Titel: Die Initialen R.A. - Teil 2
Pairing: René Adler/Rico Adler
Beta: Ria
Warnings: slash, Inzest (tut mir Leid an alle, die den ersten Teil mochten und da keinen Inzest drin gesehen haben, dieser Teil ist etwas konkreter)
Disclaimer: Alle gehören sich selbst und nicht mir, das alles hat nicht stattgefunden und ist reine Fiktion meinerseits. Ich verdien damit auch kein Geld (immer noch nicht)
Anmerkung: Sieht so aus, als würde René gern in der Bildzeitung über Ric reden, hat er nämlich wieder getan und deshalb hat der erste Teil jetzt eine kleine Fortsetzung bekommen.
Der Artikel der Inspiration:
http://www.bild.de/BILD/sport/fussball/ ... ipzig.htmlUnd die daraus wichtige Aussage:
„Mein Bruder zieht am 15. August zu mir nach Köln, um an der Cologne Business School zu studieren.“
René zappte durch die Programme, ohne wirklich etwas wahrzunehmen. Er war viel mehr bei dem anstehenden Spiel am nächsten Tag. Ein wichtiges Spiel, jedes Spiel war wichtig und doch waren manche wichtiger als andere und so eines war dies. Auch wenn er das Gefühl liebte, dieses Prickeln, wenn man zwischen den Pfosten stand, je wichtiger, desto mehr. Aber den Abend davor, den mochte er nicht, wenn man dazu verdammt war zu warten. Er hatte sich mittlerweile daran gewöhnt, natürlich, schließlich musste er das, solange Saison war, mindestens jede Woche einen Abend mitmachen. Aber die unterschwellige innere Unruhe blieb.
Er hörte ein Geräusch aus dem Flur und stellte die Lautstärke des Fernsehers herunter.
„Ric?“
Keine Antwort, wahrscheinlich hatte er sich verhört. Er musste sich noch daran gewöhnen, dass er jetzt in einer WG wohnte, dass er wieder mit seinem Bruder zusammen lebte.
Und genau dieser Bruder schob gerade seinen Kopf ins Zimmer. „Ja?“
„Mensch, ich dachte, ich würd’ schon an Halluzinationen leiden.“ René ignorierte das angenehme Gefühl, was er immer hatte, wenn Rico in seiner Nähe war, auch die innere Unruhe, die ihn daran hinderte sich auf irgendetwas konzentrieren zu können, rückte in den Hintergrund.
„Solltest du nicht gerade auf einer Geburtstagsparty sein und viele nette, hübsche Mädchen kennen lernen?“
Rico betrat das Zimmer, in den Händen zwei flache, rechteckige Kartons, die verdächtig nach Pizza aussahen.
„Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, dass mein großer Bruder einsam und allein zu Hause durch die Kanäle zappt.“ Er hob die Kartons demonstrativ in die Höhe. „Ich hab auch Proviant mitgebracht.“
„Und ich hab schon gegessen.“
Rico verdrehte die Augen, so wie es eben nur ein kleiner Bruder konnte, obwohl er, wenn René etwas genauer darüber nachdachte, mittlerweile definitiv nicht mehr danach aussah. Er war mindestens genauso groß wie er selbst und ließ sich die Haare kurz schneiden, wodurch er bedeutend erwachsener wirkte, was er geistig allerdings überhaupt nicht war.
„Jaaa, deinen Gesundheitsfraß.“ Er stellte die Kartons auf den Tisch ab. „Ehrlich, ich frag mich, wie du so aussehen kannst, wenn du nur so’n Kaninchenfutter isst.“
René grinste. „Ich muss mich halt an den Ernährungsplan halten und morgen…“
„…hast du ein wichtiges Spiel, ich weiß. Und es wurde wirklich Zeit, dass ich zu dir ziehe, sonst wärst du noch spießiger geworden, als ohnehin schon.“ Er ließ sich aufs Sofa fallen und schob René einen der Kartons rüber. „Ist auch eine mit ganz viel Grünzeug und so.“
„Was sollte ich bloß ohne dich machen?“ René wuschelte ihm durch die braunen Haare.
„Mensch, das kannst du dir echt nicht abgewöhnen, oder?“ beschwerte Rico sich und zupfte die Haare zurecht, die René gerade so enthusiastisch in Unordnung gebracht hatte. Gedankenverloren sah René ihm dabei zu. Erst jetzt hatte er wirklich das Gefühl, zu Hause zu sein. Er war schon so viele Jahre hier, spielte bei Leverkusen und wohnte in Köln. Doch erst jetzt fühlte es sich an, als sei er angekommen, als würde er hier hergehören, seit Rico ebenfalls hier war.
„Ich hab nen Film mitgebracht.“ Irgendwo holte Rico eine Hülle hervor, die den Schriftzug einer Videothek trug und holte René damit aus seinen Gedanken.
„Micha hatte die noch bei sich zu Haus. Twilight, kennst du den?“
René schüttelte den Kopf. „Nie gehört, mach halt rein.“
„Irgendetwas mit Vampiren haben sie gesagt, wahrscheinlich irgend so ein Horrorstreifen.“
Eine halbe Stunde später war sich René ziemlich sicher, dass es sich um keinen Horrorstreifen handelte.
„Du weißt, dass die dich hochgradig verarscht haben?“, fragte er während Edward in einer etwas unnatürlichen, aber dafür umso eleganteren Art einen Apfel auffing.
Rico seufzte. „Ich dachte, du bemerkst es vielleicht nicht.“
René lachte auf. „Du meinst, ich merk nicht, wenn du mir so ziemlich einen der kitschigsten Teenieliebesschnulzen vorsetzt, den ich je gesehen hab? Da hat man keine Freundin mit der man sich so etwas antun muss, dann kommt der kleine Bruder damit um die Ecke.“ Er senkte seine Stimme und schlug einen verständnisvollen großer-Bruder-Ton an, von dem er wusste, dass Rico ihn hasste. „Ehrlich Ric, du hättest es doch einfach zugeben können, dass dir solche Chick Flicks gefallen, es gibt so viele, die wir noch gucken können, Dirty Dancing, Pretty Woman, Titanic“, stocherte René und hatte gleichzeitig sein ganzes Kontingent an Liebesfilmen, die er kannte, ausgeschöpft.
Im nächsten Moment flog ihm eines der dunkelroten Sofakissen entgegen, das vor dem Bruchteil einer Sekunde noch unschuldig auf der Lehne gelegen hatte. Insgeheim bewunderte er Rics Schnelligkeit, ließ sich das aber nicht anmerken und fing das Kissen mindestens ebenso elegant ab, wie kurz zuvor Edward den Apfel.
„Schon vergessen? Torwart und so, ne?“
Rico verdrehte die Augen und seufzte, während er den Fernseher fixierte. „Wie könnte ich das jemals vergessen? Du bist ja ebenso ein Wunderknabe, wie der Typ da.“
René liebte es, wenn sein kleiner Bruder schmollte, da wirkte er gleich wieder etwas weniger erwachsen. „Ich renne aber nicht in irgendwelchen Wäldern herum und jage Tiere.“
Und am meisten liebte René es, wenn Rico lachte, so, wie er es jetzt tat, denn es war hochgradig ansteckend, seit er hier war lachte René deutlich mehr, dessen war er sich sicher.
„Wer weiß, irgendwann wird die Bild-Zeitung dein dunkles Geheimnis entdecken.“
René seufzte theatralisch. „Ich kann mich halt nicht für immer verstecken.“
„Nein, im verstecken bist du ne echte Niete.“
Sie wandten ihre Aufmerksamkeit wieder dem Film zu, in dem Edward Bella rettete – mal wieder – diesmal vor zwielichtigen Typen von der Straße. Vielleicht hatte Ric mit dem Horrorfilm doch nicht ganz weit daneben gelegen, dieser Film war auf jeden Fall mehr als beängstigend.
„Warum hast du eigentlich keine?“
Völlig aus dem Konzept gerissen sah René seinen Bruder an.
„Freundin, mein ich? Du kannst dir doch aussuchen, wen du willst, die wollen doch alle. Stattdessen lässt du deinen kleinen Bruder mit in deine Wohnung ziehen, ehrlich, das war selten dämlich.“ Es folgte eine kurze Pause. „Auch wenn ich dir nicht im Weg stehen würde“, setzte er nach.
René zuckte mit den Schultern, hoffte, dass Rico sein Desinteresse wahrnahm, dumm war er ja eigentlich nicht. „Ich hab eh keine Zeit für so was.“
Aber Rico sah ihn von der Seite an, zog skeptisch die Augebrauen zusammen, schien, als würde er nicht so schnell lockerlassen. „Ja, Spielerfrauen sind auch wirklich selten, weil ihr alle soviel zu tun habt.“
René seufzte innerlich, wenn es ein Thema gab, dass er in Gegenwart von Rico aus dem Weg ging, dann war es dies. Es war allerdings klar, dass das nicht mehr lange funktionieren würde, schließlich war Rico 19 und nutzte wahrscheinlich ¾ der Zeit, die er nicht mit Schlafen verbrachte, dazu an Weiber zu denken. Was wiederum die Frage aufwarf, warum er nicht auf der Party war, sondern hier und sich mit René eine Teenieschnulze reinzog.
„Ich hab keine Ahnung, war einfach nie die Richtige dabei.“
„Sollte ich mir anfangen Sorgen machen?“ Rico sah ihn bedeutungsschwer an. „Entweder du bist extrem wählerisch oder…“ René unterband alle weiteren Ausführungen durch einen warnenden Blick, den Ric mittlerweile nur zu gut kannte. „Ich beschwer mich ja auch gar nicht, günstigere Miete bekomm ich nicht.“
„Also siehst du das ganz pragmatisch und ich dachte, du würdest gern bei mir wohnen, schließlich wolltest du unbedingt rüberkommen.“
Rico sah in eine andere Richtung, er konnte es noch immer nicht wirklich zugeben, dass er sich mit Absicht eine Schule hier in Köln gesucht hatte. „Ach was, hier hab ich doch alle Vorteile, als René Adlers kleiner Bruder.“
René grinste, Ric konnte ihm ja nicht wirklich etwas vormachen und eben das wusste der wahrscheinlich nur zu genau.
Noch eine gute Dreiviertelstunde später konnte René das Gähnen nicht mehr unterdrücken, vielleicht sollte er mit der Ausrede, dass er morgen ein wichtiges Spiel hatte, einfach ins Bett gehen und dem restlichen Geplänkel zwischen Vampir und Mensch entgehen. Aber seine Fluchtgedanken wurden unterbrochen. Er fühlte ein Gewicht auf seiner Schulter. René drehte seinen Kopf vorsichtig. Rico, das war ja klar, zuerst schleppte er diesen Film an und dann pennte er einfach weg. René sah darüber hinweg, dass er genau das gerade auch noch vorgehabt hatte, nur eben nicht hier.
Stattdessen verlor er sich in Betrachtungen seines kleinen Bruders, strich eine Strähne aus seiner Stirn. Wenn er schlief wirkte er gleich wieder jünger, na ja so jung wie er tatsächlich war, und so… anziehend, auch wenn René sich gedanklich für das Wort rügte. Er seufzte, aber Ric durfte halt einfach nichts davon wissen.
~~
Es war das erste Mal, dass Rico auf der Bühne stand, vor Publikum. Es war keine wirklich Menge, vielleicht 30 Leute, die meisten kannten sie persönlich, Freunde, Bekannte und trotzdem war er nervös gewesen, das hatte René sogar durch die Telefonleitung heraushören können. Ric hatte darauf bestanden, dass René aus Leverkusen zurückkam, dass er dabei war. Und jetzt stand sein kleiner Bruder dort oben und die Nervosität war wie weggeblasen, so als hätte sie niemals existiert. Und René musste ihm neidlos zugestehen, dass er Talent hatte. Das, dort auf der Bühne, war nicht der Rico, den er normalerweise kannte. Er hatte eine ganz spezielle Ausstrahlung, kraftvoll und mitreißend. Es war vielleicht nicht perfekt, was er sich da zusammensang, aber er war ja auch noch jung, viel Zeit zum perfektionieren, aber das Publikum hatte er definitiv schon jetzt auf seiner Seite.
Nach dem kleinen Auftritt, mischten sich Ric und seine Band unter das Publikum, automatisch suchten Renés Augen nach ihm, folgten seinen Bewegungen durch die Menge. Er wurde von fast allen aufgehalten, sie klopften ihm auf die Schulter und gratulierten, Rico strahlte, als hätte er gerade einen Nobelpreis gewonnen… oder in seinem Fall vielleicht eher den Grammy. Doch er ließ sich nie lange in ein Gespräch verwickeln, bahnte sich seinen Weg, bis er vor René stand.
„Du bist gekommen!“ Jetzt strahlte er René direkt an, mit einer Glückseligkeit, die er bei jeder anderen Person fast schon abstoßend gefunden hätte, nicht aber bei Ric.
„Ich würde niemals den ersten Auftritt meines kleinen Bruders verpassen.“
„Und?“ Seine Stimme klang unsicher, sein Blick wurde fragend.
„Es war toll!“
Im nächsten Moment fühlte René sich in eine feste Umarmung gezogen, er wuschelte durch das blond gefärbte Haar.
„Danke!“ konnte er die Stimme direkt neben seinem Ohr vernehmen und einen Moment später bedauerte er es beinahe, dass Rico ihn wieder losließ. Stattdessen umfasste er Renés Handgelenk und zog ihn mit sich, orderte an der kleinen Bar etwas zu trinken für sie beide.
Wenn man etwas feiern wollte, dann den ersten eigenen Auftritt und das dachte wohl auch Rico selbst. Vielleicht lag es auch daran, dass jeder ihm einen Drink hatte ausgeben wollen, jedenfalls konnte Rico einige Stunden später kaum mehr geradeaus laufen. Er torkelte die Straße entlang, nachdem sie den Laden verlassen hatten und René fing an sich darüber zu sorgen, ob er es schaffte, der nächsten Straßenlaterne erfolgreich aus dem Weg zu gehen. René seufzte, heute blieb ihm nicht viel erspart.
„Ric, wart’ mal!“
Er legte einen Arm um Ricos Taille, der anscheinend auch noch Spaß daran hatte, sich mindestens doppelt so schwer zu machen, als er sich an seinen großen Bruder hing.
„Reneeeeee…!“ Rico grinste ihn blöd von der Seite an. Und er konnte nur den Kopf schütteln.
Er hatte selten den großen Bruder raushängen lassen und damit wollte er bestimmt nicht jetzt anfangen, also lotste er Ric kommentarlos in die richtige Richtung, auch wenn dabei eher nicht sonderlich zielgerichtete Schlangenlinien herauskamen.
„René… du bist der Beste… ich bin so froh, dass du hergekommen bist!“
„Schon klar, Ric.“ Anscheinend war sein Bruder auch einer derjenigen, der jeden lieb hatte, wenn er auch nur genug Alk getrunken hatte.
„Ich hab’ dich gleich gesehen, als ich auf der Bühne war.“
Und er redete anscheinend gern. Ein bisschen war René froh, dass der Weg nicht länger, als zehn Minuten dauerte, normalerweise. Diesmal brauchten sie doppelt so lange.
„Hast du die Mädchen gesehen? Ich glaub, als Frontsänger hab ich richtig gute Chancen“, meinte Ric gerade mit einem Grinsen.
Mädchen? Es war das erste Mal, dass er Rico bewusst über das Thema reden hörte. Allerdings war er ein Teenager und Mädchen somit wohl eine essentielle Thematik. Und normalerweise sollte man meinen, dass der große Bruder auch der richtige Ansprechpartner in dieser Hinsicht war. Doch René war trotz allem froh, dass sie mittlerweile vor der Haustür standen, er den Schlüssel aus der Tasche fingern und somit keine Antwort geben musste.
„Pscht, sonst hör’n uns Mum und Dad noch“, sagte er stattdessen mit gesenktem Tonfall.
Zum Glück hielt Rico tatsächlich seine Klappe, besonders leise waren sie dennoch nicht. Mit einem erleichterten Seufzer lud René seinen Bruder fünf Minuten später auf seinem Bett ab, nicht aber ohne zuvor mit so ziemlich jedem Möbelstück zu kollidieren, was die Wohnung aufzubieten hatte,
„René, kannst du nicht einfach bleiben?“
Er runzelte die Stirn. Er hatte nicht vor gehabt wegzugehen, zumindest nicht weiter als bis zum Gästezimmer nebenan. „Bleiben?“
„Hier in Leipzig.“ René versuchte den sich bildenden Kloß in seinem Hals hinunterzuschlucken. Darum ging es, Rico hatte nie viel zu seiner Entscheidung gesagt von Leipzig fortzugehen, aber manchmal hatte René geahnt, dass es ihm nicht so egal war, wie er ihm gerne weis machen wollte. „Du fehlst mir!“
René zögerte kurz, bevor er überhaupt antworten konnte. Rico wirkte plötzlich nicht mehr glücklich, hatte seinen Blick gesenkt, um René nicht anschauen zu müssen.
„Du weißt, dass das nicht geht, in Leverkusen ist meine Mannschaft.“
Rico nickte, so als ob er die Worte erwartet hatte und René taten sie im selben Moment Leid. Das letzte, was er wollte, war seinen Bruder unglücklich zu sehen, schon gar nicht an einem Tag wie heute. Und die Schuld dafür trug er selbst.
Es war eine Kurzschlusshandlung, es konnte nichts anderes gewesen sein. Einfach aus dem Wunsch heraus, seinem Bruder Trost spenden zu wollen, ihm zu zeigen, dass er für ihn da war.
Er beugte sich hinab, umfasste mit einer Hand Ricos Kinn, um ihn dazu zu zwingen ihn anzusehen und dann berührten seine Lippen die von Rico, nur Sekundenbruchteile. Von sich selber erschrocken, zog er seinen Kopf in einer schnellen Bewegung zurück, löste den Kuss so schnell wieder, wie er ihn begonnen hatte, so, dass es nichts weiter gewesen war, nur ein Bussi, mehr nicht. Sie starrten sich einen Moment an und Rico begann zu kichern. „Ich hab dich auch furchtbar lieb, René, aber in der Öffentlichkeit solltest du so was lieber lassen, sonst denken noch alle was Komisches.“
Auf Renés Lippen stahl sich ebenfalls ein Lächeln, so erschrocken er auch war, es hatte gewirkt. „Laber nicht und schlaf jetzt“, sagte er in gespielten Kommandoton.
„Zu Befehl.“ Rico grinste, legte sich aber gehorsam ins Bett. René biss sich auf seine Unterlippe, sah einen Augenblick zu, wie Ric sich auf die Seite drehte und fast in derselben Sekunde einschlief.
Erst im Gästezimmer ließ René seinen Gedanken freien Lauf. Er war verwirrt, mehr als das. Natürlich war er froh, dass er Rics Stimmung hatte heben können, aber er wusste, dass das nicht seine Absicht gewesen war, zumindest nicht primär. Hatte er überhaupt eine Absicht gehabt? Nein, natürlich nicht, es war eine spontane Aktion gewesen, oder etwa nicht? Die Antwort, die sich in seinem Kopf formte, erschreckte ihn.
Erst im Laufe der Nacht gestand er sich ein, dass er es schon länger gespürt hatte, diese Zuneigung zu Ric, die für Brüder nicht im normalen Bereich lagen. Diese Gefühle, die er in seinem Inneren tief vergraben hatte, sie waren einer der Gründe, warum er so früh von seiner Heimat weggegangen war, nicht nur wegen des Fußballs.
Er war immer gut mit seinen Eltern klar gekommen, Familie war ihm wichtig, aber niemand war ihm so wichtig, wie Ric, das war schon immer so gewesen. Er hatte sie nur nicht verstanden, diese Gefühle, was sie waren. Rico war schließlich sein kleiner Bruder.
Doch in diesem Moment war es anders gewesen, als Rico ihm gebeichtet hatte, wie sehr er ihm fehlte, da waren sie deutlich spürbar gewesen, hatten sich bestätigt gefühlt und da war auch deutlich gewesen, welcher Natur sie wirklich waren. Dass es mehr bedeutet hatte, mehr, als nur ein kleiner, freundschaftlicher Kuss und dass es mehr hätte werden können, wenn sich René nicht vor sich selbst so erschrocken hätte.
Vielleicht lagen seine verqueren Gedanken nur am Alkohol, vielleicht war er gerade auch nur ausgehungert. Er beschloss, sich ein Mädchen zu suchen, sobald er wieder in Leverkusen sein würde. Ein Mädchen, was ihn all diese Gedanken, die nicht stimmen konnten, wieder vergessen ließe.
~~
René war den nächsten Tag überstürzt wieder zurückgefahren, was er nur so lange herausgezögert hatte, dass es eben nicht überstürzt wirkte. Rico hatte er nicht mal richtig verabschiedet, was der ihm zu Recht übel genommen hatte, René hatte die Enttäuschung in seinen Augen lesen können. Vergessen hatte er all das nicht können, weder mit einem Mädchen, noch ohne.
Jetzt, wo Rico schlief, fühlte sich René fast zurückversetzt, konnte all die Verzweifelung wieder hochkommen spüren.
Er hatte gehofft, dass es sich ändern würde mit der Zeit, mit der Entfernung. Es hatte nicht funktioniert, die Gefühle waren geblieben und er hatte irgendwann aufgegeben sie zu leugnen.
Er beugte sich vor, legte seine Lippen auf die von Rico, nur der Hauch einer Berührung, sonst würde sein kleiner Bruder aufwachen und das war das letzte, was René jetzt wollte. Es war fast wie damals, nur, dass René sich diesmal bewusst war, was er tat und warum er es tat. Ihm war klar, dass er sich das Leben nur schwer damit gemacht hatte, dass er sich jetzt die Wohnung mit Rico teilte, dass es eine Probe für seine Selbstbeherrschung war, mit jeder Minute, die sie beieinander verbrachten, fiel es ihm schwerer. Aber er nahm es in Kauf, er nahm es gern in Kauf.
René löste den Kuss, Rico bewegte den Kopf im Schlaf, murmelte etwas Unverständliches.
Für ihn würde er alles auf sich nehmen.
Rico war sein kleiner Bruder, er würde ihn beschützen, immer, wenn es sein musste auch vor sich selbst.