Castello

Castello

Beitragvon callisto24 » 24. Jan 2015, 22:10

Zum Prompt 'Blau gefrorene Finger' ein Original, das ich eventuell über das Jahr ergänze. :herz:


Kapitel 1: Trauer


Seine Hände waren blaugefroren. Er konnte sie kaum noch bewegen. In der Mähne des Pferdes schimmerten Eiskristalle, die so fest hafteten, dass er sie nicht hatte entfernen können. Er pustete in seine Finger, versuchte deren Gelenkigkeit zurückzuerlangen.
Das Leder war hart, die Verschlüsse am Zaumzeug zu schließen schien unmöglich. Doch er versuchte es weiter, verbohrt, verzweifelt, sich einer Aufgabe stellend, die er nie hatte übernehmen wollen. Castello war das Pferd seiner Schwester gewesen, und in den letzten Jahren hatte er wenig Interesse für sie, erst recht nicht für ihr Hobby aufgebracht. Oder ihre Bestimmung, wie sie es immer genannt hatte.
Er begriff auch jetzt nicht, verstand nicht, wie sie derart viel Zeit hatte in eine Beschäftigung investieren können, die nichts zurückgab, die kein Ergebnis vorwies, für die er keinen Grund kannte.
Castello war nie einfach gewesen. Seine Schwester die Einzige gewesen, die er in den letzten Jahren problemlos an sich herangelassen hatte. Jetzt war sie tot und als sei alles andere nicht schwierig genug, konnte Lou sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Trakehner Trauer empfände. So wie er ihn ansah, wie er in die Ferne blickte, immer wieder in die Richtung sah, aus der er gekommen war, aus der jeder sich dem Hof näherte, Silke sich ihm genähert hatte, schien er auf sie zu warten.
Immer noch, auch nach Wochen.
Lou blies ohne Erfolg auf seine Finger. Der Nasenriemen war nun geschlossen, doch seine Hände schmerzten. Er brachte sie kaum wieder in die mitgebrachten Handschuhe, tätschelte mit diesen und ohne, dass sie ihn zu wärmen vermochten, Castellos Hals.
Er hätte das Pferd gleich weggeben sollen. Tiere waren für ihn noch nie von großem Interesse gewesen. Dass seine Eltern ihn damals zu Reitstunden überredet hatten, damit er sich der großen Schwester nicht zurückgesetzt fühlen konnte, hatte eher einer Strafe geglichen als einer Belohnung. Er war nur allzu froh gewesen, als sie den fatalen Fehler eingesehen und ihn von der unangenehmen Pflicht entbunden hatten.
Doch Silke war vom ersten Tag an wie geblendet gewesen. Sie störte weder der Gestank, noch die Arbeit im Stall, noch der Schmutz oder der Widerstand gerade seitens der Pferde, für die sie ihr Herz entdeckte, die sie in ihre Obhut nahm. Ausnahmslos Problemfälle, Schulpferde, die kurz davor standen, ausgesondert zu werden, die für Reitschüler zu gefährlich wurden, stahlen ihr die Freizeit. Jede Minute, die sie sich wegstehlen konnte, verbrachte sie mit den Versuchen herauszufinden, was es war, wogegen das Tier sich wehrte. Nicht immer mit Erfolg. Nicht immer ließ einer ihrer Patienten, wie sie sie später nannte, es zu, dass sie sich ihm näherte, ihn führte, mit ihm übte und ihm vielleicht sogar noch ein paar Jahre auf dem Reiterhof schenkte.
Und nur, weil Silke es nie fertig gebracht hatte, dabei zuzusehen, wie ein Pferd dem Schlachter überantwortet wurde, konnte Lou Castello nicht diesem Schicksal ausliefern.
Denn Elliot, der Besitzer des Stalles, hatte deutlich klargestellt, dass er das Pferd nicht gebrauchen konnte. Dass er auch niemanden kannte, der sich bereit erklären würde, mit dem launischen, häufig auch gefährlichen Wallach zu arbeiten.
Zuerst hatte Lou nicht geglaubt, dass während der letzten Monate Silke ihn als Einzige geritten, dass sie seine Unterbringung alleine finanziert hatte. Es war nicht so, als habe sie als Krankenschwester sonderlich viel verdient.

Er lehnte seinen Kopf an den Hals des Pferdes, als ihn die Erinnerung mit voller Wucht traf. Nicht nur Trauer, auch Schuld gesellten sich zu der Depression, die er fraglos durchlebte. Viel zu wenig hatte er von Silke gewusst, sich viel zu selten bei ihr gemeldet. Nach dem Tod ihrer Eltern waren ihre Wege rasch in verschiedene Richtungen abgedriftet. Und wie es so war, hegte er ausreichend Groll gegen die Frau, die ihm bereits mit fünfzehn Jahren prophezeit hatte, dass er sein Leben verschwende. Ausreichend genug, um es klar zu vermeiden, ihre Nähe zu suchen. Auch hatte er nie geglaubt, dass es ihr viel anders ginge. Wusste, verstand auch jetzt nicht, was in ihr vorgegangen war. Er hatte sie nie gekannt, sich nie die Mühe gegeben, sie kennenzulernen, und das Wissen quälte ihn.

Unfair war es, in so vieler Hinsicht. Kein Mensch sollte mit Mitte Vierzig sterben müssen, nicht während eines so leicht vermeidbaren Unfalls. Nicht während eines Zusammenstoßes zweier Fahrzeuge. Nicht wenn der andere Fahrer betrunken war.

Er bewegte seine Finger, massierte Castellos Hals, registrierte nur am Rande, dass der Wallach still stand. Dass er sich bereits seit geraumer Zeit ungewöhnlich ruhig verhielt. Kein Zeichen der sonstig üblichen Nervosität, der deutlichen Äußerung von Unbehaglichkeit, die er mit dem Aufsatteln und Trensen zur Schau stellte. Beinahe als verstünde er den Moment der Trauer, den Lou erlebte, beinahe als teile er dessen Gefühl.
Hätte Lou ihn nicht bereits vollkommen anders erlebt, ihn nicht dabei beobachtet, wie er seine Stellung in der Herde mit Hufen und Zähnen verteidigte, wie er beim Anblick eines Sattels gestiegen war und nach Elliot getreten hatte, der sich ihm mit der Longe nähert, er würde nicht glauben, dass es sich um ein und dasselbe Pferd handelte.
Fast lächelte er bei der Vorstellung, dass Castello Silke in ihm erkenne. Als begriffe der Trakehner auf unverständliche, unlogische Weise, warum Lou und seine Schwester zumindest das Blut, wenngleich auch nicht Ansichten oder Vorstellungen verbunden hatten. Natürlich war das Unsinn. Natürlich hatte ein Pferd andere Beweggründe dafür, sich zu verhalten, wie es sich verhielt.
Vielleicht, viel wahrscheinlicher sogar, war es die Konsequenz, mit der er Castello besuchte. Mit der er jeden Winkel in seiner Box untersucht und mit Notwendigem ausgestattet hatte. War er selbst schon nicht mehr der Jüngste, so kam ihm Castello mit seinem Alter in Pferdejahren nahe. Vermutlich befand der sich, ebenso wie er, Anfang seiner Vierziger. Nur dass dessen Knochen, dessen Rücken gerade in seiner Jugend, bevor Silke ihn vor dem Schlachter bewahrt hatte, nicht gerade mit Schonung behandelt worden waren.

Lous Hände wanderten durch das dunkle, kräftigere Winterfell des Tieres. Er sah seinem Atem nach, der sich in einer weißen Wolke von ihm entfernte.
Wiedergutmachen konnte er nichts. Doch er konnte dem Tier das Geschenk geben, dass er seiner Schwester vorenthalten hatte. Er konnte Castello die Zeit schenken und die Aufmerksamkeit, die der benötigte. Und vielleicht, nur vielleicht begann er eines Tages zu verstehen, was Silke in ihm gesehen hatte.
Benutzeravatar
callisto24
Comictexter
Comictexter||
Beiträge: 308
Registriert: 03.2011
Geschlecht: weiblich

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 0 Gäste

cron