Nofretete

Nofretete

Beitragvon chaotizitaet » 15. Feb 2017, 12:04

Liebe abranka,
Ich wünsche dir Alles Gute zum Geburtstag!

Ich wünsch dir viel Spaß mit der Geschichte und entschuldige mich jetzt schon für Tippfehler und so, aber meine Stimme ist immer noch nicht fit genug für ordentliches Korrekturlesen. Und bitte nicht vom Titel in die Irre führen lassen, es ist nicht der Wunsch mit dem Weasley-Urlaub.


Nofretete

Es hatte seine Vorteile, ein Zauberer zu sein. Insbesondere was das Transportwesen betraf, war Dean Thomas der Ansicht, dass Magie einfach unschlagbar war. Nicht nur, dass apparieren, die Nutzung des Flohnetzwerkes, Portschlüssel oder selbst der Fahrende Ritter weit schneller waren als Bus, Auto, Zug oder gar das Flugzeug, erste waren auch weitaus billiger. Und da er dank eines Jahres auf der Flucht vor Voldemort und seinen Schergen sehr gut im Apparieren geworden war, konnte er sich kostenlos im ganzen Land von einem Ort zum nächsten zaubern. So schlimm jenes Jahr auch gewesen war, Dean mochte seine magischen Fähigkeiten für nichts auf der Welt missen. Wo es ihm doch unter anderem ermöglichte weit mehr Partien seiner geliebten Fußball Premier League zu besuchen, als dies mit Muggelmethoden der Fall war. Zwar steckte seine Karriere als magischer Maler noch in den Kinderschuhen, doch seine Naturbilder warfen immerhin bereits genug ab, dass er sich auch die Eintrittskarten leisten konnte – zumindest solange es ihm egal war, ob er in den Heimabschnitten der Tribüne oder den Auswärtsbereichen saß und es ihn auch nicht weiter kümmerte, ob er oben, in der Mitte oder nah am Geschehen saß. Wie jeder eingefleischte Fan wusste er, dass jeder Platz im Stadion seine Vor- und Nachteile hatte und die meisten Nachteile konnte er durch Magie unauffällig kaschieren. Wie etwa zu laut singende Fans der heimischen Mannschaft.
So fand Dean sich an diesem Freitagabend im Süden Englands wieder, um im St. Mary’s Stadium ein Spiel des FC Southampton zu sehen. Zwar war er in erste Linie West Ham United Fan, aber deren Schicksal war in dieser Saison schon so gut wie besiegelt, während Southampton noch Chancen auf FA-Cup hatte. Es versprach also ein interessanter Abend zu werden.
Gerade hatte einer der effizienten Angestellten des Stadions ihm und seinen Sitznachbarn das bestellte Bier gebracht, als Dean einen Schatten bemerkte, den das Flutlicht auf den Rasen warf. Überrascht blickte er nach oben. Die wenigsten Vögel waren um diese Uhrzeit oder zu dieser Jahreszeit unterwegs. Was mochte also den Schatten geworfen haben? Was er sah, ließ ihn die Augen weit aufreißen. Da war tatsächlich eine kleine Gruppe entengroßer schwarzer Vögel und nicht weniger als zwei der geschätzten zehn Tiere schienen genau auf das Flutlicht zuzuhalten. Unwillkürlich hielt Dean den Atem an, als die beiden Vögel in die heißen Lichter flogen und sofort leblos zu Boden fielen. Neben ihm hörte er einen der Besucher sagen: „Na super, haben sie mal wieder Stromschwankungen hier…“
Ein anderer erwiderte: „Besser jetzt, wo die Mannschaften erst einlaufen, als später, wenn es ernst wird. Der Stromversorger und die Techniker hier wissen jetzt schließlich wonach sie gucken müssen.“
Doch Dean verstand nicht. Das waren keine Stromschwankungen gewesen sondern Vögel. Und zwei davon lagen mitten auf dem Spielfeld. Doch niemand schien ihnen Beachtung zu schenken. Konnten sie denn alle die Vögel nicht sehen? Gerade wollte Dean seine Sitznachbarn auf die Vögel aufmerksam machen, als ihn jener letzte Gedanke innehalten ließ. Schließlich wusste er, dass es durchaus magische Geschöpfe gab, die für normale Menschen unsichtbar waren, ebenso wie solche, die auch für magiebegabte Menschen unter normalen Umständen unsichtbar waren. Demiguise etwa, oder auch Thestrale… Und so sagte er lieber nichts. Aber wenn er schon nichts sagte, sollte er dann nicht wenigstens versuchen, die Vögel vom Rasen zu holen, ehe noch etwas passierte? Andererseits wusste er nicht, wie er das anstellen sollte, ohne gegen das Statut zur Geheimhaltung von Zauberei zu verstoßen. Und ein ganzes Fußballstadion zu obliviieren wäre schon etwas viel. Auf den Ärger konnte er gut verzichten.
Das Spiel begann und noch immer lagen die Vögel auf dem Rasen. Dean verfolgte das Spiel mit einer inneren Anspannung, die er sonst wohl nur gefühlt hätte, wenn West Ham gegen ManU im Pokalfinale vorne gelegen hätte. Die ersten Minuten schien alles noch gut zu verlaufen und er begann sich schon zu fragen, ob die Vögel eventuell eine Art Abwehrmagie ausstrahlten, die verhinderten, dass die Spieler ihn ihre Bahn liefen. Doch dann, nach etwas mehr als zehn Minuten, gerade als Southampton ihren ersten chancenreichen Angriff startete… Der Stürmer der Heimmannschaft spielte den Ball auf den Flügelspieler, dieser eilte nach vorne in die Bahn des Balls, um diesen zu übernehmen, stolperte über einen der schwarzen Vögel und ging zu Boden. Sofort warf er dem in seiner Nähe laufenden gegnerischen Abwehrspieler einen finsteren Blick zu und klagte beim Schiedsrichter auf Foul. Doch obwohl alle gesehen hatten, dass der Spieler offenkundig gestolpert war, hatte keiner der Unparteiischen auch nur den geringsten Körperkontakt zwischen dem Gefallenen und dem gegnerischen Spieler sehen können. Genauso wenig machte es aber in dieser Situation auch Sinn von einer Schwalbe auszugehen, wäre der Vorteil durch ein anerkanntes Foul in dieser Situation doch bestenfalls minimal gewesen.
Da der gestürzte Spieler sonst unverletzt geblieben war, ging kurz darauf das Spiel wieder weiter, wenngleich durch den Vorfall der Spielfluss Southamptons etwas gestört. Man merkte den Spielern regelrecht an, dass sie sich nach der Halbzeitpause sehnten, um sich wieder sammeln zu können. Dean ging es da ähnlich, hoffte er doch, in der Pause sich nach vorne an die Absperrung drängeln zu können, um dann möglichst unauffällig die Vögel vom Spielfeld zu holen.
„Bist wohl ein Southampton Fan“, sagte sein Nachbar, als endlich der erlösende Pfiff kam. Immerhin hatte die Verteidigung der Heimmannschaft noch gut gearbeitet, so dass noch nicht alles verloren war.
Dean zuckte nur gleichgültig mit den Schultern und machte sich auf den Weg gegen den Strom nach unten an die Absperrung. Zum Glück waren die meisten damit beschäftigt, weitere Getränke zu ordern oder die erste Runde Getränke auf den Toiletten zu entsorgen, so dass an der Absperrung genug Lücken zwischen staunenden Kindern und ihren Familien waren, um sich auf die Vögel zu konzentrieren. Unauffällig ließ Dean seinen Zauberstab aus dem Unterarmholster ein Stück herausgleiten, gerade so weit, dass die Magiesperre des Holsters nicht mehr griff, jedoch noch nicht soweit, dass der Stab mehr als einen Zentimeter aus dem Jackenärmel herausragte. Vorsichtig reckte er den Arm in Richtung des ersten Vogels und wisperte „Accio!“. Er wappnete sich für den Aufprall, schließlich durfte er sich nicht durch abrupte Rückwärtsbewegungen verraten.
Der offenkundig für alle anderen unsichtbare Vogel kam herbeigesegelt und traf Dean in den angespannten Bauch. Er ließ den Vogel vor seinen Füßen zu Boden fallen, dann konzentrierte er sich auf den zweiten Vogel. Als beide Vögel zu seinen Füßen lagen, fragte Dean sich, wie er sie wohl unauffällig mit zu sich an den Platz nehmen konnte. Er wusste nicht, ob Schrumpfungszauber bei toten Tieren funktionierten, oder ob man dafür einen Trank brauchte, den er wenn aber auch nicht dabei gehabt hätte. Blieb ihm wohl nichts anderes übrig, als zu warten, bis alle wieder auf ihren Plätzen saßen, um dann als letzter, mit je einem Vogel in der Hand zu seinem Sitz zu rennen.
Die zweite Halbzeit verlief dann ohne Störungen, doch da seine Gedanken ständig bei den beiden toten Vögeln auf seinem Schoß waren, hätte Dean hinterher nicht sagen können, welche Mannschaft mit welchem Endstand gewonnen hatte.

***

„Meine Herren, meine Damen, wir wurden gefragt, ob wir ein spezielles Flugtraining absolvieren wollen und nachdem ich gehört habe, um was es geht, habe ich beschlossen, dass Sie alle davon profitieren können und entsprechend zugestimmt.“ Der Trainer des Quidditch-Clubs Eintracht Pfützensee blickte seine Mannschaft an. „Tatsächlich ist dieses Training einzig dieser Mannschaft angeboten worden.“
Das weckte definitiv die Neugier der Spieler. Schließlich versuchte jedes Profi-Quidditch-Team der Konkurrenz einen Schritt voraus zu sein und ein exklusives Training mochte da durchaus hilfreich sein.
„Ich hoffe, Sie haben für die kommenden Wochenendabende nichts geplant…“
Diese Ankündigung allerdings sorgte für Stöhnen in der Mannschaft. Quidditch-Spiele fanden meist am Nachmittag statt und sofern der Schnatz nicht zu lange unentdeckt blieb, hatten sie meist die Abende frei. Auch an spielfreien Wochenenden waren die Trainingseinheiten daher tagsüber und nicht abends.
„Da ist es doch schon dunkel, was sollen wir da groß trainieren“, grummelte prompt einer der Jäger.
Der Trainer hatte aber mit so einer Antwort schon gerechnet. „Es muss nicht dunkel sein, um uns ein Spiel mit eingeschränkter Sicht zu bescheren. Das Regelwerk der Liga sieht keine Ausnahmen für Starkregen oder Nebel vor, daher scheint mir ein Nachtflugtraining eine durchaus gute Idee. Und ehe einer fragt, weshalb das Training unbedingt an einem Wochenende sein muss, übergebe ich an den die Person, die uns das Training angeboten hat.“ Der Trainer blickte in Richtung der Tür, wo, von den Spielern bislang unbemerkt, ein junger Mann mit dunkler Haut stand, der einen merkwürdigen Vogel in den Händen stand.
Oliver Wood, seines Zeichens Hüter von Eintracht Pfützensee, musterte den Neuankömmling kritisch. Irgendwie kam ihm das Gesicht bekannt vor, doch er hätte es nicht einzuordnen gewusst.
Der junge Mann stieß sich vom Türrahmen ab und trat nach vorne, neben den Trainer. „Hallo. Mein Name ist Dean Thomas und das hier“, er hielt den offenkundig toten Vogel hoch, „ist ein Schattenlöffler.“
Oliver hörte zu, während Dean kurz von dem Vorfall während des Fußballspiels berichtete.
„Es sind Zugvögel, die ihr Sommerquartier im magischen Sektor des New Forest haben, etwas nördlich von Southampton. Gewöhnlich reicht die Konzentration der anderen magischen Geschöpfe in dem Naturschutzgebiet, um ihnen den Weg zu weisen. Doch wenn ein Fußballspiel stattfindet und die Flutlichtanlagen eingeschaltet sind, stört das den Orientierungssinn der Vögel. Und da es nur noch wenige hundert Schattenlöffler gibt, ist der Verlust von schon zwei Vögeln wie beim letzten Spiel schmerzhaft für die Schattenlöfflerpopulation.“
„Und was hat das mit uns zu tun?“, fragte einer der Treiber.
„Die Idee ist, den Vögeln beim nächsten Spiel eine Art Magieleuchtspur zu legen, an der sie sich orientieren können. Leider sind Schattenlöffler nicht gerade formationstreu und auch nicht sonderlich schnell, weshalb die Spur ständig erneuert werden müsste und man auch aufpassen müsste, dass alle Vögel der Gruppe der Spur folgen und nicht ausscheren“, erklärte Dean.
„Geleitschutz für Vögel? Wieso machen das nicht die Zauberer vom Naturschutzpark?“, fragte der Sucher missmutig.
Oliver zuckte zusammen. Auch wenn er selbst ähnliche Gedanken zu diesem Training hatte wie sein Kamerad, wäre er doch nicht so direkt und unhöflich gewesen, diese Gedanken laut auszusprechen. Umso mehr bewunderte er Dean, der ruhig und besonnen blieb. Er lächelte sogar und Oliver konnte nicht verhindern, dass er das Lächeln erwiderte. Es war einfach eines jener unwiderstehlichen Lächeln, die man hin und wieder bei Menschen antraf.
„Weil das ganze magische Team des Parks aus drei Zauberern besteht. Und da die Statuten eines magischen Naturschutzgebiets vorschreiben, dass immer zwei Zauberer vor Ort sein müssen, bliebe nur ein Zauberer für diese Flugmission, so dass selbst mit meiner Unterstützung es einfach zu wenige Flieger wären“, erklärte Dean. „Der Park beantragt zwar gerade Mittel für zusätzliches Personal, zumindest für die Zugvögelsaison, aber leider ist magische Bürokratie genauso langsam wie die Muggelbürokratie.“
Dem konnte keiner der Anwesenden widersprechen und da der Trainer ja sowieso schon seine Zustimmung für diese zusätzlichen Flugeinheiten gegeben hatte, würden sie also die nächsten Wochenenden, oder genauer gesagt wann immer Southampton ein Heimspiel hatte und es nicht mit ihren eigenen Quiddtich-Spielen kollidierte, Kindermädchen für trottelige magische Vögel spielen. Und natürlich für den Initiator des Ganzen: Dean Thomas.

Umso überraschter waren Oliver und seine Teamkameraden, als sich herausstellte, dass zumindest Dean Thomas eine überraschend gute Figur auf dem Besen machte. Und wie Oliver sich eingestehen musste: Eine verdammt sexy Figur. Leider aber waren die Vögel genau so trottelig, wie Dean sie beschrieben hatte, und so mussten sie ständig auf der Hut sein, einzelnen Exemplaren hinterher eilen und sie zurücktreiben und bei allem darauf achten, nicht mehr als ein kurzes rotes Blinken als Magiesignatur zu verwenden, das einem Flugzeug am Nachthimmel ähnelte.
Letztlich musste sich jeder der Mannschaft eingestehen, dass es durchaus ein effektives Training gewesen war. Die Vögel hatten sich wie eine unberechenbare gegnerische Mannschaft verhalten, die Kontrolle über die Magie beim Fliegen hatte zusätzliches Können verlangt und die Dunkelheit hatte ihre zusätzlichen Tücken für sie bereit gehalten. Entsprechend ehrlich war die Anerkennung, die sie Dean gegenüber aussprachen, der am Ende der Nacht zwar erschöpft war, aber längst nicht so ermattet, wie sie es von einem Laien erwartet hätten.
„Mit der Kondition und deinem Koordinationsvermögen auf dem Besen frage ich mich, wieso du nicht Quidditch spielst“, sagte Oliver, als sie sich am Vereinsheim von Eintracht Pfützensee verabschiedeten.
„Hab ich… in Hogwarts, während meines sechsten Schuljahres. Aber so gut war ich nun auch wieder nicht. Und Malen macht mir mehr Spaß.“ Dean dankte den anderen noch einmal und verschwand dann mit einem kaum wahrnehmbaren Apparierlaut.

***

Oliver wachte auf und reckte sich im Bett. Irgendwie war nach dem nächtlichen Flugtraining die Bettdecke sehr anhänglich. Zugleich aber fühlte sich sein Bett aber auch unangenehm leer an. Als würde etwas fehlen. Oder genauer gesagt jemand. Oliver grinste, als ihm bewusst wurde, was er da dachte. Und an wen. Denn das erste Gesicht, das vor seinem geistigen Auge aufgetaucht war, als er sich fragte, wer wohl in seinem Bett fehlte, war das von Dean Thomas gewesen. Gefolgt von dem wirklich süßen Hintern, den der junge Zauberer hatte. Und dem entwaffnenden Grinsen. Und… Höchste Zeit aufzustehen und zu duschen.
Während er unter dem Wasser stand, versuchte Oliver sich ins Gedächtnis zu rufen, was er über Dean Thomas wusste. Er erinnerte sich daran, dass Dean in Harry Potters Jahrgang gewesen war und wie dieser und er selbst ein Gryffindor. Aber ansonsten hatte er, sofern es nicht gerade Quidditch betraf, herzlich wenig mit den jüngeren Mitschülern zu tun gehabt. Und während der Schulzeit waren vier Jahre beinahe wie eine schier unüberwindliche Kluft gewesen. Das wiederum bedeutete aber auch, dass Oliver keine Ahnung hatte, ob Dean überhaupt sein Interesse erwidern würde, denn er musste sich durchaus eingestehen, dass er an Dean interessiert war. Andererseits, selbst wenn er in Hogwarts mehr auf Dean geachtet hätte, wäre das kein Garant dafür, dass er die Frage bezüglich des Interesses hätte beantworten können. Schließlich hatte er seinen Abschluss gemacht als Dean gerade einmal erst in dem Alter war, wo man sich darüber Gedanken machte, dass es vielleicht gar nicht so schlecht war, dass Mädchen anders waren. Und selbst wenn Dean schon damals gleichgeschlechtlich geneigt gewesen wäre, so wäre er vermutlich während der Schulzeit dennoch innerhalb der anerkannten Norm geblieben und hätte Mädchen gedatet. Allein schon, um möglichem Spott und Hohn und peinlichen Streichen aus dem Weg zu gehen. Hogwarts war schließlich ein sehr begrenzter Mikrokosmos und Geheimnisse wurden dort nie wirklich gewahrt. Er selbst hatte es ähnlich gehalten, wobei er den Vorteil gehabt hatte, dass jeder wusste, wie Quidditch-besessen er war, weshalb sich also niemand darüber wunderte, dass er es während seiner Schulzeit auf nicht mehr als ein halbes Dutzend Verabredungen brachte. Erst nach der Schulzeit hatte er langsam begonnen seine Flügel auszustrecken. Leider war der Richtige bislang noch nicht dabei gewesen, was aber nicht hieß, dass Oliver zu suchen aufgehört hatte. Dabei war er natürlich nicht so naiv zu glauben, den Richtigen auf den ersten Blick zu erkennen, aber nun ja, die Chemie musste eben schon stimmen, und wenn die auf den ersten Blick so gar nicht stimmte, brauchte noch nicht einmal ein erstes Date anzustreben. Bei Dean aber hätte er durchaus nichts gegen ein erstes Date. Dazu aber musste er erst einmal herausfinden, ob dieser an einem Date überhaupt interessiert war. Und dazu wiederum musste er erst einmal herausfinden, wo er Dean überhaupt finden konnten. Wieso aber auch hatte er den jungen Mann nicht gestern Nacht noch gefragt, wo man ihn erreichen konnte, etwa falls man noch mehr Schattenlöffler fand oder so…
Während Oliver in der Küche stand und sich ein Frühstück zubereitete, ging er im Geiste noch einmal durch, was er von Dean wusste. Doch das einzige, was eine Spur zu sein schien, war dessen Aussage, dass ihm Malen mehr Spaß machte. Womöglich reichte dessen Talent auf diesem Gebiet ja dazu, ihm damit einen Lebensunterhalt zu sichern. Einen Versuch war es wert und so viele magische Maler gab es in England kaum. Oliver erinnerte sich an ein kleines, unscheinbares Geschäft in der Winkelgasse neben dem Schreibwarenladen, das Bilderrahmen im Schaufenster ausgestellt hatte – den Namen hatte er allerdings schon wieder vergessen. Dennoch schien ihm das ein guter Ausgangspunkt für seine Suche nach Dean Thomas zu sein. Und wäre allemal besser als auf das nächste Heimspiel von Southampton zu warten und zu hoffen, dass diese trotteligen Vögel dann noch Geleitschutz brauchten.

Es war früher Nachmittag, als er an der Tür zu dem, wie er hoffte, Atelier von Dean Thomas klopfte. Was, wenn dieser gar nicht da war? Was, wenn…
Da ging die Tür schon auf.
„Oliver“, grüßte Dean ihn überrascht.
„Hi!“, sagte Oliver und grinste ihn frech an. Grinsen war immer gut. Grinsen half zu überspielen, dass er eigentlich keine Ahnung hatte, was er als nächstes sagen sollte. Er konnte ja schließlich schlecht mit der Tür ins Haus platzen. Nun ja, rein theoretisch konnte man schon, brachte nur in den seltensten Fällen das erhoffte Ergebnis. Er lugte an Dean vorbei in dessen Wohnung und sah eine Staffelei. Vielleicht konnte er was zu Malerei sagen? Schließlich hatte Dean ja über Blickwinkel, die kleine Galerie in der Winkelgasse ausfindig gemacht. Die Galerie hatte sogar ein paar kleinere Bilder von Dean in der Ausstellung gehabt, alles Naturbilder. Wieso nicht? „Du sagtest gestern, dass dir Malen mehr Spaß macht als Quidditch und auch wenn ich mir das persönlich kaum vorstellen kann, hat es mich doch auch neugierig gemacht“, sagte er jetzt. „Ich mein, in Hogwarts waren wir von diesen Bildern dauernd umgeben, aber wirklich Gedanken darüber habe ich mir nicht gemacht… Und wo du damit dein Geld verdienst…“ Jetzt war es an Dean.
Dieser blickte Oliver kurz an, dann trat er zur Seite. „Na, dann komm mal herein.“
Oliver erlaubte sich innerlich einmal kurz durchzuatmen. Der erste Schritt wäre geschafft. Auf den ersten Blick war deutlich zu erkennen, dass die Dachgeschosswohnung Dean sowohl als Arbeitsstätte als auch als Wohnung diente. Auf den nächsten Blick fiel Oliver auf, dass Dean unglaublich viele Pinsel hatte. Und dann war da der tote Schattenlöffler, den dieser neulich dabei gehabt hatte. „Wird das dein nächstes Malobjekt?“, fragte Oliver neugierig.
Dean schüttelte den Kopf. „Man kann tote Tiere auch auf der Leinwand nicht zum Leben erwecken. Das funktioniert nur insofern, dass man die Tiere zu Lebzeiten malt und sie dann ihre Lebendigkeit als Bild beibehalten, auch wenn das ursprüngliche Objekt gestorben ist. Aber den Federn wohnt noch genug Magie inne, dass ich sie für Pinsel verwenden kann, um damit lebende Schattenlöffler zu malen.“
Oliver erkannte sofort, dass sich das mit der Lebendigkeit auch auf Porträts von Menschen übertragen ließ. „Aber wachen nicht manche Porträts erst mit dem Tod des Objekts auf?“ Er dachte an die Schulleiterporträts.
„Kann man machen. Ist eine Frage des Firnisses. Da es dazu aber Blut des Objekts bedarf kannst du dir sicher vorstellen, dass es bei den wenigstens Zauberern und Hexen sonderlich beliebt ist.“ Dean zuckte mit den Schultern.
„Pinsel, Firnis, da scheint eine ganze Menge mehr Technik hinter unseren Bildern zu stecken als ich dachte“, gab Oliver beeindruckt zu.
Dean lachte und Oliver lief ein warmer Schauer den Rücken hinab. „Ja, ich war auch überrascht, als ich das lernte. Ich mein, Fotos lassen es so einfach aussehen. Aber Fotos sind nur Aufzeichnungen. Bilder hingegen, die von einem Maler mit den richtigen Werkzeugen gemalt werden, können mit dem Betrachter interagieren. Sonst würde sich etwa die Fette Dame kaum als Türporträt eignen.“
Oliver blickte sich abermals um, konnte aber auf den Leinwänden, die hier und da an Wände und Möbel gelehnt waren, nur Landschaften und Tiere entdecken. „Braucht es zum Menschen malen noch etwas anderes? Also, ich meine, klar, für den Pinsel brauchst du vermutlich ein paar Haare des Objekts, aber ansonsten… Oder malst du einfach lieber Tiere?“
Dean schien einen Moment zu zögern. „Na ja, Menschen sind schon etwas komplexer als Tiere. Und Tiere neigen weniger dazu, sich zu deinem Bild zu kritisch zu äußern. Schlimmstenfalls, wenn du Drachen malst, verbrennen sie das Bild, sollte es ihnen nicht gefallen. Auch wenn ich bezweifle, dass viele Maler sich so dicht an Drachen heranwagen, wenn sie sie malen. Das ist mehr ein Objekt, das man durch ein Omniokkular betrachtet, wenn man es malt.“
Oliver nickte. Das leuchtete ein. Dann aber lief Dean ein wenig rot an und Oliver fragte sich still, was es wohl mit Porträts von Menschen noch auf sich hatte.
„Außerdem… nun ja…“ Dean druckste ein wenig herum. „Kleidung irritiert beim magischen Malen. Zumindest am Anfang.“
Olivers Augen weiteten sich. „Soll das heißen, wer auch immer die Fette Dame porträtiert hat, hat sie zuerst nackt gesehen?“
„Nein, nein, nein, so meine ich das nicht.“ Dean schüttelte hastig den Kopf. „Als der Künstler sie gemalt hat, war er wohl schon lange Jahre im Porträtgeschäft. Da war für ihn Kleidung kein Hindernis mehr. Aber für mich als Anfänger… Ich habe es mal versucht, und die Kleider haben alle Magie aufgesogen und sich hinterher auf dem Bild verselbstständigt, während der Mensch selbst stumm wie auf einem Muggelbild dasaß. Ich habe andere Maler kontaktiert – es sind nicht viele, mein Mentor lebt in Belgien – und alle haben mir bestätigt, dass sie mit Nacktmodellen angefangen haben. Tiere sind ja quasi auch nackt, weshalb ich da keine Probleme hatte. Aber Menschen…“
Olivers Gedanken überschlugen sich in seinem Kopf. „Wieso fragst du nicht einfach deine Freundin. Du hast doch eine Freundin?“ Okay, zugegeben, das war jetzt wieder ziemlich direkt, aber die Gelegenheit war einfach zu günstig. Und er war schließlich ehemaliger Gryffindor, da musste man nicht immer subtil sein.
Dean schüttelte den Kopf.
„Dann ein Freund? Ich meine, falls du das einer Freundin vorziehst.“
Dean schüttelte abermals den Kopf, dieses Mal aber leicht bedauernd, was Oliver wiederum als Zeichen dafür wertete, dass Dean tatsächlich mehr an Männern interessiert war denn an Frauen. „Nein, da herrscht leider derzeit Ebbe.“
„Dann…“, sagte Oliver, „…dann denke ich, solltest du mich vorher wenigstens einmal zum Essen einladen, ehe ich mich für dich ausziehe.“ Er sah Dean herausfordernd an.

***

Dean blickte auf das Bild auf der Staffelei und musterte es kritisch. Zeigte die Hand wirklich ein nervöses Zucken oder bildete er sich das nur ein. Und… er seufzte. Schon wieder war der linke Fuß ein klein wenig länger geraten als der rechte. Nicht viel, aber genug, dass es ihm auffiel. Und wenn ihm das schon auffiel, würde es bestimmt künftigen Kunden auch auffallen. Schließlich konnte er kaum alle Personen, die er auf Leinwand bannte in bodenlange Roben stecken, damit er um das Fußproblem herumkam. Ansonsten aber, fand er, konnte sich das Bild durchaus sehen lassen.
Ein Arm schlang sich von hinten um seine Mitte und zog ihn sanft an den Körper, der zu dem Arm gehörte. „Also, ich finde, du hast mich sehr gut getroffen. Bis hin zu dem Detail, dass meine Füße unterschiedlich groß sind“, sagte Oliver amüsiert und blickte über seine Schulter auf das Bild.
Überrascht wandte sich Dean zu ihm um. „Ich habe mich dort nicht vermalt?“, fragte er ein wenig ungläubig.
„Nein, ich habe tatsächlich zwei unterschiedliche Füße. Ist für die Mannschaftsausstatter jedes Mal ein Riesentheater, wenn ich die Stiefel in unterschiedlichen Größen brauche, denn damit haben sie zwei unvollständige Paare am Ende. Ist aber immer noch günstiger als maßgefertigte Stiefel.“
Dean nickte und lehnte sich an ihn. „Und die Hand… Ist da ein Zucken oder nicht?“
Oliver lachte leise. „Hast du eine Ahnung, wie schwer es ist, nur dazuliegen und sich zu benehmen, während du die Pinsel schwingst und mir dabei allerlei andere Gedanken dich betreffend durch den Kopf gehen?“
Dean nickte und grinste. Er konnte sich durchaus vorstellen, was für Gedanken Oliver durch den Kopf gingen. Schließlich war das nicht das erste Bild, das er von diesem malte. Und nicht selten war es nicht beim Malen und seine Pinsel nicht immer auf die Leinwand allein beschränkt geblieben.
„Wirst du auch irgendwann meinen Kopf malen?“, fragte Oliver nun.
Dean schüttelte den Kopf. „Der gehört nur mir“, sagte er und drehte den Kopf, um einen Kuss zu erhaschen. „Du weißt doch, dass Künstler davon leben, ihre Bilder zu verkaufen. Und ich will nicht, dass jemand außer mir solche Bilder von dir in seinem Wohnzimmer hängen hat. Solange sie aber ohne Kopf sind, kann ich sie eh nicht verkaufen.“ Und der Art, wie Oliver ihn nun noch dichter an sich zog, entnahm Dean, dass der Hüter mit dieser Antwort mehr als zufrieden war.
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