Erstens kommt es anders...

Erstens kommt es anders...

Beitragvon chaotizitaet » 25. Dez 2015, 00:05

Liebe abranka,

ich wünsche dir ganz tolle Weihnachten. Entschuldige den Titel, aber irgendwie... fiel mir nichts besseres ein. Noch nicht mal auf Englisch... Fluff ist es vielleicht nicht so viel, aber du kennst Musen - wenn sie eine Idee haben, die ihrer Meinung nach zu einem Wunsch passt, sind sie wenig kompromissbereit.

chao.

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Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt

Dezember 1952

Minerva McGonagall liebte es Schottin zu sein. Nicht nur, dass sie stolz auf diese besondere Nation war, nein, Schottin zu sein brachte auch noch ganz andere Vorteile mit sich. Etwa das Zugeständnis seitens des Ministeriums für Zauberei, sowie des Zaubergamots, sowie aber eben auch Hogwarts, dass Clan-Angelegenheiten vor den Bedürfnissen dieser genannten Institutionen kamen. Andernfalls hätte Minerva kaum darauf hoffen dürfen, an Weihnachten frei zu bekommen. Schließlich war sie als Hilfslehrerin für Verwandlung an der Schule für Hexerei und Zauberei das jüngste Mitglied des Kollegiums und für gewöhnlich traf es eben die Dienstjüngsten, wenn es darum ging über die Feiertage arbeiten zu müssen. Und jünger als gerade einmal etwas mehr als drei Monate Lehrtätigkeit ging kaum. Zwar bemühte man sich in Hogwarts stets, Weihnachten mehr wie ein großes Familienfest denn wie Arbeit wirken zu lassen, aber selbst wenn über die Weihnachtsferien deutlich weniger Schüler im Schloss weilten als sonst, wollten auch diese wenigen Schüler beaufsichtigt werden, denn bestimmte Regeln galten auch in den Ferien.
Da in diesem Jahr aber ihre Cousine Patty sich am Boxing Day offiziell verloben wollte und zu dieser Gelegenheit sich der gesamte Clan auf dem Familiensitz ein gutes Stück nördlich von Braemore versammelte, war Minerva von den Weihnachtspflichten in der Schule entbunden. Nun war es nicht so, dass Minerva gesteigerte Lust auf ein Clan-Treffen hatte oder ihren Job nicht mochte. Aber anders als bei ihrer vorigen Anstellung beim Ministerium musste sie in Hogwarts eigentlich vierundzwanzig Stunden am Tag einsatzbereit sein und so war eine Auszeit von der Schule gar nicht so verkehrt. Und manchmal war es auch gar nicht so verkehrt, mal wieder alle Verwandte zu sehen. Auch wenn sie liebend gern auf all die stichelnden Bemerkungen von ihrer Tante Deirdre und die leicht pikierten Blicke ihrer Mutter hätte verzichten können, weil sie mit ihren siebenundzwanzig Jahren immer noch nicht verheiratet, geschweige denn verlobt war. Aber Minerva war fest entschlossen, sich nicht von irgendwelchen Konventionen unter Druck setzen zu lassen. Selbst wenn das hieß unverheiratet zu bleiben. Das war vielleicht manchmal sogar vorzuziehen. Besonders, wenn sie daran dachte, dass ausgerechnet Tante Deirdre es war, die sich sonst bei jeder Gelegenheit über ihre Ehe mit Onkel Edmond beschwerte. Aber so waren Verwandte eben und Minerva beschloss einfach, sich nicht ihre gute Laune von ihnen verderben zu lassen.
Dementsprechend fröhlich schwang sich die junge Hexe am dreiundzwanzigsten Dezember nach dem Frühstück auf ihren Besen, um die einhundertzwanzig Meilen von Hogwarts im Westen des Landes zum Familiensitz der McGongalls, bekannt als ‚die Burg‘, obgleich von dem mittelalterlichen Komplex nur noch ein Turm übrig war, während der Rest einem modernen Herrenhaus gewichen war, zu fliegen. Alte Clanfehden, von denen man nie wusste, ob sie nun wirklich beendet waren oder eben nicht, bedeuteten, dass der Familiensitz nicht an das Flohnetz angeschlossen war und aus eben jenem Grund war apparieren auch wenig empfehlenswert. Selbst Familienmitglieder, insbesondere wenn sie nicht ständig dort weilten, wussten in der Regel nicht, wo sich genau die Fallen befanden, die dem letzten paranoiden Anfall des Clanoberhauptes geschuldet auf den Ländereien installiert worden waren. Und die McGonagalls waren diesbezüglich für ihre Kreativität bekannt. Es machte nicht wirklich Spaß an einen vermeintlich sicheren Platz zu apparieren, nur um sich dann als Vogelscheuche im Moor wiederzufinden. Fliegen war da weitaus sicherer, erlaubte es doch dass man den Heranfliegenden bereits lange genug im Voraus sah, um zu erkennen, dass es sich um ein Familienmitglied handelte. Nicht, dass man nicht dennoch zunächst noch eine Stunde in einem Quarantäneraum ausharren musste, um Vielsafttrank als Täuschungsmittel auszuschließen, aber immerhin war es den Hauselfen erlaubt, dort Tee und Scones zu servieren, so dass die Wartezeit erträglich war.
Ein Wärmezauber trug sein übriges dazu bei, dass Minerva die etwas mehr als fünf Stunden Flugzeit bereitwillig in Kauf nahm.

Der kalte Wind pfiff ihr um die unter einen warmen Mütze gut geschützten Ohren, und der Schal, den sie sich um Mund und Nase gewickelt hatte, tat sein übriges, ihr Gesicht vor ungewollten Erfrierungen zu bewahren. Insgesamt, dachte Minerva bei sich, während sie dank eines Kompasszaubers zielgenau auf den Familiensitz zuhielt, war diese Art des Reisens doch recht angenehm. Einzig die steifen Glieder würden ihr am Ende ein wenig Unbehagen bereiten, doch nur so lange, bis sie ein heißes Bad genießen konnte.
Als sie noch etwas mehr als eine halbe Stunde von dem Familiensitz entfernt war, kam ein leichtes Schneegestöber auf. Auf Minervas verhülltem Gesicht zeigte sich ein Lächeln. Weiße Weihnacht! Wenn das kein gutes Zeichen war.
Leider aber war der Schnee kein gutes Zeichen. Binnen weniger Minuten hatte sich das leichte Schneegestöber zu einem dichten Schneetreiben gesteigert und schien sich zu einem regelrechten Schneesturm auszuwachsen. Minerva runzelte die Stirn. Zwar war Schnee für diesen Teil Schottlands nicht so ungewöhnlich, Schneestürme allerdings schon. Sie erinnerte sich an eine Bemerkung ihrer Tante Deirdre in deren letzten Brief, dass Großtante Agnes – das derzeitige Clanoberhaupt – offenbar nach anfänglicher Zustimmung nun nicht mehr so begeistert war, dass die ganze Familie sie zu Weihnachten heimsuchen sollte. Was im Klartext eigentlich hieß, dass Tante Agnes zunächst nur eine vage Zustimmung gegeben hatte, nun aber vehement dagegen war. Nicht, dass das etwas an den Plänen der Familie ändern würde… War der Sturm also Tante Agnes‘ Art zu versuchen, die Besucher quasi in letzter Minute zur Umkehr zu bewegen? Zuzutrauen wäre es der exzentrischen Dame allemal. Minerva brachte trotz des eisig weißen Unwetters, in dem sie sich gerade befand, ein Grinsen zustande. Nun denn, wenn ihre Großtante glaubte, sie so schnell in die Flucht schlagen zu können, dann hatte sie sich in Minerva McGonagall gründlich getäuscht. Umkehren kam nicht in Frage. Allerdings überzeugten die bloße Masse der Schneeflocken und die abnehmende Sichtweite Minerva sehr bald davon, dass sie bei diesem Wetter nicht würde weiterfliegen können, egal wie nahe sie schon an ihrem Ziel war. Es nutzte schließlich nichts, weiter zu fliegen, wenn man die Hand nicht vor Augen sah und somit durchaus Gefahr lief, in gerade mal fünf Metern Entfernung am Familiensitz vorbei zu fliegen.
Widerwillig begab sich Minerva in den Sinkflug und hoffte, trotz des dichten Schneegestöbers eine Baumgruppe oder ein Gebäude ausmachen zu können, in dem sie vor dem Wetter Zuflucht suchen könnte.
Sie hatte Glück. Nach etwa zwei oder drei Minuten langsamen Flugs sah sie eine dunkle Struktur aus dem Weiß der Flocken hervorstechen und als sie näherkam erkannte sie, dass es die Ruine einer alten Crofter-Hütte war. Das Dach war eingefallen und der Wind hatte große Teile des Strohs und der anderen Gräser, die als Dachabdeckung genutzt worden waren, davongetragen. Dennoch schienen die Mauern stabil und würden ihr mit ein wenig magischer Hilfe genau den Schutz vor den Elementen bieten, den sie suchte.
Der Wind pfiff und heulte um die Mauern, und nach all den Stunden, die sie in der immer gleichen Stellung auf dem Besen verharrt hatte, kam sich Minerva wie eine alte, bucklige Frau vor, deren Gelenke sich schlicht weigerten, ihr eine gerade Gestalt zu verleihen. Mit Mühe zog sie den Handschuh von ihrer rechten Hand und holte dann mit etwas klammen und definitiv steifen Fingern den Zauberstab aus ihrem Umhang. Sie blickte sich um. Zum Glück war sie eine Meisterin der Verwandlung. So würde sie in der Lage sein, die Moosfetzen und abgestorbenen Blätter sowie kleine Kiesel und Mörtelbrocken in eine mit Teer bestrichene Leinwand zu verwandeln. Das erschien ihr die geeignetste Möglichkeit, ein provisorisches Dach für diese Ruine zu konstruieren.
Dennoch dauerte es eine Weile, doch schließlich war Minerva stolz, wenigstens den kleineren Raum der alten Hütte abgedeckt zu haben. Sogleich ließ der schneidende Wind nach. Doch noch durfte sie sich keine Ruhe gönnen. Sie musste nachsehen, ob der Kamin noch zog und wenn ja, musste sie schauen, ob sie irgendwoher genug Brennmaterial für ein kleines Feuer finden konnte. Zwar vermochte sie mit Magie Flammen heraufzubeschwören, die ebenfalls Wärme abgaben, doch sie würden nicht reichen, mehr als ihre Hände zu wärmen und obendrein wollte Minerva lieber ihre Kräfte schonen. Es war ungleich leichter mit einem Accio Feuerholz herbeizurufen und damit über Stunden ein Feuer zu erhalten als über Stunden den gleichen Zauber aufrechterhalten zu müssen. Leider blieb ihr Zauberruf nach losen Zweigen und Ästen unbeantwortet. Also befand sich keine Baumgruppe in der Nähe. Minerva seufzte. Würde sie also auf Grasbündel und doch etwas Magie zurückgreifen müssen. Immerhin flog bei ihrem Accio für abgestorbenes Gras fast ein ganzer Heuhaufen zu ihr. Und der Kamin zog auch noch.
Minerva war erleichtert, als sie endlich den Schal von ihrem Gesicht wickeln konnte und die Hände wohlig dem Feuer entgegen strecken konnte. Noch immer pfiff der Wind um die Hütte und ein kurzer Blick durch das winzige Fenster zeigte ihr, dass der Schneesturm unvermindert weiter tobte.
Dann hörte sie auf einmal ein anderes Geräusch, das sich mit dem Heulen des Windes vermischte. Sie konnte es nicht sofort einordnen und so verließ sie, wenn auch ein wenig widerstrebend, die warme Insel, die sich um den Kamin gebildet hatte. Aber ihre Neugier war nun einmal stärker. Das Geräusch hielt an und plötzlich sah sie in dem Sturm zwei Lichter auftauchen. Gebannt sah sie zu, wie die Lichter näher kamen, immer näher. Offenbar ein Auto, das auf dem Feldweg, der neben der Hütte verlief, fuhr. Aber wer würde sich in diese abgelegene Gegend in einem Muggelvehikel verirren? Noch dazu bei so einem Wetter?
Doch noch ehe sie diesen Gedanken weiter verfolgen konnte, musste Minerva mit ansehen, wie der Wagen auf dem schneebedeckten Weg ins Schleudern geriet und seitlich in eine Schneewehe krachte. Unwillkürlich zuckte sie zusammen.
Der Motor des Wagens starb ab und die Lichter erloschen. Doch nicht für lange, denn schon versuchte der Fahrer, der offenbar unverletzt geblieben war, das Auto wieder zu starten. Allerdings drehten schon beim ersten Versuch, sich aus dem Schnee hinaus zu manövrieren, die Räder durch und gruben sich immer tiefer in das kalte Weiß. Wieder erstarb der Motor. Minerva glaubte über den Lärm des Sturms hinweg ein Fluchen zu vernehmen. Eine verständliche Reaktion, wie sie fand, auch wenn sie unflätige Wörter nicht gut hieß. Dann dämmerte ihr, dass der arme Fahrer im Schnee festsaß und Muggel nicht über Wärmezauber verfügten. Sie dagegen hatte in der Hütte dank des Kamins einen relativ warmen Raum… Nein, unter diesen Umständen, musste sie dem Fahrer helfen und ihre Hütte und ihr Feuer mit ihm teilen. Sie konnte nur hoffen, dass dieser keine Fragen stellte, die sie in Bedrängnis brachten… etwa, woher die Plane für das Dach kam. Oder warum das Gras im Feuer so langsam brannte. Aber ihn nicht in ihre Hütte holen, hieß ihn einem möglichen Erfrierungstod auszusetzen. Und wenn alle Stricke rissen, konnte sie immer noch, sobald der Sturm vorbei war, nach einem Obliviator schicken.
Nachdem sie diesen Entschluss gefasst hatte, wickelte Minerva wieder ihren Schal um das Gesicht, zog die Handschuhe an und machte sich dann hinaus in das Schneetreiben.
Zu sagen, dass der Fahrer in seinem Wagen erschrak, als Minerva an die Scheibe des Autos klopfte, wäre untertrieben gewesen. Dennoch war er ganz offensichtlich froh, dass ihm überhaupt jemand in dieser Wildnis begegnete. Vorsichtig ließ er die Fensterscheibe hinunter.
Minerva musste schreien, um sich verständlich zu machen. „Da drüben, nur ein paar Meter von hier, ist eine Hütte.“ Sie zeigte in die Richtung aus der sie gekommen war. Sie hatte sich die Mühe gemacht, einen der Fenstersteine magisch zu magnetisieren. Somit würde ihr Zauberstab stets davon angezogen werden und sie lief nicht Gefahr, sich auf den paar Metern im Schnee zu verlaufen und die Hütte zu verpassen.
Der Mann im Auto nickte, kurbelte die Scheibe wieder hoch und stieg dann aus dem derzeit noch warmen Auto. Dann legte er Minerva eine Hand auf die Schulter, denn bei dem dichten Schneegestöber wollte er offenbar nicht riskieren, seinen unverhofften Retter aus den Augen zu verlieren.
Minerva nickte, tastete unbemerkt in ihrem Umhang nach dem Zauberstab und führte sie dann beide zurück zur Hütte. Kaum hatten sie den Schutz der Mauern erreicht, als Minerva auch schon zum Kamin strebte. Sie hatte, bevor sie zu dem Auto gegangen war, vergessen, den Wärmezauber zu erneuern, mit dem sie sich belegt hatte, als sie Hogwarts losgeflogen war und inzwischen war er natürlich vergangen. Dementsprechend hatten schon die wenigen Minuten in dem Sturm gereicht, dass die Kälte sich schneidend durch ihre warmen Kleider biss.
Der Mann war ein paar Meter von ihr stehen geblieben und betrachtete sie nun im Schein des Feuers. „Sie sind eine McGonagall?“, fragte er und blickte vielsagend auf ihre karierte Mütze.
Überrascht sah Minerva ihn an. Es gab nicht viele Menschen, die den Tartan ihres Clans außerhalb der magischen Welt kannten. Und sie war sich sicher, dass der Mann, der da vor ihr stand, kein Zauberer war. Denn andernfalls hätte er seinen Wagen einfach aus der Schneewehe freigehext und wäre weitergefahren. Dennoch nickte sie.
„Dann haben Sie vermutlich das gleiche Ziel wie ich… Patricias und Jonathans Verlobungsfeier.“
Minervas Augen weiteten sich noch ein wenig mehr. „Sie wollen auch zur Burg? Aber… mit einem Auto… wieso…“ Sie brach ab, unschlüssig, wie sie den Satz beenden sollte. War dieser Mann doch ein Zauberer? Aber nein, das hatte sie ja bereits erfolgreich ausgeschlossen. Andererseits, wenn er zur Burg wollte, musste er magisches Blut in seinen Adern haben, sonst würde er das Gebäude nicht sehen können, da es mit Muggelabwehrzaubern belegt war.
Er lachte und es war ein angenehm warmes Lachen. „Ich bin ein Squib, falls es das ist, was Sie gerade versuchen herauszufinden. Marc Gordon, vom Clan der Gordons.“
„Minerva McGonagall“, stellte sich Minerva vor. „Hexe“, fügte sie schließlich noch mit einem leichten Grinsen hinzu.
„Ist vielleicht auch besser so“, erwiderte Marc. „Andernfalls hätte die Gefahr bestanden, dass ich mit meinem Wagen in Ihren statt nur der Schneewehe gekracht wäre. Sie sind doch mit einem magischen Transportmittel hier, oder?“, vergewisserte er sich.
Minerva nickte und deutete auf den Besen, der in einer Ecke stand.
„Stilecht, das muss man Ihnen lassen“, sagte Marc mit einem Grinsen.
„Aber für dieses Wetter nicht gerade tauglich“, erwiderte Minerva mit einem leichten Bedauern in der Stimme.
„Zum Glück nicht“, platzte es aus Marc heraus. „Nicht, dass Sie mich falsch verstehen, aber hätten Sie weiterfliegen können, hätte ich dort draußen im Auto festgesessen und schon bald fürchterlich gefroren, statt jetzt hier mit Ihnen vor einem wärmenden Feuer zu stehen.“ Er lächelte sie an und Minerva stellte fest, dass dies seinem Gesicht einen fast jungenhaften Ausdruck verlieh, obwohl er bestimmt wenigstens so alt wie sie war.
„Nun ja, ich hoffe ja, dass es nicht so weit gekommen wäre. Schließlich bin ich mir fast sicher, dass dieser Sturm nur ein höchst vorübergehendes Ereignis ist.“
Fragend zog er die Augenbrauen hoch.
„Ich vermute, dass meine Großtante Agnes hinter dem Sturm steckt“, erläuterte Minerva. „Um ihren Unmut über diese Verwandteninvasion zum Ausdruck zu bringen. Und dass sie schließlich einsieht, dass wir uns von so etwas nicht abhalten lassen, und den Schnee verschwinden lässt. Vermutlich terrorisiert Tante Deirdre sie schon über die Familienporträts.“
„Nun, in dem Fall… wie wäre es, wenn ich Sie nachher dann in meinem Auto mitnähme? Ist bestimmt wärmer als auf dem Besen. Wobei ich natürlich hoffe, dass Sie mir zuvor helfen, mein Auto aus dem Schnee zu befreien…“
Tatsächlich tobte der Sturm aber noch etliche Stunden mit unverminderter Härte weiter. Und mit jeder weiteren Stunde, die verging, wurde Minerva unruhiger. Es war eine Sache, den Verwandten unmissverständlich mitzuteilen, dass man sie nicht auf dem Familiensitz sehen wollte, aber eine ganz andere, ein Wetterphänomen heraufzubeschwören, dass unweigerlich von den Muggeln bemerkt werden musste. Und Schneestürme waren nun mal in Schottland ein höchst unerhörtes Wettervorkommen. Stand also am Ende etwas ganz anderes hinter dem Sturm? War ihrer Großtante etwas zugestoßen und ihre Magie spielte nun unkontrolliert verrückt? Als Familienoberhaupt verfügte sie schließlich nicht nur über ihre eigene, sondern auch über den Großteil der Familienmagie… Magie, die mit dem Land einherging, auf dem sie lebten. Nur so war es ihr ja überhaupt möglich, so komplizierte Magie wie Wetterzauber zu wirken.
Gleichzeitig wurde Minerva mit jeder Stunde stärker bewusst, wie froh sie war, dass Marc Gordon bei ihr war. Ohne ihn wäre sie bestimmt so tief in ihre sorgenvollen Gedanken abgedriftet, dass sie am Ende gar versucht hätte, trotz des schlechten Wetters den Weg zur Burg zu finden. Marc aber erzählte ihr allerlei lustige Anekdoten und lenkte sie so immer wieder erfolgreich ab. Sie bewunderte ihn für seine Einstellung zum Leben, der Magie und der Tatsache, dass er selbst nicht darüber verfügte. Sie wusste von mehr als nur einem Squib, die ob ihres Mangel an Magie verbitterten. Marc hingegen schien das Beste aus den beiden Welten zu machen, in denen er lebte, hatte er sich doch für ein Arbeitsleben in der Muggelwelt entschieden. Oder zumindest beinahe in der Muggelwelt. Er hatte mit Unterstützung seiner Familie eine Investmentgesellschaft gegründet, die es Mitgliedern der magischen Gesellschaft erlaubten, in Muggelfirmen zu investieren. Sogar Gringotts zählte zu seinen Kunden, konnten die Kobolde doch schlecht selbst an der Börse agieren und so bezahlten sie lieber einen Squib dafür, dass dieser sich mit all den Muggelgesetzen rund um das Geldgeschäft in dieser Welt auseinandersetzte. Im Gegenzug war er sich sicher, dass er, zumindest innerhalb der Familie, immer jemanden finden würde, der für ihn etwas zauberte, wenn er etwas Bestimmtes benötigte, das nur mit Magie zu bewerkstelligen war.
Ihrerseits erzählte Minerva ihm, wie sie sich nach dem Schulabschluss Dumbledores Widerstandsbewegung im Kampf gegen Grindelwald hatte anschließen wollen. „Ich war damals jung, naiv und voller Enthusiasmus. Keine sonderlich gute Kombination“, gestand sie ein wenig reumütig. „Natürlich hatte Professor Dumbledore recht, als er darauf bestand, dass ich stattdessen erst einmal meinen Meister in Verwandlung mache. Er hat sogar dafür gesorgt, dass Alaric Switch, Bruder des berühmten Autors Emeric Switch, mich als Lehrling akzeptierte. Ich habe viel von meinem Meister gelernt. Auch, dass Schulwissen oft wenig mit dem Leben zu tun hat.“ Gleichzeitig war sie natürlich mehr als enttäuscht gewesen, als der Kampf gegen Grindelwald beendet war, ehe sie ihre Ausbildung abgeschlossen hatte, und sie somit keine Möglichkeit gehabt hatte, sich in dieser Auseinandersetzung zu beweisen. Andererseits war ihr natürlich bewusst gewesen, dass es bei einem Kampf gegen den Dunklen Lord immer besser war, wenn dieser schnellstmöglich beendet wurde, um weitere Tote zu vermeiden. „Danach habe ich dann für fünf Jahre beim Ministerium gearbeitet. Wiederum auf Anraten des Professors.“
„Professor Dumbledore scheint ja ziemlichen Anteil an deiner Karriere genommen zu haben“, sagte Marc. Sie waren inzwischen beim Du angekommen.
Minerva nickte. „Er wusste, dass es eigentlich mein sehnlichster Wunsch war, eines Tages in Hogwarts als Lehrerin zu arbeiten. Aber obwohl meine Begabung mich dafür prädestinierte, war zu dem Zeitpunkt keine Stellung an der Schule frei. Und schließlich konnte ich schlecht erwarten, dass Professor Dumbledore kündigt, nur damit ich seine Stelle übernehmen kann. Aber er wusste, dass es nur noch eine Frage der Zeit wäre, bis Professor Dippet über den Ruhestand nachdenken würde, und dass er als sein Nachfolger vorgeschlagen werden würde. Letztes Jahr dann hat Professor Dippet tatsächlich verkündet, dass er nur noch fünf Jahre Schulleiter bleiben wollte. Das hat Professor Dumbledore dann genutzt, das Schulkomitee davon zu überzeugen, mich als Hilfslehrerin einzustellen, damit ich ausreichend Zeit hätte, von Professor Dumbledore in die Lehrpraxis und die administrativen Abläufe der Schule eingewiesen zu werden, so dass ich dann nahtlos seine Position übernehmen könnte. Insofern hatte also der Vorschlag eine Zeitlang beim Ministerium zu arbeiten den praktischen Hintergrund, dass ich so aus erster Hand einen Einblick in die komplexe Bürokratie unserer Gesellschaft erhielte.“
„Das klingt, als würdest du in wenigen Jahren mehr als bloß Verwandlungslehrerin werden.“
„Oh ja, Professor Dumbledore ist derzeit auch Hauslehrer von Gryffindor und stellvertretender Schulleiter. Gerade letztere Position ist überwiegend administrativer Natur.“ Sie fügte noch hinzu, dass gerade dieser Aspekt etwas sei, von dem Professor Dumbledore ihr gestanden hatte, dass er ihn am wenigsten vermissen würde. Ganz anders als die Position als Hauslehrer, obwohl er schon jetzt froh war, wenn er die ein oder andere hormongesteuerte junge Hexe an sie verweisen konnte, statt selbst mit diesen Problemen fertig werden zu müssen.
Die Anekdoten und Geschehnisse aus ihrer beider Leben, die sie sich gegenseitig erzählten, lenkten sie auch von dem Hunger und Durst ab, den sie zunehmend verspürten. Schließlich hatte keiner von beiden gedacht, mehr als ein paar Stunden unterwegs zu sein.
Irgendwann mussten sie eingeschlafen sein. Jedenfalls erwachte Minerva, ihren Kopf auf Marcs Schulter gelehnt, mitten in der Nacht, wenn ihr Zeitgefühl sie nicht vollkommen im Stich gelassen hatte. Zunächst wusste sie nicht, weshalb sie aufgewacht war, doch dann fiel ihr auf, wie still es war. Ihre Augen weiteten sich bei dieser Erkenntnis. Der Sturm hatte endlich aufgehört!
„Marc!“ Sie stieß ihren Begleiter an. „Marc, wach auf! Der Sturm hat sich gelegt!“
Diese Worte hatten den erhofften Effekt. Wenige Augenblicke später standen sie beide an dem winzigen Fenster und spähten hinaus in die Dunkelheit. Marc steckte sogar vorsichtig die Hand hinaus, um zu fühlen, ob dort noch Schnee fiel, war es doch viel zu dunkel um irgendetwas mit Sicherheit sehen zu können.
„Nichts, kein Schnee!“, sagte er mit einem freudigen Grinsen, umarmte Minerva spontan und wirbelte mit ihr einmal um die eigene Achse.
Minerva spürte, wie sie errötete, stimmte aber in sein Lachen ein.
„Nun denn, sollen wir uns auf den Weg machen?“, fragte Marc.
Der Gedanke an ein richtiges Bett und warmen Tee und etwas zu Essen war mehr als verlockend und so stapften sie beide gleich darauf durch den Schnee. Die Nacht war sternenklar, doch der Mond war offenbar schon untergegangen und so half ihnen Minerva mit einem Lumos aus, sowie wenig später einem Wärmezauber, mit dem sie das Auto im Nu vom Schnee befreit hatten. Da sie sich aber nicht traute mittels eines Schwebezaubers den Wagen aus der Schneewehe zu heben, verwandelte sie lieber etwas des Schnees in Sand, der zusammen mit dem darunter liegenden Schnee den Reifen genug Grip gab, so dass Mark den Wagen so aus der Schneewehe befreien konnte.
Dann waren sie auf den Weg zur Burg.

„Minerva, meine Liebe, wann bist du denn angekommen?“, begrüßte ihre Mutter sie am nächsten Morgen beim Frühstück überrascht.
„Mitten in der Nacht“, grummelte Agnes McGonagall missgelaunt. „Hat mich aus dem Schlaf geholt, so laut hat sie an die Eingangstür getrommelt.“
Minerva grinste. „Ich wusste noch gar nicht, dass ein Mitteilungspatronus gegen Türen trommeln kann“, erwiderte sie. „Außerdem hatte ich den Patronus an die Hauselfen gerichtet.“
„Die es aber besser wissen, als irgendwelche dahergelaufenen Leute mitten in der Nacht in die Burg zu lassen! Noch dazu, wenn diese Leute in einem Muggelauto vorgefahren kommen“, konterte Agnes. „Natürlich haben sie zuerst mich benachrichtigt.“
„Muggelauto?“, fragte Minervas Mutter nun.
„Bei Nacht auf einem Besen zu fliegen ist höchstens bei Vollmond empfehlenswert“, sagte Minerva. „Zum Glück aber ist einer der Gordons mit einem Auto im gleichen Schneesturm gestrandet wie ich, noch dazu bei der gleichen Steinhütte. Er hat mich dann mitgenommen.“
„Du hättest auch umkehren können“, murmelte Agnes. „Schließlich betraf der Sturm nur unsere Ländereien.“
Minerva grinste.
In diesem Moment traten Marc und ein paar seiner Verwandten ein. Er hatte offenbar Anges letzte Worte gehört, denn er schickte ein anerkennendes Nicken und ein Lächeln in Minervas Richtung, das diese gerne erwiderte. Auch wenn sie schon wieder spürte, wie ihre Wangen sich leicht röteten. Hastig griff sie nach ihrer Teetasse, um ihr Gesicht dahinter zu verstecken. Sie wollte ihrer Familie keinen weiteren Grund zu Tratschereien liefern. Es reichte schon, dass sie ganz sicher darüber klatschen würden, dass sie mit einem Gordon und in einem Auto mitten in der Nacht angekommen war. Wenn sie dann auch noch entdeckten, dass sie Marc Gordon attraktiv fand… Sie würde bestimmt keine ruhige Minute haben.
„Da wir nicht wussten, ob ihr noch ankommt, haben wir gestern ohne euch den Julklapp ausgelost“, mischte sich nun Patricia ein, die bereits am Frühstückstisch saß. „Demnach, da ihr die beiden letzten seid, die noch erwartet wurden, werdet ihr euch gegenseitig beschenken müssen. Ist dann zwar vielleicht nicht so überraschend, aber immerhin müsst ihr dann nicht morgen ohne ein Geschenk da sitzen.“
Oh ja, ihre Familie schaffte es auch ohne ihr weiteres Zutun, über sie und Marc zu tratschen oder zumindest alles Erdenkliche zu versuchen, um einen Grund zum Tratschen zu finden.
Marc lächelte sie an und zuckte mit den Schultern. „Von mir aus gerne.“
Was sollte Minerva da noch groß sagen? Natürlich hätte Patty genauso gut vorschlagen können, dass sie, ihr Verlobter Frederick, Minerva und Marc eine kleine Neuziehung veranstalteten, um so den Überraschungsfaktor für alle wieder zu erlagen, aber das war natürlich weitaus weniger spannend – in Pattys Augen – als zu versuchen Marc und Minerva auf diese Weise zu verkuppeln. Zugleich musste Minerva gestehen, dass sie neugierig war, wie Marc mit der Idee des Julklapps umgehen würde. Schließlich konnte er als Squib ja kaum auf Magie zurückgreifen, um ein passendes Geschenk herbeizuzaubern. Sie selbst konnte aus einem Kieselstein immer etwas Hübsches zaubern oder einen alten Lumpen in etwas Praktisches verwandeln. Und dank ihrer Ausbildung zur Meisterin kannte sie mittlerweile auch die notwendigen Zauber, um eine Verwandlung permanent werden zu lassen. Stellte sich die Frage, was sie Marc schenken sollte. Nun, ihr würde schon etwas einfallen. Immerhin hatte sie es mit Marc ein wenig besser getroffen als mit jedem anderen aus der Gordonfamilie, denn Marc kannte sie immerhin ein wenig.
Das Frühstück war eine laute und fröhliche Angelegenheit, wie das eben bei einer Gesellschaft von bestimmt fünfzig Leuten unterschiedlichsten Alters der Fall war. So ziemlich jeder gab dabei seine Erlebnisse zum gestrigen Wetter zum Besten. Und Minerva sah sich auch hinsichtlich ihres Verdachtes, Tante Deirdre hätte Tante Agnes über die Porträts terrorisiert bestätigt. „Aber immerhin hat sie uns somit verraten, wo man hinapparieren konnte, ohne in eine der Fallen zu geraten“, erklärte Tante Deirdre selbstgefällig.
„Bilde dir aber nicht ein, dass das heute noch funktioniert“, knurrte Agnes. „Ich habe die Hauselfen noch heute Nach gebeten, die Fallen neu anzuordnen.“ Es musste nicht näher gesagt werden, dass der Raum, in den die Familienmitglieder am Vortag appariert waren, heute mit allerlei hässlichen Zaubern vermint wäre. Es ging doch nichts über die McGonagall-Paranoia.
Nach dem Frühstück löste sich die Gesellschaft insofern auf, dass jeder dem nachging, wonach ihm der Sinn stand, oder was die Pflicht verlangte. Tante Agnes sah nach den Hauselfen, Onkel Angus – Agnes‘ Halbbruder – murmelte etwas vom Zaubertranklabor im Keller, während Patty, Deirdre, Frederick und seine Eltern noch einmal die Details der Verlobungsfeier durchgehen wollten. Minerva zweifelte keine Sekunde daran, dass die Eltern sich tatsächlich mit den Details der Feier beschäftigen würden, während Frederick und Patty nur Augen füreinander haben würden. Sie hatten schon während des Frühstücks kaum die Blicke voneinander lassen können. Einerseits freute es Minerva für ihre Cousine, andererseits fand sie deren Verhalten schon ein wenig übertrieben kitschig und insgeheim wunderte sie sich, dass Frederick das so mitmachte. Aber es stimmte wohl: Zauberer heirateten, Hexen feierten Hochzeit. Und in diesem Arrangement war es die Aufgabe des Zauberers einfach ‚Ja Schatz‘ zu den meisten Vorschlägen zu sagen. Minerva selbst zog sich mit ihrer Mutter in einen der kleinen Salons zurück, um sich in Ruhe mit ihr austauschen zu können. Schließlich hatten sie einander seit dem späten Sommer nicht mehr gesehen. Doch irgendwann hatten sie alle Neuigkeiten ausgetauscht – von den Ereignissen in der Schule über die neusten Rhabarberrezepte, die ihre Mutter im nächsten Frühjahr ausprobieren wollte, bis hin natürlich zu Pattys Verlobung und der unverhofften Begegnung mit Marc. Minerva kannte den lauernd fragenden Blick ihrer Mutter und wusste, dass sie nur zu offenbaren bräuchte, dass Marc ein Squib war und schon würde ihre Mutter die Sache fallen lassen. Nicht, dass Athena McGonagall etwas gegen Squibs per se hatte, es war nur so, dass sie es lieber sehen würde, wenn ihre Tochter einen anständigen Zauberer heiratete. Ihretwegen sogar einen muggelgeborenen Zauberer. Nur Schotte musste er natürlich sein.
„Ich denke, ich werde Deirdre ein wenig helfen“, sagte sie schließlich und stand auf. „Möchtest du mitkommen?“, fragte sie Minerva.
Diese schüttelte den Kopf. „Danke, aber ich werde lieber noch ein wenig im Park spazieren gehen. Die Sonnenstunden sind zu dieser Jahreszeit zu kurz und zu kostbar.“
Dem konnte ihre Mutter nur zustimmen.
Kurz darauf stand Minerva, in einen wärmenden Winterumhang gehüllt, die karierte Mütze auf dem Kopf und mit Schal und Handschuhen in der Halle, bereit für ihren Spaziergang. Doch zu ihrer großen Verwunderung ließ sich die Eingangstür nicht öffnen. Irritiert rüttelte sie an der Klinke, dann sogar an dem großen schweren Eisenring, mit dem in früheren Zeiten die Tür zugezogen worden war, doch die Tür bewegte sich keinen Millimeter. Hatte jemand die Tür zugesperrt? Ganz offensichtlich, doch wieso? So schnell gab Minerva jedoch nicht auf und so durchschritt sie energisch das Erdgeschoss, bis sie zum großen Salon kam, von wo Fenstertüren auf eine Terrasse und von dort, an ein paar schützenden Hecken vorbei, hinaus in den Park führten. Ihre Tante Agnes mochte es gewöhnlich nicht, wenn sie im Winter diesen Weg in den Park nutzten, war der große Salon doch einer der Räume, die ständig geheizt waren, und da gefiel es ihr nicht, wenn jemand unnütz die Türen offenstehen ließ. Doch auch die großen Fenstertüren wollten sich nicht öffnen lassen. Mehrfach rüttelte sie an ihnen, doch wie auch die Eingangstür schienen sie verschlossen.
„Warum zauberst du die Tür nicht einfach auf?“, kam es da aus einer Ecke des Salons.
Minerva wirbelte herum, nur um Marc zu sehen, der in einem der gemütlichen Sessel nahe dem Kamin saß und bis eben offenbar gelesen hatte.
„Gewöhnlich sind die Türen nicht verschlossen“, erwiderte sie. „Und es gilt als unhöflich, verschlossene Türen einfach so aufzuzaubern.“
„Aber wenn diese Türen, wie du gerade sagtest, gewöhnlich nicht verschlossen sind, wäre sie aufzuzaubern doch nicht unhöflich, sondern würde nur den Normalzustand wiederherstellen, oder?“, argumentierte Marc.
„Auch wieder wahr…“ Minerva zückte ihren Zauberstab. „Alohomora!“
Doch abermals gab die Tür nicht nach. Also war die Tür nicht bloß verschlossen, sie war zugehext! Und das betraf vermutlich auch die Eingangstür. Aber gerade das weckte in Minerva umso mehr die Entschlossenheit, sich einen Weg in den Park zu verschaffen. Das wäre doch gelacht, wenn sie nicht einen Weg fände. Schließlich hatte sie als Kind hier viele Sommer verbracht, sie kannte mehr als nur diese beiden Türen zur Burg. „Dann eben die Küchentür!“, sagte sie entschlossen.
„Wartest du kurz auf mich? Sich vor dem Essen noch ein wenig die Beine zu vertreten klingt gut und wenn diese Tür und die Eingangstür verschlossen sind, brauche ich deine Ortskenntnis, um einen Weg hinaus und wieder hinein zu finden.“
Minerva nickte. Irgendwie erinnerte sie diese Situation ziemlich genau an ihre Abenteuer in der Burg während ihrer Kindheit, wenn sie und ihre Cousins den alten Familiensitz erkundet hatten. Und ehrlich, solche Abenteuer erlebte man nicht allein.
„So, da bin ich wieder!“, verkündete Marc nur wenige Minuten später und gemeinsam machten sie sich auf den Weg in die Küche, die in einem Seitenflügel halb unter der Erde lag. Und dort, am anderen Ende der Küche, gab es eine kurze Treppe, die zu einer Tür führte, hinter der sich die Küchengärten befanden.
Die Hauselfen staunten nicht schlecht, als sie Minerva und Marc in ihrem Reich sahen, sagten jedoch nichts. Als sich jedoch auch die Küchentür als verschlossen erwies, brachen sie in aufgeregtes Geschnatter aus. Nun ja, fast alle, der oberste Hauself hingegen hielt sich ruhig und unbeachtet im Hintergrund.
„Was nun? Flucht über die Zinnen am Wehrgang des höchsten Turms?“, schlug Marc vor.
„So spannend es klingt, würden wir dafür meinen Besen brauchen und der ist noch im Kofferraum deines Wagens“, gestand Minerva. „Und die Familienbesen werden draußen im Gartenhaus verwahrt.“
„Hm, das ist natürlich weniger praktikabel…“, gab Marc zu. Er wusste auch nach der letzten Nacht, dass Minervas Stärke in Verwandlung und nicht Zauberkunst lag und sie somit wohl auch kaum in der Lage wäre, sie beide vom Turm hinunterschweben zu lassen. „Aber selbst wenn nicht, so könnten wir wenigstens auf dem Wehrgang ein wenig frische Luft schnappen. Was sagst du dazu? Es sei denn du kennst noch einen anderen Ausgang?“
Minerva kannte zwar noch einen Ausgang, doch der führte durch das Zaubertranklabor und sie wusste nur zu gut, dass Onkel Angus es auf den Tod nicht ausstehen konnte, wenn man ihn dort störte. Noch dazu wegen etwas so profanem wie einem Spaziergang im Park. „Ein Spaziergang auf dem Wehrgang wäre mal etwas anderes“, sagte sie daher und grinste Marc an.
Und so ging es über unzählige Treppen und verlassene Gänge hinauf in den Turm. Aber auch hier war die Tür zum Wehrgang zugehext. „Das darf doch nicht wahr sein“, stöhnte Minerva. Hatte Tante Agnes am Ende die Familienmagie eingesetzt, um alle Türen und Tore wie bei einem feindlichen Angriff zu verriegeln? Doch das war die einzige Erklärung, die noch blieb.
„Sieh es positiv: Immerhin haben wir durch das Umherlaufen in der Burg durchaus einiges an Bewegung gekommen“, versuchte Marc sie aufzumuntern.
Doch es blieb mehr als rätselhaft, weshalb sich die Türen nicht öffnen ließen. Agnes McGongall beteuerte natürlich nichts mit der Sache zu tun zu haben, schließlich befände man sich derzeit mit keiner Familie in einer offenen Fehde, aber die Türen blieben auch den Rest des Tages verhext. Immerhin schafften sie es, sich mit dem Anbringen der Weihnachtsdekoration, einen Gutteil des Nachmittags zu vertreiben, ohne dass es zu einem Anfall von Hüttenkoller gekommen wäre.
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chaotizitaet
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Re: Erstens kommt es anders...

Beitragvon chaotizitaet » 25. Dez 2015, 00:06

Dennoch war das erste, was Minerva am nächsten Tag, dem Weihnachtstag, tat, zu prüfen, ob sich die Türen öffnen ließen. Noch im Nachthemd und nur mit Morgenmantel und Hausschuhen gegen die Kälte gewappnet trat sie auf die Terrasse hinaus und atmete tief ein. Was war schon der große Weihnachtsbaum mit den Geschenken darunter im Vergleich zur Freiheit frische Luft atmen zu können? Zudem sorgte die kalte Luft dafür, dass ihre Lebensgeister wieder erwachten, hatte sie doch in der vergangenen Nacht recht wenig Schlaf bekommen, zu lange hatte sie darüber gebrütet, was sie Marc schenken sollte und schließlich noch ein paar Stunde mehr darauf verwandt, das Geschenk dann auch aus allerlei Krimskrams herzustellen. Es war nicht besonders anstrengend gewesen, hatten sich alle Verwandlungen eher auf dem Niveau der ersten Klasse in Hogwarts bewegt, aber es waren nun mal eine ganze Menge Teile gewesen, die es zu verwandeln galt. Am Ende jedoch war sie mehr als zufrieden mit dem Ergebnis.
Dann hörte sie Schritte hinter sich. Wie es schien hatten es die Jüngsten der Familie nicht länger in ihren Betten ausgehalten und standen nun mit vielen Ahs und Ohs um den großen Weihnachtsbaum herum. Doch nicht nur die Jüngsten waren in den Salon gekommen, nach und nach fanden sich alle anderen Bewohner der Burg in dem Zimmer ein, gut die Hälfte von ihnen wie Minerva noch in ihren Schlafanzügen und Morgenmänteln. Aber es war Weihnachtsmorgen, da sahen auch die Älteren ausnahmsweise über den Bruch der Tradition hinsichtlich der Kleidung hinweg. Unter großem Hallo und Gejubel wurden die Pakete und Päckchen verteilt.
Neugierig sah Minerva zu Marc hinüber, gespannt, was er wohl zu ihrem Geschenk sagen würde. Doch es schien, dass er ähnliche Gedanken hatte, denn er blickte sie unverwandt an, als warte er darauf, dass sie sein Geschenk auspackte. Schließlich lachte sie und hob die Finger. Mit einem Grinsen zählte sie damit stumm von Drei rückwärts und dann rissen sie beide gleichzeitig das Papier von ihrem jeweiligen Geschenk.
Minerva brach in schallendes Gelächter aus, als sie ihr Geschenk erblickte. Sie hatte am Vortag vorsichtig gefragt, ob er irgendwelche Probleme mit dem Julklapp hätte, schließlich wäre Frederick ja derzeit anderweitig beschäftigt und würde ihm somit kaum mit ein paar Hilfszaubern zur Verfügung stehen. Aber Marc hatte ihr versichert, dass er sich schon lange im Vorfeld für ein Geschenk entschieden hatte, bei dem es unwichtig sei, wen er beim Julklapp ziehen würde. Und in der Tat war sein Geschenk wohlüberlegt und überaus passend.
Marc grinste sie an. „Ich kenne niemanden, der zu Shortbread ‚Nein‘ sagen kann, von daher erschien mir die Geschenkpackung von Walkers Shortbread das Richtige, egal wen ich ziehe.“
Dem konnte Minerva nur zustimmen. Sie liebte Shortbread und auch wenn sie die Muggelmarke, die Marc gekauft hatte, nicht kannte, liebte sie es doch schon jetzt, allein aus dem Grund, dass die Verpackung ein hübsches Tartanmuster aufwies.
Aber auch Marc schien ihr Geschenk für ihn zu gefallen. Es waren Meccano-Teile, allerdings keine, wie er sie in den üblichen Spielwarenläden würde finden können. Nein, es waren Teile, die eindeutig Dinge der magischen Welt abbildeten, die er aber bislang nicht aus Meccano-Teilen hatte bauen können. Er hatte ihr während des Schneesturms erzählt, dass er diese mechanischen Bauteile gerne benutzte, um seinen Kunden aus der magischen Welt Dinge bezüglich der Muggelfirmen, in die sie investieren wollten, verständlich zu machen. Allerdings stieß er immer wieder an seine Grenzen, etwa wenn er für die Erklärung eigentlich einen kleinen Zaubertrankkessel gebraucht hätte, um ihn in die Apparatur einzubinden. Zuerst hatte Minerva sich unter Meccano nichts vorstellen können, doch er hatte ihr am Vortag eines der Sets gezeigt, die er immer im Auto mit sich führte, falls er bei einem Kundenbesuch etwas demonstrieren wollte. Und so war sie in der Lage gewesen, mit etwas Kreativität ihm nicht bloß einen passenden Kessel sondern auch ein paar mechanische Hauselfen (inklusive Zahnräderbauch) und ähnliche Dinge mehr zu zaubern.
Er grinste sie an. „Perfekt!“, sagte er und bedankte sich, musste dann aber lachen, als er sah, dass Minerva schon die Packung Shortbread aufgemacht hatte und ihm nun auch eines anbot. Und beide schafften es sogar, die anzüglichen Bemerkungen ihrer jeweiligen Verwandten zu ignorieren, die mehr oder weniger laut fragten, ob man nicht bald für eine weitere Verlobung zusammenkäme, so gut, wie sich die beiden Schenkenden und Beschenkten offenbar schon kannten. Niemand im Salon bemerkte derweil, wie erste Ranken eines Brombeerbusches auf die Terrasse wucherten.
Irgendwann waren alle Geschenke ausgepackt, das Geschenkpapier weggezaubert und die ganze Gesellschaft mit Frühstück versorgt. Und abgesehen von den Kindern, die es kaum abwarten konnten, ihre neuen Spielsachen auf deren tatsächliche Spieltauglichkeit zu untersuchen, gestaltete sich der an das Frühstück anschließende Vormittag ähnlich wie am Vortag. Minerva tauschte Neuigkeiten mit Familienmitgliedern aus und lernte neben Marc auch dessen Verwandtschaft etwas näher kennen. Insgesamt kam sie zu dem Schluss, dass die Gordons in vielerlei Hinsicht wie die McGonagalls waren: Überwiegend nett, aber eben auch mit menschlichen Macken, die das Zusammenleben in manchen Dingen erschweren konnten.
„Wie sieht es aus“, wandte sich Marc am späten Vormittag an sie, „wollen wir versuchen, ob wir heute vor dem Festessen einen Spaziergang im Park unternehmen können?“
Minervas Augen leuchteten und sie stimmte sofort zu. Allein bei dem Gedanken an das mehrstündige Weihnachtsessen wusste sie, dass sie danach zu träge wäre, sich noch zu bewegen, aber gleichzeitig ihr Körper nach etwas Bewegung lechzen würde. Es war eben doch ein Unterschied, ob man mehrmals am Tag auf allerlei Wegen durch ein großes Schloss vom Gryffindorturm zur Großen Halle und von dort zu ihrem Klassenzimmer, dann wieder zurück zu Halle und dann erneut zu ihrem Klassenzimmer, erschwert durch die sich ständig ändernden Wege aufgrund der beweglichen Treppen, unterwegs war, oder eben nur in dem Familiensitz, wo man sich überwiegend im Erdgeschoss aufhielt.
Frederick und Patricia schlossen sich ihnen an und kurz darauf traf die Gruppe sich in der Eingangshalle, angetan mit Winterumhängen, Schals und Mützen. Doch als sie die Eingangstür aufstießen, blieben sie abrupt stehen. Eine große, dichte Dornenhecke versperrte ihnen den Weg nach draußen. „Wo kommt die denn her?“, fragte Patty ungläubig.
Minerva und Marc tauschten vielsagende Blicke. Hier stimmte doch eindeutig etwas nicht. Erst waren gestern alle Türen nach draußen verhext, nun kamen sie nicht hinaus, weil eine Hecke die Burg umwucherte. Denn wie ein Blick aus anderen Fenstern des Erdgeschosses bewies, reichten die dichten Brombeerranken um die gesamte Burg herum.
„Ich hätte heute früh vielleicht doch besser die Besen aus dem Gartenhaus holen sollen, statt einfach nur auf der Terrasse herumzustehen“, schalt Minerva sich selbst. Noch dazu, wo die Dornenhecke jegliche Schwebezauberversuche verbot, das Verletzungsrisiko war schlicht zu groß.
„Du konntest doch kaum ahnen, dass wir heute Dornröschen spielen würden“, gab Marc zurück.
„Vielleicht nicht, aber hätte ich daran gedacht, wären wir jetzt in der Lage, aus einem der oberen Fenster in den Park zu fliegen.“
„Dann lass uns das doch einfach für morgen planen“, schlug Marc vor. „So denn dann die Hecke verschwunden ist…“
„Oh, irgendwie habe ich das Gefühl, dass sie das sein wird“, sagte Minerva mit wahrhaft hellseherischer Gewissheit – und das, wo sie doch nicht das Geringste für das Fach Wahrsagen übrig hatte.
Tatsächlich entschuldigte sich Angus McGonagall beim Mittagessen aufrichtig für die Hecke. „Anscheinend ist mein Experiment ein wenig außer Kontrolle geraten. Aber keine Sorge, ich kann heute Nachmittag in weniger als einer Stunde einen Verblühtrank brauen, womit ich die ursprüngliche Pflanze besprühen werde. Dann wird die Hecke bis morgen früh verschwunden sein.“
„Sollen wir dir beim Besprühen helfen?“, fragte Minerva. „Vielleicht, wenn wir verschiedene Stellen besprühen, verwelkt die Hecke schneller und wir können vielleicht noch einen Abendspaziergang machen.“
Ihr Großonkel schüttelte den Kopf. „Es ist eine magische Brombeerart. Da wirkt der Trank nur an den ursprünglichen Wurzeln.“
Minerva wusste in diesem Moment, dass es ein sehr langer Tag und noch längerer Abend werden würde. Es war schon merkwürdig. Als Lehrerin verbrachte sie in Hogwarts auch den Großteil des Tages in den Mauern des Schlosses und es hatte sie nie größer gestört. Doch das lag vermutlich daran, dass sie trotz allem immer die Wahl gehabt hatte. Sie hatte jederzeit, etwa vor dem Essen, für fünf Minuten vor die Schlosstüren treten und etwas frische Luft schnappen können. Nun, da ihr aber diese Entscheidungsfreiheit genommen worden war, sehnte sie sich nach nichts so sehr wie einem Spaziergang durch den Park.

„Wo willst du hin?“, fragte Marc sie, als er Minerva am nächsten Morgen direkt nach dem Frühstück mit ihrem Winterumhang sah.
„Ich will wissen, was hier vor sich geht“, erklärte Minerva leise, aber entschieden, und bedeutete Marc, ihr in eine kleine Nische unter dem Haupttreppenaufgang zu folgen. „Erst der Schneesturm, dann die verhexten Türen und gestern die Dornenhecke… Das sind zu viele Vorfälle, um wirklich mit Zufall erklärt zu werden. Und gerade die Hecke gestern war mehr als verdächtig. In all den Jahren, in denen ich nun schon Onkel Angus kenne, ist ihm noch nie ein Experiment außer Kontrolle geraten. Und schon gar nicht in solchen Ausmaßen.“
„Es gibt für alles ein erstes Mal“, meinte Marc ein wenig zweifelnd.
Minerva schüttelte energisch den Kopf. „Nein, du verstehst nicht, Onkel Angus ist Zaubertrank- und Pflanzenkundemeister. Nur deshalb darf er überhaupt derlei Experimente durchführen. Das heißt aber auch, dass er seine Pflanzenexperimente immer in einem magischen Eindämmungsfeld durchführt. Damit eben keines seiner Experimente ausbrechen kann.“ Und sie erzählte Marc, was für Pflanzen sie im Laufe der Zeit bei ihrem Großonkel gesehen hatte. Tanzende Stiefmütterchen etwa, oder fliegende Venusfliegenfallen. Aber er hatte auch mit Teufelsschlingen und anderen gefährlichen Pflanzen gearbeitet. Da war einfach Sorgfalt geboten. Dem musste Marc nun auch zustimmen.
„Und wie willst du herausfinden, was hier vorgeht?“, fragte er neugierig.
„Indem ich mich heute Vormittag draußen aufhalte. Denn wenn meine Vermutung richtig ist, dann wird heute im Laufe des Morgens irgendetwas passieren, dass dafür sorgt, dass die Gesellschaft in der Burg festsitzt. Wenn ich aber dann schon draußen bin… Irgendeinen Grund muss es schließlich haben, dass wer auch immer nicht will, dass wir uns nach diesem Zeitpunkt im Freien aufhalten.“
„Wird das aber nicht reichlich kalt mit der Zeit werden? Und was ist mit der Verlobungsfeier heute Abend?“
„Letzteres ist ja gerade das Schöne an meinem Plan“, entgegnete Minerva schelmisch. „Alle werden sie mit den Vorbereitungen für die Feier beschäftigt sein, so dass sie mein Verschwinden nicht bemerken werden. Und bezüglich der Kälte… wozu bin ich eine Hexe? Ein ordentlicher Wärmezauber sollte ausreichen, sofern nicht wieder ein Schneesturm aufzieht.“
„Wartest du hier einen Moment auf mich? Dann hole ich meinen Mantel. Denn wenn du nicht vermisst wirst, dann ich auch nicht. Und mich mit einem Wärmezauber zu belegen, sollte auch nicht das Problem sein.“ Es war offensichtlich, dass auch Marcs Abenteuergeist wieder geweckt war und er sich Minerva anschließen würde, egal, was diese sagte.
Keine zehn Minuten später stahlen sich die beiden unbemerkt aus dem Haus.
„Und jetzt?“, fragte Marc, als sie außer Sichtweite der Burg waren, sah man einmal von dem Wehrgang des Turms ab.
Minerva ergriff seine Hand und zog ihn mit sich fort. „Dort drüben, hinter den Mauern des Küchengartens ist ein zweiter, ein geheimer Garten. Dort sind wir etwas vor dem Wind geschützt.“
„Na dann!“, sagte Marc und drückte Minervas Hand durch die Handschuhe ein wenig fester, um sie spüren zu lassen, wie gerne er Zeit mit ihr verbrachte. Falls Minerva deswegen errötete, so mochte das aber auch dem Wind geschuldet sein.
Rasch hatten sie den geheimen Garten erreicht, der zu dieser Zeit des Jahres ziemlich trostlos aussah. Kahle Büsche und Sträucher, ein knorriger Baum, an dessen Ästen noch die letzten Blätter des Herbstes hingen. Dennoch waren beide froh, aus dem Wind heraus zu sein, der über die Highlands blies – trotz der Wärmezauber.
„Was meinst du, wie lange werden wir wohl warten müssen?“, wollte Marc wissen.
Minerva zuckte mit den Schultern. „So genau weiß ich es nicht. Schließlich wissen wir nur, dass wir jedes Mal etwa eine Stunde vor dem Mittagessen plötzlich das Haus nicht mehr verlassen konnten. Und das Mittagessen wird gewöhnlich um ein Uhr serviert.“
Marc warf einen Blick auf die Uhr. „Und da sind wir bereits um elf Uhr hier heraus gegangen?“
„Das schien mir das Sicherste“, erwiderte Minerva nur und zuckte mit den Schultern, als gäbe es dazu nicht mehr viel zu sagen.
„Nun, uns fällt bestimmt etwas ein, womit wir uns die Wartezeit vertreiben können“, sagte Marc und grinste Minerva an. „Schließlich haben wir ja darin schon ein wenig Übung.“
„Das stimmt. Noch dazu, wo die Umstände besser sind als das letzte Mal“, gab Minerva zu.
In diesem Moment tönten vom Haus her leise Klänge der verzauberten Instrumente, die am Abend zum Tanz aufspielen würden. Offenbar hatte entweder Tante Deirdre oder Patty darauf bestanden, dass zuvor überprüft wurde, ob der Zauber noch intakt war oder erneuert werden musste.
Marc sah Minerva an. „Darf ich bitten?“, fragte er sie mit einem Lächeln. Solche Musik sollte schließlich nicht ungenutzt bleiben.
Minerva lachte, nickte dann aber. Das fahle Gras war zwar nicht mit dem Parkett eines Ballsaals zu vergleichen, aber beide genossen den spontanen Tanz im Garten weit mehr als sie es am Abend unter den Augen all ihrer Verwandten getan hatten. Denn was auch immer es war, das sich da zwischen ihnen beiden entwickelte, noch waren sie nicht bereit, es mit anderen zu teilen.
Sanft wiegten sie sich im Takt, wenn er langsam war, fröhlich schritten sie zwischen imaginären Paaren bei anderen Tänzen hindurch und hatten allgemein eine großartige Zeit. Bis Minerva plötzlich aus den Augenwinkeln eine Bewegung bemerkte. Sie hatte in der Drehung einen Blick durch die Gittertür des geheimen Gartens in den offenen Park hinaus erblickt und war sich fast sicher, ihren Onkel Angus gesehen zu haben. Aber hatte dieser nicht gleich nach dem Frühstück verkündet, er habe ein paar wichtige Tränke in seinem Labor auf dem Feuer, um die er sich unverzüglich kümmern musste und die ihn bis über die Mittagszeit beschäftigen würden? Da sah es ihm gar nicht ähnlich, jetzt durch den Park zu stapfen.
Rasch bedeutete Minerva Marc ihr leise zu folgen. Wie es aussah, würden sie nun die Möglichkeit bekommen, herauszufinden, was hier vor sich ging.
Bis sie aber den Garten verlassen hatten, war Angus McGonagall fast außer Sichtweite, lediglich sein Kopf mit der warmen Mütze, war noch zu sehen, wie er in einer kleinen Senke verschwand. Doch das reichte aus, dass Minerva und Marc ihm problemlos folgen konnten. Rasch hasteten sie hinter ihm her, unterließen es aber, ihn beim Namen zu rufen. Es war nie eine gute Idee, einen Zauberer, den man verfolgte, in dessen Rücken anzurufen. Gerade so paranoide Zauberer wie jene vom Clan der McGonagalls zogen erst den Zauberstab und verhexten einen und stellten dann erst Fragen.
Doch auch als sie den Rand der Senke, in der Angus sich befand, erreicht hatten, sagten Minerva und Marc kein Wort. Ihnen war bei dem Anblick, der sich ihnen dort unten bot, schlicht die Sprache weggeblieben. „Sind das Eisbären?“, fragte Marc schließlich im Flüsterton. Denn tatsächlich spielten unten in der Senke zwei kleine Bärenjunge, deren helles Fell sie wie Eisbären aussehen ließ. Minerva aber konnte sich nicht vorstellen, dass ihr Großonkel wegen zwei Eisbären ein solches Theater anstellen würde. Da musste mehr dahinter stecken. Also sah sie genauer hin und entdeckte, dass sich in dem scheinbar weißen Fell bereits deutliche Spuren von silbernem Pelz zeigten. Sie schnappte überrascht nach Luft. „Nein“, sagte sie dann zu Marc gewandt. „Das sind keine Eisbären. Das sind Mondbären.“ Instinktiv blickte sie zugleich in den Himmel, und tatsächlich sah sie noch nahe dem Horizont die blasse Scheibe des zunehmenden Mondes am hellen Winterhimmel emporsteigen. „Allerdings ist es strafbar Mondbären außerhalb eingetragener Reservate zu halten…“
Nachdenklich musterten beide Angus McGonagall, der sie zum Glück noch nicht bemerkt hatte. Doch das war nur eine Frage der Zeit und da sie nicht wusste, wie die Reaktion des Onkels ausfallen würde, wenn er ihrer gewahr wurde, zog Minerva vorsichtig den Zauberstab.
„Und wo ist das nächste Reservat?“, fragte Marc leise.
„Das ist ja das Problem: Es gibt hier auf den britischen Inseln kein Reservat.“ In diesem Moment löste sich unter Minervas Fuß ein kleiner Stein und rollte klappernd den Hang hinunter. Dies weckte natürlich Angus McGonagalls Aufmerksamkeit.
„Was macht ihr denn hier?“, knurrte er sie auch prompt an und die beiden Mondbären taten es ihm mit dem Knurren gleich.
„Das könnten wir genauso gut dich fragen!“, entgegnete Minerva. „Schließlich ist es illegal Mondbären hierzulande zu halten.“
„Pah, halten. Von wegen! Retten tue ich die beiden.“
Minerva sah ihren Verwandten nur mit hochgezogenen Augenbrauen und strengem Blick an. Sie war schließlich Lehrerin und es gewöhnt, sich in einem Raum voller aufmüpfiger Teenager Respekt zu verschaffen. Da ließ sie sich nicht von einem exzentrischen Großonkel ins Bockshorn jagen.
„Ich warte nur darauf, dass sie groß genug und stark genug sind um auf den Strahlen des übernächsten Vollmonds nach Kanada in das dortige Reservat zu reiten“, erklärte ihr Onkel, als sei das Erklärung genug.
„Aber wie kommen sie hierher?“, wollte Minerva wissen, während Marc einwarf: „Und deswegen sperren Sie jeden Tag die ganze Gesellschaft in der Burg ein?“
Minerva wandte sich an ihren Begleiter. „Mondbären brauchen Mondstrahlen, um groß und stark zu werden. Und momentan ist leider der Mond überwiegend tagsüber am Himmel. Wären nur McGonagalls anwesend, hätte Onkel Angus uns vermutlich eingeweiht, bei den Gordons aber war er sich offenbar nicht so sicher, dass sie ihn verstehen und das Geheimnis für sich bewahren würden.“
Ihr Großonkel nickte. „Weshalb ich also jetzt nur hoffen kann, dass Sie, junger Mann, das Geheimnis bewahren… Andernfalls müsste ich Sie mit einem Vergessenszauber belegen, aber die Dinger sind höchst unpräzise und ich glaube kaum, dass Minerva so begeistert wäre, wenn Sie sich dann auch nicht mehr an sie erinnerten.“
Marc schluckte und nickte dann nur. „Natürlich… Aber wieso nutzen Sie nicht einfach einen Portschlüssel?“, fragte er, schließlich wären solche magischen Transportmittel doch eine offensichtliche Lösung für das Problem.
Angus schüttelte den Kopf. „Die Mondmagie verträgt sich nicht mit unserer Magie. Daher funktionieren Portschlüssel für die Mondbären nicht.“
„Wie sind sie dann aber überhaupt erst hierhergekommen?“, wollte Minerva nun wissen und sah ihren Onkel forschend an.
„Sie stammen aus der Sowjetunion. Stalin geht dort seit ein paar Jahren immer stärker gegen alles Magische vor… Im Grunde seit dem Sieg gegen Grindelwald und Hitler. Vor etwa einem Monat haben er und seine Schergen das Reservat auf der Yuzhny Insel ausfindig gemacht. Die Mutter der beiden wurde getötet, doch einer Gruppe Zauberer gelang es, die Jungen zu retten und außer Landes zu schmuggeln. Und so sind sie auf ihrem Weg nach Kanada hier gelandet“, erklärte er.
„Aber wieso fliegen Sie die Bären nicht vorher einfach mit einem Muggelflugzeug nach Kanada?“, fragte Marc nun, der sich immer noch mit dem Transportproblem beschäftigte.
„Muggelflugzeug?“ Irritiert sah Angus Marc an. „Meinen Sie diese klapprigen Dinger mit den Flügeln auf zwei Etagen?“
Marc musste ob dieser Beschreibung der alten Doppeldecker aus Zeiten des ersten Weltkriegs grinsen. „Nein, nicht solche Flugzeuge. Solche finden Sie heute bestenfalls im Museum. Die Flugzeugindustrie hat in den vergangenen Jahrzehnten enorme Fortschritte gemacht. Und ich dachte mehr an ein großes Frachtflugzeug, wo die beiden Bären bequem im Bauch des Flugzeugs über den Atlantik gebracht werden könnten, ohne noch ein oder zwei Mondzyklen abwarten zu müssen.“
„Aber, braucht man dafür nicht jede Menge Papiere und ähnliches?“, wollte Minerva wissen, die ihren muggelgeborenen Schülern aufmerksam zugehört hatte, als diese von ihren Reisen in den vergangenen Sommerferien erzählt hatten.
„Nun ja“, gab Marc zu, „die müssten wir halt magisch fälschen. Aber ich habe Kontakte zu ein paar Leuten beim Militär… ich könnte dort ja mal nachforschen, ob wir nicht einen Flug arrangieren könnten.“
Angus sah zweifelnd erst Marc und Minerva und dann die beiden Bären an, die inzwischen die Menschen wieder ignorierten und miteinander spielend wild umher tollten. Besser wäre es ja für die Bären, wenn sie schnellstmöglich in ein richtiges Reservat kämen. Aber sich dabei auf Muggeltechnologie zu verlassen? Schließlich brummte er: „Vielleicht kann ich mir ja im neuen Jahr mal diese Frachtflugzeuge, von denen Sie gesprochen haben, ansehen.“
Minerva grinste. Sie kannte ihren Großonkel und wusste, dass das fast schon einer Zusage gleichkam.
„Aber jetzt macht, dass ihr hier wieder verschwindet. Sonst wird man euch noch im Haus vermissen“, sagte er dann noch.
Minerva sah ihn nur forschend an. „Und wie sollen wir hineinkommen? Denn so wie ich die Situation einschätze, sind die Türen wieder alle verriegelt oder der Zugang sonst wie behindert.“
Angus grinste. „Da magst du wohl recht haben, Mädchen… Aber der Zugang zu meinem Labor ist noch offen. Oder glaubst du, ich will bis heute Nacht in der Kälte hier draußen ausharren? Passt aber auf, dass ihr im Labor nichts durcheinander bringt“, fügte er noch hinzu.
„Ich weiß, ich weiß. Andernfalls wirst du uns als Versuchsobjekte für deine nächsten Experimente missbrauchen“, erwiderte Minerva keck. Dann wandten sie und Marc sich wieder der Burg zu. Nun, da sie wussten, was vor sich ging, hatte keiner von ihnen ein gesteigertes Bedürfnis, noch länger draußen in der Kälte zu bleiben, Wärmezauber hin oder her.
Das Zaubertranklabor war chaotisch und aufgeräumt zugleich. Kannte man sich darin aus, war es kein Problem, in dem Raum zu navigieren, ohne Kessel und Kolben umzustoßen, kannte man sich aber nicht aus, erschien es einem wie ein undurchdringbares Durcheinander an Utensilien und Zutaten.
„Pass auf“, warnte Minerva und zog Marc zu sich, als dieser beinahe an einen Tisch mit einer Destillierapparatur gestoßen wäre.
„Danke“, murmelte Marc und blickte sich dann neugierig um. Plötzlich weiteten sich seine Augen und ein breites Lächeln legte sich auf seine Lippen. „Bleib bitte für einen Moment stehen“, sagte er und trat näher an Minerva heran.
Minerva kam seiner Aufforderung nach, sah ihn aber fragend an.
Marc trat noch ein wenig näher an sie heran, dann murmelte er „Mistelzweig“, ehe er sich ein klein wenig hinab beugte und Minerva sanft küsste.

Der Ballsaal war festlich beleuchtet und wunderschön dekoriert. Sowohl Tante Agnes als auch die Hauselfen hatten wirklich ein kleines Wunder bewirkt. Als Minerva in Marcs Armen aber an einem der großen Fenster vorbeiglitt, musste sie schon grinsen, als sie die kunstvollen Eisblumen und die große Schleifenverzierung sah, die allen gebot bei Androhung schlimmster Strafen unter gar keinen Umständen die Fenster zu öffnen. Oh ja, auch an diesem Tag saß die Hausgesellschaft einmal mehr im Haus fest. Zumindest solange, wie der Mond am Himmel stand.
Später hätte Minerva nicht sagen können, wie oft sie mit Marc getanzt hatte, aber sie war sich sicher, mehr als einen der anwesenden Verwandten flüstern gehört zu haben: „Wer ist hier eigentlich das künftige Brautpaar, Patty und Frederick oder diese beiden?“
Nun, sie wusste nicht, was die Zukunft brachte, war aber gewillt, es herauszufinden.

ENDE
Zuletzt geändert von chaotizitaet am 27. Dez 2015, 13:06, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Erstens kommt es anders...

Beitragvon abranka » 26. Dez 2015, 22:14

Danke für diese tolle Geschichte! :knuff:
Ich gebe zu, das war einer der Lieblingswünsche auf der Liste. ;)

Die McGongalls sind eindeutig ein Völkchen für sich und wunderbar unterhaltsam. Die schlagen eindeutig noch den Weasley-Clan. ;)
Die Mondbären waren überraschend, aber sind eine prima Idee. Ich mag diesen kleinen Bogen im Hintergrund, dass Stalin gegen Magisches vorgeht... Das verknüpft so schön Realität und Fiktion.
Grinsen musste ich am Ende bei dem Mistelzweig - wie du schon sagtest, haben wir uns den beiden ausgesucht - und bei deinem Schlusssatz.
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