Wahrscheinlichkeit 100%

Wahrscheinlichkeit 100%

Beitragvon Sammy-chan » 31. Mai 2016, 12:42

Titel: Wahrscheinlichkeit 100%
Fandom: Kingdom Hearts
Rating: P16-slash
Pairing: Sora/Riku
Warnings: nix


Anmerkung: Der Anfang kommt vielleicht jemandem bekannt vor. Das ist nämlich beinahe exakt mein Beitrag für das Sommerwichteln im letzten Jahr. Die Grundidee haben wir also Kazu zu verdanken, deren Wunsch ich erfüllt habe. Die Idee hat aber noch ein wenig mehr Stoff hergegeben, deshalb habe ich die Story ein bisschen ausgeweitet. Den Anfang poste ich nochmal, weil ich da zumindest nochmal drüber geguckt und sicher auch den ein oder anderen Fehler ausgemerzt habe. Jetzt aber viel Spaß damit.


Kapitel 1

Nach allem, was passiert war. Nach allem, was sie erlebt hatten, war Riku wieder hier. Zurück in ihrem kleinen Ort, zurück in der Schule.
Hier hatte sich nichts verändert, rein gar nichts hatte sich verändert. Immer noch der gleiche beschauliche Ort direkt am Meer. Immer noch dieselben Menschen, die in einem scheinbaren Paradies lebten. Verändert hatte sich nur Riku selbst.
Er hatte Welten gesehen, alles, was er sich gewünscht hatte. Aber jetzt? Jetzt machte es ihn glücklich wieder hier zu sein, bei seinen Freunden, bei Sora. Manchmal war es so friedlich, dass es langweilig schien, aber für Riku war es das, was ihn zur Ruhe kommen ließ.
Die Schulglocke klingelte zur Pause und keine Minute später stand ein schweratmender Sora in der Tür zum Klassenzimmer.
„Riku!“
Mit Sora wurde es sowieso nie langweilig.
„Bist du gerannt?“, wollte Riku wissen und fühlte sich gleich noch ein bisschen besser, weil Sora es anscheinend kaum abwarten konnte, ihn zu sehen.
Sora nickte nur kurz, als wäre es vollkommen nebensächlich und hielt Riku dann etwas ins Gesicht.
„Tadaa!“
Er runzelte die Stirn. Das etwas, was ihm da entgegen gestreckt wurde war eine Zeitschrift mit einem Titelbild, das ein gut gelauntes Mädchen mit pinken Fingernägeln und einem übertriebenen Lächeln im Gesicht zeigte.
„Hat Selphie mir gegeben.“
Riku schob die Zeitschrift beiseite, um Sora wieder ins Gesicht sehen zu können.
„Aha, und das hat sie getan, weil?“
Und einen Moment wirkte Sora verblüfft, als hätte er sich die Frage noch gar nicht gestellt. Hatte er wahrscheinlich auch nicht. Irgendetwas zu hinterfragen war nicht gerade Soras Stärke.
Aber schon im nächsten Augenblick grinste Sora wieder sein typisches Sora-Grinsen und kratzte sich am Kopf.
„Wahrscheinlich damit wir sie lesen.“
„Wir? Also ich lese das bestimmt nicht, ich bin kein Mädchen. Wo ist eigentlich Kairi, warum liest du sowas nicht mit ihr?“
Aber im nächsten Moment bereute Riku seine Worte, denn Sora sah ihn erst groß an und wechselte dann in den Schmollmodus. Es war pure Berechnung, manchmal dachte Riku das zumindest. Sora wusste es doch ganz genau, er wusste, dass man ihm dann nichts abschlagen konnte, schon gar nicht Riku, der machte nämlich sowieso alles, was Sora wollte, früher oder später. Ob er selbst das wollte oder nicht, das war dabei reichlich egal. Aber eigentlich wollte er ja auch nur, dass Sora ihn anlächelte, mit diesem besonderen Lächeln, was er Riku manchmal schenkte und das sich wie Heimat anfühlte.
„Keine Ahnung, die ist mit den anderen Mädchen weg. Ich will das aber mit dir lesen.“
Und Riku seufzte innerlich, als er die kaum vorhandene Gegenwehr aufgab. Eine Chance hatte er sowieso nie gehabt.
„Okay, schon gut.“
Das Strahlen kehrte auf Soras Gesicht zurück und Riku dachte sich, dass es dann wohl nicht so schlimm wäre, wenn er dafür eine Mädchenzeitschrift lesen musste.

Diese Meinung revidierte er aber wieder, als sie wenige Minuten später draußen auf der Wiese unter einem der Bäume, mit dem Rücken an dem Stamm gelehnt, saßen. Sora blätterte durch das Magazin, während Riku ihm halbherzig über die Schulter sah.
Er blätterte sich von einer Seite zur nächsten, die Schmink- und Beautytipps beinhalteten. Riku hatte nicht gewusst, was man sich alles schminken konnte und auf wie viele verschiedene Arten oder was der Unterschied zwischen blass-rosa und apricot war. Jetzt wusste er es. Und wenn er ehrlich war, dann hätte er auch gut und gerne auf die Informationen verzichten können.
Auf den folgenden Seiten wurden die Schminktipps von passenden Frisurentipps für jede Gelegenheit abgelöst. Locken oder glatt, offen, zusammengebunden, für feierliche Anlässe oder auch leger. Tatsächlich für jede Gelegenheit, wie Riku feststellte. Und nein, er hatte natürlich auch nicht gewusst, was man mit Haaren alles anstellen konnte oder wo der Unterschied zwischen Beach Waves und Korkenzieherlocken war.
„Glaubst du wirklich an deiner Frisur ist noch irgendwas zu retten?“
Er nutzte die Gelegenheit und wuschelte Sora durch das Haar, was sich weicher anfühlte als es aussah.
Sora knuffte ihn in die Seite, machte aber keine Anstalten seine Hand wegzuschubsen, eher lehnte er sich in die Berührung und Riku ließ seine Hand vielleicht ein bisschen länger auf Soras Kopf ruhen, als es nötig gewesen wäre.
„Nee, aber du könntest da vielleicht den ein oder anderen Tipp gebrauchen.“
Er deutete auf ein Bild mit einer schicken Hochsteckfrisur, bei der Riku gar nicht wusste, wie man das Haar an manchen Stellen feststecken sollte, damit es auch da blieb, wo es war.
„Ich glaub das würde dir stehen, Riku.“
Er grinste jetzt und spielte dabei auf Rikus Haare an, die mal wieder viel zu lang geworden waren. Bei Riku wurden die Haare meistens länger, weil er sich einfach den Gang zum Friseur gern mal sparte und ja, so langsam bekamen sie wieder eine gewisse Länge, wo sie ihm störend ins Gesicht fielen.
„Meinst du? Also wenn es dir gefällt, dann würde ich sie extra nur für dich so tragen.“ Riku nahm seine Haare und hielt sie probeweise nach oben.
„Ne, lass mal.“ Sora lachte kurz, schaute aber im nächsten Moment wieder auf das Magazin, vielleicht etwas zu schnell, wie Riku fand.
Es folgten ein paar Seiten mit Klatsch und Tratsch.
„Ich kenn die fast alle nicht", meinte Sora bei den Promis, die abgelichtet waren. Riku zuckte die Schultern.
„Ne, ich auch nicht. Wir waren aber auch lange fort.“
Die eine hatte nen neuen Typ, die andere war mit ihrem gerade verkracht. Wieder eine andere hatte auf dem roten Teppich ein Kleid getragen, was der Journalistin - falls man die Verfasserin des Artikels so nenne konnte - zufolge eine modische Todsünde sein sollte.
Danach folgte ein Interview mit einem Sänger, der wohl vor Jahren einer dieser Boygroups angehört hatte. Riku konnte sich erinnern, dass die Mädchen ihnen damals reihenweise hinterher gelaufen waren. Aber irgendwann schienen sich die Mitglieder getrennt zu haben. Das hatte Riku wiederum nicht mitbekommen, wahrscheinlich hatte er andere Dinge zu tun gehabt.
Die Überschrift des Titels sagte: „Schwule Boygroup-Sänger gibt es nicht“.
„Findest du sowas schlimm?“
Soras Stimme klang ungewohnt ernst, aber Riku hatte Schwierigkeiten seinem Gedankengang zu folgen und wusste im ersten Moment nicht, was Sora meinte bis dieser weitersprach, ohne eine Antwort abzuwarten.
„Jeder kann sich doch verlieben in wen er will, oder? Ist doch toll und vollkommen egal, ob es ne Frau oder nen Mann ist. Warum muss sowas so breit getreten werden?“
Ein bisschen fühlte sich Riku überrumpelt. Wenn er ehrlich war hatte er sich bisher noch nie Gedanken darüber gemacht und es verwunderte ihn, dass Sora es anscheinend getan hatte. Aber wenn er genauer darüber nachdachte, dann passte es zu ihm. Sora machte sich immer Gedanken darüber, wenn jemand ungerecht behandelt wurde, egal ob es ihn selbst betraf oder nicht. Das war immer schon einer derjenigen Charakterzüge gewesen, den Riku an Soras Wesen fasziniert hatte, dieser unumstößliche Gerechtigkeitssinn.
Riku legte einen Arm um Soras Schulter und drückte ihn leicht.
„Du hast vollkommen recht.“
Sora sah zu ihm und lächelte ihn an und Riku erkannte erneut, wie glücklich er sich schätzen konnte Sora als Freund zu haben.
Sie sahen sich einen Moment einfach nur an, bevor Sora den Blickkontakt löste und sich wieder dem Heft in seinen Händen widmete. Riku war fast ein bisschen enttäuscht, als der Blickkontakt abbrach. Wahrscheinlich lag es daran, dass sie solange getrennt gewesen waren, dass sie so vieles durchgemacht hatten. Es hatte sie noch mehr zusammenwachsen lassen. Zuvor waren sie beste Freunde gewesen, jetzt war es irgendwie mehr als das. Auch, wenn Riku es nicht genau betiteln konnte. Er wollte einfach so viel Zeit in Soras Nähe verbringen, wie er konnte.
„Ich denke das sollten wir machen.“ Sora deutete auf die Seite, die er aufgeschlagen hatte, während Riku seinen Gedanken nachgehangen war.
Es war einer dieser Psychotests, die in solchen Zeitschriften immer standen. Riku las den Titel: „Bist du verliebt in deinen besten Freund?“
Er starrte das Heft einen Moment an und zog dann den Arm weg, den er noch immer um Sora gelegt hatte. Das war nicht sein ernst, oder? Wollte Sora herausfinden, wer hier in Kairi verknallt war? Darauf hatte Riku definitiv keine Lust.
„Ne, mach ich nicht“, gab er nur knapp zur Antwort und Sora sah ihn beinahe enttäuscht an.
„Warum nicht?“
Riku wappnete sich innerlich, weil ihm Soras enttäuschtes Gesicht schon wieder einen kleinen Stich gab und er es im nächsten Moment doch machen würde, wenn Sora ihn noch einen Augenblick so ansah.
Also schaute er weg mit einem genuschelten „Keine Lust“ auf den Lippen.
Zu seiner Überraschung akzeptierte Sora es. „Okay, dann mach nur ich das.“
Er begann auch sogleich die erste Frage vorzulesen. „Wenn du auf deinen besten Freund wartest, wie fühlst du dich dann?“
Riku verdrehte die Augen und richtete seinen Blick auf das Blätterdach des Baumes unter dem sie saßen, wo ein paar Strahlen der Sonne hindurchblitzten. Nein, das brauchte er sich nicht geben. Das Ergebnis würde sowieso bezeugen, dass Sora und Kairi füreinander bestimmt waren, das sah ja ein Blinder mit nem Krückstock. Also blendete Riku Soras Worte aus und ließ sich nur von seiner Stimme berieseln.
„Hey, Riku, hörst du mir zu?“
Riku blinzelte.
„82%“
Er drehte den Kopf zu Sora, der ihn mit einer Mischung aus Freude und Beschämung ansah.
„Was?“
„Wo bist du gewesen? Ich bin zu 82% in meinen besten Freund verliebt.“
Sora hielt ihm wie zum Beweis erneut die Seite mit dem Psychotest entgegen. Riku setzte sich auf und schob genervt die Zeitschrift beiseite.
„Solltest du nicht lieber Kairi davon erzählen?“ Seine Stimme klang abweisender, als er beabsichtigt hatte, aber er konnte es in diesem Moment nicht ändern.
„Kairi?“, fragte Sora nun aber verständnislos uns Riku hatte keine Lust mehr auf diese Spielchen, also nahm er dieses Weiber-Blatt aus Soras Händen und überflog ein paar Seiten unkoordiniert. Er blieb bei den Horoskopen hängen. Er hatte niemals daran geglaubt, es war Quatsch, erst recht wenn es in einer solchen Zeitschrift stand, wo sich irgendwelche Journalismus-Studenten wahrscheinlich etwas aus den Fingern gesaugt hatten und es möglichst schwammig den Mädchen unterjubelten. Aber es war harmloses Zeug. Also drückte er Sora die Zeitung wieder in die Hand, der ihn mit großen verständnislosen Augen ansah.
„Lies das vor.“
„Uh, okay.“ Sora kratzte sich am Kopf und durchsuchte die Spalten.
„Du hast im Januar Geburtstag. Steinbock, oder?“
Riku nickte und wappnete sich für den Unsinn, der zweifelsohne folgen würde.
„Das gilt für den ganzen Sommer, der ist ja eigentlich schon fast vorbei.“
Es war mittlerweile Ende August, viel war vom Sommer also tatsächlich nicht mehr übrig.
„Ist egal, dann wissen wir was wir hätten diesen Sommer machen müssen und nun versäumt haben.
Besser spät als nie, ne?“
Sora begann nun das Horoskop vorzulesen. Es war in drei Kategorien eingeteilt, Schule und Beruf, Gesundheit und natürlich Liebe. Riku erfuhr, dass er in der Schule ein Hoch haben sollte, wenn er sich ordentlich reinhängte. Wer hätte das gedacht? Wenn man lernte, dann bekam man gute Note. Außerdem war er bei bester Gesundheit und es war an der Zeit sich von vergangenen Strapazen zu erholen.
„Und jetzt die Liebe!“, sagte Sora vielsagend und hob eine Augenbraue. „Merkur steht unter Spannung. Die verbale Verständigung kann sich deshalb derzeit etwas schwierig gestalten. Hör deinen Lieben aufmerksam zu, sonst entstehen Missverständnisse, die dir das Leben unnötig schwermachen.“
„Aha.“, sagte Riku. „Bisher gab es diesen Sommer noch keine Missverständnisse.“
„Kommt vielleicht noch.“
„Und mit wem?“
Riku war nicht unbeliebt, aber normalerweise hatte er kein großes Interesse daran mit den Mädchen, die ihn mochten, mehr Zeit zu verbringen. Ihm war es viel lieber so, wie es jetzt war.
„Komm ich les dir deines vor“, meinte er nun, nur um nicht weiter am Thema verharren zu müssen. Sowieso waren diese Magazine viel zu sehr auf das Thema Liebe und Partnerschaft fokussiert. War das wirklich alles, was Mädchen interessierte?
Riku nahm Sora das Magazin aus der Hand, der sich nur mit einem „Hey“ kurz beschwerte, aber Riku suchte schon das passende Sternzeichen, Zwilling, und begann vorzulesen. Es folgten die drei schon bekannten Themengebiete, zunächst Schule und Beruf. Es wurde Sora prophezeit, dass er sich anstrengen müsse, weil er viel versäumt hätte. Sora tat sich tatsächlich etwas schwerer damit, den Schulstoff nachzuholen. Was aber vor allem daran lag, dass er seine Gedanken überall hatte, nur eben nicht gerade dort, wo sie sein sollten.
Das Gesundheitshoroskop meinte, dass er voller Energie sei und Bäume ausreißen könnte, das stimmte überraschenderweise wohl. War aber augenscheinlich ein dauerhafter Grundzustand von Sora.
Zu guter Letzt gelangten sie auch hier zu dem, in dieser Zeitschrift allseits beliebten Thema Liebe.
„Die Venus regt bis zum Ende des Sommers die Gefühlslage an. Diese Zeit ist besonders für Zweisamkeit geeignet. Aber Vorsicht ist geboten, du fühlst dich besonders zu den konträren Erdzeichen – in Klammern, Jungfrau, Stier und Steinbock- hingezogen. Dies kann zu Konflikten führen, aber ebenso können dabei die interessantesten Beziehungen entstehen. Gegensätze ziehen sich schließlich an.“
Riku sah auf und Sora starrte ihn einen Moment an, senkte aber dann den Blick und sagte wenig geistreich: „Uuuh.“
Riku zog eine Augenbraue hoch, schien als hätte das Horoskop ins Schwarze getroffen, was wahrscheinlich ein absoluter Zufall war. Aber so, wie Sora nun vor ihm saß und alles ansah, nur nicht ihn, war da definitiv etwas im Busch.
Riku dachte nach und überlegte, was Kairi für ein Sternzeichen war. Sie hatte im Frühjahr Geburtstag, vielleicht Stier?
Sora nahm ihm die Zeitung, reichlich hastig, wieder ab, blätterte weiter und murmelte dabei: „ Das ist doch echt Humbug, was da in den Horoskopen drinsteht. Lesen wir lieber das hier.“
Riku sah auf die Seite, die Sora aufgeschlagen hatte, er hob eine Augenbraue. „Du willst über ‚Das erste Mal – Was du unbedingt wissen solltest‘ lesen?“
Sora lief prompt rot an, sah die Zeitung einen Moment an, als wäre sie der schlimmste Herzlose, dem er jemals begegnet war. Dann blätterte er noch eine Seite weiter. „Nein, doch nicht.“
Riku lachte auf, er konnte sich nicht helfen. Sora war verlegen und es war ein Zustand, den er durchaus noch an wenig länger beibehalten durfte.
„Ich glaube die Beratung ist noch nicht vorbei.“ Er nahm Sora jetzt das Heft aus der Hand, nicht dass der auf die Idee kam einfach weiterzublättern und den Moment zu zerstören.
„Bin ich eine schlechte Küsserin?“ las er laut vor und Sora verbarg sein Gesicht in den Händen.
„Warum fragen Mädchen denn sowas?“
„Keine Ahnung, wir werden es herausfinden.“
„Rikuuu!“ Soras Stimme klang verzweifelt und er wagte es nicht Riku anzusehen, der gerade Spaß an der Sache fand. Sora hatte ihn gezwungen fast ein ganzes Mädchenmagazin zu lesen, also musste er jetzt hier durch, also begann er vorzulesen.
Der Brief stammte von einem Mädchen, das mit ihrem ersten Freund zusammen war. Sie war bis über beide Ohren verliebt und alles war perfekt und in rosa Wolken gehüllt, da war nur ein Problem: Ihr Typ wollte nicht mit ihr knutschen. Lief sogar manchmal mitten während eines Kusses einfach fort. Und nun fragte sie sich – berechtigterweise, wie Riku fand – ob sie einfach eine miserable Küsserin war. In Rikus Augen war die Antwort einfach und lautete: Ja. Aber das Beratungsteam der Zeitschrift sah das anders und meinte, dass es dem Jungen wahrscheinlich nur unangenehm war, weil ihm selbst die Erfahrung fehlte. Dass sie mit ihm reden sollte und dass küssen durchaus auch Übungssache sei. Und wenn sich herausstellte, dass sie wirklich schlecht sei, könne sie doch an ihrer Technik arbeiten. Eine Anleitung für die richtige Kusstechnik suchte Riku aber vergebens. Eine schöne Hilfe war dieses Magazin ja mal.
„Und?“ schloss Riku jetzt ab. Sora hatte sich soweit wieder im Griff, dass er Riku angucken konnte. Zumindest ein paar Sekunden, bevor er befand, dass der Rasen heute besonders betrachtenswert war.
„Bist du ein guter Küsser, Sora?“ fragte er dann, von einem seltsamen Kribbeln begleitet, was er ignorierte und sich nicht anmerken ließ.
„Keine Ahnung“, sagte Sora leise und zupfte nun an den bemitleidenswerten Grashalmen herum, die er eben noch so interessiert begutachtet hatte. „Ich hab noch nie jemanden geküsst.“
Ein bisschen Leid tat er Riku ja schon, aber nur bis zu dem Moment, bis er den Mut aufbrachte und Riku die Gegenfrage stellte.
„Und du? Hast du schon mal jemanden geküsst, Riku?“
Und jetzt sah er doch auf, immer noch mit roten Wangen, aber seine Augen so blau wie eh und je. Es verschlug Riku für einige Sekunden die Sprache. Dieses blau sollte definitiv verboten werden, es hatte eine seltsame Wirkung auf ihn.
„Nein“, sagte er dann, als er endlich seine Sprache wiedergefunden hatte. „Ich hatte andere Dinge zu tun.“
Und außerdem wusste er nicht, wen er hätte küssen sollen.
Sora nutzte Rikus unachtsamen Moment und brachte die Zeitung wieder an sich, er grinste triumphierend. „Genug mit dem Mist!“
Er schlug eine andere Seite auf.
Riku wollte etwas sagen, aber Sora hielt schon wieder inne und las die Überschrift vor. „Zehn Dinge, die du diesen Sommer unbedingt tun solltest.“
Riku beobachtete, wie Soras Augen hin und her huschten, als er die Zeilen las. Er sah auf, beinahe schon geschockt. Vergessen waren die Diskussionen über das Küssen oder über Liebes-Horoskope, worum Riku auch nicht ganz undankbar war.
„Ich habe nichts davon gemacht!“
Er streckte Riku die Zeitschrift hin, der sie jetzt doch wieder an sich nahm. „Das ist doch bestimmt eh nur unnützes Zeug.“
„Wir müssen das alles noch machen!“, wiedersprach ihm Sora, er fuchtelte mit den Händen, als würde sein Leben davon abhängen und Riku konnte ein Lächeln nicht ganz unterdrücken.
„Also gut, wenn das so wichtig ist."
Und im nächsten Moment hatte er Sora in den Armen, er strahlte Riku glücklich an. „Das wird so super, weißt du das?“
Und Riku fühlte sich ein bisschen überrumpelt von so viel Sora, so plötzlich. Obwohl er solche Gefühlsausbrüche längst gewöhnt sein sollte, aber sein Körper kribbelte vor Überraschung und es machte ihm die Nähe nur umso bewusster.
Erst nach einer Weile fiel Riku auf, dass er noch überhaupt nicht wusste, worauf er sich da gerade eingelassen hatte. Sora hatte sich von ihm gelöst, er saß aber immer noch nahe, so nahe, dass Riku glaubte dessen Wärme spüren zu können. Und er fragte sich, ob es so clever gewesen war die berühmte Katze im Sack zu kaufen. Aber was sollte so eine Liste schon beinhalten? Grillen, ins Freibad gehen, was man im Sommer halt machte.
Er angelte nach dem Magazin, was sträflich missachtet jetzt am Boden lag und suchte die Seite wieder, auf der sein Schicksal gelistet war.

  1. Mach ein Picknick mit deinen Freundinnen – Packt ein paar Leckereien ein, eine Decke und Kerzen und dann genießt die Zeit zusammen unter freiem Himmel
  2. Schwimm in einem See – Dreh einfach mal eine Runde und kühl dich ab
  3. Mach eine Nachtwanderung – es gibt nichts schöneres, als Zeit mit Freunden unterm Nachthimmel zu verbringen
  4. Stell ein Planschbecken auf und mach es randvoll mit Wasserbomben – Dann lädst du all deine Freunde zur Sommerparty ein. Die Wasserschlacht kann losgehen!
  5. Mach ein Lagerfeuer am Strand – vergiss nicht eine Packung Marshmallows mitzunehmen!
  6. Und wenn du schon am Strand bist: bau eine Sandburg!
  7. Besuch ein Straßenfest – lass dich vom bunten Treiben mitreißen
  8. Geh mal wieder Zelten – Einfach spontan raus und die Nacht woanders verbringen
  9. Fahr Nachts mit dem Boot auf einen See – du wirst sehen, das ist etwas ganz anderes, als am helligten Tag
  10. Kletter auf einen Baum! - Es muss ja nicht der höchste sein, einfach mal wieder ausprobieren


Riku starrte die Liste einen Moment an. „Wie sollen wir das noch alles schaffen? Es ist Ende August.“
Aber Sora winkte ab. „Das geht schon, das Wetter ist doch noch super und wir fangen gleich heute an, okay?“
Gegen Soras Optimismus hatte Riku bisher sowieso kein Gegenmittel entdeckt und so ließ er sich einfach mal von seiner Stimmung mitreißen. Das würde schon passen und letztendlich freute er sich ja auch irgendwie darauf mit Sora Zeit zu verbringen, im schlimmsten Fall saßen sie hinterher im Baum und es regnete.
Die Schulglocke klingelte.
„Okay“, meinte er und war ein bisschen enttäuscht, als Sora aufstand und somit die Nähe unterbrach, die in den letzten Minuten zwischen ihnen geherrscht hatte.
„Was willst du machen?“
Sora sah sich nachdenklich die Liste an, während sie den Pausenhof überquerten und zu den Klassenräumen gingen.
„Wie wäre es mit dem Boot fahren? Wir waren ewig nicht mehr drüben und ich bringe Marshmallows mit, dann machen wir das Lagerfeuer am Strand. Was sagst du dazu?“
Sora hatte Recht, sie waren tatsächlich schon lange nicht mehr auf der kleinen Nebeninsel gewesen, nicht, seitdem sie wieder da waren.
Riku nickte. „Okay. 21 Uhr am Steg?“
Sora strahlte ihn überglücklich an. „Das wird super!“
Dann verschwand er in seinem Klassenraum.
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Re: Wahrscheinlichkeit 100%

Beitragvon Sammy-chan » 31. Mai 2016, 12:43

Kapitel 2


Riku erkannte Sora schon von weitem, seine Silhouette hob sich vom orange der untergehenden Sonne ab und Riku würde sie wohl jederzeit und überall wiedererkennen. Er saß auf einem der Pfeiler am Steg und ließ seine Beine baumeln.
Riku warf einen kurzen Blick auf die Uhr. Es war selten, dass Sora pünktlich war, es war noch seltener, wenn er zu früh war.
Als Sora ihn entdeckte, strahlte er und es war dermaßen ansteckend, dass Riku sich sofort auf ihren gemeinsamen Abend freute.
Sie begrüßten einander und Sora bestand darauf, dass sie sich ein Boot teilten. Dann machten sie sich auf den Weg. Es machte Riku etwas melancholisch; als Kinder hatten sie jeden Tag auf der kleinen Insel verbracht, waren jeden Tag mit ihren Booten übergesetzt.
Riku war es nicht genug gewesen, er hatte fremde Welten sehen wollen und sie hatten ein gar mächtiges Floss gebaut mit dem sie wahrscheinlich nicht mal bis zur Hauptinsel gekommen wären.
Dann hatte sich alles verändert, alles hatte auf der Insel begonnen und Riku war von Dunkelheit erfasst worden. Wenn er daran dachte, schauderte er noch immer. Und er versuchte die Gedanken fortzuschieben. Er hatte noch immer nicht das Gefühl das alles hier wieder verdient zu haben.
„Hey, Rikuuu!“
Er erschrak und zuckte zurück, als er bemerkte, dass Sora direkt vor ihm saß und ihn ansah. Das Boot schwankte und Riku klammerte sich an den Rand, während Sora es für eine gute Idee hielt sich an ihm festzuhalten. War es nicht. Sie bekamen Schlagseite und das Boot neigte sich gefährlich. Riku steuerte dagegen, Sora klammerte sich noch fester an ihn, das Boot drohte zu kentern und Riku sah sie schon beide im Wasser liegen.
Nachts nass am Strand zu hocken war eher nicht seine Vorstellung von einem schönen Abend, nicht heute. Er wollte mit Sora am Strand sitzen und, er schluckte… Sora lag auf ihm und Rikus Herz schlug viel zu schnell gegen seine Brust.
Das Boot schaukelte noch etwas aufgebracht hin und her und keiner von ihnen wagte es sich gerade groß zu bewegen. Und erst jetzt fiel Riku auf, wie romantisch dies hier war, gemeinsam Boot fahren, ein Lagefeuer am Strand. Fast alles auf dieser Sommerliste. Warum wollte Sora es überhaupt mit ihm machen? Er wollte doch ganz offensichtlich etwas von Kairi, warum machte er all diese Dinge nicht mit ihr?
Und warum antwortete sein Körper mit solch widersprüchlichen Gefühlen, wenn er darüber nachdachte? Denn es versetzte ihm einen Stich, dass nicht er es sein sollte, der mit Sora jetzt hier im Boot lag. Aber gleichzeitig freute er sich, dass er es eben doch war. Er war derjenige, mit dem Sora diesen Abend verbrachte. Er war derjenige mit dem Sora all diese Dinge von der Liste machen wollte.
Aber einen Moment dachte er darüber nach, ob es eine Bedeutung hatte, dass Sora all diese Sachen mit ihm machte und eben nicht mit Kairi. Aber wahrscheinlich hatte Sora überhaupt nicht darüber nachgedacht, Riku war da gewesen und sie waren Freunde, da unternahm man halt etwas zusammen.
Und er konnte sich glücklich schätzen, dass sie eine solche Freundschaft verband. Selbst wenn aus Sora und Kairi irgendwann mal etwas werden würde. Riku würde nicht das fünfte Rad am Wagen sein, sie würden auch weiterhin beste Freunde bleiben. Es gab also keinen Grund für seine seltsamen Gefühle, das versuchte er sich zumindest einzureden.
„Sorry“, vernahm er jetzt Soras Stimme viel zu nahe an seinem Ohr und rein aus Reflex zog er seinen Kopf zurück, was die Situation nicht besser machte, weil sie sich nun direkt anschauen konnten und Soras Gesicht nur Zentimeter von seinem entfernt war. Der räusperte sich, machte aber immer noch keine Anstalten von Riku wegzurücken, obwohl das Boot jetzt wieder fast ruhig im Wasser lag.
„Du hattest aufgehört zu paddeln. Ich wollte sehen, ob alles in Ordnung ist.“
Hatte er das? Riku hatte es nicht mal wirklich bemerkt.
„Ist ja nichts passiert“ , meinte er und seine Stimme krächzte seltsam und er spürte Soras Atem an seiner Haut und seinen Körper, der viel zu nahe an seinen gepresst wurde.
Sora richtete sich ein bisschen auf, verlagerte dabei sein Gewicht und drückte sich nun an Stellen, an denen er definitiv nicht drücken sollte. Aber er würde jetzt endlich aufstehen und sie aus dieser unangenehmen Situation befreien, dessen war Riku sich sicher.
Und schon wieder wusste er nicht, ob er sich darüber freute, denn so langsam schlief sein rechter Arm ein mit dem er sich auf dem Bootsrand abstützte und die Bank drückte ihm seltsam in den Rücken, aber andrerseits fühlte es sich gut an, wenn Sora so nahe war. Wenn er spüren konnte, dass es ihm gut ging, wenn er meinte dessen Herzschlag spüren zu können.
Was war denn auch dabei? Sora war sein bester Freund, sie waren schon hunderte Male bei irgendwelchen Trainingskämpfen übereinander gefallen. Es war allerdings nie so gewesen wie jetzt, so merkwürdig intensiv, dass er jede Muskelregung bei Sora wahrnahm.
Er schloss die Augen und wartete darauf, dass Sora sich erhob, was er nicht tat.
„Ich dachte, wir könnten das einfach ausprobieren, also das mit dem Küssen.“
Soras Stimme klang leise und unsicher und Riku war sich sicher, dass er sich verhört hatte. Wovon sprach Sora überhaupt?
„Was?“
Und jetzt zog Sora sich doch zurück, setzte sich auf und lachte unsicher, während er auf den Boden des Bootes starrte.
„Ich meine wegen des Küssens, wir haben doch heute festgestellt, dass wir das noch nicht gemacht haben. Ich dachte wir könnten das einfach mal üben oder so.“
Selbst im Dunkeln konnte Riku sehen, dass sein bester Freund rot angelaufen war. Er rückte jetzt weiter weg und das Boot begann wieder zu schwanken. Wenn man ehrlich war, dann waren die Boote nicht für zwei gemacht, zumindest nicht für zwei Teenager, zwei Kinder, okay, zwei Teenager waren vielleicht etwas viel.
„Ich…“, begann Riku, aber Sora unterbrach ihn. „Lass uns schnell rüber, sonst sitzen wir ewig in diesem Boot und die Marshmallows landen noch im Wasser.“
Sora nahm seine Paddel und begann das Boot nach vorne zu treiben, als wolle er ein Drachenbootrennen ganz allein gewinnen und Riku sah ihn einen Moment dabei zu, viel zu überfordert mit der Situation und seinen Gefühlen.
~~~
Es hatte nur ein paar Minuten gedauert bis sie angelegt hatten und Sora hatte sofort begonnen eifrig Feuerholz zu sammeln. In einem kleinen Wettbewerb, wer mehr Feuerholz fand, waren sie gegeneinander angetreten. Es war fast ein wenig wie früher und kaum hatte Riku sich darauf eingelassen, kehrte auch sein alter Ehrgeiz zurück. Es hatte nicht lang gedauert, da hatten sie mehr als genug Feuerholz, was sie stapelten und anzündeten.
Jetzt saßen sie zusammen am knisternden Feuer, sie hielten Stöcke mit Marshmallows in die Flamme. Sora schob sich den ersten Marshmallow zwischen die Zähne, viel zu früh, weil er nicht abwarten konnte. Sie hatten kaum gesprochen seit der Sache im Boot. Das war nichts Ungewöhnliches, sie mussten nicht immer reden, sie konnten auch einfach so zusammen sitzen. Aber jetzt war es anders, es lag eine gewisse Spannung in der Luft, die Riku nicht definieren konnte und er hatte das Gefühl, dass er etwas tun musste, um sie aufzulösen, damit es wieder ganz normal war zwischen ihnen. Riku steckte den Stock in den Sand, so dass das Feuer so gerade noch an seinen Marshmallows lecken konnte.
Er sah Sora von der Seite an, das Gesicht vom Licht des Feuers erhellt. Er biss schon von seinem nächsten Marshmallow ab.
„Die Dinger sind großartig“, meinte er und angelte nach der Packung, um seinen Stock neu zu bestücken.
„Okay“, sagte Riku jetzt, als habe er plötzlich einen Entschluss gefasst, dessen er sich aber selbst nicht bewusst war.
Sora hob den Kopf und sah ihn fragend an.
„Wir können das machen, also das mit dem küssen“, sagte er schnell, bevor ihn der Mut verließ. Sora sah ihn erstaunt an, fast schon perplex.
„Also, wenn du noch willst“, schob er noch schnell nach und bereute sofort, dass er überhaupt etwas gesagt hatte.
Sora ließ die Packung fallen und nickte nur. Riku war plötzlich tierisch aufgeregt und er wusste nicht, ob er seinen Worten einfach Taten folgen lassen oder ob er abwarten sollte. Ob er darauf warten sollte, dass Sora etwas unternahm. Er blickte auf Soras Lippen und in seinem Körper kribbelte es nervös. Es war nur Sora, sein bester Freund, wenn es nicht funktionierte, dann würden sie hinterher darüber lachen. Oder? War es nicht seltsam mit seinem besten Freund rumzuknutschen? Würde die Stimmung zwischen ihnen noch merkwürdiger werden?
Aber Riku kam nicht mehr dazu seine Gedankengänge zu Ende zu bringen, denn Sora war jetzt näher zu ihm rüber gerückt und Riku wurde sich jetzt erst wirklich bewusst, was hier passieren würde. Er würde Sora küssen. So richtig.
Er spürte, wie Sora eine Hand in seinen Nacken legte, sie war warm und angenehm und es beruhigte ihn ein bisschen. Wenn er mit jemanden seinen ersten Kuss haben wollte, dann war es Sora. Der zog ihn ein Stück herunter und sah ihm dabei in die Augen. Die von Sora sahen im Licht des Feuers dunkel aus.
Und dann trafen sich ihre Lippen, Riku konnte nicht sagen, wer von ihnen die letzten Zentimeter überbrückt hatte, vielleicht waren sie es beide gewesen, gleichzeitig. Zuerst war es nur ein unschuldiges Zusammenpressen der Lippen.
Sie lösten sich kurz und Sora legte den Kopf schräg, um ihnen mehr Spielraum zu geben, bevor er seine Lippen wieder auf die von Riku legte. Und dann öffnete er seinen Mund einen Spalt, fast schon fragend. Und Riku verstand die zögerliche Aufforderung und ließ seine Zunge durch den Spalt in Soras Mund gleiten. Sein Herz schlug schnell und hart gegen seine Brust. Sora schmeckte süß und fast noch ein bisschen klebrig von den Marshmallows, die er vorher gegessen hatte. Aber da war noch ein anderer Geschmack, den Riku nicht definieren konnte, von dem er aber mehr wollte und so ließ er seine Zunge tiefer gleiten, bis er auf die von Sora stieß. Es sollte seltsam sein, wenn man seinen besten Freund küsste. War es aber nicht. Wenn Riku ehrlich zu sich war, konnte er kaum genug davon bekommen. Ihre Zungen umspielten einander und Riku versuchte alles zu bekommen, was er kriegen konnte. Er legte einen Arm um Soras Taille und zog ihn noch ein bisschen mehr zu sich, um ihren Kuss vertiefen zu können.
Später lösten sie sich voneinander, Riku öffnete die Augen, die ihm irgendwann zugefallen waren. Er sah, dass Sora schwer atmete, dass seine Lippen roter und voller waren und er musste ein Keuchen unterdrücken, als ihm ein Ziehen in seine Lendenregion schoss, das dort nichts zu suchen hatte.
Sora sah ihn aus halb geöffneten Augen an und Riku wollte sich erneut herunterbeugen, er wollte mehr von diesem Geschmack, der so unvergleichbar Sora war. Doch dann weiteten sich Soras Augen plötzlich, fixierten einen Punkt links von Rikus Schulter.
„Riku! Deine Marshmallows brennen!“
Es brauchte ein paar Sekunden bis Riku realisierte, was Sora gesagt hatte. Und genau die Zeit brauchte er auch, um zu verstehen, was hier gerade passiert war, dass er gerade dabei gewesen war sich mit seinem besten Freund den Verstand aus dem Kopf zu knutschen. Er ließ Sora abrupt los und war froh, dass er die brennenden Marshmallows als Ablenkung und Ausrede hatte. Er nahm den Stock aus der Flamme, die jetzt deutlich größer war, als noch vor ein paar Minuten? Wenn Riku ehrlich war, dann hatte er jegliches Zeitgefühl vergessen und er hatte nur noch Soras Lippen, seine Zunge und seinen Geschmack im Kopf gehabt.
Riku löschte die Flammen an seinen Marshmallows, pustete sie aus oder zerdrückte sie mit den Fingern und betrachtete die kleinen schwarzen Bällchen skeptisch.
Sora lachte neben ihm. „Ich würd sie ehrlich gesagt nicht mehr essen.“
„Nein, ich auch nicht. Ungenießbar.“
Er zupfte sie von seinem Stock und dachte daran, dass er viel lieber wieder Soras Lippen probieren würde, als irgendwelche Marshmallows, ob verbrannt oder nicht.
„Hier.“
Er wandte sich um, Sora hielt ihm die Tüte hin. „Wir haben ja noch genug.“
Sora strahlte ihn an, so wie nur er es konnte. „Vielleicht sollten wir dies Mal nicht so sehr die Zeit vergessen.“
Und Riku fragte sich, ob er sich den Rotschimmer nur einbildete, der sich bei den Worten auf Soras Wangen legte oder ob es der Schein des Feuers war. Und er fragte sich, was es wohl bedeutete, dass er hier mit Sora am Feuer saß, dass sein Herz schneller schlug als es sollte und dass er seinen ersten Kuss mit seinem besten Freund gehabt hatte und dies absolut nicht bereute.
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Beitragvon Sammy-chan » 31. Mai 2016, 12:44

Kapitel 3

Das Wetter konnte nicht großartiger sein an diesem Tag. Die Sonne schien schon den ganzen Morgen. Sora hatte deshalb kurzerhand beschlossen, dass heute der perfekte Tag für die Wasserbombenparty wäre. Das hatte er Riku am Vormittag mitgeteilt und jetzt hievten sie das Planschbecken, was Sora wohl im Keller gefunden hatte auf eines der kleinen Boote. Ein bisschen skeptisch, ob Soras Plan funktionieren würde, war Riku ja schon.
Aber wenn Sora sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann hatte Riku sowieso nicht viele Chancen der Sache zu entkommen, das wusste er aus Erfahrung. Außerdem war er sich auch nicht so sicher, ob er der Sache überhaupt entkommen wollte. Sie waren also auf die kleine Insel hinübergerudert, diesmal jeder in seinem eigenen Boot, und stellten das Planschbecken auf, das wie durch ein Wunder auch noch unbeschädigt war, obwohl es jahrelang sein Dasein im Keller gefristet hatte.
Als nächstes füllten sie die Ballons mit dem Wasser aus dem Meer. Riku fragte sich, ob eine Wasserbombenschlacht überhaupt zählte, wenn man sowieso schon nass war. Da sie zum Auffüllen der Flasche, mit deren Hilfe sie wiederum die Ballons füllten, sowieso ins Meer waten mussten, war das nämlich zwangsläufig der Fall.
Es dauerte eine ganze Weile bis sie die Wasserbomben gefüllt hatten. Sie ließen sich in den warmen Sand des Strandes fallen. Ein paar hundert Ballons mit Wasser zu füllen war mehr Aufwand, als Riku gedacht hatte. Er fragte sich zum wiederholten Mal, worauf er sich überhaupt eingelassen hatte.
"Das wird super", meinte Sora aber genau in diesem Moment, als hätte er Rikus Gedankengänge erahnt und wischte damit jeden Zweifel gekonnt fort. Sie warteten auf Tidus, Selphie und natürlich Kairi, denen Sora Bescheid gegeben hatte. Es sollte ja schließlich eine kleine Party sein. Zwei Leute waren keine Party. Außerdem würde es Spaß machen wieder mit ihnen hier Zeit zu verbringen, das sagte sich Riku, genauso, wie es früher immer gewesen war.
"Ja", antwortete Riku und blinzelte in die Sonne, die vom Wasser reflektiert wurde.
"Riku?"
Er drehte sich zu Sora, der ihn musterte, es sah aus, als hätte er das schon länger gemacht. Sora hob seinen Arm und einen Moment dachte Riku er würde sein Gesicht berühren wollen. Er fühlte sich an den gestrigen Abend erinnert, an dem sie sich geküsst hatten. Er schluckte.
Es war nur eine kleine Übung gewesen, mehr nicht. Trotzdem konnte Riku Sora kaum ansehen, ohne sich daran zu erinnern, wie es sich angefühlt hatte. Wie gut es sich angefühlt hatte. Er wollte seinen Blick abwenden, konnte Sora nicht in die Augen sehen, ohne das Risiko einzugehen, rot anzulaufen.
Das wollte er nicht, er wollte nicht, dass es seltsam zwischen ihnen wurde. Die Freundschaft zu Sora war ihm zu wichtig und wenn es einer komisch machte, dann wäre er es sowieso nur selbst. Sora hatte die ganze Sache wahrscheinlich längst vergessen, es hatte schließlich keine Bedeutung gehabt.
Sora fasste jetzt eine seiner Haarsträhnen, die sich gelöst hatte. Wegen der Wärme hatte Riku sie am Morgen zusammengebunden. Er wickelte die Haarsträhne um seinen Finger, wirkte fast ein bisschen gedankenverloren.
"Ich mag, wenn du die Haare so hast."
Etwas verständnislos sah Riku ihn an und Sora schien erst jetzt bewusst zu werden, was er gesagt hatte und was er gerade tat. Er entließ Rikus Strähne abrupt aus seinem Griff und setzte sich auf.
"Sorry, ich war nicht ganz da."
Riku sah den Rotschimmer auf seinem Gesicht und musste den Gedanken unterdrücken, dass er es viel zu sehr mochte, wenn Sora verlegen war.
"Du willst mich nur dazu bringen, dass ich mir eine dieser Hochsteckfrisuren aus deiner Zeitschrift mache."
Sora lachte jetzt, ein bisschen gezwungen, aber Riku war dennoch froh, dass die Auflockerung gewirkt hatte, die er mit seinem Spruch bezwecken hatte wollen.
"Ja, damit ich jedem ein Foto von meiner besten Freundin zeigen kann."
Und in diesem Moment traf Riku etwas am Kopf, etwas, das dazu führte, dass sein Haar im nächsten Moment komplett durchnässt war.
"Ich dachte hier sollte eine Party stattfinden!"
Riku drehte sich um. Tidus stand feixend neben dem Planschbecken und hatte sich bereits den Arm mit Wasserbomben vollgepackt.
"Na warte!", sagte Riku und war im Nu auf den Beinen, um sich für den Hinterhalt zu rächen. Während er zum Planschbecken lief, begleitete ihn ein kleiner Wasserbombenhagel und nur aus den Augenwinkeln registrierte er Selphie, die ein bisschen abseits stand und Tidus unterstützte, während der davon lief und sich hin und wieder umdrehte, damit er ein weiteres Geschoss in Rikus Richtung abwerfen konnte.
Als Riku am Planschbecken ankam, warf er zunächst ein paar Bomben Richtung Selphie, die aufquietschte und in dieselbe Richtung wie Tidus floh, da sie ihre Munition anscheinend verschossen hatte.
Vollgepackt machte sich Riku auf die Verfolgung und erwischte die beiden, als sie versuchten sich in einem Dickicht zu verstecken. Dummerweise hatten sie sich damit in eine Sackgasse manövriert und Riku konnte sie in aller Ruhe bombardieren.
"Nicht!", lachte Selphie. "Wir geben auf! Wir geben auf!"
Sie kam mit erhobenen Händen aus dem Gebüsch. Tidus kurz nach ihr.
Riku zog eine Augenbraue hoch. "Das ging aber schnell!"
"Wir sind unbewaffnet", meinte Tidus defensiv. "Wir müssen uns erst neue Munition besorgen."
Er legte einen Arm um Rikus Schulter.
"Ziemlich geile Idee ist das hier."
Er grinste Riku frech an und im nächsten Moment war Rikus Gesicht erneut klitschnass, weil Tidus eine der Bomben hinter seinem Rücken verborgen und er sie einfach in Rikus Gesicht gedrückt hatte.
"Du bist zu vertrauensselig, Riku."
Riku blitzte Tidus an, nachdem er sich das Wasser aus dem Gesicht gewischt hatte.
"Du solltest nicht so große Töne spucken, denn jetzt bist du tatsächlich unbewaffnet."
Und mit diesen Worten rang er Tidus nieder, um sich mit den letzten beiden Bomben, die er hatte, zu rächen.
Sie saßen einen Moment später alle drei keuchend und nass im Sand. Es tat gut wieder so mit seinen Freunden herumzualbern. Es machte ihn nostalgisch und er dachte daran, wie sie mit Holzschwertern gegeneinander angetreten waren. Eigentlich waren sie beinahe zu alt für solche Albereien und sie alle waren größer geworden. Tidus war beinahe genau so groß, wie Riku und Selphie war zu einer süßen jungen Frau herangewachsen.
Aber das änderte nichts daran, dass sie Spaß an der Sache hatten und man bekam den Kopf frei, frei von all den Gedanken, die sich festgesetzt hatten.
"Vielleicht sollten wir Frieden schließen und uns alle mit neuen Bomben eindecken", meinte Tidus, aber Selphie schüttelte den Kopf, deutete in Richtung des Planschbeckens.
"Vielleicht sollten wir lieber noch ein bisschen warten."
Riku lenkte seinen Blick in die Richtung des Waffenlagers und entdeckte Sora und Kairi, die lachend im Sand saßen. Sora, der über sie gebeugt war, hatte einen Arm um Kairis Taille gelegt, während sie wiederum einen Arm um seinen Hals geschlungen hatte. Riku versuchte das seltsame Gefühl zu ignorieren, was in seinem Inneren aufwallte.
Es war so offensichtlich die Pose eines Paares, auch wenn ihrer beider Haar nass war, was bedeutete, dass sie noch Momente zuvor einen Wasserbombenkampf ausgefochten hatten. Riku wollte nicht hinsehen, konnte aber auch nicht wegsehen. Er versuchte den lästigen Stich Eifersucht zu ignorieren. Warum gönnte er seinem besten Freund sein Glück nicht? Es änderte sich doch gar nichts für ihn.
"Wie lange es wohl dauern wird, bis das klappt", meinte Selphie und Riku sah mit einem Aufatmen, dass Sora sich von Kairi löste und ihr im nächsten Moment hoch half, nachdem er sich aufgerichtet hatte.
"Ich glaub das dauert noch, Sora rafft doch in der Hinsicht gar nicht, was los ist. Aber wir können ja Wetten abschließen." Tidus sah in die Runde. "Na, wer ist dabei?"
"Ich nicht." Riku schüttelte den Kopf, er hatte keine Lust, dass diese noch nicht, aber bald vorhandene Liaison zwischen Sora und Kairi ein noch größeres Thema wurde, als sie es ohnehin schon war.
"Riku hat recht, über sowas schließt man keine Wetten ab", stimmte ihm Selphie empört zu. "Aber süß sind sie ja."
Riku wollte nicht wirklich mehr etwas darüber hören, wie süß die beiden waren oder wie gut sie zusammen passten. Das wusste er selbst.
"Ich weiß nicht, was ihr macht, aber ich werde mich lieber wieder bewaffnen", warf er ein und stand im selben Moment auf. Er war froh, als die anderen beiden ihm folgten und das Thema vorerst beendet war.

Wenig später hatte sich Riku von der kleinen Gruppe entfernt und lehnte sich an den Stamm der Papua-Palme. Ihre kleine Wasserschlacht war noch etwas weitergegangen, aber mittlerweile waren fast alle Wasserbomben verbraucht. Es erinnerte ihn an Kindheit als sich Sora und Kairi zu ihm gesellten. Sora rechts von ihm und neben ihm Kairi. Es war immer so gewesen, Sora hatte sie drei verbunden, er war es, der das Mittelstück bildete. Würde es weiterhin funktionieren, wenn er sich Kairi zuwandte? Oder würde er Riku loslassen?
"Das war wirklich eine tolle Idee", sagte Kairi, als sie sich auf den Stamm setzte und unterbrach Rikus Gedanken. Sora sah zu ihr rüber, er sah glücklich aus.
"Die Idee ist aus einer Zeitschrift. Dinge, die man diesen Sommer getan haben sollte. Eine ganze Liste.“
Er suchte in seinen zahlreichen Taschen am Körper bis er ein Papier daraus hervorzog und reichte es an Kairi weiter. "Das ist sie."
Auch Riku warf einen Blick auf den Zettel. Sora hatte alle Punkte abgeschrieben und hinter der Bootsfahrt und dem Lagerfeuer einen Haken gemacht.
„Du willst das alles machen?“
Sora nickte bestätigend. „Die Dinge, die abgehakt sind, haben Riku und ich schon gemacht.“
Eine Bootsfahrt und ein Lagerfeuer, bei dem sie sich geküsst hatten. Es sollte Riku nicht so verwirren. Waren das nicht Dinge, die man als Jugendlicher tat? Ausprobieren, die Neugier stillen.
Aber warum wollte Sora all diese Dinge auf der Liste ausgerechnet mit ihm machen? Ein Picknick, eine Nachtwanderung, Zelten... Sollte er solche Dinge nicht mit Kairi machen wollen? Er hatte nicht darüber nachgedacht. Aber jetzt war sie da, stand direkt vor ihm.
"Das hört sich nach viel Spaß an", meinte Kairi dann und gab Sora den Zettel zurück.
"Ja, es ist großartig. Nur das Straßenfest is nen bisschen schwierig, wo soll man das wegholen, ne?"
„Mh“, sagte sie und schien nachzudenken "Ist da nicht bald dieses Festival drüben?"
Mit 'drüben' meinte sie das Nachbar-Städtchen, etwas größer als der Ort, indem sie lebten, aber nicht allzu weit entfernt. Und ja, jetzt wo sie es erwähnte, Ende August wurde dort ein kleines Straßenfestival veranstaltet, jedes Jahr. Es gab kleine Bühnen auf denen lokale Acts Musik spielten und einige Buden.
"Das ist doch fast wie ein Straßenfest."
Sora schien die Idee zu gefallen, er nickte zustimmend. "Ja, genau. Das ist eine großartige Idee. Ich denke auch, dass das als Straßenfest durchgeht." Und im nächsten Moment umarmte er Kairi. Drückte sie an sich, während sie lachte und in Rikus Kehle bildete sich ein Kloß, den er vergeblich versuchte herunterzuschlucken.
Wollte Kairi nicht, dass Sora sie fragte, ob sie mit ihm hingehen wolle? Verstand es Sora nicht? Natürlich verstand er es nicht. Er dachte sich nichts dabei, er war Sora. Riku seufzte ein bisschen innerlich.
"Willst du nicht mitkommen, Kairi?", fragte er sie also selbst.
Sie löste ihren Blick von Sora und sah Riku überrascht an. "Was? Nein, ich hab da keine Zeit, geht ihr mal dahin."
Riku runzelte die Stirn. Es war eine offensichtliche Lüge. Wollte sie nicht, weil er dabei war? Weil sie lieber mit Sora allein sein wollte? Aber irgendwie konnte er das auch nicht so recht glauben. Sie waren oft zu dritt unterwegs gewesen, früher, es war nie ein Problem gewesen. Aber jetzt war es vielleicht anders, vielleicht würde er doch das störende fünfte Rad am Wagen sein. Einen Moment überlegte er, ob er sich nicht eine Ausrede einfallen lassen sollte, damit Sora und Kairi zusammen hingehen konnten.
"Das ist schade", meinte Sora aber dann. "Das nächste Mal kommst du dann aber mit und wir gehen diesmal allein, nicht wahr, Riku?"
Und Sora schenkte ihm eines dieser Lächeln. Ein Lächeln, bei dem er wahrscheinlich genau wusste, dass Riku nicht nein sagen würde. Er nickte. Er wusste nicht, was passiert war. Aber er spürte eine kleine Welle der Erleichterung in sich.

Ein bisschen später saßen sie im Sand. Denn die Wasserbombenschlacht war nicht der einzige Punkt auf Soras Liste, den er am heutigen Tag hatte abhaken wollen. Also saßen sie gemeinsam im Sand, alle fünf, jeder von ihnen älter als 16 und bauten eine Sandburg.
Eine zugegebenermaßen beeindruckende Sandburg. Also zumindest für eine Sandburg war sie beeindruckend. Der nächsten Flut würde sie dennoch nicht standhalten.
Aber sie hatten ihr einen Graben gegeben, der sich langsam mit Wasser füllte. Außerdem hatte die Burg mehrere Türme, jeder auf seine Weise einzigartig, weil jeder einen anderen Erbauer hatte. So hatten sie es aufgeteilt, dass jeder an seinem Teil der Burg arbeiten konnte.
Bei der Größenordnung, die diese Burg mittlerweile angenommen hatte, hatte auch keiner mehr von ihnen das Gefühl, wie ein Kind im Sandkasten zu spielen. Es hatte tatsächlich etwas von einem kleinen Kunstwerk, das sie hier erbauten.
Riku würde es nicht unbedingt zugeben, wenn man ihn danach fragte, aber auf gewisse Weise machte es Spaß hier im Sand zu graben. Und ein Blick zur Seite steigerte sein Wohlbefinden noch ein bisschen mehr. Sora ging in seiner Aufgaben auf, seinen Teil der Burg so groß und imposant wie möglich zu machen, so sehr, wie es der Sand eben zuließ. Er klopfte noch ein wenig Sand fest und begutachtete sein Werk, die Stirn in Falten gelegt.
„Da fehlt noch etwas“, sagte er nachdenklich. Und dann stand er so abrupt auf, dass Riku sich beinahe ein wenig erschrak. „Eine Fahne!“
Triumph lag in seiner Stimme, als hätte er gerade eines der größten Geheimnisse, der Menschheit gelüftet. Im nächsten Moment lief er in Richtung der Bäume. Tidus folgte ihm. Wahrscheinlich um noch eine viel bessere und größere Fahne zu finden. Riku blieb mit den beiden Mädchen zurück. Selphie hatte die Wände der Burgtürme mit Ornamenten verziert. Kairi hatte den kleinsten Teil der Burg errichtet, wenn man aber genau hinsah, entdeckte man lauter kleine Details.
Sie sah Riku von der Seite an, als sie Dachpfannen auf einen der Türme mit dem Finger zeichnete.
"Warum willst du nicht mit zum Festival?", fragte Riku sie jetzt, weil er es immer noch nicht verstanden hatte.
Sie hielt inne, ein Lächeln auf den Lippen. "Weil Sora nicht will, dass ich mitkomme."
Riku runzelte die Stirn. "Warum sollte er das nicht wollen? Natürlich will er das."
Riku konnte sich keinen Grund vorstellen, der erklärte, dass Sora Kairi nicht dabei haben wollte.
Sie setzte sich jetzt etwas auf. "Warum glaubst du hat Sora dich gefragt all diese Dinge mit ihm zu machen, die auf der Liste stehen und nicht mich?"
"Weil ich gerade da war und du nicht."
Sie zog eine Augenbraue hoch. "Ich glaube nicht, dass das der Grund ist, Riku. Er will all diese Dinge mit dir machen, nicht mit mir."
Was hätte er davon, dass er Riku vorziehen würde? Außerdem hatte er sie doch eingeladen, heute, genauso wie Tidus und Selphie. Riku ignorierte die Tatsache in diesem Augenblick, dass zu einer Party einfach mehr als zwei Leute gehörten.
"Was meinst du damit?"
"Ich dachte immer Sora sei derjenige, der immer ein bisschen länger braucht, um etwas zu kapieren. Ich glaube es ist das erste Mal, dass Sora dich meilenweit hinter sich gelassen hat, aber du verstehst es nicht, oder?"
Warum redete sie so kryptisch, Riku wusste tatsächlich nicht, was sie ihm sagen wollte und kam sich ein bisschen dämlich vor.
"Was...?" Weiter kam er nicht, denn Sora und Tidus kamen wieder, rannten über den Sand und machten kurz vor der Burg halt, so dass Riku einen Moment befürchtete, sie würden die mühsam erbaute Burg umrennen.
Triumphierend steckte Sora einen kleinen Stock mit einem befestigten Blatt der Paopu-Palme auf den größten Turm seines Bauwerks.
Er grinste. "Perfekt."
Tidus hatte sich dagegen eine kleine Flagge aus den Resten der Ballons erstellt, die er an einem Stock befestigt hatte und steckte diese nun ebenfalls auf seinen Turm.
In der Zwischenzeit wandte sich Sora zu Riku, holte eine zweite Flagge hervor und drückte sie ihm kurzerhand in die Hand.
"Ich hab dir auch eine gemacht", meinte er dann und schaute zur Seite, fast ein wenig, als ob er Verlegen wäre. Riku nahm die Flagge an und wusste im ersten Moment nicht genau, was er sagen sollte.
Er bedankte sich und steckte die Flagge auf seinen Turm. Aus den Augenwinkeln sah er, wie Kairi ihm mit einem Blick bedachte, den man nur als wissend bezeichnen konnte. Sie hätte auch genauso gut auf sie zeigen und ‚hab ich doch gesagt‘ rufen können. Riku hatte aber keine Ahnung, was es beweisen sollte, dass Sora ihm eine Fahne gebastelt hatte.
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Re: Wahrscheinlichkeit 100%

Beitragvon Sammy-chan » 13. Jun 2016, 14:58

Riku kam an dem Treffpunkt an, den Sora ihm genannt hatte. Soras Fahrrad stand bereits dort, angelehnt an einen Stamm, auf dem Gepäckträger ein Korb festgeschnallt. Von Sora selbst keine Spur. Er hatte ihm heute morgen in der Pause gesagt, dass sie sich Nachmittags hier treffen würden.
Der Treffpunkt war eine Wiese etwas abseits von ihrem Städtchen auf einer Anhöhe. Hier und dort ein Baum. Sie waren als Kinder öfter hier gewesen, wenn sie eben nicht auf ihre kleine Insel gefahren waren.
Riku ließ seinen Blick über das Gelände streifen. Es hatte sich kein bisschen verändert. Als ob es gestern gewesen wäre, als er das letzte Mal hier gewesen war. Sein Blick blieb an Soras Gestalt hängen. Und einen Moment konnte er vergessen. Vergessen, dass in der Zwischenzeit sein Herz voller Dunkelheit gewesen war. Dass er seine Freunde verraten hatte.
Sora drehte sich zu ihm, winkte ihm zu. Ein bisschen konnte er sich einbilden, dass es tatsächlich wie früher war. Auch wenn Soras Gestalt größer geworden war, auf gewisse Weise sogar erwachsener. Manchmal konnte man es kaum glauben, wenn Sora grinste und einen mit großen blauen Augen ansah, aber er hatte viel erlebt, hatte viel gesehen, hatte sich der Dunkelheit wiedersetzt.
Riku schob seine Gedanken beiseite, stellte sein Fahrrad neben das von Sora und ging durch das Gras zu ihm rüber.
"Was ist der heutige Plan?", fragte er ihn und folgte Soras Blick zu einem der Bäume, der direkt vor ihnen stand.
Sora deutete nach oben zum Wipfel des Baums. "Da hoch."
"Wir klettern auf einen Baum?" Riku sah skeptisch hinauf.
"Das müssen wir. Steht auf der Liste." Als sei es ein unumstößlicher Fakt. Riku wusste nicht, wann er das letzte Mal auf einen Baum geklettert war.
Aber wenn er den Baum so betrachtete, sollte es gehen. Die Äste wirkten stabil, zumindest die Hauptäste. Wenn Riku sich nicht täuschte, handelte es sich um eine Linde. Sie hatte sich recht weit unten schon verzweigt, mit ein bisschen gegenseitiger Hilfe konnten sie die unteren Zweige erreichen.
Der Anfang stellte sich am Schwierigsten heraus. Weil Riku größer war, half er zunächst Sora auf den untersten der Äste. Der sollte ihn dann hochziehen. Soweit der Plan.
Der Plan funktionierte mäßig und als Riku endlich auf dem untersten Ast saß, war er um einige blaue Flecke reicher und um einer Menge Motivation ärmer.
"Ging doch", meinte Sora und grinste.
"Ja, hat super funktioniert", antwortete er sarkastisch, aber mit einem Lachen und sah nach oben.
Sora machte den Anfang und erklomm die nächsten Äste. Es sah beinahe ein bisschen so aus, als hätte er in seinem Leben nichts anderes gemacht, so wie er sich von einem Ast auf den nächsten zog. Riku folgte ihm, wahrscheinlich weniger gekonnt und flink, aber noch war seine Größe ein Vorteil. Im oberen Bereich würde sich das wohl ändern.
Je weiter sie nach oben kamen, desto weniger Licht wurde von den Blättern des Baumes geschluckt. Sora machte auf einem der großen Äste im oberen Bereich halt und sah sich um.
"Ich glaube höher geht nicht", rief er zu Riku, der ein kleines Stück unter ihm war.
Wenn Riku ehrlich war, befanden sie sich auch bereits in schwindelerregender Höhe. Sora setzte sich auf den Ast und rutschte nach außen, so dass genug Platz für Riku war. Ein bisschen skeptisch war er schon, als er sich ebenfalls auf den Ast hochzog, der bog sich nämlich ein bisschen, dort wo Sora saß. Aber den schien das gar nicht zu interessieren.
"Riku, die Aussicht ist großartig!"
Riku setzte sich auf den Ast und folgte Soras Blick. Man konnte durch die Blätter hindurch sehen und es stimmte, die Aussicht war großartig. Man konnte das kleine Städtchen, in dem sie wohnten, überblicken und dahinter tat sich das Meer auf. Es war genau so ein Foto, was auf Postkarten abgedruckt war. Aber wenn man es selbst sah, war es besser, echter.
Riku nickte. "Es ist toll."
"Nicht wahr?"
Der Ast wippte, als Sora den Arm hob und nach links deutete. "Man kann sogar unsere Insel sehen."
Und ja, er hatte Recht, im Meer war die Insel als grüner Fleck zu erkennen. Trotzdem konnte Riku den Anblick nicht ganz so genießen, sein Blick schweifte zu dem Ast, dem er immer noch nicht so ganz traute.
"Sora, willst du nicht mehr nach hier hinkommen, der Ast..."
Und er merkte, wie ihm heiß wurde. Kam es falsch rüber? Warum sollte es schon falsch rüber kommen? Sie waren seit jeher Freunde, sie hatten schon oft irgendwo eng zusammen gesessen, war doch sonst nie irgendwas gewesen. Trotzdem kam Riku sich seltsam vor.
Aber Sora strahlte nur. "Okay."
Er rutschte näher zu Riku. Ziemlich nahe. Rikus Herzschlag schoss hoch und einen Moment wusste er nicht, was er machen sollte, als Sora mit der linken Hand Halt suchte und letztendlich seinen Arm um Riku legte, um sich an ihm festzuhalten. Und Riku blieb nicht viel anderes übrig, als seinen eigenen rechten Arm um Sora zu legen, weil es sonst irgendwie keinen Platz mehr dafür gab.
Sora schien nichts Ungewöhnliches an ihrer derzeitigen Situation zu finden. Obwohl sie gewissermaßen Arm in Arm saßen, auf einem Baum und die Aussicht genossen. Zumindest Soras Aufmerksamkeit galt der Aussicht. Riku war eher damit beschäftigt seinen Puls zu beruhigen und sich einzureden, dass sie nur so eng saßen, da es gefährlicher wurde, je weiter Sora abrücken würde, das hatte er ja selbst gewollt.
Und eigentlich war es auch ganz schön ihn so nahe zu haben, zu spüren, dass Sora da war, ihn auf gewisse Weise festhalten zu können. Mit der Zeit schien er sich ein bisschen zu beruhigen. Er ließ sich von der Wärme durchströmen, die Sora ausstrahlte.
"Riku?"
"Mh?"
Er senkte seinen Blick, der auf die viel zu blauen Augen traf. Sora guckte ungewohnt ernst, sogar etwas nervös. War er nervös? Warum sollte er nervös sein?
"Gibt es jemanden, den du magst? Also jemanden, den du mehr magst als normal?"
Und Rikus Puls schoss erneut in die Höhe. Warum stellte Sora diese Frage, ausgerechnet jetzt? Warum überhaupt?
Rikus Hand schloss sich hart um den Ast, an dem er sich festhielt. Denn sein Kopf schwirrte, er sah Sora an, als eine Erkenntnis an die Oberfläche seines Verstandes kratzte
Ja, es gab jemanden den er mochte, den er mehr mochte, mehr als einen Freund, als das, was er sein sollte. Sora. Sora war derjenige, den er mochte.
Er spürte, wie er sich verspannte, wie Soras Nähe plötzlich beinahe unerträglich wurde. Er hätte es längst bemerken müssen. Wie er sich fühlte, wenn Sora in seiner Nähe war, wenn er ihn anlächelte. Oder, wie er sich fühlte, wenn er Sora mit Kairi zusammen sah.
Aber er konnte es Sora unmöglich sagen. Er schüttelte den Kopf, fast zu hastig.
Er wollte fort. "Nein."
Sein Blick ging zu Sora, der ihn besorgt anblickte, konnte dort aber nicht verweilen und huschte weiter, letztendlich zu dem nächstgrößeren Ast, der unter ihnen lag.
"Ist alles in Ordnung?", hörte er Soras Stimme, aber in seinen Ohren rauschte es übermächtig laut.
"Ich, nein, mir ist nicht gut, ich denke ich sollte besser runter."
Nach unten, weg von Sora, sein inneres Chaos sortieren, das war alles, woran er gerade denken konnte. Weg von dieser angenehmen Wärme, die ihn umfangen hatte und ihn verwirrte.
"Riku warte!"
Aber er wartete nicht. Er wusste, dass er überstürzte und vorsichtiger sein sollte beim Abstieg, aber runter würde er schon irgendwie kommen, runter kam man schließlich immer, nicht wahr? Stück für Stück arbeitete er sich vor, er hörte, dass Sora ihm folgte, aber schaute nicht nach oben. Konzentrierte sich nur darauf von einem Ast zum nächsten zu gelangen.
Er atmete auf, als er sich vom letzten Ast auf den Boden fallen ließ, der ihm ein wenig Sicherheit wiedergab. Er ging ein paar Schritte fort, lehnte sich an den Stamm des nächsten Baumes, eine Eiche. Und atmete tief durch.
Er irrte sich, er musste sich irren. Sora war sein bester Freund. Es war nur diese absurde Situation gewesen, viel zu romantisch für Freunde und dieser Kuss vom Wochenende. Das war alles. Er hörte Schritte näher kommen, er wusste, dass es Sora war. Er konnte es spüren, wusste auch, dass er ihm folgen würde. Den Baum hinunter bis hier her. Sora. Bei dessen Namen in seinen Gedanken sein Herz nicht so schnell schlagen sollte.
"Riku?" Er klang so unsicher und es versetzte Riku einen Stich. Es war seine Schuld.
"War das alles für heute?" Riku hatte nicht so klingen wollen, so als sei es eine nervige Last. Als hätte er keine Lust darauf die Zeit mit Sora zu verbringen. Es hätte kaum weiter weg sein können von der Wahrheit, aber jetzt, da brauchte er Platz, Zeit, um sich zu sammeln. Um sich klar zu machen, dass ihn einfach nur die Situation verwirrt hatte.
Er war nicht in Sora verliebt.
"Nein... ich hatte gedacht, ich... das Picknick."
Und Riku erinnerte sich an den Korb auf Soras Fahrrad. Ein Picknick.
"Wir können das verschieben, wenn du dich nicht gut fühlst, Riku."
Er zögerte einen Moment. Aber er konnte nicht, nicht nach dieser Aktion, die er gerade gebracht hatte, da konnte er Sora nicht auch noch damit sitzen lassen. Er schüttelte den Kopf.
"Nein, ich brauche nur ein paar Minuten. Es geht schon besser. Ich komme gleich."
"Okay." Soras Stimme klang noch immer so furchtbar unsicher. Es stand ihm nicht, passte nicht zu ihm. Er überspielte Unsicherheiten mit einem Lachen und dann war alles wieder vergessen.
Riku hörte, wie sich seine Schritte entfernten, er hob den Kopf. Er hatte es nicht gewagt in Soras Richtung zu sehen. Jetzt tat er es, sah dabei zu, wie Sora den Korb holte und einen geeigneten Platz auf der Wiese suchte.
Riku fühlte sich schlecht, als er sah, wie Sora eine Decke ausbreitete. Wie er anfing Dinge aus dem Korb zu packen, die Riku von hier nicht erkennen konnte. Er sollte es ihm nicht kaputt machen, nur weil er irgendwelche Probleme hatte.
Er stieß sich von dem Baum ab und zwang sich zu Sora rüberzugehen. Sora strahlte ihn an, aber es war nicht wie sonst, es wirkte erzwungen und Riku fühlte sich noch schlechter. Er setzte sich Sora gegenüber auf die Decke, auf der sich Teller, Becher und Besteck befanden, Brötchen, Kuchen, Flaschen. Sora hatte sich Mühe gegeben, er wäre ein Arschloch gewesen, wenn er ihn damit sitzen gelassen hätte.
Riku versuchte sich auch an einem Lächeln, es fühlte sich nicht so an, als würde es ihm gut gelingen. Er deutet auf den Kuchen.
"Hat deine Mutter ihn gebacken", sagte er, nur um ein Gesprächsthema zu haben. Außerdem war Soras Mutter eine wunderbare Köchin, das wusste er nur zu gut.
Aber Sora senkte den Blick, als hätte Riku etwas Falsches gesagt.
"Den hab ich selbst gemacht."
Riku konnte nicht anders, als Sora anzustarren.
"Ich wusste nicht, dass du backen kannst."
Sora spielte mit dem Saum der Decke und blickte Riku nicht an. Er war verlegen. Riku mochte das. Wie er es kaum wagte ihn anzusehen.
"Kann ich auch nicht, aber ich wollte ihn gerne selbst machen."
Warum sagte Sora so etwas? Es klang, als hätte er ihn für Riku backen wollen. Und es ließ Gefühle in Riku aufkeimen, die er nicht wollte, die ihn noch viel mehr verwirrten.
"Er schmeckt bestimmt super."
Und jetzt saßen sie da und keiner wusste, was er sagen sollte. Es war furchtbar seltsam und irgendwann fing Sora an, weitere Sachen aus dem Korb zu packen. Als letztes holte er zwei Gläser heraus, im Inneren Kerzen und Riku starrte sie an.
"Du hast Kerzen mitgebracht?"
Es war raus, bevor Riku wirklich darüber nachdenken konnte und es klang furchtbar vorwurfsvoll. Sora hielt inne, sah ihn kurz an.
"Es stand auf der Liste."
Riku konnte sich nicht erinnern. Wenn er ehrlich war, dann wusste er gar nicht mehr, was auf dieser Liste noch stand. Nur an das Straßenfest konnte er sich erinnern.
"Es ist doch noch nicht mal dunkel", sagte Riku, um seine Reaktion zu entschärfen. Funktionierte allerdings nicht so richtig.
"Ich dachte für später..." Später? Wie lange hatte er geplant zu bleiben?
"Sie würden nur Insekten anlocken."
"Ich kann sie auch wieder wegpacken." Sora klang wieder so unsicher, fast schon verletzt und Riku fühlte sich mies. Er machte alles kaputt, Sora hatte sich Mühe gegeben und er machte es kaputt. Und warum? Weil er mit seinen eignen Gefühlen nicht klar kam. Weil ein Picknick im Kerzenschein so furchtbar romantisch war und er Angst hatte.
"Nein, ist schon okay. Wir brauchen sie ja auch erst später."
Sora stellte die Kerzen etwas zur Seite.
"Lass uns essen", versuchte er die Lage zu entspannen. Oder machte es nur den Eindruck, als wolle er schnell fertig werden? Das stimmte nicht, nicht wirklich. Er wollte Zeit mit Sora verbringen. Er wollte Zeit mit Sora verbringen, wie es Freunde halt zusammen taten.
Sie aßen und die Lage entspannte sich, zumindest ein bisschen. Sie sprachen über Belanglosigkeiten und Riku atmete auf, als Sora sein Lächeln wieder fand. Es war nicht so strahlend und so einnehmend, wie es sonst war, aber es war da. Und Riku war furchtbar dankbar darum.
"Hast du die Liste eigentlich dabei?", fragte er irgendwann, als ihm wieder einfiel, dass er nicht mal mehr wusste wie viel noch anstand, geschweige denn was. Er hoffte, dass sie die romantischen Dinge schon hinter sich gebracht hatten.
Sora nickte nur und suchte in seinen Taschen. Hatte er sie immer dabei? Es war ihm wichtig.
Nach kurzer Zeit reichte er Riku den Zettel. Er überflog die Punkte, die noch nicht abgehakt waren und schluckte, als sein Blick den achten Punkt erreichte.
‚Geh mal wieder Zelten.‘
Wie sollte Riku eine ganze Nacht mit Sora in einem engen, kleinen Zelt verbringen können, ohne durchzudrehen?
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Re: Wahrscheinlichkeit 100%

Beitragvon Sammy-chan » 14. Jun 2016, 11:36

Ein paar Tage Auszeit, ein paar Tage in denen Riku sich sortieren konnte. Seine Gedanken sortieren. In dem ihm klar werden konnte, dass er sich geirrt hatte. Natürlich hatte er das. Er konnte diese Art Gefühle nicht für Sora haben. Sie würden alles kaputt machen. Das hatte man ja schon gesehen. Bei dem Picknick, das seltsam gewesen war.
Aber der Freitag kam schnell, viel zu schnell und doch nicht schnell genug. Es half auch nicht, dass Sora in jeder größeren Pause zu ihm kam. Wie er es immer gemacht hatte. Und er hatte Riku fragend angesehen, als der meinte, dass er andere Dinge zu tun hätte.
Er fühlte sich wie der letzte Dreck. Warum hatte er sich nicht unter Kontrolle?
Er hatte darüber nachgedacht, Sora zu bitten die ganze Sache zu verschieben. Aber ein Straßenfestival ließ sich nicht verschieben. Außerdem war der Sommer nicht mehr lang und er konnte es Sora nicht ausschlagen. Nicht seitdem er erkannt hatte, wie wichtig es Sora war. Diese verfluchte Liste.
Ein Festival war schon in Ordnung. Ein bisschen Live-Musik hören, ein bisschen Essen, viele Menschen. Es war nicht so, wie die anderen Sachen, wo sie nur zu zweit waren. Die Wahrscheinlichkeit war sogar groß, dass sie jemanden trafen, den sie kannten. Vielleicht war es genau das richtige Event, um zu erkennen, dass er sich geirrt hatte. Dass er sich seine Gefühle nur eingebildet hatte.
Und so hatte er Sora abgeholt, weil das Haus seiner Familie auf dem Weg lag und sie saßen in der Bahn, die sie in die nächste Stadt fuhr. Er spürte Soras Blick auf sich und erwiderte ihn, versuchte sich an einem zwanglosen Lächeln, was wahrscheinlich alles andere war, nur nicht zwanglos. Sora antwortete seinerseits mit einem Lächeln, es war unsicher. Er merkte natürlich, dass etwas nicht stimmte, er hatte Riku nahezu bei jeder Gelegenheit fragend angeschaut, als ob er auf etwas wartete. Vielleicht darauf, dass Riku aussprach, was ihn beschäftigte. Aber das konnte er nicht. Er konnte Sora unmöglich sagen, dass er für einen kurzen Moment geglaubt hatte, er sei in ihn verliebt und dass es ihn verwirrt hatte, so sehr, dass er Abstand von ihm brauchte.
Er war froh, als die Bahn hielt und sie schon beim Aussteigen von einer kleinen Flut der Festival-Besucher umspült und einfach mitgezogen wurden. Es war keine Zeit mehr darüber nachzudenken, wie sie miteinander umgehen sollten. Die Bands spielten bereits auf den kleinen Bühnen, die in der Stadtmitte verteilt waren. Dazwischen befanden sich verschiedene kleine Stände, an denen Essen und Trinken verkauft wurde. Sie schlängelten sich durch die Menge und kamen an einer Bühne vorbei, auf der eine Band spielte, der man anhörte, dass sie sonst eher in einer Garage musizierten.
Sie gingen weiter bis Sora Riku am Arm fasste und auf einen der Stände deutete. Sie verkauften Zuckerwatte in verschiedenen Geschmacksrichtungen und Farben.
"Ich hab ewig keine Zuckerwatte gegessen", übertönte Sora die Geräuschkulisse und strahlte dabei wieder ein bisschen so, wie es normal für ihn war. Riku nickte nur und sie kämpften sich einen Weg durch die Menge, bis sie an dem Stand angekommen waren.
Kurze Zeit später machten sie sich auf dem Weg zur nächsten Bühne, bewaffnet mit bunten Zuckerwattewölkchen. In Soras Fall war sie zartrosa und sollte nach Kirsche schmecken. Rikus Zuckerwatte war grün und schmeckte nach Apfel.
Auf der Bühne war ein Solokünstler mit einer Gitarre, weniger laut, als die Band, die sie zuvor gehört hatten. Er gab eigene Songs zum besten und schien ganz in seinem Element.
Sie stellten sich etwas an den Rand und Rikus Blick glitt über die Bühne, die Menschen und landete schlussendlich, wie selbstverständlich bei Sora. Der zupfte gedankenversunken an seiner Zuckerwatte und steckte sich etwas in den Mund, dann noch etwas. Riku beobachtete, wie sich Soras Lippen um seinen Zeigefinger legten, als etwas von der Zuckerwatte daran kleben blieb und er es ableckte.
Rikus Magen kribbelte. Er konnte seinen Blick nicht abwenden, als Sora erneut etwas von seiner Zuckerwatte nahm und die Prozedur wiederholte, diesmal nicht nur Zeigefinger sondern auch Daumen und Ringfinger ableckte. Riku spürte ein Ziehen in seinem Unterleib. Ein Gefühl, was er kannte, wenn er... Er sollte es nicht haben, nicht wenn er Sora ansah, der sich Zuckerwatte von den Fingern leckte. Der sich überhaupt nicht bewusst war, was er mit Riku anstellte.
Sora bemerkte seinen Blick und wandte sich zu ihm.
"Willst du probieren?", fragte er und hielt Riku die Zuckerwatte hin, aber der schüttelte nur den Kopf und fühlte sich ertappt, schaute schnell zur Bühne.
Da waren sie wieder gewesen, Gefühle, die er nicht haben sollte und nicht haben durfte. Gefühle für Sora, den er plötzlich auf gewisse Weise sogar heiß fand, wenn der sich die Finger ableckte. Sora, der sein bester Freund und in Kairi verliebt war. Kairi, die süß war und perfekt, ein reines Herz hatte. Nicht wie Riku.
Soras Miene spiegelte Besorgnis wieder. "Alles klar?"
Riku nickte schnell. Er war hin- und hergerissen, ein Teil von ihm wollte nach Sora, wollte ihm näher sein. Ein anderer Teil riet ihm zur Flucht, bevor es zu spät war und er alles kaputt machen würde. Er zwang sich nichts von alledem zu tun. Er zwang sich zu bleiben, wo er war.
"Willst du probieren?", stellte er die Gegenfrage und hoffte Sora damit ablenken zu können, der nickte und etwas von Rikus Zuckerwatte zupfte, die er ihm hinhielt.
Diesmal senkte er den Blick, als Sora seine Finger zu guter Letzt ableckte. Er hatte hier ein wirkliches Problem und er hatte keine Ahnung, wie er das wieder los werden würde. Er brauchte einfach Zeit, um das alles zu vergessen.
"Hey Riku! Was ein Zufall, dass du auch hier bist."
Er hob den Kopf und sah eine Gruppe der Mädchen aus seiner Klasse auf sich zukommen. Im nächsten Moment waren sie von ihnen umringt und sie schnatterten in Mädchenmanier wild durcheinander.
"Ist ja toll, dich hier zu terffen."
"Wart ihr schon bei der Bühne hinten am Brunnenplatz? Dort spielt eine großartige Band."
"Wir waren gerade wieder auf dem Weg dorthin."
"Der Rest ist eh Mist."
"Warum gehen wir nicht zusammen, wo wir schon alle hier sind? Ihr könnt doch beide einfach mitkommen."
Eigentlich hatte Riku kein großes Interesse daran mit ihnen irgendwohin zu gehen, aber jetzt war er über die Ablenkung froh. Außerdem war alles besser, als mit Sora allein zu sein. Er fühlte sich schlecht diesen Gedanken zu haben, aber in diesem Moment war es eine Tatsache.
Außerdem war es nicht so schlimm, wenn sie ein bisschen Zeit mit seinen Klassenkameraden verbrachten, nicht wahr? Das tat er viel zu selten. Er kannte sie kaum. Und so sagte er zu und war im nächsten Moment schon auf dem Weg zum Brunnenplatz, der sich in der Stadtmitte befand.
Die Mädchen verteilten sich um ihn herum. Links von ihm war Mayline, sie erzählte ihm davon, dass einer der Typen in der Band ihr Cousin sei und was für eine tolle Möglichkeit ein solches Festival für jemanden wie ihn sei, weil so viele Leute die Musik hören würden.
Auf Rikus rechter Seite war Selina, sie redete nicht so viel wie Mayline, warf nur hier und da ein paar Sachen ein. Riku erinnerte sich daran, dass sie ihn in den letzten Wochen öfter mal in den Pausen angesprochen hatte. Hatte ihn nach Schulstoff gefragt. Sie lächelte ein strahlendes Lächeln, als er sie ansah. Sie hatte blonde lange Haare und blaue Augen, aber nicht so blau, wie Soras Augen waren, nicht so strahlend und tief. Sie ging nahe bei ihm, fast schon ein bisschen zu nahe und Riku ging ein Schritt weiter nach links, wo er beinahe mit Mayline zusammenstieß.
Er überblickte die Gruppe der Mädchen. Wo war Sora? Sie hatten doch gesagt, dass sie beide mitkommen konnten. Er sah sich um.
Selina fragte ihn, wie er die Musiker bisher fand, aber Riku antwortete nur mit einem Achselzucken und einem Ton, den sie verschieden deuten konnte.
Er fand Sora ein Stück hinter der Gruppe. Er trottete mit gesenktem Kopf hinter ihnen her. Riku schluckte schwer, er hatte es schon wieder getan. Er hatte versucht der Situation mit Sora zu entfliehen und dabei hatte er alles kaputt gemacht. Es sah nicht so als würde Sora Spaß haben. Die Mädchen ignorierten ihn. Riku blieb abrupt stehen, so dass der Großteil der Mädchen zunächst weiter ging, nur Selina machte beinahe gleichzeitig mit ihm Halt.
"Was ist los?" Selina sah ihn fragend an.
Er blickte kurz zu Sora, der jetzt den Kopf gehoben hatte.
"Sora und ich, wir wollten noch zum Park, ich denke wir gehen dort erstmal hin."
So leicht wollten sich die Mädchen aber nicht abschütteln lassen.
"Wir können da doch auch zusammen hingehen", sagte Mayline und erntete allgemeine Zustimmung, aber Riku schüttelte den Kopf.
"Ne, du wolltest doch deinem Cousin zusehen. Wäre blöd, wenn du wegen uns etwas verpasst. Geht ruhig schon mal zum Platz. Wir kommen da später sowieso hin."
Er hoffte, dass sie es auch so verstanden. Er wusste nicht, wie er ihnen sagen sollte, dass er lieber mit Sora allein gehen würde. So wirklich schienen die Mädchen aber nicht begeistert von seinem Vorschlag. Sora hatte bisher noch gar nichts zu der Situation gesagt, wie auch, sie hatten nie davon gesprochen in den Park zu gehen.
"Okay, dann treffen wir uns halt später wieder." Selina war diejenige, die das gesagt hatte und auf gewisse Weise überraschte Riku das. Er sah sie kurz dankbar an. Dann aber verabschiedete er sich schnell von der Gruppe.
Sora folgte ihm und eine Weile schwiegen sie. Riku fragte sich, ob Sora sauer war. Wahrscheinlich nicht, er hatte ihn noch nie sauer erlebt. Enttäuscht war er aber höchstwahrscheinlich und das wohl zu Recht.
"Wir wollten in den Park?" Er sah Riku von der Seite an und grinste ein bisschen. Riku atmete auf, es schien in Ordnung zu sein.
"Egal wohin, Hauptsache weg von den Mädchen. Tut mir Leid, dass wir da überhaupt mitgegangen sind, ich weiß nicht, was ich mir gedacht habe..."
Sora schüttelte den Kopf. "Sind ja schließlich deine Klassenkameradinnen."
Als ob das irgendetwas erklären würde, aber Riku ließ es so stehen, er konnte ja schlecht sagen, dass er letztendlich nur eine Ausflucht gesucht hatte.
Sie gingen eine Strecke, wo weniger Leute unterwegs waren, auch wenn es im Park eine weitere Bühne gab, aber durch den Umweg in Richtung Brunnenplatz gingen sie einen kleineren abgelegeneren Weg. Der Park war mit Kerzen an den Wegrändern beleuchtet. Schon wieder Kerzen. War es eigentlich immer schon so gewesen, dass man der romantischen Situationen kaum entgehen konnte oder fiel es ihm nur jetzt so sehr auf, wo er versuchte sie zu vermeiden?
"Diese Selina steht auf dich."
"Tut sie das? Sie war doch diejenige, die den Rest der Mädchen dazu gebracht hat zum Platz zu gehen."
Aber Sora zuckte die Schultern. "Wahrscheinlich wollte sie es sich nicht mit dir verscherzen."
Er sah Riku forschend an. "Du merkst das nicht, oder? Sie klebt auch in der Schule ständig an dir."
Aber Riku konnte sich nicht wirklich an so etwas erinnern, ja, sie sprach hin und wieder mit ihm, aber mehr war da auch nicht.
"Ich denke nicht, aber wenn schon, dann ist es mir sowieso egal."
Es war gerade nicht das Thema über das er mit Sora sprechen wollte. Er wollte gar nichts in dieser Richtung mit Sora besprechen. Weder über eigene, noch über die Gefühle anderer. Und zu seinem Glück schien auch Sora das Thema nicht vertiefen zu wollen.
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Re: Wahrscheinlichkeit 100%

Beitragvon Sammy-chan » 21. Jun 2016, 15:56

Riku hatte keine Ahnung, wie er diesen Tag überstehen sollte... oder die Nacht oder den nächsten Tag.
Die Liste beinhaltete noch drei weitere Punkte: eine Nachtwanderung, Zelten und schwimmen im See.
Sora hatte tatsächlich einen See aufgetan, gar nicht mal so furchtbar weit entfernt. Aber wenn man normalerweise das Meer direkt vor der Tür hatte, dann dachte man nicht so viel darüber nach, wo der nächste See lag, in dem man schwimmen konnte.
Und jetzt waren sie hier, irgendwo im nirgendwo und Riku sah auf den See hinaus, der sogar einen kleinen Steg hatte, der auf das Wasser hinausführte.
Sie waren vor einer guten halben Stunde angekommen mit Sack und Pack und hatten begonnen das Zelt auszupacken. Er mochte nicht daran denken, dass er mit Sora eine komplette Nacht in dem kleinen Zelt verbringen musste.
Aber mittlerweile war er auf dem Standpunkt, dass er alles nur so schnell wie möglich hinter sich bringen sollte und alles, was sich ungewollterweise in seinem Inneren regte, das würde er ignorieren.
"Warum sind wir nicht einfach im Meer schwimmen gegangen?", fragte er so beiläufig wie möglich. Das hatten sie schon sooft getan. Sora steckte gerade die Rohre für das Zelt zusammen.
"Auf der Liste stand, dass man im See schwimmen soll. Ich finde das ist was anderes."
Ja, das war etwas anderes. Der See war umringt von Bäumen, lag vollkommen idyllisch und ruhig vor ihnen und sie waren allein in dieser Idylle. In dieser Idylle, die für Rikus Geschmack viel zu romantisch war, mal wieder.
Er konzentrierte sich darauf das Zelt aufzubauen. Aber es dauerte nicht lang und dann stand es vor ihnen, immer noch viel zu klein und half auf diese Weise kaum noch dabei Riku von dem Gedanken abzulenken, dass er mit Sora die Nacht darin verbringen würde.
Es war bereits später Nachmittag. Das Schwimmen hatte Sora wohl für den nächsten Tag geplant.
Sie erkundeten ein bisschen die Umgebung und machten sich etwas zu Essen, das sie sich mitgebracht hatten. Ein wenig entspannte sich Riku im Laufe der Stunden. Er war gerne mit Sora zusammen, natürlich war er das, er hatte sich ja anscheinend in ihn verknallt und er verdrängte die Tatsache, dass er seine seltsamen Gefühle wohl kaum einfach ignorieren würde können, wenn sie Nachts gemeinsam in einem Zelt schlafen würden. Aber jetzt, da konnte er sie noch ignorieren, also war das seine Taktik, um Sora und ihm selbst den Tag so schön zu bereiten, wie es ging.
Und es funktionierte. Sie lachten gemeinsam und es war so locker wie schon lange nicht mehr. Und ein bisschen konnte Riku tatsächlich vergessen, dass er Gefühle für Sora hegte, die er nicht hätte haben sollen und die ihre Freundschaft auf eine harte Probe stellen würde.
Aber der Tag neigte sich unerbittlich dem Ende zu und die Sonne verschwand irgendwann hinter dem Horizont. Natürlich nicht ohne den Himmel in einem romantischen rötlich-orangenen Sonnenuntergang zu färben.
Zumindest aber lag noch eine Nachtwanderung vor ihnen, die Riku noch ein wenig vor seinem Schicksal rettete, das ihm in Form des kleinen Zeltes drohte. Und als die Sonne komplett hinter dem Horizont verschwunden war, bewaffneten sie sich mit einer Taschenlampe und machten sich auf den Weg. Sie hatten kein wirkliches Ziel vor Augen, aber Sora hatte vorgeschlagen, dass sie den See umrunden könnten.
Es war nicht still, man konnte sie hören, die Natur, die Tiere, das Wasser. Und so redeten sie eine Weile nicht, aber das Schweigen war nicht unangenehm und das war gut. Sie mussten schon ein Stück gegangen sein, als Sora ihr Schweigen durchbrach.
„Sieh mal, es ist sternenklar.“
Er deutete zum Himmel und Riku folgte der Geste mit dem Blick. Über ihnen funkelten tatsächlich die Sterne, natürlich taten sie das.
„Riku?“
„Mmhm?“
„Ist alles gut zwischen uns?“
Riku stockte in der Bewegung. Er wusste, dass Sora es bemerkt hatte, etwas bemerkt hatte. Riku hatte sich anders verhalten, das wusste er selbst. Aber er hatte Sora dazu gebracht sich zu sorgen, das hatte er nicht gewollt.
„Ja, es ist alles gut zwischen uns.“
„Mmh.“
Riku warf Sora einen Seitenblick zu. War das alles? Würde er nicht fragen, was los gewesen war? Riku wusste nicht, was er dann sagen sollte. Oder wusste Sora es? Es war nicht so schwer zu erraten.
„Der große Wagen.“
Verwirrt blickte Riku auf. Sora deutete zum Himmel.
„Das ist das einzige Sternbild, was ich kenne.“
Sora benahm sich merkwürdig und Riku wusste nicht, was er damit anfangen sollte.
„Ich auch. Ich interessiere mich nicht so dafür.“
„Aber sie sind hübsch und mein Horoskop hatte recht. Vielleicht ist doch etwas dran.“
Riku runzelte die Stirn, er hatte Schwierigkeiten Sora zu folgen. Horoskop? Meinte er das aus dieser Zeitschrift? Er versuchte sich zu erinnern. Sora würde sich diesen Sommer zu jemanden hingezogen fühlen? Zu Kairi. Riku versuchte den eifersüchtigen Stich zu ignorieren.
Warum brachte Sora das Gespräch auf dieses Thema? Er hatte es bemerkt. Wahrscheinlich hatte er bemerkt, dass Riku Gefühle für ihn hatte und er hatte ihm gesagt, dass er jemanden anderes mochte, Kairi. Das hatte Riku gewusst, er wusste, dass er sich keine Hoffnungen machen brauchte. Er konnte aber nichts daran ändern, dass es schmerzte. Es war aber wohl schmerzhaft einen Korb zu bekommen.
Aber er war dankbar dafür, dass Sora es ihm nochmal sagte, weil er so diesen Gedanken erfolgreich unterdrücken könnte, dieser Gedanke, der ihn fragte, wie es wäre, wenn er es einfach versuchen würde.
Sie sprachen auch den restlichen Weg nicht mehr viel. Riku fühlte sich müde und erschöpft, nicht körperlich, sondern geistig. Er war auf gewisse Weise froh, als er unter seinen Schlafsack schlüpfen konnte, auch wenn der sich in dem kleinen Zelt befand . Aber schlafen konnte er dennoch nicht. Keiner von ihnen konnte es, so schien es. Er hörte, wie sich Sora herumwälzte. Und selbst fand er auch keine Ruhe.
Er ließ seinen Blick durch das Zelt wandern, dort lag sie, dieses Zeitschrift. Sora hatte sie noch, hatte sie sogar mitgebracht. Warum hatte er sie? Gehörte sie nicht Selphie?
Riku angelte danach und blätterte darin herum bis er zu den Horoskopen gelangte, er hatte die kleine Taschenlampe angeschaltet. Sora lag jetzt ruhig. War er doch eingeschlafen?
Er las das Horoskop erneut, das von Sora.
Aber Vorsicht ist geboten, du fühlst dich besonders zu den konträren Erdzeichen ( Jungfrau, Stier und Steinbock) hingezogen.
Er dachte nach, wann hatte Kairi Geburtstag? Im März, wenn er sich recht erinnerte. Anfang März. Er sah die Daten nach. Fische, sie musste Fische sein. Keines der Zeichen, die im Horoskop genannt wurden.
„Was machst du da, Riku?“ Sora hatte sich aufgesetzt und sah zu ihm rüber.
„Sorry, hab ich dich geweckt?“
Aber er schüttelte den Kopf.
„Ich konnte nicht schlafen“, sagte Riku wahrheitsgemäß. „Kairi ist kein Stier, keine Jungfrau und auch kein… Steinbock.“
Er wusste gar nicht genau, warum er es sagte, wahrscheinlich hatte sich Sora nur vertan. „Mmh?“, sagte der jetzt verständnislos.
„Das Horoskop, Kairi ist keines der Sternzeichen.“
„Kairi?“ Und dann weiteten sich Soras Augen, als er verstand. „Du dachtest es ginge um Kairi…?“
Riku runzelte die Stirn, darüber hatten sie doch die ganze Zeit geredet.
„Es ist nicht Kairi!“ Sora kam jetzt zu ihm rüber nahm ihm die Zeitschrift aus der Hand und deutete darauf, wie um ihm zu zeigen, was er meinte. Leider hatte Riku keine Ahnung auf was er genau deutete, weil er selbst überhaupt nicht hinguckte, worauf er deutete.
„Es ist jemand, der Steinbock ist, und ich kenne nur eine einzige Person, die Steinbock ist.“
Riku kannte auch nur eine Person, die Steinbock war. Aber denjenigen konnte Sora nicht meinen. Oder konnte er es doch? Er selbst war Steinbock. Es machte keinen Sinn, Sora konnte unmöglich ihn meinen. Er war nicht gut für Sora.
„Oh…“
„Ich dachte das wäre dir klar!“ Sora stieß die Luft aus, fast schon resigniert. „Ich meine was hätte ich denn sonst noch machen sollen? Wir machen doch schon die ganze Zeit romantisches Zeug.“
Er zögerte jetzt. „Ich dachte das wäre der Grund, warum du mich in letzter Zeit gemieden hast.“
Riku schluckte, er hatte ihn nicht gemieden… oder vielleicht doch? Er ließ sich nach hinten auf seine Luftmatratze sinken. So langsam sickerte gerade die Erkenntnis zu ihm durch, was das alles hier bedeutete. Es war als liefen seine Gedanken zäher, wie normal. Sora hatte ihn gemeint, er hatte ihm gerade gestanden, dass er Gefühle für ihn hatte, oder nicht? So wie Riku Gefühle für ihn hatte. Er starrte an das Zeltdach. Es sollte gut sein, oder? Er sollte sich freuen.
„Riku?“
Er gab nur einen Ton als Antwort, irgendwas Undefinierbares, was Sora deuten konnte, wie er wollte. Dann spürte er etwas an seinem Gesicht. Es waren Soras Fingerspitzen, sie strichen sacht über seine Wange. Riku schloss die Augen.
„Warum hast du mich dann gemieden?“
Er schüttelte den Kopf. Was sollte er sagen? Er konnte es nicht, nicht wirklich.
"Ich... Du hast etwas Besseres verdient."
Sora hielt inne in seiner Bewegung, dann löste er die Berührung und Riku vermisste sie im selben Moment. Sora wusste es selbst, oder? Und wenn nicht, dann würde er es irgendwann erkennen, dessen war Riku sich sicher.
Doch dann hörte er, dass Sora sich bewegte, er öffnete die Augen und im selben Moment spürte er ein Gewicht auf seiner Körpermitte.
Erschrocken sah er auf und sah Sora, der sich auf ihn gesetzt hatte, beide Beine rechts und links von Rikus Hüfte.
"Was...?"
Riku wollte sich aufrichten, aber Sora ließ weder das zu, noch, dass er ausredete. Er legte eine Hand auf Rikus Brust und drückte ihn wieder hinab.
"Immer noch, Riku? Immer noch mit den Selbstzweifeln?"
Seine Stimme klang resigniert. Rikus Herz schlug viel zu schnell, viel zu unstet. Sora über ihm, er beugte sich jetzt zu Riku herunter und sah ihm in die Augen. Riku wollte wegschauen, er hatte das Gefühl, dass Soras Blau seiner Augen ihn einfach verschlingen würde. Aber er konnte nicht.
"Warum denkst du sowas? Warum denkst du, du seist schlechter als andere? Wegen der Dunkelheit? Du hast deine Schuld längst verbüßt. Du bist so gut wie immun, du bist Schlüsselschwertmeister, das könntest du gar nicht sein, wenn noch ein Funke Dunkelheit in dir wäre."
Sora klang beinahe wütend und Riku brach jetzt doch den Blickkontakt, wandte den Kopf zur Seite und schloss die Augen.
"Sora..."
Aber der gab nur ein verärgertes Schnauben von sich.
"Was willst du denn als Bestätigung? Menschen machen Fehler, keiner ist perfekt und es ist so lange her, du hast dich verändert."
"Aber das stimmt nicht", sagte er aus einem Impuls. Aber es war so, er hatte sich nicht verändert, nicht wirklich.
"Ich war voller Neid. Als Kairi zu uns gekommen ist, als du versucht hast, sie zu beeindrucken. Ich war schon neidisch, wenn du sie nur angeguckt hast und nicht mich."
Er machte eine Pause, holte Luft. „Deshalb hat die Dunkelheit mich gewählt", fügte er leiser hinzu. "Und es hat sich nichts geändert. Jetzt bin ich eifersüchtig. Wenn du mit Kairi zusammen bist und mit ihr lachst. Weil ich will, dass du bei mir bist. Was also soll sich groß verändert haben?"
Rikus Hände gruben sich in das Material der Luftmatratze, er fühlte sich auf gewisse Weise bloßgestellt und gleichzeitig war es wie eine Erleichterung, es ausgesprochen zu haben.
"Eifersucht ist nicht schlecht, es zeigt nur, was dir an mir liegt", sagte Sora. Hatte er verstanden, was er ihm hatte sagen wollen? Nicht wirklich, oder? Aber er ließ Riku keine Zeit zu antworten.
"Ich bin auch eifersüchtig. Auf die Mädchen aus deiner Klasse, die sich um dich scharen und dich versuchen einzunehmen. Warum denkst du, bin ich in jeder Pause so schnell wie möglich bei dir? Ich will nicht, dass du irgendwann doch nochmal auf eines der Mädchen aufmerksam wirst, die auf dich stehen."
Was redete er denn jetzt da? "Sie stehen nicht auf mich."
Sora lachte. "Und wie sie das tun? Gestern beim Straßenfest? Diese Selina fährt total auf dich ab. Und bei dieser Mayline bin ich mir auch nicht sicher."
Riku schüttelte den Kopf.
"Hast du eigentlich mal in den Spiegel gesehen, Riku? Deine Haare und deine Augen und deine Arme, ich hab keine Ahnung, wie du das gemacht hast mit den Muskeln. Und dann trägst du immer diese ärmellosen Shirts. Es ist kein Wunder, dass sie auf dich stehen."
Riku hatte den Blick gehoben und konnte Sora nur anstarren, dem anscheinend erst jetzt bewusst wurde, was er gesagt hatte. Denn er senkte beschämt den Kopf.
"Was redest du denn da?"
"Es stimmt doch", meinte er aber und klang dabei fast ein bisschen trotzig.
Und dann saßen sie da und keiner von ihnen sagte etwas. Riku wusste nicht, was er sagen sollte, er wusste nicht mal, was er fühlen oder denken sollte. Es war als hätten ihn Soras Worte einfach unter sich begraben und es war zu gut, um wahr zu sein. Die Tatsache, dass er eifersüchtig war, dass er Riku so sehr wollte. Auch wenn Riku sicher war, dass er das alles nicht verdiente.
Irgendwann sah Sora auf, suchte mit seinen Augen die von Riku, immer noch vor Verlegenheit gerötet und dann wanderte sein Blick hinab, zu Rikus Lippen, verharrte dort. Rikus Puls schoss erneut in die Höhe, noch höher, als er ohnehin schon war.
"Darf ich dich küssen, Riku?"
Er war sich sicher, dass ihm die Stimme den Dienst quittieren würde, deshalb nickte er einfach nur und auf Soras Miene legte sich ein Lächeln. Er beugte sich hinab und einen kleinen Moment verharrte er, als ihre Lippen nur noch ein paar Millimeter voneinander getrennt waren.
Riku konnte seinen Atem spüren, der über seine Haut strich und sein Körper vibrierte vor Spannung. Dieses hier wäre ihr erster richtiger Kuss, keine Übung diesmal. Seine Augen fielen zu und er erwartete den Moment, wenn Sora die letzten Millimeter überbrückte, mit der stetigen Sorge, dass er es sich doch anders überlegen würde.
Aber als er es tat, als sich ihre Lippen endlich berührten, da war es soviel mehr, als Riku gedacht hatte, soviel besser. Ihr Kuss war zunächst unschuldig. Ein einfaches zusammenpressen der Lippen. Aber dann wurde es mehr. Sora legte den Kopf schräg und öffnete die Lippen einen Spalt, eine Einladung, der Riku ohne Widerstand folge leistete.
Der Geschmack war so neu und gleichzeitig so vertraut. So sehr Sora und Riku hatte von einem Moment auf den nächsten das Gefühl süchtig zu sein, süchtig nach dem Geschmack, den Gefühl von Soras Lippen, süchtig nach seinem Atem.
Er bemerkte, dass er irgendwann die Hände auf Sora gelegt hatte, eine in seinem Nacken, eine an seiner Taille, um ihn festzuhalten und noch näher zu ziehen. Sie lösten sich kurzzeitig, nur um sich erneut in den nächsten Kuss zu verwickeln und Riku wurde Soras Gewicht auf seiner Körpermitte immer deutlicher bewusst, seine Wärme, sein Körper. Jede Berührung schoss direkt in seine Lendenregion.
Fast ein bisschen erschrocken zog er sich bei ihrer nächsten kleinen Pause etwas zurück. Sora war fast ein bisschen außer Atem, seine Lippen gerötet und die Lider seiner Augen halb geschlossen. Der Anblick stellte Sachen mit Riku an, die nicht normal sein konnten.
"Wir...wir sollten vielleicht schlafen gehen."
Es schien, als würde Sora erst gar nicht reagieren, aber dann nickte er langsam. "Okay."
Riku atmete erleichtert aus, als Sora von ihm herunterkrabbelte. Es hätte nicht mehr lang gedauert und er hätte mit einem Ständer dagelegen, den er kaum hätte verbergen können.
Sora kroch derweil auf die andere Seite des Zeltes, wo seine Matratze lag, aber anstatt sich darauf zu legen, nahm er sie hoch. Riku beobachtete ihn skeptisch dabei, wie er sie hochkantete und um die Mittelstange des Zeltes herummanövrierte.
"Was wird das?", fragte er, obwohl es ihm tatsächlich langsam dämmerte, was Sora da veranstaltete.
"Das war mir zu weit weg", antwortete der nur und war erst zufrieden, als er seine Matratze zwischen die von Riku und der Zeltstange gequetscht hatte, dann holte er auch sein Schlafsack rüber.
"Viel besser", meinte er zufreiden, als er es sich gemütlich machte. Dann sah er Riku fragend an, der noch immer aufrecht saß und Sora anstarrte.
"Alles klar?"
Er nickte und legte sich etwas steif auf seine Matratze, er konnte Sora hören, seine Atmung. Und dann sorgte Sora dafür, dass er ihn nicht mehr nur hören konnte. Er kroch noch ein bisschen näher zu Riku, dem der Atem stockte, als Sora seinen Kopf auf Rikus Brust ablegte und sich an ihn schmiegte, einen Arm um Rikus Taille gelegt.
Einen Moment lag Riku einfach nur da und fragte sich erneut, wie er diese Nacht in diesem Zelt überstehen sollte, auch wenn der Grund sich ein wenig verschoben hatte zu dem, den er noch bei ihrer Ankunft gehabt hatte.
Sora seufzte zufrieden. "Das ist viel, viel besser."
Und seine Wärme durchströmte Riku, der sich einen kleinen Ruck gab und den Arm um Sora legte.
Es fühlte sich gar nicht schlecht an. Wenn er ehrlich war, fühlte es sich gut an, sehr gut. Als wenn es richtig so wäre. Und Riku spürte, wie er sich entspannte. Viel schneller, als er es für möglich gehalten hatte, spürte er wie die Wellen des Schlafes über ihn hinwegspülten.
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Re: Wahrscheinlichkeit 100%

Beitragvon Sammy-chan » 28. Jun 2016, 13:42

Als er aufwachte, wusste Riku nicht, wo er sich befand. Was er aber nur allzu deutlich wahrnahm war das warme Gewicht, was sich auf seinem Brustkorb befand. Er blinzelte und als er Soras Haarschopf erkannte, fiel ihm schlagartig wieder ein, was vorgefallen war. Sie hatten sich geküsst und Sora... er hatte gesagt, dass er Riku mochte. Hatte er doch, oder? So wirklich konnte Riku das noch nicht glauben, aber warum sollte Sora sonst hier halb auf ihm liegen, so dicht an ihn gepresst, dass es heiß durch Rikus Körper brandete.
Trotz allem schien Rikus Verstand nicht daran glauben zu wollen. Er hob die Hand und strich durch Soras Haare. Vielleicht war es dieser Ort, es war alles so surreal. Sie waren hier allein, sie hatten sich geküsst. Vielleicht war alles wie immer, wenn sie wieder heimkehrten und Sora war in Kairi verliebt. Er fühlte den Schmerz und er wusste, dass es noch immer so war, wie immer. Dass er im Grunde nicht gut genug war, weil er lieber hier bleiben wollte, wenn es bedeutete, dass er Sora dann für sich hätte. Hier, wo alles in Ordnung war und es nicht zählte, dass er nicht richtig war, nicht genug.
Sora regte sich jetzt. Blinzelte zu Riku hoch und strahlte, aber dann fiel sein Lächeln ein Stück weit in sich zusammen.
„Hey, du denkst schon wieder nach, Riku.“
„Denken würde dir auch mal ganz gut stehen“, konterte er und überging die Tatsache, dass Sora ihn mit einem Blick lesen konnte. Der schmollte kurz und gab Riku einen kleinen Hieb in die Seite.
Dann gähnte er.
„Wollen wir frühstücken?“
Riku nickte.
Es hatte eine seltsame Normalität, wie sie zusammen saßen und aßen. Sora erzählte etwas, er strahlte. Er war Sora, wie immer. Strahlte er vielleicht noch etwas mehr als normal? Sah er Riku etwas glücklicher an? Oder bildete sich Riku das nur ein, weil er es wollte. Und weil er daran dachte, wie sie sich geküsst hatten. Wie gut es sich angefühlt hatte. Beinahe zu gut, um wahr zu sein.
Der letzte Punkt auf der Liste sollte erfüllt werden. Der See lag glitzernd vor ihnen. Plötzlich bedauerte es Riku fast, dass sie bereits alles von der Liste abgehakt hatten.
Sora war der erste, der ins Wasser sprang und prustend wieder auftauchte. Riku schluckte, er ließ sich ins Wasser gleiten. Das Wasser war angenehm kühl auf seiner Haut.
Sora war mit ein paar Zügen bei ihm.
„Riku, wir müssen irgendwann gemeinsam nach Atlantica.“
Riku nickte, Sora hatte ihm von den Welten erzählt. Er selbst hatte nur einen Bruchteil davon selbst gesehen. Sora hatte ihm erzählt, wie es gewesen war durch das Wasser zu gleiten, wie ein Fisch. In solchen Momenten überkam ihn beinahe wieder das altbekannte Fernweh. Vielleicht würden sie die Welten tatsächlich mal besuchen, ohne gegen Herzlose kämpfen zu müssen.
Sie waren jetzt ein Stück vom Steg entfernt, als sich plötzlich Soras Arme von hinten um Riku legten. Er klammerte sich an ihm fest. Presste ihre Körper zusammen, Riku fühlte Soras Hitze auf seiner Haut an seinem Rücken. Er musste sich plötzlich sehr darauf konzentrieren seine Arme und Beine koordiniert zu bewegen, so dass sie nicht einfach unter gehen würden. Er rettete sich in Richtung Ufer bis er kiesigen Untergrund unter den Füßen spürte.
Sora hielt sich noch immer an ihm fest, Riku fühlte warmen Atem an seinem Nacken.
„Riku“, sagte er und seine Lippen streiften Rikus Haut dabei und schickten einen Schauder durch seinen Körper.
Sora ließ ihn jetzt los und Riku drehte sich um.
„Ja?“
„Darf ich dich küssen?“
Riku nickte. „Du darfst mich küssen, wann immer du willst. Du musst nicht fragen, Sora.“
Und er wunderte sich, warum Sora glaubte, dass er erst fragen müsste, wenn er Riku küssen wollte. Riku wollte es doch auch, war es ihm nicht klar?
Nein, vielleicht war es ihm tatsächlich nicht klar. Hatte Riku es ihm gesagt? Dass er so viel für Sora empfand? So furchtbar viel, dass es manchmal weh tat?
Nein, hatte er nicht. Sora konnte es nicht wissen. Er sollte es ihm sagen, aber er wusste nicht wie. Wie sagte man solche Dinge? Sagte man: Ich mag dich? Das schien Riku bei weiten nicht auszureichen. Und alles weitere? Mehr? Das würde er nicht über die Lippen bringen. Konnte er nicht. Aber er konnte es Sora anders deutlich machen. Würde er verstehen?
Riku ging einen Schritt auf ihn zu, legte einen Arm um Soras Taille und beugte sich hinab. Sora lächelte ihn an. Er war wie die Sonne. Er wärmte Riku. Riku brauchte ihn, er war die Energiequelle, die ihn antrieb.
Riku überwand das letzte Stück, das ihre Lippen voneinander trennte. Er versuchte all seine Gefühle in den Kuss zu legen. Ein Kuss, der alles bedeutete.
Soras Lippen waren so warm und einladend und Riku ließ sich sinken. Er spürte Soras Hände, die sich auf seinen Rücken legten, über seine feuchte Haut wanderten und Schauder durch seinen Körper jagten.
Wie konnten Berührungen so intensiv sein, so elektrisierend? Es war, als würde sich Rikus Verstand mit jeder weiteren Berührung von Sora mehr verabschieden, mit jeder Berührung ihrer Lippen dahinschmelzen. Sora, der sich näher zu Riku lehnte, ihre Körper näher zusammenbrachte. Sie berührten sich an der Brust und Riku wurde schlagartig bewusst, dass sie nichts trugen außer einer mickrigen Badehose. Einer Badehose, die nicht verbergen konnte, dass Rikus Körper reagierte. Er spürte Scham in heißen Wellen durch seinen Körper fließen, löste sich ein Stück von Sora, um ihn anzusehen. Sora öffnete die Augen, die er bis dahin geschlossen hatte. Seine Lippen waren rot, seine Wangen ebenfalls, er atmete stoßweise und Erregung zog Riku in die Lenden.
Er wollte zurückweichen, es war zu viel. Er wusste nicht… wie lange würde er die Kontrolle behalten? Aber Soras Hand legte sich in seinen Nacken, er strich mit den Fingern über die Haut, sacht und doch so, dass Riku nicht mehr fort konnte. Es nicht mehr wollte.
„Es ist okay, Riku.“
Er zog ihn wieder hinab, um ihn erneut zu küssen und Riku warf seine Bedenken über Bord, schloss die Augen und küsste Sora erneut, tief und innig. Dieser presste sich nun noch mehr an Riku und er konnte spüren, dass er nicht der einzige war, dessen Körper reagierte. Sora war hart und allein der Gedanke, dass er der Grund dafür war, ließ heiße Erregung in ihm zusammenballen.
Seine Arme hatten sich längst um Sora gelegt und automatisch glitten sie seinen Rücken hinab. Riku wollte ihn spüren, mehr als das, wollte jeden Zentimeter Haut berühren. Riku erreichte den Bund von Soras Badehose, ließ fragend die Finger darunter wandern, nur ein paar Zentimeter. Sora löste den Kuss und Riku hatte Angst, dass er es diesmal wäre, der zurückweichen würde, aber das tat er nicht.
„Riku...“ Seine Stimme war anders, fast als wäre er betrunken, rau klang er und Rikus Name war beinahe im Hauch des Atems untergegangen.
Es klang nicht, als wolle er aufhören. Soras Hände legten sich jetzt auf Rikus Brust. Er sah auf und das Blau seiner Augen war dunkler, als Riku es je zuvor gesehen hatte. Er schluckte hart und kämpfte gegen den Drang an Sora zu packen und… was wollte er tun? Stotternd holte er Luft. Soras Hände wanderten über seine Brust, über seine Nippel. Riku konnte ein kleines Stöhnen gerade noch unterdrücken. Er nahm Soras Berührungen so überdeutlich war, so intensiv, als wäre seine Haut übersensibel und Soras Hände wanderten tiefer, verschwanden unter die Oberfläche des Wassers, über seinen Bauch, wo sich automatisch seine Muskeln anspannten.
Und dann strich Sora mit seiner Hand über Rikus ausgebeulte Badehose. Diesmal konnte er ein Stöhnen nicht unterdrücken, Soras Name fiel in einem langen Seufzen über seine Lippen. Soras Mundwinkel zogen sich zu einem kleinen Grinsen nach oben, während Riku sich an ihm festhalten musste.
Was taten sie hier? Sollte es nicht zu viel sein? Aber Soras Hand begann stetig seine Erektion hinauf- und hinabzustreichen. Und Riku konnte nicht anders, sein Körper bewegte sich Soras Hand entgegen.
„Sora...“
Seine Stimme war beinahe flehentlich und er schämte sich dafür.
Und dann hörte Sora auf ihn durch die Badehose zu massieren. Beinahe frustriert öffnete Riku die Augen, die ihm irgendwann zugefallen war.
„Was?“ Er holte stockend Luft. Beschämt stellte er fest, dass er Sora die ganze Arbeit machen ließ.
Er beugte sich hinab und küsste Sora beinahe ein bisschen entschuldigend und fuhr damit fort, womit er vor einiger Zeit aufgehörte. Er liebkoste Soras Lippen und gleichzeitig fuhr er mit den Fingern erneut unter seinen Hosenbund, tastete sich unter dem leise plätscherndem Wasser die Haut entlang. Zuerst über Soras Po, dann über seine Hüften, bis er Soras Schritt erreichte und seine Hose ein Stück hinabschob. Sora stöhnte rau auf, als Riku seine Erektion berührte. Er konnte Soras Finger spüren, die leicht zitterten, aber trotzdem ebenfalls in Rikus Badehose wanderten.
Und es war besser, so viel besser, wie noch einen Moment zuvor, als Sora ihn nur durch den Stoff der Hose massiert hatte. Er konnte seine warmen Finger spüren, die über ihn strichen, die Art, wie sie leichten Druck ausübten, während sie seine Länge entlangfuhren. Und Soras Daumen, der über Rikus Spitze fuhr, über die Einkerbung dort.
Und Riku wollte es für immer in Erinnerung behalten, das Gefühl von Soras Hand und das Gefühl von Soras Erektion in seiner eigenen Hand, wie es ihn anmachte, dass Sora hart in seinen Fingern lag, wie er sich gegen ihn drängte. Wie es seine Bewegungen fahriger werden ließ, die Riku massierten, weil heiße Erregung sie zu verschlucken drohte.
Riku stöhnte auf und ihr Stöhnen vermengte sich zwischen den Küssen, während sie sich gegenseitig einen runterholten.
Es war zu viel. Riku wusste, dass er nicht lange standhalten würde. Sein Körper spannte sich an und die Erregung in seinem Unterleib explodierte, brandete durch seinen Körper, während seine Hand Sora fester packte, der laut aufstöhnte und ebenfalls mit bebendem Körper kam.
Keuchend standen sie einander gegenüber, das Wasser spülte alle Beweise dessen, was gerade vorgefallen war, weg.
Riku fragte sich, ob er träumte. Hatten sie das wirklich getan?
Sora lächelte ihn an, er stellte sich auf die Zehenspitzen, um Riku küssen zu können. Es war ein anderer Kuss, als die zuvor. Langsam und zärtlich. So süß, dass Riku daran glauben musste, dass er echt war.
„100 Prozent“, sagte Sora.
„Was?“ Riku blickte verwirrt hinab.
„Die Wahrscheinlichkeit, dass ich in meinen besten Freund verliebt bin. 100 Prozent.“
Rikus Gedanken gingen zähflüssig. Wollten ihm die Bedeutung von Soras Worten nicht offenbaren. Wovon sprach er? Sprach er von ihm?
Sora lachte.
„Der Test, ich denke wir können die Wahrscheinlichkeit hochsetzen, nicht 82%, es sind wohl 100%“
Und dann erinnerte er sich, wie sie unter dem Baum gesessen hatten. Wie Sora den Test hatte machen wollen. Wie Riku nicht zugehört hatte, weil er dachte es ginge um Kairi. Er hätte Sora nur zuhören müssen. Er hätte ihm die ganze Zeit nur zuhören müssen.
„Es ging um mich?“ Noch immer hörte er sein eigenes Erstaunen aus seiner Stimme.
„Natürlich ging es um dich. Für mich geht es immer um dich, Riku.“
Und Rikus Herz schmerzte auf eine gute Art und Weise.
„Für mich geht es auch immer um dich.“


~Ende~
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