie ein Kind. Oder zetern wie eine Frau. Der sich am liebsten auf Arthurs Schoß zusammenrollen würde, um zu hören, dass nichts von alledem grade geschieht.

Still seufzend sehe ich auf die schlanke Hand hinab, die meine hält, die Hand eines Kriegers, ganz rau durch das Führen Exkaliburs. Die Sehnen und Muskeln der Unterarme spannen sich an, je länger meine Augen darauf verweilen und ich hebe den Kopf, lächle möglichst heiter.

„Gönn mir auch ein wenig Vergnügen.“ Ich kann nicht anders, ich streichle mit dem Daumen über Arthurs Handrücken. „Morgan übersteigt einfach meine Geduld.“

„Seit wann bist du geduldig?“ Arthur blickt noch immer ernst, doch ich kenne ihn gut genug, um das amüsierte Zucken der Mundwinkel zu bemerken.

„Schon immer“, kontere ich. „Es ist einer meiner Stärken.“

„Wie Bescheidenheit?“

„Und Frömmigkeit.“

Arthurs Maske fällt in sich zusammen, als er sich auf die Lippen beißt und doch nur grinst, statt zu lachen. Es lässt mein Herz aussetzen. Wie jung er wirkt, wenn die Ernsthaftigkeit des Königs von ihm abfällt. Es ist, als würde sich ein Bild über sein Gesicht legen; das Bild des Jungen, der mit mir aufgewachsen ist. Der mit mir die Hühner aus den Ställen befreit und dem Koch seine Messer gestohlen hat, um diese Viecher zu retten.

Und der mit mir zusammen jede Strafe abgesessen hat, die Uther uns auferlegt hat.

Der wie ein Bruder war. Vorher. Vor dieser Nacht im Dezember.

Vier Jahre ist es jetzt her, fast auf den Tag genau und dennoch weiß ich es, als wäre es erst gestern geschehen. Zwei unerfahrene fünfzehnjährige Jungen, die nicht wussten, was sie tun. Und die der falsche König Uther an den Zehen aufgehängt hätte, wären sie erwischt worden.

Doch im Rausch, hervorgerufen durch gewürzten Wein und der Neugierde, angestachelt durch die zotigen Scherze der altgedienten Ritter… wir haben keinen Gedanken an Gefahr verschwendet. Nun, Arthur vielleicht schon, doch ich habe die Einwände von weichen Lippen geküsst, habe mich zitternden Händen ausgeliefert, gelockt und geschmeichelt, getrieben von Lust und Gluthitze, die nach Erfüllung verlangt haben.

Mein Hinterteil schmerzt noch heute bei der Erinnerung an Arthurs Ungeschicklichkeit und dem Mangel an Öl und Geduld.

Arthur drückt warnend meine Hand, streicht verheißungsvoll über mein Bein, bevor er mir diese köstliche Berührung entzieht, die mir Hitze in die Lenden treibt und mich noch immer lächelnd betrachtet. Lächelnd und mit unverhohlener Gier.

„Hör auf, so unverschämt zu grinsen, sonst muss ich dich hier herausschleppen und meine frisch Angetraute sitzen lassen. Kannst du dir das Gerede vorstellen?“

Es ist wie ein Schlag ins Gesicht. Vier Jahre und noch niemals zuvor hat Arthur mich abgewiesen. Ich mache Bekanntschaft mit den Unannehmlichkeiten des geheimen Geliebten und es schmeckt mir nicht.

Es schmeckt mir kein bisschen.

„Natürlich. Ich vergaß, dass der König nun andere Verpflichtungen hat“, entgegne ich, mehr fauchend denn sprechend und so giftig, dass selbst Morgana vor Neid erblasst wäre.

„Merlin… bitte…“

Schon ist es da, das schlechte Gewissen. Es braucht nicht viel, nur ein Aufflackern von Schmerz in den vertrauten Augen reicht aus. Die gleiche Qual, wie auch ich sie spüre. Ich starre hinauf, zu rußgeschwärzten Deckenbalken und muss regelrecht kämpfen, bevor ich ein verzerrtes Lächeln auf meine Lippen zwingen kann.

„Ich… es tut mir leid“, knirsche ich und selbst ein Tauber könnte meinen Widerwillen heraushören. Ich will ganz andere Dinge sagen, will ihm Vorwürfe machen und auf meine wahrlich älteren Rechte bestehen.

Doch eigentlich möchte ich die Worte einfach nur zurücknehmen, es Arthur nicht noch schwerer machen, als es ist. Er ist es schließlich, der zu diesem Weib ins Bett kriechen und es schwängern muss. Ich dagegen werde nur mit den Zähnen knirschen und die Wände hochgehen, wann immer er bei ihr ist.

Eine Vorstellung, die den eben noch hinabgewürgten Wein zurück auf meine Zunge treibt.

Ich schlucke sauren Speichel und versuche mir einzureden, dass Arthurs verletztes Schweigen mir nicht das Herz aus der Brust reißt.

Ein Schweigen, das sich ins Unendliche dehnt, an meiner Seele zerrt. Verdammt sei er. Ein Wort von ihm kann mich tiefer verletzen als jedes Schwert.

Kein Wort jedoch bringt mich fast um.

Ich versuche, ruhig zu atmen, versuche, überhaupt Luft in meine Lungen zu pressen. Was mir schwerer fällt, je länger diese Stille dauert. Diese Stille, die nur zwischen uns besteht, die dröhnt in der lauten Halle, die das Gejohle der Hochzeitsgäste überschattet.

Wie durch Nebel sehe ich den Hofmeister, der hektisch winkt, der mich an meine Pflicht erinnert. Ich beiße die Zähne zusammen und erhebe mich schweigend. Mehr bin ich also nicht, nur ein weiterer Punkt auf dem Programm, das zu Ehren des frischgebackenen Ehepaares abgehalten wird.

Das und ein liebeskranker Idiot, der in Selbstmitleid badet.

Ich sehe Arthur nicht an, als ich in die Mitte der großen Halle von Camelot stolziere. Ich sehe niemanden an, trage die Nase hoch in der Luft. Aber ich weiß, dass alle mich ansehen. Den Magier, der mit einem Fingerschnippen einige Fackeln erlöschen lässt, die Halle in diffuses Licht taucht. Dem das braune Haar lang und glatt über Rücken und Schultern fließt wie Wasser. Der in seiner schwarzen Robe ohne Zierrat dunkel und bedrohlich wirkt, als er die Hände hebt.

Sie alle belächeln meine Jugend. Und sie fürchten meine Macht. Alle, bis auf einer.

Arthur. Den einzigen Menschen, den ich sehe, als ich meinen Zauber zu wirken beginne. Den einzigen, den ich mit dieser Posse zu beeindrucken wünsche. Und eine Posse ist es. Nicht mehr als eine Illusion, Taschenspielertricks, wenn man es genau nimmt. Genau genommen, ist es unter meiner Würde. Doch schon der Auftakt reicht, um der Menge ein begeistertes Keuchen zu entlocken.

Allein mit meinem Willen lasse ich fremde Bäume und Pflanzen aus dem Boden sprießen, Sand den steinernen Boden jäh bedecken, meinen Erinnerungen aus den früheren Reisen in den Orient entsprungen. In Sekundenschnelle gleicht die Halle einer Oase im Sonnenuntergang. Einige Zofen kreischen erstickt, als Kamele an ihnen vorbeiziehen, als Geparde unter den Tischen herumschleichen, auf der Suche nach Beute.

Doch sie seufzen entzückt, als Krieger auf feurigen Pferden über die Tische jagen.

Und die Männer jubeln begeistert, als verschleierte Mädchen, schlank und biegsam wie junge Weiden, zu unbekannten Trommelrhythmen tanzen.

Ich muss zugeben, dass mich meine eigene Darbietung kaum interessiert. Ich beschwöre phantastische Kreaturen, Menschen und Tiere – und das alles nicht mehr, um Arthur zu beeindrucken.

Nein. Ich tue es nur noch, um möglichst unauffällig verschwinden zu können.

Als die Halle einem brodelnden Kessel gleicht, gehe ich.

Es ist eigentlich keine Flucht. Keine richtige. Ich überlasse mein Publikum nur seinem Vergnügen und verschwinde aufatmend durch eine Seitentür ins Freie.

Erst hier, in schneidender Kälte und finsterer Nacht erlaube ich mir einen Anflug von Schwäche. Ich umklammere mit zitternden Fingern die Außenmauer, krümme mich unter der fast körperlichen Pein zusammen und presse die Augen zu, um das Brennen zu unterbinden, das mir die Sicht mehr nimmt, als der fallende Schnee.

Doch vertreiben kann ich es nicht, dieses Gefühl, auseinandergerissen zu werden.

Immer noch sehe ich Arthur vor mir, wie er am Tisch sitzt, neben seiner Braut, wie er meinen Blick meidet, kein Lächeln übrig hat, nicht einmal ein anerkennendes Nicken.

Nichts.

Es tut weh. Mehr, als Worte beschreiben können. Und ich glaube, dass ich nicht mehr atmen kann, unter diesem Schmerz, obwohl kristallklare Luft meine Lungen füllt.

„Geht es Euch nicht gut? Hat die Vorstellung so sehr an Euren Kräften gezerrt?“

Ich unterdrücke ein Stöhnen, als ich die Stimme hinter mir höre. Eine Hand legt sich auf meine Schulter und ich richte mich ergeben auf, auch wenn mir jetzt wirklich nicht nach Konversation zumute ist.

Zumal es ein Witz ist, dass dieses kleine Spektakel mich geschwächt haben sollte.

„Nur eine vorübergehende Schwäche“, setze ich an, schüttle die Hand ab, indem ich mich umdrehe und erstarre. „Sir Lancelot.“

Er lächelt, wirkt erfreut und überrascht und erstaunlich jung, mit den halblangen braunen Haaren, die ihm wirr und schneefeucht ins Gesicht fallen.

„Ihr kennt mich?“

Wie könnte ich nicht? Er besteigt schließlich meine größte Konkurrenz.

„Euer Ruf eilt Euch voraus“, schmeichle ich, schließlich muss man seine Feinde kennen. Auch wenn der Umstand Feind hier wohl ein wenig von mir dramatisiert wird. „Wie ich hörte, habt Ihr die Lady Guinevere sicher nach Camelot geleitet, bevor Ihr meinem König die Treue geschworen habt.“

Ein Anflug von Schmerz huscht über die weichen Gesichtszüge, der gleiche Schmerz, den auch ich spüre und meine Worte tun mir unwillkürlich leid. Dabei habe ich den Mann verletzen wollen, weil… weil ich… mir fällt kein plausibler Grund ein. Außer der, dass ich meine Pein teilen will.

„Es war mir eine Ehre… mich um das Wohl der Lady zu kümmern.“ Lancelot strafft die Schultern und wendet die Augen ab, als er sehr offensichtlich lügt.

Nicht, dass ich daran zweifle, dass es ihm eine Ehre und ein Vergnügen war, mit der Dame zu… verkehren, doch der Umstand, dass er sie zu ihrem Ehemann eskortieren durfte, wird die Reise wohl ein wenig getrübt haben.

Für einen winzigen Augenblick spiele ich mit dem Gedanken, ihm mein Wissen unter die Nase zu reiben. Ich will sehen, wie sich diese braunen Augen vor Schrecken weiten, wie das blasse Gesicht auch den letzten Hauch Farbe verliert. Bestimmt würde er zurückweichen, die Hände abwehrend erhoben, den Kopf schütteln, leugnen.

Für einen Augenblick gebe ich mich dieser Vorstellung hin; vergesse darüber selbst die Nacht, die mir bevorsteht. Diese einsame Nacht.

Die vernichtenden Silben liegen mir schon auf der Zunge, ich spüre, wie mein Herz schneller schlägt, wie sich meine Muskeln unwillkürlich anspannen – ein Zustand, in den mich sonst nur Arthur versetzen kann.

Oder eben jene Bösartigkeit, die ich vor ihm verberge.

Für die ich mich schäme.

Manchmal.

„Ihr sollt trotz Eurer Jugend ein weiser Mann sein, Merlin.“

Lancelots Stimme holt mich wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Ich blinzle und öffne den Mund, doch er hebt die Hand, die Lippen zusammengepresst, die Augen schmal und berechnend.

„Vielleicht nehmt Ihr dennoch den Rat eines einfachen Ritters an: Verbergt Eure Eifersucht besser, wenn Ihr Euch und Euren König nicht in Gefahr bringen wollt.“

Noch während er spricht, wendet Lancelot sich ab, wohl, um das letzte Wort zu haben; aber um ehrlich zu sein, hätte er bis zur Sommersonnenwende hier stehen können und mir wäre keine passende Entgegnung eingefallen.

Jetzt bin ich es, der entsetzt nach Luft ringt, dem das Blut aus dem Gesicht weicht, dem die Knie so entsetzlich weich werden, dass ich mich nur noch an die steinerne Brüstung klammern kann, um nicht unter diesem Schlag, der beinahe körperlich ist, zusammen zu brechen.

„Ich werde Euch noch etwas sagen, Merlin.“ In Lancelots Augen glimmt tatsächlich eine Drohung, als er einen Schritt vortritt. Noch einen. Bis ich seinen Atem auf meinem erstarrten Gesicht spüren kann. „Mich interessieren weder Eure noch Arthurs abartigen Neigungen. Ich werde Euch dennoch im Auge behalten und sollte der Lady Guinevere auch nur ein Leid geschehen, wird Euch keine noch so mächtige Magie vor mir schützen können.“

Ich röchle nach Luft und kann den Kerl riechen, Schweiß und Leder und Hass schlagen mir entgegen. Und ich kann nicht viel mehr tun, als zitternd vor ihm zu stehen und ihn anzustarren.

Und mich zu fragen, wer es noch weiß.

Wenn er, den ich für einen Idioten gehalten habe, es binnen Tagen herausgefunden hat, wer ahnt noch etwas? Waren wir zu unvorsichtig?

Natürlich waren wir das. Mir steigt Galle die Kehle hoch, wenn ich daran denke, wie oft wir mit der Gefahr gespielt haben. Und kalte Wut frisst sich durch meine Brust, wenn ich daran denke, dass wir uns verstecken müssen. So lange schon und für immer.

Die Wut hilft mir, die Panik zu verdrängen, die in meinem Inneren wütet. Meine Finger zittern nicht mehr, als ich nach Lancelots Tunika greife und ihn die wenigen Zoll näher ziehe, die ihn noch von mir trennen.

„Ihr wisst nicht, wem Ihr droht, Ritter.“

Lächelnd blickt er auf mich herab, ist sich seiner Kraft so sicher, der Stärke von Stahl und Muskeln. Wahrlich, ich bin schmächtig und klein, ich bin ihm körperlich hoffnungslos unterlegen. Und es ist gut, dass er das denkt – es wird meinen Triumph nur versüßen.

„Ich schätze, ich drohe dem berühmten Merlin“, sagt er, noch immer grinsend, ohne den Versuch zu machen, sich von mir zu lösen. „Einem Zauberer, der Illusionen erschafft, um seinen König zu erfreuen. Wirklich, ein großer Magier, vor dem ich wahrscheinlich zittern sollte.“

Ein Gedanke reicht vollkommen aus. Lancelot hat grade noch genug Zeit, ein Keuchen auszustoßen, bevor er gegen die Mauern Camelots kracht.

„Ihr solltet tatsächlich vor mir zittern, Ritter.“

Nun bin ich es, der auf ihn herablächelt, ihn mit einem Fingerzeig auf die Füße stelle – allerdings eine Handbreit über dem Boden.

„Und Ihr solltet wissen, wann es besser ist, den Mund zu halten.“

Er keucht, Augen weit und panisch, wehrt sich gegen den unsichtbaren Griff und kann doch nichts tun, kann nur zappeln, hilflos meiner Macht ausgeliefert.

„Sollte ich auch nur vage Gerüchte hören, die meinem König schaden, wird Euch kein Schwert der Welt vor mir schützen können.“

Ich wiederhole seine Drohung spöttisch, mit einer knappen Verbeugung, als würde ich mich nach einem Tanz verabschieden und gehe. Hinter mir kracht es erneut und ich weiß, dass er mir nachsieht. Nicht mehr mit Abscheu im Blick, sondern Furcht. Berechtigter Furcht.

Noch immer trübt haltloser Zorn meine Sicht. Zorn, an den ich mich klammere, um nicht über die beängstigenden Fragen nachdenken zu müssen, die Lancelot in mir aufgeworfen hat. Über die ich noch früh genug nachdenken muss. Für die ich eine Lösung finden muss, ohne, dass Arthur auch nur ahnt, in welcher Gefahr wir schweben.

Doch nicht jetzt, nicht ausgerechnet heute.

Zur Hochzeit kann ich allerdings auch nicht zurück. Also gehe ich zu dem einzigen Ort, wo ich ganz sicher ungestört bin. Unserem Ort. Verborgen in den Eingeweiden Camelots liegt die Grotte, deren steinerne Tore sich nur für zwei Menschen öffnen. Von denen heute Nacht nur einer erscheint.

Dennoch legt sich der Frieden dieses Platzes wie Balsam über meine blanken Nerven, lässt mich ein wenig leichter atmen, lässt diesen Zorn verschwinden, der zerstörerisch wüten will.

Ich blicke umher, kann einen Anflug von Stolz nicht unterdrücken, während ich die Tropfsteinhöhle betrachte. Das diffuse, blaue Licht, das aus den Wänden selbst zu kommen scheint, die Quelle, deren Wasser so dunkel und glatt wie ein schwarzer Spiegel ist.

Alles mein Werk. Erschaffen für Arthur. Für mich. Um zusammen zu sein. Geschützt vor neugierigen Augen.

Das Wasser ist warm und ölig auf meiner Haut, es ist voller Erinnerungen, die mich lächeln lassen. Und mir das Herz in der Brust zerreißen.

Zum ersten Mal werde ich allein sein, wirklich allein. Zum ersten Mal werde ich vergeblich darauf warten, dass sich der Stein mit einem Knirschen bewegt. Zum ersten Mal wehre ich mich nicht länger gegen jene Bilder, die schon die ganze Zeit in mir gelauert haben.

Darauf gewartet haben, mich in einem schwachen Moment zu erwischen. Arthur und Guinevere… ich kann sie sehen. So deutlich wie in einer Vision. Verkeilte Körper, von denen mir einer nur zu vertraut ist. Von Schweiß glänzende Haut im Kerzenlicht. Ineinandergekrallte Hände. Keuchen–

Der Schmerz, den ich erst jetzt wirklich zulasse, ist überwältigend. Wie eine Klinge schneidet er in meine Seele. So intensiv, dass ich nicht einmal schreien kann. Ich kann nur meine Finger tief in mein Fleisch krallen, um die Pein körperlich zu machen, um unter diesem Sturm nicht den Verstand zu verlieren.

Um die Mauern Camelots nicht mit meinem Willen einzureißen.

Bebend schnappe ich nach Luft. Versuche, mich zu bezähmen, die Magie wieder zu kontrollieren, die erste Steine aus der hohen Decke löst. Staub rieselt auf mich herab, bedeckt mein nasses Haar, dessen lange Flechten wie Spinnenweben im Wasser schweben.

Bewusst tief ein und ausatmend, stelle ich mir vor, dass Arthur bei mir ist. Bei mir und nicht in einem verfluchten Ehebett. Ich stelle mir vor, dass seine Hände mich berühren, seine Stimme mir beruhigend zuflüstert…

„Muss ich das Schloss evakuieren lassen? Oder hast du dich wieder im Griff?“

Ich reiße die Augen auf und springe vor Schreck fast aus dem Wasser. Vor mir, am Beckenrand, kniet Arthur und grinst wie früher, wenn ihm ein Streich gelungen ist.

Und dafür, dass er grade geheiratet hat, ist er ziemlich weit weg von seiner Braut. Und er ist ziemlich nackt.

Mir ist, als würde ein glühender Ring von meiner Brust genommen. Vor der ich stur die Arme verschränke, weil mir bewusst wird, dass er mich gesehen hat. Gesehen hat, wie ich mich winde wie ein Wurm am Haken.

„Solltest du jetzt nicht in der liebevollen Umarmung deiner Ehefrau liegen?“, frage ich spitz, ignoriere die Tatsache, dass mein Gesicht vermutlich rot und verquollen ist.

Arthur schnalzt missbilligend mit der Zunge; ein Laut, der mir ein wohliges Schaudern entlockt.

„Ich befürchte, meine Braut umarmt heute nur noch ihren Nachttopf. Sie muss etwas Falsches gegessen haben und da ich ein rücksichtsvoller König bin, bestehe ich nicht auf meine Rechte.“

Ich sehe gespielt misstrauisch zu, wie er sich ins Wasser gleiten lässt, dabei würde ich mich am liebsten gierig auf seinen Körper stürzen; golden und straff und voller Narben. Mir ist völlig gleichgültig, warum er nicht bei ihr ist, solange ich ihn für mich haben kann.

„Vielleicht hat aber auch jemand nachgeholfen, dass die Lady sich unwohl fühlt“, flüstert Arthur verschwörerisch und ich bin so perplex, dass ich mich von ihm einfangen und an eine sehnige Brust ziehen lasse.

„Das war ich nicht“, verteidige ich mich automatisch, wohl, weil ich mit dem Gedanken gespielt habe, der Lady tatsächlich etwas in den Wein zu schmuggeln.

„Aber du hast mir mal gezeigt, wo du deine ganzen Tinkturen und Tränke aufbewahrst.“

Mein Mund klappt würdelos auf, als mir die Tragweite dieses Geständnisses klar wird. Arthur hat es getan, meinetwegen getan, weil er bei mir sein wollte!

Und morgen würde Lancelot mir deswegen an die Kehle wollen, aber gut, mit Verlusten ist im Krieg immer zu rechnen.

Jetzt bin ich einfach nur glücklich. So glücklich, dass es fast schon lächerlich ist. Ich muss mich zusammenreißen, um diesem Gefühl, warm und prickelnd, nicht laut Ausdruck zu verleihen. Ich habe schließlich eine gewisse Würde zu wahren.

Ach verdammt, wen interessiert das schon?

Ich strahle übers ganze Gesicht und werde ganz weich in Arthurs Armen. Sein Lächeln raubt mir den Verstand, liebevoll und zärtlich. Kein Wort sagt er, über mich und meine kindische Eifersucht. Und ich liebe ihn mit jeder Faser meiner Seele. Will ihn. Jetzt. Aufkeuchend dränge ich mich näher an Arthur, umschlinge schmale Hüften mit den Beinen, gebe dieser Sucht nach, die mich nährt und zerstört zugleich.

Weich und schlüpfrig ist seine Haut, in die ich meine Finger kralle, als ich ihn küsse, diese schmalen Lippen, die weiche Zungenspitze endlich wieder spüren darf, die Süße seines Geschmacks erfahre.

„Lancelot sah ein wenig… derangiert aus, als ich ihm begegnet bin…“ Auch Arthurs Stimme ist nicht mehr ganz so fest. Oh, aber dafür etwas anderes, was sich gegen meinen Bauch drückt. „Hast du damit zu tun?“

„Nur eine Meinungsverschiedenheit“, flüstere ich zwischen zwei Küssen, während ich versuche, ihn überall zugleich zu berühren. Ich will nicht reden, nicht zärtlich sein, nicht warten.

Wieder öffnet Arthur den Mund, wohl, um mir zu sagen, dass ich seinen Rittern nicht einfach so ein paar Knochen brechen kann, doch ich nutze die Gelegenheit, ihm meine Zunge tief zwischen die bebenden Lippen zu schieben.

Und meine Finger zwischen angespannte Backen.

Ein überwältigtes Stöhnen ist die Antwort, eine Welt, die sich dreht, als Arthur mich fester packt, in mich eindringt, mich mit seinem Körper als Sein beansprucht.

Schmerz und Lust werden eins, sind noch immer so großartig wie damals, vor vier Jahren, in jener Dezembernacht, in der wir dieser lodernden Gier zum ersten Mal nachgegeben haben.

Und es ist noch immer genau so gut, so verzehrend, aufregend und berauschend. Unsere Körper sind verkeilt, glänzen von Schweiß und öligem Wasser, unser Keuchen hallt von den hohen Wänden wider, als wir uns die Lippen blutig beißen, während wir uns verzweifelt lieben.

Jeder Stoß Sterben und Leben in einem. Immer von Hoffnung begleitet. Immer wissend, dass es so nicht immer enden wird.

Meine Rippen brechen fast unter Arthurs Umklammerung, dennoch will ich es nicht anders, dränge mich hitzig noch näher an ihn heran, reibe mich an ihm wie ein Tier in Hitze. Stöhne, schreie, schluchze, als Lichtermeere vor meinen Augen aufflammen, der Genuss einfach zu groß ist, als ich spüre, wie Arthur erzittert, glühende Hitze in mir explodiert.

Und ich komme, unendlich lang, unendlich gut, gehalten und beschützt, von dem einzigen Menschen, der meine Seele berührt.

Ich weiß nicht, wann es aufhört, dieses Beben, das wie Wellen meinen Körper durchläuft, mich kraftlos zurücklässt. Träge und zufrieden.

„Verdammt, Merlin… musst du meine Beherrschung jedes Mal auf diese Probe stellen?“

Ich grinse, versteckt an Arthurs Hals und küsse die zarte Haut, unter der der Puls noch immer schnell schlägt. Ich kenne das schon, das schlechte Gewissen, wenn ich meinen Willen bekommen habe. Und Arthur wieder genug Blut im Hirn hat, um sich Vorwürfe zu machen.

Noch immer lächelnd, verreibe ich das Wasser auf seiner Haut, das einen schimmernden Film hinterlässt, als es von goldener Perfektion abperlt. Es ist ja nicht so, als hätte ich in den letzten Jahren gar nichts gelernt.

„Ja, muss ich.“

Arthur sieht mich streng an, zieht sich aus mir zurück, mit einer Vorsicht, die mein Herz schneller schlagen lässt und schwimmt mit mir zurück zum Ufer.

„Ich will dich nicht verletzen“, brummt er, Stirn gerunzelt und ich muss mich beherrschen, um nicht schon von allein an Land zu klettern.

„Du hast mich nicht verletzt.“

„Davon will ich mich selbst überzeugen.“

Ich verstecke mein Lachen in meinen Armen, als ich wie erwartet bäuchlings auf dem Ufer lande, Hintern hoch in der Luft und trotz der entwürdigenden Position mit mir und meinem Schicksal vollends zufrieden.

Arthur ist hier, bei mir, ganz nah, so nah, dass ich seinen Atem auf meinem Steiß spüre, bevor er ihn küsst.

Und alles andere kann warten. Bis mir eine bessere Lösung einfällt, als diese Illusion von Frieden.

Eins allerdings kann nicht warten…

„Weißt du, Arthur“, flüstere ich, bevor mir seine Zungenspitze den Atem dafür nehmen kann. „Ich glaube, Galahad und Morgana haben ein Auge aufeinander geworfen…“

Ende
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